Pilates und Feldenkrais: Bewegte Biografien

Pilates und Feldenkrais sind weltberühmt. Die Männer hinter den Methoden sind es nicht. Ein Blick in ihre Biografien.

Joseph Pilates (links), Foto: KPilates - Own work, Licensed under CC BY-SA 4.0. Moshe Feldenkrais (rechts),  Foto: International Feldenkrais Federation. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Joseph Pilates (links), Foto: KPilates - Own work, Licensed under CC BY-SA 4.0. Moshe Feldenkrais (rechts), Foto: International Feldenkrais Federation. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Joseph Pilates und Moshé Feldenkrais sind Männer mit Methode. Beide haben Bewegungsabläufe und Übungen entwickelt, mit denen der Körper trainiert und die Seele gestreichelt werden. Bewegungen bestimmen nicht nur die von Pilates und Feldenkrais - auch ihre Lebensgeschichten sind bewegt. Ein Blick hinein:

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Joseph Pilates (1883-1967) und Moshé Feldenkrais (1904-1984) sind auf ähnlichen Wegen durchs Leben gegangen - wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen. Beide sind  Auswanderer: Pilates zieht es aus Mönchengladbach nach Amerika, wo er sich größere Freiheiten verspricht. Feldenkrais flieht aus Osteuropa vor dem Judenhass nach Palästina - um überhaupt in den Genuss von so etwas wie Freiheit zu gelangen. Beide sind erfolgreiche Kampfsportler: Pilates früh ausgeprägter Körperkult findet im Boxen eine biografische Zwischenstation, Feldenkrais ist begeisterter Judoka. Er engagiert sich auch in der zioniostischen Bewegung "Die Verteidigung" (Haganah). Beide haben Erfahrungen im Handwerk: 

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Pilates ist gelernter Bierbrauer, Feldenkrais hat auf dem Bau geschafft und Tel Aviv mit aufgebaut. Und beide haben eine Schwäche für schöne Frauen. Feldenkrais ist ein Mädchenschwarm, Pilates eher ein Schwerenöter, der seine Familie vernachlässigt und selbst im hohen Alter gerne mal seine Hände bei Schülerinnen dort hinlegt, wo sie - Übung hin, Übung her - nichts zu suchen haben. Und beide Männer suchen lebenslang danach, im Einklang mit sich und dem Leben zu leben. Während Feldenkrais zu innerer Ruhe und Gelassenheit findet, ist Pilates von einer inneren Unruhe getrieben, der an den eigenen, hohen Ansprüchen scheitert. Man könnte eine good guy, bad guy Geschichte über die beiden Männer schreiben, die mit ihren Bewegungslehren einflussreiche Bewegungen gegründet haben.


Das wäre allerdings zu undifferenziert. Deshalb ist es schön, dass mit sich mit Eva Rincke (Pilates) und Christian Buckard (Feldenkrais) zwei unabhängige Autoren den Männern mit Methode zugewandt haben. Keiner der beiden Biografen verheimlicht seine Verehrung für den jeweiligen Protagonisten. Bei Pilates scheint das schwerer zu fallen: Seinem beeindruckenden Lebenswerk, das er nahezu aus dem biografischen Nichts errichtet, ist überschattet von charakterlichen Schwächen, die Joseph Pilates nicht ins beste Licht setzen. Trotz mancher unsympathischer Eigenschaft vermittelt Eva Rincke ihre Begeisterung für Pilates - auch, indem sie lebhaft über ihre von persönlicher Neugier und Bewunderung getragene Recherche  schreibt. So moderiert sie dann auch verständnisvoll und relativierend (manchmal zu sehr) über Pilates schwierige Persönlichkeit hinweg. Rincke ist eine Erzählerin, Buckard eher ein Berichterstatter. Bei ihm nehmen die außerbiografischen Erklärungen und Einordnungen größeren Raum ein, ohne dass der Text dadurch langweiliger wäre. Er ist verschiedenartig, aber gleichwertig. Beide Biografien sind gut gelungen und zeigen die Männer hinter der Methode.

Fazit: Zwei bewegende Biografien über Leben mit und für die Bewegung.

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Ignaz Semmelweis: Der Saubermann

Immer schön Hände desinfinzieren: Der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis hat jungen Müttern den Tod im Kindbett erspart...

Eugen Doby (1834-1907), lizenziert unter Gemeinfrei und Bild: 123RF (verlinkt)
Eugen Doby (1834-1907), lizenziert unter Gemeinfrei und Bild: 123RF (verlinkt)

Das Kind kommt. Zack, Puls hoch. Da kann alles tausendmal durchdacht und besprochen sein, geplant und vorbereitet. Trotzdem Aufregung, Vorfreude, auch ein paar Sorgen, eine Extremsituation wie eine Geburt ist ja nicht ungefährlich. Angst vor dem Kindbettfieber ist nicht dabei. Das ist das Verdienst von Ignaz Semmelweis. Der ist knapp 200 Jahre älter als meine zweite Tochter Karla, die vor zwei Wochen gesund und munter zur Welt gekommen ist. Semmelweis verdanken wir, dass sich Ärzte und Hebammen im Kreißsaal die Hände waschen und desinsfizieren. Das Eulengezwitscher stellt eine Biografie dieses Hygienepioniers vor - aus freudigem Anlass: auch Karlas Mama hat das Kindbett gesund und munter wieder verlassen...

Anna Durnová

In den Händen der Ärzte

Ignaz Semmelweis - Pionier der Hygiene

Erschienen im Residenz Verlag im März 2015. 248 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 22,90 €.


Biografie Ignaz Semmelweis

Ignaz Semmelweis hat es nicht leicht. Die Bedenken, die er vorbringt, müssen in den Ohren seiner Ärztekollegen wie blanker Hohn klingen: Die Geburtshelfer sollen dafür verantwortlich sein, dass so viele junge Mütter das Kindbett nicht mehr verlassen? Das tückische Fieber soll auftreten, weil sich die Mediziner nicht die Hände waschen? Grober Unfug! Man tut doch alles, um die unwürdigen Umstände zu beenden, unter denen vor allem unverheiratete Frauen noch im 19. Jahrhundert buchstäblich in der Gosse gebären müssen. Man hat Kliniken gegründet, um die medizinischen Standards zu heben - und man feiert sich dafür. Und da kommt dieser ungarische Quacksalber Semmelweis daher und macht all das madig?

Semmelweis hat allen Grund. Er hat erst zufällig und dann immer wieder beobachtet, wie schnell sich die bislang nicht als Krankheitserreger bekannten Bakterien ausbreiten und eben jene Fieberschübe auslösen, die beinahe jede dritte (!) junge Mutter dahinraffen. Semmelweis schlägt vor, die Hände vor jeder Untersuchung mit Chlorkalck zu desinfizieren. Zeitverschwendung, ätzen die vielen Kollegen, die ihn nicht ernst nehmen (wollen). Semmelweis wird grantig, sieht sich mehr und mehr isoliert, verbittert und stirbt schließlich 1865 im Irrenhaus. Seine Zeitgenossen hat er nicht überzeugen können, die Medizingeschichte dagegen (Gott sei Dank) schon.

Buchbesprechung 

Die Autorin Anna Durnová schickt ihrer Biografie über Ignaz Semmelweis selbst den Bewertungsmaßstab voraus, die die Leser anlegen soll. Das macht stutzig, weil es ein wenig selbstimmunisierend wirkt und Kritik deutlich erschwert. Dabei ist ihre Zielsetzung durchaus nachvollziehbar und sinnvoll: Sie möchte auf die nach wie vor immense Bedeutung von Hygienefragen im Gesundswesen hinweisen und dabei die komplexen Wechselwirkungen von Forschung, Praxis und Politik erhellen. Das ist ehrbar, denn Anna Durnová ist von Hause aus Politikwissenschaftlerin und hat sich mit beachtlichem Erfolg ins medizinische Fachwissen eingearbeitet. Aber der Text ist eben auch näher an der Wissenschaft als am breiteren Publikum, für das sie nach eigenem Bekunden schreiben will. Sie erreicht Fachkundige und von vorne herein am Sujet interessierte Leser mit ihrem zurückhaltenden Schreibstil und einer nüchternen und abwägenden Darstellung. Das weckt und schärft das Bewusststein für die vielen (teils widersprechenden) Perspektiven und Argumente, die in der medizinischen Hygienediskussion eingenommen werden können - insofern: Ziel erreicht. Allerdings hat Anna Durnová darüber das biografische Potential, das in der tragischen Lebensgeschichte von Ignaz Semmelweis durchaus steckt, nicht ganz ausgeschöpft. Sie hätte ihre eigenen Ziele auch mit einer lebendigeren und packenderen Sprache erreichen können. Sie hätte näher an den Menschen Semmelweis heranfahren können, ohne ihrem "Fall Semmelweis" weniger gerecht  werden zu müssen.

Übrigens: Dieser Text ist über intensiven Diskussionen mit Karlas Oma, einer promovierten Medizinerin, entstanden...

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Konrad Lorenz: Der Vater der Graugänse

Konrad Lorenz (1908-1989) war ein österreichischer Zoologe

Gerbil. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Gerbil. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Er war der Vater der Graugänse: Konrad Lorenz.  Als "Einstein der Tierseele" (DER SPIEGEL) revolutioniert er die Verhaltensforschung im Grau(gans)bereich zwischen Natur und Wissenschaft mit seiner Zoologie zum Anfassen: Wenn Konrad Lorenz fröhlich schnatternd den Gänsemarsch zum See anführt und mit seinen Küken planscht, ist die Begeisterung groß. Aber Lorenz kann auch anders: Als strammer Darwinist redet er guten Gewissens den Nationalsozialisten das Wort. Diesen Makel wird selbst der spätere Nobelpreisträger nicht mehr los.

Die Wissenschaft ist Konrad Lorenz in die Wiege gelegt. Sein Vater Adolf ist ein weltberühmter Orthopäde. Für seine neuartige (weil unblutige) Behandlung von angeborenen Hüftgelenksverrenkungen bekommt er beinahe selbst den Nobelpreis. Adolf Lorenz ist es auch, der seinem jüngsten Sohn von Anfang an klarmacht, dass nur der Stärkere überlebt. Als Konrads Mutter kurz vor der Geburt eine Embolie erleidet, befürchtet man das Schlimmste. Nur der Vater bleibt kühl: "Das Neugeborene muss imstande sein, das extrauterine Leben zu ertragen, oder es stirbt besser." Das dumpfe Gefühl, kein vollwertiges Kind zu sein, bleibt Konrad lange erhalten - obwohl er kerngesund ist. Auf dem Landsitz seines Vaters entdeckt er früh sein Interesse daran, Vögel, Fische und Insekten zu beobachten. Nach dem Abitur studiert er zuerst Medizin (für den Vater), dann wendet er sich der Vogelkunde zu (für sich). Seine akademischen Lehrer erkennen und fördern die immense Begabung von Konrad Lorenz - unter anderem mit einem Stipendium.

Mittlerweile hat Hitler die Herrschaft an sich gerissen. Den neuen Machthabern bleibt nicht verborgen, dass Lorenz bereits vor dem Anschluss Österreichs die Werbetrommel gerührt hat: "Schon lange vor dem Umbruch war es mir gelungen, sozialistischen Studenten die biologische Unmöglichkeit des Marxismus zu beweisen und sie zum Nationalsozialismus zu bekehren." Lorenz wird zu einem Paradeprofessor des Regimes  (in Königsberg). Wie sein Vater glaubt er an die natürliche Überlegenheit des Stärkeren. Zwar studiert er nach wie vor das Tierreich, aber auch mit der menschenverachtenden Rassenideologie hat er kein Problem:


"Das immer von neuem mögliche Auftreten von Menschen mit Ausfällen im arteigenen sozialen Verhalten bildet eine Schädigung für Volk und Rasse, die schwerer ist als die einer Durchmischung mit Fremdrassigen," schreibt Lorenz 1940, "denn diese ist wenigstens als solche erkennbar und nach einmaliger züchterischer Ausschaltung nicht weiter zu fürchten." Nach Kriegsende geraten sowohl Lorenz als auch seine Äußerungen zunächst in Vergessenheit. Aus ihr befreit sich der wort- und tatgewaltige Lorenz zuerst. 1949 gründet er im heimatlichen Altenberg sein "Institut für vergleichende Verhaltensforschung" und bringt sich mit einer Reihe von populärwissenschaftlichen Büchern wieder ins Gespräch.


Konrad Lorenz sucht die Öffentlichkeit und die öffentliche Anerkennung. Er erklärt nicht nur die Prägung, das Verhalten und das Empfinden von Graugänsen, sondern schreibt über die Beziehungen zwischen Menschen und Hunden, über das sogenannte Böse und über die Todsünden der zivilisierten Menschheit. In Radio- und Fernsehbeiträgen avanciert er zu Österreichs oberstem Naturlehrer, der auch gerne mal Anekdoten aus seinem  Leben erzählt: 

Foto: Max-Planck-Gesellschaft, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated
Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen

Der Medizin-Nobelpreis 1973 (gemeinsam mit Nikolaas Tinbergen) kommt nicht unerwartet, ist aber höchst willkommen. Aber genau in diesem Moment, der den Höhepunkt seiner Karriere markieren soll, erinnert man sich auch wieder der im NS-Jargon verfassten Schriften. Konrad Lorenz ist genervt, schiebt seine Formulierungen auf den Geist der Zeit und will ansonsten mit diesem Teil der eigenen Vergangenheit nichts mehr zu tun haben. Das sehen die Medien natürlich anders. Der niederländische Journalist Jules Huf provoziert Lorenz gezielt. "Es gibt doch kein minderwertiges Menschenmaterial." Darauf Lorenz: "Doch!" Huf setzt nach: "Ein Mensch ist doch niemals minderwertig." Der frischgekürte Nobelpreisträger: "Das würde ich leugnen." Zwar bezieht er sich mittlerweile auf ethische und soziale Minderwertigkeit, aber es bleibt dabei, dass Lorenz an bestimmte Überzeugungen nicht rührt. Allenfalls überdenkt er gewisse Formulierungen. Das muss die wissenschaftliche Gesamtleistung nicht schmälern, aber es bleibt ein Teil der Erinnerung an den Naturforscher, der heute vor 25 Jahren gestorben ist.

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Galileo Galilei: Der Sonne-, Mond- und Sternegucker

Galileo Galilei (1564-1648) war ein Universalgelehrter der Renaissance

"Und sie bewegt sich doch": Galileo Galilei lehrt in Padua. Gemälde: Félix Parra (1845 - 1919), Lizenz: Gemeinfrei
"Und sie bewegt sich doch": Galileo Galilei lehrt in Padua. Gemälde: Félix Parra (1845 - 1919), Lizenz: Gemeinfrei

Er war ein Fern-Seher: Galileo Galiei. Der praktisch veranlagte italienische Mathematiker (geb. 1564) erkennt schnell den Wert der gerade neu erfundenen Fernrohre. Weiter blicken können als das bloße Auge es vermag: das ist ein echter Kick für den  wichtigsten Naturwissenschaftler der Renaissance.

Galilei zeigt die Jupiter-Monde, Lizenz: public domain
Galilei zeigt die Jupiter-Monde, Lizenz: public domain

Nur die Leistung ist ihm noch zu schwach. Galilei macht sich daran, die bislang erreichte dreifache Vergrößerung zu verbessern. Mit guten Verbindungen ins glasverarbeitende Gewerbe, mit unerhörten Ansprüchen an Material und menschliche Handwerksfertigkeiten und mit unermüdlichem experimentellen Eifer vervielfacht er die Leistungen der Linsen. Das Resultat kann sich sehen lassen - und lässt sehen: Galileio Galilei richtet sein Fernrohr in die Dunkelheit des Weltalls und entdeckt vier neue Himmelskörper - die Jupitermonde. Zu Ehren der einflussreichen Medici-Dynastie aus Florenz (wo er gerade lebt und lehrt), nennt er sie die Mediceischen Gestirne. Das kommt an. Weltliche Unterstützung braucht der Vernunftmensch Galilei, der ganz auf seine Sinneswahrnehmung und seinen Verstand setzt, je weiter er sich aus dem Forscherfenster lehnt.

Lizenz: Gemeinfrei
Lizenz: Gemeinfrei

Seine Wissenschaftlerkarriere hat früh und unverfänglich angefangen. Schon als junger Mann wird er an verschiedenen Universitäten auf mathematische Lehrstühle berufen. Rasch zeichnet sich seine Forschung durch hohen Praxisbezug aus. Einer der es wissen muss, der Physikerphilosoph Carl Friedrich von Weizsäcker, adelt seine Leistungen: "Indem Galilei die Wissenschaft der Mechanik begründete, brachte er die Mathematik auf die Erde herab." Solange seine wissenschaftliche Neugier halbwegs bodenständig bleibt und sich beispielweise auf die Fallgesetze und Versuche auf der Schiefe Ebene richtet, lässt ihn auch die Katholische Kirche gewähren.

Titelei des Galileischen Dialogs, Lizenz: public domain
Titelei des Galileischen Dialogs, Lizenz: public domain

Als sich Galilei anschickt, das geschasste und verbotene kopernikanische heliozentrische Weltbild zu rehabilitieren, ist die Inquisition auf Habacht. Für die Ketzerjäger ist es inakzeptabel, dass nicht die Erde, sondern die Sonne den Mittelpunkt des Universums ausmachen soll. Alles hat sich um die Erde zu drehen, die im 16. und 17. Jahrhundert noch weitgehend in Kirchenhand ist. Dass der europaweit beachtete Universalgelehrte nun vorsichtig das Gegenteil behauptet (vor allem im "Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme") will der Stellvertreter Gottes auf Erden nicht hinnehmen. Das würde der Bibel widersprechen und sei deshalb falsch. Anfangs gibt sich Galilei geschickt naiv: "Weil zwei Wahrheiten sich niemals widersprechen können, so ist es die Aufgabe der weisen Ausleger der Heiligen Schrift, sich zu bemühen, den wahren Sinn der Aussprüche herauszufinden..."

Galileio vor der Inquisition, Lizenz: gemeinfrei
Galileio vor der Inquisition, Lizenz: gemeinfrei

Aber das lässt ihm die Kirche nicht durchgehen. Sie macht ernst:. Wenn Galilei nicht widerrufe, drohe ihm das Schicksal Giordano Brunos: Den hatte die Inquisition dreißig Jahre zuvor als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil er nicht eingeknickt war. Galileo, mittlerweile alt und krank, will kein Märthyrer sein. Insgeheim weiß er ja, dass sich Wahrheiten wie seine Wissenschaft nicht aufhalten lassen. Deshalb spielt er das Spiel der Kirche mit: "Daher schwöre ich mit aufrichtigem Sinn und ohne Heuchelei ab, verwünsche und verfluche jene Irrtümer und Ketzereien und darüber hinaus ganz allgemein jeden irgendwie gearteten Irrtum, Ketzerei und Sektiererei, die der Heiligen Kirche entgegen ist." Es ist ein Phyrrhussieg für die Inquistion und Kirche. 1992 wird Galilei rehabilitiert. Heute vor 450 Jahren ist der große Gelehrte geboren worden.

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Steven Hawking: Von schwarzen Löchern und Lebensmut

Stephen Hawking erzählt seine kurze Geschichte

Foto: NASA. Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto: NASA. Lizenziert unter Gemeinfrei

"Meine kurze Geschichte" handelt vom Lebensgang eines außerordentlich begabten theoretischen Physikers aus England: Studium in Oxford, Promotion in Cambrigde, Postdoc, Professor. Dazu plaudert der zurückblickende Autor aus dem Nähkästchen, erzählt Episoden seiner Kindheit und Jugend, Anekdoten von Fachtagungen, von netten und weniger netten Kollegen, von akademischer Neugier und Forscherdrang, vom Warten auf den Nobelpreis. Das alles wäre für ein breites Publikum eher unspektakulär, wenn es nicht der weltberühmte Stephen Hawking wäre, der diese Memoiren im Rowohlt-Verlag vorgelegt hat.

Steven Hawking

Meine kurze Geschichte

Autobiografie

Erschienen bei Rowohlt im September 2013. 160 Seitenkosten in der gebundenen Ausgabe 19,99 € und als E-Book 16,99 €.


Warum Hawking der bekannteste Physiker unserer Tage ist, darüber geben seine Memoiren mehrdeutig Auskunft. Da sind einerseits seine fachlichen Arbeiten über die Strahlung von Schwarzen Löchern und Raumzeit-Krümmungen, die Hawking ausführlich (und mitunter für Laien zu kompliziert) zum Gegenstand seiner Autobiographie macht (u. a. in den Kapiteln 7 und 11-13). Es liegt auch daran, dass Hawking das Universum aus dem akademischen Elfenbeinturm befreit hat, um es dann populärwissenschaftlich zu erklären. "Eine kurze Geschichte der Zeit" und "Das Universum in der Nussschale" zählen zu den erfolgreichsten Sachbüchern aller Zeiten.

Foto: NASA, Lizenz: public domain
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Es gibt allerdings noch eine weitere Ursache für Hawkings Berühmtheit: seine schwere Behinderung. Eine Amyotrophe Lateralsklerose hat sein motorisches Nervensystem angegriffen, seine Muskeln geschädigt und ihn in einem quälend schleichenden Prozess fast vollständig bewegungsunfähig gemacht. Hawking kommuniziert über einen Sprachcomputer, den er wie seinen elektrischen Rollstuhl über Augenbewegungen und den Wangenmuskel steuert. Es ist diese perfide Mischung aus menschlicher Trägödie und Genie, die Hawking zu einer faszinierenden Persönlichkeit macht. Umso vielversprechender sind Erinnerungen an ein Leben zwischen diesen Polen. Dieser - vielleicht voyeuristischen - Erwartung  wird Stephen Hawking nur teilweise gerecht, denn er erzählt sein Leben als wissenschaftlichen Werdegang. Schon in der Schule habe man ihn Einstein gerufen.

Ich habe mich immer sehr dafür interessiert, wie Dinge funktionieren, und baute sie auseinander, um es herauszufinden, aber nur selten ist es mir gelungen, sie wieder richtig zusammenzusetzen. Meine praktischen Fähigkeiten haben nie mit meinem theoretischen Wissensdrang standgehalten.

Dieser Wissendrang geleitet Hawking zur Physik und verleitet ihn zu einem kühnen Lebensziel:

Von der Physik und der Astromomie durfte ich mir die Antworten auf die Frage erhoffen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Ich wollte die fernen Tiefen des Weltalls ergründen.

Lizenz: Rowohlt (http://www.rowohlt.de/fm/501/978-3-498-03025-4.jpg)

Einen Großteil seiner kurzen Geschichte verwendet Hawking darauf zu zeigen, wie konsequent er diese hochfliegenden Pläne verfolgt und inwieweit er sie umgesetzt hat. Wie er dabei sein körperliches Schicksal verkraftet und verarbeitet, gerät beinahe zur Nebensache. Schon bevor seine Erinnerungen beginnen, macht Hawking klar, dass die Behinderung nicht der Schlüssel zu seinem Leben sein soll. Das Buchcover (wie das gesamte Buch edel und ansprechend gestaltet) zeigt einen ausgelassenen, geradezu enthemmten Oxford-Studenten im Kreise seiner Kommilitonen. Von der sich schleichend anbahnenden körperlichen Katastrophe ist noch nichts zu sehen oder zu ahnen. Erst im zweiten Drittel des chronologisch geschilderten Lebensberichtes kommt er auf die Behinderung zu sprechen: Zunehmende Unbeholfenheit und unvermittelte Stürze führen zu einer Reihe von Untersuchungen mit schockierender Diagnose:

Die Erkenntnis, dass ich an einer unheilbaren Krankheit litt, an der ich wahrscheinlich in ein paar Jahren sterben würde, war ein ziemlicher Schock: Wie konnte mir das passieren. Doch während meines Krankenhausaufenthalts wurde ich Zeuge, wie ein Junge, den ich flüchtig kannte, im Bett gegenüber an Leukämie starb. Es war kein schöner Anblick. [...] Seither denke ich immer an diesen Jungen, wenn ich versucht bin, mich zu bemitleiden.

Ganz in diesem Sinn wendet sich Hawking schon nach wenigen Absätzen wieder der Wissenschaft zu - und seiner jungen Familie. Er heiratet Jane, die sich von der Einschränkung nicht abschrecken lässt. Bald bekommt die Familie Nachwuchs. Hawking berichtet von einem ganz normalen Leben. (Dass dazu auch wenig rühmliche Eheszenen und sogar zwei Scheidungen gehören deutet Hawking allerdings nur an). Die mehr oder minder gleichgültige Hinnahme der Behinderung wirkt nur kurz unglaubwürdig, denn Hawking erklärt sich:

"Wem ein früher Tod droht, der begreift, welchen Wert das Leben hat und dass es noch viele Dinge gibt, die man tun möchte."

Was Hawking nicht in Worte fassen kann, fasst er in Bilder: Tobende Kinder, die ihren bewegungsunfähigen Vater so annehmen, wie er ist. Auch Hawking hadert weder mit seinem Schicksal, noch verdrängt er es. Er nimmt es an und erkennt sogar Vorteile:

Ich brauchte keine Vorlesungen zu halten und keine Studienanfänger zu unterrichten, und ich musste nicht an langweiligen und zeitraubenden Institutssitzungen teilnehmen. Auf diese Weise konnte ich mich uneingeschränkt meiner Forschung widmen.

Wenn er je einen Kampf gegen seine Behinderung geführt hat, dann den, nicht auf sie reduziert zu werden. Er versichert sich und seinen Lesern, ein gutes und erfülltes Leben gehabt zu haben. Denn er gibt eine Maxime aus, die ihn selbst zeitlebens getragen hat:

Meiner Meinung nach sollten sich behinderte Menschen auf die Dinge konzentrieren, die ihnen möglich sind, statt solchen hinterherzutrauern, die ihnen nicht möglich sind. [...] Falls ich ­etwas zum Verständnis unseres Universums beitragen konnte, wäre mein Glück vollkommen.

Faizt: Es lohnt sich, Hawkings kurze Geschichte als praktisches Vorbild für diese Maxime zu lesen: Persönliches Glück hängt nicht von unbeeinflussbaren Schicksalsschlägen ab. Selbst wer nicht körperlich beeinträchtigt ist, kann ihr etwas abgewinnen. Denn nicht jede Behinderung ist für andere sichtbar wie Hawkings Amyothrophe Lateralsklerose. Stephen Hawkings kurze Lebens-Geschichte hat länger gedauert, als es seine ratlosen Ärzte in den 1960er Jahren vermutet hatten. Insofern ist der Buchtitel nicht nur eine Anspielung auf die kurze Geschichte der Zeit. Er karikiert auch voreilige düsterte Prognosen. Das macht Mut - eine nicht zu unschätzende Leistung von Hawkings Memoiren.

Wer sich allerdings eher dem physikalischen Lebenswerk von Steven Hawking nähern will, der ist bei seinem Biografen Hubert Mania besser aufgehoben.

Hubert Mania

Stephen Hawking

Biografie

Erschienen in der Reihe Rowohlt E-Book-Monographien im Oktober 2013. 160 Seiten kosten 3,99 €.


Denn wer A wie Autobiografie sagt, der tut selten schlecht daran, auch B wie Biografie zu sagen. Im Fall von Stephen Hawking lohnt sich das allemal, da Hawkings kurze Geschichte mitunter recht rasch komplexe physikalische Zusammenhänge umreisst. Hubert Mania, dessen Hawking-Biografie in der Reihe Rowohlt E-Book Monographien  erschienen ist, nimmt da schon mehr Rücksicht auf interessierte Laien. Fachlich fundiert und in lebendiger Sprache ordnet Mania Hawking in die Reihe der großen Universumsforscher ein. Unterhaltsam, bisweilen gekonnt komisch sind die Beispiele, anhand derer er schwierige Phänomene wie den Blick in die Vergangenheit erklärt:

Wenn Sie selbst in diesem Augenblick in die Sonne schauen, sehen Sie das Licht, das sie einige Zeit zuvor abgestrahlt hat. Würde unser Zentralgestirn in diesem Augenblick explodieren, könnten Sie also in aller Ruhe noch acht Minuten und zwölf Sekunden weiterlesen, bevor Sie das grandioseste Feuerwerk aller Zeiten erlebten.

Manias Biografie über Hawking ist ein starkes Buch über die Erforschung des Universums, aber sie ist im eigentlichen Sinn keine Biografie. Während ihm ein Husarenritt durch mehrere Jahrhunderte Wissenschaftsgeschichte ohne sichtbare Mühen gelingt, bericht der Biograf wenig mehr über das Leben von Stephen Hawking, als der selbst von sich preisgegeben hat, beispielsweise in der vielzitierten Veröffentlichung Einsteins Traum (ebenfalls Rowohlt) oder in der TV-Dokumentation Master of the Universe. Bei allen gewitzten Erklärungen und einem kurzweiligen Erzählstil lässt es Hubert Mania damit zuweilen an der gebotenen Distanz zu seinem Protagonisten fehlen. Mitunter folgt der Selbstdeutung Hawkings allzu unkritisch. Das bezieht sich allerdings überwiegend auf das Privatleben, das - ob nun zurecht oder nicht - in dieser Biografie keine herausgehobene Bedeutung erfährt.

Fazit: Hubert Mania gelingt es auf unterhaltsame Weise, auch Laien für Physik zu gewinnen, die er außerdem plastisch erklärt. 

Noch ein Wort zum Format, das ein echter Gewinn ist: Die Bände der Reihe rororo monographien sind echte Klassiker im Biografien-Regal. In der bewährten broschürten Variante ist es Tradition, die Protagonisten in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten darzustellen. Das neue Format der Rowohlt E-Book-Monographien verzichtet auf die Bebilderung, kompensiert dies aber durch den sinnvollen (und nicht überzogenen) Gebrauch der technischen Möglichkeiten elektronischen Lesens (u. a. Verlinkungen und Verweise). Die elektronische Neuauflage ist überzeugend gelungen und eine echte Bereicherung im Biografien-Spektrum.

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Albert Schweitzer: Der Urwaldarzt

Foto: Nobel Foundation. Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto: Nobel Foundation. Lizenziert unter Gemeinfrei

Er lebte die Nächstenliebe: Albert Schweitzer (1875-1965). Geboren und aufgewachsen ist Schweitzer als Spross einer evangelischen Pfarrersfamilie im Elsass. Der kleine Albert liebt die Natur, die Gottesdienste seines Vaters und die Kirchenorgel; er leidet mit den Außernseitern unter den Hänseleien und mit den Nutztieren unter allzu grobschlächtiger Behandlung. Und er weint bittere Tränen als er in die Schule gesteckt wird. Zurecht, denn die Leistungen sind lausig. Dass in Albert ein Universalgenie steckt, glaubt anfangs niemand so recht. Erst nach einem mittelmäßigen Abi legt Schweitzer los: Er studiert in Straßburg Philosophie und schreibt in den langen Winternächten eine Doktorarbeit über Kant. Tagsüber perfektioniert er bei den besten Lehrern sein Orgelspiel. Er studiert Theologie und schreibt eine weitere Doktorarbeit über die Bedeutung des Abendmahls. Kurz darauf folgt die Habilitation.

Jetzt könnte er Professor werden, wenn er sich nicht in seinen theologischen Studien mit dem wissenschaftlichen Zeitgeist und nahezu der gesamten Fachwelt angelegt hätte. Außerdem hat Schweitzer gar keine Lust auf eine akademische Laufbahn. Der gerade 25-jährige Doppeldoktor predigt lieber in einer Straßburger Gemeinde und widmet sich der Musik. Wieder schreibt er ein Buch - dieses Mal ist es eine vielgelobte Biografie über Johann Sebastian Bach - und tritt als begnadeter Interpret von dessen Orgelwerken in ganz Europa auf. Aber all das befriedigt Schweitzer nicht. Er will den Dienst der christlichen Nächstenliebe tun. Als er erfährt, dass die Pariser Mission Ärzte in Afrika sucht, nimmt Schweitzer ein Medizinstudium auf. Wieder eine Doktorarbeit (über die psychatrische Beurteilung Jesu), wieder nebenbei ein theologisches Buch (über Paulus), dann heiratet er seine Helene, kauft von den Honoraren der Konzertreisen Medikamente und Ausrüstung und schifft sich nach Lambarene (im Gabon) ein.  

Mitte April 1913 erreichen die Schweitzers ihr Ziel. Nach knapper Schonzeit findet sich der streitbare Theologe und berühmte Musiker in einem windschiefen Hühnerstall mitten in Afrika wieder, wo er Eingeweidebrüche operiert, Elephantiasis behandelt und faulende Zähne zieht. Daneben ist er beim Aufbau seines Tropenhospitals als Zimmermann und Maurer gefragt, als Architekt und Mechaniker. Schweitzer bewältigt all' das mit Hingabe. Er hat er in der Praxis gefunden, was er schon in seinen theologischen und philosophischen Schriften gesucht hat:

Lizenziert unter CC-BY 4.0
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die Erfüllung in der dienenden Nachfolge Jesu. Auf einer langen Bootsfahrt auf dem Ogowefluss gießt der wissenschaftlich versierte Ethiker der Tat seinen Lebensentwurf in die einprägsamen Worte 'Ehrfurcht vor dem Leben'. Dabei macht dabei keinen Unterschied mehr zwischen Menschen und Tieren. Deshalb unternimmt er auch nichts gegen die Ameisenstraße, die quer über seinen Urwald-Schreibtisch läuft. Im Gegenteil: er stellt noch eine Schale mit Zuckerbrei daneben - auch die emsigen Tierchen sollen es gut haben. „Ethik besteht also darin, daß ich die Nötigung erlebe, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen", sinniert Schweitzer. "Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern, böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen.“ Es ist kaum verwunderlich, dass Schweitzer vielen als moderner Heiliger erscheint. „Er sieht aus wie ein naher Verwandter des lieben Gottes", schreibt der SPIEGEL süffisant, "und er benimmt sich so.“ Aber die vielen Lobeshymen und Ehrerbietungen überwiegen die ironische Kritik an Schweitzers vermeintlicher Selbstgerechtigkeit. Anfang der 1950er Jahre erhält er den Friedensnobelpreis und nutzt seinen Einfluss in den letzen Lebensjahren, um gegen das atomare Wettrüsten ins Feld zu ziehen. Albert Schweitzer stirbt 1965 in Lambarene, das er in diesen Wochen vor 100 Jahren aufzubauen begonnen hat.

Mehr von Albert Schweitzer im Biografien-Blog...

Albert Schweitzer ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Als junger Mann war er nach Afrika gegangen, um in Jesu' Nachfolge ein Tropenhospital aus Holz- und Wellblechhütten aufzubauen. Vierzig Jahre später wird der Urwald-Doktor dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Man feiert ihn als „13. Jünger Jesu“ und „Mister Wellblech“ wie einen Popstar. „Genie der Menschlichkeit“ und „Universalgenie Westeuropas“ nennen sie ihn. Auch seine Biografen zeichnen fast immer ein wohlwollendes Bild. Der Mainzer Theologe Sebastian Moll zeigt Schweitzer dagegen als "Meister der Selbstinszenierung". Das ist nicht der einzige Aufreger, den dieses Buch provoziert hat. Zur Rezension...

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James Watson: Der DNA-Entschlüsseler

Lizenz: DNA Learning Center (verlinkt)
Sie entschlüsselten die DNA: Frances Crick und James Watson
Auszug: Nature (1953)
Auszug: Nature (1953)

Er enträtselte das Erbgut: James Watson. Geboren 1928 in Chicago interessiert sich der kleine James nicht für die Geschäfte seines Vaters, sondern beobachtet lieber Vögel. So verwundert es kaum, dass er als 18-Jähriger die Universität von Chicago bezieht, um dort Zoologie zu studieren. Das Augenmerk aber verländert sich. Was einst das liebe Federvieh war, ist nun die Genetik - auch in Indiana, wo Watson Ende der 1940er Jahre seinen Doktor macht. Der große Durchbruch aber gelingt in England. Dort beginnen Watson und sein Kollege Frances Crick den Geheimnissen der menschlichen Programmierung auf den Grund zu spüren. Am 25. April 1953 - heute vor 60 Jahren - unterbreiten die beiden Nachwuchswissenschaftler der verblüfften Fachwelt in der Zeitschrift Nature ein bestechend schlichtes Modell des Erbgutes: "Wir möchten eine DNA-Struktur vorschlagen", beginnen die beiden ihren kaum zweiseitigen Aufsatz, "die einige neue Aspekte von besonderem biologischen Interesse hat". Die präsentierte Struktur hat es buchstäblich in sich: In ihr verbirgt sich die messbare menschliche Identität in zwei ineinander verschlungenen Spiralen (siehe Abbildung rechts). Dass Augen- und Haarfarbe, Geschlecht und Erbkrankheiten irgendwo gespeichert sind, wusste man schon vorher. Die Entschlüsselung der molekularen Struktur der Desoxyribonukleinsäure (DNS, englisch DNA) aber ist der erste Schritt, den genetischen Code verstehen - und verändern zu können. Dafür gab es 1962 den Nobelpreis. Und schon damals munkelte man vom Plagiat, denn Watson und Crick sahen sich dem Vorwurf ausgesetzt, sich mit fremden Federn zu schmücken. Denn den entscheidenden Einfall hatten die beiden wohl, als sie eine Röntgenstrukturanalyse der Biochemikerin Rosalind Franklin auswerteten - ohne deren Wissen. Noch schwerer aber lasten manche inhaltlichen Interpretationen auf Watson, die er im Lauf seines langen Forscherlebens aus den bahnbrechenden DNA-Entdeckungen gezogen hat: Wenn die Genanalyse eines Ungeborenen dessen Homosexualität prognostiziere, sollten Frauen abtreiben dürfen, ließ Watson verlautbaren. Auch diktierte er der Presse in den Block, dass Schwarze weniger intelligent seien als Weiße. Das kostete ihn nicht nur die Kanzlerschaft beim New Yorker Cold Spring Harbor Laboratory, sondern auch einen guten Teil seines sehr guten Rufes als wegweisender Molekularbiologe. Der Widerstand gegen Watsons überzogene Schlussfolgerungen - gerade aus der Wissenschaftler - ist beruhigend: Die menschliche Identität ist eben nicht vollständig messbar - auch wenn der Vollblutforscher Watson das nicht immer wahrhaben wollte.

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Justus von Liebig: Der Chemietüftler

Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Liebig-Museums in Gießen
Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Liebig-Museums in Gießen

Er forschte nach den Formeln der Fruchtbarkeit: Justus von Liebig, der wohl bedeutenste Chemiker des 19. Jahrhunderts. 

Justus von Liebig (Foto: Franz Hanfstaengl, Lizenz: gemeinfrei)
Justus von Liebig (Foto: Franz Hanfstaengl, Lizenz: gemeinfrei)

Dabei sieht anfangs niemand den Erfinder von bis heute relevanten Düngemethoden und -mitteln in dem vermeintlich unbegabten Apothekerlehrling, der gerne mit allerei Substanzen experimentiert und dabei versehentlich den Dachstuhl der Apotheke in Brand setzt. „Du bist ein Schafskopf", schreit sein Lehrmeister und setzt Liebig kurzerhand vor die Tür, so wie er schon vorher an der Schule geflogen war. Tagsüber jobbt er jetzt in der Drogerie seines Vaters, aber jede freie Minute verschlingt er Chemie-Bücher in der hessischen herzoglichen Bibliothek von Darmstadt. Als sein Vater ihn einem befreundeten Chemiker vorstellt, nutzt er die Chance und zeigt was er kann. Dann folgt eine Karriere ohnegleichen: Ohne Schul- und Ausbildungsabschluss studiert er in Bonn, Erlangen und Paris, promoviert und wird schließlich Professor in Gießen, wo er sich in seinen Labors (siehe oben) den Herausforderungen der Forschung stellt: "Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an interessant zu werden, wo sie aufhört." Von seinem Ergeiz profitieren bis heute viele: Die Landwirte verdanken ihm reiche Ernteerträge, denn seine Überlegungen zur Agrikultur bereiteten den Boden für die moderne Felderbewirtschaftung. Den Hobbybäckern half er mit der Idee des Backpulvers, die sein Schüler Eben Norton Horsford umsetzte. Und nicht zuletzt kommen schon die ganz Kleinen auf den Geschmack Liebigscher Erfindungen: Die "Suppe für Säuglinge" (Milchpulver und heißes Wasser) ist der Vorläufer der modernen Säuglingsnahrung:  Heute wäre Justus von Liebig 209 Jahre alt geworden.

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