ACDP/Güler
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"Es liegt eine sehr schwere Aufgabe vor mir." Konrad Adenauer weiß genau was er sagt. Er ist 76 Jahre alt, hat die Nazi-Verfolgung überlebt und ist jetzt der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik. Deutschland liegt in Trümmern, Staat und Volk müssen neu aufgebaut werden. "Der Sinn des Staates muß sein, die schöpferischen Kräfte eines Volkes zu wecken, zusammenzuführen, zu pflegen und zu schützen." Adenauer geht diese schwere Aufgabe an und wird als Regierungschef die ersten 14 Jahre der deutschen Demokratie gestalten. In der Serie "Die Ära Adenauer" blickt der Biografien-Blog zurück auf diese Zeit. 

Konrad Adenauer: Der Gründungskanzler

Konrad Adenauer war der erste deutsche Bundeskanzler

Bundesarchiv, B 145 Bild-F019973-0017 / Gerhard Heisler / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, B 145 Bild-F019973-0017 / Gerhard Heisler / CC-BY-SA 3.0
Foto: Ara Güler/KAS-ACDP
Foto: Ara Güler/KAS-ACDP

Am Anfang war Adenauer - aber die  Entscheidung war knapp. Denkbar knapp. Mit einer einzigen Stimme Mehrheit wählt der Deutsche Bundestag Konrad Adenauer zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. "Et hett noch immer jut jejange", raunt er seinem Sitznachbarn zu, als Bundestagspräsident Erich Köhler das Ergebnis verkündet. Der selbstbewusste Rheinländer lächelt, er hat sich selbst gewählt. Für ihn ist das nur folgerichtig: "Etwas anderes wäre mir doch als Heuchelei vorgekommen", hält er den verdutzten Journalisten fröhlich entgegen. Heuchelei hat der 1876 geborene und zum Zeitpunkt seiner Wahl über siebzigjährige Rheinländer nicht nötig. Er ist fest verwurzelt in bürgerlich-katholischen Grundwerten, die auch seine politischen Überzeugungen prägen. Im Lauf eines langen Berufslebens (erst als Jurist, dann als Politiker) ist er diesen Überzeugungen treu geblieben.

Er hat sie selbst in den dunklen Tagen nicht verraten, in denen ihn private und politische Schicksalsschläge ereilt haben. Weder ein schwerer Autounfall (1917), noch Adolf Hitler brechen ihm das Rückgrat. Als Kölner Oberbürgermeister (1917-1933) verweigert er dem Nazi-Reichskanzler auf Wahlkampfreise nicht nur die erwartete Gefolgschaft. Auch die obligatorische Begrüßung am Flughafen und die Hakenkreuzbeflaggung fallen aus. Was einst abschätziges Kopfschütteln provozierte, wird in der jungen Demokratie brav beklascht. Denn Adenauer, der den NS-Terror im inneren Exil in Maria Laach übersteht, braucht keine uniformierten Straßenschläger und keinen Unterdrückungsapparat, um zum starken Mann in seiner Partei, der CDU, und an der Staatsspitze zu werden. Adenauer erzieht die Deutschen zur Demokratie, gerade indem er vorlebt, wie man auch im Pluralismus für die eigenen Überzeugungen einstehen und für sie kämpfen kann. Damit macht er sich zwar nicht nur Freunde, aber er prägt und festigt die anfangs brüchige Demokratie, indem er sie  als Bundeskanzler durch die Kinder- und Jugendjahre führt. Dass es 14 Jahre Kanzlerschaft werden würden, das hat wohl am Tag seiner ersten Vereidung niemand gedacht.

Lizenz: KAS/ACDP 10-001:642 CC-BY-SA 3.0 DE
Lizenz: KAS/ACDP

"Keine Experimente" ließ der bereits erfahrene Kanzler plakatieren. Adenauer selbst hat dagegen immer wieder mutige Experimente gewagt - und dabei meistens gewonnen: Seit seinen kommunalpolitischen Anfängen in Köln gilt er als "einer einer dieser eigenwilligen, unbequemen, wagemutigen Modernisierer, aus denen die moderne deutsche Gesellschaft ihre Dynamik bezog", urteilt einer, der wissen muss: Hans-Peter Schwarz, der maßgebliche Biograf Adenauers (siehe oben: linke Spalte). Regelrechten Erfindergeist demonstrierte Adenauer auch als Hobbytüftler, der gerne nützliche Geräte erfand (etwa eine Gartenhacke mit Hammerkopf). In der großen Politik wagt er große Experimente: Gegen den Widerstand der Opposition setzt Adenauer auf die Westbindung der Bundesrepublik - mit Erfolg!

Der Gründungskanzler integriert (als sein eigener Außenminister) Deutschland in den Kreis der westlichen Demokratien. Zusammen mit General Charles de Gaulle söhnt er Deutsche und Franzosen aus und begründet damit eine bis heute fruchtbare Freundschaft zwischen ehemaligen Erbfeinden. Auch in Italien bastelt Adenauer unermüdlich daran, die europäische Idee umzusetzen. 

Villa La Collina in Cadenabbia (Foto: Odehnal/KAS-ACDP)
Villa La Collina in Cadenabbia (Foto: Odehnal/KAS-ACDP)

In Alcide de Gasperi findet er einen gleichgesinnten Regierungschef in Rom, in der Villa La Collina in Cadenabbia am Comer See ein ideales Feriendomizil, von dem aus dem sich entspannt Weltpolitik machen lässt. Natürlich gibt es auch fehlgeschlagene Adenauer-Experimente: Im Jahr 1959 liebäugelt er kurz mit dem Amt des Staatsoberhauptes, von dem er sich entscheidenden Einfluss über seine Kanzlerschaft hinaus verspricht. Als ihn Theodor Heuss daran erinnert, wie sehr Adenauer als Kanzler den Bundespräsidenten aus dem politischen Tagesgeschäft herausgehalten hat, da will der "Alte" doch lieber Kanzler bleiben. Die SPIEGEL-Affäre 1962 wirft ebenfalls kein gutes Licht auf Adenauer: Wegen kritischer Berichterstattung werden die Redaktionsräume durchsucht. Herausgeber Rudolf Augstein und sein stellvertretender Chefredakteur Conrad Ahlers werden wegen vermeintlichen Landesverrats verhaftet. Die anschließende Regierungskrise läutet das Ende der adenauerschen Kanzlerschaft ein. Ein Jahr später übergibt er sein Amt grantelig an Ludwig Erhard (Eulengezwitscher-Extra am 5. September). Der erste Alt-Kanzler zieht sich nach Rhöndorf zurück, züchtet Rosen, spielt Boccia und schreibt seine Memoiren. Selbst wenn er nicht an sein politisches Leben erinnert hätte: Die (westliche) Welt weiß, was sie dem Rheinländer verdankt: Nichts weniger als einen entscheidenden Beitrag zur Stabilisierung eines friedlichen und freien Europas, das trotz mancher Meinungsverschiedenheiten zusammenarbeitet, anstatt sich zu bekämpfen.

Konrad Adenauers Biografie weiterzwitschern:

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Franz Josef Strauß: Der letzte König von Bayern

Bundesarchiv, B 145 Bild-F074245-0031 / Arne Schambeck / CC-BY-SA
Bundesarchiv, B 145 Bild-F074245-0031 / Arne Schambeck / CC-BY-SA

Er war der wichtigste bayrische Nachkriegspolitiker: Franz Josef Strauß. Fast drei Jahrzehnte hat er die Christlich Soziale Union geführt, zehn Jahre davon als Ministerpräsident des Freistaats Bayern. München ist ihm nicht nur politische Heimat. Hier wird er 1915 geboren. Hier rockt er das alt ehrwürdige Maximilianeum und macht dort das jahrgangsbeste Abitur. Auch sportlich ist das spätere (politische) Schwergewicht als Radrennfahrer ganz vorne dabei. Beruflich lässt es Strauß katholisch solide angehen: Er studiert Sprach- und Literaturwissenschaft und legt damit die Wurzeln seines künftig bewunderten wie gefürchteten Redetalents. Aber die Wurzeln werden jäh gekappt. Hitler will Krieg führen und Strauß ist im wehrfähigen Alter. Er wird zu den Waffen gerufen. Wie sein kommender Gegenspieler Helmut Schmidt beweist Strauß im Feld Führungsqualitäten und bringt es bis zum Oberleutnant. Viel schlimmer aber: Das Manuskript seiner Doktorarbeit verbrennt in den Flammen eines Bombenhagels auf München. Die Tür zur Wissenschaft ist erstmal zu und Strauß muss umplanen. Nach Krieg und kurzer Gefangenschaft steigt Strauß in die Politik ein. Er macht rasant Karriere: Stellvertretender Landrat im Schongau, Jugendvertreter im CSU-Vorstand, Mitarbeit im Frankfurter Wirtschaftstrat (wo er sich für Ludwig Ehrhards Soziale Marktwirtschaft stark macht), schließlich Mitglied des ersten Deutschen Bundestages. In der Fraktion leitet er die CSU-Landesgruppe. 1955 macht Bundeskanzler Konrad Adenauer den Vierzigjährigen zum Minister - erst für Atomfragen, dann für Verteidigung. Anfang der 1960er Jahre endet der politische Höhenflug des Hobbypiloten Strauß mit einer Bruchlandung: In der Spiegelaffäre lastet man ihm an, dass die Redaktionsräume des Hamburger Nachrichtenmagazins nach missliebiger Berichterstattung über die Bundeswehr durchsucht und der Herausgeber Rudolf Augstein nebst leitenden Redakteuren wie Conrad Ahlers vorübergehend verhaftet werden. Strauß muss zurücktreten und liebäugelt wieder mit einer nachgeholten akademischen Laufbahn. Aber die Verlockungen der Politik sind stärker. Strauß ist nur vorerst gescheitert und kehrt 1969 als Finanzminister an den Kabinettstisch zurück. In der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger arbeit er noch mit seinen späteren sozialdemokratischen Widersachern zusammen. Dann aber schmiedet die FDP mit ihnen ein Regierungsbündnis und Strauß wird zum leidenschaftlichen Oppositionspolitiker. Den einstigen Koalitionspartner schmäht Strauß als "Hund der mit zwei Schwänzen wackelt". Im Bundestag liefert er sich legendäre Rededuelle mit Herbert Wehner und Helmut Schmidt. Die Kunst der politischen  Rede ist in den 1970er Jahren auf dem Zenit. Wortwitz, schlagfertige Pointen und Metaphern machen Lust auf Politik:


Rezensionen zu Strauß-Biografien: Ein auf das Bild klicken...
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Auch in Bierzelten und in der Partei poltert Strauß (nicht immer ganz nüchtern): "Der Helmut Kohl wird niemals Bundeskanzler. Der ist total unfähig." Niemals Kanzler wird ein anderer: Strauß höchstselbst. In einem hitzigen und ideologisch aufgeladenem Wahlkampf ("Stoppt Strauß!") scheitert er 1980 als Kanzlerkandidat. Zwei Jahre spätere tritt ausgerechnet Helmut Kohl seine sechszehnjährige Regierungszeit an. Strauß verfolgt inzwischen andere Interessen. Als Ministerpräsident (seit 1978) macht er Bayern zukunftsfähig und zeigt sich weltgewandt (beispielsweise mit einem Staatsbesuch in Mao Zedongs kommunistischem China). Dabei ist Strauß ein unermüdlicher Antikommunist. Einer seiner Lieblingswitze:  "Was passiert, wenn in der Sahara der Sozialismus eingeführt wird? Zehn Jahre überhaupt nichts, und dann wird der Sand knapp... (mehr Strauß-Zitate gibt's hier) Welche Sensation also, dass Strauß Erich Honeckers DDR einen Milliardenkredit verschafft. Allerdings muss die SED als Gegenleistung den Menschen in Ostdeutschland den Alltag erleichtern und Selbstschutzanlagen an der innerdeutschen Grenze abbauen. Diese Grenze hat Strauß nicht überlebt. Sein Todestag jedoch hat im nachhein sehr viel mit der Wiedervereinigung zu tun. Seit 1990 ist es der Tag der Deutschen Einheit. Am 3. Oktober 1988 - heute vor 25 Jahren - trifft ihn auf dem Weg zur Jagd der Schlag. Der spätere Papst Kardinal Joseph Ratzinger spricht beim Trauergottesdienst vielen Bayern aus der Seele: „Wie eine Eiche ist er vor uns gestanden, kraftvoll, lebendig, unverwüstlich, so schien es. Und wie eine Eiche ist er gefällt worden.“

Mehr Strauß im Blog:

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Ludwig Erhard: Bundeskanzler 1963-1966

Ludwig Erhard (1897-1977) war für die CDU Bundeskanzler von 1963 bis 1966.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F020158-0003 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, B 145 Bild-F020158-0003 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0

Er war der Kanzler mit der Zigarre: Ludwig Erhard. Sein Leben genießt er buchstäblich in vollen Zügen und auch seinen Landsleuten verspricht der Vater des Wirtschaftswunders werbewirksam "Wohlstand für alle" (siehe links). Das ist kein Wunder, denn der junge Erhard hat als Nachwuchswissenschaftler an einem Marketing-Seminar gearbeitet – und doch hat es tiefere Gründe, dass Erhard das Leben schätzt: Dreimal hängt es am seidenen Faden. Geboren 1897 in Fürth erkrankt der kleine Ludwig an spinaler Kinderlähmung. Glück im Unglück: Erhard kommt mit einem Klumpfuß davon. Auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs springt er dem Tod erneut von der Schippe. Zuerst übersteht er ein gefährliches Fleckenfieber und wird dann bei Ypern von einer Granate schwer verletzt. Als sich Erhard vom Krankenlager erhebt und das Lazarett verlassen darf, ist der Krieg zu Ende. Erhard bezieht jetzt in den Schützengräben der Wirtschaftswissenschaften Stellung, erwirbt ein Kaufmannsdiplom und studiert Betriebswirtschaftslehre. Seine Doktorarbeit verrät bereits den künftigen Manager der Währungsreform: Erhard promoviert über „Wesen und Inhalt der Werteinheit“. Seine große Stunde schlägt nach dem Zweiten Weltkrieg. Schon in den frühen 1940er Jahren hat Erhard über die künftige Wirtschaftsordnung nachgedacht. Da er dabei mit dem Untergang des NS-Regimes und mit künftigen Kriegsschulden gerechnet hat, musste er vorsichtig sein, solange Hitler an der Macht war. Nach Kriegsende aber ist er als politisch unbelasteter Wirtschaftsfachmann ein Juwel für die amerikanischen und englischen Befreier. Erhard bereitet für die Besatzungsmächte die Währungsreform vor - und landet einen Überraschungscoup: Noch ehe der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay die endgültigen Pläne absegnet, verkündet Erhard die ersten Details.


Ludwig Erhard (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)
Ludwig Erhard (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)

Die Deutschen nehmen ihn als den wahr, der er ist: ein Wirtschaftsexperte, der auch die Kunst des Politischen beherrscht. Auch der gerade gewählte Kanzler Adenauer sieht das (noch) so und beruft Erhard als Wirtschaftsminister. In der Regierung beweist Erhard, dass er nicht nur Währungsreform kann. Er kann auch Wirtschaftswunder. Der Schlüssel dazu ist die Soziale Marktwirtschaft: eine Wirtschaftsordnung, die maßgeblich von den Ökonomen Werner Eucken und Alfred Müller-Armack ersonnen worden ist und die Erhard nun Schritt für Schritt politisch ins Werk setzt. „Die Grundlage aller Marktwirtschaft bleibt die Freiheit des Wettbewerbs“, erklärt Erhard den Deutschen. Dann bedient sich der begeisterte Fußballer (Klumpfuß hin oder her) einer Sprache, die spätestens nach dem Wunder von Bern (im Eulengezwitscher: Fritz Walter und Helmut Rahn) alle verstehen: „Ebenso wie beim Fußballspiel der Schiedsrichter nicht mitspielen darf, hat auch der Staat nicht mitzuspielen. Die Zuschauer würden es den Spielpartnern auch außerordentlich übel nehmen, wenn diese vorher ein Abkommen geschlossen und dabei ausgehandelt haben würden, wieviel Tore sie dem einen oder anderen zubilligten.“ Geheime Absprachen (Kartelle) sind verboten; gewisse Regeln brauchen Fußball wie Wettbewerb.“

Foto: Arnoldius. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Foto: Arnoldius. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Die Wirtschaft brummt und Deutschland klettert gewissermaßen über die Konjunkturkurve aus der Nachkriegszeit. Wer aber glaubt, die Soziale Marktwirtschaft bringe jedem Deutschen ein Rund-um-sorglos-Paket, der hat Erhard nicht verstanden: „Solche 'Wohltat' muß das Volk immer teuer bezahlen“, warnt Erhard, „weil kein Staat seinen Bürgern mehr geben kann, als er ihnen vorher abgenommen hat“. Solche mahnenden Worte gehen im ungeahnten Aufschwung allzu leicht unter. Die Deutschen haben allen Grund zu jubeln und dem jovial-optimistischen Erhard jubeln sie gerne zu. Als Konrad Adenauer abtritt, wird der im Volk beliebte Ehrhard zu seinem Nachfolger gewählt. Auch als Kanzler bleibt er ein Mahner. In seiner Regierungserklärung erinnert er daran, warum die deutsche Konjunktur brummt: „Lassen Sie mich ein offenes Wort sprechen: Wir müssen uns entweder bescheiden oder mehr arbeiten. Die Arbeit ist und bleibt die Grundlage des Wohlstandes:“ Obwohl bald vom „Volkskanzler“ die Rede ist, steht die Kanzlerschaft unter keinem guten Stern. Adenauer, der nur das Kanzleramt abgetreten hat, nicht aber den Parteivorsitz, macht es Erhard schwer. Parteispitze und Fraktion haben nach kurzer Zeit kein volles Vertrauen mehr in den neuen Kanzler. Der kämpft derweil mit dem übergroßen Erbe Adenauers. In der Außenpolitik gelingt es ihm kaum, das deutsch-amerikanische und das deutsch-französische Verhältnis unter einen Hut zu bringen. In der Innenpolitik setzt ihn die erste Wirtschaftskrise unter Druck. Als der kleine Koalitionspartner FDP Erhards Finanz- und Wirtschaftspolitik nicht mehr mitträgt, zerbricht das Regierungsbündnis – und mit ihm Erhards Kanzlerschaft. Nur drei Jahre hat er regiert. Dennoch wirken viele seiner wirtschaftspolitischen Einsichten bis heute nach. Besonders einschlägig ist ein Ratschlag zur Steuer- und Schuldenpolitik: „Der sozialen Fürsorge ist auch nicht damit gedient, durch immer höhere Steuerbelastungen die Produktivität zu schmälern oder auch durch fragwürdiges Finanzgebaren die Volkswirtschaft immer stärker zu verschulden. Auch diese Schulden müssen einmal zurückgezahlt werden."

Alle wörtlichen Zitate sind dem Internetauftritt der Initiative Neue Soziale Marktschaft entnommen. Auch die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Ludwig-Erhard-Stiftung bieten weitere Details zur Kanzlerschaft Ludwig Erhards. 

 

 

Alle Kanzler im Eulengezwitscher Extra zur Bundestagswahl:

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Robert Schuman: Vater Europas

Robert Schuman im Biografien-Blog
Foto: MPD01605. Licensed under CC BY-SA 2.0
www.ac-nancy-metz.fr (Public Domain)
www.ac-nancy-metz.fr (Public Domain)

Er hatte einen Plan für Europa: Robert Schuman (1886-1963). Am 9. Mai 1950 tritt der französische Außenminister im Uhrensaal seines Ministerium vor die Weltpresse. Die Zeit scheint reif für eine echte Sensation - und genau die verkündet Schuman:  "Fast genau fünf Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands unternimmt Frankreich die erste Aktion zur Errichtung eines geeinten Europas und wählt Deutschland als Partner." Die Idee stammt eigentlich von Jean Monnet, aber Schuman nimmt das politische Risiko an. Zumindest die Deutschen hat er schon auf seiner Seite, denn deren Kanzler Konrad Adenauer weiß zumindest inoffiziell schon, was Schuman jetzt sagt: Leise spricht er, stockend gar. Auch die dreihundert Journalisten halten die Luft an, als Schumann seinen Plan für Europa, den Schuman-Plan konkretisiert: "Wir schlagen vor, die gesamte deutsch-französische Kohle- und Stahlproduktion einer Hohen Behörde zu unterstellen, in einer Organisation, die den anderen Ländern Europas zum Beitritt offensteht."

Für Europa: Adenauer und Schuman
Für Europa: Adenauer und Schuman

Kohle und Stahl sind die kriegswichtigsten Rohstoffe - ausgerechnet da die Erbfeinde Frankreich und Deutschland zusammenarbeiten? Aber Schuman hat genau das im Sinn, "dass jeder Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich ist". Schuman selbst hat zwei Waffengänge am Rhein miterlebt: Als gebürtiger Luxemburger hatte er im Ersten Weltkrieg die deutsche Uniform getragen, im Zweiten Weltkrieg war er im Widerstand gegen die deutsche Besatzung Frankreichs aktiv gewesen. Dabei wird er von den nationalsozialistischen Häschern der Geheimen Staatspolizei verhaftet und festgesetzt. Schuman kann fliehen und verbirgt sich im Kloster. Das hat er mit Konrad Adenauer ebenso gemeinsam wie eine tiefe Verwurzelung im katholisch-bürgerlichen Milieu. Sein Glaube ist es auch, der ihm die Kraft gibt, für ein friedliches Miteinander einzutreten: "Europa bedeutet die Verwirklichung einer allgemeinen Demokratie im christlichen Sinne", schreibt Schuman in seiner Erinnerungsschrift, deren Titel sein Leben und sein Lebenswerk in nur zwei Worten zusammenfasst: "Für Europa!" Obwohl Schuman schon 1963 stirbt, hat er viel für Europa getan: Die "Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl" die mit dem Schuman-Plan aus der Taufe gehoben wird, ist jedenfalls der Beginn der Erfolgsstory Europa. Heute vor 50 Jahren ist Robert Schuman gestorben - am 4. September 1963.

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Lucius D. Clay: Der Rosinenbomber

Rosinenbomber und Lucius D. Clay Biographie im Biografien-Blog
Ein "Rosinenbomber" landet auf dem Berliner Flughafen Tempelhof (Foto: USAF, Lizenz: Gemeinfrei)

 

General Lucius D. Clay (Lizenz: gemeinfrei)
General Lucius D. Clay (Lizenz: gemeinfrei)

Er versorgte Berlin aus der Luft: Lucius D. Clay. Am 24. Juni 1948 (heute vor 65 Jahren) wachen die Westberliner als sowjetische Gefangene auf. Der Kreml hat angeordnet, alle Zufahrtswege nach Westberlin zu sperren. Vorausgegangen war ein Streit ums liebe Geld. In den drei westlichen Besatzungszonen hatten die Alliierten eine Währungsreform ins Werk gesetzt (die Einführung der D-Mark), die im Osten auf wenig Gegenliebe gestoßen war. Jetzt zeigt Moskau Muskeln und wagt einen Vorstoß, sich das ganze Berlin einzuverleiben. Die Blockade Berlins kommt einer Belagerung gleich. Gewaltsame Lösungen will der Westen nicht bemühen, das Risiko eines neuen Krieges um des gerade geschlagenen Deutschlands willen ist zu groß. Und doch ist es die Stunde des Kriegers Clay, die nun schlägt. Geboren 1897 als Sohn des US-Senators von Georgia hat Clay eine Karriere als Armeeingenieur und -logistiker durchlaufen: Er hat Schiffahrtsstraßen und Häfen auf den Philippinen ebenso gebaut wie den Red-River-Staudamm in Tennessee. Im Krieg leistete er in bestechend kurzer Zeit den Wiederaufbau des französischen Hafens von Cherbourg (nach der alliierten Invasion 1944). Viel Zeit bleibt auch jetzt nicht, da Clay als Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone und Befehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa Verantwortung für den einstigen Gegner trägt, denn die über zwei Millionen Westberliner sind auf Lebensmittel und Medikamente von außen angewiesen. Besonders eindrirnglich macht ihm das Ernst Reuter klar, der spätere Regierende Bürgermeister von Westberlin. Quasi über Nacht organisiert Clay eine Luftbrücke. Im Drei-Minuten-Takt landen die so genannten "Rosinenbomber" in Berlin-Tempelhof, um die Eingeschlossenen mit dem Nötigsten zu versorgen (siehe Clip). Die Berliner jubeln dem US-General zu und auch Clay schließt die Berliner ins Herz. So ist er es ist es, der zwei Jahre später in den USA Spenden für eine Freiheitsglocke nach amerikanischem Vorbild (Liberty Bell) sammelt, die er den Westberlinern überbringt - zusammen mit einer von 16 Millionen Amerikanern unterschriebenen Unabhängigkeitserklärung. Clay ist es auch, der nach dem Mauerbau vor Ort den Schulterschluss sucht und Solidarität zeigt. Berlin wird seinen Ehrenbürger Lucius D. Clay, der 1978 gestorben ist, nicht vergessen.

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Jakob Kaiser: Christ und Demokrat

Quelle: ACDP-Fotoarchiv
Jakob Kaiser (Lizenz: ACDP)

Er lebte Volkspartei: Jakob Kaiser (1888-1961), ein Christdemokrat der ersten Stunde. Geboren im Kaiserreich lernt Jakob bei seinem Vater, Bücher zu binden (ab 1901), und bei Vater Staat den Umgang mit der Waffe (1908-1910). Ehe er davon im Ersten Weltkrieg an der Ost- und an der Westfront Gebrauch machen muss und schwer verwundet wird, findet er sein politisches Zuhause bei den christlichen Gewerkschaften. Schon dem jungen Jakob Kaiser ist eine bemerkenswerte Mischung aus Patriotismus, Katholizismus und Sozialismus zu eigen. Was andere in innere Widersprüche stürzen würde, bewirkt bei Jakob Kaiser das Gegenteil: Er reift zum Brückenbauer zwischen nur vermeintlichen Gegensätzen. Das sind gute Voraussetzungen für einen Volkspartei-Politiker.  Dazu kommt, dass er politische Prinzipen praktiziert, die von einer tiefen demokratischen Gesinnung zeugen: Denn seine Vaterlandsliebe verpflichtet ihn nicht zur Nibelungentreue gegenüber Verbrecherregierungen. Er beugt sich weder Hitlers Nazionalsozialismus noch Walter Ulbrichts DDR-Unrechtsregime: "Es gibt keine linke und keine rechte Diktatur, es gibt nur eine Diktatur. Wir sagen jeder Form von Totalität Feindschaft an." Solche Überzeugungen machen ihn gleich zweimal zur unerwünschten Person: Die Nazis setzen ihn fest und die DDR-Führung entmachtet ihn als Vorsitzenden der Ost-CDU, der er kurz nach dem Krieg geworden ist. Dabei steht Kaiser zeitlebens für eine arbeitnehmerorientierte Politik, die im Sozialismus ebenso Anklang findet, wie in der West-CDU, in der Kaiser nun seine neue politische Heimat findet: Er tritt für betriebliche Mitbestimmung ein, will das Wirtschaftsleben planen, Bodenschätze und wichtige Industriezweige verstaatlichen. Für ihn, den Brückenbauer, ist es auch kein Widerspruch, Christdemokrat und Gewerkschaftler zugleich zu sein. Nur einen Widerspruch hält der Patriot kaum aus: Die deutsche Teilung. Sein Vorschlag, "Brücke sein zu wollen zwischen Ost und West" stößt beim Bundeskanzler Konrad Adenauer auf wenig Gegenliebe. Der Kanzler setzt auf Westbindung und dagegen kann auch ein (Jakob) Kaiser seine Vorstellungen nicht durchsetzen.

Vergeblich oder gar vergessen ist seine Meinung nicht. Im Gegenteil: Die Persönlichkeit und die Politik Jakob Kaisers erinnern daran, wie wichtig Gegenmeinungen und Diskussionen, Strömungen und Flügel für die  Zukunft der Volkspartei CDU sind: Nur innerparteiliche Kontroversen und Reibungspunkte halten Volksparteien gedanklich beweglich. Konrad Adenauer wusste das. Bis zuletzt suchte er das Gespräch mit seinem parteiinternen Gegenspieler, selbst an dessen Krankenbett (siehe Bild). In diesem Sinn darf es ab und an gerne ein bißchen mehr Jakob Kaiser sein in der CDU - der einzig verbliebenen Volkspartei.  Heute, am 8. Februar 2013, wäre Jakob Kaiser 125 Jahre alt geworden.

 

Ein ausführlicher und ein tabellarischer Lebenslauf Jakob Kaisers finden sich sich im Internetportal zur Geschichte der CDU, das von der Konrad-Adenauer-Stiftung gepflegt wird.

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Ernst Reuter: "Ihr Völker der Welt"

Bundesarchiv, Bild 102-18493 / Pahl, Georg / CC-BY-SA 3.0
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Scanned by NobbiP. Licensed under Public Domain
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Seine Stimme hält der Aufregung kaum Stand, doch Ernst Reuter achtet nicht darauf: "Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!" Es ist ein Hilferuf, ja. Die Sowjets haben die Zufahrtswege nach Berlin blockiert, um die Übergabe der drei Westsektoren zu erzwingen. Aber nicht mit Ernst Reuter. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie die Moskauer Machtzirkel funktionieren: Im Ersten Weltkrieg war er schwer verwundet in russische Kriegsgefangenschaft geraten und hatte dort die Sprache gelernt. Als begeisterter Anhänger der russischen Revolution sollte er die Kommunistische Partei Deutschlands mit aufbauen. Allerdings schreckten ihn die zusehends radikaleren Ideen der Moskauer Führung ab und er überwarf sich mit den Sowjets. Seither trauen sich Reuter und die Russen nicht mehr über den Weg. Die sowjetische Militärführung legt ihr Veto ein, als Reuter 1947 für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands zum Berliner Oberbürgermeister gewählt wird. Und während die Rosinenbomber das von der Roten Armee eingeschlossene Berlin aus der Luft mit dem Nötigsten versorgen, wehrt sich Reuter mit Worten: "Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg über die Macht der Finsternis besiegelt ist." Ernst Reuters, der später doch Regierender Bürgermeister von Berlin wurde, hat seine berühmteste Rede  heute vor 64 Jahren gehalten: am 9. September 1948.

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Helene Weber: Die Mutter des Grundgesetzes

Helene Weber mit dem Müttergenesungswerk bei Bundespräsident Heuss (Bundesarchiv, B 145 Bild-F006445-0018 / CC-BY-SA 3.0
Helene Weber mit dem Müttergenesungswerk bei Bundespräsident Heuss (Bundesarchiv, B 145 Bild-F006445-0018 / CC-BY-SA 3.0
KAS-Stuttgart-Bild-190-5“ von CDU
KAS-Stuttgart-Bild-190-5“ von CDU

Sie war eine von vier Müttern des Grundgesetzes: Helene Weber (Mitte sitzend). Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Helene Wessel, Friederike Nadig und Elisabeth Selbert (im Bild von links nach rechts) sorgt die einzige CDU-Abgeordnete im Parlamentarischen Rat 1948/49 dafür, dass das Grundgesetz Männer und Frauen gleichberechtigt (Art. 3) sowie Ehe und Familie schützt (Art. 6). Als erfahrenes Vorstandsmitglied  des Katholischen Deutschen Frauenbundes liegen ihr insbesondere die Mütter und deren Rechte am Herzen. Charmant, aber unnachgiebig setzt sie den vierten Absatz des Art. 6 Grundgesetz durch: "Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft" (siehe dazu die Broschüre "Mütter des Grundgesetzes, unten zum Download). Wie man demokratische Verfassungen gestaltet, das hat Helene Weber schon dreißig Jahre zuvor in Weimar gelernt: Als Abgeordnete der Nationalversammlung von 1919 hat die studierte Lehrerin bereits an der ersten demokratischen Verfassung mitgearbeitet, ehe sie als Ministerialrätin für "Soziale Ausbildung" ins Preußische Wohlfahrtsministerium gewechselt ist. Nach der Machtergreifung setzen sie die Nationalsozialisten aber wegen "politischer Unzuverlässigkeit" vor die Tür, denn  für Demokratinnen hat Hitler nichts übrig. Die junge CDU und die junge Bundesrepublik dagegen umso mehr: Helene Weber gründet die Frauen-Union (1956) und ist Mitglied des Deutschen Bundestages, bis zu ihrem Tod am 25. Juli 1962 - heute vor 50 Jahren.

Übrigens: Das Bundesfrauenministerium zeichnet  seit 2009 alljährlich erfolgreiche  Kommunalpolitikerinnen mit dem Helene-Weber-Preis aus.  Er richtet sich an Frauen jeden Alters, die ihr Mandat in der ersten oder maximal zweiten Wahlperiode ausüben und in ihrer Kommune bereits neuartige und zukunftsweisende Projekte umgesetzt haben.

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