Martin Luther: Hör mal, wer da hämmert...

Martin Luther hat mit wenigen Hammerschlägen die ganze Kirche umgebaut. Ein biografischer Bildband zeigt sein Leben.

Victoria Ocampo
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Martin Luther klopft auf Holz. 95 Thesen hämmert der Mönch an das knarzende Brettertor. An diesem 31. Oktober 1517 öffnet jenes Tor nicht nur die kleine Schlosskirche zu Wittenberg. Es gewährt Einlass in die Weltgeschichte. Martin Luther tritt beherzt ein. Ein neuer Text- und Bildband lässt uns  zusehen.

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Über Luther ist alles gesagt - und zwar fast von jedem. Aber je näher der 500. Jahrestag des Thesenanschlags rückt (2017) desto eifriger rücken ihm die Biografen und Historiker, die Theologen und die Pyschologen wieder auf den Hals. Fast jedes neue Buch verspricht irgendeine neue Enthüllung - und sei es nur eine neue Luther-Deutung: Luther der Freiheitskämpfer, Luther der Spalter, Luther der Aufklärer, Luther der Antisemit. Wie angenehm anders kommt der Text- und Bildband von Armin Kohnle daher. Er zeigt Luthers Lebensweg in Zeichnungen, Gemälden und Fotografien. Zeitgenössische Dokumente sind ebenso abgebildet wie spätere Historienmalereien und künstlerische Verehrungen und Verklärungen.

Victoria Ocampo im Biografien-Blog
Lizensiert unter Gemeinfrei

Dieser Band ist nicht nur anschaulich bebildert. Er moderiert gut verständlich durch Luthers Lebensgeschichte. In überschaubaren und einzeln lesbaren Kapiteln geht das Buch auf die einzelnen Stationen des Lebensweges und des Lebenswerkes ein. Sein Anspruch ist es nicht, das Rad der Reformation neu zu erfinden oder auf Gedeih und Verderb weiterzudrehen. Hier geht es darum, von Luther und von seiner Legende zu erzählen. Nüchtern und unaufgeregt - manchmal auch etwas zu dröge und trocken - referiert Armin Kohnle den Stand der Luther-Forschung. Dabei schreibt er aber nicht zu Wissenschaftlern, sondern für interessierte Laien. Ein Glossar und wohldosierte Infokästen ermöglichen einen schnellen und angenehmen Zugang zu Luthers Zeit. Wer einen dramatischen und pathetischen Geschichtskrimi lesen will - Luthers Ringen mit Kaiser und Papst geben das durchaus her - der wird enttäuscht. Der berühmte Blitzschlag, der Luther zu Gott geführt haben soll, die thrillergerechte Entführungsszene und das Ringen um die Bibelübersetzung finden natürlich statt, aber sie werden keineswegs überstrapaziert oder stilisiert.

Wer aber den Menschen Martin Luther verstehen will; und die Jahrhunderte währende Aufregung um ihn, der ist mit diesem Band gut beraten.

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Hans Küng: Der Gegenpapst

Kirchenkritiker Hans Küng erinnert sich an sieben Päpste

Foto: presidencia.gov.ar, Lizenz: CC BY-SA 2.0; Foto: Fabio Pozzebom, Lizenz: CC BY 3.0; Foto: Unbekannt, Lizenz: Gemeinfrei; Foto: Sentinelle del mattino International, Lizenz: CC BY-SA 2.0; Foto: Vatican, Lizenz: Gemeinfrei
Foto: presidencia.gov.ar, Lizenz: CC BY-SA 2.0; Foto: Fabio Pozzebom, Lizenz: CC BY 3.0; Foto: Unbekannt, Lizenz: Gemeinfrei; Foto: Sentinelle del mattino International, Lizenz: CC BY-SA 2.0; Foto: Vatican, Lizenz: Gemeinfrei

Er ist ein moderner Gegenpapst: Hans Küng. Der eigenwillige Schweizer Priester und Professor hat mit seiner Meinung nie hinter dem Berg gehalten. Und meistens ist das eine vom Vatikan-Sprech abweichende und kirchenkritische Meinung: Von der Unfehlbarkeit der Päpste hält Küng beispielsweise nichts. Das kommt am Heiligen Stuhl gar nicht gut an: Unter Papst Johannes Paul II. entzieht man ihm seine Lehrbefugnis.  Jetzt schreibt der streitbare Theologe Hans Küng über die sieben Päpste, die er selbst erlebt hat. Herausgekommen ist ein autobiografisches Drama in sieben Akten: eine fesselnde Mischung aus Kirchenkrimi, Vatikangeschichte und persönlicher Abrechnung...

Klick aufs Cover: Direkt zum Verlag
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Hans Küng, (Jahrgang 1928) ist ein wortgewaltiger Mensch. Und er weiß, dass seine Worte Gewicht haben. Seine Meinung ist gefragt, weil sie fast immer für Diskussionen sorgt: In den Medien, in der Kirche, in der Wissenschaft. Hans Küng ist ein streitbarer Theologe - und ein einflussreicher. Wie kein zweiter hat er sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder kritisch mit den Päpsten und ihren theologischen Positionen, ihren Persönlichkeiten und ihrer Politik befasst. Sein Buch über die sieben vergangenen Päpste ist deshalb auch ein politisches und persönliches Buch. Hans Küng holt die Päpste von ihrem Sockel der Unantastbarkeit, indem er sie menschlich zeigt. Er beschreibt sie als Weggefährten und verkürzt dadurch seine eigene Distanz zu den Nachfolgern Petri. Seine Urteile sind scharf und Verklärung ist Hans Küngs Sache nicht. Vor allem dann nicht, wenn es zu Differenzen zwischen einem Papst und ihm gekommen ist. Drei Beispiele: An Johannes Paul II., in dessen Amtszeit er die Lehrbefugnis entzogen ´bekommen hat, lässt Küng kaum ein gutes Haar. Benedikt XVI. schätzt er zwar menschlich - immerhin hat der deutsche Papst ihn zum Gespräch empfangen -, aber er tadelt ihn wegen seines "Pleiten-, Pech- und Pannenpontifikats". Im "neuen Stil", den Franziskus pflegt, sieht Küng allerdings "ein Hoffnungssignal aus Rom".

Hans Küngs Analysen sind spannend. Seine enorme Belesenheit, seine akademische Lebensleistung und sein Wissen als "Insider des Katholischen" gehen nicht mit einem drögen  Schreibstil einher: Küng schreibt kurzweilig und fundiert zugleich. Damit lässt sich das Lesen gut aushalten. Schwer zu ertragen sind allerdings Hans Küngs Selbstverliebtheit und die teils arrogant-vernichtenden Urteile, die er an einem Maßstab festmacht, den er selbst setzt. Ein bißchen mehr Ausgewogenheit in der Darstellung und ein bißchen mehr Verständnis für andere Meinungen hätten dem Buch gut getan. So schwingt sich Hans Küng zu einem Gegenpapst auf, an dem man sicher ebensoviel kritisieren kann, wie an den sieben Päpsten, über die er schreibt.

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Albert Schweitzer: Mythos der Menschlichkeit?

Vor 50 Jahren ist Albert Schweitzer gestorben. Sebastian Moll sorgt mit einer neuen Biografie für Aufregung. Ein Blick hinein...

Eigene Collage aus: Foto: Ji-Elle, Lizenz: CC BY-SA 3.0 und Quelle: Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANEFO), 1945-1989 bekijk toegang 2.24.01.04 Bestanddeelnummer 918-1292, Lizenz: CC BY-SA 3.0 nl
Eigene Collage aus: Foto: Ji-Elle, Lizenz: CC BY-SA 3.0 und Quelle: Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANEFO), 1945-1989 bekijk toegang 2.24.01.04 Bestanddeelnummer 918-1292, Lizenz: CC BY-SA 3.0 nl

Albert Schweitzer ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Als junger Mann war er nach Afrika gegangen, um in Jesu' Nachfolge ein Tropenhospital aus Holz- und Wellblechhütten aufzubauen. Vierzig Jahre später wird der Urwald-Doktor dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Man feiert ihn als „13. Jünger Jesu“ und „Mister Wellblech“ wie einen Popstar. „Genie der Menschlichkeit“ und „Universalgenie Westeuropas“ nennen sie ihn. Auch seine Biografen zeichnen fast immer ein wohlwollendes Bild. Der Mainzer Theologe Sebastian Moll zeigt Schweitzer dagegen als "Meister der Selbstinszenierung". Das ist nicht der einzige Aufreger, den dieses Buch provoziert hat...

Wirbel in der Wissenschaft

Eigentlich wollte Moll mit seiner Arbeit über Schweitzer die letzte formale Voraussetzung dafür schaffen, Professor werden zu können. Das hat nicht geklappt. Die Gutachter haben die Habilitationsschrift abgelehnt. So was kommt nicht alle Tage vor. Aber dass Molls Schweitzer-Buch den Ansprüchen der theologischen Fakultät nicht genügt und offenbar keine gute Forschungsarbeit ist, muss ja noch nicht heißen, dass es auch eine schlechte Biografie ist. Auf diesem Feld aber ist die Konkurrenz groß und außerdem hat Schweitzer selbst sehr viel über sein Leben berichtet. Das nimmt Moll zum Anlass, den "historischen Schweitzer" und den "Meister der Selbstinszenierung" zu vergleichen. Obwohl solche kritischen Einordnungen eigentlich implizit die Aufgabe jeder guten Biografie sein sollten, ist die Idee in Bezug auf Schweitzer vielversprechend, gerade weil so viele Biografen mehr oder minder ungeprüft seinen Aussagen folgen.

Zeitzeugen vergessen

Die Umsetzung verblasst dagegen, auch wenn Moll ausgesprochen schwungvoll schreibt und auf auf abschreckende Fachsprache überwiegend verzichtet. Sollten sich die wissenschaftlichen Gutachten daran (und am überaschend knappen Umfang der Arbeit) gestört haben, für eine Biografie auf dem Buchmarkt sind das keine schlechten Kriterien. Leider verzichtet Moll aber nicht nur auf unnötige Seiten und sperrigen Schreibstil. Er bezieht auch ganz elementare Zeugnisse über den „historischen Schweitzer“ nicht in seine Arbeit ein, was sich auf die Aussagekraft seines Vergleich auswirkt. Weder der Reisebericht des Schriftstellers Rolf Italiaander, noch die ausführliche Lambarene-Reportage des amerikanischen Journalisten Norman Cousins werden berücksicht und auch die knappe, aber analytisch klare Charakterstudie von Claus Jacobi nimmt Moll nicht zur Kenntnis. Alle drei hatten Schweitzer in Afrika besucht und ihn im alltäglichen Wahnsinn des Tropenhositals beobachtet. Dabei haben sie nur nur Schmeichelhaftes zu berichten vorgefunden. Inhaltlich hält das Buch von Sebastian Moll auch aus biografischer Sicht also leider nur in der flotten Sprache, was der reißerische Titel verspricht. Was Moll über den Selbstdarsteller Schweitzer zu Tage fördert - denn es ist ja kein Geheimnis, dass Schweitzer kräftig an seiner eigenen Legende gestrickt hat - geht im Großen und Ganzen nicht über das hinaus, was Nils Ole Oermann am  Schluss seiner vor einigen Jahren erschienen Biografie zusammenträgt. Insgesamt bleibt Moll weit hinter diesem Meilenstein der Schweitzer-Biografik zurück. Ein weiteres muss bedacht werden: Schweitzer hat sich zwar geschickt in Szene gesetzt, aber er hat es auch getan, um Aufmerksamkeit für sein Afrika-Projekt zu schaffen - und das war die Voraussetzung für die vielen Spenden und Zuwendungen, die das Tropenhospital finanziert haben. Insofern muss letztlich unklar bleiben, ob Schweitzers Selbstgefälligkeit auch eine strategische Dimension im Dienst seiner gelebten Nächstenliebe gehabt hat.

In der Tradition von Albert Schweitzer

Es entsteht der Eindruck, dass Sebastian Moll von Schweitzer wesentlich mehr beeindruckt ist, als die These seines Buches erwarten lässt. Es sieht so aus, als habe er mit Schweitzers Mitteln hat punkten wollen. Auch der dreifach promovierte Friedensnobelpreisträger hat eine sehr kurz gefasste philosophische Doktorarbeit abgegeben, in der er (natürlich viel kompromissloser) auf Sekundärliteratur verzichtet hat. Auch Schweitzer hat immer wieder gegen den wissenschaftlichen Mainstream angeschrieben und ist damit angeeckt. Aber Schweitzer hat die Provokation selten um ihrer selbst willen gesucht. Und in diesem Punkt kann man sich bei Moll nicht sicher sein. Denn als langjähriger Universitätsangehöriger hätte er wissen müssen, was geht und was nicht.

Sebastian Moll 2014: Albert Schweitzer. Meister der Selbstinszenierung.

Berlin University Press, 250 Seiten, € 29,99, EAN: 978-3-86280-072-8 

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Papst Franziskus: Baue meine Kirche wieder auf

Der Biografien-Blog wünscht gesegnete Weihnachten - mit einer Papst-Biografie.

Foto: Jeffrey Bruno. Licensed under CC BY-SA 2.0
Foto: Jeffrey Bruno. Licensed under CC BY-SA 2.0

Er ist der Stellvertreter Jesu auf Erden: Papst Franziskus. Den Job an der Spitze der uralten katholischen Kirche übt er erfrischend unverkrustet aus. Das hat ihm im ersten Jahr seiner Amtszeit viel Kopfschütteln eingebracht - und viel Anerkennung: Ein oberster Würdenträger, der nur schlichtes Weiß trägt und im Gästehaus des Vatikans wohnt? Ein Politiker, der sich nicht scheut, die Mächtigen der Welt ins Gebet zu nehmen? Ein Kirchenchef, der beherzt führt und auch Missstände in den eigenen Reihen öffentlich anprangert? Ein Seelsorger auf dem Heiligen Stuhl, der sich nicht zu schade ist, Armen die Füße zu waschen? Was ist das für ein Mensch, der da das Ruder des Kirchenschiffes übernommen hat? Mögliche Antworten auf diese Fragen gibt die Franziskus-Biografie von Daniel Deckers, die jüngst bei C.H. Beck erschienen ist - eine Besprechung:

Daniel Deckers

Papst Franziskus

Wider die Trägheit des Herzens

Erschienen bei C.H.Beck im Oktober 2014. 352 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,95 €.


Papst-Biografen haben es nicht leicht. Sie sollen Lebensgeschichten von Menschen erzählen, die meistens erst dann weltbekannt sind, wenn sie gewissermaßen von Amts wegen gar nicht mehr auf ihrem eigenen Lebensweg wandeln, sondern sich ganz der Nachfolge Petri als Stellvertreter Christi verschrieben haben. Noch schwerer ist diese Aufgabe geworden, seit man mit wenig Aufwand über nahezu jeden nahezu alles recherchieren kann - bis weit in die Vergangenheit zurück. Spätestens seit dem langsamen Sterben des vorvergangenen Papstes Johannes Paul II., das als Medienevent weltweit live übertragen worden ist, darf sich jedes katholische Kirchenoberhaupt sicher sein, bis aufs Mark durchleuchtet zu werden. Dass der spätere Papst Benedikt XVI. als Teenager Joseph Ratzinger (gegen seinen Willen) in der Hitlerjugend war, ist ebenso öffentlich diskutiert worden, wie die Vergangenheit des jungen Jesuiten und Priesters Jorge Mario Bergoglio in der Zeit der argentinischen Militärdiktatur.  Wie also umgehen mit den eventuellen menschlichen Makeln in der Lebenszeit vor der Papstwahl - die ja traditionell nicht allzu kurz ist?

Daniel Deckers löst die Herausforderung mit der nüchternen Professionalität eines promovierten Theologen und routinierten Journalisten: Fundiert und unaufregt zeichnet er den Lebensweg des 1936 in Buenos Aires geborenen Jorge Mario Bergoglio nach.  Breiten Raum gibt er dem Lebenswerk des künftigen Papstes, der Entstehung und der Analyse seines Denkens sowie der umsichtigen Einordnungen in die politischen, religiösen und kirchlichen Rahmenbedingungen der vergangenen fünf Jahrzehnte, in denen Bergoglio gewirkt hat. Mit Anekdotischem und vage Überliefertem geht Deckers dagegen überaus vorsichtig um. Vorbehalte gegenüber Quellen werden benannt, auch wenn es nur um beiläufige Episoden aus der Kindheit geht. Das hat Vor- und Nachteile: Zweifelsfrei ist die Franziskus-Biografie ein kluges und aufschlussreiches Buch und sein Autor gewinnt rasch das Vertrauen des Lesers. Hier wird weder ein dem Menschsein entrückter Halbheiliger zelebriert, noch der investigativen Wolllust wegen irrwitzige Skandalsuche betrieben. Deckers gelingt es, den Werdegang des Papstes distanziert zu erläutern. Was bei dieser Akzentuierung unvermeintlich etwas zu kurz kommt, ist die biografische Großaufaufnahme - stilistisches Heranzoomen an den Menschen  Jorge Mario Bergoglio. Die abwägende, sich absichernde Darstellung ist keine Erzählung - sie kann es nicht sein und will es möglicherweise auch nicht. Das verhindert, beim Lesen in die Lebensgeschichte hineinzufallen, aber es ermöglicht es, sich ein eigenes Bild vom Stellvertreter Christi zu machen. Da Daniel Deckers diesen Ansatz aber konsequent durchhält, hat er eine in sich stimmige und lesenswerte biografische Analyse vorgelegt, die das Leben des Papstes gewissermaßen von hinten aufrollt: Sein Pontifikat ist nicht nur Anlass, sondern auch Ausgangs- und Zielpunkt dieses Buches. 

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Kinderstube im Pfarrhaus

Das evangelische Pfarrhaus in Nochern (nahe der Loreley) / Foto: Haffitt, Lizenz: CC-BY-SA-3.0,2.5,2.0,1.0
Das evangelische Pfarrhaus in Nochern (nahe der Loreley) / Foto: Haffitt, Lizenz: CC-BY-SA-3.0,2.5,2.0,1.0

Das ist ein persönlicher Blog. 'Pastors Kinder' ist ein Buch, das ich vor allem für meine Nichte Pauline gelesen habe. Denn heute ist ihre Mama, meine Schwägerin Sabine, ordiniert worden. Sie ist jetzt Pfarrvikarin im Oberen Mittelrheintal.  Pauline wächst also von nun an einem Pfarrhaus auf. Grund genug, ein Buch vorzustellen, das von Pfarrerskindern erzählt - und davon, wie sie die Gesellschaft prägen. Klaus Fitschen hat über 'Pastors Kinder' aus vier Jahrhunderten erzählt:

Klaus Fitschen

Pastors Kinder

Wie Pfarrhäuser die Gesellschaft prägen

Erschienen im Verlag SCM Hänssler. 208 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 29,95 €.


Klaus Fitschen kennt sich aus. Der Kirchengeschichtler lehrt als Professor an der Uni Leipzig. Aber er versteckt sich nicht nicht in akademischen Hinterstübchen. Klaus Fitschen hat einen biografischen Sammelband über Menschen geschrieben, die in Pfarrhäusern aufgewachsen sind. Das an sich ist eigentlich keine Nachricht - nicht einmal für einen Biografien-Blog. Aber die Art und Weise in der er es tut, ist dann doch der Rede Wert. Denn eigetlich analysiert Klaus Fitschen die gesellschaftliche Prägekraft, die von der Erziehung in Pfarrhäusern ausgeht. Dass nebenbei knapp 50 biografische Porträts abfallen, ist möglicherweise für den kirchengeschichtlichen Anspruch des Buches beiläufig, aber diese Kurzbiografien verleihen ihm erst die rechte Würze - und das liegt an den faszinierend verschiedenen vorgestellten Lebensläufen:

Von Andreas Gryphius und Georg Philipp Telemann (Dichter und Komponist des  17. Jahrunderts) über Gottfried Ephraim Lessing und Leonard Euler (Schriftsteller und Mathematiker des 18. Jahrhunderts), Johann Gustav Droysen und Friedrich Nietzsche (Historiker und Philosoph des 19. Jahrhunderts) bis zu Horst Wessel und Gudrun Ensslin (rechte und linke Terroristen des  20. Jahrhunderts) reicht das beeindruckende Spektrum derer, die Deutschland seit der frühen Neuzeit als Pfarrerskinder geprägt haben. Selbsterverständlich darf in diesem Sammelsourium auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht fehlen, die heute die wohl prominenteste Pfarrerstochter ist.

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Dietrich Bonhoeffer: Tugenden, die den Tod überdauern

Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi leisteten Hitler Widerstand - und gaben dafür nach dem 20. Juli 1944 ihr Leben

Beide Fotos lizensiert unter Gemeinfrei
Beide Fotos lizensiert unter Gemeinfrei

Heute vor 70 Jahren ist im "Führerbunker" die Bombe hochgegangen. Dorthin gebracht hat sie  General Claus von Stauffenberg in seiner Aktentasche. Sie soll Adolf Hitler töten und die Deutschen aus seiner Schreckensherrschaft befreien. Das Attentat vom 20. Juli 1944 scheitert und Hitler lebt. Stauffenberg, seine Helfer und Helfershelfer müssen sterben. Unter ihnen sind der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer und der Jurist Hans von Dohnanyi. Elisabeth Sifton und Fritz Stern haben ein bewegendes Doppelporträt aus der Nähe geschrieben.

Elisabeth Sifton/Fritz Stern

Keine gewöhnlichen Männer

Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi im Widerstand gegen Hitler

Erschienen bei C.H. Beck im August 2013. 176 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 18,95 €.


Dietrich Bonhoeffer und Hans von Donhanyi sind nicht nur Verbündete im heimlichen Kampf gegen Hitler. Sie sind auch durch familiäre Bande verknüpft: Hans hat Dietrichs Schwester geheiratet. Vor allem aber sind sie vereint durch ein Band von Anstand und Mut, das dem Widerstand gegen die Tyrannei Festigkeit verlieh. So urteilt das Autorenehepaar Elisabeth Sifton und Fritz Stern. Ihre beiden Familien waren und sind mit den Bonhoeffers und Dohnanyis gut bekannt. Das ermöglicht besondere Nahaufnahmen der beiden Männer, die in den letzten Tagen der Hitlerdiktatur gehängt worden sind. Gleichwohl wahren die beiden Autoren immer eine gewisse kritische Distanz (Fritz Stern ist darin als Historiker von Weltrang geübt). Das macht das Doppelporträt zu einem Kleinod biografischer Essayistik (Umfang: 176 Seiten): Gleichermaßen liebevoll und zurückhaltend ordnen Sifton und Stern die Lebens- und Leidensgeschichten von Bonhoeffer und Dohnanyi in ihre Zeit ein: Bonhoeffer, der Hitler als Pfarrer in der Bekennenden Kirche die Stirn bietet; Dohnanyi, der als Jurist und mit Kontakten in die Wehrmacht die Greuel der NS-Diktatur heimlich dokumentiert und Verfolgte aus Deutschland schleust. Sifton und Stern belassen nicht dabei, die verborgenen und offenen Taten dieser beiden Widerstandskämpfer zu schildern. Ihnen geht es um deren Tugenden und Werte. Ungewöhnlich scharf konturiert und dicht, dabei aber getragen von einer erzählerischen Leichtigkeit, fühlen sie sich in die Gewissensnöte der beiden ein, die gegen ihre eigenen ethischen und christlichen Prinzipien verstoßen müssen, um ihnen zu genügen - Stichwort Tyrannenmord:

Dohnanyi fragte Bonhoeffer eines Abends, was er von der Aussage Jesu halte, "wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen". (Matth. 26, 52) Gelte das auch für Hitlers Mörder? Bonhoeffer sagte ja, sie wären von diesem Urteil nicht ausgenommen. Es brauche Menschen, die sich ihm unterwerfen und bereit sind, sich der Verantwortung für ihr Leben zu stellen.

Fazit: Elisabeth Siftons und Fritz Sterns Doppelportät über Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi ist ein Kleinod biografischer Essayistik. Zugleich haben sie damit ein lebendiges Bekenntnis zu den Tugenden abgelegt, die Bonhoeffer und Dohnanyi stark gemacht haben, und die ihren Tod überdauern: Vertrauen in und Liebe zu Gott, Fleiß und Anstand, Verantwortungsbereitschaft und Mut zur Standhaftigkeit.

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Galileo Galilei: Der Sonne-, Mond- und Sternegucker

Galileo Galilei (1564-1648) war ein Universalgelehrter der Renaissance

"Und sie bewegt sich doch": Galileo Galilei lehrt in Padua. Gemälde: Félix Parra (1845 - 1919), Lizenz: Gemeinfrei
"Und sie bewegt sich doch": Galileo Galilei lehrt in Padua. Gemälde: Félix Parra (1845 - 1919), Lizenz: Gemeinfrei

Er war ein Fern-Seher: Galileo Galiei. Der praktisch veranlagte italienische Mathematiker (geb. 1564) erkennt schnell den Wert der gerade neu erfundenen Fernrohre. Weiter blicken können als das bloße Auge es vermag: das ist ein echter Kick für den  wichtigsten Naturwissenschaftler der Renaissance.

Galilei zeigt die Jupiter-Monde, Lizenz: public domain
Galilei zeigt die Jupiter-Monde, Lizenz: public domain

Nur die Leistung ist ihm noch zu schwach. Galilei macht sich daran, die bislang erreichte dreifache Vergrößerung zu verbessern. Mit guten Verbindungen ins glasverarbeitende Gewerbe, mit unerhörten Ansprüchen an Material und menschliche Handwerksfertigkeiten und mit unermüdlichem experimentellen Eifer vervielfacht er die Leistungen der Linsen. Das Resultat kann sich sehen lassen - und lässt sehen: Galileio Galilei richtet sein Fernrohr in die Dunkelheit des Weltalls und entdeckt vier neue Himmelskörper - die Jupitermonde. Zu Ehren der einflussreichen Medici-Dynastie aus Florenz (wo er gerade lebt und lehrt), nennt er sie die Mediceischen Gestirne. Das kommt an. Weltliche Unterstützung braucht der Vernunftmensch Galilei, der ganz auf seine Sinneswahrnehmung und seinen Verstand setzt, je weiter er sich aus dem Forscherfenster lehnt.

Lizenz: Gemeinfrei
Lizenz: Gemeinfrei

Seine Wissenschaftlerkarriere hat früh und unverfänglich angefangen. Schon als junger Mann wird er an verschiedenen Universitäten auf mathematische Lehrstühle berufen. Rasch zeichnet sich seine Forschung durch hohen Praxisbezug aus. Einer der es wissen muss, der Physikerphilosoph Carl Friedrich von Weizsäcker, adelt seine Leistungen: "Indem Galilei die Wissenschaft der Mechanik begründete, brachte er die Mathematik auf die Erde herab." Solange seine wissenschaftliche Neugier halbwegs bodenständig bleibt und sich beispielweise auf die Fallgesetze und Versuche auf der Schiefe Ebene richtet, lässt ihn auch die Katholische Kirche gewähren.

Titelei des Galileischen Dialogs, Lizenz: public domain
Titelei des Galileischen Dialogs, Lizenz: public domain

Als sich Galilei anschickt, das geschasste und verbotene kopernikanische heliozentrische Weltbild zu rehabilitieren, ist die Inquisition auf Habacht. Für die Ketzerjäger ist es inakzeptabel, dass nicht die Erde, sondern die Sonne den Mittelpunkt des Universums ausmachen soll. Alles hat sich um die Erde zu drehen, die im 16. und 17. Jahrhundert noch weitgehend in Kirchenhand ist. Dass der europaweit beachtete Universalgelehrte nun vorsichtig das Gegenteil behauptet (vor allem im "Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme") will der Stellvertreter Gottes auf Erden nicht hinnehmen. Das würde der Bibel widersprechen und sei deshalb falsch. Anfangs gibt sich Galilei geschickt naiv: "Weil zwei Wahrheiten sich niemals widersprechen können, so ist es die Aufgabe der weisen Ausleger der Heiligen Schrift, sich zu bemühen, den wahren Sinn der Aussprüche herauszufinden..."

Galileio vor der Inquisition, Lizenz: gemeinfrei
Galileio vor der Inquisition, Lizenz: gemeinfrei

Aber das lässt ihm die Kirche nicht durchgehen. Sie macht ernst:. Wenn Galilei nicht widerrufe, drohe ihm das Schicksal Giordano Brunos: Den hatte die Inquisition dreißig Jahre zuvor als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil er nicht eingeknickt war. Galileo, mittlerweile alt und krank, will kein Märthyrer sein. Insgeheim weiß er ja, dass sich Wahrheiten wie seine Wissenschaft nicht aufhalten lassen. Deshalb spielt er das Spiel der Kirche mit: "Daher schwöre ich mit aufrichtigem Sinn und ohne Heuchelei ab, verwünsche und verfluche jene Irrtümer und Ketzereien und darüber hinaus ganz allgemein jeden irgendwie gearteten Irrtum, Ketzerei und Sektiererei, die der Heiligen Kirche entgegen ist." Es ist ein Phyrrhussieg für die Inquistion und Kirche. 1992 wird Galilei rehabilitiert. Heute vor 450 Jahren ist der große Gelehrte geboren worden.

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Joachim Gauck: Vom Prediger zum Präsidenten

Mario Frank erzählt Joachim Gaucks Lebensgeschichte

Foto: Kleinschmidt / MSC. Lizenziert unter CC BY 3.0 de
Foto: Kleinschmidt / MSC. Lizenziert unter CC BY 3.0 de

Dieses Buch hat viele starke Seiten - und wenige schwache. "Gauck" heißt die neue Bundespräsidenten-Biografie von Mario Frank, die im Suhrkamp-Verlag erschienen ist. Der Autor kommt gleich zur Sache und gibt einen raschen Überblick über 400 kurzweilige und informative Seiten. Sehr früh offenbart er darin auch seine persönliche Wertschätzung und erschwert seinen Lesern ein eigenes Urteil. Joachim Gauck kann liebenswürdig und locker sein, aber auch aufbrausend aggressiv. Seine große Stärke ist die empathische Zuwendung zum Menschen. In der DDR und im Umgang mit der Stasi hat der ehemalige Pfarrer gelernt, Worte gleichermaßen bedächtig und wirksam zu wählen, um sich für seine Gemeindemitglieder stark zu machen. Als Stasiunterlagen-Beauftragter ist er zum Medienprofi gereift, der genau weiß, wie man sich in der Öffentlichkeit bewegt. Der Job als Staatsoberhaupt ist zwar anstrengend und zehrt an Konzentration und Kräften, aber einem wie Joachim Gauck ist er auf den Leib geschneidert. 

Mario Frank

Gauck

Eine Biografie

Erschienen bei Suhrkamp 414 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,95 €.


Franks sehr frühe und positive Gesamtbeurteilung kommt wie eine unerbetene Leseanleitung daher. Das wäre nicht nötig. Denn wer über die die ersten zwölf Seiten hinausliest, kann sich über eine solide recherchierte, stimmig bebilderte und kurzweilig erzählte Biografie freuen, die durchaus ein eigenes Urteil erlaubt. Aber die ersten Seiten nehmen nicht nur das Urteil des Biografen vorweg. Sie verraten auch manches über Mario Frank selbst: Er ist von Gaucks Persönlichkeit beeindruckt und bewundert ihn. Stolz schwingt mit – sogar ein kleines bisschen Eitelkeit – wenn er vorab davon berichtet, wie sich der Bundespräsident in zahlreichen Gesprächen nicht nur einbringt, sondern auch um die Gunst seines Biografen wirbt:

„Gauck ist trotz sichtbarer Terminnot und Zeitdrucks fast verzweifelt bemüht, mir jede Minute zu widmen, die ihm möglich ist. Nachdem er sich einmal entschieden hat mitzuwirken, tut er es nicht mit angezogener Handbremse.“

Wie zu Beginn nimmt sich Mario Frank auch gegen Ende seines 400-Seiten-Buches etwas zu wichtig. Unter Verweis auf das Grundgesetz und dessen Schutz der Ehe verurteilt er Gaucks Liebeslebensentwurf. Der ist nach wie vor mit seiner Frau verheiratet, obwohl schon lange eine andere Partnerin an seiner Seite auftritt. Ob Frank übersieht, dass das Grundgesetz auch dem Bundespräsidenten ein Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit einräumt?

Foto: Gge, Lizenz: CC-BY-3.0
Foto: Gge, Lizenz: CC-BY-3.0

Solche Anmaßungen schmälern den enormen Wert einer gut recherchierten, schmissig geschriebenen und überwiegend urteilssicheren Biografie. Entgegen mancher Kritik kommt sie keineswegs zu früh. Im Gegenteil. Sie korrigiert gekonnt das Bild eines Bundespräsidenten, der schon vor seiner ersten Kandidatur für das höchste Staatsamt teilweise idealisiert und überhöht worden ist. Mario Frank gelingt es, den Menschen hinter der medialen Figur „Gauck“ zu porträtieren – einen Menschen mit Widersprüchen und Fehlern. Er schildert beispielsweise anekdotisch, wie schwer sich Gauck seit Studientagen mit Formalien und Fristen tut. Seminararbeiten des Theologiestudenten tippt die Mutter, damit sie fertig werden, manche Reden des Bundespräsidenten erhalten den letzten Schliff von der ehemaligen Lebensgefährtin Helga Hirsch. Auch verschweigt Frank nicht, dass sich die Familie des  jugendlichen und coolen Pastors, der für seine Gemeinde immer ansprechbar ist, vernachlässigt fühlt. Der Beruf war „für ihn alles, die Familie kam weit danach.“

Besonders eindrucksvoll ist die Aufarbeitung der Dauerfehde zwischen dem Rostocker Pastor Joachim Gauck und der Stasi. Der DDR-Experte Mario Frank schildert die gegenseitigen Provokationen, erläutert die Machtspiele im institutionalisierten Gegeneinander von Staat und Kirche, konfrontiert Gauck mit Kommentaren in dessen Stasi-Akte und kommt zu einem differenzierten Gesamturteil:

Joachim Gauck gehörte zum Lager der staatskritischen Pastoren und trat dem Staat gegenüber deutlich gegnerischer auf als die meisten seiner Rostocker Amtsbrüder. Er nutzte den Freiraum, den er als Mann der Kirche genoss, aus bis an seine Grenzen. […] Seine Bereitschaft zum Widerstand endete dort, wo die persönliche Gefährdung begann. Ein Revolutionär, der bereit war, für seine politische Überzeugung ins Gefängnis zu gehen, war Gauck nicht.“

Als sich die Grenze verschiebt, die zur Verhaftung führt, geht auch Gauck weiter. In der Wendezeit wächst er in die Rolle des Revolutionspastors hinein, der von der Kanzel den Unterdrückungsapparat des DDR-Regimes geißelt.

Als Joachim Gauck zum Akteur der Revolution wird, bringt er eine Waffe mit, die er beherrscht wie kein Zweiter in Rostock: seine Wortmacht. Auf der Kanzel ist er mitreißend, ja geradezu unwiderstehlich.

Sein rhetorisches Geschick und seine inspirierenden Reden geben Hoffnung und Mut. Je größer Gaucks Publikum wird, desto klarer kristallisiert sich seine politische Nachwendekarriere heraus. Seine Überzeugungskraft entfaltet nicht nur persönliche, sondern auch politische Wirkung. Als harter Verhandlungspartner im Wiedervereinigungsprozess und durch den Aufbau der Stasiunterlagen-Behörde macht sich Gauck auch im Westen einen Namen, der mittlerweile zur Marke geworden ist. „Gauck“ eben.

Fazit: Das Amt des Bundespräsidenten ist aus gutem historischen Grund mit vergleichsweise geringen verfassungsrechtlichen Kompetenzen ausgestattet. Umso wichtiger ist es, dass die Amtsinhaber Würde ausstrahlen und wortmächtig sind. Mario Frank erklärt, warum Joachim Gauck beide Eigenschaften mitbringt, indem er seinen bewegenden Werdegang kurzweilig und informativ nachzeichnet. Dabei ist es eine wesentliche Leistung dieser Biografie, Gauck vom Sockel der Ikone zu holen, ohne ein positives Gesamtbild zu gefährden. Allerdings nimmt sich der Autor in manchem Urteil zu wichtig, was den Gesamteindruck etwas schmälert.

 

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Martin Luther King: "I Have a Dream..."

Martin Luther King war amerikanischer Bürgerrechtler

Center for Jewish History, NYC. Lizenziert unter No restrictions
Center for Jewish History, NYC. Lizenziert unter No restrictions

Er lebte und starb für seinen großen Traum: Martin Luther King. "Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages diese Nation erheben wird und die wahre Bedeutung ihrer Überzeugung ausleben wird: Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: Alle Menschen sind gleich erschaffen." Alle Menschen, das heißt: auch Menschen mit schwarzer Hauptfarbe - so wie Martin Luther King selbst. Noch in den späten 1950er und in den 1960er Jahren ist das in den Vereinigten Staaten keineswegs selbstverständlich. Rosa Parks hatte das erfahren, als sie im Stadtbus von Montgomery einem Weißen ihren Sitzplatz nicht räumen wollte. Das war man in den USA nicht gewohnt. Schulbusse und öffentliche Einrichtungen, Bars und Geschäfte, Wäschereien und Toiletten waren streng getrennt. Weiße hier, Schwarze dort. Dagegen redet der 1929 geborene King an. Seine rhetorische Begabung war schon früh aufgefallen. Erst als in Schülerwettbewerben, dann als Baptistenprediger übt er sich in der Kunst der Rede. Seine wichtigsten Worte spricht er als bereits berühmter Bürgerrechtler am 28. August 1963 - heute vor 50 Jahren. Rund 250.000 Amerikaner sind mit ihm nach Washington gekommen, um am Lincoln-Memorial gegen die Rassendiskrimierung zu demonstrieren (unter ihnen Marlon Brando).  "We shall overcome", singen die Demonstranten, "wir werden das überwinden" (siehe Clip). 

Foto: Uhl
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Während militante Rassisten immer wieder Bombenattentate auf King und andere schwarze Amerikaner verüben (oft ungestraft), verzichtet die Bürgerrechtsbewegung auf Gewalt - so wie es Mahatma Gandhi gelehrt hat. King will keinen blutigen Bürgerkrieg führen müssen wie Abraham Lincoln. Der hatte einst als US-Präsident gegen die abtrünnigen Südstaaten und die Sklaverei gekämpft. Heute lauscht er überlebensgroß und in weißem Marmor Martin Luther Kings Rede. "Ich habe einen Traum", ruft der beschwörend und gemahnt zur Versöhnung und zum Miteinander, "ich habe heute einen Traum." Dieser amerikanische Traum rüttelt wach. Der Friedensnobelpreis  (1964) bedeutet King weniger als der neue Kurs der US-Regierung:

Der Civil Rights Act (ebenfalls 1964) hat die gesetzliche Diskriminierung beendet - zumindest vorläufig. Denn der Supreme Court - das oberste amerikanische Gericht - hat unlängst eine Rassismus-Schutzklausel im US-Wahlrecht gekippt. Die Begründung: Die Diskriminierung ist überwunden, also müssen die schwarzen Wähler auch nicht mehr geschützt werden. Das sieht US-Präsident Obama anders: "Ich bin zutiefst enttäuscht von der Entscheidung des Supreme Courts. Wählerdiskriminierung existiert weiterhin."


Während man in Washigton streitet, trägt man in übrigens in Hollywood nicht unerheblich zur Aufarbeitung der Sklaverei bei, und zwar mit  mit spektakulären Streifen ganz unterschiedlicher Genres ('Django Unchained' und 'Lincoln'; siehe Trailer rechts). Mit Lincoln verbindet auch Martin Luther King ein gewaltsamer Tod. Beide wurden für die Träume, die sie in politische Taten umgesetzt hatten, erschossen - Martin Luther King im Jahr 1968.

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Albert Schweitzer: Der Urwaldarzt

Foto: Nobel Foundation. Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto: Nobel Foundation. Lizenziert unter Gemeinfrei

Er lebte die Nächstenliebe: Albert Schweitzer (1875-1965). Geboren und aufgewachsen ist Schweitzer als Spross einer evangelischen Pfarrersfamilie im Elsass. Der kleine Albert liebt die Natur, die Gottesdienste seines Vaters und die Kirchenorgel; er leidet mit den Außernseitern unter den Hänseleien und mit den Nutztieren unter allzu grobschlächtiger Behandlung. Und er weint bittere Tränen als er in die Schule gesteckt wird. Zurecht, denn die Leistungen sind lausig. Dass in Albert ein Universalgenie steckt, glaubt anfangs niemand so recht. Erst nach einem mittelmäßigen Abi legt Schweitzer los: Er studiert in Straßburg Philosophie und schreibt in den langen Winternächten eine Doktorarbeit über Kant. Tagsüber perfektioniert er bei den besten Lehrern sein Orgelspiel. Er studiert Theologie und schreibt eine weitere Doktorarbeit über die Bedeutung des Abendmahls. Kurz darauf folgt die Habilitation.

Jetzt könnte er Professor werden, wenn er sich nicht in seinen theologischen Studien mit dem wissenschaftlichen Zeitgeist und nahezu der gesamten Fachwelt angelegt hätte. Außerdem hat Schweitzer gar keine Lust auf eine akademische Laufbahn. Der gerade 25-jährige Doppeldoktor predigt lieber in einer Straßburger Gemeinde und widmet sich der Musik. Wieder schreibt er ein Buch - dieses Mal ist es eine vielgelobte Biografie über Johann Sebastian Bach - und tritt als begnadeter Interpret von dessen Orgelwerken in ganz Europa auf. Aber all das befriedigt Schweitzer nicht. Er will den Dienst der christlichen Nächstenliebe tun. Als er erfährt, dass die Pariser Mission Ärzte in Afrika sucht, nimmt Schweitzer ein Medizinstudium auf. Wieder eine Doktorarbeit (über die psychatrische Beurteilung Jesu), wieder nebenbei ein theologisches Buch (über Paulus), dann heiratet er seine Helene, kauft von den Honoraren der Konzertreisen Medikamente und Ausrüstung und schifft sich nach Lambarene (im Gabon) ein.  

Mitte April 1913 erreichen die Schweitzers ihr Ziel. Nach knapper Schonzeit findet sich der streitbare Theologe und berühmte Musiker in einem windschiefen Hühnerstall mitten in Afrika wieder, wo er Eingeweidebrüche operiert, Elephantiasis behandelt und faulende Zähne zieht. Daneben ist er beim Aufbau seines Tropenhospitals als Zimmermann und Maurer gefragt, als Architekt und Mechaniker. Schweitzer bewältigt all' das mit Hingabe. Er hat er in der Praxis gefunden, was er schon in seinen theologischen und philosophischen Schriften gesucht hat:

Lizenziert unter CC-BY 4.0
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die Erfüllung in der dienenden Nachfolge Jesu. Auf einer langen Bootsfahrt auf dem Ogowefluss gießt der wissenschaftlich versierte Ethiker der Tat seinen Lebensentwurf in die einprägsamen Worte 'Ehrfurcht vor dem Leben'. Dabei macht dabei keinen Unterschied mehr zwischen Menschen und Tieren. Deshalb unternimmt er auch nichts gegen die Ameisenstraße, die quer über seinen Urwald-Schreibtisch läuft. Im Gegenteil: er stellt noch eine Schale mit Zuckerbrei daneben - auch die emsigen Tierchen sollen es gut haben. „Ethik besteht also darin, daß ich die Nötigung erlebe, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen", sinniert Schweitzer. "Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern, böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen.“ Es ist kaum verwunderlich, dass Schweitzer vielen als moderner Heiliger erscheint. „Er sieht aus wie ein naher Verwandter des lieben Gottes", schreibt der SPIEGEL süffisant, "und er benimmt sich so.“ Aber die vielen Lobeshymen und Ehrerbietungen überwiegen die ironische Kritik an Schweitzers vermeintlicher Selbstgerechtigkeit. Anfang der 1950er Jahre erhält er den Friedensnobelpreis und nutzt seinen Einfluss in den letzen Lebensjahren, um gegen das atomare Wettrüsten ins Feld zu ziehen. Albert Schweitzer stirbt 1965 in Lambarene, das er in diesen Wochen vor 100 Jahren aufzubauen begonnen hat.

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Albert Schweitzer ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Als junger Mann war er nach Afrika gegangen, um in Jesu' Nachfolge ein Tropenhospital aus Holz- und Wellblechhütten aufzubauen. Vierzig Jahre später wird der Urwald-Doktor dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Man feiert ihn als „13. Jünger Jesu“ und „Mister Wellblech“ wie einen Popstar. „Genie der Menschlichkeit“ und „Universalgenie Westeuropas“ nennen sie ihn. Auch seine Biografen zeichnen fast immer ein wohlwollendes Bild. Der Mainzer Theologe Sebastian Moll zeigt Schweitzer dagegen als "Meister der Selbstinszenierung". Das ist nicht der einzige Aufreger, den dieses Buch provoziert hat. Zur Rezension...

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Leo X.: Der Pontifex

Die Sixtinische Kapelle im Vatikan (Foto: Antoine Taveneaux, Lizenz: CC-BY-SA-3.0,2.5,2.0,1.0)
Die Sixtinische Kapelle im Vatikan (Foto: Antoine Taveneaux, Lizenz: CC-BY-SA-3.0,2.5,2.0,1.0)
Papst Leo X. (Gemälde: Raphael, Lizenz: gemeinfrei)
Papst Leo X. (Gemälde: Raphael, Lizenz: gemeinfrei)

Er war mit sieben Jahren Domherr von Florenz, als Dreizehnjähriger Kardinal und als Mittdreißiger Papst: Leo X. (1475-1521). Wenn morgen die Kardinäle der römisch-katholischen Kirche zum Konklave in der Sixtischen Kapelle zusammenkommen, um den Nachfolger Benedikts XVI. zu wählen, werden sie zumindest ein Problem nicht haben, das ihre Kollegen vor 500 Jahren lösen mussten: Denn  als sie Giovanni de' Medici am 11. März 1513 als Leo X. zum Nachfolger Petri wählten, da war er zwar Kardinal, aber weder Priester noch Bischof. Dafür hatte der Spross der einflussreichen Florentiner Familie Medici bereits einige schöne wie unschöne weltliche Erfahrungen gemacht: einerseits eine künstlerisch geprägte Erziehung, andererseits  die zwischenzeitliche Vertreibung der Medici aus Florenz und sogar eine kurze Kriegsgefangenschaft. Dass das Konklave mit ihm einen Nicht-Geistlichen zum Papst gewählt hat, macht weiter keine Umstände. Der Vatikan  händelt den Fall pragmatisch und schnell: Binnen weniger Tage empfängt der Auserkorene die Priester- und Bischofsweihen. Dann kann sein Pontifikat beginnen.  Leo X.  sieht sich als politischer Papst. Aber ach! Angesichts großer Ambitionen im europäischen Machtgefüge bleibt für den kleinen Mönch Martin Luther nur wenig Aufmerksamkeit. Der schreibt und predigt in der deutschen Provinz gegen den Ablasshandel an, mit dem sich das Kirchenoberhaupt kleine und große Wünsche wie den prunkvollen Ausbau des Petersdoms finanziert: Auf Marktplätzen und in Dorfkirchen verkauft die Kirche in Gestalt von Wanderpredigern wie Johann Tetzel Vergebung: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt!“ Was kann schon ein einzelnes Mönchlein bewegen, das sich darüber und über andere vermeintliche Missstände empört? Leo X. reagiert gelassen: Erst Bannandrohung und dann Exkommunikation - das muss reichen! Dass es nicht reicht, um die Einheit der Kirche zu wahren, erlebt Leo X. nicht mehr. Er stirbt 1521, kurz nachdem er Luther aus der Kirche ausgestoßen hat. Der kommende Papst wird es nicht mit einem Luther zu tun bekommen. Mit Kritik muss er trotzdem rechnen, denn die öffentliche Kontroverse macht längst auch vor der Kirche nicht mehr halt. Deshalb wäre ihr künftiges Oberhaupt  gut beraten, sich den drängenden Fragen unserer Zeit zu widmen - und zeitgemäße Antworten zu finden, die mit der Lehre Christi in Einklang stehen.

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Benedikt XVI.: Wir waren Papst

Vor zehn Jahren ist Benedikt XVI. Papst geworden

Lizenz: Vatikan
Foto: Alexandre Jesuita - taken by the author. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
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Foto: Dnalor 01 - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Er ist mit seinem Dienstherrn im Reinen: Papst Benedikt XVI. Heute hat er angekündigt, sein Amt als Bischof von Rom niederzulegen. „Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben.“ Die sich allzu schnell verändernde Welt stelle die Kirche vor bedeutende Glaubensfragen. Ihm fehle nunmehr die körperliche und die geistige Kraft, das Schifflein Petri - die Kirche - durch diese Weltenstürme zu steuern. Diese Entscheidung ist mutig - und weise. Ein Papst, der sich nicht nur auf seine theologische Unfehlbarkeit verlässt, sondern der auch seine menschlichen Grenzen erkennt und akzeptiert, ist ein großer Papst. Benedikt XVI. hat mit seinem Rückzug vom Heiligen Stuhl viele Kritiker Lügen gestraft, die in Joseph Ratzinger, dem einstigen Uni-Dozenten für Dogmatik und Fundamentaltheologie und dem späteren Chef der Römischen Glaubenskongregation nur einen engstirnigen und kompromisslosen Fortschrittsverhinderer gesehen haben. Waren es eigentlich die selben Kritiker, die sich auch darüber lustig machen, dass sich der Papst im Alter von 85 Jahren noch auf Twitter einlässt (wie auch sein Nachfolger Franziskus, siehe rechte Spalte)? Nur wer sich und seine Positionen immer aufs neue hinterfragt,     ist zu einem so solchen Schritt in der Lage, den Benedikt XVI. heute gegangen ist.

Dabei ist es zweitrangig, dass einige seiner inhaltlichen Standpunkte in der Tat kaum mehr ins 21. Jahrhundert passen: Immer wieder haben seine oder der Kirche Äußerungen zu Verhütung und Abtreibung, zu Homosexualität und Zölibat für Kopfschütteln gesorgt. Mit seinem Rückzug ermöglicht es Benedikt XVI. der Kirche auf eine elegante Art, die wenig Zweifel an seiner geistigen Beweglichkeit lässt, diese Positionen zu überdenken. Er baut ihr mit seinem Verweis auf die Schnelllebigkeit der Welt dazu sogar eine goldene Brücke. Man darf gespannt sein, ob die Kirche willens und in der Lage ist, über diese Brücke zu gehen...

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Jakob Kaiser: Christ und Demokrat

Quelle: ACDP-Fotoarchiv
Jakob Kaiser (Lizenz: ACDP)

Er lebte Volkspartei: Jakob Kaiser (1888-1961), ein Christdemokrat der ersten Stunde. Geboren im Kaiserreich lernt Jakob bei seinem Vater, Bücher zu binden (ab 1901), und bei Vater Staat den Umgang mit der Waffe (1908-1910). Ehe er davon im Ersten Weltkrieg an der Ost- und an der Westfront Gebrauch machen muss und schwer verwundet wird, findet er sein politisches Zuhause bei den christlichen Gewerkschaften. Schon dem jungen Jakob Kaiser ist eine bemerkenswerte Mischung aus Patriotismus, Katholizismus und Sozialismus zu eigen. Was andere in innere Widersprüche stürzen würde, bewirkt bei Jakob Kaiser das Gegenteil: Er reift zum Brückenbauer zwischen nur vermeintlichen Gegensätzen. Das sind gute Voraussetzungen für einen Volkspartei-Politiker.  Dazu kommt, dass er politische Prinzipen praktiziert, die von einer tiefen demokratischen Gesinnung zeugen: Denn seine Vaterlandsliebe verpflichtet ihn nicht zur Nibelungentreue gegenüber Verbrecherregierungen. Er beugt sich weder Hitlers Nazionalsozialismus noch Walter Ulbrichts DDR-Unrechtsregime: "Es gibt keine linke und keine rechte Diktatur, es gibt nur eine Diktatur. Wir sagen jeder Form von Totalität Feindschaft an." Solche Überzeugungen machen ihn gleich zweimal zur unerwünschten Person: Die Nazis setzen ihn fest und die DDR-Führung entmachtet ihn als Vorsitzenden der Ost-CDU, der er kurz nach dem Krieg geworden ist. Dabei steht Kaiser zeitlebens für eine arbeitnehmerorientierte Politik, die im Sozialismus ebenso Anklang findet, wie in der West-CDU, in der Kaiser nun seine neue politische Heimat findet: Er tritt für betriebliche Mitbestimmung ein, will das Wirtschaftsleben planen, Bodenschätze und wichtige Industriezweige verstaatlichen. Für ihn, den Brückenbauer, ist es auch kein Widerspruch, Christdemokrat und Gewerkschaftler zugleich zu sein. Nur einen Widerspruch hält der Patriot kaum aus: Die deutsche Teilung. Sein Vorschlag, "Brücke sein zu wollen zwischen Ost und West" stößt beim Bundeskanzler Konrad Adenauer auf wenig Gegenliebe. Der Kanzler setzt auf Westbindung und dagegen kann auch ein (Jakob) Kaiser seine Vorstellungen nicht durchsetzen.

Vergeblich oder gar vergessen ist seine Meinung nicht. Im Gegenteil: Die Persönlichkeit und die Politik Jakob Kaisers erinnern daran, wie wichtig Gegenmeinungen und Diskussionen, Strömungen und Flügel für die  Zukunft der Volkspartei CDU sind: Nur innerparteiliche Kontroversen und Reibungspunkte halten Volksparteien gedanklich beweglich. Konrad Adenauer wusste das. Bis zuletzt suchte er das Gespräch mit seinem parteiinternen Gegenspieler, selbst an dessen Krankenbett (siehe Bild). In diesem Sinn darf es ab und an gerne ein bißchen mehr Jakob Kaiser sein in der CDU - der einzig verbliebenen Volkspartei.  Heute, am 8. Februar 2013, wäre Jakob Kaiser 125 Jahre alt geworden.

 

Ein ausführlicher und ein tabellarischer Lebenslauf Jakob Kaisers finden sich sich im Internetportal zur Geschichte der CDU, das von der Konrad-Adenauer-Stiftung gepflegt wird.

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Henri Dunant: Der Gründer des Roten Kreuzes

Rot-Kreuz-Gründer Henri Dunant, Lizenz: gemeinfrei
Rot-Kreuz-Gründer Henri Dunant, Lizenz: gemeinfrei

„In der Stille der Nacht hörte man Angst- und Schmerzensschreie, herzzereißende Hülferufe: wer wäre im Stande, alle die Todeskämpfe dieser schrecklichen Nacht zu beschreiben!“ Henri Dunant ist entsetzt. Der Schweizer Geschäftsreisende kommt am 24. Juni 1859 zufällig in Solferino südlich des Gardasees (Lombardei) vorbei, wo sich eben noch Franzosen und Österreicher die Schädel eingeschlagen haben. Eigentlich will er ja zum französischen Kaiser Napoleon III., um wichtige Papiere für sein Algerien-Projekt zu erbitten. Aber was er in Solferino sieht, lässt ihn alle Geschäftspläne  vergessen: Das Schlachtfeld ist bedeckt von Leichen und zehntausenden Verwundeten. Das verzweifelte Rufen und das qualvolle Röcheln dringen Dunant bis ins Mark. Als strenger Calvinist ist er seit jeher christlich und kirchlich engagiert. So zögert er nicht lange, sondern packt an und trommelt die Bevölkerung zusammen. Gemeinsam versorgen sie die Soldaten. Danach setzt sich Dunant nieder und schreibt auf, was er erlebt hat. Seine "Erinnerung an Solferino" druckt er auf eigene Kosten. Er will nicht nur aufrütteln, er will auch langfristige Abhilfe schaffen: Dunants Denkschrift ist der Grundstein für die 1864 gegründeten „Komitees der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege“.  Seit 1876  ist diese Hilfsorganisation bekannt als „Internationales Komitee vom Roten Kreuz“. Dunants Erben haben seine Tatkraft und Träume beharrlich weiterentwickelt. Was Politiker und Kirchenführer in unzähligen Gesprächsrunden nicht vermögen, das gelingt unter der ein einenden roten Weste: Hilfsorganisationen der Weltreligionen engagieren sich gemeinsam. Im Bild (oben) drei Helferinnen des Roten Kreuzes (christlich), des Roten Halbmondes (muslimisch) und des Roten Kristalls (jüdisch) in Haiti. So geht interkulturelles und interreligiöses Miteinander. Der erste Impuls und seine Verdienste um die Menschlichkeit haben Henri Dunant am 10. Dezember 1901 den Friedensnobelpreis eingebracht - heute vor 111 Jahren. 

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