Pilates und Feldenkrais: Bewegte Biografien

Pilates und Feldenkrais sind weltberühmt. Die Männer hinter den Methoden sind es nicht. Ein Blick in ihre Biografien.

Joseph Pilates (links), Foto: KPilates - Own work, Licensed under CC BY-SA 4.0. Moshe Feldenkrais (rechts),  Foto: International Feldenkrais Federation. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Joseph Pilates (links), Foto: KPilates - Own work, Licensed under CC BY-SA 4.0. Moshe Feldenkrais (rechts), Foto: International Feldenkrais Federation. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Joseph Pilates und Moshé Feldenkrais sind Männer mit Methode. Beide haben Bewegungsabläufe und Übungen entwickelt, mit denen der Körper trainiert und die Seele gestreichelt werden. Bewegungen bestimmen nicht nur die von Pilates und Feldenkrais - auch ihre Lebensgeschichten sind bewegt. Ein Blick hinein:

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Joseph Pilates (1883-1967) und Moshé Feldenkrais (1904-1984) sind auf ähnlichen Wegen durchs Leben gegangen - wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen. Beide sind  Auswanderer: Pilates zieht es aus Mönchengladbach nach Amerika, wo er sich größere Freiheiten verspricht. Feldenkrais flieht aus Osteuropa vor dem Judenhass nach Palästina - um überhaupt in den Genuss von so etwas wie Freiheit zu gelangen. Beide sind erfolgreiche Kampfsportler: Pilates früh ausgeprägter Körperkult findet im Boxen eine biografische Zwischenstation, Feldenkrais ist begeisterter Judoka. Er engagiert sich auch in der zioniostischen Bewegung "Die Verteidigung" (Haganah). Beide haben Erfahrungen im Handwerk: 

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Pilates ist gelernter Bierbrauer, Feldenkrais hat auf dem Bau geschafft und Tel Aviv mit aufgebaut. Und beide haben eine Schwäche für schöne Frauen. Feldenkrais ist ein Mädchenschwarm, Pilates eher ein Schwerenöter, der seine Familie vernachlässigt und selbst im hohen Alter gerne mal seine Hände bei Schülerinnen dort hinlegt, wo sie - Übung hin, Übung her - nichts zu suchen haben. Und beide Männer suchen lebenslang danach, im Einklang mit sich und dem Leben zu leben. Während Feldenkrais zu innerer Ruhe und Gelassenheit findet, ist Pilates von einer inneren Unruhe getrieben, der an den eigenen, hohen Ansprüchen scheitert. Man könnte eine good guy, bad guy Geschichte über die beiden Männer schreiben, die mit ihren Bewegungslehren einflussreiche Bewegungen gegründet haben.


Das wäre allerdings zu undifferenziert. Deshalb ist es schön, dass mit sich mit Eva Rincke (Pilates) und Christian Buckard (Feldenkrais) zwei unabhängige Autoren den Männern mit Methode zugewandt haben. Keiner der beiden Biografen verheimlicht seine Verehrung für den jeweiligen Protagonisten. Bei Pilates scheint das schwerer zu fallen: Seinem beeindruckenden Lebenswerk, das er nahezu aus dem biografischen Nichts errichtet, ist überschattet von charakterlichen Schwächen, die Joseph Pilates nicht ins beste Licht setzen. Trotz mancher unsympathischer Eigenschaft vermittelt Eva Rincke ihre Begeisterung für Pilates - auch, indem sie lebhaft über ihre von persönlicher Neugier und Bewunderung getragene Recherche  schreibt. So moderiert sie dann auch verständnisvoll und relativierend (manchmal zu sehr) über Pilates schwierige Persönlichkeit hinweg. Rincke ist eine Erzählerin, Buckard eher ein Berichterstatter. Bei ihm nehmen die außerbiografischen Erklärungen und Einordnungen größeren Raum ein, ohne dass der Text dadurch langweiliger wäre. Er ist verschiedenartig, aber gleichwertig. Beide Biografien sind gut gelungen und zeigen die Männer hinter der Methode.

Fazit: Zwei bewegende Biografien über Leben mit und für die Bewegung.

Franz Zschornack: Das Wandern ist des Schlossers Lust

Der Schlossergeselle Franz Zschornack war drei Jahre auf Wanderschaft. Ein Erfahrungsbericht der anderen Art. 

Foto: Sigismund von Dobschütz. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Foto: Sigismund von Dobschütz. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

"Mach das nicht, Du wirst als Penner enden!" Die Freunde und Nachbarn meinen es gut mit Franz Zschornack. Der junge Schlossergeselle will auf die Walz, also durch die Welt wandern, überall seine Dienste anbieten und Lebenserfahrung sammeln. Jahrhundertelang hat dieser uralte Handwerker-Brauch ganz selbstverständlich dazugehört. Heute ist er irgendwie aus der Zeit gefallen, aber darum schert sich Franz Zschornack nicht. Er nagelt sein Handy an die Wand, klettert über das heimische Ortsschild - und wandert los.

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Man sieht sie nur noch selten, die jungen Kerle mit dem Zylinder, der schmalen, schwarzen Krawatte, und den schweren Lederhosen. Und wenn doch mal einer in der Kneipe um die Ecke aufschlägt und brav um eine Schlafecke bittet, dann wird er erst bestaunt und dann zum Selfie gebeten. Die Tippelbrüder werden als Freaks wahrgenommen. Völlig zu Unrecht! In einer Zeit, in der ständig nach der Rückbesinnung auf die guten alten Tugenden und Werte gerufen wird, sind die herumreisenden Handwerksgesellen meistens strahlende Vorbilder.

Denn die wohl wichtigste Regel schreibt den Wanderern vor, sich immer ehrbar und untadelig zu benehmen. Das kann ganz schön schwierig werden, wenn man einen Schlafplatz sucht oder einen Happen zu essen, ohne bezahlen zu können. Trotzdem ist es für die Tippelbrüder ungemein wichtig, auf jeder Station einen guten Eindruck zu hinterlassen, damit der nächste Geselle auf der Walz herzlich und wohlwollend aufgenommen wird. Deshalb darf auch nur wandern, wer ein sauberes Führungszeugnis vorlegen kann. Auch die weiteren Regeln, denen sich die Tippelbrüder für die Jahre der Wanderschaft unterwerfen, sind durchaus hart: Den Gesellenbrief müssen sie haben, ledig sein und kinderlos. Das macht Sinn, denn um ihre Heimat müssen sie auch einen weiten Bogen machen. Die meiste Zeit sind sie zu Fuß oder als als Tramper unterwegs.

Die Jahre auf der Walz sind eine echte biografische Reifeleistung - heute mehr als in früheren Zeiten, denn kaum noch jemand kennt die Bräuche und Gepflogenheiten, die es den fahrenden Gesellen seit dem Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert leicht gemacht haben, schnelle und kurzfristige Arbeit zu finden. Franz Zschornack hält sich trotzdem für einen "Franz im Glück". Er hat seine Jahre auf der Wanderschaft vielleicht nicht immer im ersten Erleben genossen, aber die Erfahrung will er nicht mehr missen. Im Gegenteil: Er teilt die Erfahrungen und hat mit journalistischer Unterstützung einen spannenden, lehrreichen und unterhaltsamen Reisebericht geschrieben, der geschickt biografische Eigenheiten mit der Welt der Tippelbrüder verwebt und einem traditionsreichen Brauch zu neuer Aufmerksamkeit verhilft.

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Gunnar Kaiser: Der Lehrer als Vorbild

Gunnar Kaiser ist ein Kölner Autor, Lehrer und Blogger. Seine Schülerin Mehrak erzählt, warum sie diese Mischung toll findet

Foto: Dieter Schütz  / pixelio.de
Foto: Dieter Schütz / pixelio.de

Hallo Mehrak, wer fasziniert Dich?

Mich fasziniert Gunnar Kaiser. Er ist Lehrer und zugleich ein kritischer Denker im Bezug auf unser Schulsystem. Er bloggt und schreibt über gesellschaftliche Probleme und über philosophisches Lösungsansätze!

 

Gunnar Kaiser (Jahrgang 1976) führt zwei Blogs: "der intellektuelle" und "philosophisch leben".

 

Wie inspiriert er Dich?

Wie er als Lehrer seinen Beruf ausführt und dabei gleichzeitig dieses System hinterfragt und uns Schüler damit konfrontiert.

 

Was genau läuft denn bei ihm so besonders?

Er ist dafür bekannt, seine Möglichkeiten zu nutzen, um sein Umfeld zum Nachdenken anzuregen. Er hinterfragt Normen und Werte in unserer Gesellschaft und regt uns Schüler dazu an, eine eigene Meinung zu bilden und nicht nur diese Daten in den Büchern auswendigzulernen.  

 

Das scheint Früchte zu tragen. Du bloggst ja selbst über ganz ähnliche Themen...

In meinem eigenen Blog Be the change you want to see in the world beschäftige ich mich auch mit gesellschaftlichen Problemen  und setzte mich mit dem Schulsystem auseinander.  Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen. Ich bin der Meinung, dass unser jetziges Schulsystem langfristig mehr Schaden anrichtet als es Nutzen bringt.

 

Dazu vielleicht noch eine kleine Kostprobe aus Mehraks Blog:

"In der Schule lernen wir eine Menge Formeln und Strukturen, die wir bulimisch zu nächsten Leistungsüberprüfung auswendiglernen sollen! Doch woran liegt es, dass viele Schüler trotz Abitur nichts mit ihrem Leben anfangen können? Dass sie persönlich unterentwickelt sind? Dass sie es nicht mal schaffen Banalitäten im Alltag zu meistern? Die Antwort lautet der Mangel an Erfahrung! Allein der Gedanke, dass unser Körper für das Jagen und Sammeln ausgelegt ist, und wir stundenlang gezwungen werden sitzend in einem Raum zu sein, sollte uns nachdenklich machen! Krankheiten wie Depression, Übergewicht, Organversagen lassen sich oft auf eine Mangelbewegung und eine Mangelernährung zurückführen, die von diesem stressigen Systemalltag unterstützt wird."

 

Danke für's Mitmachen, Mehrak!

Wer begeistert Dich? Wer inspiriert Dich?  Hast Du eine Lieblingsbiografie?

Hast Du Lust, davon im Biografien-Blog Eulengezwitscher zu erzählen?Mitmachen ist ganz leicht. Alles, was Du dazu wissen musst, findest Du hier...

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Frauen mit Fernweh

Gertrude Bell und Alexandra David-Néel sind weit gereist. Neue Übersetzungen lassen ihre Abenteuer-Erinnerungen aufleben.

Foto: Royonx. Lizenziert unter CC0 (Hintergrund) und lizenziert unter Gemeinfrei (Alexandra Davis-Néel)
Foto: Royonx. Lizenziert unter CC0 (Hintergrund) und lizenziert unter Gemeinfrei (Alexandra Davis-Néel)

Sie sind viel herum- und hoch hinaus gekommen: Alexandra David-Néel hat den Himalaya erkundet, Gertrude Bell hat das Matterhorn erklettert und die arabischen Wüsten erobert. Was schon zu Lebzeiten der zwei Frauen mit Fernweh für Aufsehen und Ärger gesorgt hat (beide sind vor etwa 150 Jahren geboren), fasziniert noch heute. Jetzt sind die außergewöhnlichen Autobiografien in neuen Übersetzungen nochmals erschienen. Dass die Reiseziele der Pionierinnen heute im Bürgerkriegsgebiet liegen (Syrien) oder von Terroristen unsicher gemacht werden (in den pakistanisch-indischen Grenzregionen und in Nepal), macht die  Erinnerungen von Alexandra David-Néel und Gertrude Bell noch wertvoller. Der Biografien-Blog stellt sie vor: 

Alexandra David-Néel im Himalaya

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Das Mädchen verehrt Jules Vernes. Der schreibt so schöne Geschichten von Reisen um die Welt (sogar in 80 Tagen), zum Mittelpunkt der Erde und zum Mond. Ganz so weit muss es für Alexandra David-Néel nicht gehen - aber bis zum mächtigsten Gebirge auf dem Globus will sie schon kommen. Sie hasst die biedere Mutter und liebt den weltgewandten Vater, der ihr in seinem Realismus auch das Grauen nicht vorenthält. Alexandra ist der Esoterik und den Okkulten nicht abgeneigt, sie schwärmt für die Kultur des Fernen Ostens. Ihre geistliche Heimat findet sie im Buddhismus. Um sich ihre Reiseträume verwirklichen zu können, verdient sie ihr Geld mit den unterschiedlichsten Berufen: als gefeierte Sopranistin, Journalistin und als Vortragsreisende in Sachen Feminismus. Sie heiratet zwar, aber besonders intensiv ist die Ehe nicht. Alexandra David-Néel zieht es weg von ihrem Mann und hinaus in die weite Welt. Sie ist eine eigenständige Frau, selbstbewusst, entschlossen und hartnäckig. Deshalb schafft sie es auch in den Himalaya und davon erzählt sie selbst in einer gelungenen Mischung aus Faktenwissen, Anekdoten und Einschätzungen. Gelungen ist dabei auch die neue Übersetzung: Der Reisebericht kommt nicht in altbackener Sprache daher, aber er verliert auch die besonderen Herausforderungen einer Himalaya-Reise vor einem Jahrhundert nicht aus den Augen. Der Text beschönigt ebenfalls nicht manche zweifelhafte Sichtweise von Alexandra David-Néel: Denn dass sie sich oft hat durchsetzen müssen, können ihre Erinnerungen nicht verheimlichen: So viel man in ihren Ausführungen über die nepalesische Geschichte und Mysthik lernen kann, so spannend ihre Berichte sind, so sehr sie die Fantasie jedes Natur- und Kulturliebhabers anregen, so sehr lernen wir auch eine bis an die Schwelle zur Ignoranz von sich selbst überzeugte Frau kennen, die schnell im Urteil ist - und durchaus hart. Der vermeintliche asiatische Fremdenhass wird gegeißelt, der Bildungsstolz und die orientalische Planlosigkeit belächelt. Ein bißchen gibt sich Alexandra David-Néel schon als besserer Mensch - wenngleich sie ihre eigene Kultur nicht als die einzig wahre preist. Zwar verurteilt die aufgeklärte Frau von Welt manche  "finsteren" Riten wie die traditionelle Witwenverbrennung, aber sie zweifelt nicht an der "Überlegenheit der spirituellen Werte" ihrer fernöstlichen Wahlheimat. 

Gertrude Bell in der Wüste

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 Ähnlich geht es Gertrude Bell. Auch sie steht in dem Ruf, überheblich gewesen zu sein. Tatsächlich hat sie wie Alexandra David Néel mit ihren vielen Talenten zu kämpfen, die ebenso viele Männer alt aussehen lassen. Getrude Bell beherrscht die Sprachen und gesellschaftlichen Gepflogenheit des Morgen- und des Abendlands gleichermaßen perfekt. Sie weiß sich in den feinen Londoner Salons ebenso zu bewegen wie in den Wüstenzelten der Beduinen - dabei sind beide Begegnungsorte eindeutig von Männern dominiert. Die Araber können ndamit beinahe besser umgehen als die englischen Herrschaften daheim - in der Wüste ernennt man sie kurzerhand zum "Mann ehrenhalber". Solche Informationen sind nötig, um Gettrude Bells Erinnerungen an ihre Zeit als Wüstenreisende und Archäologin verstehen und lesen zu können.

Lizenziert unter Gemeinfrei
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Deshalb haben die Editoren wie bei Alexandra David-Néel auch hier den Memoiren eine einordnende biografische Einleitung  vorangestellt. Dieses Konzept überzeugt. Der Leser hat die Chance, die Protagonistin erst mal kennenzulernen (nicht zu lang, nicht zu kurz), ehe er mit ihr auf eine Reise durch syrische Städte und Regionen geht, die wir heute fast nur noch aus Kriegsnachrichten kennen: Damaskus, Homs, Aleppo. Dass Gertrude Bell als Weltenwanderin für die Engländer im Ersten Weltkrieg auf geheimer diplomatischer Mission unterwegs war und unter anderem mit dem legendären Lawrence von Arabien verhandelt, mag vor der Lektüre überraschend sein, nachher verwundert es nicht mehr: Die "Wüstenkönigin" macht auf eindrucksvolle Weise klar, warum ihr dieser Ehrentitel zusteht. 

Nicht immer sind Arroganz und Überheblichkeit Ausdruck von schwierigem Charakter. Manchmal  lernt man aus ihnen auch etwas über biografische Hürden und Herausforderungen. Die Erinnerungen dieser beiden starken Frauen sind jedenfalls lehrreiche Lesezeitreisen an Orte, die heute wiederum in aller Munde sind. Und weil beide Bücher nicht nur gut, sondern auch schön sind, sind sie mein Weihnachtsgeschenk-Geheimtipp!

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Ignaz Semmelweis: Der Saubermann

Immer schön Hände desinfinzieren: Der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis hat jungen Müttern den Tod im Kindbett erspart...

Eugen Doby (1834-1907), lizenziert unter Gemeinfrei und Bild: 123RF (verlinkt)
Eugen Doby (1834-1907), lizenziert unter Gemeinfrei und Bild: 123RF (verlinkt)

Das Kind kommt. Zack, Puls hoch. Da kann alles tausendmal durchdacht und besprochen sein, geplant und vorbereitet. Trotzdem Aufregung, Vorfreude, auch ein paar Sorgen, eine Extremsituation wie eine Geburt ist ja nicht ungefährlich. Angst vor dem Kindbettfieber ist nicht dabei. Das ist das Verdienst von Ignaz Semmelweis. Der ist knapp 200 Jahre älter als meine zweite Tochter Karla, die vor zwei Wochen gesund und munter zur Welt gekommen ist. Semmelweis verdanken wir, dass sich Ärzte und Hebammen im Kreißsaal die Hände waschen und desinsfizieren. Das Eulengezwitscher stellt eine Biografie dieses Hygienepioniers vor - aus freudigem Anlass: auch Karlas Mama hat das Kindbett gesund und munter wieder verlassen...

Anna Durnová

In den Händen der Ärzte

Ignaz Semmelweis - Pionier der Hygiene

Erschienen im Residenz Verlag im März 2015. 248 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 22,90 €.


Biografie Ignaz Semmelweis

Ignaz Semmelweis hat es nicht leicht. Die Bedenken, die er vorbringt, müssen in den Ohren seiner Ärztekollegen wie blanker Hohn klingen: Die Geburtshelfer sollen dafür verantwortlich sein, dass so viele junge Mütter das Kindbett nicht mehr verlassen? Das tückische Fieber soll auftreten, weil sich die Mediziner nicht die Hände waschen? Grober Unfug! Man tut doch alles, um die unwürdigen Umstände zu beenden, unter denen vor allem unverheiratete Frauen noch im 19. Jahrhundert buchstäblich in der Gosse gebären müssen. Man hat Kliniken gegründet, um die medizinischen Standards zu heben - und man feiert sich dafür. Und da kommt dieser ungarische Quacksalber Semmelweis daher und macht all das madig?

Semmelweis hat allen Grund. Er hat erst zufällig und dann immer wieder beobachtet, wie schnell sich die bislang nicht als Krankheitserreger bekannten Bakterien ausbreiten und eben jene Fieberschübe auslösen, die beinahe jede dritte (!) junge Mutter dahinraffen. Semmelweis schlägt vor, die Hände vor jeder Untersuchung mit Chlorkalck zu desinfizieren. Zeitverschwendung, ätzen die vielen Kollegen, die ihn nicht ernst nehmen (wollen). Semmelweis wird grantig, sieht sich mehr und mehr isoliert, verbittert und stirbt schließlich 1865 im Irrenhaus. Seine Zeitgenossen hat er nicht überzeugen können, die Medizingeschichte dagegen (Gott sei Dank) schon.

Buchbesprechung 

Die Autorin Anna Durnová schickt ihrer Biografie über Ignaz Semmelweis selbst den Bewertungsmaßstab voraus, die die Leser anlegen soll. Das macht stutzig, weil es ein wenig selbstimmunisierend wirkt und Kritik deutlich erschwert. Dabei ist ihre Zielsetzung durchaus nachvollziehbar und sinnvoll: Sie möchte auf die nach wie vor immense Bedeutung von Hygienefragen im Gesundswesen hinweisen und dabei die komplexen Wechselwirkungen von Forschung, Praxis und Politik erhellen. Das ist ehrbar, denn Anna Durnová ist von Hause aus Politikwissenschaftlerin und hat sich mit beachtlichem Erfolg ins medizinische Fachwissen eingearbeitet. Aber der Text ist eben auch näher an der Wissenschaft als am breiteren Publikum, für das sie nach eigenem Bekunden schreiben will. Sie erreicht Fachkundige und von vorne herein am Sujet interessierte Leser mit ihrem zurückhaltenden Schreibstil und einer nüchternen und abwägenden Darstellung. Das weckt und schärft das Bewusststein für die vielen (teils widersprechenden) Perspektiven und Argumente, die in der medizinischen Hygienediskussion eingenommen werden können - insofern: Ziel erreicht. Allerdings hat Anna Durnová darüber das biografische Potential, das in der tragischen Lebensgeschichte von Ignaz Semmelweis durchaus steckt, nicht ganz ausgeschöpft. Sie hätte ihre eigenen Ziele auch mit einer lebendigeren und packenderen Sprache erreichen können. Sie hätte näher an den Menschen Semmelweis heranfahren können, ohne ihrem "Fall Semmelweis" weniger gerecht  werden zu müssen.

Übrigens: Dieser Text ist über intensiven Diskussionen mit Karlas Oma, einer promovierten Medizinerin, entstanden...

Max Weber: Vater der Sozialwissenschaft

Zum 150. Geburtstag von Max Weber hat Jürgen Kaube eine Biografie über sein Leben zwischen den Epochen vorgelegt.

http://web.archive.org/web/20070312115641/http://www.staff.uni-marburg.de/~kaesler/max.html). Lizenziert unter Gemeinfrei
http://web.archive.org/web/20070312115641/http://www.staff.uni-marburg.de/~kaesler/max.html). Lizenziert unter Gemeinfrei

Max Weber ist eine epochenübergreifende Instanz der Sozialwissenschaften. Heute vor 150 Jahren ist er geboren worden. Nach wie vor zählen seine Analysen über die protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus, über Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zum soziologischen Standardrepertoire. Theoretische Figuren wie der Idealtypus und Überlegungen zur Objektivität sozialwissenschaftlicher Erkenntnis haben nach wie vor hohes Gewicht. Webers Werk ist monumental - und großteils posthum erschienen. Wer der Mensch hinter dem Vielschreiber war, das hat sich schon seine Frau Marianne gefragt: "Ist das ein wiedererstandener Recke aus den Wäldern Germaniens, dem eine unkriegerische Epoche statt des Speers die Feder in die Hand gedrückt hat?" Zum Geburtstag des Gesellschaftsforschers hat der FAZ-Feuilleton-Redakteur Jürgen Kaube eine Biografie vorgelegt, die spannende Einsichten in ein Leben zwischen den Epochen gewährt.

Jürgen Kaube

Max Weber

Ein Leben zwischen den Epochen

Erschienen  bei Rowohlt im Januar 2014. 496 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe ca. 26,95€.


Webers Leben ist kurz, er wird nur 56 Jahre alt. Dennoch ist die Zeit zwischen 1864 und 1920 von gesellschaftlich und politisch epochalen Veränderungen und Umstürzen geprägt. Erst erschüttern, dann zerschmettern sie das Fundament der bürgerlichen Gewissheiten, auf dem Webers Leben gründet:  Urbanisierung und industrielle Revolution, Gründung des Deutschen Kaiserreichs und Untergang der Monarchie, Kulturkrieg und Weltkrieg -  mit all' diesen Phänomenen wird sich Weber später wissenschaftlich auseinandersetzen. Auf seinem Weg zum Universialgelehrten hat er also keine Zeit zu verlieren. Sehr früh beginnt er, exzessiv zu lesen und es sind keine Kinder- oder Jugendbücher, die er verschlingt. Auf dem weihnachtlichen Gabentisch des Vierzehnjährigen stapeln sich wissenschaftliche Wälzer aller Disziplinen: darunter eine Griechische Geschichte, eine Abhandling über Cicercos Freunde und ein Klassiker über die Wanderung der Kulturpflanzen und Haustiere in Europa.  Jürgen Kaube versteht es glänzend, Webers vielseitigen Wissendrang zu veranschaulichen: Er nimmt sich die Zeit, die einzelnen Bücher vorzustellen, die der junge Weber gelesen und kommentiert hat. Kaube stellt Weber somit nicht nur als Spross aus gutem Hause vor, sondern öffnet gekonnt die Tore zu seinen geistigen Wurzeln und zeichnet ein lebendiges Bild der Zeiten, in der Weber aufwächst, wirkt und stirbt. Gekonnt verwebt Kaube den kulturhistorischen Hintergrund mit Webers biografischem und wissenschaftlichen Werdegang in einer fundierten und dichten, aber dennoch leicht lesbaren Erzählung. Dabei geizt er nicht mit (frühen) Urteilen: 

Max Weber ist der typische deutsche Gelehrte, was seinen Fleiß, seinen Stil und seine Fußnoten angeht - und ein "Wutbürger", stets geladen gegen seine Zeitgenossen, streitsüchtig, herrisch.

Vorurteile sind es indes nicht, die Kaube aufstellt oder auffrischt. Er wahrt die gebotene Distanz zu seinem Protagonisten. Das ist in Webers Fall beinahe eine eine Frage des Selbstschutzes, denn je länger sein Leben dauert  (und mit ihm das Buch), desto gefährlicher werden die Untiefen, die sich auftun. Kaube zeigt Weber in eigenen und fremden Zeugnissen als getriebenen, gereizten und (sexuell) gehemmten Mann, der zum Zeitpunkt seines Todes oder kurz danach völlig gescheitert scheint. Der Weg dahin ist voller Überraschungen, da Weber aus einer ideell wie materiell hervorragenden Position ins Leben startet und posthum als sakrosankter Gründervater der Sozialwissenschaften verehrt wird. Im Studium sind Mensuren ein fester Bestandteil in Webers täglichem Stundenplan. In der Studentenverbindung stellt er seine später berüchtigte Trinkfestigkeit unter Beweis. Der furiose Start ins Berufsleben - Weber wird mit nur 29 Jahren Professor wird für Nationalökonomie - entpuppt sich als glückliche Episode in einem zunehmend zerrütteten und von der Arbeit erdrücktem Leben: Webers eigene Ochserei gleicht der der ostelbischen Bauern, denen er in einer frühen Studie eine straffe, pflichtgemäße, das ganze Leben umspannende Anspannung der Arbeitskräfte attestiert. Daran zerbricht Weber. 

Zunächst mochte Weber seine eigene Nervosität, seine gehetzte und überarbeitete Existenz als bloße Teilhabe an einer  Zeiterscheinung vorgekommen sein. Denn  das Zeitalter selbst wurde damals als "nervös" charakterisiert, die Nervenschwäche und der Nervenzusammenbruch galten als "die Krankheit unserer Zeit". Gemeint waren Folgeerscheinungen der industrialisierten, urbanisierten und technischen Zivilisation, die zu Reizüberflutung, Termindruck, beschleunigter Kommunikation, Verzettelung im Alltag und "tierischer Arbeitsamkeit" (Robert Musil) geführt habe.

Ohne explizit darauf verweisen zu müssen gelingt es Jürgen Kaube immer wieder, aus Webers Lebensgeschichte und seinen Lebensumständen aktuelle Bezüge herzustellen. Passagen wie diese regen dazu an, in der Reflektion vergangener Epochen über die eigene Zeit nachzudenken. Die Globalisierung (und ihre Schattenseiten) sind für Kaube jedenfalls eine nur vermeintlich originäre Erfahrung der vergangenen beiden  Jahrzehnte. Für Max Weber beginnt nach dem Zusammenbruch eine neue Phase der Rastlosigkeit: Er zieht sich aus der Universität zurück und reist kreuz und quer durch Europa. Halt und Unterstützung bietet ihm seine Frau Marianne, die zu ihrem Mann hält, auch wenn rätselhafte Symptome (unter anderem unfreiwillige Samenergüsse) die Ärzte zusehends ratlos machen. Dabei führen die Webers eine Gefährtenehe, mit der sich komplizierte Beziehungen zu anderen Frauen verflechten (Marianne, Else und Minna kennen sich). Neben der einfühlsamen, aber nicht eindringlichen Auseinandersetzung mit Webers Privatleben kommt auch sein breites wissenschaftliches Werk in Kaubes Biografie nicht zu kurz. Er stellt es in einen wiederum überraschenden Zusammenhang zum Webers Leben:

Er stößt durch Forschung auf das, was ihn umtreibt, und erforscht nicht umgekehrt, was ihn innerlich beschäftigt.

So facettenreich ist die Zeit, in der Max Weber lebt und aus der er seine wissenschaftlichen Impulse empfängt, sosehr ist die Gesellschaft im Wandel, dass sein schriftstellerisches Schaffen in einer Fülle aus mehr oder weniger langen An- und Aufsätzen zu den verschiedensten Themenkomplexen  aufgeht. Außer der Disseration und der Habilitation legt Weber jedenfalls zu Lebzeiten kein Buch vor. Auch darin mag sich das Hin- und hergerissensein spiegeln, das Webers Leben kennzeichnet. Erst posthum wird das Opus Magnum "Wirtschaft und Gesellschaft" veröffentlicht, erst nach Webers Tod entfaltet sich die Wirkung seines Werkes. So hat beispielsweise der bedeutende Systemtheoretiker Talcott Parsons bei Weber in Heidelberg studiert, der wiederum zu den Lehrern von Niklas Luhmann und Richard Münch zählt. Insofern lässt sich zuspitzend festhalten, dass Weber in der Wissenschaft erfolgreich und im Leben gescheitert ist.

Jürgen Kaube hat mit seinem fundierten Buch über Max Webers Leben zwischen den Epochen selbst eine epochale Biografie vorgelegt: Der routinierte Feuilletonist lässt nicht nur den Menschen Max Weber neben sein Werk treten, sondern erinnert in moderner und geschliffener Sprache an eines der spannendsten Kapitel deutscher Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Das ist biografisches Edutainement auf höchstem Niveau.

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Konrad Lorenz: Der Vater der Graugänse

Konrad Lorenz (1908-1989) war ein österreichischer Zoologe

Gerbil. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Gerbil. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Er war der Vater der Graugänse: Konrad Lorenz.  Als "Einstein der Tierseele" (DER SPIEGEL) revolutioniert er die Verhaltensforschung im Grau(gans)bereich zwischen Natur und Wissenschaft mit seiner Zoologie zum Anfassen: Wenn Konrad Lorenz fröhlich schnatternd den Gänsemarsch zum See anführt und mit seinen Küken planscht, ist die Begeisterung groß. Aber Lorenz kann auch anders: Als strammer Darwinist redet er guten Gewissens den Nationalsozialisten das Wort. Diesen Makel wird selbst der spätere Nobelpreisträger nicht mehr los.

Die Wissenschaft ist Konrad Lorenz in die Wiege gelegt. Sein Vater Adolf ist ein weltberühmter Orthopäde. Für seine neuartige (weil unblutige) Behandlung von angeborenen Hüftgelenksverrenkungen bekommt er beinahe selbst den Nobelpreis. Adolf Lorenz ist es auch, der seinem jüngsten Sohn von Anfang an klarmacht, dass nur der Stärkere überlebt. Als Konrads Mutter kurz vor der Geburt eine Embolie erleidet, befürchtet man das Schlimmste. Nur der Vater bleibt kühl: "Das Neugeborene muss imstande sein, das extrauterine Leben zu ertragen, oder es stirbt besser." Das dumpfe Gefühl, kein vollwertiges Kind zu sein, bleibt Konrad lange erhalten - obwohl er kerngesund ist. Auf dem Landsitz seines Vaters entdeckt er früh sein Interesse daran, Vögel, Fische und Insekten zu beobachten. Nach dem Abitur studiert er zuerst Medizin (für den Vater), dann wendet er sich der Vogelkunde zu (für sich). Seine akademischen Lehrer erkennen und fördern die immense Begabung von Konrad Lorenz - unter anderem mit einem Stipendium.

Mittlerweile hat Hitler die Herrschaft an sich gerissen. Den neuen Machthabern bleibt nicht verborgen, dass Lorenz bereits vor dem Anschluss Österreichs die Werbetrommel gerührt hat: "Schon lange vor dem Umbruch war es mir gelungen, sozialistischen Studenten die biologische Unmöglichkeit des Marxismus zu beweisen und sie zum Nationalsozialismus zu bekehren." Lorenz wird zu einem Paradeprofessor des Regimes  (in Königsberg). Wie sein Vater glaubt er an die natürliche Überlegenheit des Stärkeren. Zwar studiert er nach wie vor das Tierreich, aber auch mit der menschenverachtenden Rassenideologie hat er kein Problem:


"Das immer von neuem mögliche Auftreten von Menschen mit Ausfällen im arteigenen sozialen Verhalten bildet eine Schädigung für Volk und Rasse, die schwerer ist als die einer Durchmischung mit Fremdrassigen," schreibt Lorenz 1940, "denn diese ist wenigstens als solche erkennbar und nach einmaliger züchterischer Ausschaltung nicht weiter zu fürchten." Nach Kriegsende geraten sowohl Lorenz als auch seine Äußerungen zunächst in Vergessenheit. Aus ihr befreit sich der wort- und tatgewaltige Lorenz zuerst. 1949 gründet er im heimatlichen Altenberg sein "Institut für vergleichende Verhaltensforschung" und bringt sich mit einer Reihe von populärwissenschaftlichen Büchern wieder ins Gespräch.


Konrad Lorenz sucht die Öffentlichkeit und die öffentliche Anerkennung. Er erklärt nicht nur die Prägung, das Verhalten und das Empfinden von Graugänsen, sondern schreibt über die Beziehungen zwischen Menschen und Hunden, über das sogenannte Böse und über die Todsünden der zivilisierten Menschheit. In Radio- und Fernsehbeiträgen avanciert er zu Österreichs oberstem Naturlehrer, der auch gerne mal Anekdoten aus seinem  Leben erzählt: 

Foto: Max-Planck-Gesellschaft, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated
Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen

Der Medizin-Nobelpreis 1973 (gemeinsam mit Nikolaas Tinbergen) kommt nicht unerwartet, ist aber höchst willkommen. Aber genau in diesem Moment, der den Höhepunkt seiner Karriere markieren soll, erinnert man sich auch wieder der im NS-Jargon verfassten Schriften. Konrad Lorenz ist genervt, schiebt seine Formulierungen auf den Geist der Zeit und will ansonsten mit diesem Teil der eigenen Vergangenheit nichts mehr zu tun haben. Das sehen die Medien natürlich anders. Der niederländische Journalist Jules Huf provoziert Lorenz gezielt. "Es gibt doch kein minderwertiges Menschenmaterial." Darauf Lorenz: "Doch!" Huf setzt nach: "Ein Mensch ist doch niemals minderwertig." Der frischgekürte Nobelpreisträger: "Das würde ich leugnen." Zwar bezieht er sich mittlerweile auf ethische und soziale Minderwertigkeit, aber es bleibt dabei, dass Lorenz an bestimmte Überzeugungen nicht rührt. Allenfalls überdenkt er gewisse Formulierungen. Das muss die wissenschaftliche Gesamtleistung nicht schmälern, aber es bleibt ein Teil der Erinnerung an den Naturforscher, der heute vor 25 Jahren gestorben ist.

Galileo Galilei: Der Sonne-, Mond- und Sternegucker

Galileo Galilei (1564-1648) war ein Universalgelehrter der Renaissance

"Und sie bewegt sich doch": Galileo Galilei lehrt in Padua. Gemälde: Félix Parra (1845 - 1919), Lizenz: Gemeinfrei
"Und sie bewegt sich doch": Galileo Galilei lehrt in Padua. Gemälde: Félix Parra (1845 - 1919), Lizenz: Gemeinfrei

Er war ein Fern-Seher: Galileo Galiei. Der praktisch veranlagte italienische Mathematiker (geb. 1564) erkennt schnell den Wert der gerade neu erfundenen Fernrohre. Weiter blicken können als das bloße Auge es vermag: das ist ein echter Kick für den  wichtigsten Naturwissenschaftler der Renaissance.

Galilei zeigt die Jupiter-Monde, Lizenz: public domain
Galilei zeigt die Jupiter-Monde, Lizenz: public domain

Nur die Leistung ist ihm noch zu schwach. Galilei macht sich daran, die bislang erreichte dreifache Vergrößerung zu verbessern. Mit guten Verbindungen ins glasverarbeitende Gewerbe, mit unerhörten Ansprüchen an Material und menschliche Handwerksfertigkeiten und mit unermüdlichem experimentellen Eifer vervielfacht er die Leistungen der Linsen. Das Resultat kann sich sehen lassen - und lässt sehen: Galileio Galilei richtet sein Fernrohr in die Dunkelheit des Weltalls und entdeckt vier neue Himmelskörper - die Jupitermonde. Zu Ehren der einflussreichen Medici-Dynastie aus Florenz (wo er gerade lebt und lehrt), nennt er sie die Mediceischen Gestirne. Das kommt an. Weltliche Unterstützung braucht der Vernunftmensch Galilei, der ganz auf seine Sinneswahrnehmung und seinen Verstand setzt, je weiter er sich aus dem Forscherfenster lehnt.

Lizenz: Gemeinfrei
Lizenz: Gemeinfrei

Seine Wissenschaftlerkarriere hat früh und unverfänglich angefangen. Schon als junger Mann wird er an verschiedenen Universitäten auf mathematische Lehrstühle berufen. Rasch zeichnet sich seine Forschung durch hohen Praxisbezug aus. Einer der es wissen muss, der Physikerphilosoph Carl Friedrich von Weizsäcker, adelt seine Leistungen: "Indem Galilei die Wissenschaft der Mechanik begründete, brachte er die Mathematik auf die Erde herab." Solange seine wissenschaftliche Neugier halbwegs bodenständig bleibt und sich beispielweise auf die Fallgesetze und Versuche auf der Schiefe Ebene richtet, lässt ihn auch die Katholische Kirche gewähren.

Titelei des Galileischen Dialogs, Lizenz: public domain
Titelei des Galileischen Dialogs, Lizenz: public domain

Als sich Galilei anschickt, das geschasste und verbotene kopernikanische heliozentrische Weltbild zu rehabilitieren, ist die Inquisition auf Habacht. Für die Ketzerjäger ist es inakzeptabel, dass nicht die Erde, sondern die Sonne den Mittelpunkt des Universums ausmachen soll. Alles hat sich um die Erde zu drehen, die im 16. und 17. Jahrhundert noch weitgehend in Kirchenhand ist. Dass der europaweit beachtete Universalgelehrte nun vorsichtig das Gegenteil behauptet (vor allem im "Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme") will der Stellvertreter Gottes auf Erden nicht hinnehmen. Das würde der Bibel widersprechen und sei deshalb falsch. Anfangs gibt sich Galilei geschickt naiv: "Weil zwei Wahrheiten sich niemals widersprechen können, so ist es die Aufgabe der weisen Ausleger der Heiligen Schrift, sich zu bemühen, den wahren Sinn der Aussprüche herauszufinden..."

Galileio vor der Inquisition, Lizenz: gemeinfrei
Galileio vor der Inquisition, Lizenz: gemeinfrei

Aber das lässt ihm die Kirche nicht durchgehen. Sie macht ernst:. Wenn Galilei nicht widerrufe, drohe ihm das Schicksal Giordano Brunos: Den hatte die Inquisition dreißig Jahre zuvor als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil er nicht eingeknickt war. Galileo, mittlerweile alt und krank, will kein Märthyrer sein. Insgeheim weiß er ja, dass sich Wahrheiten wie seine Wissenschaft nicht aufhalten lassen. Deshalb spielt er das Spiel der Kirche mit: "Daher schwöre ich mit aufrichtigem Sinn und ohne Heuchelei ab, verwünsche und verfluche jene Irrtümer und Ketzereien und darüber hinaus ganz allgemein jeden irgendwie gearteten Irrtum, Ketzerei und Sektiererei, die der Heiligen Kirche entgegen ist." Es ist ein Phyrrhussieg für die Inquistion und Kirche. 1992 wird Galilei rehabilitiert. Heute vor 450 Jahren ist der große Gelehrte geboren worden.

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Arnulf Baring: Streit, Kultur, Deutschland

Arnulf Baring legt seine autobiografischen Notizen vor

Foto: Tohma (talk). Lizenziert unter GFDL
Foto: Tohma (talk). Lizenziert unter GFDL

"Der Unbequeme" ist ein seltsam entrückter Titel für ein Erinnerungsbuch. Nicht minder merkwürdig ist der Untertitel: "Autobiografische Notizen". Für Arnulf Barings Memoiren ist das allerdings treffend gewählt. Der streitbare und umstrittene politische Professor ist angenehm unbequem: Baring zeigt, was viele Politiker gerne zeigen würden: klare Kante. Seine Memoiren (erschienen im Europa Verlag Berlin) sind auch eher drei ineinander greifende autobiografische Fragmente: Notizen zu prägenden Kindheits- und Jugenderinnerungen, zur Revue seines wissenschaftlichen Lebenswerkes und zu gegenwartsbezogenen Schlussfolgerungen aus seinem über Jahrzehnte gereiften politischen Denken.

Arnulf Baring

Der Unbequeme

Autobiografische Notizen

Erschienen im Europa Verlag Berlin im November 2013. 400 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 21,90 €.


Die Art und Weise, in der Baring dieses politische Denken äußert (vor allem zu deutschen Fragen), hat dem mittlerweile über Achtzigjährigen seit geraumer Zeit das Image des Querulanten eingebracht: Einen "greisen und enthemmten Historiker" hat ihn die tageszeitung genannt und sich über seine zeternde und lautstarke Streitkultur geärgert. Dabei übersehen Barings Kritiker, dass er solche Provokationen gezielt setzt: Wer nicht rückhaltlos für offene, kontroverse Debatten eintritt, legt die Axt an die Wurzeln  unserer Demokratie. Baring belässt es nicht bei allgemeiner Schelte. Er bezieht konkret Stellung zu aktuellen politischen Fragen:

Die sture Verbissenheit beispielsweise, die die Regierung bei immer neuen Euro-Rettungsschirmen zeigt, und ihre zur Schau gestellte Selbstsicherheit finde ich beängstigend. Man spürt den schwankenden Boden, bemerkt erschrocken, mit welcher fast schon totalitären Attitüde Abweichler unter Druck gesetzt werden. Es ist unfassbar, wie arrogant die Regierung Merkel, aber auch alle anderen Parteien, freie Aussprachen des Parlaments in dieser Schicksalsfrage der Nation unterbinden.

Baring weiß um die Wirkung solcher drastischer Worte - aber er fürchtet sie nicht. Das mag zwei biografische Ursachen haben. Zum einen ist der Politikwissenschaftler Baring ein intimer Kenner des Innenlebens von Regierungen. Zum anderen hat er in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs ganz andere Ängste kennen- und überwinden gelernt. Die Erinnerungen an diese beiden Lebensabschnitte zählen zu den stärksten Passagen von Barings Memoiren, während seine politischen und zeitgeschichtlichen Ausführungen zur Misere des Euro, zum Sozialstaat und zur politischen Kultur den eher zusammenfassenden Charakter bereits geäußerter Standpunkte tragen.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F038347-0030 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA
Bundesarchiv, B 145 Bild-F038347-0030 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA

In den Erinnerungen an die semibiografische Arbeit über Walter Scheel ("Machtwechsel"), die zu einer detaillierten Untersuchung der sozialliberalen Regierung unter Willy Brandt geraten ist, zeigt sich Baring als scharfsinniger Analytiker von Politik und Persönlichkeiten. Zahlreiche Protagonisten der Bonner Republik (freundlich gesinnte und andere) charakterisiert er in jeweils wenigen Worten. Dabei beschränkt er sich in seinen Memoiren nicht nur auf Politiker, sondern porträtiert auch Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Kultur. Neben der kurzweiligen Zeitgeschichte der 1960er und 1970er Jahre sind sind es insbesondere die szenisch geschilderten Eindrücke aus dem brennenden Dresden vom Februar 1945 (Baring ist zwölf Jahre alt), deren Eindringlichkeit beeindruckt:

Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001 / Hahn / CC-BY-SA
Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001 / Hahn / CC-BY-SA

Es ist unvorstellbar, welch ein Sturm entsteht, wenn eine große Stadt brennt. [...] Wir konnten uns kaum auf den Beinen halten. Fest eingehakt, um nicht fortgerissen zu werden, kämpften wir uns Meter für Meter vorwärts, unsere Köfferchen mit Ausweispapieren und dem Nötigsten an die Brust gepresst. [...] Brennende Balken vielen von den Dächern, Schornssteine kippten auf die Straßen, Mauern zerbarsten. [...] Dies war der Moment, in dem ich nicht mehr an den Führer glaubte, dem ich bis dahin noch kindliches Vertrauen entgegengebracht hatte.

Dieses Erwachen aus der Endsiegerwartung prägt Barings politisches Denken. Zeitlebens wird er sich Fragen nach der richtigen Vergangenheitsbewältigung stellen. Seine Anworten sind ihm in den autobiografischen Notizen so wichtig, dass er sie bereits im ersten Kapitel zur Sprache bringt und später nochmals aufgreift. Man möge doch deutsche Geschichte nicht auf die Katastrophe des Dritten Reiches verkürzen. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Baring beschönigt, verdrängt und leugnet nichts. Er will auch die Akten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nicht schließen - Aufklärung bleibt geboten. Aber der Umgang mit Hitler, so Baring, solle nicht länger von Selbsthass und Verdrängung des eigenen Leids geprägt sein. 

Es ist an der Zeit, unser beschädigtes Nationalgefühl zu überwinden und uns darauf zu besinnen, was uns in den besten Phasen unserer Geschichte ausgezeichnet hat: ein hohes, humanistisch geprägtes Bildungsbewusstsein, Innovationskraft, Unternehmergeist und die Wertschätzung freiheitlich-demokratischer Grundrechte. All das kann zu einem Patriotismus ohne Größenwahn und Großmannssucht beitragen.

Fazit: Der Unbequeme hat gesprochen. Selbst wenn man Barings Positionen nicht samt und sonders teilt, sind seine autobiografischen Notizen inspirierend. Sie verbinden klare und streitbare Analysen mit essayistischem Schwung. Dazu kommt, dass der "Professor für Plauderei" (so hat ihn seine Mutter genannt) wirklich etwas zu erzählen hat. Seine Erinnerungen sind ein wertvolles Stück deutscher Zeit- und Geistesgeschichte: spannende Lektüre nicht nur für Historiker und Politikwissenschaftler. 

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Steven Hawking: Von schwarzen Löchern und Lebensmut

Stephen Hawking erzählt seine kurze Geschichte

Foto: NASA. Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto: NASA. Lizenziert unter Gemeinfrei

"Meine kurze Geschichte" handelt vom Lebensgang eines außerordentlich begabten theoretischen Physikers aus England: Studium in Oxford, Promotion in Cambrigde, Postdoc, Professor. Dazu plaudert der zurückblickende Autor aus dem Nähkästchen, erzählt Episoden seiner Kindheit und Jugend, Anekdoten von Fachtagungen, von netten und weniger netten Kollegen, von akademischer Neugier und Forscherdrang, vom Warten auf den Nobelpreis. Das alles wäre für ein breites Publikum eher unspektakulär, wenn es nicht der weltberühmte Stephen Hawking wäre, der diese Memoiren im Rowohlt-Verlag vorgelegt hat.

Steven Hawking

Meine kurze Geschichte

Autobiografie

Erschienen bei Rowohlt im September 2013. 160 Seitenkosten in der gebundenen Ausgabe 19,99 € und als E-Book 16,99 €.


Warum Hawking der bekannteste Physiker unserer Tage ist, darüber geben seine Memoiren mehrdeutig Auskunft. Da sind einerseits seine fachlichen Arbeiten über die Strahlung von Schwarzen Löchern und Raumzeit-Krümmungen, die Hawking ausführlich (und mitunter für Laien zu kompliziert) zum Gegenstand seiner Autobiographie macht (u. a. in den Kapiteln 7 und 11-13). Es liegt auch daran, dass Hawking das Universum aus dem akademischen Elfenbeinturm befreit hat, um es dann populärwissenschaftlich zu erklären. "Eine kurze Geschichte der Zeit" und "Das Universum in der Nussschale" zählen zu den erfolgreichsten Sachbüchern aller Zeiten.

Foto: NASA, Lizenz: public domain
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Es gibt allerdings noch eine weitere Ursache für Hawkings Berühmtheit: seine schwere Behinderung. Eine Amyotrophe Lateralsklerose hat sein motorisches Nervensystem angegriffen, seine Muskeln geschädigt und ihn in einem quälend schleichenden Prozess fast vollständig bewegungsunfähig gemacht. Hawking kommuniziert über einen Sprachcomputer, den er wie seinen elektrischen Rollstuhl über Augenbewegungen und den Wangenmuskel steuert. Es ist diese perfide Mischung aus menschlicher Trägödie und Genie, die Hawking zu einer faszinierenden Persönlichkeit macht. Umso vielversprechender sind Erinnerungen an ein Leben zwischen diesen Polen. Dieser - vielleicht voyeuristischen - Erwartung  wird Stephen Hawking nur teilweise gerecht, denn er erzählt sein Leben als wissenschaftlichen Werdegang. Schon in der Schule habe man ihn Einstein gerufen.

Ich habe mich immer sehr dafür interessiert, wie Dinge funktionieren, und baute sie auseinander, um es herauszufinden, aber nur selten ist es mir gelungen, sie wieder richtig zusammenzusetzen. Meine praktischen Fähigkeiten haben nie mit meinem theoretischen Wissensdrang standgehalten.

Dieser Wissendrang geleitet Hawking zur Physik und verleitet ihn zu einem kühnen Lebensziel:

Von der Physik und der Astromomie durfte ich mir die Antworten auf die Frage erhoffen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Ich wollte die fernen Tiefen des Weltalls ergründen.

Lizenz: Rowohlt (http://www.rowohlt.de/fm/501/978-3-498-03025-4.jpg)

Einen Großteil seiner kurzen Geschichte verwendet Hawking darauf zu zeigen, wie konsequent er diese hochfliegenden Pläne verfolgt und inwieweit er sie umgesetzt hat. Wie er dabei sein körperliches Schicksal verkraftet und verarbeitet, gerät beinahe zur Nebensache. Schon bevor seine Erinnerungen beginnen, macht Hawking klar, dass die Behinderung nicht der Schlüssel zu seinem Leben sein soll. Das Buchcover (wie das gesamte Buch edel und ansprechend gestaltet) zeigt einen ausgelassenen, geradezu enthemmten Oxford-Studenten im Kreise seiner Kommilitonen. Von der sich schleichend anbahnenden körperlichen Katastrophe ist noch nichts zu sehen oder zu ahnen. Erst im zweiten Drittel des chronologisch geschilderten Lebensberichtes kommt er auf die Behinderung zu sprechen: Zunehmende Unbeholfenheit und unvermittelte Stürze führen zu einer Reihe von Untersuchungen mit schockierender Diagnose:

Die Erkenntnis, dass ich an einer unheilbaren Krankheit litt, an der ich wahrscheinlich in ein paar Jahren sterben würde, war ein ziemlicher Schock: Wie konnte mir das passieren. Doch während meines Krankenhausaufenthalts wurde ich Zeuge, wie ein Junge, den ich flüchtig kannte, im Bett gegenüber an Leukämie starb. Es war kein schöner Anblick. [...] Seither denke ich immer an diesen Jungen, wenn ich versucht bin, mich zu bemitleiden.

Ganz in diesem Sinn wendet sich Hawking schon nach wenigen Absätzen wieder der Wissenschaft zu - und seiner jungen Familie. Er heiratet Jane, die sich von der Einschränkung nicht abschrecken lässt. Bald bekommt die Familie Nachwuchs. Hawking berichtet von einem ganz normalen Leben. (Dass dazu auch wenig rühmliche Eheszenen und sogar zwei Scheidungen gehören deutet Hawking allerdings nur an). Die mehr oder minder gleichgültige Hinnahme der Behinderung wirkt nur kurz unglaubwürdig, denn Hawking erklärt sich:

"Wem ein früher Tod droht, der begreift, welchen Wert das Leben hat und dass es noch viele Dinge gibt, die man tun möchte."

Was Hawking nicht in Worte fassen kann, fasst er in Bilder: Tobende Kinder, die ihren bewegungsunfähigen Vater so annehmen, wie er ist. Auch Hawking hadert weder mit seinem Schicksal, noch verdrängt er es. Er nimmt es an und erkennt sogar Vorteile:

Ich brauchte keine Vorlesungen zu halten und keine Studienanfänger zu unterrichten, und ich musste nicht an langweiligen und zeitraubenden Institutssitzungen teilnehmen. Auf diese Weise konnte ich mich uneingeschränkt meiner Forschung widmen.

Wenn er je einen Kampf gegen seine Behinderung geführt hat, dann den, nicht auf sie reduziert zu werden. Er versichert sich und seinen Lesern, ein gutes und erfülltes Leben gehabt zu haben. Denn er gibt eine Maxime aus, die ihn selbst zeitlebens getragen hat:

Meiner Meinung nach sollten sich behinderte Menschen auf die Dinge konzentrieren, die ihnen möglich sind, statt solchen hinterherzutrauern, die ihnen nicht möglich sind. [...] Falls ich ­etwas zum Verständnis unseres Universums beitragen konnte, wäre mein Glück vollkommen.

Faizt: Es lohnt sich, Hawkings kurze Geschichte als praktisches Vorbild für diese Maxime zu lesen: Persönliches Glück hängt nicht von unbeeinflussbaren Schicksalsschlägen ab. Selbst wer nicht körperlich beeinträchtigt ist, kann ihr etwas abgewinnen. Denn nicht jede Behinderung ist für andere sichtbar wie Hawkings Amyothrophe Lateralsklerose. Stephen Hawkings kurze Lebens-Geschichte hat länger gedauert, als es seine ratlosen Ärzte in den 1960er Jahren vermutet hatten. Insofern ist der Buchtitel nicht nur eine Anspielung auf die kurze Geschichte der Zeit. Er karikiert auch voreilige düsterte Prognosen. Das macht Mut - eine nicht zu unschätzende Leistung von Hawkings Memoiren.

Wer sich allerdings eher dem physikalischen Lebenswerk von Steven Hawking nähern will, der ist bei seinem Biografen Hubert Mania besser aufgehoben.

Hubert Mania

Stephen Hawking

Biografie

Erschienen in der Reihe Rowohlt E-Book-Monographien im Oktober 2013. 160 Seiten kosten 3,99 €.


Denn wer A wie Autobiografie sagt, der tut selten schlecht daran, auch B wie Biografie zu sagen. Im Fall von Stephen Hawking lohnt sich das allemal, da Hawkings kurze Geschichte mitunter recht rasch komplexe physikalische Zusammenhänge umreisst. Hubert Mania, dessen Hawking-Biografie in der Reihe Rowohlt E-Book Monographien  erschienen ist, nimmt da schon mehr Rücksicht auf interessierte Laien. Fachlich fundiert und in lebendiger Sprache ordnet Mania Hawking in die Reihe der großen Universumsforscher ein. Unterhaltsam, bisweilen gekonnt komisch sind die Beispiele, anhand derer er schwierige Phänomene wie den Blick in die Vergangenheit erklärt:

Wenn Sie selbst in diesem Augenblick in die Sonne schauen, sehen Sie das Licht, das sie einige Zeit zuvor abgestrahlt hat. Würde unser Zentralgestirn in diesem Augenblick explodieren, könnten Sie also in aller Ruhe noch acht Minuten und zwölf Sekunden weiterlesen, bevor Sie das grandioseste Feuerwerk aller Zeiten erlebten.

Manias Biografie über Hawking ist ein starkes Buch über die Erforschung des Universums, aber sie ist im eigentlichen Sinn keine Biografie. Während ihm ein Husarenritt durch mehrere Jahrhunderte Wissenschaftsgeschichte ohne sichtbare Mühen gelingt, bericht der Biograf wenig mehr über das Leben von Stephen Hawking, als der selbst von sich preisgegeben hat, beispielsweise in der vielzitierten Veröffentlichung Einsteins Traum (ebenfalls Rowohlt) oder in der TV-Dokumentation Master of the Universe. Bei allen gewitzten Erklärungen und einem kurzweiligen Erzählstil lässt es Hubert Mania damit zuweilen an der gebotenen Distanz zu seinem Protagonisten fehlen. Mitunter folgt der Selbstdeutung Hawkings allzu unkritisch. Das bezieht sich allerdings überwiegend auf das Privatleben, das - ob nun zurecht oder nicht - in dieser Biografie keine herausgehobene Bedeutung erfährt.

Fazit: Hubert Mania gelingt es auf unterhaltsame Weise, auch Laien für Physik zu gewinnen, die er außerdem plastisch erklärt. 

Noch ein Wort zum Format, das ein echter Gewinn ist: Die Bände der Reihe rororo monographien sind echte Klassiker im Biografien-Regal. In der bewährten broschürten Variante ist es Tradition, die Protagonisten in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten darzustellen. Das neue Format der Rowohlt E-Book-Monographien verzichtet auf die Bebilderung, kompensiert dies aber durch den sinnvollen (und nicht überzogenen) Gebrauch der technischen Möglichkeiten elektronischen Lesens (u. a. Verlinkungen und Verweise). Die elektronische Neuauflage ist überzeugend gelungen und eine echte Bereicherung im Biografien-Spektrum.

Rezensionen weiterzwitschern:

Ulf Merbold: Der Deutsche im All

Der erste Westdeutsch im All: Ulf Merbold (2. v. r.) und die Crew der Weltraummission STS-9 sind guter Dinge. Foto: NASA, Lizenz: public domain
Der erste Westdeutsch im All: Ulf Merbold (2. v. r.) und die Crew der Weltraummission STS-9 sind guter Dinge. Foto: NASA, Lizenz: public domain

Er war der erste Westdeutsche im Weltall: Ulf Merbold. Dabei ist Merbold 1941 in Thüringen geboren und in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Früh interessiert er sich für die Naturwissenschaften und speziell für die Physik. Studieren darf er allerdings nicht, weil er nicht der Freien Deutschen Jugend (FDJ) angehört. Kurz bevor die DDR-Oberen um Walter Ulbricht Beton anmischen und die Berliner Mauer hochziehen, zieht es Ulf Merbold in den Westen. Dort muss er zwar nochmal sein Abi machen, aber dann ist der Weg frei für die Physik. Merbold studiert erfolgreich, macht seinen Doktor und heuert beim Max-Planck-Institut für Metallforschung an, wo Forscherträume in Erfüllung gehen. Merbold aber will noch höher hinaus.

Als er in der Frankfurter Allgemeinen über eine Stellenanzeige der europäischen Weltraumbehörde ESA stolpert, will er „Wissenschaftler im Weltraumlabor“ werden. Damit ist er nicht allein. Über 2000 Bewerbungen gehen bei der ESA ein - aber am Ende ist es Merbold, der mit der NASA-Mission STS9 (Space Transportation System) ins All darf. Am 28. November 1983 - heute vor 30 Jahren - erlebt Merbold erstmals die für ihn "sinnliche Erfahrung" eines Raketenstarts. Als Wissenschaftler experimentiert er im Weltraumlabor Spacelab und sammelt wertvolle Daten. Wer aber glaubt ein Vollblutforscher wie Merbold habe keinen Sinn für Romantik, der irrt. In der Zeitschrift Stern (gegründet von Henri Nannen) wird der Festkörper-Physiker beinahe zu einem Reisedichter des Raumfahrtzeitalters: "Die Sonne leuchtet aus einem rabenschwarzen Himmel. Die Erde ist von einem königsblauen Saum aus Luft umgeben." Den Weg in die Schwerelosigkeit des Orbits schildert Merbold dagegen ganz unverblümt:

"Die ersten zwei Minuten fühlen sich an, als würde man ungefedert über Bahnschienen brettern." Weder solche körperlichen Strapazen, noch die Lebensgefahr bei der Landung (zwischenzeitlich fallen die Computer aus) halten Merbold davon ab, noch zweimal zu Weltraummissionen aufzubrechen - einmal sogar im Rahmen einer russischen Mission. Beim Blick aus der winzigen Kapsel auf die Erde hat Merbold gelernt, dass das All Raum für Völkerverständigung: bietet: "Von oben sieht man keine Grenzen."


Deshalb hat er, der Astronaut,  sich auch nie als Konkurrent des DDR-Kosmonauten Siegmund Jähn gesehen, der fünf Jahre vor ihm im Orbit war; und deshalb stellt er seine Erfahrungen und Dienst seit über zwei Jahrzehnten in den Dienst des Europäischen Astronautenzentrums.  Dort arbeitet er an europäischen Weltraumprojekten - und träumt von einer Mars-Mission.

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Alfred Nobel: Sprengstoff und Stiftung

Verwendung mit freundlicher Genehmigung von http://www.nobelprize.org/
Alfred Nobel (Foto: © ® The Nobel Foundation)

Er ließ es krachen: Alfred Nobel. Der schwedische Chemiker hat das Dynamit erfunden und ein Vermögen mit Sprengstoffen gemacht. Hochexplosiv ist auch Nobels letzter Wille. Er, der sich zeitlebens aus seinem vielen Geld wenig macht, stiftet sein Erbe dem Fortschritt der Menschheit: "Das Kapital, von den Testamentvollstreckern in sicheren Wertpapieren realisiert, soll einen Fond bilden, dessen jährliche Zinsen als Preise denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben." Die renommierten Nobelpreise werden seit 1901 in fünf Kategorien vergeben: Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Völkerverständigung (Frieden). Alfred Nobel hat die Kategorien selbst ausgewählt. In ihnen spiegelt sich nicht nur der sein Forscherdrang, sondern auch seine Sehnsucht nach fantasievollen Bücherwelten und nach einem friedlichen Miteinander aller Menschen.

The Nobel Prize medal design mark is a registered trademark of the Nobel Foundation.
Foto: © ® The Nobel Foundation

Diese philosophische Seite ist Alfred (geb. 1833) nicht in die Wiege gelegt - ganz anders als die Tüftler-Qualitäten. Schon der Vater experimentiert mit Sprengstoffen und legt mit seinen Firmen (erst in Schweden, dann in St. Petersburg) den erfinderischen und unternehmerischen Grundstein für ein Familienimperium. Solange die Russen Krieg führen, stehen Nobels Land- und Seeminen hoch im Kurs und das Geschäft brummt. Alfred kommt in den Genuss einer mehrjährigen Bildungsreise durch Europa und Amerika. Aber mit dem Frieden kommt - Ironie des Schicksals - auch der Bankrott und die Nobels müssen in Stockholm von vorne anfangen.

Alfred zieht sich ins Labor zurück. Er will das bislang unberechenbare Nitroglycerin zähmen und kontrolliert zur Explosion bringen. Aus zwei zündenden Ideen entstehen "Nobels Patent-Sprengöl" und "Nobels Patent-Anzünder", die bald industriell hergestellt werden.  Aber die Kinderkrankheiten der Sprengstoffproduktion haben verheerende Folgen. Immer wieder fliegen ganze Fabriken  in die Luft (unter anderem in Heleneborg und in Krümmel bei Hamburg). Selbst Alfreds jüngster Bruder Emil verliert bei einem solchen Unfall sein Leben. Nobel lässt sich nicht beirren. Er kennt das Risiko, dass er eingeht, um einen sicheren Sprengstoff zu entwickeln. Unermüdlich mischt er das gefährliche Nitroglycerin mit Sägespänen, gemahlenem Papier, Kohle, Gips und Zement, um es zu binden. Endlich findet er im Kieselgur (Kieselsäuremasse aus abgestorbenen Algen) das passende Beimischmaterial. Nobel sieht den friedlichen Einsatz des neuartigen Dynamits. Kohle- und Erzabbau, Tunnel- und Kanalbau. Aber auch die Militärs sehen seinen Nutzen - sehr zum Verdruss des Erfinders. Mit Bertha von Suttner, der Autorin des Romans "Die Waffen nieder!") pflegt er eine lebenslange Brieffreundschaft: In dieser Korrespondenz offenbart sich allerdings auch eine gewisse (gutmenschliche) Naivität.


"Ich möchte einen Stoff oder eine Maschine schaffen können", schreibt Nobel, "von so fürchterlicher, massenhaft verheerender Wirkung, dass dadurch Kriege überhaupt unmöglich würden." Mit dem Friedensnobelpreis, der in diesem Jahr an die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) geht, hat Nobel sicherlich einen nachhaltigeren Beitrag zur Völkerverständigung geleistet. Heute, am 21. Oktober 2013 wäre Alfred Nobel 180 Jahre alt geworden.

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Steve Jobs: Der Entdecker der iWelt

Steve Jobs präsentiert das iPhone 4 (Foto: Matthew Yohe, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)
Steve Jobs präsentiert das iPhone 4 (Foto: Matthew Yohe, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Er hat die iWelt erschaffen: Steve Jobs. Seine Geschichte ist ein gelebter amerikanischer Traum: Vom Hippie zum Hightech-Milliardär. Der Apple-Gründer wurde (und wird) wie ein Guru verehrt. Angefangen hat alles ganz anders: Niemand will Steve, als er 1955 geboren wird. Seine leiblichen Eltern geben ihn ab und auch die  auserkorenen Adoptiveltern wollen doch lieber ein Mädchen. So kommt Steve zu den Jobs. Paul Jobs ist ein Tüftler, der an Autos  genauso gerne schraubt wie an Elektrogeräten. Steve guckt ihm über die Schulter, wann immer er in seiner Garage werkelt. In dieser Garage in Paolo Alto im Silicon Valley erträumt Jobs die Zukunft der Computerindustrie. Seine Traumbeschleuniger sind Bob Dylan, der Zen-Buddhismus und LSD. Sein Traumverwirklicher ist sein bester Kumpel: Steve Wozniak, genannt Woz. Woz will nur spielen, am liebsten mit Schaltkreisen, Mikroprozessoren und Platinen. Er ist ein Genie, aber das weiß er (noch) nicht. Steve sieht es sofort. Wie ein moderner Alchimist bastelt Woz aus billigstem Material unschätzbare Werte wie die Blue Box. Damit trickst er die Telefongesellschaften aus und  kann kostenlos überall hin Ferngespräche führen (er ruft unter anderem beim Papst an und gibt sich als Henry Kissinger aus).


Der Apple I (Foto: Ed Uthman, Lizenz: CC-BY-SA 2.0)
Der Apple I (Foto: Ed Uthman, Lizenz: CC-BY-SA 2.0)

Eines schönen Tages zeigt der eine Steve dem anderen sein neuestes Baby: Einen Heim-Computer, den man mit ein wenig techischem Sachverstand an den Fernseher anschließen kann. Jobs wittert das große Geschäft. Er überredet Woz, seine Geniestreiche künftig nicht mehr mit den anderen Nerds aus dem Homebrew Computer Club zu teilen, sondern lieber mit ihm eine eigene Firma zu gründen (bislang hat Jobs bei Hewlett Packard und Atari gejobbt). Woz, der als Ingenieur eine sichere Stelle hat, ist skeptisch - wohl auch, weil er seinen teuren Taschenrechner verkaufen soll (jede Firma braucht schließlich Eigenkapital). Jobs vertickt seinen klapprigen VW-Bus. Dann zieht er los, um Aufträge und Kredite zu beschaffen. Der Bankanstellte im Kaufhausstangen-Anzug staunt nicht schlecht, wer da forsch und selbstbewusst ein 30.000-Dollar-Darlehen beantragt. Vor ihm steht ein zotteliger und leicht müffelnder Hippie (Jobs duscht nur einmal in der Woche). Außerdem ist er barfuß. Er erklärt, eine Serie von revolutionären Computern bauen zu wollen. Seine Ausstrahlungskraft besticht. Für einen Monat erhält er den Kredit. In diesen dreißig Tagen schrauben und löten Woz, Jobs und einige enge Freunde, was das Zeug hält. Steve hat auch den Computerhändler überzeugt und eine größere Bestellung organisiert. Der Grundstein des kleinen Start-Ups ist gelegt. 

Der Apple II (Foto: www.allaboutapple.com, Lizenz: CC-BY-SA-2.5-IT)
Der Apple II (Foto: www.allaboutapple.com, Lizenz: CC-BY-SA-2.5-IT)

Als Veganer mit einer Vorliebe für Äpfel fällt der neue Firmenname nicht weit vom Stamm: Apple. Beide Steves haben vorerst, was sie wollen: Der eine darf erfinden, der andere vermarkten. Schon das zweite Produkt bringt den Durchbruch. Der Apple II erobert mit seinen Diskettenlaufwerken und als Gesamtprodukt (Rechner, Tastatur, Bildschirm) den Computermarkt und macht seine beiden Väter zu vielfachen Millionären. Während sich Woz zufrieden zurückzieht, hat Jobs schon wieder neue Ideen und Visionen. Jetzt will er einen Computer mit Maus und grafischer Benutzeroberfläche auf den Markt bringen. Das ist zwar abgekupfert (bei Xerox), aber die Anderen erkennen das Potenzial ihrer Kreativität erst, als Apple damit seinen Siegeszug fortsetzt.

Der Macintosh (Foto:  Alexander Schaelss, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated)
Der Macintosh (Foto: Alexander Schaelss, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated)

Mcintosh heißt Jobs' Kampfansage an IBM, immerhin der Marktführer in Sachen Heim-Computer. Mit dem Macintosh erklimmt Jobs' Ruhmeshöhen, aus denen man unsanft fällt. Längst hat er mehr Feinde als Freunde bei Apple: Seinen selbstherrlichen und rücksichtslosen Führungsstil nimmt man ihm übel: Beleidigungen und Demütigungen, Verrat und  Ideenklau, Tobsuchtsanfälle und Entlassungen im Fahrstuhl - all' das fällt nun auf Jobs zurück. Zu allem Übel hat er beim Stellungskrieg gegen IBM eine neue Front sträflich vernachlässigt: Bill Gates und Microsoft gehen in die Offensive. Jobs fällt also, und er fällt tief:

Die obersten Apple-Manager tun sich zusammen und entmachten den Firmengründer. Aber ohne Jobs geht es auch nicht. Während Apple zusehends abbaut, gründet und kauft der Visionär 2.0 die nächsten Firmen (NeXT und Pixar) Nach kleineren Anlaufschwierigkeiten findet Jobs zurück in die Erfolgsspur - und zurück zu Apple. Denn Mitte der 1990er Jahre ruft der Konzern den verlorenen Vater zurück. Jobs kommt - und wie. Seine schöpferische Kraft ist ungebrochen. Das iZeitalter bricht an (i steht für Internet). Die neuen Apple-Produkte verschmelzen Technik und Kunst:


Der iPod wird zum Kultobjekt - iMac, iPhone und iPad sind es, noch ehe sie auf den Markt kommen. Vorgestellt werden sie von Steve Jobs persönlich. Die Präsentationen sind bis ins Detail geplante Rituale eines postreligiösen Glaubensbekenntnisses (siehe Clip):

Jobs mag sich als der göttliche Schöpfer fühlen, als der er sich inszeniert. Er ist es nicht. Im Oktober 2003 (vor zehn Jahren) ereilt ihn eine allzu menschliche Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Steve Jobs verliert den Kampf um sein Leben trotz mehrerer Operationen und einer Lebertransplantation. Am 5. Oktober 2011 ist der Apple-Gründer gestorben - heute vor zwei Jahren.

Steve Jobs' Biografie weiterzwitschern:

Rudolf Diesel: Der mysteriöse Motorenbauer

Rudolf Diesel, Lizenz: gemeinfrei
Rudolf Diesel, Lizenz: gemeinfrei

Er motorisierte die Welt: Rudolf Diesel. Geboren ist er 1858 in Paris, wo sein Vater mit Lederwaren handelt. Als zwölf Jahre später der deutsch-französische Krieg ausbricht (1870/71) wandern die Diesels weiter: die Eltern versuchen in London ihr Glück, Rudolf schicken sie zu Verwandten nach Augsburg. Dort stellt sich schnell heraus, dass er in Sachen Technik ein geschicktes Händchen hat. Die Gewerbeschule und die Industrieschule schließt er jeweils als Klassenbester ab. Spätestens jetzt ist klar: Rudolf will Ingenieur werden. Davon hält ihn selbst der Typhus nicht ab. Zwar hindert ihn die Krankheit daran, das Examen an der Technischen Hochschule München abzulegen, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Beim nächsten Prüfungstermin macht Diesel den besten Abschluss der Hochschulgeschichte, ehe die Eiszeit anbricht: Diesel entwickelt Kältemaschinen und baut eine Eisfabrik mit auf. 

Nach einigen Jahren taut er gewissermaßen wieder auf und wendet sich den Wärmekraftmaschinen zu. Nach einigen gescheiterten Experimenten kann Rudolf Diesel Anfang der 1890er Jahre endlich die lang ersehnten Forschungsergebnisse veröffentlichen: „Theorie und Construktion eines rationellen Wärmemotors zum Ersatz der Dampfmaschine und der heute bekannten Verbrennungsmotoren“ steht auf dem Titelblatt. Wer sich durch die sperrige Überschrift nicht abschrecken lässt und die Studie aufblättert, kann die gedankliche Geburtsstunde des Dieselmotors nachlesen. Mit freundschaftlicher und finanzieller Unterstützung der Maschinenwerke Augsburg und Nürnberg (MAN) tuckert bald darauf das erste Aggregat. Diesels Erfindung macht Furore. Im Lauf der nächsten Jahre werden erst Schiffe und dann Lokomotiven mit seinen Motoren ausgestattet (bis sie größenmäßig in Autos passen, dauert es aber noch ein wenig). Selbst der Treibstoff – günstiger als Benzin – wird nach Diesel benannt.


Der erste Dieswelmotor (Foto: Chris Thomas, Lizenz: gemeinfrei)
Der erste Dieswelmotor (Foto: Chris Thomas, Lizenz: gemeinfrei)

Aber der nunmehr weltberühmte Motorenbauer ein Problem. Er kann nicht haushalten und ist ein lausiger Unternehmer. Obwohl er zwischenzeitlich Millionen verdient, steht er am Ende vor dem Ruin. Das Ende selbst ist nebulös. Diesel geht bei einer Dampfschifffahrt über Bord. Die einen munkeln von Selbstmord. Diesel sehe keinen Ausweg aus dem drohenden wirtschaftlichen Bankrott. Andere argwöhnen, Diesel sei einem seiner Feinde zum Urteil gefallen. In Amerika habe beispielsweise John D. Rockefeller eine Rechnung mit ihm offen, denn dessen Treibstoff ist billiger als Rockefellers Petroleum. Ob Rockefeller zu Ohren gekommen ist, dass Diesel sogar bereits über Biosprit gedacht hat? Auf der anderen Seite des Atlantiks habe der Deutsche Kaiser Wilhelm II. Rudolf Diesel nach dem Leben getrachtet, weil der seine kriegstauglichen Motoren überall in Europa verkauft habe, und nicht nur in Deutschland. Alle diese Verschwörungstheorien sind nie nachgewiesen worden. Klar ist nur, dass Rudolf Diesel 29. September 1913 im Ärmelkanal ertrunken ist– heute vor 100 Jahren.

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Edward Said: Der arabische Humanist

Edward Said (links) und Daniel Barenboim (rechts). Lizenziert unter CC0
Edward Said (links) und Daniel Barenboim (rechts). Lizenziert unter CC0

Er war ein streitbarer Versöhner zwischen Orient und Okzident: Edward Said. Geboren 1935 in Jerusalem wächst Said als Sohn palästinenischer Christen in Kairo auf - jenseits aller kulturellen Grenzen: Er genießt die hervorragende Ausbildung einer der letzten kolonialen Eliteschulen, ehe er in Princeton studiert und in Havard promoviert. Dann zieht es Said in die Vereinigten Staaten. Seit Mitte der 1960er Jahre lehrt er an der Columbia University in New York Vergleichende Literaturwissenschaft. Seine Studie zum 'Orientalismus' (1978) ist ein Frontalangriff auf die britischen und französischen Nahostforscher. Der Vorwurf: Der Westen und seine Literaturwissenschaft würden arrogant und von oben herab auf den arabischen Raum und seine Kultur schauen. Said sieht darin eine literatische Spielart des Kolonialismus.

In aller Herren Länder streiten sich die Gelehrten um Saids Thesen - bis heute. Eine andere seiner Botschaften findet bald ihren Weg heraus aus dem akademischen Elfenbeinturm: Said will die Welt dafür sensibilieren, wie sehr die vertriebenen Palästinenser leiden. Deshalb bringt er sich als Berater und Mahner in den Nahostkonflikt ein. Dabei macht er sich mehr Feinde als Freunde, denn Said wählt keine Seite, sondern hält allen Parteien ihre Ignoranz und Fehler vor - auch der palästinenischen Führung um Jassir Arafat. Man müsse sich gegenseitig anerkennen und respektieren: nur dann könne man friedlich miteinander leben. Ob in zwei Staaten oder in einem gemeinsamen, da ändert Said im Lauf seines Lebens die Meinung. Denn in Staaten denkt er nicht: "Ich habe bis heute nicht verstanden, was es bedeutet, ein Land zu lieben", schreibt er noch kurz vor seinem Tod. Said denkt in Freundschaften.


Das West-Eastern-Divan-Orchestra (Foto: Fernando Delgado Béjar, Lizenz:  CC-BY-SA-3.0-migrated)
Das West-Eastern-Divan-Orchestra (Foto: Fernando Delgado Béjar, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated)

Eine friedensstiftende Freundschaft pflegt er in seinem letzen Lebensjahrzehnt mit dem israelischen Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim. Wie Said stellt auch Barenboim gerne unbequeme Fragen im Nahostkonflikt. Was die Politik nicht vermag, setzen Barenboim und Said ins Werk: praktizierte Völkerverständigung. Gemeinsam gründen sie das West-Eastern-Divan-Orchestra, in dem junge Israelis und Araber gemeinsam musizieren und miteinander ins Gespräch kommen. Das eindrucksvollste Konzert gibt das gemischte Jugendorchester in Ramallah. Said hat es nicht mehr erlebt. Kurz zuvor, am 25. September 2003  ist er an Leukemie gestorben - heute vor 10 Jahren. Sein Vermächtnis lebt nicht zuletzt im westöstlichen Diwan weiter, das nach wie vor von Daniel Barenboim dirigiert wird.

Übrigens: Ein schönes Said-Portait hat Tony Judd in seine Essay-Sammlung "Das vergessene 20. Jahrhundert" aufgenommen (siehe linke Spalte).

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Albert Schweitzer: Der Urwaldarzt

Foto: Nobel Foundation. Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto: Nobel Foundation. Lizenziert unter Gemeinfrei

Er lebte die Nächstenliebe: Albert Schweitzer (1875-1965). Geboren und aufgewachsen ist Schweitzer als Spross einer evangelischen Pfarrersfamilie im Elsass. Der kleine Albert liebt die Natur, die Gottesdienste seines Vaters und die Kirchenorgel; er leidet mit den Außernseitern unter den Hänseleien und mit den Nutztieren unter allzu grobschlächtiger Behandlung. Und er weint bittere Tränen als er in die Schule gesteckt wird. Zurecht, denn die Leistungen sind lausig. Dass in Albert ein Universalgenie steckt, glaubt anfangs niemand so recht. Erst nach einem mittelmäßigen Abi legt Schweitzer los: Er studiert in Straßburg Philosophie und schreibt in den langen Winternächten eine Doktorarbeit über Kant. Tagsüber perfektioniert er bei den besten Lehrern sein Orgelspiel. Er studiert Theologie und schreibt eine weitere Doktorarbeit über die Bedeutung des Abendmahls. Kurz darauf folgt die Habilitation.

Jetzt könnte er Professor werden, wenn er sich nicht in seinen theologischen Studien mit dem wissenschaftlichen Zeitgeist und nahezu der gesamten Fachwelt angelegt hätte. Außerdem hat Schweitzer gar keine Lust auf eine akademische Laufbahn. Der gerade 25-jährige Doppeldoktor predigt lieber in einer Straßburger Gemeinde und widmet sich der Musik. Wieder schreibt er ein Buch - dieses Mal ist es eine vielgelobte Biografie über Johann Sebastian Bach - und tritt als begnadeter Interpret von dessen Orgelwerken in ganz Europa auf. Aber all das befriedigt Schweitzer nicht. Er will den Dienst der christlichen Nächstenliebe tun. Als er erfährt, dass die Pariser Mission Ärzte in Afrika sucht, nimmt Schweitzer ein Medizinstudium auf. Wieder eine Doktorarbeit (über die psychatrische Beurteilung Jesu), wieder nebenbei ein theologisches Buch (über Paulus), dann heiratet er seine Helene, kauft von den Honoraren der Konzertreisen Medikamente und Ausrüstung und schifft sich nach Lambarene (im Gabon) ein.  

Mitte April 1913 erreichen die Schweitzers ihr Ziel. Nach knapper Schonzeit findet sich der streitbare Theologe und berühmte Musiker in einem windschiefen Hühnerstall mitten in Afrika wieder, wo er Eingeweidebrüche operiert, Elephantiasis behandelt und faulende Zähne zieht. Daneben ist er beim Aufbau seines Tropenhospitals als Zimmermann und Maurer gefragt, als Architekt und Mechaniker. Schweitzer bewältigt all' das mit Hingabe. Er hat er in der Praxis gefunden, was er schon in seinen theologischen und philosophischen Schriften gesucht hat:

Lizenziert unter CC-BY 4.0
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die Erfüllung in der dienenden Nachfolge Jesu. Auf einer langen Bootsfahrt auf dem Ogowefluss gießt der wissenschaftlich versierte Ethiker der Tat seinen Lebensentwurf in die einprägsamen Worte 'Ehrfurcht vor dem Leben'. Dabei macht dabei keinen Unterschied mehr zwischen Menschen und Tieren. Deshalb unternimmt er auch nichts gegen die Ameisenstraße, die quer über seinen Urwald-Schreibtisch läuft. Im Gegenteil: er stellt noch eine Schale mit Zuckerbrei daneben - auch die emsigen Tierchen sollen es gut haben. „Ethik besteht also darin, daß ich die Nötigung erlebe, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen", sinniert Schweitzer. "Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern, böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen.“ Es ist kaum verwunderlich, dass Schweitzer vielen als moderner Heiliger erscheint. „Er sieht aus wie ein naher Verwandter des lieben Gottes", schreibt der SPIEGEL süffisant, "und er benimmt sich so.“ Aber die vielen Lobeshymen und Ehrerbietungen überwiegen die ironische Kritik an Schweitzers vermeintlicher Selbstgerechtigkeit. Anfang der 1950er Jahre erhält er den Friedensnobelpreis und nutzt seinen Einfluss in den letzen Lebensjahren, um gegen das atomare Wettrüsten ins Feld zu ziehen. Albert Schweitzer stirbt 1965 in Lambarene, das er in diesen Wochen vor 100 Jahren aufzubauen begonnen hat.

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Albert Schweitzer ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Als junger Mann war er nach Afrika gegangen, um in Jesu' Nachfolge ein Tropenhospital aus Holz- und Wellblechhütten aufzubauen. Vierzig Jahre später wird der Urwald-Doktor dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Man feiert ihn als „13. Jünger Jesu“ und „Mister Wellblech“ wie einen Popstar. „Genie der Menschlichkeit“ und „Universalgenie Westeuropas“ nennen sie ihn. Auch seine Biografen zeichnen fast immer ein wohlwollendes Bild. Der Mainzer Theologe Sebastian Moll zeigt Schweitzer dagegen als "Meister der Selbstinszenierung". Das ist nicht der einzige Aufreger, den dieses Buch provoziert hat. Zur Rezension...

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James Watson: Der DNA-Entschlüsseler

Lizenz: DNA Learning Center (verlinkt)
Sie entschlüsselten die DNA: Frances Crick und James Watson
Auszug: Nature (1953)
Auszug: Nature (1953)

Er enträtselte das Erbgut: James Watson. Geboren 1928 in Chicago interessiert sich der kleine James nicht für die Geschäfte seines Vaters, sondern beobachtet lieber Vögel. So verwundert es kaum, dass er als 18-Jähriger die Universität von Chicago bezieht, um dort Zoologie zu studieren. Das Augenmerk aber verländert sich. Was einst das liebe Federvieh war, ist nun die Genetik - auch in Indiana, wo Watson Ende der 1940er Jahre seinen Doktor macht. Der große Durchbruch aber gelingt in England. Dort beginnen Watson und sein Kollege Frances Crick den Geheimnissen der menschlichen Programmierung auf den Grund zu spüren. Am 25. April 1953 - heute vor 60 Jahren - unterbreiten die beiden Nachwuchswissenschaftler der verblüfften Fachwelt in der Zeitschrift Nature ein bestechend schlichtes Modell des Erbgutes: "Wir möchten eine DNA-Struktur vorschlagen", beginnen die beiden ihren kaum zweiseitigen Aufsatz, "die einige neue Aspekte von besonderem biologischen Interesse hat". Die präsentierte Struktur hat es buchstäblich in sich: In ihr verbirgt sich die messbare menschliche Identität in zwei ineinander verschlungenen Spiralen (siehe Abbildung rechts). Dass Augen- und Haarfarbe, Geschlecht und Erbkrankheiten irgendwo gespeichert sind, wusste man schon vorher. Die Entschlüsselung der molekularen Struktur der Desoxyribonukleinsäure (DNS, englisch DNA) aber ist der erste Schritt, den genetischen Code verstehen - und verändern zu können. Dafür gab es 1962 den Nobelpreis. Und schon damals munkelte man vom Plagiat, denn Watson und Crick sahen sich dem Vorwurf ausgesetzt, sich mit fremden Federn zu schmücken. Denn den entscheidenden Einfall hatten die beiden wohl, als sie eine Röntgenstrukturanalyse der Biochemikerin Rosalind Franklin auswerteten - ohne deren Wissen. Noch schwerer aber lasten manche inhaltlichen Interpretationen auf Watson, die er im Lauf seines langen Forscherlebens aus den bahnbrechenden DNA-Entdeckungen gezogen hat: Wenn die Genanalyse eines Ungeborenen dessen Homosexualität prognostiziere, sollten Frauen abtreiben dürfen, ließ Watson verlautbaren. Auch diktierte er der Presse in den Block, dass Schwarze weniger intelligent seien als Weiße. Das kostete ihn nicht nur die Kanzlerschaft beim New Yorker Cold Spring Harbor Laboratory, sondern auch einen guten Teil seines sehr guten Rufes als wegweisender Molekularbiologe. Der Widerstand gegen Watsons überzogene Schlussfolgerungen - gerade aus der Wissenschaftler - ist beruhigend: Die menschliche Identität ist eben nicht vollständig messbar - auch wenn der Vollblutforscher Watson das nicht immer wahrhaben wollte.

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Roald Amundsen: Der Erste am Südpol

Foto: Lomen Bros., Nome, Alaska, Lizenz gemeinfrei
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Lizenz: gemeinfrei
Olav Bjaaland - Project Gutenberg Literary Archive Foundation: De Aarde en haar Volken, Jaargang 1913. HAARLEM, H. D. TJEENK WILLINK & ZOON. Lizenziert unter Gemeinfrei

Blitzeis lässt ihn kalt: Roald Amundsen (1872-1928). Der ewige Winter ist sein Wetter, Arktis und Antarktis sind die zweite und dritte Heimat des gebürtigen Norwegers. Sein Name und seine Herkunft sind Programm: Roald, "der Ruhmvolle" ist der Sohn eines Schiffseigners. Früh schon verschlingt er die Reiseberichte der Polarforscher. Bald reift in ihm der Wunsch, selbst das ewige Eis zu erkunden - natürlich per Schiff. Als Mitzwanziger begleitet er eine Expedition eines Belgiers, der sich aber als völlig talentfreier Polarfahrer entpuppt. Daraufhin wendet sich Amundsen enttäuscht an seinen weitaus erfolgreicheren Landsmann Fridtjof Nansen, der ihn dazu ermuntert, eigene Entdeckerreisen zu wagen. Amundsen zögert nicht lange. In drei langen Wintern (1903-1906) durchquert er als Erster die Nordwestpassage zwischen Atlantik und Pazifik und kehrt als Nationalheld, aber mit Schulden heim. Polarreisen sind eben keine Pauschalreisen und die Kosten sind Amundsen unter der Hand explodiert. Wieder hilft ihm Nansen aus der Patsche und leiht ihm sein treues Schiff, die Fram. Das überzeugt auch die norwegische Regierung, die Amundsen nun ebenfalls finanziert.

Dabei hält der bis zuletzt geheim, dass er sich als neue Herausforderung den Südpol vorgenommen hat. Erst als bereits auf hoher See ist, bekennt er Farbe und eröffnet den wohl dramatischsten Wettlauf der Weltgeschichte. Denn auch der Brite Robert Scott ist dorthin unterwegs. Während Scott auf Motorschlitten und Ponys setzt, vertraut Amundsen auf Schlittenhunde. "Ehe der Winter begann, hatten wir 60000 Kilogramm Seehundfleisch in unserem Winterlager. Das genügte für unsere 110 Hunde." Rasch zeigt sich, dass die Hunde der widrigen Witterung besser trotzen als Scotts Technik und Ponys. So erreicht Amundsen den Pol als Erster und hisst die norwegische Flagge am 14. Dezember 1911, heute vor 101 Jahren. Aber das Schicksal zeigt dem Entdecker des Südpols die kalte Schulter: Nicht Roald der Ruhmvolle, sondern der gescheiterte Scott und sein Ende im ewigen Eis bewegen die Welt – obwohl auch Amundsen einige Jahre später bei einer Rettungsmission in der Arktis ums Leben kommt.


Roald Amundsens Biografie weiterzwitschern:

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Raymonde de Laroche: Die Fliegerin

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Sie war eine Pionierin der Lüfte: Elise Raymonde Deroche. Dabei galt die erste Leidenschaft der 1882 geborenen Klempnerstochter der Kunst. Um ihre Chancen als Schauspielerin zu verbessern, hat sie sich den Künstlernamen Raymonde de Laroche zugelegt. Bald schon aber sind ihr die Bretter der Bühne zu bodenständig. Raymonde will hoch hinaus – und zwar wortwörtlich. Mehrere Bekanntschaften mit Piloten wecken ihr den Wunsch, fliegen zu lernen. Als sie zum ersten Mal alleine in einem Flugzeug sitzen darf, um sich mit den Instrumenten vertraut zu machen, da rollt sie kurzerhand zur Startbahn und hebt ab – zum ersten Mal fliegt eine Frau alleine, nur dreihundert Meter zwar, aber das ist erst der Anfang. Raymonde de Laroche macht – wiederum als erste Frau – den Pilotenschein. Unfälle und teilweise schwere Verletzungen halten sie nicht davon ab, sich immer wieder hinter Steuerknüppel zu setzen. Und immer wieder staunen auch die Zuschauer internationaler Flugstunden über die selbstbewusste junge Mutter, die ihren Traum lebt – bis sie ihn dann doch mit dem Tod bezahlen muss: Ein neu entwickelter Flugzeugtyp ist gerade erst fertig zusammengeschraubt, da sitzt Raymonde de Laroche schon als Copilotin im Cockpit . Wieder ist sie die erste, die diese Testmaschine in die Lüfte bringt. Aber dieser Start ist auch ihr letzter: Über der nordfranzösischen Picardie verliert der Pilot die Kontrolle über den Prototyp. Die Copilotin – sie hätte wohl besser selbst gesteuert – hat keine Chance: Raymonde de Laroche kommt bei dem Absturz am 18. Juli 1919 ums Leben – heute vor 93 Jahren.

 

Übrigens: Bis heute treffen sich die fliegenden Frauen der Welt auf der „Women of Aviation Wordwide Week“ immer am Jahrestag der bestandenen Pilotinnen-Prüfung von Raymonde de Laroche…

Raymonde de Laroches Biografie weiterzwitschern:

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Hugo Junkers: Der Vater von Tante Ju

Bundesarchiv, Bild 102-08683 / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 102-08683 / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 146-2005-0007 / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 146-2005-0007 / CC-BY-SA 3.0

Es ist ein ungleiches Kräftemessen: Hier der erschaffende Ingenieur, dort der zerstörende Generalfeldmarschall. Hugo Junkers (links), ein Pionier der zivilen Luftfahrt stellt sich gegen Hermann Göring (rechts), den Vater des totalen Luftkriegs. Junkers will seine zahlreichen Erfindungen und Ideen nutzen, um den Menschen mobil zu machen. Der "fliegende Mensch" ist mehr als nur das Wahrzeichen seiner Flugzeug- und Motorenwerke (Mitte), er ist Junkers' Vision. 1926 schließen sich die Junkers Luftverkehr AG und die Deutsche Aero Lloyd zur Luft Hansa zusammen. Bald darauf rollt die für ihre Wellblechverkleidung legendäre Ju 52 aus dem Dessauer Junkers-Hangar. 

Tante Ju (Foto: Eulengezwitscher)
Tante Ju (Foto: Eulengezwitscher)

Auf einer internationalen Verkehrsflugschau sticht die "Tante Ju" alle Konkurrenten aus. Doch das Glück währt nicht lange, denn Anfang 1933 gelangen die Nationalsozialisten ans Ruder. Wissen ist Macht, Junkers hat das Wissen und so greift Hitlers oberster Fliegerkrieger Hermann Göring nicht nur nach dem Marschallsstab, sondern auch nach Junkers Konstruktionsplänen: Die Ju 52 spielt in der Kriegsvorbereitung eine Schlüsselrolle: Sie kann ohne komplizierte Umbauten entweder Bomben, Material oder Truppen transportieren. So muss der verdiente Ingenieur seine Patente ohne Entschädigung Görings Ministerium überschreiben, Dessau und sein Werksgelände darf er nicht mehr betreten. Gebrochen stirbt Hugo Junkers knapp zwei Jahre später - und doch: Anders als Göring überleben er und die Tante Ju das Dritte Reich in höhren Sphären. Noch heute knattern die drei Motoren der Tante Ju den Traum vom fliegenden Menschen - zum Beispiel über dem oberen Mittelrheintal im Juni 2012.

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Robert Falcon Scott: Der Zweite am Südpol

Foto: Henry Bowers (1883–1912). Lizenziert unter Gemeinfrei
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Foto: Herbert Ponting - Pennell Collection, Canterbury Museum, Christchurch, New Zealand. Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto: Herbert Ponting - Pennell Collection, Canterbury Museum, Christchurch, New Zealand. Lizenziert unter Gemeinfrei

So sehen Verlierer aus: Der englische Kapitän Robert Scott und die Seinen sind zu spät am Südpol angekommen. Der Norweger Roald Amundsen war zuerst da. Zwar nur wenige Tage, wie ein wie ein Brief Amundsens an den zweiten Besucher des Pols verrät. Diese wenigen Tage aber entscheiden über Weltruhm - und über das Schicksal der verhinderten Entdecker. Mit einem Mal schwinden Lebensmut und Piniergeist, die Scott und seine Kameraden der Eiswüste trotzen ließen. Nicht die letzten Geheimnisse des Globus' haben sie entdeckt, sondern die norwegische Fahne, erstarrt im Eiswind. Wagemutig und willensstark waren sie aufgebrochen, "zur Ehre meines Landes", wie Scott stolz in sein Reisetagebuch notiert. Und jetzt scheint ihnen der so lange ersehnte Südpol so trostlos wie das Ende der Welt: "Nichts ist hier zu sehen, nichts, was sich von der schauerlichen Eintönigkeit der letzten Tage unterscheidet!" Scott ist gebrochen, als er kehrt macht. Kälter noch als auf dem Hinweg pfeift der Wind, schwerer sind die Schritte, unerreichbarer das Ziel. Scott und die Seinen schaffen es nicht. Sie finden ihr Grab im ewigen Eis. Welche Tragik, dass nicht Amundsen sondern ihm, seinem Schicksal und Scheitern posthum der Weltruhm zuteilt. So wurde seine Expedition vom großen Stefan Zweig zur Sternstunde der Menschheit erhoben (siehe rechts). Heute wäre Robert Scott 144 Jahre alt geworden. 

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Justus von Liebig: Der Chemietüftler

Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Liebig-Museums in Gießen
Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Liebig-Museums in Gießen

Er forschte nach den Formeln der Fruchtbarkeit: Justus von Liebig, der wohl bedeutenste Chemiker des 19. Jahrhunderts. 

Justus von Liebig (Foto: Franz Hanfstaengl, Lizenz: gemeinfrei)
Justus von Liebig (Foto: Franz Hanfstaengl, Lizenz: gemeinfrei)

Dabei sieht anfangs niemand den Erfinder von bis heute relevanten Düngemethoden und -mitteln in dem vermeintlich unbegabten Apothekerlehrling, der gerne mit allerei Substanzen experimentiert und dabei versehentlich den Dachstuhl der Apotheke in Brand setzt. „Du bist ein Schafskopf", schreit sein Lehrmeister und setzt Liebig kurzerhand vor die Tür, so wie er schon vorher an der Schule geflogen war. Tagsüber jobbt er jetzt in der Drogerie seines Vaters, aber jede freie Minute verschlingt er Chemie-Bücher in der hessischen herzoglichen Bibliothek von Darmstadt. Als sein Vater ihn einem befreundeten Chemiker vorstellt, nutzt er die Chance und zeigt was er kann. Dann folgt eine Karriere ohnegleichen: Ohne Schul- und Ausbildungsabschluss studiert er in Bonn, Erlangen und Paris, promoviert und wird schließlich Professor in Gießen, wo er sich in seinen Labors (siehe oben) den Herausforderungen der Forschung stellt: "Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an interessant zu werden, wo sie aufhört." Von seinem Ergeiz profitieren bis heute viele: Die Landwirte verdanken ihm reiche Ernteerträge, denn seine Überlegungen zur Agrikultur bereiteten den Boden für die moderne Felderbewirtschaftung. Den Hobbybäckern half er mit der Idee des Backpulvers, die sein Schüler Eben Norton Horsford umsetzte. Und nicht zuletzt kommen schon die ganz Kleinen auf den Geschmack Liebigscher Erfindungen: Die "Suppe für Säuglinge" (Milchpulver und heißes Wasser) ist der Vorläufer der modernen Säuglingsnahrung:  Heute wäre Justus von Liebig 209 Jahre alt geworden.

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Carl Zeiss: Der Erfinder mit dem Durchblick

Alle Lizenzen: Gemeinfrei

Er war der Mann mit dem Durchblick: Carl Zeiss (rechts im Bild). Die Mikroskope seines Unternehmens zählten schon früh zu den besten dser Welt. Der Erfolg ist auch der Weitsicht seines Vaters geschuldet: Der schickte den jungen Carl auf das Gymnasium, wo er sich für Naturwissenschaft und Technik begeisterte. Zum Studium ging er aus seiner Heimatstadt Weimar nach Jena, wo er anschließend selbstständig machte. Der eifrige Arbeiter und talentierte Mechaniker kann bald schon expandieren. Ein besonderer Glücksgriff gelingt Zeiss, als er den Physiker Ernst Abbe (links im Bild) an sich bindet. Der Unternehmergeist und der Mathematiker setzen neue Standards im Mikroskopbau (im Bild ein Modell von 1879). Noch heute wirbt die Carl Zeiss AG mit dem Motto: "We make it visible". Ihr Gründer Carl Zeiss ist am 3. Dezember 1888 gestorben - heute vor  123 Jahren.

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Theodor Mommsen: Der Chronist des Römischen Reiches

Foto; Carlo Brogi . Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto; Carlo Brogi . Lizenziert unter Gemeinfrei

Er war einer der großen Gelehrten des 19. Jahrhunderts: Theodor Mommsen. Seine Passion war die Zukunft, seine Profession die Vergangenheit. Politisch kämpfte Mommsen um 1848 für die Ideen von Fortschritt und Liberalismus. Als Professor lehrte er zuerst Rechtswissenschaft, dann Römisches Recht. Schließlich fand er seine Lebensaufgabe darin, die Geschichte Roms - vor allem der römischen Republik - zu erforschen und zu erzählen: Sein Monumentalwerk "Römische Geschichte" setzt nicht nur den Althistorikern bis heute Maßstäbe; Mommsen wurde dafür 1902 sogar mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Kostprobe gefällig: Hier der erste Satz: "Rings um das mannigfaltig gegliederte Binnenmeer, das tief einschneidend in die Erdfeste den größten Busen des Ozeans bildet und, bald durch Inseln oder vorspringende Landfesten verengt, bald wieder sich in beträchtlicher Breite ausdehnend, die drei Teile der Alten Welt scheidet und verbindet, siedelten in alten Zeiten Völkerstämme sich an, welche, ethnographisch und sprachgeschichtlich betrachtet, verschiedenen Rassen angehörig, historisch ein Ganzes ausmachen." Heute vor 194 Jahren ist Theodor Mommsen geboren worden - am 30. November 1817.

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