Otto von Bayern: Der dienstunfähige König

Otto von Bayern hat nie regiert. Der Bruder des Märchenkönigs ging an einer Geisteskrankheit zugrunde. Ein Blick ins Dunkel...

Victoria Ocampo
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Die Frauenkirche ist rappelvoll. Die Münchner feiern Hochamt. Plötzlich stürmt ein panischer junger Mann ins das Gotteshaus. Er hastet zum Altar, fällt auf die Knie und bittet um Vergebung. Die Menge tuschelt. Das ist doch Prinz Otto. Ist der nicht mehr ganz normal?

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Liegt es an der komplizierten und frühzeitigen Geburt? Oder an den Ängsten, die seine Mütter während der Schwangerschaft heimgesucht haben? Oder an der unerbittlichen Ausbildung, die er als Königssohn und möglicher Kronprinz durchlaufen muss? Ist er zu sensibel für die Macht? Das kann sich ein Herrscherhaus wie das der Wittelsbacher nicht erlauben. Otto wird ganz normal auf die Regierungsverantwortung vorbereitet. Er nimmt für Bayern sogar an der Ausrufung des Deutschen Kaiserreiches im Spiegelsaal von Versailles teil. Trotzdem: Schon in frühen Jahren wird Otto von Beklemmungen und Wahnvorstellungen gepeinigt. Eine Zeit lang kann die Wittelsbacher Königsfamilie das einigermaßen erfolgreich verbergen: Nach dem Domsturm muss man Otto selbst verbergen. Es ist ein biografischer Wendepunkt: In Märchenschlössern verwahrt zu werden ist fortan das Schicksal des Prinzen. Seine Lebensgeschichte sich vollends in eine Leidensgeschichte. Zwar wird er offiziell König, als sein ebenfalls zunehmend geistig umnachteter Bruder Ludwig II. im Starnberger See ertrinkt. Regieren aber werden in  den knapp drei Jahrzehnten seiner Amtszeit immer Andere.

Victoria Ocampo im Biografien-Blog
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Eine neue Biografie nimmt sich dieses  tragischen bayrischen Königs verständnisvoll an, der nicht nur im Schatten der Macht gelebt hat (so der Untertitel), sondern auch in geistiger Umnachtung. Jean Louis Schlim hat keinen Psychothriller vorgelegt, obgleich Ottos Leben diesen Stoff durchaus hergeben würde. Er beschränkt sich darauf, kommentierender Chronist zu sein (leider ist auch der Schreibstil manchmal etwas dröge). Das nimmt der Dramatik etwas den Schwung, wird aber dem schwermütigen Menschen Otto durchaus gerecht. Und dies ist die wichtigste Leistung des Buches: Hier geht es nicht um einen Glanz- und Glamourkönig, sondern um einen traurigen und bedauernswerten Menschen, den auch das blaue Blut nicht davor schützt, allmählich dahinzudämmern. Dazu bietet die Biografie im wahrsten Wortsinn viele Lebensbilder, da sie liebevoll und stilsicher illustriert ist. 

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Triumph und Tragik der neuen Frauen

Das Frauenbild wird neu gemalt. Paula Modersohn-Becker und andere zeigen der Männerwelt, dass es die Frauen auch können.

Collage. Links und Mitte lizensiert unter Gemeinfrei, rechts Selb stbildnis Paula Modersohn-Becker, lizenziert unter Bild-PD-alt
Collage. Links und Mitte lizensiert unter Gemeinfrei, rechts Selb stbildnis Paula Modersohn-Becker, lizenziert unter Bild-PD-alt

Paula Modersohn-Becker hält es nicht mehr aus in Worpswede. Dort lebt sie mit ihrem Mann Otto, der es gerne ruhig hat. Die Vollblutkünstlerin Paula aber sehnt sich nach dem prallen Leben. Ein tristes Dasein irgendwo zwischen Heide und Moor ist ihr nicht genug. Unerhörtes geschieht: Sie trennt sich und geht nach Paris. Den Namen nimmt sie mit, der Gatte bleibt erst mal zurück. "Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker. Ich bin ich, und ich hoffe, es immer mehr zu werden." Allein ist sie nur in Paris. Aber Frauen wie sie drängen um die Jahrhundertwende nach vorne. Die routinierte Biografin Barbara Beuys hat das neu entstehende Frauenbild nachgezeichnet - anhand von knapp drei Dutzend Frauenportraits.   

Neben oft genannten Vertreterinnen der neuen Frauen wie der Linkspolitikerin Clara Zetkin, der Dichterin Else Lasker-Schüler und dem Stummfilm-Star Asta Nielsen, die ihre weiblichen Reize selbstbewusst vermarktet (siehe Clip) stellt das Buch auch unbekanntere Revolutionärinnen vor. Ärztinnen und Lehrerinnen, die selbstbewusst und zielstrebig die Rolle der Frau im Beruf neu definieren. Die Frauenmbewegung nimmt Fahrt auf. Die Heldinnen des Alltags von denen Barbara Beuys berichtet legen den Grundstein für ein selbstverständliches Neben- und Miteinander von Frauen und Männern im Job. Neben- und miteinander stehen diese Frauen auch zwischen den beiden Buchdeckeln. 

Barbara Beuys findet ein spannendes Format, das nicht zwei Dutzend Porträts aneinanderreiht, sondern die Lebensgeschichten miteinander verwebt. Dadurch bringt sie neben den einzelnen Karrieren auch Leben und Situation der Frauen insgesamt zur Geltung. Dabei bleibt es nicht aus, dass neben den Triumphen der neuen Frauen auch die Tragik einzelner Schicksale zur Sprache kommt. Schmerzlich dringt ins Bewusstein, dass die Pinonierleistungen und Erfolge dieser Generation von Frauen teils hohe Preise forden: familiäre und gesellschaftliche Konflikte wollen durchgestanden werden, was leider nicht immer gelingt: Ein Beispiel dafür ist Clara Immerwahr. Die erste studierte und promovierte Chemikerin ringt ihrem Mann Fritz Haber, ebenfalls Chemiker, ab, dass sie selbst arbeiten darf und ein eigenes Labor bekommt. Dann aber startet ihr Mann durch - und zwar ohne sie. Dabei hatte er ihr zuvor versprochen, sie als gleichberechtigete Parterin zu achten, sogar ein gemeinsames Lehrbuch war geplant. Aber es kommt noch schlimmer: Fritz Haber geht einen Pakt mit dem Teufel ein und stellt seine Schaffenskraft um der Karriere willen in den Dienst des Todes: Er übernimmt im Ersten Weltkrieg die Entwicklung der Kampfgase, die Tausende von Soldaten elendig zugrunde gehen lassen. Clara hält das nicht aus und nimmt sich das Leben. Auch das Buch über die neuen Frauen kennt Triumph und Tragik. Denn leider ergeht es ihm der Frauenbewegung: Nach hoffnungsfrohem Start und lebendigen Skizzen schillernder Persönlichkeiten verläuft sich das ganze in einer Art von Kongress-Hopping. Statt Lebensgeschichten gibt's dann Tagungsgeschichten. Dennoch ist das Experiment mit dem Format ineinander verwobener Lebensgeschichten insgesamt geglückt und bereichert das Biografien-Regal. 

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Otto von Bismarck: Der Krisenmanager Europas

Otto von Bismarck war unter den europäischen Großmächten als ehrlicher Makler bekannt.

Bild: Anton von Werner, lizenziert unter Gemeinfrei
Bild: Anton von Werner, lizenziert unter Gemeinfrei

Die Kanzlerin reist von Krisengipfel zu Krisengipfel: In Elmau wird über Klimaziele und das Verhältnis zu Russland diskutíert, in Minsk über die Ukraine, in Brüssel über Griechenland, in Berlin über diverse Spionagevorfälle. Angela Merkel ist so etwas wie Europas Krisenmanagerin. Gut 150 Jahre vor ihr hat der erste deutsche Kanzler, Otto von Bismarck, eine ganz ähnliche Rolle als ehrlicher Makler Europas gespielt. Vom "Sturm über Europa" berichtet nun ein neu aufgelegter Klassiker der Bismarck-Biografik. 

Ernst Engelbrecht

Bismarck

Sturm über Europa

Erschienen bei Knaus im November 2014. 352 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,99-. Euro. Leseprobe und weitere Features im Menu auf auf dem Cover (links oben).


Biografie Bismarck

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Bundesarchiv, Bild 183-R68588 / P. Loescher & Petsch / CC-BY-SA 3.0

Das Bismarck-Bild ist nahezu versteinert. Die bedrohliche Pickelhaube und der preußisch strenge Blick des Eisernen Kanzlers verdecken ein weiches Gemüt: Der kluge Staatenlenker ist schon als preußischer Ministerpräsident (seit 1866) nah am Wasser gebaut. Ergebener Diener und doch heimlicher Herr ist er für den greisen König Wilhelm I. Im Moment ihres größten Erfolges aber zanken sich die beiden höchsten preußischen Staatsmänner hemmungslos. Soeben haben ihre Truppen die Österreicher in der Schlacht bei Königgrätz geschlagen (1866). König Wilhelm I. (1797-1888) will seinen Triumpf mit dem Einzug in Wien krönen. Doch Bismarck widerspricht, weint vor Ohnmacht, will die Habsburger nicht mehr als nötig demütigen. Er weiß, Preußen hat nicht nur die Schlacht, sondern auch den Bruderkrieg um die Vorherrschaft unter den deutschen Staaten gewonnen. Österreich ist fertig und aus dem zu schaffenden Deutschen Reich gedrängt. Doch dieses Reich wird Österreich-Ungarn als starken Verbündeten brauchen, nicht als gedemütigte Weltmacht. Wilhelm will das nicht wahrhaben und bricht seinerseits in Tränen aus. Da droht Bismarck mit Rücktritt und Wilhelm, der den Lenker seines Staatsschiffs nicht verlieren will, lenkt ein.

Daran tut er gut. Bismarcks gewiefte Außenpolitik beschwert Wilhelm kurz darauf eine noch viel größere Genugtuung: Den Sieg über den Erzrivalen Frankreich. Auf den Kaisertitel (auch wenn der alte Wilhelm darauf eigentlich nicht so sehr bedacht ist). Aber er ist das Resultat einer resoluten Außenpolitik in der zweiten Hälfte der 1860er Jahre: In drei kurzen Einigungskriegen schmiedet Bismarck das Deutsche Reich zusammen und steuert es dann als außenpolitisch gemäßigter Kanzler und Staatenlenker auf Flaggschiff-Kurs. Während Bismarck im Inneren Probleme mit den Sozialdemokraten, den Katholiken und teils auch mit den Liberalen hat, ist, ist die deutsche Diplomatie gefragt in Europa. Auf dem Berliner Kongress 1878 vermittelt Bismarck in einer (der vielen) Balkankrisen und handelt eine südosteuropäische Friedensordnung aus. Auch die eigene Bündnispolitik ist vom Feinsten: Bismarck sichert sich und Deutschland nach allen Seiten ab - mit dem Rückversicherungsvertrag übrigens gegenüber Russland. Wie kein Zweiter versteht Bismarck das Spiel mit der Machtbalance. Wie schade, dass der zweite Wilhelm nicht auf ihn gehört hat und Bismarck nach einer kurzen Gnadenfrist davon jagt.  Nur wenig länger dauert es, bis sich Deutschlands westliche und östliche Nachbarn verbünden: Frankreich und Russland bilden den Zweiverband, der Deutschland im Ersten Weltkrieg an zwei Fronten bindet. Zum Glück ist das dieser Tage keine Gefahr - dank der langjährigen deutsch-französischen Freundschaft und auch dank der wachsenden Führungsrolle des (wieder) vereinten Deutschlands in Europa. 

Sturm über Europa

Es lohnt es sich, sich den den "Sturm über Europa" zu wagen und in dem neu aufgelegten Monumentalwerk zu blättern. Allerdings sei wetterfeste Leseausrüstung empfohlen: Einst erschien die  Bismarck-Biografie von Ernst Engelberg in zwei Bänden gleichzeitig in der DDR und in der Bundesrepublik. Pünktlich zu den Feierlichkeiten zu 25 Jahren Deutscher Einheit gibt's auch den Biografien-Klassiker in einem Band. Obwohl seither viele Bücher über den Schmied der deutschen Einheit erschienen sind, ist "Sturm über Europa" nach wie vor ein Top-Titel der Bismarck-Literatur.

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Otto von Bismarcks Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den Politikern (bis 1945) im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
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Johanna von Bismarck: "Du bist mein Anker an der guten Seite des Ufers"

Von Beruf war Otto von Bismarck der Eiserne Kanzler. Privat hat er zärtliche Seiten gehabt. Zwei Bismarck-Homestories...

Collage basierend auf Bundesarchiv, Bild 183-P0903-501 / CC-BY-SA
Collage basierend auf Bundesarchiv, Bild 183-P0903-501 / CC-BY-SA

Aufregung herrscht im Hause Puttkamer. Ein gewisser Otto von Bismarck hat brieflich um die Hand der einzigen Tochter Johanna angehalten und sich dann kurzerhand zum Besuch angekündigt. Jetzt wartet man gespannt auf den preußischen Junker. Auf Herz und Nieren will ihn Johannas Vater Heinrich prüfen. Es kommt anders. Kaum dass die Umworbene den Raum tritt, lässt Bismarck ihren alten Herrn links liegen, stürmt geradewegs auf Johanna zu, herzt sie, gibt ihr einen Kuss - und sie erwidert die Zärtlichkeiten. Der spätere Realpolitiker, der wenig hält von langen Reden, hat Fakten geschaffen. Und wie das deutsche Kaiserreich, dass er als Eiserner Kanzler schmiedet, hält auch die Beziehung zu Johanna von Puttkamer, solange beide leben. Zwei Paarbeziehungen erzählen von dieser fast fünfzigjährigen Ehe. Wir blicken hinein...

Gabriele Hoffmann

Otto von Bismarck und Johanna von Puttkamer

Die Geschichte einer großen Liebe

Erschienen bei Suhrkamp Insel im Oktober 2014. 399 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,95 €.


Waltraud Engelberg

Das private Leben der Bismarcks

Erschienen bei Pantheon im Oktober 2014. 240 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 14,99 €.


Die Beziehung der Bismarcks

Eigentlich hat der stürmische Bismarck ja sein Herz schon an Marie verloren - aber die ist schon vergeben. Wie gut, dass Marie mit Johanna befreundet ist und sie mit flugs mit dem angehenden preußischen Diplomaten Bismarck verkuppelt. Das ist kurz vor der Revolution von 1848, in der es für den königstreuen Hardliner um alles geht. Da sich die Monarchie gegen die liberal-demokratische Bewegung behauptet, kann Bismarck die  Karriereleiter im Regierungsbetrieb bis zur obersten Sprosse erklettern: dem Kanzleramt. Für Johanna ist das nicht immer vergnügungssteuerpflichtig. Sie ist dem Land eher verbunden als der Stadt und kann den diplomatischen Gepflogenheiten nicht viel abgewinnen. Dennoch folgt sie ihrem Mann überall hin, wohin ihn der König schickt: Ihre drei Kinder sind an drei verschiedenen Orten geboren, alle zusammen machen sie Station in Sankt Petersburg und Paris, bis endlich Berlin zum dauerhaften Arbeitsort Bismarcks wird. 

Johanna lebt nur für Bismarck - so soll sie es jedenfalls einmal gesagt haben es ist auch was dran: Obwohl sie es einfach liebt und prunkvolle Empfänge hasst, spielt sie für ihn die staatstragende Gastgeberin. Johanna ist es auch, die sich mit seinem Leibarzt verbündet, damit ihr "Bismärckchen" nicht an seiner Völlerei und Trinkerei zugrunde geht.  Dabei ist sie nicht nur treusorgende Gattin und Mutter. Sie ist so etwas wie Bismarcks beste Freundin, wegen seiner vielen Reisen und Abwesenheiten oftmals auch Brieffreundin: Ihr schreibt er arglos, wenn er sich Hals über Kopf  in andere Frauen verliebt (das kommt häufiger vor, aber Bismarck wird nie fremdgehen). Ihr schreibt der Eiserne Kanzler als auch so anmutige Treuschwüre wie diesen: "Du bist mein Anker an der guten Seite des Ufers." Kaum verwunderlich, dass er Johannas Tod 1894 wird er nie verwinden wird. Vier Jahre später stirbt auch Otto von Bismarck.

Die Paarbiografien im Vergleich

Unterschiedlicher können Bücher, die das gleiche Titelbild tragen, kaum sein. Waltraud Engelberg hat eher einen Sachbericht im nüchternen Präteritum vorgelegt, Gabriele Hoffmann eine empathische Erzählung, weitgehend im lebendigen Präsens. Engelberg nähert sich der Beziehung eindeutig aus einer Otto von Bismarck-Perspektive, da sie sich auf das Lebenswerk ihres Mannes stützen kann: eine monumentale Bismarck-Biografie (demnächst im Eulengezwitscher). Sie schreibt gewissermaßen über Bismarcks Privatleben, in dem Johanna eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Hoffmann rückt dagegen stärker "die erste Kanzlergattin" in den Mittelpunkt. Sie erzählt "die Geschichte einer großen Liebe". Engelbergs Buch ist informativ und quellenfundiert - aber da steht Hoffmanns Beziehungsbiografie nicht nach, obwohl sie doch deutlich unterhaltsamer geschrieben ist: Sehr überzeugend sind die "Notizen für Historiker" im Anhang. Dort dokumentiert Hoffmann, dass auch ihr außerordentlich unterhaltsames Buch auf dem Stand der Forschung ist.

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Sophie Charlotte: Die vergessene Prinzessin

Sophie Charlotte wäre fast Königin von Bayern geworden - doch die geplatze Verlobung mit dem Märchenkönig Ludwig II. ist nicht das größte Drama ihrer Lebensgeschichte...

Alle Fotos aus dem Buch. Verwendung mit freundlicher Genehmigung des August Dreesbach Verlags
Alle Fotos aus dem Buch. Verwendung mit freundlicher Genehmigung des August Dreesbach Verlags

Das Eulengezwitscher startet mit einer Prinzessinenbiografie ins neue Jahr: Rosatöne, wohin man schaut: Der Buchtitel, die kunstvolle Verzierung, das eigentlich schwarzweiße Coverbild, das eingebunde Lesezeichen, selbst der Anschnitt strahlt in mädchenhaft-majestätischem Rosa - nur die Lebensgeschichte der bayerischen Fast-Königin Sophie Charlotte ist alles andere als rosarot verlaufen. Christian Sepp es dennoch vermocht, sie als Lesevergnügen aufzubereiten - eine Buchvorstellung:

Christian Sepp

Sophie Charlotte

Sisis leidenschaftliche Schwester

Erschienen bei August Dreesbach im Oktober 2014. 288 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24 €.


Biografie Sophie Charlotte

Das Leben hätte so schön sein können: Von Haus aus mangelt es der 1847 geborenen Sophie Charlotte an nichts. Als jüngste Tochter des bayerischen Herzogs  Maximilian  und seiner Frau Ludovika wird sie in eine Märchenwelt hineingeboren. Man steht mit den Mächtigen des Alten Europas auf Du und Du, die ältere Schwester Elisabeth heiratet sogar den österreichischen Kaiser. In Sisis Schatten lebt es sich eine Weile ganz gut (weil weitgehend unbehelligt von Standespflichten). Doch dann kommt es richtig dicke: Auch Sophie Charlotte soll heiraten - und zwar den bayerischen Märchenkönig. Die Verlobung mit dem homosexuellen König (das ist ein nur schlecht gehütetes Geheimnis) markiert den Anfang einer Leidensgeschichte, die von einem dramaturgischen Knalleffekt zum nächsten purzelt. Denn die Hochzeitspläne werden erst aufgeschoben, dann aufgehoben. Sophie Charlotte, eine bildhübsche junge Frau, verliert sich in unglücklichen Affären (z. B. mit einem bürgerlichen Fotografensohn - ein Unding für eine Dame aus bestem bayerischen Haus! Selbst als sich das Eheglück doch noch einstellt (mit einem Herzog Ferdinand), wendet sich Sophie Charlottes Schicksalsblatt nur vorübergehend zum Guten - sie geht auch als verheiratete Frau eine Liebschaft mit ihrem Frauenarzt ein. Wer sich sexuell so wenig im Griff hat, landet (vorübergehend) in der Irrenanstalt. Selbst ist nicht das bittere Ende, denn Sophie Charlotte bleibt nichtmals ein qualvoller Tod erspart: Sie verbrennt bei lebendigem Leib, als während einer Wohltätigkeitsveranstaltung erst ein Feuer und dann eine Massenpanik ausbrechen. 

Die Buchbesprechung

Christian Sepp hat eine zeitgemäße Biografie einer (fast) vergessenen Prinzessin vorgelegt. Seine moderne Sprache, die auffallen kurzen Kapitel und die Fähigkeit, akrisch und leidenschaftlich Quellen aufzustöbern (zum Beispiel auch bei eBay) machen Lust auf weitere Biografien aus seiner Feder. Denn es ist schwierig, mit einer so unbekannten Protagonistin zu überzeugen. Christian Sepp gelingt das, weil er seine Leser ernst- und mitnimmt: Er moderiert und erklärt, warum er was wie  berichtet. Nicht unerheblich ist auch die edle Ausstattung des Buches, die den Lesegenuss spürbar beeinflusst. Aber: Die Biografie ist eher ein Lebensbericht, als eine Lebenserzählung. Will heißen: ein bißchen mehr szenische Schilderung hätte dieser dramatischen Geschichte nicht geschadet...

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Wilhelm II.: "Es muss denn das Schwert nun entscheiden...."

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. ist eine Schlüsselfigur der Julikrise

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"Mitten im Frieden überfällt uns der Feind!" Kaiser Wilhelm II. wählt die Worte genau, mit denen er die Deutschen Anfang August 1914 auf den Krieg einschwört. Seine Botschaft: Schuld sind die Anderen! Mit dieser Botschaft ist er allerdings nicht allein: In den Wochen vor dem Weltkrieg haben alle europäischen Diplomaten und Politiker die Verantwortung von ssich gewiesen. Alle miteinander haben sie es darüber versäumt, friedliche Lösungen zu finden. In der Julikrise gibt es nur Schuldige - und nur Verlierer. Wilhelm II. ist ihre tragische Schlüsselfigur: Mit seinen martialischen Zwischenrufen hat er Anfang Juli soviel Öl ins Feuer gegossen, dass seine Friedensbemühungen Ende Juli nicht mehr ernst genommen werden.

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Auch die Lebensgeschichte Wilhelms II. verläuft von Anfang an tragisch: Bei der schwierigen Geburt wird der linke Arm des späteren Kaisers dauerhaft geschädigt. Seine Mutter findet ihn deshalb unmännlich, seine Erzieher suchen die Bürde mit kompromissloser Härte zu kompensieren. Auch Wilhelm selbst lernt, seine Behinderung zu kaschieren - indem er mit markigen Worten den starken Mann mimt. Das kommt weder in Deutschland, noch in Europa gut an. Auch der uneinsichtige Größenwahn, in dem Wilhelm sein Kaiseramt völlig unzeitgemäß ausübt, schürt die Angst vor Deutschland. Dazu kommt, dass der Kaiser nicht das preußische-dienstbeflissene Format seines Großvaters hat, von dem er den Thron geerbt hat. Wilhelm I. hatte seinen Kanzler Bismarck machen lassen - und der hatte es (zumindest außenpolitisch) auch gut gemacht. Und der Herschaft des zweiten Wilhelms gerät Deutschland zusehends in die internationale Isolation. Der letzte verbliebene Bündnispartner, das einstmals mächtige Habsburgerreich, der innerlich bereits zerfällt. Ein militärischer Stärkebeweis käme da gerade recht. Nicht zuletzt deshalb befürwortet Wilhelm zu Beginn der Julikrise zum Krieg gegen Serbien. Nach dem Motto "Jetzt oder nie!" erteilt er den Österreichern einen Blankoscheck. Je klarer sich abzeichnet, dass dieser Krieg kein regionaler bleiben wird, desto energischer rudert Wilhelm zurück. Das aber nehmen die zivile und die militärische Führung nicht mehr ernst. Sie übergehen den Kaiser. Sein Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg leitet die kaiserlichen Friedenswünsche und Vermittlungsvorschläge nicht nach Wien weiter. Mit dem Generalstabschef Helmuth von Moltke gerät Wilhelm am 1. August aneinander - heute vor 100 Jahren. Mittlerweile ist klar: Die Russen machen seit Tagen heimlich mobil. Dabei kommt es auf jede Stunde an, da nur schnelle Erfolge im Westen einen erfolgreichen Zweifrontenkrieg mit Frankreich und Russland ermöglichen. Deshalb drängt, fleht, bittet und bettelt Moltke darum, endlich in Luxemburg und Belgien einmarschieren zu dürfen (das sieht der so genannte Schlieffenplan vor). Wilhelm II. hofft aber noch auf Englands Neutralität und hält Moltke zurück, der daraufhin zusammenbricht. Erst als auch aus London keine Verständigungssignale mehr gesendet werden, kapituliert der Kaiser vor seinen Militärs: "Nun können Sie machen, was sie wollen..." Die Folgen sind fatal: Deutschland macht mobil, erklärt Russland den Krieg (weil man schnell losschlagen muss, um überhaupt eine Chance zu haben) und marschiert durch das neutrale Belgien gen Frankreich. England schließt sich Deutschlands Gegnern an und es kommt so, wie es kommen muss: Europa marschíert in ein Zeitalter der Weltkriege... 

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Nikolaus II.: "Dear Willy!"

Der russiche Zar Nikolaus II. schreibt seinem deutschen Cousin Wilhelm II. besorgte Telegramme mit frommen Friedenswünschen

Lizenz: Bundesarchiv, Bild 183-R43302 / CC-BY-SA

Da sind sie noch Freunde: Für den Fotografen tauschen der deutsche Kaiser Wilhelm II. und der russische Zar Nikolaus sogar die Uniformen, aber ein wenig steif ist die Beziehung der beiden Herrscher schon immer. Nikolaus ist von Wilhelms impulsiver Geschwätzigkeit genervt und Wilhelm hält Nikolaus in dessen Prunksucht für zu einfach gestrickt. Dabei sind die beiden Cousins. Die englische Königin Victoria ist ihre gemeinsame Großmutter. Diese beiden also, die sich seit ihrer Kindheit kennen, stehen im Juli 1914 an der Spitze der beiden stärksten Militärmächte der Welt. Sie könnten die Krise entschärfen, die sich mittlerweile bedrohlich zugespitzt hat. Zwar wird sowohl in Berlin als auch in Sankt Petersburg heiter an den Herrschern vorbeiregiert - aber ohne deren Unterschriften marschieren weder Russland noch in Deutschland Soldaten. In der Tat: Heute vor 100 Jahren greifen die kaiserlichen Cousins ein letztes Mal ins politische Alltagsgeschäft ein: Sie schreiben sich mit freundlicher Unterstützung von diplomatischen Ghostwritern Telegramme und versuchen die missliche Angelegenheit unter Monarchen aus der Welt zu schaffen.

Nikolaus II. wird 1868 geboren in die russische Zarenfamilie Romanow geboren. Die kaiserlichen Ausbilder tun sich schwer mit dem bedeutenden Zögling. Nikolaus ist ein lausiger Schüler und tut sich generell schwer mit dem Lernen. Für die Staatskunst hat er kaum Interesse. Lieber tobt er sich beim Tennis aus und schwelt im sagenumwobenen Luxus der Romanows - Peter Carl Fabergé (der mit den goldenen Eiern) ist der Hofgoldschmied der russischen Zaren. Zum Herrscher über das russische Imperium steigt Nikolaus 1894 auf, als sein Vater Alexander III. stirbt. Obwohl Nikolaus mit dem politischen Kleinklein des Alltags wenig zu schaffen haben will, hat er ein gutes Gespür für die Gefahr, die ein europäischer Krieg für sein Haus mit sich bringen könnte. Seinem Außenminister Sasonow gesteht er die Angst vor einer Revolution ein. Auch deshalb wendet sich der Zar an Wilhelm.

"Dear Willy", beginnt Nikolaus sein Schreiben und verwendet den vertrauten Kosenamen aus Kindertagen. Dann erklärt er ihm, wie schändlich der österreichische Vergeltungsschlag aus russischer Sicht ist ist. Um einen europäischen Krieg zu vermeiden, "bitte ich Dich im Namen unserer langjährigen Freundschaft, alles, was Dir möglich ist, zu unternehmen, um Deine Verbündeten davon abzuhalten, zu weit zu gehen." Fast zeitgleich erklären Willy und seine Berater "dear Nicky", ihre Wiener Bundesgenossen zu direkten Verhandlungen mit Sankt Petersburg zu bewegen. Soweit, so einig. Aber die Fakten sprechen eine andere Sprache. Russland mobilisiert heimlich und der deutsche Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg hintertreibt eine diplomatische Lösung. Etwas strenger im Ton verlangt Nikolaus von Wilhelm Aufklärung, schließt aber geradezu pathetisch mit "In Liebe, Dein Nicky". Willy kontert geschickt. Nein, Wiens Anliegen sei nicht schändlich; aber ja, er werde sich für direkte Verhandlungen stark machen. Allerdings seien die russischen Kriegsvorbereitungen nicht gerade hilfreich. Das trifft Nicky ins Mark. Eilends widerruft er den gerade erteilen Befehl zur Generalmobilmachung. Dann beichtet er Willy, dass die Kriegsvorbereitungen schon seit fünf Tagen laufen. Das ist nicht unbedingt die beste Morgenlektüre für den Deutschen Kaiser, der sich von seinem Cousin betrogen fühlt. Wiederum eine einer berüchtigten Randnotizen auf dem Telegramm beendet die hoffnungsfrohe Korrespondenz der beiden Kaiser: "Ich betrachte meine Vermittlung als gescheitert, da der Zar, ohne abzuwarten, ob sie Wirkung zeigt, und ohne einen Hinweis für mich, mobilgemacht hat..." Das wiederum lässt Nikolaus II. aufseufzen - und nun doch mobilmachen. Russland ist die erste europäische Großmacht, die die Generalmobilmachung anordnet.

Für beide Cousins ist der Kriegsausbruch das Anfang vom Ende. Wilhelm verliert 1918 seine Herrschaft (übermorgen im Eulengezwitscher), Nikolaus sogar sein Leben. Die bolschewistische Revolution stürzt die Romanows 1917 - ein Jahr später werden der Zar und seine ganze Familie ermordert.

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Theobald von Bethmann Hollweg: Der glücklose Zocker

Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg lässt sich im Poker um die englische Neutralität nicht von in die Karten schauen

 

Foto: DHM, Berlin F 75/834 (verlinkt)
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Kaiser Wilhelm II. ist aufgebracht. Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg hat ihm wichtige Nachrichten einfach vorenthalten. Seit zwei Tagen bereiten sich die Russen klammheimlich auf einen europäischen Krieg vor. Einen englischen Vermittlungsvorschlag hat Bethmann Hollweg eigenmächtig abgelehnt. Noch schlimmer: Selbst die versöhnliche serbische Antwort auf Österreichs drastische Forderungen bekommt der Kaiser erst mit tagelanger Verzögerung zu Gesicht. Als er sie endlich liest, schockiert er seinen "Zivilisten von Kanzler": „Damit fällt jeder Kriegsgrund weg.“ Mehr noch: Wilhelm II. verfügt, Wien zu gratulieren und zu empfehlen Belgrad als Faustpfand zu nehmen, ansonsten aber keine militärischen Schritte zu unternehmen. Wilhelms Vorschlag „Halt in Belgrad!“ bringt den ohnehin angeschlagenen Bethmann Hollweg, der gerade erst seine Frau beerdigt hat, beinahe aus der Fassung: Wochenlang hat er auf Wilhelms Geheiß die Österreicher dazu genötigt, rasch loszuschlagen – und jetzt soll er von ihnen das Gegenteil verlangen? Nein, das geht nicht – auch nicht, wenn es der Kaiser selbst anordnet. Wenn er erst die englische Neutralität erhandelt hat, wird man ihm den diplomatischen Alleingang schon verzeihen...

Theobald von Bethmann Hollweg wird 1856 in eine brandenburgische Adelsfamilie geboren. Obwohl er auf dem Gymnasium, an der Universität und in der praktischen juristischen Ausbildung ein Musterschüler ist, hält er sich zeitlebens für überfordert: „Ich bin ein Mensch, der der Fülle der ihm gestellten Aufgaben nie gewachsen war“, bekennt er einem Freund, „ich bin ein Mensch, der darin zu einem oberflächlichen und darum unbefriedigten Dilettanten geworden ist, und dem trotzdem Stellung über Stellung restlos zugeflogen ist.“ Stellung über Stellung, das bedeutet auf der Karriereleiter eines preußischen Verwaltungsbeamten: Landrat, Oberpräsidialrat, Regierungspräsident, Innenminister. Schließlich wechselt er in die Reichspolitik, erst als Sekretär des Inneren, dann als Kanzler. Glücklich macht ihn sein beruflicher Erfolg nicht, „täglich peinigend“ empfindet er seine verantwortungsvollen Pflichten. Trotzdem nimmt der Spitzenbeamte wider Willen seine Aufgaben an – allerdings eher als Bürden, denn als Herausforderungen: Er findet sich als Vermittler zwischen politischen Lagern und setzt sich für moderate Reformen im Wahlrecht ein.

In der Julikrise offenbart sich das tatsächliche Ausmaß von Bethmann Hollwegs Überforderung. Zwar ist er keineswegs der böse Bube, zu dem ihn die Geschichtsschreibung gestempelt hat, aber er verliert im Poker um die englische Neutralität die Nerven - und verzockt sich. Dass er seinen Kaiser zu spät informiert hat, ist eine Sache. Dass er Wilhelm aber nach dessen Wutausbruch noch einmal hintergeht (heute vor 100 Jahren), ist ein verhängnisvoller Bluff: Den kaiserlichen Rat "Halt in Belgrad!" reicht er nicht rechtzeitig und deutlich abgeschwächt nach Wien weiter. So kommt es, dass der österreichische Kaiser Franz Joseph I. Serbien den Krieg erklärt, obwohl sein einziger Verbündeter auf Entspannungskurs gegangenen ist. Vollends unverständnlich ist es auch, dass Bethmann Hollweg einen Vermittlungsversuch aus London wiederum nur widerwillig weiterleitet. Stattdessen schüttet er dem englischen Botschafter in schwacher nächtlicher Stunde sein Herz aus und verrät nebenbei die deutschen Angriffspläne, die die Verletzung der belgischen Neutralität vorsehen. In London schüttelt man ungläubig, fast mitleidig die Köpfe und bemerkt, dass "etwas an der deutschen Diplomatie sehr unausgereift und fast kindlich ist..." Aber hinter ist man immer schlauer. Und ist es wirklich kindlich, mit der düsteren Vorahnung von Millionen toten die (ohnehin einsichtigen) Fakten im Stress auf den Tisch zu legen?

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Nikola Pasic: Ja? Nein? Vielleicht!

Der serbische Ministerpräsident Nikola Pašić antwortet ausweichend auf Österreichs Ultimatum

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Dreimal lässt sich Nikola Pašić bitten. Erst ein dringendes Telegramm seines Kronprinzen Alexander kann den serbischen Ministerpräsidenten zur Rückkehr nach Belgrad bewegen. Zu gerne hätte er sich davor gedrückt, die österreichische Note selbst beantworten zu müssen, aber als Regierungschef steht er in der Verantwortung. Als er mit dem Nachtzug von der Wahlkampfreise wieder in Belgrad eintrifft, hat Pašić die Ärmel allerdings bereits wieder hochgekrempelt. Er weiß die Russen an seiner Seite – der serbische Gesandte in Sankt Petersburg hat lebhaft vom Wutausbruch des russischen Außenministers Sergei Sasonow berichtet – und ist nicht willens, der größeren, aber taumelnden Nachbarmonarchie nachzugeben: Die serbische Antwortnote soll nicht so unverblümt und durchsichtig sein wie das österreichische Ultimatum, aber annehmen will er Wiens Forderungen auch nicht. Mit dieser Entschlossenheit tritt er vor seine Minister und Mitarbeiter. Eine kurze Ansprache reicht – mehr Zeit lassen die Österreicher auch nicht – dann ist die serbische Regierung auf Konfrontationskurs - das aber ausgesprochen zuvorkommend....

Nikola Pašić wird 1845 geboren. Dass er einmal Politiker werden würde, ahnt man zu Schul- und Studienzeiten noch nicht. Nach einem ausgezeichneten Abitur lernt Pašić an der Uni (und später in der Praxis), wie man Eisenbahnen baut. Recht früh wird aber klar, dass er nicht dazu berufen ist, Schienennetze zu konstruieren, sondern einen großserbischen Staat. Mit kurzen Unterbrechungen lenkt Pašić von 1891 an als Ministerpräsident die Geschicke Serbiens. Sein Hauptgegner ist Österreich-Ungarn. Als Staatsgast in Wien lässt er sich das natürlich nicht anmerken: Dort gibt er sich fröhlich und freundschaftlich. Selbst Außenminister Berchtold findet keine Gelegenheit, dem charmanten Serbenführer die Leviten zu lesen. Grund dafür hätte er allerdings. Denn zuhause lässt Pašić kaum eine Gelegenheit aus, seine Landsleute gegen die Österreicher aufzuhetzen. Langfristig will er sogar die slawischen Gebiete aus der Donaumonarchie in ein großserbisches Reich integrieren. Das gefällt Wien ganz und gar nicht.

Deshalb ahnt Pašić auch, dass für die Österreicher nach der Ermordung ihres Thronfolger Franz Ferdinand das Maß voll ist. Er ist lange genug im Geschäft, um auch in der kurzen Frist von 48 Stunden eine kluge, weil ausweichende, Antwort auf Österreichs Ultimatum zu formulieren: Die Serben lehnen Wiens Forderungen zwar nicht ab, aber sie beugen sich ihnen genausowenig. Immerhin ist die serbische Antwort in überwiegend versöhnlichen Tönen gehalten. Den Österreichern ist das nicht genug: In der Rekordzeit von 30 Minuten reist der Gesandte Wladimir von Giesl ab. Vorsorglich haben die Serben schon drei Stunden früher mobilisiert. Nun steht ein Balkankrieg unmittelbar bevor - wenn nicht mehr... 

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Sergej Sasonow: "Sie stecken Europa in Brand!"

Der russische Außenminister Sergej Sasonow faltet den österreichischen Botschafter zusammen

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Der österreichische Botschafter in Sankt Petersburg, Friedrich von Szápáry, hat keine leichte Arbeitswoche. Vor drei Tagen hat ihm der französische Staatspräsident Raymond Poincaré öffentlich und unverhohlen gedroht. Am 24. Juli 1914 – heute vor 100 Jahren – steht Szápáry im Büro des russischen Außenministers Sergej Sasonow und wird erneut regelrecht zusammengefaltet.

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Schon die Begrüßung ist frostig: „Ich weiß, was Sie zu mir führt“, herrscht Sasonow seinen Gast an, „ich werde mich aber zu dieser Note an Belgrad Ihnen gegenüber nicht äußern.“ Anhören muss er sie aber. Innerlich aufgewühlt, aber äußerlich geschäftsmäßig trägt Szápáry ihm vor, wie Österreich seine Forderungen an Serbien formuliert und begründet hat. Auch Sasonows angekündigtes Schweigen hält nicht lange. Kaum, dass der österreichische Botschafter die Ursachen des Attentats in Belgrad verortet hat, geht der russische Außenmister dazwischen. Wie die Österreicher das belegen wollen, will er wissen. Von da an unterbricht er Szápárys Vortrag immer wieder. Rasch ist klar: Die Russen werden die serbische Regierung decken – komme, was da wolle...

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Sergej Dimitrijewitsch Sasonow, geboren 1860, schlägt schon im zarten Alter von 23 Jahren die diplomatische Laufbahn ein und macht eine steile Karriere: In England versieht er seinen Dienst als Botschaftssekretär, beim Heiligen Stuhl vertritt er das russische Reich als Botschafter, ehe er schließlich über familiäre Beziehungen zum Außenminister des Zaren berufen wird. Dort genießt er den zweifelhaften Ruf eines Zauderers, der gerne auf Sicht fährt. Vor allem die Militärs und die französischen Verbündeten fürchten, dass Sasonow alle eventuellen Kriegspläne durchkreuzen wird, seine Politik gilt als zuwartend und auf Ausgleich bedacht. Was für eine Fehleinschätzung! Vor allem mit Blick auf Berlin scheut Sasonow die Auseinandersetzung nicht. Zwar ist er mit dem deutschen Botschafter Friedrich von Poutalés gut befreundet, aber im Laufe seiner Außenamtszeit ist die Bewunderung Deutschlands der Angst vor dessen militärischer Stärke und seinen kriegerischen Absichten. So tief sitzt das Misstrauen, dass Sasonow im österreichischen Ultimatum nur einen Vorwand sieht, den die Deutschen nutzen wollen, um das Russland zu vernichten. Die Wut des Außenministers entlädt sich über dem österreichischen Botschafter, der sein Ultimatum vortragen will.

„Sie wollen den Krieg und brechen die Brücken hinter sich ab!“ Friedrich von Szápáry verweist tapfer auf die Friedensliebe seines Kaisers Franz Joseph. „Man sieht ja, wie friedlich Sie sind“, Sasonows winkt verächtlich ab, „Sie stecken Europa in Brand!“ Nach diesem unerquicklichen Gespräch bereitet sich der russische Außenminister darauf vor, seinem Zaren zu berichten. In seinem Vortrag bei Nikolaus II. wird er vor allem auf die Bedrohung Serbiens hinweisen, um die Genehmigung zur Kriegsvorbereitung zu erbitten, auch wenn er bereits in größeren Zusammenhängen denkt. Denn einen Teilmobilmachungsplan sieht der russische Generalstab gar nicht vor. Wenn die russische Armee aufmarschiert, dann direkt auch an der deutschen Grenze. Das weiß Sasonow und auch die Konsequenzen, eine deutsche Mobilmachung, nimmt er nach nur kurzem Zögern in Kauf. Die Russen werden die ersten sein, die sich (ab dem 26. Juli 1914) konkret auf den Großen Krieg vorbereiten – im Geheimen zwar, aber deshalb nicht minder ernsthaft…

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Wladimir von Giesl: Das Ultimatum

Der österreichische Botschafter Wladimir von Giesl überreicht den Serben die Forderungen der Doppelmonarchie

http://www.bildarchivaustria.at/Pages/ImageDetail.aspx?p_iBildID=12203510. Lizenziert unter PD-alt-100
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Schlag 18 Uhr – genau vor 100 Jahren – betritt Wladimir von Giesl das serbische Außenministerium. In seiner Aktentasche trägt der österreichische Gesandte die verhängnisvolle diplomatische Note mit den ultimativen Forderungen Wiens an Belgrad. Darin verlangt Wien, dass die serbische Regierung „die gegen Österreich-Ungarn gerichtete Propaganda verurteilt und dass sie sich verpflichtet, diese terroristische und verbrecherische Propaganda mit allen Mitteln zu unterdrücken.“ Das allein wäre noch nicht unannehmbar. Aber Wien besteht darauf, dass österreichische Ermittler bei den innerserbischen Aufräumarbeiten beteiligt werden. Seit Giesl die Übergabe am Morgen telefonisch angekündigt hat – noch ohne Details zu verraten –, ist Lazar Paču in heller Aufregung: Der serbische Finanzminister fühlt sich von seinem Regierungschef allein gelassen. Obwohl die diplomatischen Drähte heiß glühen und das drohende Unheil ankündigen, hat sich Ministerpräsident Nikola Pašić kurzerhand in den Wahlkampf verabschiedet. Er will die Note nicht annehmen und weist seinen Stellvertreter lapidar an: „Empfange Du Giesl an meiner Stelle…“

Wladimir Giesl Freiherr von Gieslingen, geboren 1860, ist der Soldat im diplomatischen Corps Österreich-Ungarns. Seine Familie bringt mehrere hochrangige Militärs hervor, darunter Vater und Bruder. Auch Wladimir wird auf der Militärakademie ausgebildet in Theresienstadt (wo Gavrilo Princip gestorben ist). Giesls Lebensweg führt ihn durch die Grenzregion von Diplomatie und Militär: Er wird bis zum Generalmajor befördert und dient in fast ganz Europa. Charakteristisch ist seine Anstellung als Militärattaché in Athen und Sofia. In fast allen Hauptstädten des Balkans macht er Station. Obwohl er in Belgrad als Chefdiplomat die Donaumonarchie repräsentiert, wissen die Serben ganz genau, dass Ihnen schon vor der Kriegserklärung ein General gegenübersteht.


Im serbischen Außenministerium hat dieser General - Wladimir Giesl – einen skurrilen Kleinkrieg zu bestehen. Finanzminister Paču weigert sich, das Schreiben der österreichischen Regierung anzunehmen. Giesl bleibt militärisch kühl. Wenn in 48 Stunden keine befriedigende Antwort vorliege, lässt er die zögerlichen Serben wissen, werde er die diplomatischen Beziehungen abbrechen und Belgrad verlassen. Paču gibt sich erschrocken: In so kurzer Zeit sei jede Antwort unmöglich, da die meisten Minister im Wahlkampf seien – Ministerpräsident Pašić eingeschlossen. Giesl bleibt abermals ungerührt: „Im Zeitalter der Eisenbahn, der Telegrafen und des Telefons ist das ja wohl bei der Größe Serbiens nur eine Sache von Stunden…“ Dann legt er die Note auf den Tisch. „Was Sie damit machen, ist Ihre Sache…“

Die zweifelhafte Sternstunde in Giesls Karriere ist zugleich der Anfang des Laufbahnendes: Zwar darf er zu Kriegsbeginn als Verbindungsoffizier noch einmal er die Schnittstelle zwi-schen Armee und Außenministerium bedienen. Dann aber verliert er das Vertrauen von Generalstabschef Conrad von Hötzendorf. Tief resigniert bittet Giesl 1915 um einen Fronteinsatz, um für sein Land zu sterben. Versetzung und Heldentod bleiben ihm versagt. Stattdessen endet seine Laufbahn alles andere als ehrenhaft bei den Nationalsozialisten. Wladimir von Giesl stirbt 1936 stirbt.

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Raymond Poincaré: Blankoscheck 2.0

Der französische Präsident Raymond Poincaré reist zum Staatsbesuch nach Sankt Petersburg

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Die Kanonen donnern schon einmal. Begleitet von Salutschüssen und dem Jubel der russischen Bevölkerung verlässt Frankreichs Präsident Raymond Poincaré das repräsentative Kriegsschiff France. Vor ihm liegt ein dreitätiger Staatsbesuch in Sankt Petersburg. Eigentlich war eine Antrittsvisite beim russischen Zaren Nikolaus II. geplant. Angesichts der dunklen Wolken, die vom Balkan her über Europa aufziehen, sieht sich Poincaré allerdings eher auf einer Versicherungs- und Ermutigungsmission: „Wir müssen die Russen vor den finsteren Plänen Österreichs warnen, „instruiert er seinen Ministerpräsidenten René Viviani, „wir müssen sie ermuntern standhaft zu bleiben, und ihnen unsere Unterstützung zusagen.“

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Raymond Poincaré ist 1860 in Lothringen geboren. Elf Jahre später brennt sich die schmerzliche Niederlage im deutsch-französischen Krieg auf immer in sein Gedächtnis ein. Die Schmach von Sedan und die deutsche Besetzung seiner Heimat hat er nie verwunden. Damals hat der letzte französische Kaiser Napoleon III. abgedankt – vierzig Jahre lenkt Poincaré das wiedererstarkte Frankreich und sinnt auf Revanche. Sein Weg nach an die Staatsspitze ist nicht unbedingt gerade gewesen, aber große Ziele erreicht man auch mit kleinen Schritten: Poincaré macht sich im Haushaltsausschuss einen Namen, tritt später als Finanz- und Bildungsminister in die Regierung ein. Schließlich führt er Frankreich erst als Ministerpräsident und Außenminister (gleichzeitig), dann als Staatspräsident. Poincaré ist ein emsiger und ehrgeiziger Arbeiter. Er kennt die Akten, hat starke Nerven, kann sich innenpolitische Widersacher vom Leib halten und findet einen intuitiven Zugang auch zu komplexen außenpolitischen Zusammenhängen. Poincaré zögert nicht, seine persönliche Entschlossenheit und Stärke auf Frankreich zu übertragen. Innenpolitisch setzt er die dreijährige Wehrpflicht durch und außenpolitisch versorgt er die in der Entente verbündeten Russen mit gigantischen Krediten und Ratschlägen: Man möge doch das Eisenbahnnetz an der deutschen Grenzen ausbauen, dann ließe sich auch die riesige Armee des Zarenreiches schnell mobilisieren, falls es zum Krieg komme.

Diesen Krieg, indem Paris und Sankt Petersburg Berlin in die Zange des Zweifrontenkriegs nehmen könnten, forciert Poincaré auch am 21. Juli 1914 – heute vor 100 Jahren. Bei einem Empfang des diplomatischen Korps droht er dem österreichischen Botschafter Friedrich von Szapáry öffentlich und unverhohlen: „Serbien hat sehr warme Anhänger im russischen Volk. Und Russland hat einen Bundesgenossen, Frankreich. Was können sich da für Entwicklungen ergeben!“ Dem serbischen Gesandten, der die Lage kritisch sieht, macht er Mut: Die Lage ist schlecht. „Wir werden Ihnen helfen, sie zu verbessern.“ Auf den prunkvollen Festbanketten und Empfängen sind kriegerische Trinksprüche zu vernehmen und nachdem Poincaré den russischen Zaren drei Tage bearbeitet und ihm seiner uneingeschränkte Solidarität versichert hat – das ist der französische Blankoscheck –, bringt er es bei der Abreise nochmals auf den Punkt: „Diesmal müssen wir hart bleiben!“ Noch ehe die Österreicher ihr Ultimatum an Serbien übergeben haben, hat der französische Präsident die Weichen dafür gestellt, dass Sankt Petersburg Belgrad ruhigen Gewissens zuraten kann, die Forderungen aus Wien abzulehnen…

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Leopold von Berchtold: Worte als Taten

Im Kriegsrat setzt der österreichische Außenminister Leopold von Berchtold auf ein unannehmbares Ultimatum an Serbien

© Bwag/Commons
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Graf Leopold von Berchtold weiß nicht, ob er sich freuen oder fürchten soll. Die Stimmung des österreichischen Außenministers ist auf seltsame Weise gelöst und angespannt zugleich. Seine Idee, Alexander von Hoyos nach Berlin zu schicken, hat sich als diplomatischer Geniestreich herausgestellt. Jedenfalls nimmt er seinen seinen Kritikern den Wind aus den Segeln: Denn Hoyos hat den Blankoscheck im Gepäck, als er mit dem Nachtzug wieder in Wien eintrifft. Mehr noch: Hoyos kann ausrichten, dass die Deutschen die Donaumonarchie zur militärischen Abrechnung mit Serbien ermuntern und Beistand anbieten. Aber genau das bereitet Berchtold ganz andere Sorgen: Die Deutschen wollen nun Taten sehen und erwartet, dass Österreich den Serben zeigt, wo der Hammer hängt. Und der zart besaitete Außenminister ahnt, wohin das führen wird...

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Leopold von Berchtold wird am 18. April 1863 in Wien geboren. Seine Herkunft verheißt ihm eigentlich ein sorgenfreies Leben: Die Berchtolds gehören zum österreichischen Hochadel, sind steinreich und besitzen unermessliche Ländereien. Leopold Berchtold wird zeitlebens in Traumschlössern wohnen. Geld spielt keine Rolle: Für seine Hobbies: die Kunst und die Muse, den guten Stil und den edlen Reitsport wird der zurückhaltende, ja sogar ängstliche Gentleman Leopold Berchtold ein Vermögen hinlegen. Die diplomatische Karriere schlägt er nicht aus Berufung ein, sondern aus Verpflichtung. Das zählt in traditionsreichen Monarchien wie dem altehrwürdigen Habsburgerreich zur Verantwortung der Oberschicht. Außerdem hat Berchtold lebenslange Bindungen an den Hof: Der ermordete Kronprinz Franz Ferdinand und er kennen sich bereits seit ihrer Kindheit. Dessen ungeachtet passt Zerstreuung besser zu Berchtolds empfindsamen Gemüt als Verantwortung. Welche Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Berchtold die Zündhölzer des Weltenbrands in die Hände gedrückt werden. Immerhin: Er kennt die zentralen Handlungsorte der Julikrise genau: In Paris und London hat für die österreichische Vertretung gearbeitet. In Sankt Petersburg ist er sogar selbst Botschafter gewesen, ehe er 1912 zum Außenminister ernannt worden ist. Seither sind die Serben sind seine größte Sorge: Ihr in den Balkankriegen von 1912 und 1913 gewachsenes Selbstvertrauen und ihre hartnäckigen Forderungen nach einem großserbischen Reich lassen in Wien alle Alarmglocken klingeln.

Deshalb ist die Stimmung im Ministerrat am 7. Juli 1914 (heute vor 100 Jahren) ausgesprochen kriegerisch: Der Doppelmord am österreichischen Thronfolgerpaar spielt den Hardlinern in der militärischen und politischen Führung in die Hände. Lediglich der ungarische Ministerpräsident István Tisza ist noch nicht ganz davon überzeugt, dass ein Militärschlag gegen Serbien unaufschiebbar ist. In der hitzigen Sitzung besteht er darauf, Belgrad zunächst mit harten Forderungen zu konfontieren, deren Annahme den drohenden Krieg noch abwenden könne. Dennoch hält das Protokoll fest, "daß ein rein diplomatischer Erfolg, auch wenn er in einer eklatanten Demütigung Serbiens enden würde, wertlos wäre und daß daher solche weitgehenden Forderungen an Serbien gestellt werden müßten, die eine Ablehnung voraussehen ließen, damit eine radikale Lösung im Wege militärischen Eingreifens angebahnt würde." Um die richtigen Formulierungen für das Ultimatum zu finden - Worte als Taten - werden sich die Österreicher nun zwei Wochen Zeit lassen, in denen auch das Eulengezwitscher-Extra zur Julikrise aussetzt...

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Alexander von Hoyos: Der Blankoscheck

Die österreichischen Diplomaten Alexander von Hoyos und Ladislaus von Szögyény sondieren in Potsdam und Berlin die deutsche Haltung

Foto: Michael Heyde, Lizenz: CC BY-SA 3.0
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Weltgeschichte wird in Wiener Kaffeehäusern gemacht. Der deutsche Publizist Victor Neumann hat Alexander von Hoyos, einen engen Mitarbeiter des österreichischen Außenministers Leopold von Berchtold, auf eine Tasse Melange eingeladen. Im Schutz des Konjunktivs (aber in der Sache unmissverständlich) hat er ihm zu verstehen gegeben, dass der deutsche Kaiser Wilhelm II. im Kriegsfall zu seinen Bündnispflichten stehen werde. Hoyos, der lieber heute als morgen in Serbien einmarschieren will, berichtet seinem Chef im Außenministerium die guten Neuigkeiten. Außenminister Graf Leopold von Berchtold ist skeptisch. Schließlich gibt es da ja noch den offiziellen deutschen Botschafter Heinrich von Tschirschky, der bei jeder Gelegenheit zur Mäßigung rät. Berchtold braucht Gewissheit. Deshalb schickt er Hoyos in geheimer Mission nach Berlin: Gemeinsam mit dem österreichisch-ungarischen Botschafter Ladislaus von Szögyény-Marich, der Wilhem II. gut kennt, soll er herausfinden, wie es nun tatsächlich um die deutsche Bündnistreue bestellt ist.

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Alexander von Hoyos  ist ein junger Wilder. 1876 geboren, reist er schon mit 24 Jahren für die Donaumonarchie um die Welt: Auf dem diplomatischen Parkett von Peking und Paris kennt er sich ebenso gut aus wie  in Belgrad und Berlin.  Noch besser ist er den höfischen Gepflogenheiten in Wien vertraut. Seit hunderten von Jahren sind die spanischstämmigen Hoyos' den Habsburgern treu verbunden. Für den aufstrebenden und brennend ehrgeizigen Kabinettschef Alexander von Hoyos ist es eine Genugtuung, dass er nach Berlin fahren und den über dreißig Jahre älteren Botschafter Szögyény (geboren) persönlich einnorden soll. Schließlch war es Hoyos, der vor sechs Jahren (in der Annexionskrise von 1908) schon einmal die deutsche Unterstützung gesichert: Szögyény, ein alter Hase, steht schon fast genauso lange kurz vor der Abberufung in den Ruhestand. Im Außenministerium will man den gemütlichen Veteranen längst loswerden. Aber noch hält  Kaiser Franz Joseph I. seinem langjährigen Weggefährten fest - schließlich war Szögyény ein enger Freund von Franz Josephs Sohn Rudolf, der sich das Leben genommen hatte. Und da es das Protokoll nun mal so vorsieht, muss der Botschafter bei Wilhelm II. vorsprechen.

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Damit nichts schief geht, hat Hoyos genaue Instruktionen für Szögyény und zwei Dokumente im Gepäck, die der Botschafter Wilhelm II. überreichen soll: Eine Denkschrift zum Pulverfass Balkan, die Serbien zum Brandstifter erklärt und ein Handschreiben von Kaiser Franz Joseph I. (den in Wahrheit Hoyos selbst für seinen Monarchen vorformuliert hat: Darin nimmt der Habsburger den Hohenzollern in die Pflicht: "Auch Du wirst nach den jüngsten furchtbaren Geschehnissen in Bosnien die Überzeugung haben, dass an eine Versöhnung des Gegensatzes, welcher Serbien von uns trennt, nicht mehr zu denken ist", schreibt Franz Joseph an Wilhelm, "und dass die erhaltende Friedenspolitik aller europäischen Monarchen bedroht sein wird, solange dieser Herd von verbrecherischer Agitation in Belgrad ungestraft fortlebt." Derart gewappnet spricht Szögyény im neuen Potsdamer Palais beim deutscher Kaiser vor. Aber Wilhelm II. gibt sich mit Blick auf, "ernste europäische Komplikationen" erst mal zögerlich.

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In dieser Situation hätte ein dienstjüngerer Diplomat wie Hoyos womöglich die Nerven verloren. Einen Routinier wie Szögyény bringt das nicht aus der Ruhe. Er bleibt zum Essen, plaudert über Belangloses und wagt erst beim Nachtisch - die Stimmung ist nach Aperif und zwei, drei Gläsern Wein weniger steif - einen weiteren Vorstoß. Diesesmal reagiert der Kaiser wie erwünscht: Zwar müsse sein Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg noch zustimmen, lässt Wilhelm II. seinen Gast wissen, aber er sei sich sicher, dass man die Österreicher nicht hängen lassen werde. "Sollte es sogar zu einem Krieg zwischen Oestereich-Ungarn und Russland kommen", telegrafiert der Szögyény nach Wien, "so könnten wir davon überzeugt sein, dass Deutschland in gewohnter Bündnistreue an unserer Seite stehen werde." Mehr noch: Wilhelm habe selbst angeregt, so bald wie möglich loszuschlagen. Schon am nächsten Tag segnet Bethmann Hollweg die offensive Einlassung seines Kaisers ab. Da ist der: der berühmte Blankoscheck. Deutschland hält den Österreichern den Rücken frei. Beglückt vom Erfolg seiner Mission reist Alexander von Hoyos zurück nach Wien. Zu spät erkennt er das "unermessliche Unheil", dass der Blankoscheck über Europa gebracht hat. Während Szögyény 1916 stirbt, muss Hoyos bis 1937 damit leben, dass sein berufliches Geschick  den Ausbruch des Ersten Weltkrieg maßgeblich begünstigt hat. 

Übrigens: Alexander von Hoyos ist ein Urgroßvater von Stefanie zu Guttenberg: Seine Tochter Melanie und Gottfried von Bismarck sind ihre Großeltern väterlicherseits.

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Heinrich von Tschirschky: Der gemaßregelte Mahner

Der deutsche Botschafter Heinrich von Tschirschky zieht den allerhöchsten Zorn auf sich

Heinrich von Tschirschky hat genug gehört. Der deutsche Botschafter in Wien ist gut vernetzt. Seit Jahren kann er sich auf sein zuverlässiges Gespür für die Stimmung in der österreichischen Regierung verlassen. Nach dem Attentat von Sarajewo registriert Tschirschky die Wut und den Wunsch nach Vergeltung. Der ungarische Regierungschef István Tisza scheint jedenfalls der Einzige zu sein, der einen Balkankrieg verhindern will. Selbst Außenminister Graf Leopold von Berchtold hat sich ungewöhnlich kampfeslustig gezeigt. Genau das berichtet der besorgte Botschafter nach Berlin: "Hier höre ich, auch bei ernsten Leuten, vielfach den Wunsch, es müsse einmal gründlich mit den Serben abgerechnet werden", telegrafiert Tschirschky, "Man müsse den Serben zunächst eine Reihe von Forderungen stellen und, falls sie diese nicht akzeptierten, energisch vorgehen." Tschirschky will warnen, aber beim Deutschen Kaiser Wilhelm II. kommen die österreichischen Kriegspläne gut an: "jetzt oder nie" schreibt er an den Rand des Telegramms, während er es liest.

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Heinrich von Tschirschky und Bögendorff wird am 15. August 1858 in Dresden in eine Eisenbahnerfamilie geboren. Genauer gesagt ist sein Vater Generaldirektor der Königlich Sächischen Staatseisenbahnen. Dieses Elternhaus und die adelige Herkunft verhelfen Tschirschky zu einer steilen Diplomatenkarriere, die in in verschiedenen Funktionen nach Athen, Bern, Konstantinopel und Sankt Petersburg führt. Wilhelm II. kennt er von zahlreichen Auslandsreisen, auf denen er den Kaiser begleitet hat. Kurzzeitig bringt es Tschirschky sogar zum Staatssekretär des Äußeren (1906/1907). Kurzum: Heinreich von Tschirscky ist ein international erfahrener Spitzendiplomat, als er seinen Botschafterposten in Wien antritt. Auch in Sachen Deeskalation kennt er sich aus: In politischen Verhandlungen mit ehemaligen Kriegsgegnern (Dänemark 1864 und Frankreich 1870/71) war er auf Ausgleich bedacht und hat umsichtig agiert. 

Umso mehr muss sich Tschirschky wundern, dass der Kaiser nicht erfreut ist, als er den weiteren Bericht seines Botschafters liest. Tschirschky meldet, dass er sich auch den Österreichern gegenüber beschwichtigend einlässt, wannimmer die Wiener Verantwortlichung nach einer gewaltsamen Abrechnung mit den Serben verlangen: "Ich benutze jeden solchen Anlass, um ruhig, aber sehr nachdrücklich und ernst vor übereilten Schritten zu warnen." Wilhelm II. ist außer sich: "Wer hat ihn dazu ermächtigt?" schmiert er an den Rand, "das ist sehr dumm! Geht ihn gar nichts an, das es lediglich Österreichs Sache ist, was es hierauf zu thun gedenkt." Je länger er von Tschirschkys Mahnungen liest, wütender wird Wilhelm II.: "Nachher heißt es dann, wenn es schief geht, Deutschland hat nicht gewollt! Tschirschky soll den Unsinn gefälligst lassen!" Es ist nicht das einzige Mal, dass eine impulsive Gemütsregung des Kaisers das wohldurchdachte Geschick seines diplomatischen Chors unterläuft. Aber was Wilhelm zuletzt auf das Telegramm schmiert, ist wohl eine der verhängnisvollsten Randnotizen der Weltgeschichte, weil sie als Befehl verstanden wird - und nicht als eine der üblichen und eigentlich auch bekannten Launen. "Mit den Serben muß aufgeräumt werden", kritzelt der erregte Kaiser, der mit dem österreichischen Thronfolger in Sarajewo auch einen persönlichen Freund verloren hat.  "Mit den Serben muß aufgeräumt werden und zwar bald. Versteht sich alles von selbst und sind Binsenweisheiten."

Für die Österreicher sind das noch keine Binsenweisheiten, aber Außenminister Berchtold tüfelt bereits an einem Plan, die deutsche Haltung zur Julikrise ganz offiziell in Erfahrung zu bringen. Heinrich von Tschirschky wird übrigens nach dem kaiserlichen Rüffel bis zu seinem frühen Tod 1916 vehement auf eine militärische Lösung drängen. Echte Überzeugung sieht anders aus...

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Istvan Tisza: Viele Völker, viele Interessen...

Ungarns Ministerpräsident István Tisza verweigert seine Zustimmung zum Militärschlag gegen Serbien

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So nicht! Der ungarische Ministerpräsident István Tisza ist sauer. Fast zufällig hat er kurz nach einer Audienz beim greisen Kaiser mitbekommen, wie man in Wien schon die Messer wetzt, um die Serben gerade zu ziehen. Aber Tisza will keinen Krieg auf dem Balkan – und das Wort des ungarischen Regierungschefs hat in der Doppelmonarchie Gewicht: Ohne Tiszas Zustimmung können die k. u. k.-Truppen nicht gegen die Serben mobil machen. Und genau das will er erreichen. Deshalb schickt Tisza an seinen kaiserlichen Vertrauten Franz Joseph I. eine unmissverständliche Denkschrift. Darin verwehrt er sich „die Greueltat von Sarajewo zum Anlasse der Abrechnung zu machen.“

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István Tisza kommt am 22. April 1861 in Budapest zur Welt. Schon im Elternhaus lernt er, wie man für Ungarn Politik macht. Vater Kálmán hat eine Partei gegründet und sogar selbst als Ministerpräsident die Regierung geführt. Dabei hat er nie die Interessen der ungarischen Aristokratie vergessen und Lobbyarbeit von oben betrieben. Sein Sohn István ist aus dem gleichen Holz geschnitzt. Für Demokratie, Gleichberechtigung und Opposition hat er nichts übrig. Das bringt im die Sympathie und das Vertrauen des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. ein, der dem sogenannten "Ausgleich" von 1867 auch König von Ungarn ist. Seither sind die ungarischen Interessen im Vielvölkerreich deutlich aufgewertet (neben Österreich und Ungarn gehören zur Donaumonarchie unter anderem Tschechien, die Slowakei, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina). Im Gegensatz zum erzkatholischen Haus Habsburg ist Tisza ein calvinistisch-kühler Realpolitiker. Er hat in Berlin studiert - und das nicht nur an der Uni. Vom deutschen Kanzler Otto von Bismarck hat er gelernt, wie man nationale Interessen auch auf internationalem Parkett durchsetzt. In der europäischen Julikrise will er vor allem die ungarischen Interessen wahren und ein Krieg auf dem Balkan würde sie gefährden: Denn wenn serbische Gebiete annektiert werden, so fürchtet Tisza, dann würde der slawische Einfluss zwangsläufig aufgewertet – und das ginge ebenso zwangsläufig zulasten der Ungarn. Deshalb hat Tisza auch kein gutes Verhältnis zu Franz Ferdinand gehabt, der den Slawen auch ohne Krieg wohl mehr Einfluss eingeräumt hätte. Manche vermuten sogar, dass der umtriebige Ungar beim Attentat von Sarajewo seine Hände im Spiel hatte. Das aber ist zu weit hergeholt; weiter jedenfalls als die Argumente gegen einen Krieg, die Tisza dem Kaiser unterbreitet. Denn seine eigentlichen Motive behält er für sich. Den Kaiser warnt er vor den verhängnisvollen Mechanismen der Bündnissysteme: Hinter Serbien stehe Russland und hinter Russland Frankreich. Das könne böse enden! Das wissen auch Franz Joseph und sein Außenminister Graf Leopold von Berchtold. Selbst Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf weiß, dass man in Wien auf deutsche Schützenhilfe angewiesen sein wird – und noch mahnt der deutsche Botschafter Heinrich von Tschirschky zur Zurückhaltung. Seine Geschichte gibt's morgen im Eulengezwitscher-Extra zur Julikrise.

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet István Tisza ist dem Krieg, den er (anfangs) hatte verhindern wollen, zum Opfer gefallen. 1918 wird er von Revolutionären erschossen, die ihn für das Weltengemetzel zur Verantwortung ziehen.

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Franz Conrad von Hötzendorf: "Krieg, Krieg, Krieg!"

Österreich-Ungarns Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf drängt zum Militärschlag gegen Serbien

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Für die üblichen diplomatischen Floskeln fehlt die Zeit. Als der österreichische Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf am  29. Juni 1914 (heute vor 100 Jahren) nach seiner eiligen Rückreise vom Balkan das Wiener Außenministerium am Ballhausplatz betritt, hat er nur ein Ziel: Conrad will Krieg, um die nach einer ganzen Serie von politischen und militärischen Niederlagen angezählte Donaumonarchie vor dem Untergang zu bewahren. Deshalb spricht er von Anfang an Klartext mit dem für gewöhnlich zaudernden und zögernden Außenminister Graf Leopold von Berchtold: „Der von Serbien gebilligte Mord ist ein Kriegsgrund“, bellt er den Minister an, „wir müssen sofort mobilisieren!“

Franz Conrad von Hötzendorf wird am 11. November 1852 bei Wien geboren. Seine Familie hat sich durch jahrzehntelangen und gehorsamen Dienst in der Verwaltung und im Militär die Gunst der Habsburger (und den Adelstand) erworben. Franz wächst in einer Soldatenfamilie auf. Sein Vater hat im Kampf gegen die Revolution von 1848 eine schwere Verletzung davon getragen – und verbringt als Invalide viel Zeit mit seinen Kindern. Gefördert und gedrillt durch die wesentlich jüngere, aber energische und prinzipientreue Mutter zeichnet sich Conrads eigene Berufung zum Offizier früh ab: Mit der Kadettenschule beginnt eine vom Ehrgeiz domonierte Karriere, die ihn über die üblichen Beförderungen und Frontbewährungen an die Spitze des Generalstabs führt. Die militärische Laufbahn von Conrad von Hötzendorf ist  gewissermaßen eine biografische Vorgeschichte der Julikrise:

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Sein erster Kriegseinsatz ist die österreichische Bosnien-Besetzung von 1878 (noch mit Europas Zustimmung). Während der eigenmächtigen Annexion 1908 ist er bereits an der Spitze des Generalstabs. Dazwischen liegen drei Jahrzehnte, in denen Conrad über kulturpessimistischen und sozialdarwinistischen Bücher brütet, bis er selbst zum geachteten Autor militärstrategischer Schriften avanciert. Darüber verfestigt sich bei Conrad die Überzeugung, dass nur ein Offensivkrieg beweisen kann, dass die Donaumonarchie noch stark genug ist, um als europäische Großmacht ernstgenommen zu werden. „Serbien und Rumänien werden die Nägel zu ihrem Sarg werden – Russland wird beide dabei kräftig unterstützen; es wird ein aussichtsloser Kampf werden, dennoch muss er geführt werden, da eine so alte Monarchie und eine so glorreiche Armee nicht ruhmlos untergehen können.“

Diese Analyse schreibt Conrad von Hötzendorf allerdings privat, und zwar an seine zweite Frau Gina. Um sie hat er einen Eroberungs- und jahrelangen Belagerungskrieg geführt, der seinesgleichen sucht. Gina hat einen Ehrmann und sieben Kinder, als ihr Conrad seine Liebe gesteht. Gina fühlt sich geschmeichelt, bleibt aber vorerst bei ihrer Familie. Solange sich die Angebetete seinem Werben widersetzt, spricht Conrad sie in einem geheimen „Tagebuch der Leiden“ an, das Zeugnis geben soll „von meiner unbegrenzten, glühenden, verzweifelnden Liebe zu Dir, Du mein abgöttisch verehrter und geliebter, herzensguter Engel!“ Nur wenig zurückhaltender sind die Briefe, die er Gina schreibt - Mann hin oder her. Mit solchen Charmeoffensiven gewinnt Conrad den Liebeskrieg und führt Gina nach einer kaum verheimlichten Liaison vor den Traualtar. Seine Unnachgiebigkeit hat sich durchgesetzt.

All‘ das ist in Wien stadtbekannt und man weiß auch, dass der Generalsstabschef beruflich genau so kompromisslos vorgeht. Deshalb kann seine aggressive Kriegsforderung den Außenminister nicht überraschen. Zwar kann sich Conrad in sieben Sprachen verständigen (im Vielvölkerreich nicht unwichtig), aber politisch-militärisch spricht er nur eine Sprache: die der Konfrontation Seit Jahren drängt Conrad auf einen Präventivschlag gegen Serbien (wahlweise auch Montenegro, Rumänien und Russland). Allein im vergangenen Jahr hat er sage und schreibe 25 Mal für ein militärisches Losschlagen geworben. Zwischenzeitlich musste er sogar seinen Posten räumen, weil der Kaiser genug hatte von seinem Falken. Dieses Mal aber hat Conrad mit der Ermordung Franz Ferdinands einen Anlass, den auch Außenminister Berchtold kaum leugnen kann. Allerdings setzt der Minister auf diplomatische Lösungen: „Ich habe mir ein anderes Vorgehen zurechtgelegt“, sagt er demonstrativ gelassen und bremst damit den Feuereifer des Generalstabschefs aus. „Wir stellen an Serbien die Forderung, gewisse Vereine aufzulösen, den Polizeiminister zu entlassen und dergleichen.“ Conrad weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll. „Den Polizeiminister werden die Serben ruhig wegschicken, das wirkt gar nichts“, erwidert er barsch, „zu wirken vermag nur die Gewalt!“ Als ob Berchtold noch nicht verstanden hätte, ruft ihm Conrad noch im Gehen zu: „Krieg, Krieg, Krieg!“ Zurück bleibt ein frustrierter Berchtold. Denn was Conrad noch nicht weiß: Schon vor ihrer Besprechung hat der ungarische Ministerpräsident Istvan Tisza auf Berchtold eingeredet – und Tisza will eine militärische Auseinandersetzung um jeden Preis verhindern… Wie er das anstellt, davon erzählt das Eulengezwitscher morgen.

Eulengezwitscher-Leseempfehlung zu Franz Conrad von Hötzendorf

Wolfram Dornik

Des Kaisers Falke

Wirken und Nach-Wirken von Franz Conrad von Hötzendorf

Erschienen im Studien Verlag im Dezember 2013. 280 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,90 €.


Für die meisten Biografen ist Franz Conrad von Hötzendorf der Buhmann der Julikrise. "Architekt der Apokalypse" hat ihn beispielsweise Lawrence Sondhaus genannt. Auch die der jüngst erschienenen Conrad-Biografie von Wolfram Dornik legt sich bereits im Untertitel fest: "Des Kaisers Falke" sei Conrad von Hötzendorf gewesen. Dennoch bestehen zwischen beiden (Vor-)Urteilen erhebliche Unterschiede, denn Dornik hält sich in Sachen Schuldzuweisung zurecht zurück. Er stellt Conrad von Hötzendorf nicht an den Pranger, sondern in seine Zeit: Die familiäre Prägung kommt ebenso zur Geltung wie der um die Jahrhundertwende gesamteeuropäisch akzeptierte Maßstab, in dem Krieg ein Mittel der Politik ist. Überhaupt konzentriert sich Dornik auf die großen politischen und militärischen Zusammenhänge, in denen Conrad  zu sehen ist. Das ist zweifellos eine berechtigte Perspektive, die viel beträgt zum Verständnis der nationalen und internationalen Verwicklungen, die sich in der Julikrise unlösbar ineinander verknoten. Für eine Biografie kommen allerdings manche Persönlichkeitsmerkmale etwas zu kurz: Die  merkwürdige Mischung aus Agresssivität, pathetischer Verkrampftheit und blinder Hingabe, die sich im Werben um Gina zeigen - und die sich im Generalstab in gewisser Weise fortsetzen. Lediglich formal sind dagegen vereinzelte Mängel im Lekorat zu beanstanden (z. B. angefangene Sätze, die abrupt abbrechen und anders formuliert neu beginnen). Dessen ungeachtet leistet Dorniks Conrad-Biografe einen nicht unerheblichen Beitrag zur Julikrisen-Diskussion: Die wichtigsten Studien (beispielsweise die Bücher von Christopher Clark und Sean Mceekin) sind penibel darauf bedacht, die jeweiligen Handlungsoptionen aller Großmächte gleichermaßen zu berücksichtigen und dem Leser das ganze Bild zu zeigen. Am Beispiel des beruflichen Wirkens des österreichischen Generalsstabschefs lässt  sich Dornik durchgängig auf einen Akteur ein: Er zeichnet ein gelungenes Bild der Bedürfnisse und Zwänge der Donaumonarchie gewissermaßen aus der Innenperspektive - das zeigt den dramatischen Druck, der auf einzelen Person gelastet hat, möglicherweise noch deutlicher. Angesichts dessen hätte aber auch eine stärker akzenturierte Persönlichkeitsanalyse weiteren Aufschluss gegeben...

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Gavrilo Princip: Die Schwarze Hand schlägt zu

Gavrilo Princip ermordet den österreichischen Thronfolger

http://humus.livejournal.com/2181956.html. Licensed under CC0
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Durch den Jubel der Menge peitschen zwei Schüsse. Es sind die ersten Schüsse des Ersten Weltkriegs. Abgefeuert hat sie Gavrilo Princip, ein 19 Jahre alter Gymnasiast – und glühender serbischer Nationalist. Princip ist kein geübter Schütze, aber das Schicksal kommt ihm zuhilfe: Der Fahrer des Auto, in dem der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie sitzen, biegt falsch ab und hält direkt vor Princip an, um zu wenden. Die erste Kugel trifft versehentlich Sophie in den Unterleib, die zweite findet ihr Ziel und zerfetzt Franz Ferdinands Halsvene. Erst als Princip sein blutiges Werk beendet hat, nimmt der Wagen wieder Fahrt auf und rast dem Arzt entgegen. „Sopherl, Sopherl, sterbe nicht“, flüstert der tödlich getroffene Kronprinz, „bleibe am Leben für unsere Kinder...“ Aber es ist zu spät, Sophie ist bereits ohnmächtig. Auch Franz Ferdinand verliert langsam das Bewusstsein. „Es ist nichts...“ sind seine letzten Worte. Derweil ist die wütende Menschenmenge bereits drauf und dran, Gavrilo Princip zu lynchen. Nur mit Mühe gelingt es den ebenfalls aufgebrachten Polizisten, den bereits schwer misshandelten Attentäter in Gewahrsam zu nehmen.

Gavrilo Princip wird am 25. Juli 1894 im bosnischen Gebirgsdorf Gornji Obljaj auf der Hochebene von Gravoho geboren. Seine Eltern sind Bauern, die hart arbeiten müssen, um halbwegs über die Runden zu kommen. Seine Mutter Nana hat sogar am Tag der Geburt noch auf dem Feld geschuftet. Trotzdem reicht es hinten und vorne nicht. Vater Pepo muss zusätzlich noch Post austragen - kein einfaches Unterfangen in der zerklüfteten Grenzregion. Neben der bitteren Armut gesellt sich der Tod allzu oft zu den Princips: Sechs von neun Kindern müssen Nana und Pepo früh begraben. Auch Gavrilo ist schmächtig, aber er beißt sich durch und schafft es als Jugendlicher nach Sarajewo. Dort will ihn sein älterer Bruder ausgerechnet zum Offizier der österreichisch-ungarischen Armee ausbilden lassen. Erst als ein Freund der Familie energisch dazwischengeht – „Willst Du ihn zum Feind unseres Volkes machen?“ – schickt ihn der Bruder dann doch lieber auf die Handelsschule. Dort verbringt Gavrilo Princip die Jahre, in denen er die österreichische Besatzungsmacht hassen lernt. 1908 annektiert die Donaumonarchie Bosnien und die Herzigowina, die sie zuvor bereits verwaltet hatte – verwaltet, aber eben nicht annektiert. Zu Princips Vorbild avanciert Bogdan Žerajić, der vor einiger Zeit ein erfolgloses Attentat auf den österreichischen Staathalter von Bosnien verübt hatte. Nachdem man Žerajić zum Tode verurteilt, hingerichtet und verscharrt hat, verbringt Princip ganze Nächte am Grab seines Idols. Zusehends gerät er in den Dunstkreis von den nationalistischen Zirkeln, deren Mitglieder von einem gesamtslawischen Großserbien träumen. Dafür, so poltern die einflussreichen Verschwörer in konspirativen Hinterstübchen, müsse man über Leichen gehen.

Alle Fotos lizensiert unter gemeinfrei
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Princip ist weniger ein Mann der großen Worte. Wovon die einen reden, das will er in die Tat umsetzen. Besonders vertraut plant er mit dem Sohn seiner Vermieterin in Sarajewo, Danileo Ilíc, und den Freunden Nedeljko Čabrinović und Trifko Grabež. Gegen die Besatzer hilft nur Terror - darin sind sich die drei schnell einig. Was wäre da besser geeignet als ein Mordanschlag gegen einen führenden Kopf der Donaumonarchie? Die meisten Serben würden das wohl gutheißen. Längst machen ursprünglich im Untergrund enstandenen nationalistische Bewegungen wie die „Narodna Odbrana“ (Volksvereinigung) keinen Hehl mehr aus ihrem Hass auf die Habsburger. Als man sich in Wien dieser Gefahr bewusst wird, sagt man der „Narodna Odbrana“ den Kampf an. Dabei übersehen die Österreicher die Schwesterorganisation „Ujedinjenje ili smrt“ (Vereinigung oder Tod), genannt Schwarze Hand, die sie dann auch nicht zu fassen bekommen. Dabei ist die Schwarze Hand wesentlich gefährlicher: Dass sie nach wie vor im Dunkel des Untergrunds operiert, verbirgt, dass zu ihren Angehörigen und Sympathisanten auch die politische Elite des Landes gehören. Ironischerweise ist der maßgebliche Strippenzieher, Dragutin Dimitrijević (genannt Apis), zugleich der Chef des serbischen Geheimdienstes. Sein engmaschiges Netzwerk an V-Leuten reicht von den einfachen Bahnbeamten und der Landbevölkerung über die höheren Dienstgrade von Militär und Verwaltung bis hinauf in die Regierung um Ministerpräsident Nikola Pasíc. Sie alle werden helfen oder zumindest nichts dagegen unternehmen, dass aus den dilettantischen Attentatsplänen von Gavrilo Princip und seinen Freunden ein logistisch professionelles Mordkomplott geformt wird. Zwar hatte man Princip einige Jahre nicht als Kämpfer für die großserbische Sache haben wollen, weil er zu schwach und zu schmächtig war. Aber wer den Österreichern auf eigene Initiative schaden will, den möchte man dann doch unterstützen.  

Foto: Baumi, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated
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Man versorgt die Attentäter mit Waffen aus den gerade zurückliegenden Balkankriegen, organisiert sie in Zellen, trainiert sie und schleust sie aus Serbien ins besetzte Bosnien. Sieben Attentäter erwarten den österreichischen Thronfolger, als der durch die Straßen von Sarajewo fährt. Trotzdem droht das Attentat zu scheitern. Zwei der jugendlichen Verschwörer verlässt in buchstäblich letzter Sekunde der Mut. Der dritte, Nedeljko Čabrinović, wirft zwar seine Bombe, aber Franz Ferdinand wehrt sie reaktionsschnell mit der Hand ab. Sie explodiert unter einem anderen Wagen. „Der Kerl ist verrückt“, erklärt der Thronfolger seinen aufgeregten Begleitern und lässt die Fahrt fortsetzen. Nach dem obligatorischen Empfang im Rathaus will Franz Ferdinand die Verletzten des ersten Anschlags im Krankenhaus besuchen und lässt das ursprünglich geplante Besuchsprogramm ändern. Das wird sein Verhängnis, denn die neue Route kommt nicht beim Fahrer an - und der biegt falsch ab. Alles andere ist tödliche Schicksalsgeschichte...

Auch die weitere Lebensgeschichte von Gavrilo Princip ist rasch erzählt, denn sie dauert nicht mehr lange. Die Österreicher machen ihm den Prozess, in dem er sich wacker schlägt. Er bereut, dass er versehentlich auch Sophie erschossen hat, bleibt aber ansonsten dabei, dass sein Attentat kein Mord, sondern ein persönliches Statement war. So gut er kann, verwischt er die Spuren seiner Hintermänner, die nach Belgrad führen – aber er kann es nicht gut. Nach dem Prozess verschwindet er in den dunkeln Kerkern der Kleinen Festung von Theresienstadt, wo er im April 1918 an Knochentuberkulose stirbt. Zu diesem Zeitpunkt wütet noch der Weltkrieg, dessen erste beide Schüsse er abgegeben hat und der nach einem dramatischen diplomatischen Intermezzo – der Julikrise – seinen Lauf genommen hat.

Eulengezwitscher-Lesetipp: Gregor Mayers Princip-Biografie

Eine Biografie über einen Teenager vom Lande über den man fast nichts weiß, der lange im Untergrund operiert und der in wenigen Sekunden  ins grelle Scheinwerferlicht der Weltgeschichte tritt, ist keine einfach Aufgabe. Gregor Mayer hat sie glänzend bewältigt. Sein historischer Essay "Verschwörung in Sarajewo" nimmt den Leser mit in die ärmlichen Bergregionen Bosniens an der Jahrhrundertwende. Ohne sich allzusehr in wissenschaftlichem und quellenkritischem Kleinklein zu verzetteln, taucht Mayer ein in die widrigen Lebensbedingungen, mit denen die Princips auf dem Balkan klar kommen müssen. Er hat mit Verwandten von Gavrilo Princip gesprochen und seinen Lebensweg in einer geschickten Balance von "so war es" und "so hätte es sein können" nachgezeichnet.  Es liegt auf der Hand, dass es keine Aufzeichungen über konspirative Treffen und Gespräche gibt, aber die semifiktionalen,  szenischen Schilderungen, in denen Mayer Princip bei der Attentasplanung über die Schulter schaut, sind ein klug gewähltes Stilmittel: Man lernt einen Gavrilo Princip in seiner Lebenswelt kennen, der in seinen Nöten, Überzeugungen und Taten plausibel gezeichnet und gewissermaßen zwischen Buchdeckeln auflebt. Dass sich Mayer auf 160 Seiten beschränkt, tut seiner Biografie keinen Abbruch - im Gegenteil. Hier hat ein sachkundiger Journalist eine längere Reportage geschrieben, die fesselt, fasziniert - und ein wenig verstört. Denn bei aller Abscheu gegenüber Attentaten gelingt es Mayer, gewisse Sympathien für Gavrilo Princip zu wecken...

Gregor Mayer

Verschwörung in Sarajewo

Triumph und Tod des Attentäters Gavrilo Princip

Erschienen im Residenz-Verlag im Februar 2014. 160 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,90 €.


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Franz Ferdinand: Das letzte Manöver

Österreich-Ungarns Thronfolger Franz Ferdinand inspiziert die kaiserlich-königlichen Truppen im annektierten Bosnien

Josef Vinzens Jahudka. Lizenziert unter Gemeinfrei
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Dem Thronfolger der Habsburgermonarchie gefällt, was er sieht. Sein Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf (rechts) hat ganze Arbeit geleistet. Durch den Fernstecher beobachtet Erzherzog Franz Ferdinand zufrieden, wie sich die Soldaten des 15. und 16. Korps der österreichisch-ungarischen Truppen unweit von Sarajewo für den Ernstfall wappnen. Erst im vergangenen Jahr hat der greise Kaiser Franz Joseph I. seinen Neffen zum Generalinspektor der gesamten bewaffneten Macht ernannt. Seither obliegt es Franz Ferdinand, die größeren Manöver im Vielvölkerreich abzunehmen. Zu diesem Zweck ist er auch nach Bosnien gereist, das seit über dreißig Jahren von Österreich verwaltet und 1908 endgültig annektiert worden ist. Für Franz Ferdinand und für Österreich wird es das letzte Manöver sein. Der Thronfolger hat nur noch einen Tag zu leben und mit seinem gewaltsamen Tod in Sarajewo wird ein diplomatisches Drama seinen Lauf nehmen, an dessen Ende die militärischen Übungen dem Ernstfall des Weltkriegs weichen müssen.

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Franz Ferdinand ist kein geborener Kronprinz. Er kommt 1863 als Nummer Drei der Thronfolge zur Welt. Sein Vater, Karl Ludwig, ist der Bruder von Kaiser Franz Joseph I. Dessen Nachfolge soll einmal der eigene Sohn Rudolf antreten. Aber wie es sich für einen Habsburger-Spross gehört, durchläuft auch der Kaiserneffe Franz Ferdinand eine standesgemäße Ausbildung in Sprachen, Religion und Militär. Noch mehr prägt ihn eine ausgedehnte Weltreise, bei der er fremde Völker und politische Systeme studiert. Das alles ändert wenig daran, dass er eine Stand-By-Karriere zu erwarten hat. Franz Ferdinand vertreibt sich die Zeit mit der Jagd. Da er viel Zeit hat, erlegt er viel Wild. In seinen Tagebüchern dokumentiert er über eine Viertelmillion Abschüsse. Das sorgt für einiges Kopfschütteln in der Bevölkerung und am Hof – selbst in einer Zeit, in der die Jagd ein klassisches Adelshobby ist. Dann aber schrecken fatalere Schüsse das Haus Habsburg auf: Kronprinz Rudolf erschießt seine Angebetete und nimmt sich anschließend das Leben. Franz Ferdinands Vater hegt keine Ambitionen auf den Thron und plötzlich ist er selbst der Neffe des Kaisers der Anwärter auf den Job des Herrschers.

In Wien ist man nicht begeistert. Weder der Hof noch die Bevölkerung hegen große Sympathien für den kommenden Kaiser. Franz Ferdinand steht im Ruf, ein humorfreier Grantler zu sein, der das gemütliche Habsburgerreich der Kaffeehäuser mit harter Hand führen und umkrempeln wird. In der Tat sammelt Franz Ferdinand nicht nur militärische Strategen um sich, die die verrostete Armee auf Vordermann bringen sollen. Auch Politikberater, die über den Tag hinaus denken, gehören zu seinem Team. Insbesondere die Ungarn sind argwöhnisch, weil der erzherzogliche Think Tank deren Sonderstellung im Vielvölkerreich hinterfragt. Im Schloss Belvedere schmiedet man Pläne (manche denken sogar an die Vereinigten Staaten von Großöstereich), in denen auch die Slawen besser integriert werden. Ein glühender Demokrat ist Franz Ferdinand jedoch keineswegs, ganz im Gegenteil: Er will mit modernen Mitteln (technisch wie administrativ) die schwächelnde Monarchie und das monarchische Prinzip stabilisieren.

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Das dynastische Reinheitsgebot in Sachen Ehe empfindet Franz Ferdinand dagegen als überkommenes Relikt des 19. Jahrhunderts. Die Frau an seiner Seite wählt er weder aus politischen Motiven, noch mit Rücksicht auf den Standesdünkel. Er liebt Sophie Chotek und nur deshalb heiratet er die tschechischen Landadelige (und ehemalige Hofdame) am 28. Juni 1900 (genau 14 Jahre vor dem Attentat von Sarajewo). Der Kaiser ist außer sich. Franz Joseph I. hat sein Amt von Gottes Gnaden immer mehr geachtet als seine persönlichen Bedürfnisse und Gefühle. Das erwartet er auch von seinem Nachfolger. Aber Franz Ferdinand, mag er dienstlich auch noch so ein harter Hund sein, ist privat ein ausnehmend liebevollerer und fürsorglicher Familienvater, dem sein Sopherl und seine drei Kinder Sophie, Maximilian und Ernst mehr bedeuten als der Staat. Wenn er die Türen seiner Privatgemächer hinter sich schließt, bleiben amtliche Sorgen draußen. Das  bestraft der Kaiser: Sophie wird oft vom Hofprotokoll gedemütigt, bei öffentlichen Auftritten ist sie nicht an der Seite ihres Mannes. Die gemeinsamen Kinder werden von der Thronfolge ausgeschlossen.

Lediglich auf Auslandsreisen kann sich das Paar auch als Paar geben. Deshalb freuen sich die beiden auch auf ihren Besuch in Sarajewo, der sich unmittelbar an die erfolgreichen Manöver anschließt. Am frühen Nachmittag des 27. Juni 1914 (heute vor 100 Jahren) schlendern Franz Ferdinand und Sophie gemütlich über den Markt des bosnischen Landeshauptstadt und freuen sich über den angenehmen Empfang vor Ort: "Wo immer wir waren", schreibt Sophie nach Hause, "haben uns alle, bis auf den letzten Serben, mit solcher Freundlichkeit, Höflichkeit und echter Wärme begrüßt." Nicht alle Serben meinen es gut mit dem Thronfolgerpaar. Der junge serbische Nationalist Gavrilo Princip ist den beiden unauffällig gefolgt. Während Franz Ferdinand zwischen Obst- und Gemüseständen Hände schüttelt, warten Princip und seine Mitstreiter schon darauf, ihn am nächsten Tag beim offiziellen Bad in der Menge erschießen zu können... Alles zum Attentäter gibt's morgen im zweiten Teil des Eulengezwitscher-Extras zur Juli-Krise...

Eulengezwitscher-Lesetipp: Alma Hannigs Franz Ferdinand-Biografie

Die Bonner Historikerin Alma Hannig hat eine angenehm ausgewogene Biografie über den Thronfolger vorgelegt. Ihr Augenmerk liegt weniger auf den privaten Eskapaden und den Franz-Ferdinand-Mythen, sondern mehr auf dessen politischer Laufbahn. Auch wer nur eine Kurzbiografie über Franz Ferdinand lesen möchte, wird in Hannigs Buch fündig, denn schickt einem anlytischen Teil zu konkreten Eigenschaften und Eigenarten, Politikfeldern und Positionen des Thronfolgers eine knappe Lebensgangbeschreibung voraus. Dass Alma Hannig aus der Wissenschaft kommt, merkt man ihrer Franz Ferdinand-Biografie nur in der Liebe zum Detail und in der gründlichen Recherche an - nicht aber im Schreibstil. Damit öffnet sie das Leben und Wirken des Thronfolgers einem breiteren Publikum.

Alma Hannig

Franz Ferdinand

Die Biografie

Erschienen bei Almathea Signum Verlag im Oktober 2013. 352 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,95 €.


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Der Jahrhundertstreit: Wer verantwortet 1914?

Eulengezwitscher-Extra: Die Julikrise und der Kriegsausbruch

Schuldfragen sind ewige Fragen. Das gilt auch für Frage nach der Schuld am Kriegsausbruch vor 100 Jahren. Die Historiker von heute (allen voran der viel beachtete Christopher Clark) beteuern zwar unermüdlich, dass sie lediglich die komplexen Zusammenhänge der Julikrise von 1914 erhellen wollen. Trotzdem dreht sich letzten Endes doch alles darum, wer die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu verantworten hat: Aus biografischer Perspektive stellt sich diese Frage etwas anders: Was waren das für Männer, die im Sommer 1914 als Hauptdarsteller eines diplomatischen Dramas die Welt in den Krieg führten? Einige dieser Männer wird ein Eulengezwitscher-Extra vorstellen: In historischer Echtzeit erzählt der Biografien-Blog zwischen dem 27. Juni und dem 3. August 2014 von Männern, die Weltkriegsgeschichte gemacht. Im Vorfeld stellt das Büchergezwitscher die Grundlagenwerke und Biografien, auf denen das bislang umfangreichste Eulengezwitscher-Extra aufbaut: Los geht's heute mit der Gesamtdarstellung von Sean McMeekin, die zu Unrecht im Schatten des monumentalen Werks "Die Schlafwandler" von Christopher Clark steht.

Sean McMeekin

Juli 1914

Der Countdown in den Krieg

Erschienen im Europa Verlag Berlin. 512 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 29,99 €.


Cristopher Clark

Die Schlafwandler

Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Erschienen bei der Deutschen Verlags-Anstalt im September 2013. 896 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 39,99 €.


Dass man im Sommer 2014 wieder über die Julikrise und die Kriegsursachen diskutieren würde, war abzusehen. Wie leidenschaftlich aber 100 Jahre nach dem diplomatischen Drama und 50 Jahre nach der Fischer-Kontroverse um die deutsche Hauptschuld wiederum gestritten wird, ist eine angenehme Überraschung - und ein Verdienst des australischen Historkers Christopher Clark, der die Debatte im vergangenen Herbst mit seiner viel beachteten Studie zu den mittelbaren und unmittelbaren Kriegsursachen angestoßen hat. Ohne die die Mitverantwortung der deutschen Führung in Zweifel zu ziehen, nimmt er auch die französischen, russischen und englischen Diplomaten in die Pflicht. Ohne die große Leistung dieses Buches zu schmälern: Mitunter verstellt es den Blick auf andere jüngst erschienene Gesamtdarstellungen zur Julikrise, so zum Beispiel die von Sean McMeekin:

Titel und Untertitel sind exzellent gewählt: Sean McMeekin verzichtet  in "Juli 1914" auf weitschweifige Exkurse (anders als Christopher Clark) und konzentriert sich auf die Prozesse und Protagonisten des diplomatischen Spiels mit dem Feuer. Der Untertitel, der vom "Countdown in den Krieg" spricht, lässt einen einen fesselnd und flüssig geschriebenen Krimi erwarten - und dieser Erwartung erfüllt McMeekin vollauf. Die chronologische Darstellung ist in Sachen Julikrise die beste Wahl, da der dramaturgische Bogen durch die Abfolge der Ereignisse bereits gegeben ist. Während Christopher Clark, dessen Darststellung mehr als doppelt so viele Seiten umfasst, immer wieder weit zurückgreift und unzählige Vorgeschichten einbringt, gelingt es McMeekin besser, die Balance aus analytischer Tiefe und mitreißender Textgestaltung zu finden. Dabei verzichtet er keineswegs auf notwendige Erklärungen von historischen Zusammenhängen und auf biografische Skizzen der handelnden Persönlichkeiten. Wie sehr McMeekin um die Bedeutung der Männer weiß, über die er schreibt, zeigt sich an dem umfassenden Personenregister, mit der das Buch eröffnet. Das ist hilfreich, denn einem guten Krimi steht es schlecht zu Gesicht, wenn die Leser den Überblick verlieren - und das kann schon mal vorkommen in den komplexen Verwicklungen, durch die sich die Julikrise auszeichnet. McMeekins Personenregister beugt dem erfolgreich vor. Wünschenswert wäre allerdings auch eine entsprechende Chronik der Ereignisse gewesen, die er leider nicht mitliefert. Dafür sind die meisten 25 Kapitel an einzelnen Tagesgeschehnissen ausgerichtet, was zumindest eine gewisse zeitliche Orientierung erlaubt. Und die Schuldfrage? Auch McMeekin kommt nicht umhin, dass seine Darstellung der Julikrise Antworten auf diese Frage erahnen lässt. In diesem Punkt profitiert er von Christopher Clark. Der hatte Deutschland zumindest indirekt von der Hauptschuld freigesprochen und die Verantwortung gleichmäßiger auf die Diplomaten und Politiker aus Österreich-Ungarn, Deutschland,  Russland, Frankreich und England gelegt. McMeekin kommt zu ähnlichen Ergebnissen, nimmt dabei aber vor allem die Russen und Franzosen in den Blick. Er  interpretiert die frühe russische Mobilmachung (mit franzözischer Rückendeckung) als klare Entscheidung zum europäischen Krieg. Ganz abgesehen zeigt sich auch in McMeekins Deutung der Schuldfrage die besondere Verantwortung der Menschen:

Alle diese welterschütternden Ereignisse waren von Menschen verschuldet. Deshalb unterliegen sie völlig zu Recht der Beurteilung durch menschliche Maßstäbe.

Fazit: Sean McMeekins Darstellung der Julikrise von 1914 überzeugt. Im Vergleich mit den den bislang vorgelegten Werken (u. a. von Christopher Clark und Gerd Krumeich) besticht sie durch eine ausgewogene Balance von analytischer Tiefe und spannendem Erzählstil. Ohne langatmige Exkurse bleibt McMeekin bei der Sache und schreibt einen historisch fundierten Krimi über das diplomatische Drama, an dessen Ende der Weltkrieg steht.

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Ludwig II.: Die Akte des Märchenkönigs

Oliver Hilmes über Ludwig II.

Lizenz: gemeinfrei
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Oliver Hilmes und der Märchenkönig - das passt. Der Shootingstar unter den deutschen Biografen hat ein Faible für schillernde Gestalten der Romatik. Seine wissenschaftlichen und biografischen Meriten hat Hilmes an der Schnittstelle von Musik und Politik erworben - bislang allerdings mit musischem Schwerpunkt: Über Franz Liszt hat er geschrieben, über dessen Tochter Cosima, die Richard Wagner geheiratet hat, schließlich über deren gemeinsame Kinder. Mit dem Wagner-Clan und seiner Zeit kennt sich Hilmes aus. Umso verheißungsvoller ist der Untertitel seiner neuen - eher politischen - Biografie über Wagners Finanzier und Förderer Luwig II.: "Der unzeitgemäße König". Vor 150 Jahren wurde er gekrönt.

Es existieren gewissermaßen zwei Ludwigs, so Hilmes, die Kunstfigur und die historische Persönlichkeit. Von Anfang macht der Biograf klar, was der Leser auf den 446 Seiten zu erwarten hat - und was nicht: Auch wenn das kunstfertige Cover Anderes vermuten lässt, geht es Hilmes um die historische Figur des bayrischen Königs. Er will mit wissenschaftlichem Anspruch und anhand harter Fakten neue Erkenntnisse zu Tage zu fördern und sich daran messen lassen. Hilmes legimiert seine Ludwig-Biografie mit vielfachen (und mitunter zu offensiv vorgetragenen) Hinweisen auf die von ihm neu erschlossenen Quellen. Als erster Ludwig-Biograf hat Hilmes eine stattliche Zahl von Briefen und Tagebüchern aus dem königlichen Umfeld eingesehen und ausgewertet - vor allem im lange verschlossenen Geheimen Hausarchiv der Wittelsbacher Dynastie.

Oliver Hilmes

Ludwig II.

Der unzeitgemäße König

Erschienen bei Siedler im Oktober 2013. 448 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,99 € und als E-Book 19,99 €.


Oliver Hilmes, © Maximilian Lautenschläger
Oliver Hilmes, © Maximilian Lautenschläger

Je länger Ludwigs (chronologisch geschilderte) Lebensgeschichte dauert, desto erhellender werden die aus den Akten geborgenen Gedanken und Worte von und über den Kini (König). Hilmes hat in gewisser Weise einen Kini-Krimi geschrieben, in dem er als Archiv-Detektiv dem König und den Intrigen seines Hofes nachspürt. Das gelingt ihm über weite Strecken fesselnd. Vor allem die Überlieferungen von Bismarcks Mann in München, Georg von Werthern, erweisen sich als wertvolle Quelle.

Gestützt auf diese und ähnliche Dokumente durchleuchtet Hilmes gekonnt Ludwigs politische Leistungen und Niederlagen im Zeitalter der deutschen Nationalstaatsgründung. Ein kleiner Wermutstropfen: Wie Wethern in seinen Depeschen und Tagebucheinträgen berichtet Hilmes eher über die Akte Ludwig, als dass er den König zwischen Buchdeckeln wieder zum Leben erweckt. Mitunter beschränkt er sich darauf, zwischen neu entdeckten Zitaten zu moderieren, anstatt Ludwigs Lebensgeschichte zu erzählen. Allerdings erlaubt dieser analytische Zugang auch spannende Einblicke: So erfährt der Leser, wie sich Wagner und Ludwig umschwärmen, weil sie einander brauchen. In der Alltagswelt ist der Komponist auf seinen Mäzen angewiesen - in dessen Traumwelten ist es umgekehrt: Dort regiert Ludwig nicht das Bayern an der Schwelle des 20. Jahrhunderts; er herrscht stattdessen über die verklärten alten Reiche, die der verehrte Meister in seinen opulenten Opern heraufbeschwört. "Es giebt einen einzigen Weg zur Erregung seiner sympatischen Seelenkräfte zu gelangen, lässt Hilmes Wagner sagen, und diess bin ich, meine Werke, meine Kunst, in denen er die eigentliche wirkliche Welt ersieht, während alles Uebrige ihm wesenloser Unsinn dünkt." 

Wagners  Musik konnte bei ihm eine Euphorie bis hin zur Verzückung hervorrufen, aber offensichtlich ließ diese Wirkung auch schnell wieder nach. Dieser Mechanismus fand eine Entsprechung in der Korrespondenz der beiden Männer. Ludwig vermochte es, einen regelrechten Rausch zu Papier zu bringen [...], schwand das Delirium aber, beurteilte er die Dinge rational, gewissermaßen nüchtern. (S. 75)

Das Problem: Immer mehr fließen für Ludwig (und von ihm unbemerkt) die bürokratische Alltagswelt und die pompösen Traumwelten ineinander. Der König kann sich besser mit Wagners Bühnengestalten (wie dem mittelalterlichen Schwanenritter Lohengrin) identifizieren, als mit der zeitgemäßen Rolle eines volksnahen und parlamentarischen Monarchen. Ludwig verfällt körperlich, psychisch und sittlich auf eine tragische Weise, die ihn von seinem Umfeld entfremdet und die Hilmes akribisch aufschlüsselt. Nüchtern dokumentiert er, wie Ludwig sich selbst in einer Kunstwelt abschottet, dabei jedes Augenmaß für äußere Realitäten verliert, schließlich abgesetzt wird und kurz darauf auf myteriöse Weise im Starnberger See ertrinkt (Hilmes schließt Mord aus): Dabei seziert er die Überschuldung für den Bau von Luftschlössern (S. 289ff.), die entwürdigend-grobe Behandlung von Bediensteten, Ludwigs Gewichtszunahme und seine Angst vor der Schizophrenie, an der sein Bruder Otto zugrunde geht. Um Ludwigs eigene Krankheiten zu deuten (vor allem die des Geistes),  zieht Hilmes wie ein Ermittler ausgewiesene Experten zurate: 

Der Münchner Psychatrieprofessor Hans Förstl [...] glaubt, bei Ludwig eine sogenannte schizotype Störung nachweisen zu können. [...] Die schizotype Persönlichkeit ist oft misstrauisch und neigt zum Grübeln, zeigt sich dann aber wieder flammend begeistert. Ihr Auftreten ist nicht selten unkonventionell und exzentrisch. Das alles trifft [...] auf Ludwig II. zu. (S. 38)

Um sein Ziel zu erreichen, der Person Ludwig näherzukommen, dringt Hilmes allerdings auch tief in in die Intimsphäre des Königs ein. Dabei drängt sich ein NSA-Vergleich auf: Nicht alles was möglich ist, ist auch nötig, um sachdienliche Aufklärung zu betreiben. Zwar ist relevant, dass Ludwig homosexuell war und Beziehungen zu Reitknechten unterhalten hat - aber manches hätte ruhig unter der Bettdecke bleiben können. Denn selbst lückenlose Kenntnis privater Praktiken muss nicht zwingend zur Person führen. Im Fall des Märchenkönigs ist die Unterscheidung von historischer Persönlichkeit und Kunstfigur möglicherweise sogar irreführend: Denn die historische Persönlichkeit Ludwig II. hat sich selbst zu einer Kunstfigur gemacht. Diese Kunstfigur macht einen bedeutenden Teil der Person Ludwigs aus, sie lässt sich aber nur unzureichend mit dem rein wissenschaftlichen Handswerkszeug fassen.

Foto: b k, Lizenz: CC-BY-SA-2.0
Foto: b k, Lizenz: CC-BY-SA-2.0

Fazit: Oliver Hilmes legt eine souveräne Biografie über Ludwig II. vor, die spannende Einblicke in die höfischen Intrigen, die diplomatischen Gepflogenheiten und Winkelzüge zur Zeit der Reichsgründung gewährt. Dieses Buch ist ein Fest für Hobbyhistoriker und solche, die es werden wollen, denn auf interessierte Laien nimmt Hilmes gekonnt Rücksicht. Ein Ziel, das er eingangs in einem Nebensatz formuliert – der Person Ludwigs näherzukommen – hat er aufgrund zweifelhafter Grundannahmen aber nicht ganz erreicht. Denn die Person des Märchenkönigs ist von seinem Mythos nicht zu trennen – auch nicht von einem ausgezeichneten Historiker, der es glänzend versteht, sein Sujet für ein breiteres Publikum zu öffnen. Oliver Hilmes hat kurzweilig durch die Akte Ludwig moderiert. Was Ludwig auch ausmacht: den Zauber des ewig geheimnisvollen Lebens als Kunstwerk hat er weniger abgebildet – allerdings hat er das auch nicht gewollt...

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Wilhelm I.: Der alte Kaiser Wilhelm

Anton von Werner: Die Kaiserproklamation, Lizenz: gemeinfrei
Anton von Werner: Die Kaiserproklamation, Lizenz: gemeinfrei

Am Anfang war das große Säbelrasseln: Am 18. Januar 1871 rufen die deutschen Fürsten im Spiegelsaal von Versailles den preußischen König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser aus. Der Erwählte sträubt sich bis zuletzt. Für ihn war, ist und bleibt Preußen das Maß aller Dinge. Nur widerwillig  fügt er sich in die Nationalstaatspläne seines Eisernen Kanzlers: Otto von Bismarck hatte sich das Deutsche Reich in drei Kriegen (gegen Dänemark, Österreich und Frankreich) und mit diplomatischem Geschick auf den Leib geschmiedet. Doch jeder Leib ist vergänglich. Seinen (weniger fähigen) Nachfolgern hat Bismarck einen Staat hinterlassen, der viel auf sein Militär hält. Dieses Klima begünstigt die Kriegsbegeisterung, in der wenige Jahrzehnte später ganz Europa seiner Katastrophe entgegenmarschiert.

Lizenz: Gemeinfrei
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Wilhelms Lebensgeschichte lässt das lange nicht erwarten. Sie beginnt 1797 gewissermaßen auf der Flucht vor Napoleon, der sich anschickt, Europa zu überrennen. Die Hohenzollern ducken sich im östlichsten Zipfel ihres Königsreichs weg. Auch als die Franzosen mit vereinten europäischen Kräften bezwungen sind und Preußen wieder von Berlin aus regiert wird, bleibt Wilhelm unscheinbar. Er ist als jüngerer Bruder nur die Nummer Zwei der Thronfolge. Sehr zur Freude seines Vaters begeistert sich schon der kleine Wilhelm für die preußischen Soldaten. Als Neunjähriger tritt er in die Armee ein, zum zehnten Geburtstag schenkt man ihm die Beförderung zum Leutnant. "Wilhelm findet vollen Genuss an den militärischen Übungen", berichtet sein Ausbilder. Die Schulbank drückt er indes nur ungern.

Noch einmal muss Wilhelm fliehen - diesmal nicht vor Napoleon, sondern vor der Revolution von 1848. Sein Bruder Friedrich Wilhelm IV. kann die Macht der Monarchie nur retten, weil die Revolutionäre lieber untereinander streiten, als mit der Krone. Seinen eigenen Kopf verliert er allerdings - wenn auch nicht unter der Guillotine: Friedrich Wilhelm IV. fällt geistiger Umnachtung zum Opfer. 1861 übernimmt Wilhelm die Regierungsgeschäfte. Das heißt: Die politischen Zügel überlässt er Bismarck, den Oberbefehl und den monarchischen Glanz übt er aber selbst aus. Denn obwohl Wilhelm die romantischen Märchenkönig-Verzückungen seines Bruders verachtet, legt er großen Wert auf das Zeremoniell der gottgewollten Inthronisierung: Wie alle Hohenzollernkönige vor ihm besteigt er den preußischen Thron in Königsberg, wo er sich selbst unter dem einfallendem Sonnenlicht von Gottes Gnaden krönt:

Anton von Werner. Lizenz: gemeinfrei
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Der mittelalterlich-majestätische Prunk ist nur die halbe Wahrheit. Während der Regentschaft Wilhelms I. reifen Preußen und Deutschland zu modernen (wenn auch nicht demokratischen) Monarchien: Die Wirtschaft brummt, die Wissenschaft ist weltweit geachtet, Sozialgesetzgebung und alltagspraktische Erfindungen steigern die Lebensqualität. Die Deutschen genießen die Friedensjahre den guten Ruf in der Welt. Fast überall, wo er sich zeigt, jubelt man dem guten alten Kaiser Wilhelm mit dem großväterlichen Backenbart zu. Der bleibt bis ins hohe alter ein preußischer Soldat: Seine Wilhelms Liebe zur schlichten, aber ordenbehangenen Uniform verrät viel über seine Tugenden: Wilhelm ist gottesfürchtig und würdevoll, selbstbeherrscht und diszipliniert, genügsam und frei von Skandalen. Auch auf dem internationalen Parkett schätzt man die berechenbaren und verantwortungsbewussten Preußen als ehrliche Makler. Wie schnell aber Macht in Machtmissbrauch umschlagen kann, zeigt sich kurz nach Wilhelms Tod 1888. Sein ebenfalls todkranker Sohn Friedrich III. lebt nur noch 99 Tage, dann folgen er und das alte Preußen Wilhelm ins Grab. Mit der Kaiserkrönung des jungen Enkels Wilhelm II. nimmt eine unheilvolle Regentschaft ihren Lauf: Wilhelm II. begnügt sich nicht mit Hurra- und Hoch-Rufen, nicht  mit Orden und Paraden. Er will nicht mehr nur Preußens Glanz und Gloria, er will Deutschlands Weltmacht. Dieser unseelige Größenwahn hat mit Wilhelms I. Preußen nicht mehr viel gemein. Aber das staatliche Selbstbewusstwerden im Zeichen militärischer Siege (wie über Frankreich) hat ihm doch in gewisser Weise den Boden bereitet...

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Erich Ludendorff: Der verantwortungslose General

Bundesarchiv, Bild 183-R41126 / CC-BY-SA
Bundesarchiv, Bild 183-R41126 / CC-BY-SA

Er putschte mit Hitler gegen die Demokratie: General Erich Ludendorff. Am 9. November 1923, fünf Jahre nachdem Philipp Scheidemann die (Weimarer) Republik ausgerufen hat und heute vor 90 Jahren, will Adolf Hitler die Regierung stürzen. Ludendorff, der gefeierte Feldherr des Ersten Weltkrieges, soll von München aus einen Marsch auf Berlin anführen, dessen Ziel die Machtergreifung ist. Dass sich der ehemalige Erste Generalquartiermeister mit dem einstigen Gefreiten Hitler einlassen würde, hat er selbst lange nicht geglaubt. Aber Ludendorffs Lebensgeschichte ist ein Sinnbild für Glanz und Niedergang des alten Preußens.


Stratege im Ersten Weltkrieg

Geboren ist er 1865 in der Provinz Posen. Ludendorff schlägt eine militärische Karriere ein und bringt es bis zum Generalstabsoffizier. Strategie ist seine Stärke und das erkennt auch die Heeresleitung. Ludendorff arbeitet am Schlieffen-Plan mit und auf eine Blitz-Offensive an der Westfront hin. Insbesondere die Eroberung von Lüttich trägt seine Handschrift. Als es allerdings im Osten nicht gut bestellt ist, schickt der Oberste Kriegsherr, Kaiser Wilhelm II., den alten Haudegen General Paul von Hindenburg an die Front. Hindenburg strahlt eine unerschütterliche Ruhe und Zuversicht aus.  Was ihm an strategischer Raffinesse fehlt, soll Ludendorff ersetzen. Der versteht es glänzend, Hindenburg ins Rampenlicht zu schieben, während er selbst die Strippen zieht. Die taktisch meisterhaft geführten Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen (1914) lassen Hindenburg zum Volkshelden werden. Der "eigentliche Könner" (Golo Mann) aber war Ludendorff. Das bleibt er auch, als der Kaiser Hindenburg die Oberste Heeresleitung anvertraut. Wieder repräsentiert der würdevolle Generalfeldmarschall von Hindenburg, wieder brilliert Ludendorff als kühler Berechner am Kartentisch und in der Kriegskunst: Er beendet das Gemetzel vor Verdun, weil er sieht, dass diese Materialschlacht nicht zu gewinnen ist. Er zieht sich die taktische Defensive zurück und stabilisiert damit nicht nur die Front, sondern auch die Kampfmoral, weil endlich wieder Auszeiten vom Schützengraben möglich werden. Er motiviert auch die heimische Kriegsindustrie und kann damit Artellerie und Luftwaffe deutlich ausbauen. Hier blitzen noch einmal preußische Tugenden auf: Diszipliniertes und selbstloses Arbeiten (Ludendorff brütet unermüdlich über Heeresberichten und Plänen), straffe Organisation (die Restrukturierung der Kriegsführung wird binnen kurzer Zeit ins Werk gesetzt) und Effizienz (die deutsche Armee ist sowohl was die Zahl ihrer Soldaten als auch was ihre Materialausstattung betrifft im Hintertreffen). Alles in allem gibt Ludendorff den Deutschen die bereits verlorene Hoffnung auf einen erfolgreiches Ende des Waffengangs zurück. Das könnte auch in Friedensverhandlungen mit den kriegsmüden Alliierten bestehen. Aber Ludendorff - das verbindet ihn mit Hitler - will Alles oder Nichts, Triumpf oder Untergang. Mit der ganz und gar unpreußischen Entscheidung für den unbeschränkten U-Boot überreizt er sein Blatt. Spätestens mit dem Eingreifen der Amerikaner ist ein deutscher Kriegstriumpf nicht mehr denkbar. Als Ludendorff das erkennt, überlässt er die Verantwortung feige den Sozialdemokraten. Als die damit beginnen, die Scherben des in Trümmern geschlagenen Kaiserreichs aufzukehren, zerbricht er mutwillig das übrig gebliebene Porzellan und schiebt der Politik die Schuld für die Niederlage in die Schuhe, um die junge Demokratie zu schwächen. Die Sozialdemokraten hätten die braven deutschen Soldaten von hinten erdolcht, ätzen Ludendorff und auch Hindenburg - und versuchen mit der "Dolchstoßlegende" von ihrer eigenen Verantwortung abzulenken.

Zur Dolchstoßlegende habe ich übrigens vor einiger Zeit eine unverhoffte Entdeckung gemacht - und zwar ausgerechnet im hintersten Winkel meines Schreibtischs. Der leistet zwar schon lange den Uhls treue Dienste, aber erst seit kurzem in der der Eulenbibliothek. In der linken Schublade lag also das Heftchen "Fort mit der Dolchstoßlegende" aus dem Jahr 1922, verfasst vom damaligen Innenminister Adolf Köster (SPD):  Der schreibt: "Nach der Ludendorff-Legende hat die politische Leitung Deutschlands [...] vollkommen versagt."  Dann wehrt er sich für die die junge Demokratie: "Ich bin fest überzeugt, dass die Fehler, die die militärisch-politische Leitung des deutschen Volkes während des Krieges gemacht hat, alles das in den Schatten stellen..."

Hitlers Helfer

Hitler Ludendorff Putsch
Bundesarchiv, Bild 102-16742 / CC-BY-SA

Ludendorffs feiges und hinterlistiges Kalkül hat dem dem Preußen von einst nichts mehr gemein. Es passt ins Bild, dass Ludendorff sich von Hitlers Plänen benutzen lässt. Wie er selbst lässt Hitler keine Gelegenheit aus, um die "Novemberverbrecher" vom Herbst 1918 anzugreifen (gemeint sind die beherzten Republikgründer). Ludendorff wittert die Chance, noch einmal die Geschicke Deutschlands zu lenken. Er willigt ein und führt Hitlers Putschisten an. Weit kommen sie nicht. An der Feldherrenhalle (immer noch in München) ist der Staatsstreich beendet (vom Sperrfeuer der bayrischen Polizei). Während Hitler zu Festungshaft verurteilt wird, sprechen die Richter Ludendorff frei - wegen seiner Verdienste im Ersten Weltkrieg. Die Deutschen sehen das ein bißchen anders: Als Ludendorff 1925 Reichspräsident werden will, da bekommt er nur ein Prozent der Stimmen, Wie wenig zu diesem Zeitpunkt auch vom umsichtigen Feldherrn noch übrig ist, beweisen seine kruden Verschwörungstheorien. Ludendorff verdächtigt die Jesuiten, Freimaurer und Juden, sich gegen Deutschland verbündet zu haben und stilisiert sich als Opfer dieser Ränkeschmiede. Einen einzigen klaren Moment soll er noch gehabt haben, ehe er 1937 starb: "Ich prophezeihe Ihnen feierlich" soll Ludendorff seinen alten Kameraden Hindenburg gewarnt haben, ehe der Hitler zum Reichskanzler ernannte, "ich prophezeie Ihnen feierlich, dass dieser unselige Mann unsere Nation in unfaßbares Elend bringen wird." 

Fundstück aus der Eulenbibliothek: "Fort mit der Dolchstoßlegende!"

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Wilhelm II.: Der selbstverliebte Kaiser

Kaiser Wilhelm Biographie im Biografien-Blog
Wilhelm II. am Totenbett seines Großvaters Wilhelm I. (Bild: Anton von Werner, Lizenz: Gemeinfrei)

Er war der letzte Deutsche Kaiser - und er den Deutschen nicht gut getan: Wilhelm II. (1857-1942). Düstere Vorahnung umfängt das Bild vom Totenbett des alten Kaisers Wilhelm. Der uralte Monarch war im Volk beliebt wie ein gütiger Großvater bei seinen Enkeln. Wilhelm I. war ein echter Preuße gewesen: Soldat durch und durch, aber bei allem königlichen Standesdünkel von bescheidener, zurücknehmender, ruhiger Natur. Er hatte seinen Kanzler Otto von Bismarck machen lassen und der hatte in drei Einigungskriegen (mit den Dänen, Österreichern und Franzosen) und geschickten Verhandlungen (mit den Bayern, Badenern und Württembergern) das Deutsche Reich geschmiedet. Am Sterbebett seines nominell obersten Dienstherren steht Bismarck schon im Abseits (zweiter von links). Er ahnt das Unheil. Wilhelms legitimer Nachfolger Friedrich III. (Mitte im Vordergrund) ist selbst bereits sterbenskrank - Kehlkopfkrebs. Er wird nur 99 Tage Kaiser sein, dann läuft es wohl oder übel - eher übel - auf den jungen Wilhelm II. hinaus, der sich über seinen sterbenden Großvater beugt, während der Arzt (rechts) auf die Uhr sieht, die gegen das alte Preußen läuft. Denn der Neue hält wenig von Bismarck und noch weniger von gottesfürchtiger Demut. Er verklärt die soldatisch-preußischen Ideale seines Großvaters in einer rückwärts gerichteten nationalen Romantik. Das Ergebnis ist

Wilhelm II. Biographie im Biografien-Blog
Bild: Max Koner, Lizenz: Gemeinfrei

ein realitätsfremder, uneinsichtiger Größenwahn, von dem ein Brief an seine Mutter Kaiserin Friedrich (vormals: Victoria von Großbritannien) Zeugnis gibt: „Für immer & ewig gibt es nur einen wirklichen Kaiser in der Welt & das ist der Deutsche, ohne Ansehen seiner Person & seiner Eigenschaften, einzig durch das Recht einer tausendjährigen Tradition […].“ Einzig Gott fühlt er sich verantwortlich, keineswegs will er sich von Menschen in die Parade fahren lasse. Bismarck muss als Erster daran glauben - er wird 1890 als Kanzler entlassen und zieht sich grollend aufs Altenteil zurück. Mit einer ganzen Reihe von Personalentscheidungen umgibt sich Wilhelm II. mit willfährigen Vollstreckern, die ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen. Auch formelle Beschränkungen seiner Macht, etwa durch die Verfassung lässt Wilhelm nicht gelten: „Ich kenne keine Verfassung, ich kenne nur das, was Ich will.“

Anders denkende Regenten werden verhöhnt, Parlamentarier erniedrigt: Wilhelm bezeichnet sie als „Hundskerle, die man mit der Peitsche traktieren muss, elendes Pack, Lumpenkerle, Sauhunde“, den Reichstag als „Reichsaffenhaus“. Selbst die eigene Regierung wird von Wilhelm II. gemaßregelt. „Der Kanzler muss gehorchen“, schrieb er seiner Mutter nach Bismarcks Tod und in seiner Autobiographie heißt es: „Ich persönlich habe die Genugtuung, dass Bismarck […] von mir gesagt hat: ‚Der wird einmal sein eigener Kanzler sein.’“ Aber ach: War auch die Politshow des Kaisers Metier, die Weltpolitik war es nicht. Die klugen Bündnissysteme Bismarcks hat er weder verstanden noch erhalten. Er war nur ein Säbelrasseler, der die Chinesen beleidigt, die Engländer brüskiert und die politischen Gegner im eigenen Land beschimpft und bedroht. Aber er rasselt eben nur - und als der Krieg dann kommt, da rasselt er noch einmal besonders laut ("Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!") und überlässt dann seinen Generälen um Paul von Hindenburg das Feld.

Der Kaiser dankt ab im Biografien-Blog
Die Flucht ins Exil (Bundesarchiv, Bild 183-R12318 / CC-BY-SA)

So laut er dreißig Jahre gebellt hatte, so heimlich, still und leise tritt er ab: von der Bahnsteigkante ins Exil nach Holland. Zurück bleiben die in ihren Weltmachtsfantasien enttäuschten Deutschen. Es wird nicht lange dauern, bis sie dem Nächsten nachlaufen der verspricht, sie zu bedienen. Mit seiner unverantwortlichen Regierung hat auch Wilhelm seinen Teil dazugetan, Hitler den Boden zu bereiten. Heute vor 125 Jahren, am 15. Juni 1888, wurde Wilhelm II. zum Deutschen Kaiser von Gottes Gnaden gekrönt.


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Clara Zetkin: Die Arbeitnehmer-Anwältin

Clara Zetkin Biographie im Biografien-Blog
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Sie lieh der Arbeiterschaft ihre Stimme: Clara Zetkin (1857-1933): "Ich will nicht leben um zu arbeiten", ruft die Sozialdemokratin am 1. Mai 1913 bei einer Kundgebung in Karlsruhe, "ich will arbeiten, um zu leben, um menschenwürdig zu leben, um kulturwürdig zu leben." Die gelernte Lehrerin Clara Zetkin setzt sich vor allem vor die Rechte der Frauen ein. Unermüdlich kämpft sie für den Mutter- und Arbeitsschutz der Fabrikarbeiterinnern, von denen es seit der Industrialisierung immer mehr gibt. In der selbst gegründeten und geleiteten Zeitschrift "Die Gleichheit" macht sie immer wieder auf die schwierige Situation der Frauen aufmerksam. Außerhalb Deutschlands macht sich Zetkin ebenso für ihre Überzeugungen stark und wird zur Vorsitzenden des Internationalen Frauensekretariats gewählt. Auch in ihrer Mairede heute vor 100 Jahren lässt sie ihr Herzensanliegen nicht unerwähnt:  "Solange der Sonnabend-Nachmittag nicht frei und der Arbeiterin für ihre häuslichen Verrichtungen, für ihre mütterlichen Aufgaben zurückgegeben ist, solange ist der Sonntag für unsere Hunderttausende von Arbeiterinnen, von verheirateten Arbeiterinnen, kein Sonnentag, kein Freudentag, kein Tag der Sammlung, kein Tag der Erquickung. Er ist der große Scheuer-, Wasch- und Flicktag in der ganzen Welt."

Clara Zetkin (li.) und Rosa Luxemburg (Lizenz: gemeinfrei)
Clara Zetkin (li.) und Rosa Luxemburg (Lizenz: gemeinfrei)

So richtig Clara Zetkins Analyse der Arbeitslage sein mag, so falsch sind die Konsequenzen, die sie daraus zieht: "Unsere Maigedanken sind eine Kriegserklärung der Todfeindschaft, die wir der bürgerlichen Gesellschaft als Ganzes in das Antlitz schleudern." Ihre markigen Worte und Gedanken sind radikaler als es die Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkrieges ist. Weder will sie den bisherigen Staat, noch dessen Krieg mittragen und so kehrt sie der SPD den Rücken: erst als Mitbegründerin des Spartakusbundes, dann als treibende Kraft der Abspaltung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei" (USPD). Schließlich erliegt sie den Verlockungen der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), für die sie in den Reichstag der Weimarer Republik einzieht. 1932 eröffnet die mittlerweile 75-Jährige als Alterspräsidentin das Parlament "in der Hoffnung trotz meiner jetzigen Invalidität das Glück zu erleben, als Alterspräsidentin den ersten Rätekongreß Sowjetdeutschlands zu eröffnen.“ Mit solchen Worten versetzt Zetkin der Weimarer Republik, die sie eigentlich vertreten soll, bittere Schläge. Dabei taumelt die deutsche Demokratie ohnehin schon der nationalsozialistischen Machtergreifung entgegen. Damit trägt die einstige sozialdemokratische Vorzeigefrau Clara Zetkin Mitverantwortung für den Untergang der Republik, für die die Sozialdemokraten bis zuletzt gekämpft haben. Kurz nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler muss Zetkin ins Moskauer Exil fliehen, wo sie wenig später stirbt. 

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Friedrich III.: Der 99-Tage-Kaiser

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Friedrich III.

Er war die Hoffnung der deutsch-englischen Beziehungen: Der deutsche Kronprinz Friedrich Wilhelm. Der Sohn des Deutschen Kaisers Wilhelm I. zeigte nicht die verhängnisvollen Allüren seiner Verwandtschaft. Er war nicht romatisch verklärt wie sein Onkel  Friedrich Wilhelm IV., der die Wahl zum Kaiser der Deutschen ausgeschlagen hatte, weil er eine Krone nur von Gottes Ganden akzeptierte. Er war nicht militaristisch wie sein Vater, dem Orden und Säbelgerassel. mehr imponierten als diplomatische Größe à la Bismarck. Er war auch nicht größenwahnsinnig wie sein Sohn, Wilhelm II., der der Welt den deutschen Stempel aufdrücken wollte. Nein, Friedrich Wilhelm war ein nobler Gentlemen, verheiratet mit der englischen Prinzessin Victoria und er war liberalen Ideen englischer Prägung eng verbunden. Als er als Friedrich III. zum Kaiser gekrönt wurde blieben ihm 99 Tage, ehe ihn der Kehlkopfkrebs dahinraffte. Zuwenig, um entscheidende Weichen in den deutsch-englischen Beziehungen  zu stellen. Heute wäre Friedrich III. 180 Jahre alt geworden - sein Geburtstag war der 18. Oktober 1831.


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