"Wir sind das Volk," rufen die Demonstranten, "wir sind das Volk!" Montag für Montag gehen mutige Ostdeutsche im Herbst 1989 auf die Straße, um dem verkrusteten DDR-Unrechtsregime die Stirn zu bieten. Vor allem aber haben sie genug von dem Betonbiest, das sie seit fast drei Jahrzehnten einsperrt: "Die Mauer muss weg!" In einer Mini-Serie zum Mauerfall begleitet der Biografien-Blog die dramatischen Ereignisse vor 25 Jahren, die kurz darauf zur Deutschen Einheit führen werden...

Christoph Wonneberger: "Selig sind die sanft Mutigen"

Der Pfarrer Christoph Wonneberger predigt den friedlichen Revolutionären, die 1989 montags auf die Straße gehen

Christoph Wonneberger, Foto: Dirk Vogel
Christoph Wonneberger, Foto: Dirk Vogel

Die Leipziger Lukaskirche ist an diesem Montag rappelvoll. Aus der ganzen Stadt sind am 25. September 1989 mutige DDR-Bürger gekommen, um die Andacht von Christoph Wonneberger zu hören. „Unselig sind, die ihren Führungsanspruch mit Gewalt durchsetzen wollen,“ predigt „Wonni“, „das Land wird sie enterben.“ Nicht nur den Stasispitzeln ist klar: Das ist ein Frontalangriff auf das sozialistische Unrechtsregime um Erich Honecker. Aber es ist ein Angriff, der auf Gewalt verzichtet. Es ist ein Aufruf zur Friedlichen Revolution: „Selig sind die sanft Mutigen. Sie werden das Land besitzen.“ Dann gehen der Pfarrer und seine Gemeinde auf die Straße und demonstrieren für ihre Freiheit.

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1023-022 / Friedrich Gahlbeck / CC-BY-SA 3.0
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1023-022 / Friedrich Gahlbeck / CC-BY-SA 3.0

Christoph Wonneberger ist 1944 im Erzgebirge geboren. Das evangelische Gemeindehaus ist ihm von Anfang an wohlvertraut, denn schon der Vater ist Pfarrer. Das aber erschwert ihm den Unizugang, den die Staatsführung nur für linientreue Parteisoldaten öffnet. In einer Maschinenschlosserausbildung stellt Wonneberger seinen Sinn fürs Praktische unter Beweis. Das erkennt auch die Staatssicherheit und will ihn als Spitzel anwerben, als er doch noch zur Theologie findet. Obwohl er zunächst zusagt, steigt der junge Pfarrersschüler aus Gewissensgründen wieder aus, ehe er zum Denunzianten wird. Die Stasi lässt ihn fortan nicht mehr aus den Augen. Den Prager Frühling erlebt „Wonni“ als junger Erwachsener direkt in der Goldenen Stadt. Er muss mit ansehen, wie Moskau den Freiheitswunsch der Tschechen mit Panzern und Waffengewalt niederschlägt. Freiheit ist auch für Wonneberger ein großes Thema. Auf der Kanzel und im Pfarrhaus findet er zumindest ein bisschen Freiraum. Er wächst in die Rolle eines unerschrockenen Wortführers hinein, der sich weder von seiner Kirchenleitung, noch von der Stasi einschüchtern lässt. In seiner offenen Gemeindearbeit und auf Flugblättern spricht und schreibt er Klartext. Immer stärker engagiert sich Wonneberger in der DDR für Reformen und bürgerliche Freiheiten. Im Herbst 1989 entwickeln die Friedensgebete und die montäglichen Andachten eine ungeahnte Eigendynamik: Von Woche zu Woche strömen mehr Menschen nach den Gottesdiensten auf die Straßen. Schließlich demonstrieren Hunderttausende friedlich gegen das sozialistische Unrechtsregime. 

„Wir sind das Volk“, rufen die Menschen – und die Mauer beginnt unter diesen kraftvollen Worten zu bröckeln. Mitten im größten Triumph seines langen Freiheitskampfes aber verschlägt es Christoph Wonneberger die Sprache: Ausgerechnet der wortmächtige Revolutionär kann nach einem Hirnschlag plötzlich nicht mehr sprechen. So wie die DDR zusammenbricht, so stürzt auch Wonnebergers Welt in sich zusammen: Die Kirche schickt ihn wider seinen eigenen Willen in den Vorruhestand und er gerät rasch in Vergessenheit. Schließlich zerbricht auch die Ehe mit Ute, in die Wonneberger lange Zeit wenig Zeit investiert hatte. Aber Wonneberger steckt nicht auf. Langsam, aber stetig kämpft er sich zurück – erst ins Leben, dann ins öffentliche Bewusstsein. Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall ist „Wonni“ ein gefragter Zeitzeuge, der gerne seine Geschichte von Mut und Entschlossenheit erzählt.

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Hans-Dietrich Genscher: Die Botschaft der Freiheit

Außenminister Hans-Dietrich Genscher erlöst die 4000 ausreisewilligen DDR-Bürger in der Prager Botschaft

Bundesarchiv, Bild 183-1990-0228-030 / Hirndorf, Heinz / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-1990-0228-030 / Hirndorf, Heinz / CC-BY-SA 3.0

Die miese Stimmung ist einer ungeheuren Anspannung gewichen. 4000 DDR-Flüchtlinge haben sich in die bundesdeutsche Botschaft in Prag geflüchtet. Sie alle wollen in den Westen. Nach quälenden Wochen auf engstem Raum ist nun Außenminister Hans Dietrich Genscher nach Prag gekommen. Jetzt steht er auf dem riesigen Balkon des Botschaftsgebäudes: „Wir sind zu ihnen gekommen“, hebt er an, „um Ihnen zu sagen, dass heute Ihre Ausreise…“ Weiter kommt Genscher nicht. Ohrenbetäubender Jubel brandet auf und bereitet ihm den schönsten Moment seiner politischen Laufbahn – und die dauert immerhin schon eine halbe Ewigkeit.

White House Photograph Office, Lizenz: Gemeinfrei
White House Photograph Office, Lizenz: Gemeinfrei

Hans-Dietrich Genscher wird 1927 in Reideburg geboren (das liegt auf dem Gebiet der späteren DDR). Zum ersten Mal muss er seinem Land unfreiwillig helfen – als Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg. Trotz einer langwierigen Tuberkuloseerkrankung schafft Genscher danach zuerst das Ergänzungsabitur, dann eine Juristenausbildung. Seine eigentliche Bestimmung ist aber die Politik. Doch in der DDR haben Genschers freiheitliche Grundwerte keine Zukunft – in der jungen Bundesrepublik werden sie dagegen gebraucht. In der Freien Demokratischen Partei (FDP) durchläuft Genscher eine klassische Parteikarriere bis zum Bundesvorsitzenden (1974-1985). Seit 1969 sitzt er auch auf Bonner Regierungssesseln. Dort arbeitet er erst mit den sozialdemokratischen Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt zusammen, dann schlägt er sich auf die Seite von Helmut Kohl und der CDU. Zwei Tragödien muss der Dauerminister Genscher verkraften: Die Anschläge auf die olympischen Sommerspiele in München (1972) und den Terror der Rote Armee Fraktion (RAF). Genscher gilt als begnadeter Netzwerker, der seine einflussreichen Kontakte auf zahllosen Reisen pflegt.

Im Herbst 1989 gewinnt er hinter den Kulissen einer UNO-Vollversammlung in New York den sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse für die Sache der ausreisewilligen Botschaftsflüchtlinge. Kurz darauf stimmt auch die DDR-Regierung zu und Genscher kann seine Botschaft der Freiheit überbringen… Nicht nur die 4000 DDR-Bürger, die sich nun freudetrunken in den Armen liegen, hören sie. Die Sonderzüge, die nun gen Bundesrepublik rollen, hinterlassen weitere Risse in der ohnehin schon bröckelnden Mauer.

Übrigens: Genscher kann nicht nur starke Auftritte (wie auf dem Prager Botschaftsbalkon). Auch sein Abgang von der Regierungsbühne hat Stil: Kurz nach seinem 65. Geburtstag tritt er freiwillig zurück. Bis heute genießt er international einen ausgezeichneten Ruf als Vermittler.

Hans-Dietrich Genschers Lebensgeschichte weiterzwitschern...

0 Kommentare

Michail Gorbatoschow: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben..."

Michail Gorbatschow macht den Ostdeutschen Mut

Bundesarchiv, Bild 183-1989-1007-402 / Franke, Klaus / CC-BY-SA
Bundesarchiv, Bild 183-1989-1007-402 / Franke, Klaus / CC-BY-SA

Es ist die Geburtstagsparty einer Todkranken: Im Herbst 1989 wird die DDR 40 Jahre alt. Die politische Führung des ostdeutschen Unrechtsregimes feiert die vermeintlichen Erfolge des Arbeiter- und Bauernparadieses. Die Arbeiter  und Bauern feiern nicht - sie demonstrieren lautstark gegen die immer gravierenderen Missstände im Land. Ihr wichtigster Verbündeter im Oktober vor 25 Jahren ist ausgerechnet Honeckers Ehrengast: Michail Gorbatschow, der große Bruder aus Moskau: "Gorbi, Gorbi", rufen die Menschen, "Gorbi hilf' uns!". Gorbi hilft - und wie: In einer spontanen Stellungnahme watscht er die reformunwillige DDR-Regierung im Westfernsehn ab: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!"

Biografie Gorbatschow

Foto: RIA Novosti archive, image #359290 / Yuryi Abramochkin, Lizenz: CC-BY-SA 3.0)
Foto: RIA Novosti archive, image #359290 / Yuryi Abramochkin, Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Biografisch gesehen ist Michail Gorbatschow sehr früh dran. Geboren 1931 macht er rasch Parteikarriere. Von seiner Heimat, dem Nordkaukasus, zieht es ihn über die die Jugend- und Regionalgruppierungen der herrschenden kommunistischen Partei bis hinauf in die Staatsspitze. Ungewöhnlich jung wird er erst Generalsekretät, dann übernimmt er die Führung im Obersten Sowjet. Gegen alle Widerstände der Alteingesessenen wir Gorbatschow zum Shootingstar der schwächelnden Sowejtunion. Nahezu revolutionär ist sein politisches Doppelprogramm von Glasnost und Perestrojka: Die Öffentlichkeit wird auf einmal besser informiert und in der Wirtschaft hält das Prinzip Eigenverantwortung Einzug. Wer bei so viel Reformeifer nicht mitzieht (und das sind nicht wenige in der Sowjetführung), der wird ausgetauscht. Die Gefahr dieser mutigen Politik: Gorbatschow kommt im Westen besser an als im Osten (zumindest unter den führenden Politikern). Darüber wird er stürzen, aber er war eben nicht zu spät dran: Seine nüchterner Blick auf die Dinge, sein Loslassen von überkommenen Ideologien sind wuchtige Schläge gegen die Altherrenriege um Erich Hobecker und die Mauer. Gorbatschows Mutmacher-Statement in der Tagesschau heute vor 25 Jahren hat die DDR-Bürger darin bestärkt, die Friedliche Revolution zu einem erfolgreichen Ende zu führen.

Biografie Michail Gorbatschow weiterzwitschern...

0 Kommentare

Günther Schabowski: "Sofort..., unverzüglich!"

Langweilige Pressekonferenz, legendärer Versprecher des DDR-Politikers Günter Schabowski: Fall der Berliner Mauer.

Bundesarchiv, Bild 183-1989-1118-028 / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-1989-1118-028 / CC-BY-SA 3.0

„Wann tritt das in Kraft?“ Die Frage des Journalisten ist simpel, aber sie bringt Günter Schabowski völlig aus dem Tritt. Der DDR-Funktionär runzelt unschlüssig die Stirn, kratzt sich verlegen am Kopf und sucht raschelnd in seinen Papieren. Gerade hat er der Weltpresse in umständlichem Gestotter angedeutet, dass die marode DDR unter dem Druck der friedlichen Revolution die Grenzen zur Bundesrepublik öffnen wird. Das wollen die Journalisten jetzt genau wissen: „Ab sofort?“ Schabowski zieht die Brille auf und wirft und noch einmal einen verunsicherten Blick auf seine Notizen. „Das tritt nach meiner Kenntnis“ – Pause – „ist das sofort, unverzüglich.“

Bundesarchiv, Bild 183-1982-0504-421 / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-1982-0504-421 / CC-BY-SA 3.0

Eigentlich ist der 1929 in Vorpommern geborene Schabowski ein absoluter Routinier in Sachen Politik und Presse. Er hat in Leipzig Journalismus studiert und Parteiführung in Moskau. Schabowski hat die regimenahe Zeitung „Neues Deutschland“ geleitet und ist im Apparat der Staatspartei SED immer einflussreicher geworden. Wenn einer den real existierenden Sozialismus retten kann, dann Schabowski: Er stellt sich den unzufriedenen Menschen, er lehnt Reformen nicht rundweg ab. Selbst als Honecker-Nachfolger wird er gehandelt. Nach der schicksalsträchtigen Pressekonferenz heute vor 25 Jahren kommt aber alles anders.

Ein Stück Berliner Mauer in der Eulenbiblithek
Ein Stück Berliner Mauer in der Eulenbiblithek

In Windeseile verbreitet sich Schabowskis Sensationsmeldung. Zehntausende Berliner aus Ost und Westen versammeln sich auf beiden Seiten der Mauer. Die uniformierten Grenzsoldaten an den noch unpassierbaren Übergängen sind heillos überfordert. Unter „sofort, unverzüglich“ hatte die DDR-Führung offenbar doch etwas anders verstanden. Aber jetzt ist der Fall der Berliner Mauer nicht mehr aufzuhalten. Die friedliche Revolution hat gesiegt. In der Nacht gehen die Schlagbäume hoch, Sektkorken knallen, Feuerwerksraketen steigen auf, Freudentränen fließen, wildfremde Menschen fallen sich in die Arme und feiern gemeinsam ein Fest der Freiheit. Für Schabowski selbst mündet dieser Abend in der Unfreiheit: Wie der letzte DDR-Staatschef Egon Krenz wird er Jahre später in der gerichtlichen Aufarbeitung des DDR-Unrechts (vor allem der Todesschüsse an der Berliner Mauer) zu einer Haftstrafe verurteilt. Anders als Krenz zeigt Schabowski allerdings Reue und entschuldigt sich bei Opfern und Hinterbliebenen – mit den ehemaligen SED-Genossen kommt es allerdings zum offenen Bruch, weil sich Schabowski kritisch mit der DDR-Vergangenheit – und seiner eigenen – auseinandersetzt. Dieser Prozess hat bei manch anderen selbst ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall noch nicht eingesetzt…

Alle Biografien zum Mauerfall im Blog:

Biografie Günter Schabowski weiterzwitschern...

0 Kommentare