Gunnar Kaiser: Der Lehrer als Vorbild

Gunnar Kaiser ist ein Kölner Autor, Lehrer und Blogger. Seine Schülerin Mehrak erzählt, warum sie diese Mischung toll findet

Foto: Dieter Schütz  / pixelio.de
Foto: Dieter Schütz / pixelio.de

Hallo Mehrak, wer fasziniert Dich?

Mich fasziniert Gunnar Kaiser. Er ist Lehrer und zugleich ein kritischer Denker im Bezug auf unser Schulsystem. Er bloggt und schreibt über gesellschaftliche Probleme und über philosophisches Lösungsansätze!

 

Gunnar Kaiser (Jahrgang 1976) führt zwei Blogs: "der intellektuelle" und "philosophisch leben".

 

Wie inspiriert er Dich?

Wie er als Lehrer seinen Beruf ausführt und dabei gleichzeitig dieses System hinterfragt und uns Schüler damit konfrontiert.

 

Was genau läuft denn bei ihm so besonders?

Er ist dafür bekannt, seine Möglichkeiten zu nutzen, um sein Umfeld zum Nachdenken anzuregen. Er hinterfragt Normen und Werte in unserer Gesellschaft und regt uns Schüler dazu an, eine eigene Meinung zu bilden und nicht nur diese Daten in den Büchern auswendigzulernen.  

 

Das scheint Früchte zu tragen. Du bloggst ja selbst über ganz ähnliche Themen...

In meinem eigenen Blog Be the change you want to see in the world beschäftige ich mich auch mit gesellschaftlichen Problemen  und setzte mich mit dem Schulsystem auseinander.  Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen. Ich bin der Meinung, dass unser jetziges Schulsystem langfristig mehr Schaden anrichtet als es Nutzen bringt.

 

Dazu vielleicht noch eine kleine Kostprobe aus Mehraks Blog:

"In der Schule lernen wir eine Menge Formeln und Strukturen, die wir bulimisch zu nächsten Leistungsüberprüfung auswendiglernen sollen! Doch woran liegt es, dass viele Schüler trotz Abitur nichts mit ihrem Leben anfangen können? Dass sie persönlich unterentwickelt sind? Dass sie es nicht mal schaffen Banalitäten im Alltag zu meistern? Die Antwort lautet der Mangel an Erfahrung! Allein der Gedanke, dass unser Körper für das Jagen und Sammeln ausgelegt ist, und wir stundenlang gezwungen werden sitzend in einem Raum zu sein, sollte uns nachdenklich machen! Krankheiten wie Depression, Übergewicht, Organversagen lassen sich oft auf eine Mangelbewegung und eine Mangelernährung zurückführen, die von diesem stressigen Systemalltag unterstützt wird."

 

Danke für's Mitmachen, Mehrak!

Wer begeistert Dich? Wer inspiriert Dich?  Hast Du eine Lieblingsbiografie?

Hast Du Lust, davon im Biografien-Blog Eulengezwitscher zu erzählen?Mitmachen ist ganz leicht. Alles, was Du dazu wissen musst, findest Du hier...

Mitmachartikel weiterzwitschern...

0 Kommentare

Max Weber: Vater der Sozialwissenschaft

Zum 150. Geburtstag von Max Weber hat Jürgen Kaube eine Biografie über sein Leben zwischen den Epochen vorgelegt.

http://web.archive.org/web/20070312115641/http://www.staff.uni-marburg.de/~kaesler/max.html). Lizenziert unter Gemeinfrei
http://web.archive.org/web/20070312115641/http://www.staff.uni-marburg.de/~kaesler/max.html). Lizenziert unter Gemeinfrei

Max Weber ist eine epochenübergreifende Instanz der Sozialwissenschaften. Heute vor 150 Jahren ist er geboren worden. Nach wie vor zählen seine Analysen über die protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus, über Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zum soziologischen Standardrepertoire. Theoretische Figuren wie der Idealtypus und Überlegungen zur Objektivität sozialwissenschaftlicher Erkenntnis haben nach wie vor hohes Gewicht. Webers Werk ist monumental - und großteils posthum erschienen. Wer der Mensch hinter dem Vielschreiber war, das hat sich schon seine Frau Marianne gefragt: "Ist das ein wiedererstandener Recke aus den Wäldern Germaniens, dem eine unkriegerische Epoche statt des Speers die Feder in die Hand gedrückt hat?" Zum Geburtstag des Gesellschaftsforschers hat der FAZ-Feuilleton-Redakteur Jürgen Kaube eine Biografie vorgelegt, die spannende Einsichten in ein Leben zwischen den Epochen gewährt.

Jürgen Kaube

Max Weber

Ein Leben zwischen den Epochen

Erschienen  bei Rowohlt im Januar 2014. 496 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe ca. 26,95€.


Webers Leben ist kurz, er wird nur 56 Jahre alt. Dennoch ist die Zeit zwischen 1864 und 1920 von gesellschaftlich und politisch epochalen Veränderungen und Umstürzen geprägt. Erst erschüttern, dann zerschmettern sie das Fundament der bürgerlichen Gewissheiten, auf dem Webers Leben gründet:  Urbanisierung und industrielle Revolution, Gründung des Deutschen Kaiserreichs und Untergang der Monarchie, Kulturkrieg und Weltkrieg -  mit all' diesen Phänomenen wird sich Weber später wissenschaftlich auseinandersetzen. Auf seinem Weg zum Universialgelehrten hat er also keine Zeit zu verlieren. Sehr früh beginnt er, exzessiv zu lesen und es sind keine Kinder- oder Jugendbücher, die er verschlingt. Auf dem weihnachtlichen Gabentisch des Vierzehnjährigen stapeln sich wissenschaftliche Wälzer aller Disziplinen: darunter eine Griechische Geschichte, eine Abhandling über Cicercos Freunde und ein Klassiker über die Wanderung der Kulturpflanzen und Haustiere in Europa.  Jürgen Kaube versteht es glänzend, Webers vielseitigen Wissendrang zu veranschaulichen: Er nimmt sich die Zeit, die einzelnen Bücher vorzustellen, die der junge Weber gelesen und kommentiert hat. Kaube stellt Weber somit nicht nur als Spross aus gutem Hause vor, sondern öffnet gekonnt die Tore zu seinen geistigen Wurzeln und zeichnet ein lebendiges Bild der Zeiten, in der Weber aufwächst, wirkt und stirbt. Gekonnt verwebt Kaube den kulturhistorischen Hintergrund mit Webers biografischem und wissenschaftlichen Werdegang in einer fundierten und dichten, aber dennoch leicht lesbaren Erzählung. Dabei geizt er nicht mit (frühen) Urteilen: 

Max Weber ist der typische deutsche Gelehrte, was seinen Fleiß, seinen Stil und seine Fußnoten angeht - und ein "Wutbürger", stets geladen gegen seine Zeitgenossen, streitsüchtig, herrisch.

Vorurteile sind es indes nicht, die Kaube aufstellt oder auffrischt. Er wahrt die gebotene Distanz zu seinem Protagonisten. Das ist in Webers Fall beinahe eine eine Frage des Selbstschutzes, denn je länger sein Leben dauert  (und mit ihm das Buch), desto gefährlicher werden die Untiefen, die sich auftun. Kaube zeigt Weber in eigenen und fremden Zeugnissen als getriebenen, gereizten und (sexuell) gehemmten Mann, der zum Zeitpunkt seines Todes oder kurz danach völlig gescheitert scheint. Der Weg dahin ist voller Überraschungen, da Weber aus einer ideell wie materiell hervorragenden Position ins Leben startet und posthum als sakrosankter Gründervater der Sozialwissenschaften verehrt wird. Im Studium sind Mensuren ein fester Bestandteil in Webers täglichem Stundenplan. In der Studentenverbindung stellt er seine später berüchtigte Trinkfestigkeit unter Beweis. Der furiose Start ins Berufsleben - Weber wird mit nur 29 Jahren Professor wird für Nationalökonomie - entpuppt sich als glückliche Episode in einem zunehmend zerrütteten und von der Arbeit erdrücktem Leben: Webers eigene Ochserei gleicht der der ostelbischen Bauern, denen er in einer frühen Studie eine straffe, pflichtgemäße, das ganze Leben umspannende Anspannung der Arbeitskräfte attestiert. Daran zerbricht Weber. 

Zunächst mochte Weber seine eigene Nervosität, seine gehetzte und überarbeitete Existenz als bloße Teilhabe an einer  Zeiterscheinung vorgekommen sein. Denn  das Zeitalter selbst wurde damals als "nervös" charakterisiert, die Nervenschwäche und der Nervenzusammenbruch galten als "die Krankheit unserer Zeit". Gemeint waren Folgeerscheinungen der industrialisierten, urbanisierten und technischen Zivilisation, die zu Reizüberflutung, Termindruck, beschleunigter Kommunikation, Verzettelung im Alltag und "tierischer Arbeitsamkeit" (Robert Musil) geführt habe.

Ohne explizit darauf verweisen zu müssen gelingt es Jürgen Kaube immer wieder, aus Webers Lebensgeschichte und seinen Lebensumständen aktuelle Bezüge herzustellen. Passagen wie diese regen dazu an, in der Reflektion vergangener Epochen über die eigene Zeit nachzudenken. Die Globalisierung (und ihre Schattenseiten) sind für Kaube jedenfalls eine nur vermeintlich originäre Erfahrung der vergangenen beiden  Jahrzehnte. Für Max Weber beginnt nach dem Zusammenbruch eine neue Phase der Rastlosigkeit: Er zieht sich aus der Universität zurück und reist kreuz und quer durch Europa. Halt und Unterstützung bietet ihm seine Frau Marianne, die zu ihrem Mann hält, auch wenn rätselhafte Symptome (unter anderem unfreiwillige Samenergüsse) die Ärzte zusehends ratlos machen. Dabei führen die Webers eine Gefährtenehe, mit der sich komplizierte Beziehungen zu anderen Frauen verflechten (Marianne, Else und Minna kennen sich). Neben der einfühlsamen, aber nicht eindringlichen Auseinandersetzung mit Webers Privatleben kommt auch sein breites wissenschaftliches Werk in Kaubes Biografie nicht zu kurz. Er stellt es in einen wiederum überraschenden Zusammenhang zum Webers Leben:

Er stößt durch Forschung auf das, was ihn umtreibt, und erforscht nicht umgekehrt, was ihn innerlich beschäftigt.

So facettenreich ist die Zeit, in der Max Weber lebt und aus der er seine wissenschaftlichen Impulse empfängt, sosehr ist die Gesellschaft im Wandel, dass sein schriftstellerisches Schaffen in einer Fülle aus mehr oder weniger langen An- und Aufsätzen zu den verschiedensten Themenkomplexen  aufgeht. Außer der Disseration und der Habilitation legt Weber jedenfalls zu Lebzeiten kein Buch vor. Auch darin mag sich das Hin- und hergerissensein spiegeln, das Webers Leben kennzeichnet. Erst posthum wird das Opus Magnum "Wirtschaft und Gesellschaft" veröffentlicht, erst nach Webers Tod entfaltet sich die Wirkung seines Werkes. So hat beispielsweise der bedeutende Systemtheoretiker Talcott Parsons bei Weber in Heidelberg studiert, der wiederum zu den Lehrern von Niklas Luhmann und Richard Münch zählt. Insofern lässt sich zuspitzend festhalten, dass Weber in der Wissenschaft erfolgreich und im Leben gescheitert ist.

Jürgen Kaube hat mit seinem fundierten Buch über Max Webers Leben zwischen den Epochen selbst eine epochale Biografie vorgelegt: Der routinierte Feuilletonist lässt nicht nur den Menschen Max Weber neben sein Werk treten, sondern erinnert in moderner und geschliffener Sprache an eines der spannendsten Kapitel deutscher Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Das ist biografisches Edutainement auf höchstem Niveau.

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Arnulf Baring: Streit, Kultur, Deutschland

Arnulf Baring legt seine autobiografischen Notizen vor

Foto: Tohma (talk). Lizenziert unter GFDL
Foto: Tohma (talk). Lizenziert unter GFDL

"Der Unbequeme" ist ein seltsam entrückter Titel für ein Erinnerungsbuch. Nicht minder merkwürdig ist der Untertitel: "Autobiografische Notizen". Für Arnulf Barings Memoiren ist das allerdings treffend gewählt. Der streitbare und umstrittene politische Professor ist angenehm unbequem: Baring zeigt, was viele Politiker gerne zeigen würden: klare Kante. Seine Memoiren (erschienen im Europa Verlag Berlin) sind auch eher drei ineinander greifende autobiografische Fragmente: Notizen zu prägenden Kindheits- und Jugenderinnerungen, zur Revue seines wissenschaftlichen Lebenswerkes und zu gegenwartsbezogenen Schlussfolgerungen aus seinem über Jahrzehnte gereiften politischen Denken.

Arnulf Baring

Der Unbequeme

Autobiografische Notizen

Erschienen im Europa Verlag Berlin im November 2013. 400 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 21,90 €.


Die Art und Weise, in der Baring dieses politische Denken äußert (vor allem zu deutschen Fragen), hat dem mittlerweile über Achtzigjährigen seit geraumer Zeit das Image des Querulanten eingebracht: Einen "greisen und enthemmten Historiker" hat ihn die tageszeitung genannt und sich über seine zeternde und lautstarke Streitkultur geärgert. Dabei übersehen Barings Kritiker, dass er solche Provokationen gezielt setzt: Wer nicht rückhaltlos für offene, kontroverse Debatten eintritt, legt die Axt an die Wurzeln  unserer Demokratie. Baring belässt es nicht bei allgemeiner Schelte. Er bezieht konkret Stellung zu aktuellen politischen Fragen:

Die sture Verbissenheit beispielsweise, die die Regierung bei immer neuen Euro-Rettungsschirmen zeigt, und ihre zur Schau gestellte Selbstsicherheit finde ich beängstigend. Man spürt den schwankenden Boden, bemerkt erschrocken, mit welcher fast schon totalitären Attitüde Abweichler unter Druck gesetzt werden. Es ist unfassbar, wie arrogant die Regierung Merkel, aber auch alle anderen Parteien, freie Aussprachen des Parlaments in dieser Schicksalsfrage der Nation unterbinden.

Baring weiß um die Wirkung solcher drastischer Worte - aber er fürchtet sie nicht. Das mag zwei biografische Ursachen haben. Zum einen ist der Politikwissenschaftler Baring ein intimer Kenner des Innenlebens von Regierungen. Zum anderen hat er in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs ganz andere Ängste kennen- und überwinden gelernt. Die Erinnerungen an diese beiden Lebensabschnitte zählen zu den stärksten Passagen von Barings Memoiren, während seine politischen und zeitgeschichtlichen Ausführungen zur Misere des Euro, zum Sozialstaat und zur politischen Kultur den eher zusammenfassenden Charakter bereits geäußerter Standpunkte tragen.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F038347-0030 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA
Bundesarchiv, B 145 Bild-F038347-0030 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA

In den Erinnerungen an die semibiografische Arbeit über Walter Scheel ("Machtwechsel"), die zu einer detaillierten Untersuchung der sozialliberalen Regierung unter Willy Brandt geraten ist, zeigt sich Baring als scharfsinniger Analytiker von Politik und Persönlichkeiten. Zahlreiche Protagonisten der Bonner Republik (freundlich gesinnte und andere) charakterisiert er in jeweils wenigen Worten. Dabei beschränkt er sich in seinen Memoiren nicht nur auf Politiker, sondern porträtiert auch Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Kultur. Neben der kurzweiligen Zeitgeschichte der 1960er und 1970er Jahre sind sind es insbesondere die szenisch geschilderten Eindrücke aus dem brennenden Dresden vom Februar 1945 (Baring ist zwölf Jahre alt), deren Eindringlichkeit beeindruckt:

Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001 / Hahn / CC-BY-SA
Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001 / Hahn / CC-BY-SA

Es ist unvorstellbar, welch ein Sturm entsteht, wenn eine große Stadt brennt. [...] Wir konnten uns kaum auf den Beinen halten. Fest eingehakt, um nicht fortgerissen zu werden, kämpften wir uns Meter für Meter vorwärts, unsere Köfferchen mit Ausweispapieren und dem Nötigsten an die Brust gepresst. [...] Brennende Balken vielen von den Dächern, Schornssteine kippten auf die Straßen, Mauern zerbarsten. [...] Dies war der Moment, in dem ich nicht mehr an den Führer glaubte, dem ich bis dahin noch kindliches Vertrauen entgegengebracht hatte.

Dieses Erwachen aus der Endsiegerwartung prägt Barings politisches Denken. Zeitlebens wird er sich Fragen nach der richtigen Vergangenheitsbewältigung stellen. Seine Anworten sind ihm in den autobiografischen Notizen so wichtig, dass er sie bereits im ersten Kapitel zur Sprache bringt und später nochmals aufgreift. Man möge doch deutsche Geschichte nicht auf die Katastrophe des Dritten Reiches verkürzen. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Baring beschönigt, verdrängt und leugnet nichts. Er will auch die Akten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nicht schließen - Aufklärung bleibt geboten. Aber der Umgang mit Hitler, so Baring, solle nicht länger von Selbsthass und Verdrängung des eigenen Leids geprägt sein. 

Es ist an der Zeit, unser beschädigtes Nationalgefühl zu überwinden und uns darauf zu besinnen, was uns in den besten Phasen unserer Geschichte ausgezeichnet hat: ein hohes, humanistisch geprägtes Bildungsbewusstsein, Innovationskraft, Unternehmergeist und die Wertschätzung freiheitlich-demokratischer Grundrechte. All das kann zu einem Patriotismus ohne Größenwahn und Großmannssucht beitragen.

Fazit: Der Unbequeme hat gesprochen. Selbst wenn man Barings Positionen nicht samt und sonders teilt, sind seine autobiografischen Notizen inspirierend. Sie verbinden klare und streitbare Analysen mit essayistischem Schwung. Dazu kommt, dass der "Professor für Plauderei" (so hat ihn seine Mutter genannt) wirklich etwas zu erzählen hat. Seine Erinnerungen sind ein wertvolles Stück deutscher Zeit- und Geistesgeschichte: spannende Lektüre nicht nur für Historiker und Politikwissenschaftler. 

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Edward Said: Der arabische Humanist

Edward Said (links) und Daniel Barenboim (rechts). Lizenziert unter CC0
Edward Said (links) und Daniel Barenboim (rechts). Lizenziert unter CC0

Er war ein streitbarer Versöhner zwischen Orient und Okzident: Edward Said. Geboren 1935 in Jerusalem wächst Said als Sohn palästinenischer Christen in Kairo auf - jenseits aller kulturellen Grenzen: Er genießt die hervorragende Ausbildung einer der letzten kolonialen Eliteschulen, ehe er in Princeton studiert und in Havard promoviert. Dann zieht es Said in die Vereinigten Staaten. Seit Mitte der 1960er Jahre lehrt er an der Columbia University in New York Vergleichende Literaturwissenschaft. Seine Studie zum 'Orientalismus' (1978) ist ein Frontalangriff auf die britischen und französischen Nahostforscher. Der Vorwurf: Der Westen und seine Literaturwissenschaft würden arrogant und von oben herab auf den arabischen Raum und seine Kultur schauen. Said sieht darin eine literatische Spielart des Kolonialismus.

In aller Herren Länder streiten sich die Gelehrten um Saids Thesen - bis heute. Eine andere seiner Botschaften findet bald ihren Weg heraus aus dem akademischen Elfenbeinturm: Said will die Welt dafür sensibilieren, wie sehr die vertriebenen Palästinenser leiden. Deshalb bringt er sich als Berater und Mahner in den Nahostkonflikt ein. Dabei macht er sich mehr Feinde als Freunde, denn Said wählt keine Seite, sondern hält allen Parteien ihre Ignoranz und Fehler vor - auch der palästinenischen Führung um Jassir Arafat. Man müsse sich gegenseitig anerkennen und respektieren: nur dann könne man friedlich miteinander leben. Ob in zwei Staaten oder in einem gemeinsamen, da ändert Said im Lauf seines Lebens die Meinung. Denn in Staaten denkt er nicht: "Ich habe bis heute nicht verstanden, was es bedeutet, ein Land zu lieben", schreibt er noch kurz vor seinem Tod. Said denkt in Freundschaften.


Das West-Eastern-Divan-Orchestra (Foto: Fernando Delgado Béjar, Lizenz:  CC-BY-SA-3.0-migrated)
Das West-Eastern-Divan-Orchestra (Foto: Fernando Delgado Béjar, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated)

Eine friedensstiftende Freundschaft pflegt er in seinem letzen Lebensjahrzehnt mit dem israelischen Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim. Wie Said stellt auch Barenboim gerne unbequeme Fragen im Nahostkonflikt. Was die Politik nicht vermag, setzen Barenboim und Said ins Werk: praktizierte Völkerverständigung. Gemeinsam gründen sie das West-Eastern-Divan-Orchestra, in dem junge Israelis und Araber gemeinsam musizieren und miteinander ins Gespräch kommen. Das eindrucksvollste Konzert gibt das gemischte Jugendorchester in Ramallah. Said hat es nicht mehr erlebt. Kurz zuvor, am 25. September 2003  ist er an Leukemie gestorben - heute vor 10 Jahren. Sein Vermächtnis lebt nicht zuletzt im westöstlichen Diwan weiter, das nach wie vor von Daniel Barenboim dirigiert wird.

Übrigens: Ein schönes Said-Portait hat Tony Judd in seine Essay-Sammlung "Das vergessene 20. Jahrhundert" aufgenommen (siehe linke Spalte).

Edward Saids Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den Schreibern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Theodor Mommsen: Der Chronist des Römischen Reiches

Foto; Carlo Brogi . Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto; Carlo Brogi . Lizenziert unter Gemeinfrei

Er war einer der großen Gelehrten des 19. Jahrhunderts: Theodor Mommsen. Seine Passion war die Zukunft, seine Profession die Vergangenheit. Politisch kämpfte Mommsen um 1848 für die Ideen von Fortschritt und Liberalismus. Als Professor lehrte er zuerst Rechtswissenschaft, dann Römisches Recht. Schließlich fand er seine Lebensaufgabe darin, die Geschichte Roms - vor allem der römischen Republik - zu erforschen und zu erzählen: Sein Monumentalwerk "Römische Geschichte" setzt nicht nur den Althistorikern bis heute Maßstäbe; Mommsen wurde dafür 1902 sogar mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Kostprobe gefällig: Hier der erste Satz: "Rings um das mannigfaltig gegliederte Binnenmeer, das tief einschneidend in die Erdfeste den größten Busen des Ozeans bildet und, bald durch Inseln oder vorspringende Landfesten verengt, bald wieder sich in beträchtlicher Breite ausdehnend, die drei Teile der Alten Welt scheidet und verbindet, siedelten in alten Zeiten Völkerstämme sich an, welche, ethnographisch und sprachgeschichtlich betrachtet, verschiedenen Rassen angehörig, historisch ein Ganzes ausmachen." Heute vor 194 Jahren ist Theodor Mommsen geboren worden - am 30. November 1817.

Theodor Mommsens Biografie weiterzwitschern:

Klick auf die Eule führt zu allen Forschern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare