Richard Nixon: Der Lügner im Weißen Haus

Richard Nixon hat das Weiße Haus beschmutzt. Eine Biografie zeigt, was passiert, wenn Männer wie er US-Präsident werden.

Victoria Ocampo
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"Alles, was er gerade gesagt hat, ist falsch." Hillary Clinton hat im zweiten Fernsehduell keinen Hehl daraus gemacht, dass Sie Donald Trump für einen schamlosen Lügner hält.  Trotz aller Skandale hat der Polit-Prolet Trump immer noch gewisse Chancen, US-Präsident zu werden. Schon einmal hat ein skrupelloser Republikaner das Weiße Haus erobert: Richard Nixon. Die neue Biografie von Tom Weiner ist eine ernst zu nehmende Warnung: "Ein Mann gegen die Welt" führt vor Augen, was passieren kann, wenn Männer wie Nixon - oder Trump - die Macht in Händen halten.

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Richard Nixon war ein "großer böser Mann". So sieht das sein Biograf Tim Weiner. Politik sei für Nixon ein Krieg gewesen, "in dem alle Mittel erlaubt waren." Das sind - wie schon der Buchtitel - markige Worte, die in politischen Biografien nicht gerade üblich sind. Wo sonst zurückhaltend abgewogen und oftmals nur im Schutz des Konjunktivs geurteilt wird, spricht Weiner schon auf den ersten Seiten Klartext. Einfache, verständliche Sätze, unmissverständliche Botschaften: rachelustig, gewalttätig, ein notorischer Lügner "aus Instinkt" sei Nixon gewesen. Mit einem solchen Auftakt in ein 400-Seiten-Buch beweist auch der Biograf Instinkt. 

Klick auf's Bild: Nixons Lebensgeschichte im Biografien-Blog...
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Er findet eine zeitgemäße, rasante, ständig skandalumwitterte Sprache, die sogar mit populistischen Verkürzungen spielt. Auch sein Thema - eigentlich historisch-biografisch - zieht er geschickt in die Gegenwart: Richard Nixon selbst mag Geschichte sein, die ruchlosen Mechanismen seiner Amtsführung und deren gekonnte Erklärung sind dagegen hochaktuell. Erstmals ausgewertete Tonbänder aus dem Weißen Haus dokumentieren Nixons Wutausbrüche und sein gefährliches unterkomplexes Weltbild. Man will sich lieber nicht vorstellen, wie Nixon einen Twitter-Account genutzt hätte.

Victoria Ocampo im Biografien-Blog
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Über den Richter, der im Watergate-Skandal Recht spricht, stößt Nixon gotteslästerliche Flüche aus. Dazu kommt ein latenter Rassismus. "Das sind Wilde", soll er über die Inder gesagt haben - und die Pakistanis illegal mit Waffen versorgt haben. Tim Weiners Nixon-Biografie liest sich durchgängig weniger wie eine politische Analyse als wie ein Gangsterthriller. Sie ist trotzdem beides. Das liegt daran, dass Weiner der Präsidentschaft Nixons nicht als staubtrockener Aktenfresser auf den Grund spürt, sondern als verwegener Abenteurer und neugieriger Entdecker. Tim Weimer ist fasziniert von Nixon. Das gibt er unverwunden zu. Und deshalb atmet das Buch eine Leidenschaft, die auf die Leserinnen und Leser überspringt. Weiner ist aber auch ein ausgewiesener Fachmann für Geheimdienste. Beides zusammen bildet das Fundament dieser herausragenden Biografie. Weiner  hat sich tief hineingearbeitet in Nixons misstrauische Psyche, die im Abhören und in verdeckten Lauschangriffen eine "ultimative Waffe" ausgemacht hat. Der Biograf nimmt keine Rücksicht auf politische Korrektheiten. Dass dabei immer wieder Äußerungen Nixons zitiert werden, die man auch Donald Trump zutraut, verleiht Weiners Analyse eine brisante Aktualität.

Tim Weiner hat eine moderne politische Biografie geschrieben - und ein fesselndes Lehrstück über die Mechanismen des Machtmissbrauchs. Zugleich ist dieses Buch eine ideale (weil tiefgründige)  Ergänzung zur meist oberflächlichen breaking news- Berichterstattung über die Schlammschlacht ums Weiße Haus.

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Victoria Ocampo: Literatur als Lebensentwurf

Victoria Ocampo liebt die Literatur und das Leben. Eine moderierte Autobiografie zeigt, wie gut das vereinbar ist.

Victoria Ocampo
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Das Buch ist ein Versuch: Ein Mischung aus Biografie und Autobiografie von und über Victoria Ocampo. Dieses ungewöhnliche Genre der moderierten Autobiografie wird der Literatur-Latina (Ocampo stammt aus Argentinien) voll gerecht. Erstes ist nichts an dieser Kulturmoderatorin gewöhnlich und zweitens schreibt die Dame von Welt zwar gut, aber zu viel: Bei gleich sechs Bänden Autobiografie könnte man Vicoria Ocampo überdrüssig werden - und das wäre schade.

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Victoria Ocampo (1890-1979) hat viel zu erzählen über ihr Leben für die Literatur: Sie ist in Argentinien aufgewachsen, wo ihre Eltern als Großgrundbesitzer das nötige Kleingeld haben, um sie bestens ausbilden zu lassen. Hauslehrerinnen wecken in ihr die Liebe zum Lesen. Veredelt wird ihr Literaturstudium in Paris und London. Aber gegen alle Erwartungen ist dieses kulturelle Rüstzeug nicht nur eine Mitgift für eine Hochzeit in einflussreiche Kreise. Ocampo heiratet zwar, aber die Ehe ist nichts für die Ewigkeit - anders als die geliebten Bücher:  Victoria Ocampo liest sich sozusagen heraus aus gesellschaftlichen Zwängen und dreht ihr eigenes Ding. Sie schreibt, gibt eine Zeitschrift heraus, netzwerkt mit den Größen der südamerikanischen und internationalen Literaturbranche, darunter José Ortega y Gasset und Virginia Woolf. Ocampo ist geschätze Gastgeberin und Beraterin. Sie vermittelt talentierte Schriftsteller nach Europa und ist eine der ersten Literaturagentinnen und Kulturvermittlerinnen. 

Victoria Ocampo im Biografien-Blog
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Zugegeben: Ich kannte Victoria Ocampo nicht, ehe sie mir aus dem Biografien-Regal entgegengepurzelt kam. Über ihren Einfluss kann man nur staunen. Sie ist wirkungsvoll und geheimnisvoll zugleich. In den sozialen Netzwerke wäre sie wohl ein Superstar gewesen: Eine Frau, die überall präsent ist und weiß, wie man sich in Szene, ohne allzuviel Persönliches von sich preiszugeben. Etwas Licht ins Dunkel des Privatlebens dieser beeindruckenden Persönlichkeit bringt Renate Kroll, die Victoria Ocampos gesammelte autobiografische Schriften ausgewertet, gekürzt und einfühlsam neu zusammengestellt hat.

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Sebastian Haffner: Mut zu steilen Thesen

Sebastian Haffner war ein unberechenbarer Kommentator. Sein Biograf Jürgen Peter Schmied erklärt ihn im Biografien-Blog.

Youtube;  Bundesarchiv / P. Loescher & Petsch / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de; Sasquatchistheman, CC-BY-SA 4.0
Youtube; Bundesarchiv / P. Loescher & Petsch / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de; Sasquatchistheman, CC-BY-SA 4.0

Von Jürgen Peter Schmied

Sebastian Haffner (1907–1999) war einer der bedeutendsten deutschen Publizisten des 20. Jahrhunderts. Sein Leben war voller Wendungen – biografischen wie politischen –  und reich an Erfolgen. Er verdankte sie einer Reihe ausgeprägter Eigenschaften. Davon scheinen mir drei besonders bemerkenswert:

Schon als Schüler in Berlin zeigte sich Haffners außergewöhnliche sprachliche Begabung. Nach einem erfolgreichen Jurastudium und ersten schriftstellerischen Versuchen wurde er Journalist und Buchautor, zunächst im Deutschen Reich, dann in Großbritannien und schließlich in der Bundesrepublik Deutschland. Haffner schrieb sehr einfach, klar und plastisch, und damit es nicht zu langweilig wird, blitzt immer wieder eine Veranschaulichungspointe auf. In dem Geschichtsbuch Anmerkungen zu Hitler, seinem Meisterwerk aus dem Jahr 1978, erklärt Haffner das rhetorische Talent des Diktators zum Beispiel mit dessen Fähigkeit, „Versammlungen der verschiedensten Menschen“ in eine „knetbare Masse zu verwandeln, diese Masse erst in eine Art Trancezustand zu versetzen und ihr dann so etwas wie einen kollektiven Orgasmus zu bereiten“.

Ein weiteres Markenzeichen Haffners ist seine Vorliebe für kühne Gedankengänge und steile Thesen. Aus Hitler machte er einen unbeabsichtigten Förderer des Staates Israel, weil erst der millionenfache Judenmord „den Überlebenden die Verzweiflungsenergie eingeflößt“ hat, die „zur Staatsgründung notwendig war“. Walter Ulbricht war für Haffner einmal, 1966, der „bedeutendste deutsche Politiker seit Bismarck“, weil der Staatsratsvorsitzende der DDR gewissermaßen aus dem Nichts einen funktionierenden Staat geschaffen habe. Auch wenn die Überzeugungskraft solcher Argumente oft nur für ein paar Augenblicke wirkt. Dessen unbenommen: Haffners Texte sind anregend und meistens auch bereichernd.

Haffner besaß Mut oder besser: Courage. Ein wiederkehrendes Muster in seinem Leben war, dass er bei grundlegenden Meinungsverschiedenheiten mit seinen Verlegern oder Chefredakteuren kündigte – manchmal auch ohne einen adäquaten Ersatz zu haben. 1961 verließ er so die britische Wochenzeitung The Observer, 1962 die deutsche Wochenzeitung Christ und Welt, 1963 den Springer-Konzern und 1975 die Illustrierte Stern. Den wagemutigsten Schritt aber unternahm er 1938. Damals entschied sich Haffner, mit seiner jüdischen Freundin, die ein Kind von ihm erwartete, nach England zu emigrieren. Ohne vertieften Sprachkenntnisse und ohne konkrete Aussichten auf eine Verdienstmöglichkeit.

Dr. Jürgen Peter Schmied (Jahrgang 1974) ist Historiker und lebt in Bonn. Er hat in Heidelberg, Bonn und Oxford Geschichte, Germanistik und Philosophie studiert. Er hat sich viele Jahre mit Sebastian Haffner beschäftigt, seinen Nachlass ausgewertet und die bislang wichtigste Biografie über den Publizisten vorgelegt (siehe links).

Wer begeistert Dich? Wer inspiriert Dich?  Hast Du eine Lieblingsbiografie?

Hast Du Lust, davon im Biografien-Blog Eulengezwitscher zu erzählen?Mitmachen ist ganz leicht. Alles, was Du dazu wissen musst, findest Du hier...

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Nachruf auf Hans-Dietrich Genscher

Der Mann mit dem gelben Pullunder ist tot. Hans-Dietrich Genscher hat Politik für die Freiheit gemacht. Er wird fehlen.

La Granjaderivative work: Sir James (talk), CC BY-SA 3.0
La Granjaderivative work: Sir James (talk), CC BY-SA 3.0

Er war der liberale Rekord-Minister: Hans-Dietrich Genscher hat der Bundesregierung fast zwei Jahrzehnte lang als Innen- und Außenminister angehört. Gestern ist der langjährige FDP-Vorsitzende gestorben - zehn Tage vor seinem 90. Geburtstag. Sein Markenzeichen war der gelbe Pullunder, seine Politik eine Politik für die Freiheit. Seine Botschaft wird überdauern: "Freiheit und Verantwortung gehören für uns Liberale untrennbar zusammen."

Hans-Dietrich Genscher wird 1927 in Reideburg geboren (das liegt auf dem Gebiet der späteren DDR). Zum ersten Mal muss er seinem Land unfreiwillig helfen – als Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg. Trotz einer langwierigen Tuberkuloseerkrankung schafft Genscher danach zuerst das Ergänzungsabitur, dann eine Juristenausbildung. Seine eigentliche Bestimmung ist aber die Politik. Doch in der DDR haben Genschers freiheitliche Grundwerte keine Zukunft – in der jungen Bundesrepublik werden sie dagegen gebraucht.

In der Freien Demokratischen Partei (FDP) durchläuft Genscher eine klassische Parteikarriere bis zum Bundesvorsitzenden (1974-1985). Seit 1969 sitzt er auch auf Bonner Regierungssesseln. Dort arbeitet er erst mit den sozialdemokratischen Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt zusammen, dann schlägt er sich auf die Seite von Helmut Kohl und der CDU. Zwei Tragödien muss der Dauerminister Genscher verkraften: Die Anschläge auf die olympischen Sommerspiele in München (1972) und den Terror der Rote Armee Fraktion (RAF). Genscher gilt als begnadeter Netzwerker, der seine einflussreichen Kontakte auf zahllosen Reisen pflegt.

Im Herbst 1989 gewinnt er hinter den Kulissen einer UNO-Vollversammlung in New York den sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse für die Sache der ausreisewilligen Botschaftsflüchtlinge. Kurz darauf stimmt auch die DDR-Regierung zu und Genscher kann seine Botschaft der Freiheit überbringen:  „Wir sind zu ihnen gekommen“, hebt er an, „um Ihnen zu sagen, dass heute Ihre Ausreise…“ Weiter kommt Genscher nicht. Ohrenbetäubender Jubel brandet auf und bereitet ihm den schönsten Moment seiner politischen Laufbahn – und die dauert immerhin eine halbe Ewigkeit.

Genscher kann nicht nur starke Auftritte (wie auf dem Prager Botschaftsbalkon). Auch sein Abgang von der Regierungsbühne hat Stil: Kurz nach seinem 65. Geburtstag ist er freiwillig zurückgetreten. Bis heute zuletzt hat er international einen ausgezeichneten Ruf als Vermittler genossen. Einer wie Genscher wird nicht nur den Liberalen fehlen.

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Axel Springer: Für Berlin, gegen die Mauer

Der Verleger und Freiheitskämpfer Axel Springer hat gegen die deutsche Teilung gekämpft und alles auf Berlin gesetzt.

 

Im Dunkel der Nacht verlieren Millionen von Ostdeutschen ihre Freiheit: Um Westberlin, das letzte Schlupfloch zur Bundesrepublik, wird in wenigen Stunden ein 160 Kilometer langer Grenzzaun hochgezogen. Als die Berliner am nächsten Morgen arglos aufwachen, ist die Tat des Ostens vollbracht und das DDR-Regime feiert seinen Überraschungscoup. Und der Westen? Was tut die freie Welt dagegen?„Der Westen tut NICHTS“, befindet der Verleger Axel Springer und in Riesenlettern verkündet es seine wichtigste Zeitung, die BILD.

Axel Springer Biografie

Axel Springer, geboren 1912 in Altona, ist ein geborener Verleger: Seinem Vater gehört eine Lokalzeitung, die Stammhalter Axel irgendwann einmal übernehmen soll. Hitler macht den Springers einen Strich durch die Rechnung. Der liberal gesinnte Verlag passt den Nazis nicht und wird erst geschlossen, dann ausgebombt. Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt Axel Springer von vorne. Er ist ein begnadeter Überredner und gewinnt fähige Leute, mit denen er in kurzer Zeit einen erfolgreichen Verlag aufbaut - noch in seiner ersten Heimat an der Alster: Das Hamburger Abendblatt, die Programmzeitschrift Hörzu, Die Welt und schließlich BILD sind die wichtigsten Presseprodukte des Hauses Springer.  Der Hausherr träumt allerdings von mehr als von Medienmacht. Er träumt von Einigkeit und Recht und Freiheit für sein geteiltes deutsches Vaterland. Deshalb setzt er alles auf Berlin, den heißesten Ort des Kalten Krieges. Auf den Trümmern des alten Zeitungsviertels, direkt an der Berliner Mauer, errichtet er seine millionenschwere Konzernzentrale: ein goldenes Hochhaus als Leuchtturm der Freiheit für die eingesperrten Ostdeutschen. Seine Zeitungen lassen  keine Gelegenheit aus, die Lügen und DDR-Regierung aufzudecken, ihre Propaganda zu enttarnen und das Unrecht in der sozialistischen Diktatur anzuprangern. Während Springer gegen die Berliner Mauer anredet und anschreiben lässt, wird er selbst zum Feindbild einer ganzen Generation. Die 68er kommen mit den Schlagzeilen und der Berichterstattung des  Kalten Kriegers nicht klar: Sie sehen in Springer einen selbstverliebten Machtmenschen und einen unverbesserlichen Nationalisten. Berlin wird zum Kriegsplatz, als gewaltbereite Studenten zum Springerhaus ziehen. Steine und Brandsätze fliegen, Auslieferungsfahrzeuge werden umgestoßen und gehen in Flammen auf. Die Mauer bleibt stehen. Am Ende ist es aber das goldene Hochhaus, dass die Berliner Mauer überdauert. Springer erlebt es nicht mehr. Er stirbt 1985, vier Jahre zu früh. Nur sein Traum, der ist nicht gestorben. Mehr noch: er hat sich erfüllt.

Buchbesprechungen

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Über Springer ist viel geschrieben worden. Die einen hassen ihn für seine Geltungssucht, seinen Größenwahn und sein vermeintlich persönliches Regiment als Verleger. Die anderen kommen meistens aus seinem eigenen Haus. Und sie kommen leider kaum hinterher, das leidige Feindbild Springer endlich in Scherben zu schlagen und den von Überzeugungen geleiteten Unternehmer, den patriotischen Freiheitskämpfer und gesellschaftlich engagierten Mäzen zu würdigen. Ein zu Springers 30. Todestag soeben erschienener Sammelband aus der Edition Braus geht neue Wege. Keine Gesamtschau, keine überbordende Beweihräucherung, keine durchsichtige Deutung. Das von Autorinnen und Autoren der WELT-Gruppe verfasste Buch erzählt in Anekdoten und Ausschnitten von Springers Liebe zu Berlin. Jeder Beitrag nimmt sich ein Detail dieser innigen Beziehung vor. Allesamt sind sie kurzweilig geschrieben und sie lassen sich voneinander unabhängig lesen (ein großer Vorteil). Manche fallen etwas aus dem Format ("10 Gründe, warum Axel Springer kein Kaninchen ist"). Andere zeigen den Kulturförderer, den Sportbegeisterten, den Volksnahen, den Gönner und den Snob - denn all das ist Springer gewesen. Wer sich mal abseits aller gängigen Vorurteile (positiv wie negativ) auf Springer einlassen will, ist mit diesem Buch gut beraten.

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Und wer noch einmal jenseits aller schrillen, lauten und bunten Fernsehbilder die bewegten Tage erleben will, an denen sich Axel Springers Traum vom Fall der Berliner Mauer und von der Freiheit aller Deutschen erfüllt hat, der kann getrost den wunderbaren Bildband mit Fotografien von Jürgen Hohmut in die Hand nehmen (ebenfalls in der Edition Braus erschienen). Ganz in schwarzweiß gehalten laden diese eindrucksvollen Momentaufnahmen zum Innehalten ein - und zur Freude darüber, dass die schrecklichen vier Jahrzehnte der deutschen Teilung Geschichte sind.

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Günther Schabowski: Maueröffner wider Willen

Der ehemalige DDR-Politiker Günter Schaboski ist tot. Nach seinem Versprecher fiel die Berliner Mauer. Ein Nachruf.

„Schabowski-portrait“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
„Schabowski-portrait“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

„Wann tritt das in Kraft?“ Die Frage des Journalisten ist simpel, aber sie bringt Günter Schabowski völlig aus dem Tritt. Der DDR-Funktionär runzelt unschlüssig die Stirn, kratzt sich verlegen am Kopf und sucht raschelnd in seinen Papieren. Gerade hat er der Weltpresse in umständlichem Gestotter angedeutet, dass die marode DDR unter dem Druck der friedlichen Revolution die Grenzen zur Bundesrepublik öffnen wird. Das wollen die Journalisten jetzt genau wissen: „Ab sofort?“ Schabowski zieht die Brille auf und wirft und noch einmal einen verunsicherten Blick auf seinen Zettel. Da sind neben einen schreibmaschinengeschriebenen Phrasen und Ankündigungen auf eilig hingeschmierte handschriftliche Notizen. Schabowski wird auf die Schnelle nicht ganz schlau daraus und gerät ins Stocken: „Das tritt nach meiner Kenntnis“ – Pause – „ist das sofort, unverzüglich.“

Bundesarchiv, Bild 183-1989-1109-030 / Lehmann, Thomas / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-1989-1109-030 / Lehmann, Thomas / CC-BY-SA 3.0

Eigentlich ist der 1929 in Vorpommern geborene Schabowski ein absoluter Routinier in Sachen Politik und Presse. Er hat in Leipzig Journalismus studiert und Parteiführung in Moskau. Schabowski hat die regimenahe Zeitung „Neues Deutschland“ geleitet und ist im Apparat der Staatspartei SED immer einflussreicher geworden. Wenn einer den real existierenden Sozialismus retten kann, dann Schabowski: Er stellt sich den unzufriedenen Menschen, er lehnt Reformen nicht rundweg ab. Selbst als Honecker-Nachfolger wird er gehandelt. Nach der schicksalsträchtigen Pressekonferenz heute vor 25 Jahren kommt aber alles anders.

Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-041 / Link, Hubert / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-041 / Link, Hubert / CC-BY-SA 3.0

In Windeseile verbreitet sich Schabowskis Sensationsmeldung. Zehntausende Berliner aus Ost und Westen versammeln sich auf beiden Seiten der Mauer. Die uniformierten Grenzsoldaten an den noch unpassierbaren Übergängen sind heillos überfordert. Unter „sofort, unverzüglich“ hatte die DDR-Führung offenbar doch etwas anders verstanden. Aber jetzt ist der Fall der Berliner Mauer nicht mehr aufzuhalten. Die friedliche Revolution hat gesiegt. In der Nacht gehen die Schlagbäume hoch, Sektkorken knallen, Feuerwerksraketen steigen auf, Freudentränen fließen, wildfremde Menschen fallen sich in die Arme und feiern gemeinsam ein Fest der Freiheit. Für Schabowski selbst mündet dieser Abend in der Unfreiheit: Wie der letzte DDR-Staatschef Egon Krenz wird er Jahre später in der gerichtlichen Aufarbeitung des DDR-Unrechts (vor allem der Todesschüsse an der Berliner Mauer) zu einer Haftstrafe verurteilt. Anders als Krenz zeigt Schabowski allerdings Reue und entschuldigt sich bei Opfern und Hinterbliebenen – mit den ehemaligen SED-Genossen kommt es allerdings zum offenen Bruch, weil sich Schabowski kritisch mit der DDR-Vergangenheit – und seiner eigenen – auseinandersetzt. In den vergangenen Jahren war es ruhig geworden um Schabowski, der sich zunehmend aus dcer Öffentlichkeit zurückgezogen hatte und an einer schweren Krankheit litt. Heute ist er im Alter von 86 Jahren gestorben.

Alle Biografien zum Mauerfall im Blog:

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Franz Josef Strauß: Der Machtmensch in seinem Widerspruch

Franz Josef Strauß ist zwischen zwei Buchdeckeln fast nicht zu fassen. Wie gut, dass sich die beiden neuen Biografien ergänzen

Links: Franz Josef Strauß ArM“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0. Rechts: Bundesarchiv, B 145 Bild-F023363-0016 / Gathmann, Jens / CC-BY-SA 3.0
Links: Franz Josef Strauß ArM“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0. Rechts: Bundesarchiv, B 145 Bild-F023363-0016 / Gathmann, Jens / CC-BY-SA 3.0

Franz Josef Strauß polarisiert bis heute. Die einen verehren den langjährigen Bundesminister und bayerischen Ministerpräsidenten, die anderen verdammen ihn. "Ich bin weder Heiliger noch ein Dämon", hat er über sich selbst gesagt. "Ich bin kein ausgeklügeltes Buch, sondern ein Mensch in seinem Widerspruch". Wie wahr: Brachial und doch geschliffen war seine Wortwahl, streitlustig und doch versöhnlich sein persönlicher Umgang, meistens prinzipienfest und doch manchmal moralisch fragwürdig seine politischen Urteile. Wie schön, dass  auf der Frankfurter Buchmesse gleich zwei ausgeklügelte Bücher über Josef Strauß vorgestellt worden sind, die sich diesem widersprünglichen Machtmenschen auf ganz unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Akzenten nähern: Schwarz-weiß zeichnet keine der Biografien ihren Protagonisten - und doch ist Strauß für keinen der beiden Biografen ein gewöhnlicher Titelheld.

Die beiden Strauß-Biografen Horst Möller (links) und Peter Siebenmorgen (rechts) auf der Frankfurter Buchmesse.
Die beiden Strauß-Biografen Horst Möller (links) und Peter Siebenmorgen (rechts) auf der Frankfurter Buchmesse.

Biografie Franz Josef Strauß

Die Lebensgeschichte von Franz Josef Strauß, die vor 100 begonnen hat, ist eine Aneinanderreihung von Superlativen: Er war der jahrgangsbeste Abiturient Bayerns, der schnellste Radrennfahrer Süddeutschlands, der jüngste Bundesminister (erst für Atomfragen, dann für Verteidigung). Er war ein Mann für die politischen Herkulesaufgaben wie den Aufbau der Bundeswehr und er hat maßgeblich Anteil daran, dass Bayern heute so gut dasteht, wie es dasteht. Strauß ist aber auch der Politiker mit den - zumindest gefühlt - meisten Verwicklungen und Skandalen. In der Starfighter-Affäre geht es um die zwielichtigen Umstände der Anschaffung von Kampfflugzeugen, in der Spiegel-Affäre um die Pressefreiheit. Auch seine Wortgewalt ist legendär. Strauß, ein intelligenter Macher mit Blick für komplexe Zusammenhänge hat gerne mal im Stile ein Stammtischbruders herumgepoltert: Über Helmut Kohl, seinen langjährigen Konkurrenten im Kampf um die Vormachtsstellung in der Union, hat er gesagt, er könne "nie Kanzler werden. Er ist total unfähig. Ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür." Strauß selbst hat es - im Gegensatz zu Kohl - nie ins Kanzleramt geschafft. In einem erbitterten Wahlkampf (1980) haben seine vielen Gegner ihren Slogan wahrgemacht: "Stoppt Strauß!" Strauß definiert sich neu: als bayerischer Weltpolitiker, der in der Heimat gefeierter Ministerpräsident ist und auf internationalem Parkett so manchen Clou landet - und zwar buchstäblich: Nach Moskau fliegt er selbst und landet die kleine Maschine im schwierigsten Wetter. Und dass auchgerechnet er, einer der schärfsten Kritiker des Kommunismus einen Milliardenkredit für die DDR aushandelt, ist auch eine politische Sensation. Als Strauß 1988 stirbt, erweisen ihm Tausende die letzte Ehre.

Die Buchbesprechungen

Mehr Strauß im Blog: Einfach auf das Bild klicken...
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Bislang konnten Biografien über Franz Josef Strauß recht eindeutig sortiert werden: Die einen waren für ihn und die anderen gegen ihn: Heldenverehrung und Schurkendresche sozusagen. Die beiden neu erschienen Biografien von Horst Möller und Peter Siebenmorgen sind so einfach nicht abzustempeln, auch wenn gewisse Sympathien beziehungsweise Vorbehalte nicht zu übersehen sind (bei Möller kommt Strauß besser weg). Die Schlüssel zu beiden Büchern sind die Berufsbiografien der Biografen: Möller ist Historiker und hat das renommierte Institut für Zeitgeschichte geleitet. Siebenmorgen ist Politikwissenschaftler und Journalist. Beide haben jahrelang recherchiert, beide schreiben kurzweilig und dicht über den Machtmenschen Strauß. Bei Möller steht das Lebenswerk im Vordergrund, Siebenmorgen akzentuiert die Lebensgeschichte.  Möllers Buch trägt dabei eher den Charakter der politischen und zeitgeschichtlichen Analyse, Siebenmorgens Biografie liest sich eine Spur mehr wie ein Polit-Drama. Das heißt aber nicht, dass Möller die Dramatik im Leben dieser politischen Urgewalt vernachlässigt. Und es bedeutet auch nicht, dass Siebenmorgen ein reines Skandalbuch vorgelegt hat. Das Gegenteil ist der Fall: Beide Bücher sind abwägend, wenngleich mit unterschiedlichen Prioritäten in Darstellung und Einordnung. Beide Bücher sind absolut lesenswert und es ist gerade ein Genuss, sich den doppelten Strauß sozusagen parallel zu erlesen - auch, wenn beide Biografien schon für sich viele hundert Seiten umfassen.

Möller ist der Erstbesteiger eines Aktenachttausenders, Er hat viele Regalmeter an Archivakten ausgewertet (darunter den umfangreichen Nachlass) und daraus ein faszinierendes und umfassendes Bild des politischen Denkens und Handelns von Franz Josef Strauß gezeichnet. Bei diesem Buch werden Strauß-Sympathisanten wohl eher auf ihre Kosten kommen, weil Möller manche liebgewonnene und tradierte Skandalsierung gekonnt und unaufgeregt entmystifiziert. Ein Beispiel ist die Spiegel-Affäre von 1962: 'Der Spiegel' hatte unter dem Titel "Bedingt abwehrbereit" Bundeswehr-Interna publik gemacht. Die Justiz hatte wegen Verdachts auf Geheimnis- bzw. Landesverrats die Durchsuchung der Redaktionsräumer angeordnet und den Herausgeber Rudolf Augstein sowie führende Redakteure festgenommen. Oft wird das so dargestellt, als habe Verteidigungsminister Strauß - seit Mitte der 1950er Jahre ein Intimfeind Augsteins - persönlich die Durchsuchung der Redaktionsräume angeordnet. In seiner überzeugenden Analyse schlüsselt Möller  die Rolle und Bedeutung des Verteidigungsministers nüchtern auf und relativiert somit den Einfluss, den Strauß gehabt hat. Ein später Freispruch wird dem im Zuge der Affäre zurückgetretenen Minister dennoch nicht zuteil: Möller erkennt in der Spiegel-Affäre "kaum ein Schurkenstück von Strauß, aber einen politischen Intrigantenstadel mit zahlreichen Dramatis personae, und nur wenigen Unschuldslämmern."

Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F038039-0018 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0. Licensed under CC BY-SA 3.
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Peter Siebenmorgen beurteilt Strauß ebenfalls differenziert. Doch bei allem Respekt, den er Strauß für seine Leistungen zollt, überwiegen die Darstellungen der Dissonanzen. Seine Biografie kommt in manchen Passagen wie ein Enthüllungsbuch daher. Brisante Akten habe er "auf Dachböden und in Kellern" gefunden, erzählt Siebenmorgen auf der Frankfurter Buchmesse im Gespräch mit Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Wie ein investigativer Journalist deckt Siebenmorgen dubiose Geschäftspraktiken auf, mit denen Strauß viel Geld für vermeintliche Unternehmensberatungen verdient habe. "Er hat sich aushalten lassen und Geld genommen, das er als Politiker besser nicht genommen hätte", sagt Siebenmorgen, macht sich aber dieses Urteil nicht einfach. Korrupt sei Strauß jedenfalls nicht gewesen, weil sein Verhalten nicht strafrechtlich relevant gewesen wäre. Etwas zu viel der Enthüllung sind die veröffentlichten wörtlichen Zitate aus den Kalendernotizen von Strauß' Frau Marianne, die sich in einer schwierigen Ehephase den Frust von der Seele schreibt. In diesem Fall lässt sich Peter Siebenmorgen von Scheinsensationen verführen, wie sie im Boulevard gang und gäbe sind. Große Wirkung, aber eigentlich kaum überraschend. Dass Strauß gerne mal etwas tiefer in Glas geschaut hat, wissen Millionen von Fernsehzuschauern an langen Wahlabenden.

Davon angesehen leistet aber auch Siebenmorgen wie vor allem Möller einen wichtigen Beitrag zur längst überfälligen differenzierten Strauß-Bewertung, weil beide nicht darauf bestehen, alle Widersprüche auszuräumen, sondern es dabei belassen, sie zu benennen. Das macht Politik und Politiker menschlicher. Es lohnt sich, in langen Winternächten mal in die eine und die andere Strauß-Biografie zu schauen. 

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Egon Bahr: Der sozialdemokratische Stratege

Egon Bahr ist tot. Eine Erinnerung an Willys Brandts Superhirn.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F079280-0005 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de
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Er war der Chefberater von Bundeskanzler Willy Brandt: Egon Bahr. Heute ist der sozialdemokratische Polit-Stratege im Alter von 93 Jahren gestorben. Das Eulengezwitscher erinnert an Egon Bahr, indem es noch einmal seine eigenen Erinnerungen an Willy Brandt vorstellt.

Hörbuch Hamburg (http://www.hoerbuch-hamburg.de/images/cover/download/9783899038866.jpg)

Egon Bahr

Das musst du erzählen...

Erinnerungen an Willy Brandt

Erschienen bei Hörbuch Hamburg im Juni 2013. 4 CDs (276 Minuten Laufzeit) kosten 19,99 €.


Als Pressechef, Chefdenker und Vertrauter hat Bahr den übergroßen Sozialdemokraten vom Berliner Rathaus bis ins Bonner Bundeskanzleramt begleitet. Mehr noch: Seine Erinnerungen an den Freund (wie er immer wieder sagt) sind eigentlich autobiografische Notizen zum Fall B. - einem politischen Doppelleben: Denn Egon Bahr und Willy Brandt verschmelzen in dieser Erzählung zu einem einzigen Protagonisten, dessen Bühne die Neue Ostpolitik war. An Unstimmigkeiten oder auch nur an zwei Meinungen kann sich Egon Bahr nicht erinnern:

Egon Bahr liest selbst 

Ist der Kanzler einmal nicht erreichbar, verhandelt Egon Bahr in seinem Namen; er überbringt seinen Gesprächspartnern im Osten Botschaften von Brandt, die der erst im Nachhinein erfährt und mit einem zufriedenen Schmunzeln abnickt. Anekdoten wie diese machen Bahrs Erinnerungen , die bei Hörbuch Hamburg erschienen sind, zum unterhaltsamen Ohrenschmaus. Sie zeigen aber auch, dass Egon Bahr eine erfrischende Brise Nüchternheit in den allmählich ermüdenden Personenkult um Willy Brandt streut - selbstverständlich ohne dessen historische Größe anzuzweifeln: Ihm geht es nicht um die Familien-, Frauen- und Frustgeschichten seines mittlerweiler mystifizierten Chefs. Bahr beschränkt sich diesbezüglich auf humorvolle Sticheleien, wenn er etwa Brandt mit dem Sowjetführer Leonid Breschnew vergleicht:

Die beiden haben sich auf Anhieb verstanden. Wein, Weib und Gesang hätten sie beide nicht abgelehnt. Und wenn der Arzt gesagt hätte. ihr müsst vorsichtiger sein, hätten beide sofort beschlossen: "Wir hören auf zu singen!"

Wandel durch Annäherung

Egon Bahr hat anderes im Sinn: Ihm geht es um die diplomatische Kärrnerarbeit hinter den Parolen "Wandel durch Annäherung" und "Mehr Demokratie wagen". Diese Kärrnerarbeit hat zu großen Teilen er selbst geleistet. Deshalb sind seine Erinnerungen an Brandt eher die Erinnerungen an die gemeinsame Politik, die Brandts Namen und Bahrs Handschrift trägt. Der Hörer pendelt mit dem Chefunterhändler der sozial-liberalen Koalition zwischen Bonn und  New York, Berlin und Moskau hin und her: Immer auf der Suche nach einem neuen Miteinander im Kalten Krieg und immer bestrebt, den Deutschen in Ost und West die politische Teilung menschlich zu erleichtern. Detailgetreu (teilsweise im Wortlaut) geschilderte Verhandlungssituationen vermitteln das Gefühl, mit am Tisch zu sitzen, wenn der Archtitekt der Neuen Ostpolitik um Grenzen, Transitabkommen oder auch nur um die richtigen Vokabeln ringt. Darüber scheint der Baumeister Brandt, der an diesen Arbeitsgesprächen nicht teilnimmt,  manchmal aus dem Sinn zu geraten. Aber dieser Eindruck trügt, denn Brandt und Bahr sind zunehmend ein Herz und eine Seele. Die Memoiren des Einen schließen den Anderen stets mit ein. Immer wieder gewährt Bahr Einblicke in sein nahezu symbiotisches Verhältnis zu Brandt: Es rührt ihn, dass Brandt ihn auf dem Sterbebett als Freund benennt; er rechnet mit dem gemeinsamen Parteifeind Herbert Wehner ab; er ist stolz darauf, dass Brandt ihm sagt, er habe Anteil am Nobelpreis. Selbst die auf den ersten Blick oberflächliche Deutung, wonach Brandt ein Träumer mit Bodenhaftung gewesen sei erklärt sich besser, wenn man den bodenständigen Bahr erzählen hört.

Zeitgeschichte zum nachhören

Fazit: "Das musst Du erzählen..." - Diese Aufforderung von Willy Brandt an Egon Bahr ist Titel und Programm seines Hörbuchs. Zwar fällt der Name des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers nicht so oft, wie es der Untertitel erwarten lässt ("Erinnerungen an Willy Brandt"). Allerdings erzählt Egon Bahr die Biografie der Marke Brandt und seiner Neuen Ostpolitik unterhaltsam und lehrreich. Dass Egon Bahr selbst liest, machen das (gekürzte) Hörbuch zu einem zeitgeschichtlichen Zeugnis ersten Ranges.

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Fidel Castro: Mythen sterben langsam

Fidel Castros Legende bröckelt. Zwei neue Biografien haben daran Anteil - auf ganz unterschiedliche Weise...

Foto: Vandrad. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Foto: Vandrad. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Er ist der ewige Revolutionär: Fidel Castro. Auf der großen Bühne der Sozialromantik hat er alle Rollen gegeben: er war der Aufrührer an der Uni, der ehrenvoll gescheiterte Putschist als junger Rechtsanwalt, der heldenhafte Guerillakämpfer in den Bergen der Sierra Maestra, der erste Arbeiter und Bauer des sozialistischen Karibikidylls auf Kuba und der große Freund der Dritten Welt. Zwei neue Biografien erlauben ungewohnte Blicke in die Maske dieses begnadeten Selbstinszenierers.

Roman Rhode

Fidel Castro

Erschienen bei Kohlhammer im September 2014. 367 Seiten kosten in der Taschenbuchausgabe 27,99 €.


Juan Reinaldo Sanchéz

Das verborgene Leben des Fidel Castro

Ich war 20 Jahre Leibwächter des Maximo Lider. Das ist die wahre Geschichte.

Erschienen bei Bastei Lübbe im Februar 2015. 304 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,99 €.


Biografie Fidel Castro

Foto: Max.dai.yang, Lizenz: CC BY-SA 4.0
Foto: Max.dai.yang, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Was ist das für ein Mann, der sein Leben für Ideale riskiert, die er dann verrät und entehrt? Der junge Fidel Castro streitet gegen den kubanischen Militärdiktator Batista und für seine (gewöhnungsbedürftigen) Vorstellungen von Freiheit und Demokratie. Zumindest gibt er das vor. Denn kaum, dass seine siegreiche Revolution den Tyrannen vertrieben hat, sitzt auch schon der nächste große Unterdrücker in Havanna. Anfangs jubeln ihm die vermeintlich befreiten Kubaner euphorisch zu, weil Castro die amerikanischen Konzerne enteignet und den Großgrundbesitz auf die armen Landbauern verteilt. Sie bewundern ihn dafür, dass er den wutschnaubenden US-Politikern in Washington trotzig die Stirn bietet (auch wenn er sich dafür den Sowjets andienen muss). Sie freuen sich über bessere Bildung und Gesundheitsversorgungen, und sehen geflissentlich darüber hinweg, dass Castros Kuba auch nichts anderes als eine Zweiklassengesellschaft ist. Sie feiern einen Volkstribunen, der selbst mit der Machete das Zuckerrohr schneidet und können doch nicht wissen, dass hinter der Fassade des genügsamen Landmanns ohne eigenen Besitz ein den Luxus liebender Macho steckt, der sich eine geheimgehaltene Paradisinsel, eine Yacht und viele andere Annehmlichkeiten gönnt. Davon berichtet Castros ehemaliger Leibwächter in leuchtenden Farben. Juan Reinaldo Sanchéz' Blick auf den Maximo Lider ist eine Abrechnung.

Was ist das für ein Mann, der sein Leben für Ideale riskiert, die er dann verrät und entehrt? Der junge Fidel Castro streitet gegen den kubanischen Militärdiktator Batista und für seine (gewöhnungsbedürftigen) Vorstellungen von Freiheit und Demokratie. Zumindest gibt er das vor. Denn kaum, dass seine siegreiche Revolution den Tyrannen vertrieben hat, sitzt auch schon der nächste große Unterdrücker in Havanna. Anfangs jubeln ihm die vermeintlich befreiten Kubaner euphorisch zu, weil Castro die amerikanischen Konzerne enteignet und den Großgrundbesitz auf die armen Landbauern verteilt. Sie bewundern ihn dafür, dass er den wutschnaubenden US-Politikern in Washington trotzig die Stirn bietet (auch wenn er sich dafür den Sowjets andienen muss). Sie freuen sich über bessere Bildung und Gesundheitsversorgungen, und sehen geflissentlich darüber hinweg, dass Castros Kuba auch nichts anderes als eine Zweiklassengesellschaft ist. Sie feiern einen Volkstribunen, der selbst mit der Machete das Zuckerrohr schneidet und können doch nicht wissen, dass hinter der Fassade des genügsamen Landmanns ohne eigenen Besitz ein den Luxus liebender Macho steckt, der sich eine geheimgehaltene Paradisinsel, eine Yacht und viele andere Annehmlichkeiten gönnt. Davon berichtet Castros ehemaliger Leibwächter in leuchtenden Farben. Juan Reinaldo Sanchéz' Blick auf den Maximo Lider ist eine Abrechnung.

Analyse des Wissenschaftlers, Abrechnung des Bodyguards

 Der langjährige Bodyguard will am Ende seiner Laufbahn ins Gefängnis geraten sein, weil er um Vorruhestand gebeten habe. Solcher Undank löst die Bande der bedingungslosen Loyalität - und Sanchéz plaudert durchaus kurzweilig aus dem Nähkästchen. Es ist zwar nicht wirklich sensationell oder ganz und ganz unvorstellbar, was er da ans Licht bringt, denn dass Macht korrumpiert, ist ja an sich keine echte Überraschung. Aber Sanchéz zerstört eines der Bilder, das Castro zeitlebens von sich zeichnet: Das des uneigennütigen, väterlichen Herrschers, dessen Freizeit nur Kuba gilt, aber nie den eigenen Vergnügungen. Wesentlich weniger aufgegregt nähert sich Roman Rhode  Castros Lebensgang und Lebenswerk. Was Rhode vorgelegt hat, ist nicht weniger als ein Lehrstück politischer Biografik. Nüchtern und distanziert beschreibt und analysiert er die Entwicklung von Castro und Kuba. Er beherrscht die mehrsprachige und vieltausendseitige Literaturlage (was allerdings zur Folge hat, dass er mitunter etwas zuviel voraussetzt) und er fällt kein Vorurteil. Aber seine geradezu emotionslose Schilderung führt nochmals eindringlicher vor Augen, wie Castro seine eigenen Ideale ins Gegenteil verkehrt. Beeindruckend ist die exemplarische Anatomie des Schauprozesses gegen den ehemaligen General Ocho (von dem auch Sanchéz erzählt). Rhode zeigt, wie Castro kurzen Prozess mit allen macht, die ihm nicht folgen. Der einstige Freiheitskämpfer verachtet die Freiheit des Andersdenkens straft selbst Widerworte von engen Vertrauten mit Kerker (wie im Fall Sanchéz) und Tod (wie bei Ochoa). Beide Biografien tragen auf ganz unterschiedliche Weise - Boulevard und Wissenschaft - dazu bei, dass der Mythos Castro bröckelt und dass seine Legende möglicher kürzer lebt, als er selbst.

Mehr über Fidel Castro gibt's in der Biografien-Serie zur Kubakrise:

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Richard von Weizsäcker: Der Tag der Befreiung

Hitler-Deutschland hat kapituliert. Der kürzlich verstorbene Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat den Deutschen erklärt, dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung war.

Bundesarchiv, Bild 146-1991-039-11 / CC-BY-SA
Bundesarchiv, Bild 146-1991-039-11 / CC-BY-SA

"Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge." Richard von Weizsäckers Appell ist mutig. Soeben hat er den Deutschen in einer der wichtigsten politischen Reden der Nachkriegszeit erklärt, dass die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht keineswegs nur eine militärische Niederlage war. "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft."

Biografie Richard von Weizsäcker

Weizsäcker, geboren 1920, hat selbst vom ersten Tag an im Zweiten Weltkrieg gekämpft, seinen Bruder Heinrich verloren und selbst Verletzungen erlitten. Nach dem Krieg hat er Jura studiert und in der CDU seine politische Karriere begonnen, die ihn schließlich bis ins höchste deutsche Staatsamt gebracht hat. Wenn Weizsächer am 8. Mai 1985 davon spricht, der Wahrheit ins Auge zu schauen, ist das für ihn auch eine schmerzliche biografische Bürde. Sein Vater Ernst hat im Nationalismus politische Verantwortung getragen und ist nach Kriegsende wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt worden. Aber Richard spricht nicht nur  über die Vergangenheitsbewältigung, er lebt sie vor. Denn der Tag der Befreiung ist keineswegs ein Tag, an dem man die dunklen Jahre einfach so abschüttelt: "Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen", sagt der Bundespräsident, "aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg." Diese Zukunft hat Richard von Weizsäcker maßgeblich mitgestaltet: Als hoher Kirchenrepräsentant, als Regierender Bürgermeister von Berlin, als Bundespräsident. Richard von Weizsäcker hat dieses Amt mit der Würde eines gleichermaßen geschichtsbewussten wie selbstbewussten Deutschen ausgefüllt.  

Richard von Weizsäckers Biografie weiterzwitschern...

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Helmut Kohl: Kanzler der Einheit

Helmut Kohl wird 85 Jahre. Seine beherzte Deutschlandpolitik hat vor 25 Jahren die Deutsche Einheit ermöglicht

Ausschnitt aus einem Wahlplakat von 1994 (Quelle: ACDP)
Ausschnitt aus einem Wahlplakat von 1994 (Quelle: ACDP)

Er ist der Kanzler der Einheit: Helmut Kohl. Kohl hat die historische Gelegenheit erkannt und beim Schopf gepackt, die sich mit der Berliner Mauer am 9. November 1989 (er)öffnete. Mit einem Zehn-Punkte-Programm, das schrittweise auf die Deutsche Einheit hinführt, überrumpelt der Kanzler alle: seine CDU/CSU-Parteifreunde, seine Koalitionspartner von der FDP und sogar die vier Siegermächte der Zweiten Weltkriegs, die einer Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands zustimmen müssen. Damit wagt Kohl viel, denn seine Partei, seine Regierungspartner und vor allem die westlichen Verbündeten sind wichtige Stützen seiner Macht - und Macht ist ein Lebensexelier für Helmut Kohl.

Biografie Helmut Kohl

Der Parteiführer (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)
Der Parteiführer (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)

Geboren 1930 kommt Kohl nicht mehr in die Verlegenheit, sich politisch für oder wider die Nationalsozialisten entscheiden zu müssen. Die "Gnade der späten Geburt" nennt er das selbst. Mit der Gründung der Bundesrepublik wird Kohl politisch aktiv. Er ist einer der ersten, die eine klassische Parteikarriere durchlaufen: Früh tritt er der CDU und ihrer Jugendorganisation, der Jungen Union (JU) bei. In der Partei fühlt er sich zuhause und zu höhreren Aufgaben berufen. Bald gehört er in CDU und JU zum rheinland-pfälzischen Landesvorstand. Auch in Wissenschaft und Beruf bleibt der gebürtige Ludwigshafener Kohl seiner Heimat treu: Er promoviert über "Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945" - und kennt sich danach bestens in der politischen Landschaft. Zehn Jahre arbeitet er für den Ludwigshafener Industrieverband Chemie und vernetzt sich in der Wirtschaft. Dann wechselt er ganz in die Politik. Schon als Landstagsabgeordneter schnuppert er im Bundesvorstand der CDU Bonner Luft. Als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident sammelt er Regierungserfahrung. Zwar scheitert seine erste Kanzlerkandidatur 1976, aber er bleibt als Oppositionsführer in Bonn. 1982 ist es dann soweit. Die FDP wechselt die Seiten und wählt Kohl zum Kanzler. Dass er von allen Amtsinhabern am längsten regieren würde (16 Jahre), glaubt damals kaum einer. Öffentlichkeit und Presse spotten über Kohl und seine Pfälzer Provinzialität. Seine Kopfform vergleicht man gerne mit einer Birne, der Körperbau bringt ihm den Spitznamen "Der Dicke" ein. Kohl hat es faustdick hinter den Ohren. Seine Regierungszeit festigt sich. Grundlage seiner Macht ist die Partei, die er fest im Griff hat. Kohl regiert mit dem Telefon. Nicht selten klingelt es bei Lokalpolitikern, wenn ein Geburtstag oder ein Verbandsausflug ansteht. Der Kanzler ist am Apparat, um zu gratulieren oder gutes Gelingen zu wünschen. Das kommt bei der Basis an und baut Kohl dadurch seine Hausmacht aus. Selbst als es 1989 beim Bremer Parteitag kritisch wird für Kohl, hält die Partei zu ihm und schasst Generalsekretär Heiner Geißler, der an Kohls Sturz gearbeitet hatte.

Emissär der Einheit (Foto: Bundesregierung/Pfeil)
Emissär der Einheit (Foto: Bundesregierung/Pfeil)

Dann fällt die Mauer und Kohl handelt mit dem Sowjetführer Michael Gorbatschow im Kaukasus die Modalitäten der Einheit aus. Die Amerikaner hat er ohnehin auf seiner Seite und gemeinsam mit George Bush (Vater) überzeugt er auch die skeptischen Briten und Franzosen. Den Deutschen verspricht er "blühende Landschaften" in den neuen Bundesländern. Dass Kohl - wie er heute selbst sagt - das Ausmaß der vierzigjährigen Teilung unterschätzt hat, wird ihm von Anfang an vorgehalten, beispielsweise in der Wendezeitsatire "Hurra Deutschland" (siehe Clip): 

Sicher: Kohl hat in seinem langen politischen Leben manches falsch beurteilt - beispielsweise die Wirkung eines Bitburger Friedhofsbesuchs, auf dem auch SS-Soldaten begraben liegen. Kohl hat auch schwere Fehler gemacht - allen voran die Annahme illegaler Spenden. Auch die unflätigen Lästereien über fast alle Weggefährten, die er seinem langjährigen Ghostwriter Heribert Schwan aufs Band diktiert hat, waren persönlich und politisch unvorsichtig und naiv. Die Wiederveinigung allerdings zählt nicht zu seinen Fehlern, obwohl sich Arbeitsmarkt und Gehälter bislang nicht so entwickelt haben wie erhofft. Allerdings wird von den Skeptikern der Einheit gerne übersehen, dass mit dem DDR-Unrechtsregime auch dessen Terrorinstrumente beseitigt worden - allen voran die Stasigefängnisse und Selbstschussanlagen an der Mauer. Heute kann man wieder in ganz Deutschland sagen, was man denkt und wählen, wen man will. Das ist ein hohes Gut, für das andernorts viel Blut vergossen wurde und wird. Das ist und bleibt das historische Verdienst von Helmut Kohl.

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Nelson Mandela: Der Gefängniswärter-Report

Nelson Mandela war 27 Jahre politischer Gefangener des Apartheit-Regimes in Südafrika. Sein Aufpasser erzählt.

Zur Wiederverwendung lizensiert unter https://www.flickr.com/photos/45582474@N02/9215883633
Zur Wiederverwendung lizensiert unter https://www.flickr.com/photos/45582474@N02/9215883633

Er hat den Rassenhass überwunden: Nelson Mandela. Heute vor einem Jahr ist der große südafrikanische Versöhner gestorben, der wegen seines Widerstands gegen das Apartheit-Regime sein halbes Leben hinter Gittern verbracht hat. Davon berichtet einer seiner ehemaligen Wärter: "Mein Gefangener, mein Freund" hat Christo Brand hat sein Mandela-Buch genannt, das in diesem Jahr im Residenz Verlag erschienen ist.  Der Gefängniswärter-Report offenbart neue Blicke auf einen der bekanntesten Menschen der Weltgeschichte. Eine Rezension:

Christo Brand

Mandela

Mein Gefangener, mein Freund

Erschienen im Residenz Verlag im März 2014. 304 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 22,90 €.


Christo Brand ist noch ein Teenager, als er seinen Dienst auf der Gefängnisinsel Robben Island antritt. Hier sitzt Mandela schon fast genauso lange ein, wie Brand lebt.

Er war ruhig und würdevoll, eine imponierende Erscheinung in makelloser Sträflingskleidung, groß, schlank und aufgrund seiner täglichen Gymnastik fit.

Biografie Nelson Mandela

Bald merkt Brand, dass sein berühmter Gefangener nicht nur äußerlich eine beeindruckende Figur macht: Mehr und mehr vollzieht sich in dem jungen weißen Aufseher ein Umdenken: Brand beginnt den schwarzen Mann, den er gewissermaßen amtlich hassen muss, zu bewundern. Zwischen den beiden ungleichen Inselbewohnern wächst ein Vertrauensverhältnis, vom dem Brand anekdotisch erzählt. Das ist teilweise anrührend (wenn etwa Brand Mandela wider alle Vorschriften heimlich sein Enkelkind zeigt) und fast immer faszinierend, denn Brandt zeichnet ein einzigartiges Portait Mandelas, das weniger die großen (politischen) Linien in den Mittelpunkt rückt, sondern den Alltag hinter Gittern. Mandela zieht Brand in seinen Bann, weil er trotz seiner hoffnungslosen Lage nie verzweifelt oder den Mut sinken lässt. Diese Erinnerungen zählen zu den wertvollsten biografischen Eindrücken, die es vom Mandela vor dessen Präsidentschaft gibt. Allerdings scheint sich Christo Brand nicht recht entscheiden zu können, ob sein Buch eher Mandela oder sidch selbst widmen soll. Auch, wenn es auf der Hand liegt, dass eine jahrzehntelanges enges Beieinander auch zwei Biografien ineinander fließen lässt: Brands Motto ist weniger "Mandela und ich" als "Ich und Mandela". Wenn man aber diese eher unerwartete Perspektive akzeptiert, ist das Buch ein großer Gewinn - auch weil beispielsweise in der Freilassungsszene die Vorzüge dieser Perspektive ersichtlich werden: 

Mein Herz schwoll vor Stolz. Ich konnte kaum sprechen und hatte Tränen in den Augen. Dort stand mein Gefangener, und ich wusste, dass er bald mein Anführer sein würde.

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Günther Schabowski: "Sofort..., unverzüglich!"

Langweilige Pressekonferenz, legendärer Versprecher des DDR-Politikers Günter Schabowski: Fall der Berliner Mauer.

Bundesarchiv, Bild 183-1989-1118-028 / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-1989-1118-028 / CC-BY-SA 3.0

„Wann tritt das in Kraft?“ Die Frage des Journalisten ist simpel, aber sie bringt Günter Schabowski völlig aus dem Tritt. Der DDR-Funktionär runzelt unschlüssig die Stirn, kratzt sich verlegen am Kopf und sucht raschelnd in seinen Papieren. Gerade hat er der Weltpresse in umständlichem Gestotter angedeutet, dass die marode DDR unter dem Druck der friedlichen Revolution die Grenzen zur Bundesrepublik öffnen wird. Das wollen die Journalisten jetzt genau wissen: „Ab sofort?“ Schabowski zieht die Brille auf und wirft und noch einmal einen verunsicherten Blick auf seine Notizen. „Das tritt nach meiner Kenntnis“ – Pause – „ist das sofort, unverzüglich.“

Bundesarchiv, Bild 183-1982-0504-421 / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-1982-0504-421 / CC-BY-SA 3.0

Eigentlich ist der 1929 in Vorpommern geborene Schabowski ein absoluter Routinier in Sachen Politik und Presse. Er hat in Leipzig Journalismus studiert und Parteiführung in Moskau. Schabowski hat die regimenahe Zeitung „Neues Deutschland“ geleitet und ist im Apparat der Staatspartei SED immer einflussreicher geworden. Wenn einer den real existierenden Sozialismus retten kann, dann Schabowski: Er stellt sich den unzufriedenen Menschen, er lehnt Reformen nicht rundweg ab. Selbst als Honecker-Nachfolger wird er gehandelt. Nach der schicksalsträchtigen Pressekonferenz heute vor 25 Jahren kommt aber alles anders.

Ein Stück Berliner Mauer in der Eulenbiblithek
Ein Stück Berliner Mauer in der Eulenbiblithek

In Windeseile verbreitet sich Schabowskis Sensationsmeldung. Zehntausende Berliner aus Ost und Westen versammeln sich auf beiden Seiten der Mauer. Die uniformierten Grenzsoldaten an den noch unpassierbaren Übergängen sind heillos überfordert. Unter „sofort, unverzüglich“ hatte die DDR-Führung offenbar doch etwas anders verstanden. Aber jetzt ist der Fall der Berliner Mauer nicht mehr aufzuhalten. Die friedliche Revolution hat gesiegt. In der Nacht gehen die Schlagbäume hoch, Sektkorken knallen, Feuerwerksraketen steigen auf, Freudentränen fließen, wildfremde Menschen fallen sich in die Arme und feiern gemeinsam ein Fest der Freiheit. Für Schabowski selbst mündet dieser Abend in der Unfreiheit: Wie der letzte DDR-Staatschef Egon Krenz wird er Jahre später in der gerichtlichen Aufarbeitung des DDR-Unrechts (vor allem der Todesschüsse an der Berliner Mauer) zu einer Haftstrafe verurteilt. Anders als Krenz zeigt Schabowski allerdings Reue und entschuldigt sich bei Opfern und Hinterbliebenen – mit den ehemaligen SED-Genossen kommt es allerdings zum offenen Bruch, weil sich Schabowski kritisch mit der DDR-Vergangenheit – und seiner eigenen – auseinandersetzt. Dieser Prozess hat bei manch anderen selbst ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall noch nicht eingesetzt…

Alle Biografien zum Mauerfall im Blog:

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Michail Gorbatoschow: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben..."

Michail Gorbatschow macht den Ostdeutschen Mut

Bundesarchiv, Bild 183-1989-1007-402 / Franke, Klaus / CC-BY-SA
Bundesarchiv, Bild 183-1989-1007-402 / Franke, Klaus / CC-BY-SA

Es ist die Geburtstagsparty einer Todkranken: Im Herbst 1989 wird die DDR 40 Jahre alt. Die politische Führung des ostdeutschen Unrechtsregimes feiert die vermeintlichen Erfolge des Arbeiter- und Bauernparadieses. Die Arbeiter  und Bauern feiern nicht - sie demonstrieren lautstark gegen die immer gravierenderen Missstände im Land. Ihr wichtigster Verbündeter im Oktober vor 25 Jahren ist ausgerechnet Honeckers Ehrengast: Michail Gorbatschow, der große Bruder aus Moskau: "Gorbi, Gorbi", rufen die Menschen, "Gorbi hilf' uns!". Gorbi hilft - und wie: In einer spontanen Stellungnahme watscht er die reformunwillige DDR-Regierung im Westfernsehn ab: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!"

Biografie Gorbatschow

Foto: RIA Novosti archive, image #359290 / Yuryi Abramochkin, Lizenz: CC-BY-SA 3.0)
Foto: RIA Novosti archive, image #359290 / Yuryi Abramochkin, Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Biografisch gesehen ist Michail Gorbatschow sehr früh dran. Geboren 1931 macht er rasch Parteikarriere. Von seiner Heimat, dem Nordkaukasus, zieht es ihn über die die Jugend- und Regionalgruppierungen der herrschenden kommunistischen Partei bis hinauf in die Staatsspitze. Ungewöhnlich jung wird er erst Generalsekretät, dann übernimmt er die Führung im Obersten Sowjet. Gegen alle Widerstände der Alteingesessenen wir Gorbatschow zum Shootingstar der schwächelnden Sowejtunion. Nahezu revolutionär ist sein politisches Doppelprogramm von Glasnost und Perestrojka: Die Öffentlichkeit wird auf einmal besser informiert und in der Wirtschaft hält das Prinzip Eigenverantwortung Einzug. Wer bei so viel Reformeifer nicht mitzieht (und das sind nicht wenige in der Sowjetführung), der wird ausgetauscht. Die Gefahr dieser mutigen Politik: Gorbatschow kommt im Westen besser an als im Osten (zumindest unter den führenden Politikern). Darüber wird er stürzen, aber er war eben nicht zu spät dran: Seine nüchterner Blick auf die Dinge, sein Loslassen von überkommenen Ideologien sind wuchtige Schläge gegen die Altherrenriege um Erich Hobecker und die Mauer. Gorbatschows Mutmacher-Statement in der Tagesschau heute vor 25 Jahren hat die DDR-Bürger darin bestärkt, die Friedliche Revolution zu einem erfolgreichen Ende zu führen.

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Hans-Dietrich Genscher: Die Botschaft der Freiheit

Außenminister Hans-Dietrich Genscher erlöst die 4000 ausreisewilligen DDR-Bürger in der Prager Botschaft

Bundesarchiv, Bild 183-1990-0228-030 / Hirndorf, Heinz / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-1990-0228-030 / Hirndorf, Heinz / CC-BY-SA 3.0

Die miese Stimmung ist einer ungeheuren Anspannung gewichen. 4000 DDR-Flüchtlinge haben sich in die bundesdeutsche Botschaft in Prag geflüchtet. Sie alle wollen in den Westen. Nach quälenden Wochen auf engstem Raum ist nun Außenminister Hans Dietrich Genscher nach Prag gekommen. Jetzt steht er auf dem riesigen Balkon des Botschaftsgebäudes: „Wir sind zu ihnen gekommen“, hebt er an, „um Ihnen zu sagen, dass heute Ihre Ausreise…“ Weiter kommt Genscher nicht. Ohrenbetäubender Jubel brandet auf und bereitet ihm den schönsten Moment seiner politischen Laufbahn – und die dauert immerhin schon eine halbe Ewigkeit.

White House Photograph Office, Lizenz: Gemeinfrei
White House Photograph Office, Lizenz: Gemeinfrei

Hans-Dietrich Genscher wird 1927 in Reideburg geboren (das liegt auf dem Gebiet der späteren DDR). Zum ersten Mal muss er seinem Land unfreiwillig helfen – als Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg. Trotz einer langwierigen Tuberkuloseerkrankung schafft Genscher danach zuerst das Ergänzungsabitur, dann eine Juristenausbildung. Seine eigentliche Bestimmung ist aber die Politik. Doch in der DDR haben Genschers freiheitliche Grundwerte keine Zukunft – in der jungen Bundesrepublik werden sie dagegen gebraucht. In der Freien Demokratischen Partei (FDP) durchläuft Genscher eine klassische Parteikarriere bis zum Bundesvorsitzenden (1974-1985). Seit 1969 sitzt er auch auf Bonner Regierungssesseln. Dort arbeitet er erst mit den sozialdemokratischen Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt zusammen, dann schlägt er sich auf die Seite von Helmut Kohl und der CDU. Zwei Tragödien muss der Dauerminister Genscher verkraften: Die Anschläge auf die olympischen Sommerspiele in München (1972) und den Terror der Rote Armee Fraktion (RAF). Genscher gilt als begnadeter Netzwerker, der seine einflussreichen Kontakte auf zahllosen Reisen pflegt.

Im Herbst 1989 gewinnt er hinter den Kulissen einer UNO-Vollversammlung in New York den sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse für die Sache der ausreisewilligen Botschaftsflüchtlinge. Kurz darauf stimmt auch die DDR-Regierung zu und Genscher kann seine Botschaft der Freiheit überbringen… Nicht nur die 4000 DDR-Bürger, die sich nun freudetrunken in den Armen liegen, hören sie. Die Sonderzüge, die nun gen Bundesrepublik rollen, hinterlassen weitere Risse in der ohnehin schon bröckelnden Mauer.

Übrigens: Genscher kann nicht nur starke Auftritte (wie auf dem Prager Botschaftsbalkon). Auch sein Abgang von der Regierungsbühne hat Stil: Kurz nach seinem 65. Geburtstag tritt er freiwillig zurück. Bis heute genießt er international einen ausgezeichneten Ruf als Vermittler.

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Christoph Wonneberger: "Selig sind die sanft Mutigen"

Der Pfarrer Christoph Wonneberger predigt den friedlichen Revolutionären, die 1989 montags auf die Straße gehen

Christoph Wonneberger, Foto: Dirk Vogel
Christoph Wonneberger, Foto: Dirk Vogel

Die Leipziger Lukaskirche ist an diesem Montag rappelvoll. Aus der ganzen Stadt sind am 25. September 1989 mutige DDR-Bürger gekommen, um die Andacht von Christoph Wonneberger zu hören. „Unselig sind, die ihren Führungsanspruch mit Gewalt durchsetzen wollen,“ predigt „Wonni“, „das Land wird sie enterben.“ Nicht nur den Stasispitzeln ist klar: Das ist ein Frontalangriff auf das sozialistische Unrechtsregime um Erich Honecker. Aber es ist ein Angriff, der auf Gewalt verzichtet. Es ist ein Aufruf zur Friedlichen Revolution: „Selig sind die sanft Mutigen. Sie werden das Land besitzen.“ Dann gehen der Pfarrer und seine Gemeinde auf die Straße und demonstrieren für ihre Freiheit.

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1023-022 / Friedrich Gahlbeck / CC-BY-SA 3.0
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1023-022 / Friedrich Gahlbeck / CC-BY-SA 3.0

Christoph Wonneberger ist 1944 im Erzgebirge geboren. Das evangelische Gemeindehaus ist ihm von Anfang an wohlvertraut, denn schon der Vater ist Pfarrer. Das aber erschwert ihm den Unizugang, den die Staatsführung nur für linientreue Parteisoldaten öffnet. In einer Maschinenschlosserausbildung stellt Wonneberger seinen Sinn fürs Praktische unter Beweis. Das erkennt auch die Staatssicherheit und will ihn als Spitzel anwerben, als er doch noch zur Theologie findet. Obwohl er zunächst zusagt, steigt der junge Pfarrersschüler aus Gewissensgründen wieder aus, ehe er zum Denunzianten wird. Die Stasi lässt ihn fortan nicht mehr aus den Augen. Den Prager Frühling erlebt „Wonni“ als junger Erwachsener direkt in der Goldenen Stadt. Er muss mit ansehen, wie Moskau den Freiheitswunsch der Tschechen mit Panzern und Waffengewalt niederschlägt. Freiheit ist auch für Wonneberger ein großes Thema. Auf der Kanzel und im Pfarrhaus findet er zumindest ein bisschen Freiraum. Er wächst in die Rolle eines unerschrockenen Wortführers hinein, der sich weder von seiner Kirchenleitung, noch von der Stasi einschüchtern lässt. In seiner offenen Gemeindearbeit und auf Flugblättern spricht und schreibt er Klartext. Immer stärker engagiert sich Wonneberger in der DDR für Reformen und bürgerliche Freiheiten. Im Herbst 1989 entwickeln die Friedensgebete und die montäglichen Andachten eine ungeahnte Eigendynamik: Von Woche zu Woche strömen mehr Menschen nach den Gottesdiensten auf die Straßen. Schließlich demonstrieren Hunderttausende friedlich gegen das sozialistische Unrechtsregime. 

„Wir sind das Volk“, rufen die Menschen – und die Mauer beginnt unter diesen kraftvollen Worten zu bröckeln. Mitten im größten Triumph seines langen Freiheitskampfes aber verschlägt es Christoph Wonneberger die Sprache: Ausgerechnet der wortmächtige Revolutionär kann nach einem Hirnschlag plötzlich nicht mehr sprechen. So wie die DDR zusammenbricht, so stürzt auch Wonnebergers Welt in sich zusammen: Die Kirche schickt ihn wider seinen eigenen Willen in den Vorruhestand und er gerät rasch in Vergessenheit. Schließlich zerbricht auch die Ehe mit Ute, in die Wonneberger lange Zeit wenig Zeit investiert hatte. Aber Wonneberger steckt nicht auf. Langsam, aber stetig kämpft er sich zurück – erst ins Leben, dann ins öffentliche Bewusstsein. Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall ist „Wonni“ ein gefragter Zeitzeuge, der gerne seine Geschichte von Mut und Entschlossenheit erzählt.

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Die Benjamins: Opfer, Denker und Täter

Uwe-Karsten Heye hat ein Buch über die Benjamins geschrieben

Walter, Hilde, Georg, Dora, Michael: Nur die Vornamen sind gewöhnlich. Die Geschichte der Benjamins ist so etwas wie eine deutsche Familiensaga des 20. Jahrhunderts. Der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye hat sie aufgeschrieben und auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. Das Eulengezwitscher war berichtet von einer geschichtlichen Gratwanderung...

Uwe-Karsten Heye

Die Benjamins

Eine deutsche Familie

Erschienen im Aufbau-Verlag im März 2014. 361 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 22,99 €.


Uwe-Karsten Heye hat sich viel vorgenommen: Erstens hat er fünf mitunter schwierige Persönlichkeiten zu porträtieren, darunter den Philosophen Walter Benjamin und seine Schwägerin Hilde Benjamin, die spätere DDR-Justizministerin. Zweitens will er anhand eines tragischen Familienschicksals ein Jahrhundert deutscher Zeitgeschichte nachzeichnen. Schließlich (und drittens) möchte er mit seinem Buch über die Benjamins einen Beitrag zu einer gesamtdeutschen Geschichtsschreibung leisten. Für Heye ist es 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer an der Zeit, gegenläufige ost- und westdeutsche Geschichtsdeutungen zugunsten einer gemeinsamen Lesart aufzulösen: Kriegen wir über solche Familiengeschichten - über solche Opfergeschichten - eine gemeinsame Erzählung unserer Geschichte hin?

Lizenz: Bundesarchiv, Bild 183-15600-0005 / Köhler, Gustav / CC-BY-SA

Das ist ein spannender und lohnenswerter Ansatz und die Bejamins sind dafür eine treffend gewählte Familie, deren Schicksal einem Streifzug durch durch deutsche Geschichte gleicht: Sie haben bürgerliche Wurzeln, sind im Kaiserreich sozialisiert, haben in der Weimarer Republik gewirkt und sind als jüdische Kommunisten von den Nationalsozialisten verfolgt worden. Walter nahm sich das Leben, sein Bruder Georg wurde im Konzentrationslager Mauthausen ermordet und Schwester Dora stirbt kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an Krebs.  Hilde Benjamin, die Überlebende, macht in der DDR Justiz-Karriere - und zwar als gnadenlose Richterin, deren Prozessführungen und Urteile nur allzusehr an den Terror in nationalsozialistischen Gerichtssälen erinnern.  Jetzt wird Hilde Benjamin vom Opfer zur Täterin und spricht sogar Todesurteile aus. Hier gerät Heye auf seiner Gratwanderung einer gesamtdeutschen Geschichtsschreibung bedrohlich ins Schwanken. Zum einen nimmt er "die rote Hilde" zumindest soweit in Schutz, dass er ihre Schauprozesse nicht auf eine Stufe mit denen der Nationalsozialisten stellen will. Zum   Er wirbt um Verständnis für die die politische und persönliche Situation, aus der heraus Hilde Benjamin zur "roten Guillotine" wird. "Man muss sie ja nicht beschönigen," sagt Heye,  "aber man muss wenigstens versuchen zu verstehen, welche Haltung und Prägung sie zu der gemacht hat, die sie am Ende war." Das ist ein hehrer (und mutiger) Vorsatz, denn das Sichhineinversetzen birgt die Gefahr des Sichdarinverlierens. Das wiederum sollte einem biografisch arbeitenden Autor nicht passieren. Im Fall von Heyes Buch kann auch eine gesamtdeutsche Perspektive nicht darüber hinwegtäuschen, dass Hilde Benjamin nicht nur Opfer ist, sondern auch Täterin. Das stellt Heye zwar nicht infrage. Allerdings hat er seine Formulierungen zumindest auf der Buchmesse so akzentuiert, dass die Täterrolle hinter der Opferrolle zurücktritt. Und eine solche Akzentuierung ist - bei allem Respekt für die enormen Verdienste des Benjamin-Buches  -  kein Dienst an einer gesamtdeutschen Geschichtsdeutung. Würde Heye jedoch von Opfer- und Tätergeschichten sprechen - auch dafür ist das Familienschicksal der Benjamins  exemplarisch - würde er wohl seinen eigenen Anspruch besser bedienen.

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Arnulf Baring: Streit, Kultur, Deutschland

Arnulf Baring legt seine autobiografischen Notizen vor

Foto: Tohma (talk). Lizenziert unter GFDL
Foto: Tohma (talk). Lizenziert unter GFDL

"Der Unbequeme" ist ein seltsam entrückter Titel für ein Erinnerungsbuch. Nicht minder merkwürdig ist der Untertitel: "Autobiografische Notizen". Für Arnulf Barings Memoiren ist das allerdings treffend gewählt. Der streitbare und umstrittene politische Professor ist angenehm unbequem: Baring zeigt, was viele Politiker gerne zeigen würden: klare Kante. Seine Memoiren (erschienen im Europa Verlag Berlin) sind auch eher drei ineinander greifende autobiografische Fragmente: Notizen zu prägenden Kindheits- und Jugenderinnerungen, zur Revue seines wissenschaftlichen Lebenswerkes und zu gegenwartsbezogenen Schlussfolgerungen aus seinem über Jahrzehnte gereiften politischen Denken.

Arnulf Baring

Der Unbequeme

Autobiografische Notizen

Erschienen im Europa Verlag Berlin im November 2013. 400 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 21,90 €.


Die Art und Weise, in der Baring dieses politische Denken äußert (vor allem zu deutschen Fragen), hat dem mittlerweile über Achtzigjährigen seit geraumer Zeit das Image des Querulanten eingebracht: Einen "greisen und enthemmten Historiker" hat ihn die tageszeitung genannt und sich über seine zeternde und lautstarke Streitkultur geärgert. Dabei übersehen Barings Kritiker, dass er solche Provokationen gezielt setzt: Wer nicht rückhaltlos für offene, kontroverse Debatten eintritt, legt die Axt an die Wurzeln  unserer Demokratie. Baring belässt es nicht bei allgemeiner Schelte. Er bezieht konkret Stellung zu aktuellen politischen Fragen:

Die sture Verbissenheit beispielsweise, die die Regierung bei immer neuen Euro-Rettungsschirmen zeigt, und ihre zur Schau gestellte Selbstsicherheit finde ich beängstigend. Man spürt den schwankenden Boden, bemerkt erschrocken, mit welcher fast schon totalitären Attitüde Abweichler unter Druck gesetzt werden. Es ist unfassbar, wie arrogant die Regierung Merkel, aber auch alle anderen Parteien, freie Aussprachen des Parlaments in dieser Schicksalsfrage der Nation unterbinden.

Baring weiß um die Wirkung solcher drastischer Worte - aber er fürchtet sie nicht. Das mag zwei biografische Ursachen haben. Zum einen ist der Politikwissenschaftler Baring ein intimer Kenner des Innenlebens von Regierungen. Zum anderen hat er in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs ganz andere Ängste kennen- und überwinden gelernt. Die Erinnerungen an diese beiden Lebensabschnitte zählen zu den stärksten Passagen von Barings Memoiren, während seine politischen und zeitgeschichtlichen Ausführungen zur Misere des Euro, zum Sozialstaat und zur politischen Kultur den eher zusammenfassenden Charakter bereits geäußerter Standpunkte tragen.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F038347-0030 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA
Bundesarchiv, B 145 Bild-F038347-0030 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA

In den Erinnerungen an die semibiografische Arbeit über Walter Scheel ("Machtwechsel"), die zu einer detaillierten Untersuchung der sozialliberalen Regierung unter Willy Brandt geraten ist, zeigt sich Baring als scharfsinniger Analytiker von Politik und Persönlichkeiten. Zahlreiche Protagonisten der Bonner Republik (freundlich gesinnte und andere) charakterisiert er in jeweils wenigen Worten. Dabei beschränkt er sich in seinen Memoiren nicht nur auf Politiker, sondern porträtiert auch Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Kultur. Neben der kurzweiligen Zeitgeschichte der 1960er und 1970er Jahre sind sind es insbesondere die szenisch geschilderten Eindrücke aus dem brennenden Dresden vom Februar 1945 (Baring ist zwölf Jahre alt), deren Eindringlichkeit beeindruckt:

Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001 / Hahn / CC-BY-SA
Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001 / Hahn / CC-BY-SA

Es ist unvorstellbar, welch ein Sturm entsteht, wenn eine große Stadt brennt. [...] Wir konnten uns kaum auf den Beinen halten. Fest eingehakt, um nicht fortgerissen zu werden, kämpften wir uns Meter für Meter vorwärts, unsere Köfferchen mit Ausweispapieren und dem Nötigsten an die Brust gepresst. [...] Brennende Balken vielen von den Dächern, Schornssteine kippten auf die Straßen, Mauern zerbarsten. [...] Dies war der Moment, in dem ich nicht mehr an den Führer glaubte, dem ich bis dahin noch kindliches Vertrauen entgegengebracht hatte.

Dieses Erwachen aus der Endsiegerwartung prägt Barings politisches Denken. Zeitlebens wird er sich Fragen nach der richtigen Vergangenheitsbewältigung stellen. Seine Anworten sind ihm in den autobiografischen Notizen so wichtig, dass er sie bereits im ersten Kapitel zur Sprache bringt und später nochmals aufgreift. Man möge doch deutsche Geschichte nicht auf die Katastrophe des Dritten Reiches verkürzen. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Baring beschönigt, verdrängt und leugnet nichts. Er will auch die Akten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nicht schließen - Aufklärung bleibt geboten. Aber der Umgang mit Hitler, so Baring, solle nicht länger von Selbsthass und Verdrängung des eigenen Leids geprägt sein. 

Es ist an der Zeit, unser beschädigtes Nationalgefühl zu überwinden und uns darauf zu besinnen, was uns in den besten Phasen unserer Geschichte ausgezeichnet hat: ein hohes, humanistisch geprägtes Bildungsbewusstsein, Innovationskraft, Unternehmergeist und die Wertschätzung freiheitlich-demokratischer Grundrechte. All das kann zu einem Patriotismus ohne Größenwahn und Großmannssucht beitragen.

Fazit: Der Unbequeme hat gesprochen. Selbst wenn man Barings Positionen nicht samt und sonders teilt, sind seine autobiografischen Notizen inspirierend. Sie verbinden klare und streitbare Analysen mit essayistischem Schwung. Dazu kommt, dass der "Professor für Plauderei" (so hat ihn seine Mutter genannt) wirklich etwas zu erzählen hat. Seine Erinnerungen sind ein wertvolles Stück deutscher Zeit- und Geistesgeschichte: spannende Lektüre nicht nur für Historiker und Politikwissenschaftler. 

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Nachruf auf Ariel Scharon

Foto: Jim Wallace (Smithsonian Institution), Lizenz: public domain
Foto: Jim Wallace (Smithsonian Institution), Lizenz: public domain

Er machte israelische (Kriegs-)Geschichte: Ariel Scharon. Heute ist  der ehemalige Premierminister endgültig gestorben (seit knapp acht Jahren hatte er im Wachkoma gelegen). Zeitlebens diente Scharon seinem Land  Israel mit harter Hand. Er zögerte weder als Militär noch als Politiker, Gewalt anzuwenden, um seine Heimat zu verteidigen. Das war zu manchen Zeiten durchaus opportun (manche sagen sogar: es war notwendig). Zu anderen Zeiten machte sich der Hardliner Scharon  mit seiner kompromisslosen Haltung unmöglich.

Schon als Kind zieht der 1928 geborene Scharon in den Religionskrieg um das Heilige Land. Dorthin sind seine Eltern aus Osteuropa eingewandert. Noch ehe der Staat Israel gegründet ist, kämpft Scharon gegen Araber und Briten, die noch das Sagen haben in Palästina (das Empire übt eine Mandatsherrschaft aus). Als die Gründung des von Theodor Herzl verheißenen "Judenstaats" näherrückt, schließt sich der Teenager der paramilitärischen Hagana an, aus der später die israelische Armee hervorgeht. Von da an macht Scharon eine rasante militärische Karriere. An allen Kriegen Israels ist er beteiligt - zunächst als einfacher Soldat und Fallschirmspringer (Scharon wird schwer verwundet), dann in Führungspositionen. Sein verwegener Mut schlägt immer öfter in Übermut um. Scharon ignoriert Befehle, wenn er die taktische Lage für günstiger hält als die Armeeführung. Während der Suezkrise (1956) bringt ihm das noch Kritik ein. Im Sechstagekrieg (1967) und im Jom-Kippur-Krieg (1973) machen ihn seine erfolgreichen Alleingänge allerdings zum Volkshelden. Mit der Heldenverehrung ist es schlagartig vorbei, als Scharon - mittlerweile israelischer Verteidigungsminister - nichts unternimmt, um ein Massaker im Libanon zu verhindern. Die politische Karriere scheint vorbei. Scharon tritt aber nur als Verteidigungsminister ab. Die Geschicke Israels lenkt er schon bald wieder aus der Regierung - sogar vom Chefsessel des Premierministers aus. Wieder gibt er sich unnachgiebig: Er beschimpft den Friedensnobelpreisträger Yizckak Rabbin als Verräter, weil der Frieden schließen will mit den Palästinensern. Scharon setzt dagegen auf Konfrontation. Er treibt den israelischen Siedlungsausbau voran und beginnt damit, den weltweit kritisierten Grenzzaun zu errrichten. Welche Überraschung aber, als der Regierungschef einen "Scharon-Plan" präsentiert, der den teilweisen Abbau  der umstrittenen Siedlungen vorsieht. Freunde wie Gegner sind irritiert: Warum vollzieht Scharon diese Kehrtwende? Man wird darauf keine endgültigen Antworten mehr finden. Noch ehe Scharon seine neue Politik fortsetzen kann (oder auch nicht), trifft ihn der Schlag. 2006 fällt er ins Koma. Erst heute hat sein Sterben ein Ende gefunden.

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Richard Nixon: Der Skandal-Präsident

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Richard Nixon (Foto: Oliver F. Atkins)

Er scheiterte noch schlimmer als der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff: Richard M. Nixon, der 37. US-Präsident (1913-1994). Wie Wulff ist auch Nixon erst unter gewaltigem öffentlichen Druck und drohender Strafverfolgung zurückgetreten. Anders im Fall Wulff war gegen Nixon bereits ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet worden. Und anders als bei Wulff lauteten die Vorwürfe nicht "nur" Vorteilsnahme und dubiose Kreditgeschäfte, sondern Missbrauch von Regierungsbehörden, Straftatsvertuschung und Justizbehinderung.

Was war passiert und wie konnte es dazu kommen? Denn es hatte ja gut angefangen: Richard Nixon wurde in eine Quäkerfamilie geboren: Gebete statt Flüche, Tee statt Alkohol, harte Arbeit statt müßigem Spiel – dass eine solche Erziehung durchaus auch ins Weiße Haus führen kann, hat Jimmy Carter gezeigt. Nixon aber fiel er aus der Rolle. Im Präsidentschaftswahlkampf 1972 hatte der zeitlebens nervöse Republikaner Nerven gezeigt und einen Einbruch in das Hauptquartier der Demokratischen Partei zumindest stillschweigend gebilligt.

Watergate-Gebäudekomplex
Watergate-Gebäudekomplex

Dort – im Watergate-Gebäudekomplex – sollten Wanzen installiert und Dokumente kopiert werden, um die politischen Gegner erst auszuspionieren und dann mit pikanten Details bloßzustellen. Sowohl was Einbrüche als auch was Verleumdungen angeht, hatte Nixon schon einschlägige Erfahrungen gesammelt: Als Student war er ins Dekanatsbüro eingestiegen, um die Prüfungsunterlagen vorab einzusehen. Und im Wahlkampf um den kalifornischen Senatorenposten diffamierte er seine Gegenkandidatin als Kommunistin – das war in den 50er Jahren in der US-Politik schwer in Mode und fast immer erfolgreich gewesen (sog. McCarthy-Ära).

Watergate-Gebäudekomplex
Watergate-Gebäudekomplex

Dort – im Watergate-Gebäudekomplex – sollten Wanzen installiert und Dokumente kopiert werden, um die politischen Gegner erst auszuspionieren und dann mit pikanten Details bloßzustellen. Sowohl was Einbrüche als auch was Verleumdungen angeht, hatte Nixon schon einschlägige Erfahrungen gesammelt: Als Student war er ins Dekanatsbüro eingestiegen, um die Prüfungsunterlagen vorab einzusehen. Und im Wahlkampf um den kalifornischen Senatorenposten diffamierte er seine Gegenkandidatin als Kommunistin – das war in den 50er Jahren in der US-Politik schwer in Mode und fast immer erfolgreich gewesen (sog. McCarthy-Ära).

Beim Watergate- Einbruch hat Nixon aber Pech. Der Wachdienst ist auf Zack und setzt die Einbrecher fest. Vor Gericht halten sie – gegen Bezahlung – solange dicht, bis ihnen der Richter, der sich mit wortkargen Geständnissen nicht zufrieden gibt, übermäßig lange Haftstrafen androht. Mit dem ersten Geständnis beginnt ein politisches Dominospielchen: Einer nach dem Anderen fallen die Handlanger und die Berater des Präsidenten: Es hagelt Rücktritte, Entlassungen und Haftstrafen. Das aber ist weder den eifrigen Journalisten der Washington Post genug (siehe Filmtipp 'Die Unbestechlichen'), noch der Justiz.


Obwohl sich Nixon mit Händen und Füßen gegen mediale und juristische Aufklärung sträubt und sogar Beweismittel vernichten lässt, tauchen Tonbänder auf, mit denen die Watergate-Affäre bis Weiße Haus zurückverfolgt werden kann. Nixon ist am Ende und tritt grantelig und uneinsichtig ab, ehe er aus dem Amt geklagt werden kann. Drei Jahre später wird er dem Fernsehjournalist nach einem Interview-Marathon in einem kurzen Moment emotionaler Aufwühlung dann doch noch zugeben, dass er das amerikanische Volk, sein Volk, belogen und getäuscht hat (siehe Filmtipp 'Frost/Nixon'). Watergate und die Folgen werden wohl auf immer die Erinnerung an Richard Nixon bestimmen, der heute, am 9. Januar 2014, 101 Jahre alt geworden wäre.

Übrigens: In wenigstens einem Punkt hatte Nixon allerdings mehr Glück als Christian Wulff. Seine Frau Patricia blieb an seiner Seite und die beiden waren 53 Jahre verheiratet.

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Helmut Schmidt: Der Krisen-Kanzler

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Helmut Schmidt (Foto: Bundesarchiv/Wienke)

Er war der Krisen-Kanzler mit dem kühlen Kopf: Helmut Schmidt. Eine Krise ist es, die den dreifach erfahrenen Bundesminister (Verteidigung,  Finanzen, Wirtschaft) 1974 ins Kanzleramt katapultiert. Willy Brandt ist zurückgetreten. Die sozialliberale Koalition ist führungslos und Schmidt springt ein. Vom ersten Tag an ist er auch im Amt ein Krisenmanager. Die Bundesrepublik laboriert an den Folgen der Ölkrise. Die deutsche Wirtschaft ist geschwächt und die vom Ehrhardschen Wirtschaftswunder verwöhnten Deutschen sind verunsichert. Da kommt der selbstsichere Schmidt gerade recht. Geboren 1918 (heute vor 95 Jahren) in Hamburg saugt Helmut schon mit der Muttermilch  Stolz und Selbstbewusstsein der  Freien und Hansestadt in sich auf. Auf der reformpädagogischen Lichtwarkschule darf der Bürgerssohn seine künstlerischen  Talente erforschen: Er malt und musiziert gerne. Obwohl er zeitlebens leidenschaftlich Klavier spielt (es gibt sogar eine CD), verdrängt vorerst der Krieg die schönen Künste. Schmidt zieht als disziplinierter aber unpolitischer Soldat an die Front. Dort entwickelt er seine Führungsqualitäten. In der Wehrmacht dient er zuletzt als Oberleutnant, die Bundeswehr befördert ihn später zum Hauptmann der Rerserve.


Privat liegen Freud und Leid nah beieinander. Helmut Schmidt heiratet seine Loki - aber die beiden verlieren viel. Erst ihr Hab und Gut in den Hamburger Bombennächten. Dann - wesentlich schlimmer - ihren Sohn, der noch vor seinem ersten Geburtstag stirbt. Loki und Helmut Schmidt halten zusammen und bauen ihr Leben von Neuem auf. Nach dem Krieg tritt Schmidt in die SPD ein und macht dort mit markigen Worten und kernigen Gesten rasch Parteikarriere. "Schmidt-Schnauze" wird Hamburger Polizeisenator. In diesem Amt bewährt sich Schmidt als Macher und Krisenstratege. In der Hamburger Flutkatastrophe von 1962 sind schnelle und klare Ansagen gefragt - und das kann Schmidt leisten. Gerade in heiklen Entscheidungssituationen (nichts anderes sind Krisen) behält er einen kühlen Kopf und dirigiert seine Mitstreiter. Dem überforderten Bürgermeister Paul Nevermann entzieht er kurzerhand das Kommando: "Paule, lass man, davon verstehst Du nichts..."

Bundesarchiv, B 145 Bild-F044137-0029 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA
Schmidt und Schleyer (Foto: Bundesarchiv/Schaack)

Die schwierigste Krise, die Schmidt in seiner langen Politikerlaufbahn zu bewältigen hat, steht ihm erst noch bevor. In seine Kanzlerschaft fällt der linke Terror der RAF. Spitzenbanker wie Jürgen Ponto (Dresdner Bank), Repräsentanten des Rechtsstaats wie Generalbundesanwalt Siegfried Buback und Wirtschaftsfunktionäre wie Hanns Martin Schleyer werden ermordet. Schmidt ist ohnmächtig und stark zugleich. Auch wenn er persönlich darunter leidet, verhandelt er nicht mit den Terroristen. Der Staat, den er regiert, lässt sich nicht erpressen und genau das erklärt Schmidt den Deutschen (siehe Clip).

Selbst als als die Lufthansa-Maschine 'Landshut' gekapert wird und sich auf dem Flughafen von Mogadischu ein Entführungsdrama abspielt, behält Schmidt die Nerven (literweise Cola und Unmengen von Zigaretten helfen ihm dabei). Er schickt die neu gegründete Eliteeinheit GSG9, die die Geiselnahme (fast) unblutig beendet. Eine Krise ist es dann auch, die Schmidts Kanzlerschaft beendet: Eine Regierungskrise. Die eigenen  Genossen teilen die bündnisstrategische Überzeugung des Kanzlers nicht: Anders als Helmut Schmidt sind seine Sozialdemokraten mit dem NATO-Doppelbeschluss nicht einverstanden. Dass auch die FDP längst wieder mit der CDU/CSU anbändelt, führt zum Kanzlersturz per konstruktivem Misstrauensvotum. Mit den Stimmen von Schwarz-Gelb wählt der Bundestag 1982 Helmut Kohl zum Kanzler.  Schmidt geht hoch erhobenen Hauptes. Wie kein anderer Kanzler prägt er auch nach seiner Amtszeit die öffentliche Meinung - ob als ZEIT-Herausgeber oder als 'Elder Statesman'. Auch wenn der Altkanzler gerade erst wieder mit markigen Worten seinen Abschied vom Reisen bekannt gegeben hat ("Das war's!)", dürfen wir wohl auch weiterhin auf seine profunden und (zumeist) hilfreichen Zwischenrufe hoffen. In jedem Fall: Herzlichen Glückwunsch zum 95. Geburtstag, Helmut Schmidt. 

Ach ja... Eine kleine Entschuldigung in eigener Sache: Als Helmut Schmidt in seiner Partei und in der Bevölkerung wegen des NATO-Doppelbeschlusses unter Druck geraten ist, habe ich im Baggi in Bonn (unter anderem) gegen seine Politik demonstrieren müssen. Hätte ich eine Wahl gehabt, ich wäre lieber zuhause (im Sandkasten) geblieben...

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Nachruf auf Nelson Mandela

Quelle: Library of the London School of Economics and Political Science, Lizenz: public domain
Quelle: Library of the London School of Economics and Political Science, Lizenz: public domain

Er triumphierte über den Rassenhass: Nelson Mandela. Seine Lebensgeschichte ist die Geschichte vom Freiheitskampf der schwarzen Südafrikaner. Mandelas ursprünglicher Name ist Programm: Rolihlahla bedeutet so viel wie Querulant - und tatsächlich: schon der junge Mandela will sich nicht mit der unsäglichen Trennung von Weißen und Schwarzen (Apartheit) abfinden.  Seine einflussreiche südafrikanische Familie aus dem Volk der Xhosa ermöglicht ihrem Sprössling nicht nur eine unbeschwerte Kindheit und Jugend, sondern auch ein Studium. Diese Chance lässt Mandela nicht ungenutzt. Englisch studiert er, um die Kultur der westlichen Demokratien zu verstehen und die Sprache Europas und Amerikas zu sprechen. In Politikvorlesungen setzt er sich, um zu lernen, wie Staaten- und Völkerlenker ticken: Die Eingeborenenverwaltung schließlich begreift er als praktische Vorbereitung auf eine Karriere in der südafrikanischen Ministerialbürokratie. Aber dann kommt alles anders.

Obwohl sich Mandela wie Martin Luther King auf Mahatma Gandhis Prinzip des gewaltlosen Protests gegen die Rassentrennung festgelegt hat, schließt er sich dann doch dem bewaffneten Widerstand an. Das macht ihn zum Staatsfeind. Zwar endet ein erster Prozess in den 1950er Jahren mit Freispruch, aber das währt nicht lange. 1964 wird er wegen der Vorbereitung des bewaffneten Kampfes zu lebenslanger Haft verurteilt.


Mandelas Zelle auf Robben Island (Paul Mannix)
Mandelas Zelle auf Robben Island (Paul Mannix)

Mandela wird hoch erhobenen Hauptes abgeführt. Ähnlich wie Fidel Castro hat er in seinem Prozess die Vorwürfe gegen sich gar nicht erst bestritten, im Gegenteil. Er hat den bewaffneten Widerstand als notwendig verteidigt, da die Regierung den gewaltlosen Protest nicht ernst genommen hat. Noch nach einem Vierteljahrhundert als namenloser Häftling mit der Nummer 46664 ist sein Wille ungebrochen. Ein Begnadigungsangebot, das daran geknüpft ist, dem bewaffneten Widerstand zu entsagen, lehnt er entschieden ab. Diese persönliche Prinzipientreue mag streitbar sein - Gewalt ist schließlich auch keine Lösung - aber sie wächst sich nur wenige Jahre später zu wahrhaft historischer Größe aus: Als nämlich Südafrikas Staatspräsdident Frederik de Klerk Mandela 1990 ohne Bedingungen freilässt, da verzichtet Mandela nicht nur auf Waffengewalt, sondern er ruft zu Vergebung und  Versöhnung auf.

World Economic Forum Annual Meeting Davos 1992. Licensed under CC BY-SA 2.0
World Economic Forum Annual Meeting Davos 1992. Licensed under CC BY-SA 2.0

Alle - auch die ehemaligen Anhänger der Apartheit - mögen doch bitte gemeinsam an einem demokratischen Südafrika arbeiten. Das imponiert nicht nur einem gewissen Komittee in Oslo, das Mandela und de Klerk 1993 mit dem Friedensnobelpreis auszeichnet. Auch die Südafrikaner sind begeistert. Ein Jahr darauf wählen sie Mandela zu ihrem Präsidenten. Der frischgewählte Staatenlenker erneuert sein Versprechen:  "Wir werden eine Gesellschaft errichten, in der alle Südafrikaner, Schwarze und Weiße, aufrecht gehen können, ohne Angst in ihren Herzen, in der Gewissheit ihres unveräußerlichen Rechtes der Menschenwürde – eine Regenbogennation im Frieden mit sich selbst und mit der ganzen Welt." Nelson Mandela hat mehr als den Grundstein zu dieser Gesellschaft gelegt. Nach langer Krankheit ist er gestern im Alter von 95 Jahren gestorben.

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Franz Josef Strauß: Der letzte König von Bayern

Bundesarchiv, B 145 Bild-F074245-0031 / Arne Schambeck / CC-BY-SA
Bundesarchiv, B 145 Bild-F074245-0031 / Arne Schambeck / CC-BY-SA

Er war der wichtigste bayrische Nachkriegspolitiker: Franz Josef Strauß. Fast drei Jahrzehnte hat er die Christlich Soziale Union geführt, zehn Jahre davon als Ministerpräsident des Freistaats Bayern. München ist ihm nicht nur politische Heimat. Hier wird er 1915 geboren. Hier rockt er das alt ehrwürdige Maximilianeum und macht dort das jahrgangsbeste Abitur. Auch sportlich ist das spätere (politische) Schwergewicht als Radrennfahrer ganz vorne dabei. Beruflich lässt es Strauß katholisch solide angehen: Er studiert Sprach- und Literaturwissenschaft und legt damit die Wurzeln seines künftig bewunderten wie gefürchteten Redetalents. Aber die Wurzeln werden jäh gekappt. Hitler will Krieg führen und Strauß ist im wehrfähigen Alter. Er wird zu den Waffen gerufen. Wie sein kommender Gegenspieler Helmut Schmidt beweist Strauß im Feld Führungsqualitäten und bringt es bis zum Oberleutnant. Viel schlimmer aber: Das Manuskript seiner Doktorarbeit verbrennt in den Flammen eines Bombenhagels auf München. Die Tür zur Wissenschaft ist erstmal zu und Strauß muss umplanen. Nach Krieg und kurzer Gefangenschaft steigt Strauß in die Politik ein. Er macht rasant Karriere: Stellvertretender Landrat im Schongau, Jugendvertreter im CSU-Vorstand, Mitarbeit im Frankfurter Wirtschaftstrat (wo er sich für Ludwig Ehrhards Soziale Marktwirtschaft stark macht), schließlich Mitglied des ersten Deutschen Bundestages. In der Fraktion leitet er die CSU-Landesgruppe. 1955 macht Bundeskanzler Konrad Adenauer den Vierzigjährigen zum Minister - erst für Atomfragen, dann für Verteidigung. Anfang der 1960er Jahre endet der politische Höhenflug des Hobbypiloten Strauß mit einer Bruchlandung: In der Spiegelaffäre lastet man ihm an, dass die Redaktionsräume des Hamburger Nachrichtenmagazins nach missliebiger Berichterstattung über die Bundeswehr durchsucht und der Herausgeber Rudolf Augstein nebst leitenden Redakteuren wie Conrad Ahlers vorübergehend verhaftet werden. Strauß muss zurücktreten und liebäugelt wieder mit einer nachgeholten akademischen Laufbahn. Aber die Verlockungen der Politik sind stärker. Strauß ist nur vorerst gescheitert und kehrt 1969 als Finanzminister an den Kabinettstisch zurück. In der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger arbeit er noch mit seinen späteren sozialdemokratischen Widersachern zusammen. Dann aber schmiedet die FDP mit ihnen ein Regierungsbündnis und Strauß wird zum leidenschaftlichen Oppositionspolitiker. Den einstigen Koalitionspartner schmäht Strauß als "Hund der mit zwei Schwänzen wackelt". Im Bundestag liefert er sich legendäre Rededuelle mit Herbert Wehner und Helmut Schmidt. Die Kunst der politischen  Rede ist in den 1970er Jahren auf dem Zenit. Wortwitz, schlagfertige Pointen und Metaphern machen Lust auf Politik:


Rezensionen zu Strauß-Biografien: Ein auf das Bild klicken...
Rezensionen zu Strauß-Biografien: Ein auf das Bild klicken...

Auch in Bierzelten und in der Partei poltert Strauß (nicht immer ganz nüchtern): "Der Helmut Kohl wird niemals Bundeskanzler. Der ist total unfähig." Niemals Kanzler wird ein anderer: Strauß höchstselbst. In einem hitzigen und ideologisch aufgeladenem Wahlkampf ("Stoppt Strauß!") scheitert er 1980 als Kanzlerkandidat. Zwei Jahre spätere tritt ausgerechnet Helmut Kohl seine sechszehnjährige Regierungszeit an. Strauß verfolgt inzwischen andere Interessen. Als Ministerpräsident (seit 1978) macht er Bayern zukunftsfähig und zeigt sich weltgewandt (beispielsweise mit einem Staatsbesuch in Mao Zedongs kommunistischem China). Dabei ist Strauß ein unermüdlicher Antikommunist. Einer seiner Lieblingswitze:  "Was passiert, wenn in der Sahara der Sozialismus eingeführt wird? Zehn Jahre überhaupt nichts, und dann wird der Sand knapp... (mehr Strauß-Zitate gibt's hier) Welche Sensation also, dass Strauß Erich Honeckers DDR einen Milliardenkredit verschafft. Allerdings muss die SED als Gegenleistung den Menschen in Ostdeutschland den Alltag erleichtern und Selbstschutzanlagen an der innerdeutschen Grenze abbauen. Diese Grenze hat Strauß nicht überlebt. Sein Todestag jedoch hat im nachhein sehr viel mit der Wiedervereinigung zu tun. Seit 1990 ist es der Tag der Deutschen Einheit. Am 3. Oktober 1988 - heute vor 25 Jahren - trifft ihn auf dem Weg zur Jagd der Schlag. Der spätere Papst Kardinal Joseph Ratzinger spricht beim Trauergottesdienst vielen Bayern aus der Seele: „Wie eine Eiche ist er vor uns gestanden, kraftvoll, lebendig, unverwüstlich, so schien es. Und wie eine Eiche ist er gefällt worden.“

Mehr Strauß im Blog:

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Helmut Kohl: Bundeskanzler 1982-1998

Helmut Kohl (geb. 1930) war für die CDU Bundeskanzler von 1982 bis 1998.

Helmut Kohl (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)
Helmut Kohl (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)
Bundesarchiv, B 145 Bild-F074398-0021 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, B 145 Bild-F074398-0021 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0

Er ist der Kanzler der Einheit: Helmut Kohl. Kohl hat die historische Gelegenheit erkannt und beim Schopf gepackt, die sich mit der Berliner Mauer am 9. November 1989 (er)öffnete. Mit einem Zehn-Punkte-Programm, das schrittweise auf die Deutsche Einheit hinführt, überrumpelt der Kanzler alle: seine CDU/CSU-Parteifreunde, seine Koalitionspartner von der FDP und sogar die vier Siegermächte der Zweiten Weltkriegs, die einer Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands zustimmen müssen. Damit wagt Kohl viel, denn seine Partei, seine Regierungspartner und vor allem die westlichen Verbündeten sind wichtige Stützen seiner Macht - und Macht ist ein Lebensexelier für Helmut Kohl.

Er ist der Kanzler der Einheit: Helmut Kohl. Kohl hat die historische Gelegenheit erkannt und beim Schopf gepackt, die sich mit der Berliner Mauer am 9. November 1989 (er)öffnete. Mit einem Zehn-Punkte-Programm, das schrittweise auf die Deutsche Einheit hinführt, überrumpelt der Kanzler alle: seine CDU/CSU-Parteifreunde, seine Koalitionspartner von der FDP und sogar die vier Siegermächte der Zweiten Weltkriegs, die einer Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands zustimmen müssen. Damit wagt Kohl viel, denn seine Partei, seine Regierungspartner und vor allem die westlichen Verbündeten sind wichtige Stützen seiner Macht - und Macht ist ein Lebensexelier für Helmut Kohl.


Der Parteiführer (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)
Der Parteiführer (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)

Geboren 1930 kommt Kohl nicht mehr in die Verlegenheit, sich politisch für oder wider die Nationalsozialisten entscheiden zu müssen. Die "Gnade der späten Geburt" nennt er das selbst. Mit der Gründung der Bundesrepublik wird Kohl politisch aktiv. Er ist einer der ersten, die eine klassische Parteikarriere durchlaufen: Früh tritt der der CDU und ihrer Jugendorganisation, der Jungen Union (JU) bei. In der Partei fühlt er sich zuhause und zu höhreren Aufgaben berufen. Bald gehört er in CDU und JU zum rheinland-pfälzischen Landesvorstand. Auch in Wissenschaft und Beruf bleibt der gebürtige Ludwigshafener Kohl seiner Heimat treu: Er promoviert über "Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945" - und kennt sich danach bestens in der politischen Landschaft. Zehn Jahre arbeitet er für den Ludwigshafener Industrieverband Chemie und vernetzt sich in der Wirtschaft. Dann wechselt er ganz in die Politik. Schon als Landstagsabgeordneter schnuppert er im Bundesvorstand der CDU Bonner Luft. Als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident sammelt er Regierungserfahrung. Zwar scheitert seine erste Kanzlerkandidatur 1976, aber er bleibt als Oppositionsführer in Bonn. 1982 ist es dann soweit. Die FDP wechselt die Seiten und wählt Kohl zum Kanzler. Dass er von allen Amtsinhabern am längsten regieren würde (16 Jahre), glaubt damals kaum einer. Öffentlichkeit und Presse spotten über Kohl und seine Pfälzer Provinzialität. Seine Kopfform vergleicht man gerne mit einer Birne, der Körperbau bringt ihm den Spitznamen "Der Dicke" ein. Kohl hat es faustdick hinter den Ohren. Seine Regierungszeit festigt sich. Grundlage seiner Macht ist die Partei, die er fest im Griff hat. Kohl regiert mit dem Telefon. Nicht selten klingelt es bei Lokalpolitikern, wenn ein Geburtstag oder ein Verbandsausflug ansteht. Der Kanzler ist am Apparat, um zu gratulieren oder gutes Gelingen zu wünschen. Das kommt bei der Basis an und baut Kohl dadurch seine Hausmacht aus. Selbst als es 1989 beim Bremer Parteitag kritisch wird für Kohl, hält die Partei zu ihm und schasst Genheralsekretär Heiner Geißler, der an Kohls Sturz gearbeitet hatte.

Emissär der Einheit (Foto: Bundesregierung/Pfeil)
Emissär der Einheit (Foto: Bundesregierung/Pfeil)

Dann fällt die Mauer und Kohl handelt mit dem Sowjetführer Michael Gorbatschow im Kaukasus die Modalitäten der Einheit aus. Die Amerikaner hat er ohnehin auf seiner Seite und gemeinsam mit George Bush (Vater) überzeugt er auch die skeptischen Briten und Franzosen. Den Deutschen verspricht er "blühende Landschaften" in den neuen Bundesländern. Dass Kohl - wie er heute selbst sagt - das Ausmaß der vierzigjährigen Teilung unterschätzt hat, wird ihm von Anfang an vorgehalten, beispielsweise in der Wendezeitsatire "Hurra Deutschland" (siehe Clip): 

Sicher: Kohl hat in seinem langen politischen Leben manches falsch beurteilt - beispielsweise die Wirkung eines Bitburger Friedhofsbesuchs, auf dem auch SS-Soldaten begraben liegen. Kohl hat auch schwere Fehler gemacht - allen voran die Annahme illegaler Spenden. Die Wiederveinigung allerdings zählt nicht zu seinen Fehlern, obwohl sich Arbeitsmarkt und Gehälter bislang nicht so entwickelt haben wie erhofft. Allerdings wird von den Skeptikern der Einheit gerne übersehen, dass mit dem DDR-Unrechtsregime auch dessen Terrorinstrumente beseitigt worden - allen voran die Stasigefängnisse und Selbstschussanlagen an der Mauer. Heute kann man wieder in ganz Deutschland sagen, was man denkt und wählen, wen man will. Das ist ein hohes Gut, für das andernorts viel Blut vergossen wurde und wird. Das ist und bleibt das historische Verdienst von Helmut Kohl.

Übrigens: Was Helmut Kohl außerdem gesagt, geschrieben und bewirkt

hat, ist auf der Onlineplattform http://helmut-kohl.kas.de/ zusammengetragen.  

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Alle Kanzler im Eulengezwitscher Extra zur Bundestagswahl:

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Helmut Schmidt: Bundeskanzler 1974-1982

Helmut Schmidt (geb. 1919) war für die SPD Bundeskanzler von 1974 bis 1982.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F048808-0033 / Wienke, Ulrich / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, B 145 Bild-F048808-0033 / Wienke, Ulrich / CC-BY-SA 3.0
© Bundeswehr/Archiv - Verteidigungsminister Helmut Schmidt. Lizenziert unter CC BY 2.0
© Bundeswehr/Archiv - Verteidigungsminister Helmut Schmidt. Lizenziert unter CC BY 2.0

Er war der Krisen-Kanzler mit dem kühlen Kopf: Helmut Schmidt. Eine Krise ist es, die den dreifach erfahrenen Bundesminister (Verteidigung,  Finanzen, Wirtschaft) 1974 ins Kanzleramt katapultiert. Willy Brandt ist zurückgetreten. Die sozialliberale Koalition ist führungslos und Schmidt springt ein. Vom ersten Tag an ist er auch im Amt ein Krisenmanager. Die Bundesrepublik laboriert an den Folgen der Ölkrise. Die deutsche Wirtschaft ist geschwächt und die vom Ehrhardschen Wirtschaftswunder verwöhnten Deutschen sind verunsichert. Da kommt der selbstsichere Schmidt gerade recht. Geboren 1918 in Hamburg saugt Helmut schon mit der Muttermilch  Stolz und Selbstbewusstsein der  Freien und Hansestadt in sich auf. Auf der reformpädagogischen Lichtwarkschule darf der Bürgerssohn seine künstlerischen  Talente erforschen: Er malt und musiziert gerne. Obwohl er zeitlebens leidenschaftlich Klavier spielt (es gibt sogar eine CD), verdrängt vorerst der Krieg die schönen Künste. Schmidt zieht als disziplinierter aber unpolitischer Soldat an die Front. Dort entwickelt er seine Führungsqualitäten. In der Wehrmacht dient er zuletzt als Oberleutnant, die Bundeswehr befördert ihn später zum Hauptmann der Rerserve.

Privat liegen Freud und Leid nah beieinander. Helmut Schmidt heiratet seine Loki - aber die beiden verlieren viel. Erst ihr Hab und Gut in den Hamburger Bombennächten. Dann - wesentlich schlimmer - ihren Sohn, der noch vor seinem ersten Geburtstag stirbt. Loki und Helmut Schmidt halten zusammen und bauen ihr Leben von Neuem auf. Nach dem Krieg tritt Schmidt in die SPD ein und macht dort mit markigen Worten und kernigen Gesten rasch Parteikarriere. "Schmidt-Schnauze" wird Hamburger Polizeisenator. In diesem Amt bewährt sich Schmidt als Macher und Krisenstratege. In der Hamburger Flutkatastrophe von 1962 sind schnelle und klare Ansagen gefragt - und das kann Schmidt leisten. Gerade in heiklen Entscheidungssituationen (nichts anderes sind Krisen) behält er einen kühlen Kopf und dirigiert seine Mitstreiter. Dem überforderten Bürgermeister Paul Nevermann entzieht er kurzerhand das Kommando: "Paule, lass man, davon verstehst Du nichts..."

Bundesarchiv, B 145 Bild-F044137-0029 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA
Bundesarchiv, B 145 Bild-F044137-0029 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA

Die schwierigste Krise, die Schmidt in seiner langen Politikerlaufbahn zu bewältigen hat, steht ihm erst noch bevor. In seine Kanzlerschaft fällt der linke Terror der RAF. Spitzenbanker wie Jürgen Ponto (Dresdner Bank), Repräsentanten des Rechtsstaats wie Generalbundesanwalt Siegfried Buback und Wirtschaftsfunktionäre wie Hanns Martin Schleyer werden ermordet. Schmidt ist ohnmächtig und stark zugleich. Auch wenn er persönlich darunter leidet, verhandelt er nicht mit den Terroristen. Der Staat, den er regiert, lässt sich nicht erpressen und genau das erklärt Schmidt den Deutschen (siehe Clip).

Selbst als als die Lufthansa-Maschine 'Landshut' gekapert wird und sich auf dem Flughafen von Mogadischu ein Entführungsdrama abspielt, behält Schmidt die Nerven (literweise Cola und Unmengen von Zigaretten helfen ihm dabei). Er schickt die neu gegründete Eliteeinheit GSG9, die die Geiselnahme (fast) unblutig beendet. Eine Krise ist es dann auch, die Schmidts Kanzlerschaft beendet: Eine Regierungskrise. Die eigenen  Genossen teilen die bündnisstrategische Überzeugung des Kanzlers nicht: Anders als Helmut Schmidt sind seine Sozialdemokraten mit dem NATO-Doppelbeschluss nicht einverstanden. Dass auch die FDP längst wieder mit der CDU/CSU anbändelt, führt zum Kanzlersturz per konstruktivem Misstrauensvotum. Mit den Stimmen von Schwarz-Gelb wählt der Bundestag 1982 Helmut Kohl zum Kanzler.  Schmidt geht hoch erhobenen Hauptes. Wie kein anderer Kanzler prägt er auch nach seiner Amtszeit die öffentliche Meinung - ob als ZEIT-Herausgeber oder als 'Elder Statesman'.

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Willy Brandt: Bundeskanzler 1969-1974

Willy Brandt (1913-1992) war für die SPD Bundeskanzler von 1969-1974.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F039408-0008 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, B 145 Bild-F039408-0008 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0

Er wollte mehr Demokratie wagen: Willy Brandt. Damit beginnt der erste sozialdemokratische Kanzler schon vor seiner Wahl, denn er findet ungewohnte Mehrheiten. Zwar hat die CDU bei der Bundestagswahl im September 1969 die meisten Stimmen erhalten und Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger sieht in dieser denkwürdigen Wahlnacht lange wie der strahlende Sieger aus. Aber er hat die Rechnung ohne seinen bisherigen Stellvertreter und Juniorpartner in der Großen Koalition gemacht. Willy Brandt schmiedet ein gewagtes Bündnis mit der FDP. Die stärkste Fraktion stellt also nicht den Kanzler – das hatte es in der Bundesrepublik noch nie gegeben. Aber im Vergleich zu dem, was sich die neue sozialliberale Koalition programmatisch auf die Fahnen schreibt, nimmt sich die merkwürdige Mehrheit gerade unbedeutend aus. Innenpolitisch stehen unter anderem groß angelegte Reformen im Bildungswesen und im Strafrecht auf der Agenda, ebenso wie die Gleichstellung der Frau im Familien- und Eherecht und die Ausweitung der betrieblichen Mitbestimmung. Vor allem sorgt Brandt mit seiner Ostpolitik für Furore. Unter der Devise „Wandel durch Annäherung“ will der neue Kanzler die Beziehungen der Bundesrepublik zur DDR und zu den sowjetischen Staaten normalisieren. 

 


Foto: Bundesregierung/Reineke
Foto: Bundesregierung/Reineke

Unter Konrad Adenauer hatte es (zumindest offiziell) überhaupt keine Beziehungen gegeben, weil man die DDR gat nicht erst als Staat betrachtete. Mehr noch: Auch mit Staaten, die die DDR anerkannten, wollte die Bundesregierung keine diplomatischen Beziehungen unterhalten. Adenauers Nachfolger Ludwig Ehrhard und Kurt Georg Kiesinger waren zwar nicht mehr ganz so streng verfahren, Brandt jedoch betritt Neuland. Zwar will auch er die DDR nicht völkerrechtlich anerkennen, die Begründung dafür hat es jedoch in sich. In seiner ersten Regierungserklärung erklärt der Kanzler : „Auch wenn zwei Staaten in Deutschland existieren, sind sie doch füreinander nicht Ausland.“ Zwei Staaten – die DDR jetzt also doch ein Staat. In Moskau und Ost-Berlin registriert man Brandts Kurswechsel hochinteressiert. Der lässt seinen Worten bald Gesten und Taten folgen, mit denen er weitere Schritte auf dem Weg der Entspannungspolitik geht. In den sogenannten Ostverträgen sichert er der Sowjetunion und Polen zu, dass Deutschland die Oder-Neiße-Linie als Ostgrenze akzeptieren. Historischer noch als diese Verträge ist der Kniefall vor dem Warschauer Ghetto-Mahnmal: Stumm bittet Willy Brandt um Vergebung für die Verbrechen von Hitlers Gewaltherrschaft, die er nicht zu verantworten hat, unter denen er selbst gelitten und viel verloren hat  sogar seinen Namen.

Foto: Bundesregierung/Wegmann
Foto: Bundesregierung/Wegmann

Denn geboren ist Willy Brandt 1913 als Herbert Frahm. Dass er als junger sozialdemokratischer und sozialistischer Journalist aus Angst vor dem nationalsozialistischen Regime ins norwegische Exil geht und aus Selbstschutz seinen Namen ändert, trägt man ihm ebenso nach wie den vermeintlichen Makel seiner unehelichen Geburt. Aber Brandt beißt sich durch. Nach dem Krieg tritt er erneut in die SPD ein und macht Karriere: Als Regierender Bürgermeister von Berlin beweist er Mut und politischen Instinkt, indem er sich mit aller Macht (und mit dem starken Verbündeten Axel Springer) gegen den Mauerbau stemmt und zum Sprachrohr für die Menschen in der geteilten Stadt wird. Der deutsche Kennedy, wie Brandt wegen seines jugendlichen Auftreten bald genannt wird (auch wegen seiner vielen Affären?) wird zum Hoffnungsträger in West und Ost. An der Mauer, die Walter Ulbricht errichten lässt, erlebt Brandt vom ersten Tag an, wie Familien auseinandergerissen und soziale Bindungen aller Arten gekappt werden. Nicht zuletzt deshalb zielt seine Annäherung an die DDR-Führung auch darauf ab, den Deutschen im Osten alltägliche Erleichterungen zu verschaffen. Mit einigem Erfolg: Denn im Grundlagenvertrag bekennt sich das DDR-Unrechtsregime (nun unter Erich Honecker) zumindest zu den Grundsätzen der Vereinten Nationen. Honecker und die Oberen aus Ostberlin spielen noch wei Mal bedeutende Rollen in Brandts Kanzlerschaft: 1972 verhindern sie seinen Sturz. Ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Brandt scheitert, weil die DDR-Regierung zwei CDU-Abgeordnete besticht. Die folgende Wahl gewinnt Brandt deutlich. Honeckers Spitzel-Dienst (die Stasi) ist dann maßgeblich am tatsächlichen Kanzlersturz beteiligt. Als Günther Guillaume, ein Stasi-Spion im engsten Kanzlerkreis enttarnt wird, tritt Brandt 1974 zurück. Innerparteiliche und innenpolitische Querelen hatten ihn ohnehin amtsmüde werden lassen und so räumt er seinen Platz für Helmut Schmidt. Seinen Platz in der Geschichte der Bundesrepublik räumt er dagegen nicht. Nicht nur, dass sein Wort zeitlebens Gewicht hatte in Partei und Staat. Mit dem „Wandel durch Annäherung“ hat er sich überdies als mutiger Reformer um die Deutschen in West und Ost verdient gemacht.

In der Journalistenausbildung genießt übrigens ein kurzes, aber knackiges Brandt-Interview Kultstatus. Von den Antworten des Kanzlers kann man lernen, warum man besser keine geschlossenen Fragen stellt (siehe Clip):

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Kurt Georg Kiesinger: Bundeskanzler 1966-1969

Kurt Georg Kiesinger (1904-1988) war für die CDU Bundeskanzler von 1949 bis 1963.

Kurt Georg Kiesinger (Foto: KAS/ACDP)
Kurt Georg Kiesinger (Foto: KAS/ACDP)

Er führte die erste Große Koalition: Kurt Georg Kiesinger. Im November 1966 besiegelt ein Handschlag zwischen Kiesinger und Willy Brandt die politische Sensation. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik wird es sozialdemokratische Bundesminister geben - wenn auch unter einem christdemokratischen Kanzler. Der scheint dafür allerdings wie gemacht, denn Kurt Georg Kiesinger versteht sich als Mann des Ausgleichs, als Vermittler. Das mag an seiner familiären Herkunft liegen. Der Vater ist evangelisch, die Mutter katholisch. Das ist ungewöhnlich an der Jahrhundertwende, schult aber auch den Blick für's große Ganze.

 


Kurt Georg Kiesinger lernt früh, vermeintliche Gegensätze zu verstehen und in Einklang zu bringen. Politisch setzt sich schon der junge Bundestagsabgeordnete Kiesinger (ab 1949) für die Zusammenarbeit der beiden Volksparteien ein. In Südwürttemberg klappt das vorzüglich, das weiß der gebürtige Schwabe genau. Nassforsch fordert er vom designierten Kanzler Konrad Adenauer, nicht dem Liberalen Theodor Heuss ins höchste Staatsamt zu verhelfen, sondern einem Sozialdemokraten. Solange verschafft er sich im Kreis der staunenden Fraktionskollegen Gehör, bis Adenauer ein Machtwort spricht: „Verzeihen Sie, Herr Abgeordneter, die Sache ist längst erledigt.“ Auch als die Bundesverfassungsrichter gewählt werden ist es Kiesinger, der für einen breiten Konsens wirbt. Das prädestiniert für den Vorsitz im Vermittlungsausschuss, jenem Gremium, das verfahrene Gesetzgebungsprozesse durch Kompromisslösungen wiederbeleben soll. Nicht alle sehen im stets eleoquent und elegant auftretenden Kiesingerr einen Vermittler und Versöhner. Das liegt an seiner Vergangenheit als NSDAP-Mitglied (1933-1945). Um nicht an die Front zu müssen, hat er eine Stelle im Außenministerium angenommen. Der Protest gegen seine Kanzlerkandidatur ist laut. Dichter und Denker wie Günther Grass und Karl Jaspers fordern Kiesinger auf, auf das Kanzleramt zu verzichten. Am lautesten knallt die Ohrfeige, die Beate Klarsfeld Kiesinger auf offener Bühne des CDU-Parteitags verpasst. „Nazi! Nazi! Nazi!“ schreit sie (und kassiert dafür offenbar auch 2000 Mark von der DDR-Regierung). Dabei hatte der Journalist Conrad Ahlers (Der Spiegel) schon ein Denunziaten-Dokument aus dem Jahr 1944 aufgetan, aus dem klar hervorgeht, dass Kiesingers NSDAP-Angehörigkeit doch nicht so klar zu deuten ist. Dort ist von einem Kurt Georg Kiesinger die Rede, „der nachweislich die antijüdische Aktion hemmt.“

Kurt Georg Kiesingers Kabinett tagt gerne mal im Garten des Kanzleramtes (Foto: Bundesregierung/Reineke)
Kurt Georg Kiesingers Kabinett tagt gerne mal im Garten des Kanzleramtes (Foto: Bundesregierung/Reineke)

Den Sozialdemokraten reichen Kiesinger die Hand – die Studenten der Generation 1968 sehen in ihm dagegen die Verkörperung einer verweigerten Vergangenheitsbewältigung. Dass ausgerechnet eine Regierung unter dem Kanzler Kiesinger im Bundestag über eine Zweidrittelmehrheit verfügt und dass die verbliebene Opposition (nur noch die FDP) nicht einmal mehr genug Stimmen aufbringen kann, um einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einzusetzen, dass bringt die Studenten auf die Straße. Als die Große Koalition dann auch noch die Notstandsgesetze verabschiedet, sehen viele die Demokratie in Deutschland bedroht. In diesen unruhigen Zeiten am Ende der 1960er Jahre zeigt sich, wie intakt die deutsche Demokratie tatsächlich ist. Bei der Bundestagswahl 1969 scheint Kiesingers CDU eine knappe absolute Mehrheit zu erringen. In diesem Fall hätte er es mit einer starken Opposition zu tun bekommen – ein zentrales Indiz für eine gesunde Demokratie. Es kommt aber anders. Hauchdünn reichen die Mehrheitsverhältnisse für eine sozialliberale Koalition. Das zieht einen Machtwechsel nach sich, wie er nur in einer Demokratie funktioniert. Ein Kandidat der langjährigen Oppositionspartei SPD löst Kanzler Kiesinger nach nur drei Jahren ab: Willy Brandt.

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Ludwig Erhard: Bundeskanzler 1963-1966

Ludwig Erhard (1897-1977) war für die CDU Bundeskanzler von 1963 bis 1966.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F020158-0003 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, B 145 Bild-F020158-0003 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0

Er war der Kanzler mit der Zigarre: Ludwig Erhard. Sein Leben genießt er buchstäblich in vollen Zügen und auch seinen Landsleuten verspricht der Vater des Wirtschaftswunders werbewirksam "Wohlstand für alle" (siehe links). Das ist kein Wunder, denn der junge Erhard hat als Nachwuchswissenschaftler an einem Marketing-Seminar gearbeitet – und doch hat es tiefere Gründe, dass Erhard das Leben schätzt: Dreimal hängt es am seidenen Faden. Geboren 1897 in Fürth erkrankt der kleine Ludwig an spinaler Kinderlähmung. Glück im Unglück: Erhard kommt mit einem Klumpfuß davon. Auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs springt er dem Tod erneut von der Schippe. Zuerst übersteht er ein gefährliches Fleckenfieber und wird dann bei Ypern von einer Granate schwer verletzt. Als sich Erhard vom Krankenlager erhebt und das Lazarett verlassen darf, ist der Krieg zu Ende. Erhard bezieht jetzt in den Schützengräben der Wirtschaftswissenschaften Stellung, erwirbt ein Kaufmannsdiplom und studiert Betriebswirtschaftslehre. Seine Doktorarbeit verrät bereits den künftigen Manager der Währungsreform: Erhard promoviert über „Wesen und Inhalt der Werteinheit“. Seine große Stunde schlägt nach dem Zweiten Weltkrieg. Schon in den frühen 1940er Jahren hat Erhard über die künftige Wirtschaftsordnung nachgedacht. Da er dabei mit dem Untergang des NS-Regimes und mit künftigen Kriegsschulden gerechnet hat, musste er vorsichtig sein, solange Hitler an der Macht war. Nach Kriegsende aber ist er als politisch unbelasteter Wirtschaftsfachmann ein Juwel für die amerikanischen und englischen Befreier. Erhard bereitet für die Besatzungsmächte die Währungsreform vor - und landet einen Überraschungscoup: Noch ehe der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay die endgültigen Pläne absegnet, verkündet Erhard die ersten Details.


Ludwig Erhard (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)
Ludwig Erhard (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)

Die Deutschen nehmen ihn als den wahr, der er ist: ein Wirtschaftsexperte, der auch die Kunst des Politischen beherrscht. Auch der gerade gewählte Kanzler Adenauer sieht das (noch) so und beruft Erhard als Wirtschaftsminister. In der Regierung beweist Erhard, dass er nicht nur Währungsreform kann. Er kann auch Wirtschaftswunder. Der Schlüssel dazu ist die Soziale Marktwirtschaft: eine Wirtschaftsordnung, die maßgeblich von den Ökonomen Werner Eucken und Alfred Müller-Armack ersonnen worden ist und die Erhard nun Schritt für Schritt politisch ins Werk setzt. „Die Grundlage aller Marktwirtschaft bleibt die Freiheit des Wettbewerbs“, erklärt Erhard den Deutschen. Dann bedient sich der begeisterte Fußballer (Klumpfuß hin oder her) einer Sprache, die spätestens nach dem Wunder von Bern (im Eulengezwitscher: Fritz Walter und Helmut Rahn) alle verstehen: „Ebenso wie beim Fußballspiel der Schiedsrichter nicht mitspielen darf, hat auch der Staat nicht mitzuspielen. Die Zuschauer würden es den Spielpartnern auch außerordentlich übel nehmen, wenn diese vorher ein Abkommen geschlossen und dabei ausgehandelt haben würden, wieviel Tore sie dem einen oder anderen zubilligten.“ Geheime Absprachen (Kartelle) sind verboten; gewisse Regeln brauchen Fußball wie Wettbewerb.“

Foto: Arnoldius. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Foto: Arnoldius. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Die Wirtschaft brummt und Deutschland klettert gewissermaßen über die Konjunkturkurve aus der Nachkriegszeit. Wer aber glaubt, die Soziale Marktwirtschaft bringe jedem Deutschen ein Rund-um-sorglos-Paket, der hat Erhard nicht verstanden: „Solche 'Wohltat' muß das Volk immer teuer bezahlen“, warnt Erhard, „weil kein Staat seinen Bürgern mehr geben kann, als er ihnen vorher abgenommen hat“. Solche mahnenden Worte gehen im ungeahnten Aufschwung allzu leicht unter. Die Deutschen haben allen Grund zu jubeln und dem jovial-optimistischen Erhard jubeln sie gerne zu. Als Konrad Adenauer abtritt, wird der im Volk beliebte Ehrhard zu seinem Nachfolger gewählt. Auch als Kanzler bleibt er ein Mahner. In seiner Regierungserklärung erinnert er daran, warum die deutsche Konjunktur brummt: „Lassen Sie mich ein offenes Wort sprechen: Wir müssen uns entweder bescheiden oder mehr arbeiten. Die Arbeit ist und bleibt die Grundlage des Wohlstandes:“ Obwohl bald vom „Volkskanzler“ die Rede ist, steht die Kanzlerschaft unter keinem guten Stern. Adenauer, der nur das Kanzleramt abgetreten hat, nicht aber den Parteivorsitz, macht es Erhard schwer. Parteispitze und Fraktion haben nach kurzer Zeit kein volles Vertrauen mehr in den neuen Kanzler. Der kämpft derweil mit dem übergroßen Erbe Adenauers. In der Außenpolitik gelingt es ihm kaum, das deutsch-amerikanische und das deutsch-französische Verhältnis unter einen Hut zu bringen. In der Innenpolitik setzt ihn die erste Wirtschaftskrise unter Druck. Als der kleine Koalitionspartner FDP Erhards Finanz- und Wirtschaftspolitik nicht mehr mitträgt, zerbricht das Regierungsbündnis – und mit ihm Erhards Kanzlerschaft. Nur drei Jahre hat er regiert. Dennoch wirken viele seiner wirtschaftspolitischen Einsichten bis heute nach. Besonders einschlägig ist ein Ratschlag zur Steuer- und Schuldenpolitik: „Der sozialen Fürsorge ist auch nicht damit gedient, durch immer höhere Steuerbelastungen die Produktivität zu schmälern oder auch durch fragwürdiges Finanzgebaren die Volkswirtschaft immer stärker zu verschulden. Auch diese Schulden müssen einmal zurückgezahlt werden."

Alle wörtlichen Zitate sind dem Internetauftritt der Initiative Neue Soziale Marktschaft entnommen. Auch die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Ludwig-Erhard-Stiftung bieten weitere Details zur Kanzlerschaft Ludwig Erhards. 

 

 

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Robert Schuman: Vater Europas

Robert Schuman im Biografien-Blog
Foto: MPD01605. Licensed under CC BY-SA 2.0
www.ac-nancy-metz.fr (Public Domain)
www.ac-nancy-metz.fr (Public Domain)

Er hatte einen Plan für Europa: Robert Schuman (1886-1963). Am 9. Mai 1950 tritt der französische Außenminister im Uhrensaal seines Ministerium vor die Weltpresse. Die Zeit scheint reif für eine echte Sensation - und genau die verkündet Schuman:  "Fast genau fünf Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands unternimmt Frankreich die erste Aktion zur Errichtung eines geeinten Europas und wählt Deutschland als Partner." Die Idee stammt eigentlich von Jean Monnet, aber Schuman nimmt das politische Risiko an. Zumindest die Deutschen hat er schon auf seiner Seite, denn deren Kanzler Konrad Adenauer weiß zumindest inoffiziell schon, was Schuman jetzt sagt: Leise spricht er, stockend gar. Auch die dreihundert Journalisten halten die Luft an, als Schumann seinen Plan für Europa, den Schuman-Plan konkretisiert: "Wir schlagen vor, die gesamte deutsch-französische Kohle- und Stahlproduktion einer Hohen Behörde zu unterstellen, in einer Organisation, die den anderen Ländern Europas zum Beitritt offensteht."

Für Europa: Adenauer und Schuman
Für Europa: Adenauer und Schuman

Kohle und Stahl sind die kriegswichtigsten Rohstoffe - ausgerechnet da die Erbfeinde Frankreich und Deutschland zusammenarbeiten? Aber Schuman hat genau das im Sinn, "dass jeder Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich ist". Schuman selbst hat zwei Waffengänge am Rhein miterlebt: Als gebürtiger Luxemburger hatte er im Ersten Weltkrieg die deutsche Uniform getragen, im Zweiten Weltkrieg war er im Widerstand gegen die deutsche Besatzung Frankreichs aktiv gewesen. Dabei wird er von den nationalsozialistischen Häschern der Geheimen Staatspolizei verhaftet und festgesetzt. Schuman kann fliehen und verbirgt sich im Kloster. Das hat er mit Konrad Adenauer ebenso gemeinsam wie eine tiefe Verwurzelung im katholisch-bürgerlichen Milieu. Sein Glaube ist es auch, der ihm die Kraft gibt, für ein friedliches Miteinander einzutreten: "Europa bedeutet die Verwirklichung einer allgemeinen Demokratie im christlichen Sinne", schreibt Schuman in seiner Erinnerungsschrift, deren Titel sein Leben und sein Lebenswerk in nur zwei Worten zusammenfasst: "Für Europa!" Obwohl Schuman schon 1963 stirbt, hat er viel für Europa getan: Die "Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl" die mit dem Schuman-Plan aus der Taufe gehoben wird, ist jedenfalls der Beginn der Erfolgsstory Europa. Heute vor 50 Jahren ist Robert Schuman gestorben - am 4. September 1963.

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Konrad Adenauer: Bundeskanzler 1949-1963

Konrad Adenauer (1876-1967) war für die CDU Bundeskanzler von 1949 bis 1963.

Konrad Adenauer (Foto: Paul Bouserath /KAS-ACDP)
Konrad Adenauer (Foto: Paul Bouserath /KAS-ACDP)
Foto: Ara Güler/KAS-ACDP
Foto: Ara Güler/KAS-ACDP

Am Anfang war Adenauer - aber die  Entscheidung war knapp. Denkbar knapp. Mit einer einzigen Stimme Mehrheit wählt der Deutsche Bundestag Konrad Adenauer zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. "Et hett noch immer jut jejange", raunt er seinem Sitznachbarn zu, als Bundestagspräsident Erich Köhler das Ergebnis verkündet. Der selbstbewusste Rheinländer lächelt, er hat sich selbst gewählt. Für ihn ist das nur folgerichtig: "Etwas anderes wäre mir doch als Heuchelei vorgekommen", hält er den verdutzten Journalisten fröhlich entgegen. Heuchelei hat der 1876 geborene und zum Zeitpunkt seiner Wahl über siebzigjährige Rheinländer nicht nötig. Er ist fest verwurzelt in bürgerlich-katholischen Grundwerten, die auch seine politischen Überzeugungen prägen. Im Lauf eines langen Berufslebens (erst als Jurist, dann als Politiker) ist er diesen Überzeugungen treu geblieben.

Er hat sie selbst in den dunklen Tagen nicht verraten, in denen ihn private und politische Schicksalsschläge ereilt haben. Weder ein schwerer Autounfall (1917), noch Adolf Hitler brechen ihm das Rückgrat. Als Kölner Oberbürgermeister (1917-1933) verweigert er dem Nazi-Reichskanzler auf Wahlkampfreise nicht nur die erwartete Gefolgschaft. Auch die obligatorische Begrüßung am Flughafen und die Hakenkreuzbeflaggung fallen aus. Was einst abschätziges Kopfschütteln provozierte, wird in der jungen Demokratie brav beklascht. Denn Adenauer, der den NS-Terror im inneren Exil in Maria Laach übersteht, braucht keine uniformierten Straßenschläger und keinen Unterdrückungsapparat, um zum starken Mann in seiner Partei, der CDU, und an der Staatsspitze zu werden. Er erzieht die Deutschen zur Demokratie, gerade indem er vorlebt, wie man auch im Pluralismus für die eigenen Überzeugungen einstehen und für sie kämpfen kann. Damit macht er sich zwar nicht nur Freunde, aber er prägt und festigt die anfangs brüchige Demokratie, indem er sie  als Bundeskanzler durch die Kinder- und Jugendjahre führt. Dass es 14 Jahre Kanzlerschaft werden würden, das hat wohl am Tag seiner ersten Vereidung niemand gedacht.


Lizenz: KAS/ACDP 10-001:642 CC-BY-SA 3.0 DE
Lizenz: KAS/ACDP

"Keine Experimente" ließ der bereits erfahrene Kanzler plakatieren. Adenauer selbst hat dagegen immer wieder mutige Experimente gewagt - und dabei meistens gewonnen: Seit seinen kommunalpolitischen Anfängen in Köln gilt er als "einer einer dieser eigenwilligen, unbequemen, wagemutigen Modernisierer, aus denen die moderne deutsche Gesellschaft ihre Dynamik bezog", urteilt einer, der wissen muss: Hans-Peter Schwarz, der maßgebliche Biograf Adenauers (siehe oben: linke Spalte). Regelrechten Erfindergeist demonstrierte Adenauer auch als Hobbytüftler, der gerne nützliche Geräte erfand (etwa eine Gartenhacke mit Hammerkopf). In der großen Politik wagt er große Experimente: Gegen den Widerstand der Opposition setzt Adenauer auf die Westbindung der Bundesrepublik - mit Erfolg: Der Gründungskanzler integriert (als sein eigener Außenminister) Deutschland in den Kreis der westlichen Demokratien. Zusammen mit General Charles de Gaulle söhnt er Deutsche und Franzosen aus und begründet damit eine bis heute fruchtbare Freundschaft zwischen ehemaligen Erbfeinden. Auch in Italien bastelt Adenauer unermüdlich daran, die europäische Idee umzusetzen. 

Villa La Collina in Cadenabbia (Foto: Odehnal/KAS-ACDP)
Villa La Collina in Cadenabbia (Foto: Odehnal/KAS-ACDP)

In Alcide de Gasperi findet er einen gleichgesinnten Regierungschef in Rom, in der Villa La Collina in Cadenabbia am Comer See ein ideales Feriendomizil, von dem aus dem sich entspannt Weltpolitik machen lässt. Natürlich gibt es auch fehlgeschlagene Adenauer-Experimente: Im Jahr 1959 liebäugelt er kurz mit dem Amt des Staatsoberhauptes, von dem er sich entscheidenden Einfluss über seine Kanzlerschaft hinaus verspricht. Als ihn Theodor Heuss daran erinnert, wie sehr Adenauer als Kanzler den Bundespräsidenten aus dem politischen Tagesgeschäft herausgehalten hat, da will der "Alte" doch lieber Kanzler bleiben. Die SPIEGEL-Affäre 1962 wirft ebenfalls kein gutes Licht auf Adenauer: Wegen kritischer Berichterstattung werden die Redaktionsräume durchsucht. Herausgeber Rudolf Augstein und sein stellvertretender Chefredakteur Conrad Ahlers werden wegen vermeintlichen Landesverrats verhaftet. Die anschließende Regierungskrise läutet das Ende der adenauerschen Kanzlerschaft ein. Ein Jahr später übergibt er sein Amt grantelig an Ludwig Erhard (Eulengezwitscher-Extra am 5. September). Der erste Alt-Kanzler zieht sich nach Rhöndorf zurück, züchtet Rosen, spielt Boccia und schreibt seine Memoiren. Selbst wenn er nicht an sein politisches Leben erinnert hätte: Die (westliche) Welt weiß, was sie dem Rheinländer verdankt: Nichts weniger als einen entscheidenden Beitrag zur Stabilisierung eines friedlichen und freien Europas, das trotz mancher Meinungsverschiedenheiten zusammenarbeitet, anstatt sich zu bekämpfen.

Übrigens: Was Konrad Adenauer außerdem gesagt, geschrieben und bewirkt

hat, ist auf der Onlineplattform www.konrad-adenauer.de zusammengetragen.  

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Martin Luther King: "I Have a Dream..."

Martin Luther King war amerikanischer Bürgerrechtler

Center for Jewish History, NYC. Lizenziert unter No restrictions
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Er lebte und starb für seinen großen Traum: Martin Luther King. "Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages diese Nation erheben wird und die wahre Bedeutung ihrer Überzeugung ausleben wird: Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: Alle Menschen sind gleich erschaffen." Alle Menschen, das heißt: auch Menschen mit schwarzer Hauptfarbe - so wie Martin Luther King selbst. Noch in den späten 1950er und in den 1960er Jahren ist das in den Vereinigten Staaten keineswegs selbstverständlich. Rosa Parks hatte das erfahren, als sie im Stadtbus von Montgomery einem Weißen ihren Sitzplatz nicht räumen wollte. Das war man in den USA nicht gewohnt. Schulbusse und öffentliche Einrichtungen, Bars und Geschäfte, Wäschereien und Toiletten waren streng getrennt. Weiße hier, Schwarze dort. Dagegen redet der 1929 geborene King an. Seine rhetorische Begabung war schon früh aufgefallen. Erst als in Schülerwettbewerben, dann als Baptistenprediger übt er sich in der Kunst der Rede. Seine wichtigsten Worte spricht er als bereits berühmter Bürgerrechtler am 28. August 1963 - heute vor 50 Jahren. Rund 250.000 Amerikaner sind mit ihm nach Washington gekommen, um am Lincoln-Memorial gegen die Rassendiskrimierung zu demonstrieren (unter ihnen Marlon Brando).  "We shall overcome", singen die Demonstranten, "wir werden das überwinden" (siehe Clip). 

Foto: Uhl
Foto: Uhl

Während militante Rassisten immer wieder Bombenattentate auf King und andere schwarze Amerikaner verüben (oft ungestraft), verzichtet die Bürgerrechtsbewegung auf Gewalt - so wie es Mahatma Gandhi gelehrt hat. King will keinen blutigen Bürgerkrieg führen müssen wie Abraham Lincoln. Der hatte einst als US-Präsident gegen die abtrünnigen Südstaaten und die Sklaverei gekämpft. Heute lauscht er überlebensgroß und in weißem Marmor Martin Luther Kings Rede. "Ich habe einen Traum", ruft der beschwörend und gemahnt zur Versöhnung und zum Miteinander, "ich habe heute einen Traum." Dieser amerikanische Traum rüttelt wach. Der Friedensnobelpreis  (1964) bedeutet King weniger als der neue Kurs der US-Regierung:

Der Civil Rights Act (ebenfalls 1964) hat die gesetzliche Diskriminierung beendet - zumindest vorläufig. Denn der Supreme Court - das oberste amerikanische Gericht - hat unlängst eine Rassismus-Schutzklausel im US-Wahlrecht gekippt. Die Begründung: Die Diskriminierung ist überwunden, also müssen die schwarzen Wähler auch nicht mehr geschützt werden. Das sieht US-Präsident Obama anders: "Ich bin zutiefst enttäuscht von der Entscheidung des Supreme Courts. Wählerdiskriminierung existiert weiterhin."


Während man in Washigton streitet, trägt man in übrigens in Hollywood nicht unerheblich zur Aufarbeitung der Sklaverei bei, und zwar mit  mit spektakulären Streifen ganz unterschiedlicher Genres ('Django Unchained' und 'Lincoln'; siehe Trailer rechts). Mit Lincoln verbindet auch Martin Luther King ein gewaltsamer Tod. Beide wurden für die Träume, die sie in politische Taten umgesetzt hatten, erschossen - Martin Luther King im Jahr 1968.

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Walter Ulbricht: Der Mauerbauer

Walter Ulbricht Biographie im Biografien-Blog
Bundesarchiv, Bild 183-J0619-0018-001 / Koard, Peter / CC-BY-SA 3.0

Sein Lebenswerk war eine Lüge: Walter Ulbricht wollte der Welt weismachen, dass die DDR ein Paradies des Proletariats sei, das von emsigen Arbeitern und braven Bauern regiert werde. Im Führungszirkel seiner Sozialistischen Einheitspartei (SED) schlug Ulbricht dagegen ganz andere Töne an: "Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben." Ganz in diesem Sinn dementiert er zunächst Pläne zum Bau der Berliner Maurer (siehe Clip), um sie dann als "antiimperialistischen Schutzwall" zu feiern - wieder eine Lüge, denn die Selbstschussanlagen sind gegen die eigenen Genossen gerichtet. Welche Ironie, dass ausgerechnet seine engsten Mitstreiter nicht nur Ulbrichts Werks, sondern sein ganzes  Leben selbst zur Lüge verklärt haben: Kaum dass Erich Honecker seinen einstigen Lehrmeister gestürzt hat, wird das Walter-Ulbricht Stadion in Stadion der Weltjugend umbenannt, die Leunawerke  und die Deutsche Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft verlieren ihre jeweiligen Namenszusätze "Walter Ulbricht". Der Anfang vom Ende der Ära Ulbricht ist - wie könnte es anders sein - eine Lüge: "aus gesundheitlichen Gründen" trat Ulbricht im Mai 1971 von allen Ämtern zurück. Kurz darauf starb er, am 1. August 1973 - heute vor 40 Jahren.


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Lucius D. Clay: Der Rosinenbomber

Rosinenbomber und Lucius D. Clay Biographie im Biografien-Blog
Ein "Rosinenbomber" landet auf dem Berliner Flughafen Tempelhof (Foto: USAF, Lizenz: Gemeinfrei)

 

General Lucius D. Clay (Lizenz: gemeinfrei)
General Lucius D. Clay (Lizenz: gemeinfrei)

Er versorgte Berlin aus der Luft: Lucius D. Clay. Am 24. Juni 1948 (heute vor 65 Jahren) wachen die Westberliner als sowjetische Gefangene auf. Der Kreml hat angeordnet, alle Zufahrtswege nach Westberlin zu sperren. Vorausgegangen war ein Streit ums liebe Geld. In den drei westlichen Besatzungszonen hatten die Alliierten eine Währungsreform ins Werk gesetzt (die Einführung der D-Mark), die im Osten auf wenig Gegenliebe gestoßen war. Jetzt zeigt Moskau Muskeln und wagt einen Vorstoß, sich das ganze Berlin einzuverleiben. Die Blockade Berlins kommt einer Belagerung gleich. Gewaltsame Lösungen will der Westen nicht bemühen, das Risiko eines neuen Krieges um des gerade geschlagenen Deutschlands willen ist zu groß. Und doch ist es die Stunde des Kriegers Clay, die nun schlägt. Geboren 1897 als Sohn des US-Senators von Georgia hat Clay eine Karriere als Armeeingenieur und -logistiker durchlaufen: Er hat Schiffahrtsstraßen und Häfen auf den Philippinen ebenso gebaut wie den Red-River-Staudamm in Tennessee. Im Krieg leistete er in bestechend kurzer Zeit den Wiederaufbau des französischen Hafens von Cherbourg (nach der alliierten Invasion 1944). Viel Zeit bleibt auch jetzt nicht, da Clay als Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone und Befehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa Verantwortung für den einstigen Gegner trägt, denn die über zwei Millionen Westberliner sind auf Lebensmittel und Medikamente von außen angewiesen. Besonders eindrirnglich macht ihm das Ernst Reuter klar, der spätere Regierende Bürgermeister von Westberlin. Quasi über Nacht organisiert Clay eine Luftbrücke. Im Drei-Minuten-Takt landen die so genannten "Rosinenbomber" in Berlin-Tempelhof, um die Eingeschlossenen mit dem Nötigsten zu versorgen (siehe Clip). Die Berliner jubeln dem US-General zu und auch Clay schließt die Berliner ins Herz. So ist er es ist es, der zwei Jahre später in den USA Spenden für eine Freiheitsglocke nach amerikanischem Vorbild (Liberty Bell) sammelt, die er den Westberlinern überbringt - zusammen mit einer von 16 Millionen Amerikanern unterschriebenen Unabhängigkeitserklärung. Clay ist es auch, der nach dem Mauerbau vor Ort den Schulterschluss sucht und Solidarität zeigt. Berlin wird seinen Ehrenbürger Lucius D. Clay, der 1978 gestorben ist, nicht vergessen.

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Jakob Kaiser: Christ und Demokrat

Quelle: ACDP-Fotoarchiv
Jakob Kaiser (Lizenz: ACDP)

Er lebte Volkspartei: Jakob Kaiser (1888-1961), ein Christdemokrat der ersten Stunde. Geboren im Kaiserreich lernt Jakob bei seinem Vater, Bücher zu binden (ab 1901), und bei Vater Staat den Umgang mit der Waffe (1908-1910). Ehe er davon im Ersten Weltkrieg an der Ost- und an der Westfront Gebrauch machen muss und schwer verwundet wird, findet er sein politisches Zuhause bei den christlichen Gewerkschaften. Schon dem jungen Jakob Kaiser ist eine bemerkenswerte Mischung aus Patriotismus, Katholizismus und Sozialismus zu eigen. Was andere in innere Widersprüche stürzen würde, bewirkt bei Jakob Kaiser das Gegenteil: Er reift zum Brückenbauer zwischen nur vermeintlichen Gegensätzen. Das sind gute Voraussetzungen für einen Volkspartei-Politiker.  Dazu kommt, dass er politische Prinzipen praktiziert, die von einer tiefen demokratischen Gesinnung zeugen: Denn seine Vaterlandsliebe verpflichtet ihn nicht zur Nibelungentreue gegenüber Verbrecherregierungen. Er beugt sich weder Hitlers Nazionalsozialismus noch Walter Ulbrichts DDR-Unrechtsregime: "Es gibt keine linke und keine rechte Diktatur, es gibt nur eine Diktatur. Wir sagen jeder Form von Totalität Feindschaft an." Solche Überzeugungen machen ihn gleich zweimal zur unerwünschten Person: Die Nazis setzen ihn fest und die DDR-Führung entmachtet ihn als Vorsitzenden der Ost-CDU, der er kurz nach dem Krieg geworden ist. Dabei steht Kaiser zeitlebens für eine arbeitnehmerorientierte Politik, die im Sozialismus ebenso Anklang findet, wie in der West-CDU, in der Kaiser nun seine neue politische Heimat findet: Er tritt für betriebliche Mitbestimmung ein, will das Wirtschaftsleben planen, Bodenschätze und wichtige Industriezweige verstaatlichen. Für ihn, den Brückenbauer, ist es auch kein Widerspruch, Christdemokrat und Gewerkschaftler zugleich zu sein. Nur einen Widerspruch hält der Patriot kaum aus: Die deutsche Teilung. Sein Vorschlag, "Brücke sein zu wollen zwischen Ost und West" stößt beim Bundeskanzler Konrad Adenauer auf wenig Gegenliebe. Der Kanzler setzt auf Westbindung und dagegen kann auch ein (Jakob) Kaiser seine Vorstellungen nicht durchsetzen.

Vergeblich oder gar vergessen ist seine Meinung nicht. Im Gegenteil: Die Persönlichkeit und die Politik Jakob Kaisers erinnern daran, wie wichtig Gegenmeinungen und Diskussionen, Strömungen und Flügel für die  Zukunft der Volkspartei CDU sind: Nur innerparteiliche Kontroversen und Reibungspunkte halten Volksparteien gedanklich beweglich. Konrad Adenauer wusste das. Bis zuletzt suchte er das Gespräch mit seinem parteiinternen Gegenspieler, selbst an dessen Krankenbett (siehe Bild). In diesem Sinn darf es ab und an gerne ein bißchen mehr Jakob Kaiser sein in der CDU - der einzig verbliebenen Volkspartei.  Heute, am 8. Februar 2013, wäre Jakob Kaiser 125 Jahre alt geworden.

 

Ein ausführlicher und ein tabellarischer Lebenslauf Jakob Kaisers finden sich sich im Internetportal zur Geschichte der CDU, das von der Konrad-Adenauer-Stiftung gepflegt wird.

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David Ben Gurion: Der Israel-Gründer

State of Israel's national photo collection. Lizenziert unter Gemeinfrei
State of Israel's national photo collection. Lizenziert unter Gemeinfrei

"Wir bieten allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und guter Nachbarschaft." David Ben Gurion spricht mit zerzausten weißen Haaren, aber fester Stimme, als er 1948 feierlich die israelische Unabhängigkeitserklärung verliest (rechts). "Der Staat Israel ist bereit, seinen Beitrag bei gemeinsamen Bemühungen um den Fortschritt des gesamten Nahen Ostens zu leisten." Das Friedensangebot ist keine Farce.

Lizenz: gemeinfrei
Foto: Pinn Hans - Israel National Photo Collection, item 69511, picture code D508-115. Lizenziert unter Gemeinfrei

Ben Gurion, der gerade den Staat Isreal ausgerufen hat, weiß um seine feindseeligen arabischen Nachbarn, denen er die Hand ausstreckt. "Es ist normal; wir haben ihr Land genommen. Es ist wahr, dass es uns von Gott versprochen wurde, aber wie sollte sie das interessieren? Unser Gott ist nicht ihr Gott." Der erste Ministerpräsident Isreals ist ein Zionist, keine Frage. Seit frühester Jugend hat er sich für zionistische Bewegungen, Organisationen und Medien engagiert. Erst in Polen, wo er 1886 geboren ist, dann in Palästina und in der Türkei. Aber Ben Gurion ist nicht nur Zionist, er ist auch Realist. Deshalb formt er rasch eine schlagkräftige und moderne Armee von Männern und Frauen, die den jungen Staat Isreal erfolgreich verteidigt. Als Verteidigungsminister ist er sogar selbst an strategischen Entscheidungen beteiligt, seinen Vertrauensmann Schimon Peres schickt er auf diplomatische Missionen.

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Und doch lässt er selbst nach seiner Amtszeit und nach dem Sechstagekrieg die Hand ausgestreckt, die er den Arabern 1948 angeboten hat. Seinen Nachfolgern in der israelischen Führung rät er öffentlich, kein weiteres arabisches Land zu besetzen. Und so ist Ben Gurion vor allem ein Utopist, wenn auch ein sehr speziellier: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ Wie schön wäre es, wenn die aktuellen Staatenlenker des Nahen Ostens sich auf diese Einsicht besinnen würden, und das Wunder eines dauerhaften Friedens zwischen Arabern und Juden aushandeln würden. David Ben Gurion wird es nicht mehr erleben. Er starb am 1. Dezember 1973 - heute vor 39 Jahren.


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Eirene: Einigkeit in Freiheit

Foto: Uwe Möckel. Lizenz: GNU
Foto: Uwe Möckel. Lizenz: GNU

Eirene blickt vom Brandenburger Tor zufrieden auf Berlin herab. Von ihren vier Rössern in die deutsche Hauptstadt gezogen, hat sie ihr den Frieden gebracht. Einen Frieden in Freiheit und Einheit.  Eirene ist eine eine junggebliebene Friedensbringerin mit zweieinhalbtausend Jahren Berufserfahrung.

Lizenz: gemeinfrei
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Als Tochter des Göttervaters Zeus hat sie schon die griechischen  Stadtstaaten versöhnt. Nicht nur die verfeindeten Athener und Spartaner, nein alle Poleis sollten von dem Allgemeinen Frieden profitieren. Wie damals feiern heute nicht nur die zwangsentzweiten Deutschen ihre Wiedervereinigung. Europa und die Welt feiern mit uns das Ende des Kalten Kriegs und einen Frieden, der weit über das Schweigen der Waffen hinausreicht. Denn Eirene hält auf dem Arm den jungen Pluto, den Gott des Wohlstands. Bei aller in Mode geratener Eurokritik darf  nicht vergessen werden, dass der europäische Frieden als Vorausetzung für den gemeinsamen Wohlstand lange undenkbar war. Am 3. Oktober 1990 sind wir einen weiten Schritt in die richtige Richtung gegangen - heute vor 22 Jahren.

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Ernst Reuter: "Ihr Völker der Welt"

Bundesarchiv, Bild 102-18493 / Pahl, Georg / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 102-18493 / Pahl, Georg / CC-BY-SA 3.0
Scanned by NobbiP. Licensed under Public Domain
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Seine Stimme hält der Aufregung kaum Stand, doch Ernst Reuter achtet nicht darauf: "Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!" Es ist ein Hilferuf, ja. Die Sowjets haben die Zufahrtswege nach Berlin blockiert, um die Übergabe der drei Westsektoren zu erzwingen. Aber nicht mit Ernst Reuter. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie die Moskauer Machtzirkel funktionieren: Im Ersten Weltkrieg war er schwer verwundet in russische Kriegsgefangenschaft geraten und hatte dort die Sprache gelernt. Als begeisterter Anhänger der russischen Revolution sollte er die Kommunistische Partei Deutschlands mit aufbauen. Allerdings schreckten ihn die zusehends radikaleren Ideen der Moskauer Führung ab und er überwarf sich mit den Sowjets. Seither trauen sich Reuter und die Russen nicht mehr über den Weg. Die sowjetische Militärführung legt ihr Veto ein, als Reuter 1947 für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands zum Berliner Oberbürgermeister gewählt wird. Und während die Rosinenbomber das von der Roten Armee eingeschlossene Berlin aus der Luft mit dem Nötigsten versorgen, wehrt sich Reuter mit Worten: "Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg über die Macht der Finsternis besiegelt ist." Ernst Reuters, der später doch Regierender Bürgermeister von Berlin wurde, hat seine berühmteste Rede  heute vor 64 Jahren gehalten: am 9. September 1948.

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Helene Weber: Die Mutter des Grundgesetzes

Helene Weber mit dem Müttergenesungswerk bei Bundespräsident Heuss (Bundesarchiv, B 145 Bild-F006445-0018 / CC-BY-SA 3.0
Helene Weber mit dem Müttergenesungswerk bei Bundespräsident Heuss (Bundesarchiv, B 145 Bild-F006445-0018 / CC-BY-SA 3.0
KAS-Stuttgart-Bild-190-5“ von CDU
KAS-Stuttgart-Bild-190-5“ von CDU

Sie war eine von vier Müttern des Grundgesetzes: Helene Weber (Mitte sitzend). Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Helene Wessel, Friederike Nadig und Elisabeth Selbert (im Bild von links nach rechts) sorgt die einzige CDU-Abgeordnete im Parlamentarischen Rat 1948/49 dafür, dass das Grundgesetz Männer und Frauen gleichberechtigt (Art. 3) sowie Ehe und Familie schützt (Art. 6). Als erfahrenes Vorstandsmitglied  des Katholischen Deutschen Frauenbundes liegen ihr insbesondere die Mütter und deren Rechte am Herzen. Charmant, aber unnachgiebig setzt sie den vierten Absatz des Art. 6 Grundgesetz durch: "Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft" (siehe dazu die Broschüre "Mütter des Grundgesetzes, unten zum Download). Wie man demokratische Verfassungen gestaltet, das hat Helene Weber schon dreißig Jahre zuvor in Weimar gelernt: Als Abgeordnete der Nationalversammlung von 1919 hat die studierte Lehrerin bereits an der ersten demokratischen Verfassung mitgearbeitet, ehe sie als Ministerialrätin für "Soziale Ausbildung" ins Preußische Wohlfahrtsministerium gewechselt ist. Nach der Machtergreifung setzen sie die Nationalsozialisten aber wegen "politischer Unzuverlässigkeit" vor die Tür, denn  für Demokratinnen hat Hitler nichts übrig. Die junge CDU und die junge Bundesrepublik dagegen umso mehr: Helene Weber gründet die Frauen-Union (1956) und ist Mitglied des Deutschen Bundestages, bis zu ihrem Tod am 25. Juli 1962 - heute vor 50 Jahren.

Übrigens: Das Bundesfrauenministerium zeichnet  seit 2009 alljährlich erfolgreiche  Kommunalpolitikerinnen mit dem Helene-Weber-Preis aus.  Er richtet sich an Frauen jeden Alters, die ihr Mandat in der ersten oder maximal zweiten Wahlperiode ausüben und in ihrer Kommune bereits neuartige und zukunftsweisende Projekte umgesetzt haben.

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Oskar Lafontaine: Der Ex-Sozialdemokrat

Bundesarchiv, Bild 183-1982-0316-040 / Mittelstädt, Rainer / CC-BY-SA
Bundesarchiv, Bild 183-1982-0316-040 / Mittelstädt, Rainer / CC-BY-SA

Ein Linker war er schon lange: Oskar Lafontaine. Er fand schon als SPD-Politiker und saarländischer Ministerpräsident mehr gute als schlechte Seiten an der DDR und drückte dem SED-Machthaber Erich Honecker freundschaftlich die Hand. Lafontaine machte sich bis zuletzt für ein gesellschaftliches und politisches Miteinander der beiden deutschen Staaten stark (siehe Tagesschau-Clip von 1985). Ein Fan der Wiedervereinigung ist er dann auch nicht geworden, selbst als SPD-Kanzlerkandidat der ersten gesamtdeutschen Wahlen (1990) nicht. Zwanzig Jahre später hat er eingeräumt:  "Ich habe die Einheits-Euphorie unterschätzt." Welche Ironie der Geschichte, dass er eine andere Einheits-Euphorie überschätzt hat: die Zusammenführung der SED-Nachfolgepartei PDS mit der westdeutschen ‚Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit‘ (WASG). Heute vor sieben Jahren ist Lafontaine aus der SPD ausgetreten, um beim Aufbau einer gesamtdeutschen sozialistischen Partei mitzuhelfen. Doch die sieben guten Jahre sind für Lafontaine und die Linke im Frühsommer 2012 vorbei: die Linke ist aus den Landtagen von Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein gewählt worden und Lafontaine wird  kein Comeback als Parteivorsitzender feiern.  Es ist der stille Sturz des einstigen Lautsprechers, der einmal mehr die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat.

 

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Erich Honecker: Der Unverbesserliche

Lizenz: Bundesarchiv, Bild 183-R0518-182 / CC-BY-SA
Erich Honecker (Foto: Bundesarchiv)

Viel ist nicht mehr übrig vom einstigen Vorzeigesozialisten. Als Angeklagter wird Erich Honecker dem Berliner Landgericht vorgeführt. Der ehemalige DDR-Lenker soll sich für die Todesschüsse an der Berliner Mauer verantworten. Der Staatsanwalt wirft ihm Totschlag und versuchten Totschlag in 68 Fällen vor. Dabei ist Honecker selbst vom Tod gezeichnet. Der Krebs zerfrisst ihn. Nur Stolz und Hochmut sind ungebrochen. Trotzig reckt er die linke Faust in die Höhe, als er den Gerichtssaal betritt. Honecker bekennt sich zu seiner Verantwortung, weist aber jede Schuld von sich. Er verteidigt den Mauerbau mit allen Konsequenzen. Ohne die Mauer hätte ein dritter Weltkrieg Millionen Opfer gefordert und nicht nur einige Dutzend Mauertote: "Deswegen meine ich, dass ich nicht nur keine juristische, sondern auch keine politische und keine moralische Schuld auf mich geladen habe, als ich zur Mauer ja sagte und dabei blieb." Auch wenn das Verfahren gegen den Sterbenden ohne Richterspruch eingestellt wird, hat Honecker sein Urteil selbst gesprochen: Er tritt ab als unverbesserlicher Menschenverachter. Der Prozess gegen ihn wurde am 12. November 1992 eröffnet - heute vor 19 Jahren. 

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