Gudrun Ensslin: Dichterin und Henkerin

Gudrun Ensslin hat Literatur geliebt und das System gehasst. Eine neue Biografie verspricht unvoreingenommene Blicke auf die RAF-Terroristin. Das gelingt - teilweise...

Victoria Ocampo
Lizenziert unter Gemeinfrei

Gudrun Ensslins Lebensgeschichte ist Literatur: Die schöne Pfarrerstochter verflucht die Nächstenliebe, gibt sich als Braut des Bösen dem teuflischen Terror hin, ehe sie freiwillig aus dem Leben scheidet. Das ist eine Steilvorlage für Biografen. Und genau das bringt Ensslins Biografin Ingeborg Gleichauf dazu, ihre besondere Lebensgeschichte nochmal vorurteilsfrei aufzurollen - über die Literatur, die sie selbst gelesen und durchdrungen hat. Dabei zeigt sie Ensslin eher als Dichterin denn als Henkerin.

Click auf's Cover: Direkt zum Verlag
Click auf's Cover: Direkt zum Verlag

Rätselhafte Menschen faszinieren. Gudrun Ensslin ist so ein Mensch. Ihr Lebensweg hätte sie als ehrgeizige und akribische Forscherin auf einen Germanistik-Lehrstuhl bringen können, als vielseitig belesene Lektorin in große Verlage oder sogar als Autorin in die Bestsellerlisten. Stattdessen hat sie die Wurzeln ihrer humanistischen Bildung und ihrer christlichen Erziehung gekappt und sich (selbst)mörderischer Gewalt und blindem Hass hingeben. Als RAF-Terroristin hat an der Vernichtung all dessen gearbeitet, was sie einst ausgemacht hat: Nächstenliebe (als  Tochter, Schwester, Mutter, Freundin), Weltoffenheit (als allseits interessierte Schülerin mit Auslandsjahr) und kritisches Urteilsvermögen (als Vielleserin und politische Redakteurin mit sozialdemokratischem Missionseifer).

Gudrun Ensslin ist 1940 geboren und in einer Pfarrersfamilie aufgewachsen. In der Schule ist sie beliebt und wissensdurstig. Gudrun Ensslin studiert Germanistik und schreibt ihre Doktorarbeit (teilweise mit Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes) über den Schriftsteller Hans Henny Jahn, der Gewalt ablehnt und menschliche Brutalität geißelt. Ensslin verfügt über eine scharfsinnige Beobachtungsgabe, stilsichere Formulierungskünste und eine eigene musische Begabung. Diese Wesenszüge arbeitet ihre Biografin Ingeborg Gleichauf treffsicher heraus. Die Dichterin und Dichter-Forscherin Gudrun Ensslin näher kennen zu lernen, ist das größte Verdienst dieser Biografie, die durch diese Herangehensweise eine Sonderstellung unter den direkten und indirekten Lebensbeschreibungen von Gudrun Ensslin einnimmt: Gleichauf bewirkt durch ihre profunden Analysen, dass man sich die Texte, die Ensslin geprägt haben, selbst zur Hand nimmt. Ebenso überzeugend ist es, dass sie sich nicht auf tiefenpsychologische Spekulationen zu Ensslins Männerwahl einlässt - auch wenn hier Potential wäre. Berward Vesper, ihr erster Partner, teilt Gudrun Ensslins Liebe zu Büchern, kann sich aber nicht von seinem nationalsozialistisch geprägten Vater lösen. Und ihr zweiter Partner ist Andreas Baader, der Kopf der RAF. Es fällt Ingeborg Gleichauf an manchen Stellen lesbar schwer, ihm die Verantwortung für Ensslins Radikalisierung zuzuschreiben - aber sie hält es durch, auch wenn es schwer sein mag.

Unnötig kompliziert macht es sich Ingeborg Gleichauf damit, ihren Anpruch des unvoreingenommenen Herangehens gegen andere Autoren abzugrenzen. Denn anstatt ihre Leistung für sich stehen und das Werten anderen zu überlassen, fällt sich  abschätzige Urteile über Stefan Austs RAF-Standardwerk, die unentspannt und wenig souverän rüberkommen. Und auch die Lobeshymnen auf Gerd Koenen sind insofern unangebracht, als sie die Eigenständigkeit in Frage stellen, die ihr eigenes Ensslin-Buch im breiten Angebot der Literatur zur RAF durchaus verdient. Dabei ist diese Biografie streng genommen gar kein echtes RAF-Buch. Sein qualitativer und quantitativer Fokus liegt auf den Jahren, in denen Ensslin noch nicht als Terroristin menschenverachtende Verbrechen begangen und verantwortet hat. Das ist insofern erfrischend, als die Literatur zum RAF-Terror tatsächlich kaum noch zu überschauen ist. Wer sich allerdings über diese Ensslin-Biografie zum ersten Mal mit dem RAF-Terror beschäftigt, dem hätte man die dunkle Seite der Gudrun Ensslin vielleicht noch etwas deutlicher vor Augen führen können. Dessen ungeachtet ist die diese Biografie gelungen: Ingeborg Gleichauf zeigt eindrucksvoll, dass man Menschen nicht pauschal bewerten kann und soll - auch wenn sie viel Unheil angerichtet haben.

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Thomas de Maziére: Ein Zeichen gegen den Terror

Innenminister Thomas de Maizére besucht das Spiel Dortmund-Monaco

Victoria Ocampo
© www.thomasdemaiziere.de

Dieser Stadion-Besuch dürfte Teile der Bevölkerung beruhigen: Innenminister Thomas dé Maiziere schaut sich im Moment das Champions-League-Spiel zwischen Borussia Dortmund und dem AS Monaco an. Damit setzt er ein starkes Zeichen gegen den Terror: Wir lassen uns keine Angst machen. Oder auf Fußball: Auf geht's, kämpfen und siegen!

Lizenz: CC BY-SA 2.0 de
Lizenz: CC BY-SA 2.0 de

Nicht immer hat Thomas de Maiziére in der Krisenkommunikation gut ausgesehen, obwohl er ein  Polit-Profi ist: Er war Redenschreiber von Richard von Weizsäcker, hat die Deutsche Einheit mitverhandelt, war Chef der Staatskanzleien von Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen, Kanzleramtsminister, Bundesinnen- und Verteidigungsminister - und mittlerweile wieder Innenminister.  Im November 2015 hat der Bundesinnenminister die Absage des Länderspiels Deutschland gegen Niederlande denkbar unglücklich erklärt. Die Frage nach den Gründen hat er auf verstörende Weise offen gelassen: "Die Antwort würde einen Teil der Bevölkerung verunsichern." So bringt man keine Ruhe rein. Ganz anders heute: "Ein letztes Maß an Unsicherheit wird bleiben", sagt Thomas de Maiziére - und lässt dann Taten sprechen: Er geht ins Stadion und gibt damit die beste aller Antworten: Dieses makabre Spiel gewinnt der Terror nicht!

Beitrag weiterzwitschern...

0 Kommentare

Geiseln des Terrors: Überlebensgeschichten

Der Terror schreibt Lebensgeschichten brutal um. Wenn Opfer davon erzählen, ist das nicht schön zu lesen - aber lesenswert...

Gefangene im Biografien-Blog
Lizenz: Gemeinfrei

Beiträge wie diesen würde ich am liebsten nicht schreiben. Er handelt von Gewalt, Leid und Tod. Aber mein Anspruch an den Biografien-Blog ist nicht, nur die schönen Lebensgeschichten zu zeigen. Überall auf der Welt schreibt der Terror täglich Lebensgeschichten brutal um. Wie die von Sadiya und Talatu, die von der nigerianischen Terrormiliz Boko Haram verschleppt worden sind. Oder die des Nordkoreaners Timothy Kang, den das totalitäre Kim-Regime verfolgt hat: Nicht schön zu lesen, aber unbedingt lesenswert...

Click auf's Cover: Direkt zum Verlag
Click auf's Cover: Direkt zum Verlag

Aufgelöstes Geschrei. Boko Haram kommt. Panik. Soldaten fliehen Hals über Kopf aus dem kleinen  Dorf in Nigeria – und mit ihnen die Männer, Frauen und Kinder, die sie hätten beschützen sollen. Für viele ist es zu spät. Sie fallen dem blinden Hass der islamistischen Terrormiliz zum Opfer. Männer werden auf grausame, blutrünstige Art hingerichtet, Mädchen und ihre Mütter verschleppt in den dunklen und bedrohlichen Urwald Sambisi. Dort warten Vergewaltigung und Zwangsverheiratung, Erniedrigungen und Entwürdigungen – und immer wieder der Tod. Es ist eine Sache, in den Nachrichten flüchtig die Massenentführungen der Boko Haram wahrzunehmen und entsetzt den Kopf zu schütteln – oder die erschütternden Erzählungen der (geretteten und traumatisierten) Opfer nachzulesen. Der Zeitungsjournalist Wolfgang Bauer hat einigen von ihnen Stimmen gegeben. Sein Buch „Die geraubten Mädchen“ moderiert die Erinnerungen in einer Art von ausgedehntem Reportage-Format. Er lässt die Frauen selbst sprechen, die der Boko Haram entkommen sind und streut das nötige Grund- und Ergänzungswissen zur politischen, gesellschaftlichen und  religiösen Entwicklung Nigerias unaufdringlich, aber hilfreich ein. Überhaupt beschränkt sich das Buch auf das Wesentliche und transportiert deshalb umso wirkungsvoller seine Botschaften von zerstörerischem Religionswahn und menschlicher Grausamkeit. Bauer gibt den Terroropfern nicht nur eine Stimme, sondern auch ein Gesicht. Das Buch eröffnet mit einer Serie von ästhetisch brillanten Porträtfotos seiner Gesprächspartnerinnen. Trotz aller künstlerischer Zurückhaltung üben schon diese Bilder eine bedrückende Anziehungskraft aus, weil sie die tragischen Lebensgeschichten in einem Augenblick verdichten, der eine schreckliche Ahnung des unfassbaren Leids aufsteigen lässt. Die menschenverachtende Gewalt des Terrors ist in diesen Fotografien greifbarer als in jeder Opferstatistik.

Click auf's Cover: Direkt zum Verlag
Click auf's Cover: Direkt zum Verlag

Zumal wir ohnehin nur die wenigsten Terroropfer kennen, so wie wir auch häufig nur für ganz bestimmte Zielgruppen sensibel sind: Flugzeugpassagiere, Weihnachtsmarktbesucher und U-Bahnfahrer sind uns oft näher als die Mädchen in Nigeria, weil wir selbst schon oft geflogen, gependelt oder über Volksfeste gebummelt sind. Deshalb sind die beiden Bücher auch wertvolle Impulsgeber, die Welt mal nicht nur durch die Designerbrille des Westens zu sehen. Denn auch der Bericht von Timothy Kang, der in Nordkorea aufgewachsen und verfolgt worden ist, ist kaum zu ertragen. Kang erzählt davon, wie er bittere Gräser essen muss, um nicht zu verhungern. Er berichtet von der Verzweiflung seiner Mutter, als er die ungenießbaren Gräser nicht bei sich behalten kann – das wäre sein Tod. Er berichtet von seinem Großvater, der verhungert, weil er seine letzte Rationsmarke dem Enkel überlässt – damit wenigstens er überleben kann. Neugeborene können von ihren hungernden Müttern nicht versorgt werden und sterben. Seine Hoffnungen steckt der junge Timothy Kang in eine Flucht nach China und in die Zuflucht bei Jesus Christus. Beides wird ihm zunächst zum Verhängnis, den das nordkoreanische Regime duldet keine Götter neben sich. Die schlimme Zeit im Gefängnis steht Kang nur durch, weil er sich an seinen Glauben klammert. Davon zu berichten ist dann auch die zweite große Motivation seines Erfahrungsberichts. Die Eindringlichkeit, mit der er von seiner Erweckung und Erlösung erzählt, nimmt leider an manchen Stellen zu viel Raum ein – die Botschaft wäre besser rübergekommen, wenn er sie ein bisschen weniger plakativ verpackt hätte. Gleichwohl ist auch sein Buch ein erschütterndes Zeugnis menschlicher Unbarmherzigkeit, das ans Eingemachte geht.

Einzelschicksale wie die, die in diesen beiden Büchern geschildert werden, lassen sich nicht in platte Phrasen und simple Welterklärungsformeln pressen. Sie wahrzunehmen, innezuhalten und sich ganz auf sie einzulassen ist schwer, aber wirkungsvoll, um sich innerlich und argumentativ gegen populistische Einflüsterer zu wappnen.

Rezension weiterzwitschern...

Antoine Leiris: Triumph über den Terror

Antoine Leiris ist Terror-Witwer. Seine Frau hat er verloren. Gewinnen lässt er die Terroristen trotzdem nicht.

Antoine Leiris
Antoine Leiris. Foto: Sandrine Roudeix, Lizenz: Ramdomhouse

Hélène tanzt in den Tod. Die junge Mutter stirbt im Bataclan in Paris. Terroristen nehmen ihr das Leben. Zurück bleiben ihr kleiner Sohn Melvil und ihr Mann Antoine. Antoine hat seine Frau verloren. Gewinnen will er ihre Mörder nicht lassen. „Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes", schreibt er bei Facebook, „aber meinen Hass bekommt ihr nicht.“

Click auf's Cover: Direkt zum Verlag
Click auf's Cover: Direkt zum Verlag

Antoine Leiris hat diesen Brief kurz nach dem Attentat geschrieben. Terroristen hatten am 13. November 2015 im Pariser Club Bataclan 89 Menschen getötet, darunter auch Hélène. Der millionenfachen Klick-Anteilnahme in den Sozialen Netzen folgt jetzt die Geschichte hinter dem Brief: Ein gleichermaßen intimes wie literarisches Tagebuch vom Start in das Leben nach dem Terror. Dieses Hörbuch sollten alle hören, die vor einem Jahr den entwaffnenden Brief gelikt, geteilt, übersetzt oder kommentiert haben. Denn es ist etwas anderes, dem Terror rhetorisch die Stirn zu bieten, als lebenslang mit seinen Folgen leben zu müssen.

Antoine Leirise im Biografien-Blog
Foto: Céline from Dublin, Ireland. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Hélène, die im Bataclan gestorben ist, wird ihrem Sohn nie wieder vorlesen können und sie wird ihren Mann nie wieder küssen. Was das Buch noch eindrücklicher vermittelt als der Brief oder als tagelange Sondersendungen nach bestürzenden Anschlägen: Terror trifft nicht nur eine Lebensweise, ein Land, oder irgendwelche Leute Es trifft Menschen mit Familien und Freunden. Es kann mich treffen - oder Dich. Bedrückend detailliert beschreibt Antoine Leiris die quälenden Stunden der Ungewissheit nach dem Anschlag und die ersten schrecklichen Tage mit der bitteren Wahrheit. Immer wieder streut er Erinnerungen an Hélène ein, die sie im Laufe des Hörbuches unnatürlich lebendig wirken lassen. Je enger man sie kennen lernt, desto schmerzhafter und eindringlicher ist ihr gewaltsamer Tod. 

Antoine Leirise im Biografien-Blog
Lizenz: Gemeinfrei

Antoine Leiris kontrastiert den Ausnahmezustand mit den unausweichlichen Alltagsroutinen: Melvil will gefüttert und gewickelt werden, der Gasmann will den Zähler ablesen und so  weiter und so fort. Auch nachdem die Weltgeschichte ihren Blick von Paris wieder auf andere Schauplätze des Schreckens richtet, müssen Antoine Leiris und sein Sohn mit ihrem Schicksal leben. Umso beeindruckender ist sein Vorbild, sich dem Terror auch emotional nicht zu beugen. "Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel." Und doch geht von diesem Buch in seiner schonungslosen Intimität und Detailtreue eine gewisse Gefahr aus: Manche erschütternde und bewegende Momente bewirken gerade das, was Leiris überwinden will: Das Gefühl von Angst und mitfühlender Ohnmacht. Aber überwunden werden kann eben nur, was da ist. Und das gilt auch für Angst und Ohnmacht...

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Hillary Clinton: Die Berufspolitikerin

Hillary Clinton betreibt Politik als Beruf. Eine neue Biografie zeigt ihren Weg ins Zentrum der Macht. Der Blog zur US-Wahl.

Victoria Ocampo
Lizenziert unter Gemeinfrei

Diese Wahl wird keinen Sieger hervorbringen, höchstens eine neue US-Präsidentin. Sollte Hillary das Rennen machen, muss sie erst einmal Scherben beseitigen. Der schmutzige Wahlkampf hat sie beschädigt: Donald Trump hat Zweifel an ihrer persönlichen und die politischen Eignung für das höchste Staatsamt gesät: Krank sei sie - und korrupt. Ist sie stark genug, Präsidentin aller Amerikaner zu werden? Eine neue Biografie lässt Antworten erahnen.

Click auf's Cover: Direkt zum Verlag
Click auf's Cover: Direkt zum Verlag

Hillary Clinton wird es schwer haben im Weißen Haus. Viele Amerikaner wollen sie lieber im Gefängnis sehen als im Oval Office - das haben sie im Wahlkampf immer wieder skandiert. Clinton weiß um den Hass, der ihr entgegen schlägt. Sie kennt auch die Vorwürfe: Zu unecht sei sie in ihrem einstudierten Auftreten, zu schwach (vor allem gesundheitlich), zu unprofessionell (mit Blick auf die E-Mail-Affären), zu verbissen und eine Kandidatin von gestern. Möglicherweise stimmt das alles, aber vielleicht auch nichts: Hillary Clinton ist vor allem eine berechnende und ehrgeizige Politmanagerin. Was ihr Glaubwürdigkeit und Authentizität zu fehlen scheint, macht sie durch politische Verlässlichkeit und Berechenbarkeit wett. Und so schwach kann sie auch nicht sein, wenn man bedenkt, wie souverän sie erst in Schatten ihres Übermannes Bill Clinton getreten ist - und wieder heraus. Bill hat es ihr nicht eben leicht gemacht: Er war ein erfolgreicher Präsident, ein lausiger Ehemann und ein charismatischer Entertainer (mit Saxophon). Hillary dagegen setzt auf staatstragende Seriosität, auf Konsequenz und Beharrlichkeit. Seit vielen Jahrzehnten arbeitet sie sich unermüdlich die Karriereleiter hinauf. Sie ist eine umtriebige Unternehmertochter, die Jura studiert und als Anwältin gearbeitet hat, an der Seite ihres Mannes ins Weiße Haus gezogen ist und seine erniedrigenden Seitensprünge ausgehalten hat, die danach als Senatorin und Außenministerin selbst in die Politik gegangen ist und die parteiinterne Niederlage gegen Barack Obama erhobenen Hauptes verkraftet hat. So manche Zwangspause im beruflichen Aufstieg hat sie genutzt, um frischen Atem zu schöpfen. Dabei hat sie sich immer wieder selbst neu erfunden. Ja, sie ist eine Kandidatin von gestern gewesen - aber eine, die sich ins Heute weiterentwickelt hat. Übrigens hat sie auch in der Vergangenheit schon kräftig daran mitgearbeitet, Männer wie Trump vom Weißen Haus fernzuhalten: Sie war als Anwältin an der Amtsenthebungsklage gegen den Skandal-Präsidenten Richard Nixon beteiligt...

Die Rezension

Die druckfrische Biografie von Dorothea Hahn zeichnet Hillary Clintons Lebensweg aus der gebotenen Distanz und angenehm nüchtern nach. Die Biografin spielt mit offenen Karten und berichtet, dass ihre Interview-Anfragen vom Clinton-Team nicht beantwortet worden sind. Das macht nichts. Clinton ist seit Jahren immer wieder von Kritikern und Bewunderern befragt worden, so dass ohnehin nur Sprechblasen hätten erwartet werden dürfen. Dorothea Hahn gibt ihrem zeitgemäß schlanken Buch eine ganz andere und spannende Wendung. Diese Biografie ist aus deutscher Perspektive geschrieben. Wer dieses Buch liest, muss nicht befürchten, abgehängt zu werden: Denn Dorothea Hahn liefert alle zum Verständnis von Hillary Clinton nötigen Hintergründe und Fakten mit. Das schafft sie gewissermaßen nebenbei und ohne Schwung aus der Lebensgeschichte zu nehmen. Wer schon eines der zahllosen Bücher von und über Hillary gelesen hat, wird wenig Neues entdecken. Wer sich aber einen fundierten Eindruck von ihr machen will, der über Zeitungswissen und Vorurteile hinausreicht, der wird viel Freude an diesem Buch finden, das zudem locker geschrieben ist.

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Carolin Emcke: Die Friedenspreisträgerin

Carolin Emckes mutiges Plädoyer "Gegen den Hass" nimmt die Leserinnen und Leser in die Pflicht. Richtig so!

Carolin Ehmke im Biografien-Blog
Foto: Andreas Labes. Lizenz: Carolin Ehmke

Die Signalfarbe steht ihm gut. Das schmale Büchlein leuchtet in grellem Orange und bringt die drei Worte, die sein schlichtes Cover zieren, in all ihrer Wucht zur Geltung: GEGEN DEN HASS schreibt Carolin Emcke an. Ihre Botschaft: Widerstand gegen den Hass richtet sich gegen Handlungen, nicht gegen Menschen - und funktioniert nur, wenn man ihn nicht fanatisch angeht.

Click auf's Cover: Direkt zum Verlag
Click auf's Cover: Direkt zum Verlag

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist eine der renommiertesten Auszeichnungen der literarischen Welt. Die Liste der Preisträger ist voll von großen Namen: Albert Schweitzer gehört dazu, Astrid Lindgren und Orhan Pamuk. Jetzt gesellt sich auch Carolin Emcke  (Jahrgang 1967) in diese illustren Runde - völlig zu Recht. Emcke ist eine praktisch veranlagte Philosophin. Sie verfügt über die Gabe, gesellschaftliche Konflikte nicht nur sehen, sondern auch deuten zu können. Dabei mag die Doktorarbeit über "Kollektive Identitäten" und sozialphilosophische Grundlagen geholfen haben. Carolin Emcke belässt es aber nicht bei akademischer Analytik: Sie hat das Studierzimmer verlassen und als Journalistin die Kriegs- und Krisengebiete der Welt bereist. Das Elend und die Fluchtmotive vieler verzweifelter Menschen hat sie selbst erlebt. Als bekennender Homosexueller sind ihr die Mechanismen der Diskriminierung geläufig und als Patentochter von Alfred Herrhausen, den die RAF ermordet hat, hat sich intensiv mit den Funktionsweisen des Terrors befasst. Alle diese Einsichten und und die Ergebnisse jahrelangen Nachdenkens fließen nun ein in die kleine, aber pfiffige und bewundernswert undiplomatische Streitschrift "Gegen den Hass". 

Foto: Sebastian Bolesch. Quelle: Carolin Ehmke
Foto: Sebastian Bolesch. Quelle: Carolin Ehmke

Anhand zweier Beispiele schlüsselt Emcke die zunehmend auftretenden Phänomene von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (Clausnitz) und institutionellem Hass (Tod eines farbigen Mannes im Polizeigewahrsam) auf. Dabei verwebt sie philosophische Leitgedanken mit eigenen Situationsanalysen und offenen Fragen an die Leserinnen und Leser. Ihre Argumentation ist stringent, ihre Formulierungen spielen damit, ein kleines bisschen suggestiv zu sein. Ihre Ergebnisse fasst sie unmissverständlich zusammen: "Der akute, heiße Hass ist die Folge kühler, länger vorbereiteter oder über Generationen weitergereichter Praktiken und Überzeugungen."

Emcke kritisiert die Profiteure von gezielter Skandalisierung in Medien und Politik (darunter die AfD-Politiker mit ihren populistischen Parolen), aber sie nimmt auch die Leserinnen und Leser in die Pflicht, sich im Widerstand gegen den Hass nicht selbst zu radikalisieren: "Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seine Einladung, sich ihm anzuverwandeln, ausschlägt." Auch wenn Carolin Emcke demütig von sich weist, selbst Lösungen für den zunehmend ungenierten und salonfähigen Hass zu kennen, gibt sie pragmatische Ratschläge, die wir alle tagtäglich umsetzen können und sollen. Widerstand gegen den Hass fängt bei jeder und jedem einzelnen an! Die große Gefahr und die große Chance besteht dabei darin, sich nicht von Fanatismus und Radikalismus korrumpieren zu lassen: "Es geht nicht darum, Personen als Menschen zu dämonisieren, sondern ihre sprachlichen und nicht-sprachlichen Handlungen zu kritisieren oder zu verhindern."

Carolin Emcke bei Twitter


Fazit: Gegen den Hass ist ein lesenswerter Mutmacher für alle, die in Freiheit und Vielfalt leben wollen!

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Elisabeth II.: Die ewige Königin

Elisabeth II. wird 90. Die Rekord-Monarchin verkörpert Glanz und Gloria des Vereinigten Königshaus als royaler Popstar.

Elisabeth II. im Biografien-Blog (Foto: Joel Rouse/ Ministry of Defence, OGL 3)
Elisabeth II. im Biografien-Blog (Foto: Joel Rouse/ Ministry of Defence, OGL 3)

Sie ist die ewige Königin: Elisabeth II. von England. Bunte Hüte sind ihr Markenzeichen, kleine Hunde und schnelle Pferde ihre vierbeinigen Lieblinge, heimische Cornflakes aus der Tupperdose ihr Frühstücksgeheimnis auf Weltreisen. Elisabeth II. beherrscht Prunk und Pomp. Sie ist ein royaler Popstar. Aber sie wird auch der Würde eines einisten Weltreichs gerecht. Und sie mischt mit. So mancher ihrer Regierungschefs hat ihren Rat geschätzt - bis heute. Zwölf Premierminister hat Elsabeth II. im Amt überdauert - und acht Päpste. Heute feiert sie ihren 90. Geburtstag - herzlichen Glückwunsch. 

Lizenz: gemeinfrei
Elisabeth II. im Biografien-Blog.

Als sie am 2. Juni 1953 in der Westminster Abbey gekrönt wird, residiert noch ein gewisser Winston Churchill in der Downing Street No. 10. Fast scheint es an diesem trüben Regentag, dass die Mittzwanzigerin bereits die Regierungslast von sechs Jahrzehnten tragen muss. So schwer ist die Schleppe, dass sie der Bischof von Canterbury sanft schubsen muss, damit sie loslaufen kann. Dabei hatte alles ganz unspektakulär begonnen: Geboren wurde Her Royal Highness 1926 als Nichte von König Edward VIII. Der aber liebt eine zweimal geschiedene Amerikanerin und muss deshalb den Thron für Elisabeths Vater räumen, wodurch sie selbst Thronfolgerin wird - und was für eine:

Elisabeth studiert Verfassungsgeschichte und Recht, lernt beim Militär, wie man Autos fährt und repariert, heiratet standesgemäß und bringt zwei Kinder auf die Welt (Charles und Anne, Andrew und Edward folgen nach der Krönung). Nicht immer verläuft ihre Regentschaft reibungslos: In der großen Welt führt Großbritannien einen Krieg um die Falklandinseln. Zuhause scheitern reihenweise die Ehen ihrer Kinder (ausgerechnet) und als die Queen gefühlskalt auf den Unfalltod der einstigen Schwiegertochter Diana reagiert,  da ist es um ihr Ansehen im Land so schlecht bestellt wie selten. Aber die Queen wäre nicht über sechs Jahrzehnte die Queen gewesen, wenn sie nicht auch solche Krisen gemeistert hätte. Und wenn sie das Alter ihrer Mutter erreicht (101), dann wird sie England und der Welt als ewige Königin noch einige Jahre erhalten bleiben.

Queen Elisabeths II. Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den Königlichen im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Gysi und Schorlemmer: Rot und Verklärung?

Der einstige SED-Politiker Gregor Gysi und der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer erinnern sich an die ehemalige DDR 

Foto: Vincent Eisfeld - Own work. Licensed under CC BY-SA 4.0
Foto: Vincent Eisfeld - Own work. Licensed under CC BY-SA 4.0

Treffen sich zwei Welterklärer. Wer hat mehr zu sagen: Der Politiker oder der Prediger? Nicht immer ist das eine Frage von Redezeit. Schon gar nicht, wenn Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer miteinander über die DDR sprechen, die sie beide geprägt hat und die sie geprägt haben: Gysi als oberster Parteigenosse, Schorlemmer als Friedenspfarrer. Gysi hat die DDR politisch überlebt, Schorlemmer hat sie überwunden.  Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, schaut man gemeinsam zurück. Das Protokoll der Begegnung, veröffentlicht als Hörbuch, ist durchaus kurzweilig geraten - wenn man politische Utopien mag.

Klick auf's Cover: Direkt zum Verlag
Klick auf's Cover: Direkt zum Verlag

Man kennt sich. Man schätzt sich. Und man siezt sich. Dieser bürgerlich-formale Umgang überrascht bei diesem kollektiven Erinnern zweier linker Urgesteine. Gregor Gysi, Jahrgang 1948, hat sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik politische Spitzenämter ausgefüllt. Der um vier Jahre ältere Friedrich Schorlemmer hat als kreativer und kritischer Kirchenmann Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet, was in der DDR politischer Widerstand war. Zur Sicherheit legt Schorlemmer schon mal fest, wer ihn im Zweifel als Rechtsanwalt verteidigen soll. Der Name Gysi steht auf seinem Zettel.

Foto: Ferran Cornellà. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0
Foto: Ferran Cornellà. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0

Zum Glück hat er seine juristischen Dienste nie benötigt. Trotzdem wirkt  Schorlemmer in diesem Erinnerungsgespräch mit Gysi nicht wirklich befreit. Gelacht wird jedenfalls selten. Selbst der halbwitzige Einstieg des ebenfalls linken Moderators Hans-Dieter Schütt, der nach Gysis Krawatte und Schorlemmers offenem Kragen fragt, geht irgendwie schief.  Schorlemmer strahlt einen heiligen Ernst aus, wenn über Jugend in der DDR, politische Sozialisierung, demokratischen Sozialismus und politische Theorie und Theologie von Marx bis Jesus gesprochen wird. Für ihn ist das nicht ein Gespräch unter vielen. Schorlemmer kann nicht verbergen, wie akribisch er sich vorbereitet hat und welche Botschaften er vermitteln will: Ihm geht es darum, manche gesellschaftstheoretisch gute Idee von ihrer ins Gegenteil verkehrten Umsetzung im Unrechtsstaat DDR zu lösen. Rot ja, Verklärung nein! Schorlemmer geht es um den Sinn und den Nutzen politischer Utopien. Anders als Gysi hat er nach der Wende die ganz große politische Bühne verlassen. Aber genau dorthin katapulitiert ihn das Gespräch mit dem einstigen Oppositionsführer im Deutschen  Bundestag zurück. Ein bißchen hört er sich an, wie bei einer großen, letzten Predigt. Ihm geht es um die großen Linien. Deshalb nimmt sich selbst zurück. Und das nimmt ihm die Lockerheit.

TRIALON/Kläber - http://archiv2007.sozialisten.de/service/ download/fotos/gysi/index.htm. Lizenziert unter Attribution.
TRIALON/Kläber - http://archiv2007.sozialisten.de/service/ download/fotos/gysi/index.htm. Lizenziert unter Attribution.

Ganz anders Gregor Gysi. Der erzählt gelöst und garniert mit mancher Prise Witz Schwank um Schwank aus seinem Leben. Wie er als kleiner zorniger Junge die Russen gegen (berechtigte) Anschuldigungen verteidigt hat beispielsweise - oder wie er zu Hegel und Marx gefunden hat. Der streitbare Politiker Gysi resümiert sein Lebenswerk mit feiner Selbstironie - und manchmal sogar mit unerwarteter kritischer Distanz zu sich selbst. Politische Utopien fangen für ihn eigentlich erst an der Schwelle zum Machbaren an, was aber nicht heißt, dass Gysi keinen Platz für utopien lässt. Das alles wäre noch glaubwürdiger, wenn er sich nicht dauernd in die typischen Politiker-Floskeln fallen würden - "Ich will Ihnen auch erklären warum..." - und wenn er sich etwas souveräner mit den bis heute nicht verstummten Vorwürfen auseinander gesetzt hätte, er sei Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi gewesen. Dieses für ein Erinnerungsgespräch so wichtige biografische Thema wird nur gestreift - ohne dass eine unbefangene Auseinandersetzung stattfindet. 

Überhaupt fehlt dem Gespräch leider ein bißchen der rote Faden. Gysis unterhaltsame Anekdoten und Gedanken und Schorlemmers oftmals pathetisch-gewichtiges Resümieren stehen über weite Strecken recht unvermittelt nebeneinander. Der an sich angenehm zurückhaltende Moderator Hans-Dieter Schütt lässt beide mehr oder weniger aneinander vorbeireden. Ein Streitgespräch entwickelt sich nicht zwischen den beiden ehemaligen Wort- und Meinungsführern entgegengesetzter Strömungen. Das ist schade. Denn eine echte Kontroverse von praktisch orientierten linken Welterklärern hätte was gehabt. Denn schon so ist das Gespräch der beiden zwar nicht locker, aber spannend.

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Raif Badawi: Blogger hinter Gittern

Raif Badawis Biografie ist eine Geschichte über Freiheit, Hoffnung und Verzweiflung - und über die ganz große Liebe. 

Raif Badawi im Biografien-Blog
Raif Badawi. Foto: Ensaf Haidar - Picture provided by PEN International. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Zehn Jahre Haft und tausend Stockhiebe: Raif Badawi sitzt ein, weil er gebloggt hat: für mehr Freiheit, Gleichberechtigung und Toleranz in einem modernen Saudi-Arabien. Dafür ist er unter die Mühlen eines mittelalterlichen Rechts- und Gesellschaftssystem geraten. Seine Frau Ensaf Haidar erzählt ihre gemeinsame Geschichte über Macht und Ohnmacht, Hoffnung und Verzweiflung - und über die ganz große Liebe. 

Zugegeben: Ich bin kein großer Fan von Liebesgeschichten. Diese hier hat mich aber mitgerissen und ich bin froh, dass ich mir die Geschichte von Raif Badawi und Ensaf Haidar angehört habe. Raif ist ein saudischer Blogger, der sich in und mit seinem liberalen Forum für Frauenrechte, Meinungsfreiheit und eine weltoffenere Gesellschaft stark gemacht hat. Das hat ihm viele digitale Freunde eingebracht - und mächtige Feinde in der Religionspolizei, die nicht nur im Netz Jagd auf ihn gemacht haben. Seit über drei Jahren sitzt Raif Badawi im Gefängnis.


Seine Frau Ensaf kämpft seither für seine Freilassung. Sie lebt mit den drei gemeinsamen Kindern im kanadischen Asyl, organisiert Proteste, nimmt Preise für ihren inhaftierten Mann entgegen und trifft sich mit führenden Politikern Europas. Nur sie können den König von Saudi-Arabien zu einer Begnadigung bewegen - wenn überhaupt. Auch Ensaf Haidars ergreifendes Hörbuch Freiheit für Raif Badawi, die Liebe meines Lebens  ist Teil dieses Kampfes. Aber es ist weit mehr: Eingebunden in das biografische Drama zweier junger saudischer Menschen ist dieses Hörbuch eine Einführung in die kaum zu glaubende politische, rechtliche und gesellschaftliche Wirklichkeit des einflussreichen Golfstaates. Vieles weiß man so mehr oder weniger: die Männer haben das Sagen, die Frauen werden  unterdrückt und müssen sich vollverschleiern, die Familienehre ist wichtig, der Glaube ebenso. Was das aber ganz konkret heißen kann, hat zumindest mir regelrecht den Atem verschlagen: Das aberwitzige Versteckspiel, in dem Raif und Ensaf als Paar zueinander gefunden haben, die grotestken Widerstände aus ihrer Familie, der kalte und zynische Hass seines Vaters, der schon den dreizehnjährigen Raif anzeigen und hinter Gitter bringen kann, die Drohungen und Mordversuche gegen den Blogger, der das freie Wort liebt, ohne sein Land verraten zu wollen, die haltlosen Anschuldigungen, mit denen man Raif schließlich außer Gefecht setzt. Denn verboten ist sein Blog nicht. Deshalb wirft man ihm Abfall vom Glauben vor - und das ist ein schlimmes Vergehen in Saudi-Arabien. 

Foto: ai (verlinkt)
Foto: ai (verlinkt)

Ensaf Haidar hält trotz größtem Druck der auf sie ausgeübt wird (inklusive Familienverbannung und vermuteter Zwangsscheidung) zu ihrem Mann. Sie erzählt ihre gemeinsame Liebesgeschichte wie einen paarbiografischen Krimi: Immer wieder wird es brenzlig, immer wieder lassen sich Freunde und Feinde Raifs neue Möglichkeiten einfallen, ihm zu schaden oder ihm zu helfen. Immer wieder gibt es unverhoffte Wendungen - nur ein Happy End ist leider noch nicht in Sicht. Wer sich aber für die Freilassung von Raif Badawi einsetzen will, kann dies beispielsweise auf den Seiten von Amnesty International tun oder eben auch mit dem Kauf dieses empfehlenswerten Hörbuchs einen kleinen Beitrag leisten...  

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Jyoti Singh Pandey: Ein zerstörter Lebenstraum

Jyoti Singh Pandey wurde 2012 in Indien zu Tode vergewaltigt. Kerstin Scheuer erzählt ihre Geschichte im Biografien-Blog.

Jyoti Singh Pandey im Biografien-Blog Eulengezwitscher
Demonstration nach der tödlichen Gruppenvergewaltigung in Indien. Foto: Nilroy (Nilanjana Roy). Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die indische Studentin Jyoti Singh Pandey hatte ihr Leben vor sich - und sie hatte einen Lebenstraum: Ärztin werden. Vor drei Jahren, am 16. Dezember 2012, wurde sie in Neu Dehli von einer Gruppe von Männern angegriffen und zu Tode vergewaltigt. Sexuelle Gewalt ist allgegenwärtig - nicht erst seit den furchtbaren Vorfällen in der Silvesternacht. Dagegen helfen nur Aufklärung, Zivilcourage - und konsequente Strafverfolgung. Im Biografien-Blog Eulengezwitscher würdigt die Buchbloggerin Kerstin Scheuer (kerstin-scheuer.de) Jyoti Singh Pandey als starke Frau und erinnert an ihre tragische Lebensgeschichte zwischen Hoffnung und Horror.

Hallo Kerstin, wer fasziniert Dich?

Mich faszinieren vor allem starke Frauen, die sich unter schwierigen Bedingungen für ihre persönliche Freiheit und Gleichberechtigung einsetzen. Besonders beeindruckt hat mich zuletzt die Geschichte von Jyoti Singh Pandey, die am 16. Dezember 2012 in Neu-Dehli Opfer einer Massenvergewaltigung wurde und 13 Tage später an ihren schweren Verletzungen starb. Ihr Fall sorgte weltweit für Schlagzeilen. Heftige Proteste sorgten schließlich für eine deutliche Verschärfung des indischen Sexualstrafrechts.

 

Warum ist  die Lebensgeschichte von Jyoti Singh Pandeys auch abgesehen von ihrem tragischen Ende besonders?

Jyoti Singh Pandey gehörte zu einer neuen indischen Frauengeneration, die nicht länger akzeptieren möchte, dass der eigene Lebensweg bereits durch die Geburt vorgezeichnet sein soll. Stattdessen arbeitete sie ehrgeizig und sehr erfolgreich an der Verwirklichung ihres Traums von einem besseren Leben. Jyoti wuchs in einem Slum in Neu-Dehli auf. Ihr Vater hielt die Familie mit dem Beladen von Flugzeugen einigermaßen über Wasser.

Für Jyoti, die davon träumte, Ärztin zu werden, waren das keine guten Startvoraussetzungen. Aber ihre Eltern meldeten Jyoti als erstes Mädchen in der örtlichen Privatschule an. Um Jyotis Schulausbildung zu finanzieren, verkauften sie ein kleines Stück Land, das ursprünglich Teil von Jyotis späterer Aussteuer als Braut sein sollte. Jyoti selbst hatte ihre Eltern dazu überredet, lieber in ihre Bildung zu investieren anstatt auf eine wirtschaftlich günstige Ehe zu hoffen. Jyoti war eine gute Schülerin, die später selbst jüngere Klassen unterrichtete. Nach ihrem Schulabschluss begann sie eine Ausbildung zur Krankengymnastin, die sie sich mit Nachtschichten in einem Call Center finanzierte.

Sie führte ein modernes Großstadtleben mit regelmäßigen Shoppingnachmittagen mit Freundinnen und einem festen Freund. Jyoti hatte Spaß am Ausgehen und ging gerne ins Kino. Nachbarn und Bekannte der Familie kritisierten diesen Lebenswandel als nicht angemessen für eine anständige junge Frau.. 

 

Wie bist Du auf Jyoti Singh Pandey gekommen?

Kurz nach Weihnachten sah ich einen Dokumentarfilm zur Massenvergewaltigung in Neu-Dehli vor knapp 3 Jahren. Darin wurde auch Jyoti Singh Pandeys Lebensweg nachgezeichnet.

 

 

Wie inspiriert sie Dich?

Mich inspiriert vor allem die große Zielstrebigkeit, mit der sie gegen alle finanziellen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten recht erfolgreich an der Verwirklichung ihres Lebenstraums arbeitete.

 

Hast Du eine Biografie über sie gelesen?

Eine geschriebene Biografie über Jyotis Leben kenne ich nicht; dazu ist die Tat wohl auch noch zu aktuell. Aber ich kann den bereits erwähnten Dokumentarfilm empfehlen. Hierin kommen neben Jyotis Eltern auch die Täter zu Wort. So entsteht ein rundes Gesamtbild, das gleich mehrere gesellschaftliche Probleme Indiens anspricht. Nur, dass die brutale Tat in all ihren grausigen Einzelheiten so ausführlich nacherzählt wird, störte mich etwas.

 

Vielen Dank für's Mitmachen, Kerstin.

Hier geht's direkt zu Kerstins Blog. Sie ist auch bei Twitter und Facebook...

Wer begeistert Dich? Wer inspiriert Dich?  Hast Du eine Lieblingsbiografie?

Hast Du Lust, davon im Biografien-Blog Eulengezwitscher zu erzählen?Mitmachen ist ganz leicht. Alles, was Du dazu wissen musst, findest Du hier...

Mitmachartikel weiterzwitschern...

0 Kommentare

Julia Klöckner: Die Herausfordererin

Julia Klöckner will Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz werden. In einem neuen Buch stellt sie sich und ihre Politik vor

Julia Klöckner (beide Fotos sind Pressebilder von http://www.julia-kloeckner.de/presse/portraits.php
Julia Klöckner (beide Fotos sind Pressebilder von http://www.julia-kloeckner.de/presse/portraits.php

Julia Klöckner strahlt. Das herzliche Gute-Laune-Lachen ist eines ihrer Markenzeichen. "Wenn Politiker nicht lachen können, dann haben auch die nichts zu lachen, die von ihnen regiert werden", sagt sie. Julia Klöckner ist eine fröhliche Politikerin. Und eine, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube macht. Klöckner kann auch Klartext. Damit kommt sie in Rheinland-Pfalz gut an. Im kommenden März will sie in Mainz Ministerpräsidentin werden. "Die Julia" ist an  Rhein und Mosel, Nahe und Ahr bekannt und beliebt - auch weil sie als ehemalige Weinkönigin schon viel für ihre Heimat getan hat. Dass sie Politik gestalten kann, hat sie in Berlin bewiesen: als Bundestagsabgeordnete, Parlamentarische Staatssekretärin und als stellvertretende  CDU-Bundesvorsitzende. Jetzt hat Julia Klöckner ihre persönlichen und politischen Überzeugungen in einem Interview-Buch dargelegt - und wir blicken hinein...

Klick auf's Cover: Direkt zum Verlag
Klick auf's Cover: Direkt zum Verlag

Dieses Buch ist ein Wahlkampfbuch. Aber es ist kein Buch der einfachen Parolen und der polemischen Zuspitzung. Es ist ein Buch, in dem Julia Klöckner die Positionen, mit denen sie sich zur Wahl stellt, erläutert und aus ihrer eigenen Lebensgeschichte heraus erklärt. Julia Klöckner (Jahrgang 1972) ist im idyllischen Weindorf Guldental aufgewachsen. Die weiten Felder, die hügeligen Wälder und die grünen Weinberge zwischen Nahe und Hunsrück sind die malerischen Kulissen ihrer (und auch meiner) Kindheit.  Im Sportverein (Tischtennis) und im Musikverein (Querflöte) kann sie ihre Geselligkeit ausleben,  in der Kirchengemeinde ihren christlichen Glauben. Dieser Glaube,  den sie auf die Kurzformel  "Heimat, Halt, Zutrauen" bringt, prägt auch ihre politischen Positionen - zum Beispiel in den Diskussionen um Stammzellenforschung und Sterbehilfe. "Mein persönlicher Glaube bedeutet mir etwas, und ich halte nicht künstlich damit hinter dem Berg, aber ich dränge ihn auch nicht jedem auf." So ähnlich ist das auch mit ihrer weltlichen Heimat. Julia Klöckner ist im besten Sinn heimatverbunden. Auf dem Land sei man nicht minder weltoffen als in den Metropolen: "Es gibt so viele verbohrte Menschen in den Hauptstädten der Welt. Bei uns in Guldental  werden ohne große Probleme gerade Flüchtlinge aufgenommen - tolerant und weltoffen."

Ihre eigene Weltoffenheit hat Julia Klöckner erst als Naheweinkönigin, dann als Deutsche Weinkönigin unter Beweis gestellt. Regierungserfahrung hat sie also gewissermaßen schon gesammelt, ehe sie in die Politik gegangen ist.  Das war allerdings vergleichsweise spät der Fall, denn nach dem Studium (Theologie, Politikwissenschaft, Pädagogik - Magister und Lehramt) beginnt sie erst einmal eine Journalistenkarriere. Dann aber startet Julia Klöckner als Politikerin durch. Bundestag, Bundesregierung, Parteivorstand. In Berlin bereitet sich Julia Klöckner darauf vor, den langjährigen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck abzulösen. 2011 scheitert sie knapp. Im kommenden Jahr nimmt sie den zweiten Anlauf, diesesmal fordert sie die sozialdemokratische Amtsinhaberin Malu Dreyer heraus.

Politische Akzente setzt Julia Klöckner unter anderem auf Familie und auf Digitalisierung: Nach ihrer Meinung  "muss die Arbeitswelt familiengerechter werden und nicht die Familie arbeitsweltgerechter". Familien mit mehreren Kindern will sie besonders in den Blick nehmen. Auch in Sachen Digitalisierung hat Julia Klöckner viel vor. Schon seit Jahren twittert sie leidenschaftlich und in den Sozialen Medien hat sie sozusagen eine dritte Heimat gefunden (neben dem Glauben und Guldental). Als Regierungschefin will sie das ländliche Rheinland-Pfalz zur Vorreiterregion des digitalen Wandels machen - das ist attraktiv und schafft Arbeitsplätze. 


Der zu bewahrende hohe Wert der Familie und die zukunftsgerichtete Analyse von kommenden Wirtschafts- und Politikfeldern stehen beispielhaft für Julia Klöckners politische Selbstbestimmung "zwischen Gummistiefeln und Pumps, zwischen humorvollem Weinfest und akribischer Schreibtischarbeit, zwischen Tradition und Moderne." Fazit: Politische Standpunkte mit biografischer Grundlegung - lohnenswerte Lektüre nicht nur für Rheinland-Pfälzer. 

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Vordenker, Querdenker und Nachdenker

Krisenmanager, Kanzler, Kritiker: Nachruf auf Helmut Schmidt

Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F048808-0011 / Wienke, Ulrich / CC-BY-SA 3.0
Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F048808-0011 / Wienke, Ulrich / CC-BY-SA 3.0

Als ich sehr klein war, habe ich gegen Helmut Schmidt demonstriert. Im Baggy. Wohl oder übel. Meine Eltern waren wohl gegen den NATO-Doppelbeschluss. Helmut Schmidt war dafür. Das hat ihn 1982  das Bundeskanzleramt  gekostet, weil ihm auch seine Partei, die SPD, nicht mehr gefolgt ist. Seinen Einfluss hat er damals nicht verloren. Schmidt war Mitherausgeber der Wochenzeitung 'Die Zeit', Schriftsteller, Querdenker, Vordenker und Nachdenker, ständiger Mahner und politisches Gewissen. Heute ist er im Alter von 96 Jahren gestorben.

Foto: Kremlin.ru. Lizenziert unter CC BY 3.0
Foto: Kremlin.ru. Lizenziert unter CC BY 3.0

Helmut Schmidt war gebildet, wortgewandt, entscheidungsfähig und prinzipienfest. Er wusste um seine Qualitäten und er ließ es die anderen wissen. Dabei hat es keinem leicht gemacht: Seinen politischen Gegnern wie Helmut Kohl und Franz Josef Strauß nicht, seiner Partei nicht und sich selbst nicht. Als Krisenmanager hat er sich in der Hamburger Flutkatastrophe von 1962 hervorgetan, als Krisenmanager war er gefragt als es galt, dem linksextremistischen Terror zu trotzen. Er hat sich und die Bundesrepublik von der RAF nicht erpressen lassen und dafür einen hohen Preis bezahlt. An der Ermordung des entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer hat er sich in sehr nachdenklichen Überlegungen selbst eine Mitverantwortung gegeben: "Wir, die Verantwortlichen in Bonn, konnten dagegen nicht abermals zulassen, daß freigepresste Verbrecher ihre mörderische Tätigkeit fortsetzen würden. So waren wir in Schuld und Versäumnis verstrickt." Es sind Sätze wie diese, die die historische Größe Helmut Schmidts erahnen lassen, bei allen menschlichen Schwächen: Helmut Schmidt war kein Freund einfacher oder oberflächlicher Erklärungen. Er war ein intensiver Mensch: Aktenfresser, Kettenraucher, Vielschreiber. Aber seine Gedanken und Worte hatten Gewicht. Sie werden fehlen. Helmut Schmidt wird fehlen.

Helmut Schmidts Biografie weiterzwitschern:

Alle Kanzler im Eulengezwitscher Extra zur Bundestagswahl:

0 Kommentare

Gregor Schöllgen: Nahaufnahme eines Altkanzlers

Gregor Schöllgen hat eine Biografie über Gerhard Schröder geschrieben - und mit dem Biografien-Blog darüber gesprochen

Gerhard Schröder by Stepro / Steffen Prößdorf. Licensed under CC BY-SA 3.0
Gerhard Schröder by Stepro / Steffen Prößdorf. Licensed under CC BY-SA 3.0

Noch nie hat ein Altkanzler früher seinen Aktenschrank geöffnet: Zehn Jahre nach dem Abgang von Gerhard Schröder ist jetzt die erste große Biografie über ihn erschienen. Vorgelegt hat sie Gregor Schöllgen, ein routinierter Biograf, der sich mit Machtmenschen und besonders mit sozialdemokratischen Kanzlern auskennt: Auch über Willy Brandt hat er bereits geschrieben. Im Biografien-Blog spricht der Erlanger Historiker darüber, was eine gute Biografie ausmacht, wie er die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz findet - und über Überraschungen in Schröders Aktenschrank. Denn für Überraschungen war Gerhard Schröder schon immer gut: Ein biografisches Warm-Up:

 Der Jungsozialist rüttelt am Zaun des Kanzleramtes und erheitert seine Begleiter mit dem lockeren Spruch: „Ich will hier rein!“ Der niedersächsische Ministerpräsident jagt dem SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine die Kanzlerkandidatur ab und gewinnt die Wahl gegen den ewigen Kanzler Helmut Kohl. Bundeskanzler Schröder stößt seine Genossen mit der Agenda 2010 vor den Kopf und überrumpelt die Republik mit der Ankündigung vorgezogener Neuwahlen. Der Wahlverlierer irritiert mit einem Polterauftritt in der Elefantenrunde und der Altkanzler überrascht mit engen Beziehungen zu Putin und Russland.


Überraschungen in der Biografie von Gerhard Schröder

Biografien-Blog: Herr Professor Schöllgen, Gerhard Schröder hat Ihnen uneingeschränkten Zugang zu allen amtlichen und privaten Akten gewährt. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Gregor Schöllgen. Foto: Privat, Lizenz: Randomhouse-Pressebild
Gregor Schöllgen. Foto: Privat, Lizenz: Randomhouse-Pressebild

Gregor Schöllgen: Das Spannendste war, dass ich Gerhard Schröder Dinge über seine Familie berichten konnte, die er  bis dahin nicht kannte: Schröder wusste bis zu meinen Recherchen so gut wie nichts über seinen Vater; außer, dass er im Krieg gefallen war.


Biografien-Blog: Gerade über seinen Vater haben Sie nicht nur Rühmliches herausgefunden. Er war wegen Diebstahls verhaftet worden und sie haben das Polizeibild entdeckt - das erste Foto, das ihn als Zivilisten zeigt... 

Gregor Schöllgen:  Damit ist Gerhard Schröder sehr souverän umgegangen. Nach dem geschriebenen Gesetz war sein Vater ein Schwerverbrecher, weil er wiederholt eingebrochen ist. Er hat aus der Not heraus Kleidung gestohlen. Schröder hat gesagt: "Das war mein Vater. Das war seine Geschichte. Das war ein Kapitel seines Lebens, damit auch meines Lebens." Schröder hatte kein Problem damit, dass ich das öffentlich mache. Es erhöht ja auch eher noch den Respekt vor diesem Mann und seiner Lebensleistung, wenn man weiß, dass er aus solchen Verhältnissen stammt. Wirklich erstaunlich!

Biografien-Blog: Gibt es etwas, dass Sie aus seiner Zeit als Bundeskanzler überrascht hat?

Gregor Schöllgen:  Mich hat die Konsequenz überrascht, mit der Gerhard Schröder seine wichtigsten Anliegen wie zum Beispiel die Arbeitsmarkt- und Sozialstaatsreformen verfolgt hat, obwohl man manchmal schon den Eindruck hatte, dass es in der rot-grünen Bundesregierung ziemlich chaotisch zuging - vor allem in der ersten Legislaturperiode. Überrascht hat mich auch, wie intensiv Schröder schon als niedersächsischer Ministerpräsident seiner späteren Reformpolitik vorgearbeitet hat.

Biografien-Blog: Gerhard Schröder ist nach Willy Brandt der zweite Kanzler aus der SPD, über den Sie geschrieben haben. Was reizt Sie an den großen Sozialdemokraten?

Gregor Schöllgen: Einerseits hatte ich in beiden Fällen uneingeschränkten Aktenzugang. Zum anderen haben alle drei sozialdemokratischen Kanzler, also auch Helmut Schmidt, gegen enorme Widerstände - nicht zuletzt aus den Reihen der eigenen Partei - Herausragendes durchgesetzt, weil sie konsequent gesagt haben: Das müssen wir jetzt  durchziehen. Die Ostpolitik bei Willy Brandt, der NATO-Doppelbeschluss bei Helmut Schmidt, die Agenda 2010 bei Gerhard Schröder: Das sind für das Land und für die drei Kanzler politisch existentielle Fragen gewesen. Alle drei haben dafür das Kanzleramt riskiert. Zwei haben es darüber verloren, einer fast...

Gleichzeitig Nähe und Distanz? Die biografische Gretchenfrage 

Biografien-Blog: Welchen Ansprüchen muss ein guter Biograf gerecht werden?

Greogor Schöllgen:  Er sollte so nah wie möglich  an den Protagonisten herankommen, dabei aber die Distanz wahren, die ein kritisches und abgewogenes Urteil ermöglicht. Natürlich sollte er  Zugang zu Materialien und  Informationen haben,  die bis dahin noch niemandem zugänglich gewesen sind,  auch mit möglichst vielen Zeitzeugen sprechen und - falls der Protagonist noch lebt - ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufbauen.

Biografien-Blog: Im Fall von Gerhard Schröder sind sie in jahrelangen Recherchen nicht nur nahe an den Macher herangekommen, sondern auch an den Menschen. Das zeichnet Ihre Biografien aus, deren Texte ebenso heranfahren und Ihre Leser mitnehmen in die Lebensgeschichte Ihrer Protagonisten. Wie schützen Sie sich davor, die nötige Distanz nicht zu verlieren?

Gregor Schöllgen: Gerhard Schröder und ich haben uns zum Beispiel nie privat getroffen. Wenn wir miteinander gesprochen haben - in der Regel in seinem Berliner oder Hannoveraner Büro -, haben wir uns über ihn wie über einen Dritten unterhalten. Man muss das lernen und durchhalten, ohne dabei die Möglichkeit des persönlichen, emotionalen Zugangs zu ignorieren.

Biografien-Blog: Auch dem Anspruch, viele Fakten zusammenzutragen, entsprechen Sie. Ihre Schröder-Biografie umfasst mehr als 1000 Seiten. Warum sollten sich Leser außerhalb des Fachpublikums ein so dickes Buch vornehmen?

Gregor Schöllgen: Weil Sie mehrere Bücher in einem bekommen: Sie können nämlich jedes Kapitel als eigene, in sich geschlossene Geschichte lesen. Dazu war mir ein schneller Überblick für den Leser wichtig: Auf jeder Doppelseite finden Sie rechts oben eine lebende Kolumne, das heißt eine Zwischenüberschrift im Stichwortformat. Damit kann man sich rasch orientieren und muss nicht gleich 1000 Seiten in einem Zug lesen.

Biografien-Blog: Herr Professor Schöllgen, danke für das Gespräch.

Alle Bundeskanzler im Biografien-Blog:

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Martin Winterkorn: Der PS-Pilatus

VW-Chef Martin Winterkorn ist zurückgetreten. Dass er sich jetzt die Hände in Unschuld wäscht, ist peinlich...

Foto: Volkswagen Sweden, Lizenz: CC BY 3.0
Foto: Volkswagen Sweden, Lizenz: CC BY 3.0

Martin Winterkorn ist bestürzt. Ungläubig wie ein Kind, das erfährt, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, steht er dem vor dem Skandal um manipulierte Abgaswerte, der die Qualitätsmarke VW erschüttert. Fassungslos ist Winterkorn, "dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren". Fassungslos dürfen Kunden sein, Fanclub-Mitglieder, Mitarbeiter fast aller Abteilungen und Behörden - aber nicht der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens. Seine Entschuldigung (siehe Clip) ist einen Tag später Makulatur, als Winterkorn eine selbstgerechte Rücktrittserklärung vorlegt. "Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin." Das ist nichts weniger als feige und heuchlerisch. Denn der Mann wird schließlich fürstlich dafür bezahlt (fast 16 Millionen Euro im vergangenen Jahr), dass er darüber Bescheid weiß, was in seinem Konzern läuft - und dass er dafür die Verantwortung trägt.

Der Mythos Volkswagen

Volkswagen ist ein Mythos. Der VW-Käfer ist Sinnbild des deutschen Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg, der Golf ist eine ähnliche Erfolgsgeschichte. Jetzt hat Volkswagen, der größte deutsche Autobauer, im großen Stil Abgaswerte manipuliert. Eine geheime Software erkennt, ob ein Volkswagen auf der Straße unterwegs ist oder auf dem Prüfstand getestet wird: Dann werden rasch einige Zusatzfilter eingeschaltet, die glanzvolle Abgas-Messwerte liefern. Das geht zwar auf Kosten von Drehmoment und Leistung, aber auf dem Prüfstand sind die ja weniger wichtig. Und wenn der Volkswagen wieder rollt, haben die Zusatzfilter Pause (eine Analyse der Mogel-Software gibt's bei der ZEIT). Unvorstellbare Unkosten und Verluste rollen auf Volkswagen zu: Rückholaktionen, Strafen, Gewinnwarnung, erwartete Umsatz-Einbrüche.

Biografie Martin Winterkorn

Dafür sind die Manager zuständig. Martin Winterkorn ist nicht nur ein erfahrener Manager, der erst jüngst den internen Machtkampf mit der Überfigur Ferdinand Piech für sich entschieden hat. Winterkorn kennt auch die Praxis. Seinen Doktorhut hat er für Metallforschung aufgesetzt bekommen. Danach ging es mit Vollgas voran: Nach einer Station bei der Robert Bosch AG hat er sich auf Autos spezialisiert und Leitungsfunktionen bei Audi und Volkswagen übernommen. Besonders pikant: Bei beiden Marken war er verantwortlich für Qualitätskontrolle. Auch deshalb ist es eine billige Ausrede im Abgas-Skandal, von nichts gewusst zu haben. Sollte das stimmen, hätte er in Kernbereichen seines Arbeitsbereiches versagt. Es wäre sein Job gewesen, davon zu wissen – und es zu verhindern! Dann wäre sein Glaubensbekenntnis auch glaubwürdig: „Volkswagen war, ist und bleibt mein Leben.“

Im Blog weiterlesen...

Biografie Martin Winterkorn weiterzwischtern...

0 Kommentare

#Varoufaxit

Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis hat die Politik ordentlich  aufgemischt. Das muss Europa zu denken geben...

Foto: Robert Crc - Subversive festival media. Lizenziert unter FAL über Wikimedia Commons
Foto: Robert Crc - Subversive festival media. Lizenziert unter FAL über Wikimedia Commons

Yanis Varoufakis ist ein Spieler. Im Poker um Europa hat er gesetzt, geschoben und geblufft. Und als alle gedacht haben, er sei mit dem Referendum "All In!" gegangen, da steigt er einfach aus. Der #Varoufaxit kommt unerwartet - und nur teilweise gelegen. Denn Typen wie Varoufakis fehlen in Europa: Nicht der Inhalte wegen, schon klar. Aber würden auch die überzeugten Europäer so lässig und modern auftreten wie der griechische Ex-Minister, wäre die europäische Idee weniger abstrakt und viel attraktiver. So jedoch überlassen wir unser gemeinsames Erfolgsprojekt Europa Spielern wie Yanis Varoufakis, die es nicht wertschätzen. Und das ist nicht gut für Europa...

Damit haben nur wenige gerechnet. Yanis Varoufakis tritt zurück! Der Mann, der die europäische Spitzenpolitik wochen- und monatelang immer wieder vor den Kopf gestoßen hat, schmeißt nach dem für ihn erfolgreichem Referendum hin und knattert auf seinem Motorrad genauso lautstark davon, wie er vorher in die Mikrofone gepoltert hat. Terroristen hat die die Gläubiger genannt und insbesondere mit seinem knochenharten deutschen Amtskollegen hat er sich gerne angelegt. Wolfgang Schäuble ist auch so ein Typ, der sich nicht verbiegen lässt. Aber Schäuble ist leider schon Mitte 70 und seit über drei Jahrzehnten in Regierungsverantwortung. Varoufakis, geboren 1961, ist eine andere Generation. Er bloggt, er twittert, er trägt keine Krawatte, er fliegt Economy-Class, er hat keine Bodyguards um sich. Er lebt  global, hat die griechische und australische Staatsangehörigkeit, hat in England studiert und lehrt in den Vereinigten Staaten. Er lässt Homestories von sich machen und schert sich wenig darum, wer darüber die Nase rümpft - zurecht. Ein bisschen mehr Offenheit und ein bisschen weniger Gipfel-Exklusivität würden Europa gut tun. Varoufakis ist ein durchaus anerkannter Wirtschaftswissenschaftler, dessen Fachbücher in mehrere Sprachen übersetzt worden sind. All diese lockere Weltgewandheit, diese jugendliche Frische wird Europa fehlen. Aber um Europa scheint es Varoufakis nicht zu gehen - und das ist nicht zu verzeihen. Europa ist für ihn kein wunderbarer Neuanfang wie für die Gründerväter. Er hat den Krieg nicht erlebt, er hat nicht die Größe haben müssen, echten Feinden die Hand zu reichen. Denn die übrigen Finanzminister sind ebensowenig Terroristen wie sie Feinde Griechenlands sind. Varoufakis hat Europa als Selbstverständlichkeit kennengelernt - und das hat er nicht begriffen: Denn Europa ist und bleibt eine wertvolle Errungenschaft, die man nicht leichtfertig aufs Spiel setzt. Wir bezahlen nicht nur mit dem gleichen Geld, wir sind Freunde geworden. Und mit Freunden spielt man nur zum Vergnügen und nicht um die Existenz.

Yanis Varoufakis weiterzwitschern...

1 Kommentare

Sonia Sotomayor: Ein biografischer Hürdenlauf ins Oberste Gericht

Die US-Richterin Sonia Sotomayor legt ihre Memoiren vor

Foto: Collection of the Supreme Court of the United States, Steve Petteway source
Foto: Collection of the Supreme Court of the United States, Steve Petteway source

Die Personalie Sonia Sotomayor ist in den USA ein Politikum. Als Präsident Barack Obama sie vor fünf Jahren für den Obersten Gerichtshof nominiert hat, hat das politische Washington die Stirn gerunzelt: Ist Sotomayor nur eine Quotenfrau, die mit ihren puertoricanischen Wurzeln auch noch die Latinos mitabdecken soll? Auf den politischen Trubel um sich geht Sotomayor kaum ein. Stattdessen erzählt sie von dem biografischen Hürdenlauf, der sie in den Supreme Court gebracht hat. Ein reíner Karrierebericht oder politische Abrechnungen würden ihrem Leben auch nicht gerecht werden. Sie hat alle biografischen Hürden als Herausforderungen angenommen und sich auf einen Lebensweg gemacht, der über schwierige Familienverhältnisse, gesundheitliche Schicksalsschläge und Einwanderer-Vorbehalte aus einem Hinterhof in der Bronx ins politische Washington führt. Heute feiert sie ihren 60. Geburtstag - Grund genug, einen Blick in ihre jüngst bei C.H. Beck erschienene Autobiografie "Meine geliebte Welt" werfen.

Sonia Sotomayor

Meine geliebte Welt

Erschienen bei C.H. Beck im Februar 2014. 349 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,95 €.


Sonia Sotomayor ist am 25. Juni 1954 in New York geboren. Ihre Eltern sind auf der unterschiedlichen Wegen, aber auf der gemeinsamen Suche nach einem besseren Leben aus Puerto Rico in die Bronx gekommen. Mit Sonia scheint es das Leben zuerst einmal nicht gut zu meinen: Weil der  Vater kaum Englisch spricht, redet man zuhause nur Spanisch.  Auch beruflich läuft es nicht rund für den Vater: Als seine Firma (eine Spielzeugfabrik) pleite macht, ist er auf Jobs angewiesen, die ihm alle Kraft rauben und er verfällt dem Alkohol. Die Mutter ist von der Heilsarmee zur Hilfsschwester ausgebildet worden. Sie flüchtet sich vor dem zugrundegehenden Vater in die Arbeit oder zu Freunden; aber sie bleibt bei ihrem Mann, bis der sich zu Tode gesoffen hat. Fast zeitgleich - Sonia ist acht Jahre alt - diagnostiziert man bei ihr Diabetes. Das ist den 1960er Jahren keine harmlose Angelegenheit, denn noch sind Insulinspritzen in der Heimapotheke nicht selbstverständlich:

Aber die Krankheit erzeugte in mir auch jene Art frühreifer Selbstständigkeit, wie sie nicht untypisch ist bei KIndern, die die Erwachsenen um sie herum als unverlässlich erleben.

Mit dem Tod des Vaters wird diese Selbstständigkeit überlebenswichtig, denn die Mutter zieht sich monatelang in ihre Trauer zurück und ist kaum ansprechbar. Erst als Sonia und ihr Bruder die Mutter vehement in die Pflicht nehmen, kommt sie wieder in die Pushen und krempelt ihr Leben um: Nun wird endlich Englisch gesprochen, was sich als Segen für die Integration der Kinder entpuppt. Denn jetzt versteht Sonia, was man in der Schule von ihr will. Mit fürsorglicher Unterstützung ihrer Lehrer lernt sie die akademische Bildung als Voraussetzung für sozialen Aufstieg schätzen. Neben dem Debattierklub setzt sie vor allem ihrer Geschichtslehrerin Miss Katz in ihrer Autobiografie ein Denkmal:

Ihre Forderung nach einer kritisch-analytischen Herangehensweise blieb abstrakt, wenngleich verlockend. Zwar schnitt ich nicht schlecht ab bei ihr, aber ich musste bis zum Studium warten, ehe mir so recht klar wurde, was sie gemeint hatte.

Auf dem Weg an die Uni wird ihr das Glück der Tüchtigen zuteil: Weil Amerika gerade mit seiner sozialen Diskriminierung aufräumt, schafft sie es im Zuge der genannten "Affirmative Action" nach Princeton und Yale. Das Mädchen aus der Bronx durchläuft eine Eliteausbildung zur Juristin, die ihr (nach einer längeren Station bei der New Yorker Staatsanwaltschaft) die Türen zu erfolgreichen Anwaltskanzleien öffnet (trotz einiger gescheiterter Bewerbungen). Das große Geld aber reizt Sonia Sotomayor nicht so sehr wie die großen Aufgaben: Deshalb nimmt sie als Partnerin bei Pavia & Harcourd ihren Abschied, um Richterin zu werden. Das ist ihr Lebensziel und sie verfolgt es um des verantwortungsvollen Amtes willen. Ihre Memoiren schreibt sie nicht als selbstverliebte Karrierejuristin. Ihr Anliegen ist es, den Prozess ihrer Selbstwerdung zu schildern, der sich bei ihr weniger im Job als in der Persönlickeit vollzieht. Ganz nebenbei entpuppt sich Sonia Sotomayor als passionierte Mutmacherin: Denn wer ihre Memoiren als Integrationsgeschichte lesen will, der darf sich auf trotz aller Widrigkeiten auf eine fröhliche Erfolgsstory freuen.

Fazit: Sonia Sotomayors Autobiografie "Meine liebte Welt" liest sich wie ein modernes amerikanisches Märchen mit tristem Beginn und offenem Happy End: Denn Sonia Sotomayor berichtet aus mehr aus ihrem Leben als aus ihrem Job: Für noch mehr spannende Gerichtsfälle aber kann man getrost auf die zahllosen Krimis in den Buchregalen verweisen - eine soziale Aufsteigerstory aus selbstreflektierter Perspektive ist dagegen selten. Sonia Sotomayor hat sie geschrieben und gezeigt, weil erfolgreich Integration sein kann, wenn alle Beteiligten an ihr interessiert sind.

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Wolfgang Bosbach: Konservativ ist cool

Anna von Bayern hat eine Biografie über Wolfgang Bosbach vorgelegt

„2014-09-11 - Wolfgang Bosbach MdB - 7946“ von Foto: Sven Teschke /. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2014-09-11_-_Wolfgang_Bosbach_MdB_-_7946.jpg#/media/File:2014-09-11_-_Wolfgang_Bosbach_M

Anna von Bayern ist als politische Biografin vorbelastet. Ihre Hommage an den einstigen Shootingstar Karl-Theodor zu Guttenberg und seinen Adelsglanz fiel durch, noch ehe Guttenberg selbst stürzte. Jetzt hat Anna von Bayern eine neue Biografie vorgelegt. Dieses Mal hat sie über einen Anti-Guttenberg geschrieben: Wolfgang Bosbach. WoBo glänzt nicht mit Adelstiteln, sondern mit Bürgernähe. Er ist kein schillernder Popstar der Berliner Republik, sondern ein unprätentiöser und skandalfreier Fach- und Sachpolitiker der zweiten Reihe - und Wolfgang Bosbach ist todkrank. Gerade erst hat er wegen seiner Krebserkrankung die Arbeit als Anwalt aufgegeben. All' das sind gute Gründe für eine außergewöhnliche Politiker-Biografie, die - um es vorwegzunehmen - auch außergewöhnlich gut gelungen (wenn auch unkritisch) ist.

Anna von Bayern

Wolfgang Bosbach

JETZT ERST RECHT!

Erscheint bei Heyne im Frühjahr 2014. 240 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,99 €.


So kann eine Biografie beginnen: Es menschelt von der ersten Seite an. Allerdings ist es eine menschliche Tragödie, die den Leser mitten hinein ins Leben von Wolfgang Bosbach katapultiert: Der Vollblutpolitiker erfährt, dass sein Prostatakrebs unheilbar ist. Anna von Bayern, die das Schreiben unter anderem bei der BILD am Sonntag gelernt hat, beherrscht ihr Handwerk: Die schlechte Diagnose schildert sie szenisch, ohne jedoch niedere voyeuristische Instinkte zu bedienen. Im Gegenteil: Bosbach geht selbst ausgesprochen offensiv mit seiner Erkrankung um. Über den Krebs spricht er auch in Talkshowstudios (die für ihn ohnehin eine ganze Reihe zweiter Wohnzimmer sind). Der Kämpfertyp Bosbach begegnet dem Krebs mit offenem Visier. Aus der Hiobsbotschaft erwächst der titelgebende Trotz: Jetzt erst recht! 

© BamS/Klaus Becker
Anna von Bayern

Das gilt bei schon verloren geglaubten Tennisspielen (Bosbach ist begeisterter Sportler), vor allem aber für seine Arbeit als CDU-Bundestags-abgeordneter. Bosbach ist ein geschätzter Innen- und Rechtspolitiker (auch über Parteigrenzen hinweg), der weder aus seinem Herzen noch aus seinem Gewissen eine Mördergrube macht. Bestes Beispiel: Der fraktionsinterne Krach um den Euro-Rettungsschirm, dem Bosbach die Zustimmung verweigert, was ihm eine harsche Beleidigung des Partei-freundes und damaligen Kanzleramtsministers Ronald Pofalla einbringt. Auch diese verbale Entgleisung steht am Anfang des Buches. Sehr geschickt holt Anna von Bayern ihre Leserinnen und Leser mit den Anekdoten ab, die man am ehesten von Bosbach kennt, um anschließend seine politischen Positionen und seine Verwurzleung in den christlich-demokratischen Werten abzuarbeiten. Dann erst wendet sie sich der Herkunft und der politischen Laufbahn ihres Protagonisten zu. Dieser Aufbau überzeugt - vor allem in der Biografie eines Politikers aus der zweiten Reihe, die von einem solchen "Ach-der-ist das-Effekt!" profitieren kann. 

Umso spannender ist es, Bosbachs Werdegang nacherleben zu können. Das erlaubt der flotte Reportage-Stil, den Anna von Bayern die gesamte Biografie über durchhält: Bosbach ist 1952 in Bergisch-Gladbach geboren, seither rheinische Frohnatur und leidenschaftlicher Karnevalist (WoBo war sogar mal Prinz). Ausbildung im Einzelhandel, Aufstieg bis zum Supermarktfilialleiter, Abi und Juratudium auf dem zweiten Bildungsweg, Arbeit als Rechtsanwalt. Parteipolitisch seit der  Jugend engagiert (JU und CDU), 1994 wird er erstmals direkt in den Bundestag gewählt. All' das erzählt die Biografin aus großer Nähe. Sie hat Bosbach bis in den Mallorca-Urlaub begleitet und leiht ihm in dem Buch gewissermaßen ihre Formulierungskünste. Kritisch ist die Biografie jedenfalls nicht - zumindest nicht in Bezug auf Bosbach. Andere kommen deutlich schlechter weg. Die Bundeskanzlerin beispielsweise. Angela Merkel hat  Bosbach nie in eines ihrer Kabinette berufen, obwohl er immer wieder als Innen- und Jusizminister gehandelt wird und auch eigene Ambitionen hat. Anna von Bayern vermutet, dass der konservative Bosbach nicht so wichtig auf Merkels Weg in die politische Mitte ist. Bosbach ist ein konservativer Christdemokrat - keine Frage. Aber wer wie er zum 50. Geburtstag die "Höhner" einlädt, ist durchaus mittetauglich - und cool. Bosbach selbst trägt seine Enttäuschung über den versagten Regierungsposten mit Fassung und nicht nach außen. Seine Biografin findet dagegen harsche Worte:

Ihre Charaktere bleiben sich fremd: Sie, die kühle protestantische Machttektonikerin, er der warmblütige katholische Rheinländer. Vielleicht fremdelt die aus gutbürgerlichem Hause stammende Merkel auch mit dem Aufsteiger Bosbach, dem die Liebe zu Richard Wagner nicht in die Wiege gelegt wurde.

Fazit: Jetzt erst recht! ist eine erfrischende andere Politiker-Biografie - so erfrischend anders wie Wolfgang Bosbach im politischen Betrieb. Obwohl er bislang kein großes Regierungs- oder Parteiamt innehat(te), stehen sein rheinischer Frohsinn, seine Prinzipienfestigkeit und seine Fachkompetenz der Berliner Republik gut zu Gesicht. Anna von Bayern hat mit WoBo eine kluge Wahl getroffen - und dieser Protagonist verzeiht sogar die gelegentlich fehlende kritische Distanz seiner Biografin.

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Gerhard Schröder: Der Agendasetter

Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) feiert heute seinen 70. Geburtstag

Foto: André Zahn, Lizenz:  CC-BY-SA-2.0-DE
Foto: André Zahn, Lizenz: CC-BY-SA-2.0-DE

Er war der Basta-Kanzler: Gerhard Schröder. Das spüren vor allem seine Parteigenossen und der grüne Koalitionspartner. Denn Schröder verdrängt nicht nur Helmut Kohl nach sechzehn Jahren von der Macht. Von Anfang an lässt er keinen Zweifel daran, dass er seine Richtlinienkompetenz mit niemanden teilt. Als erstes trifft es Oskar Lafontaine, der sich selbst als starken Mann im künftigen Kabinett wähnt. Schon in den Koalitionsverhandlungen verweist Schröder Lafontaine so barsch in seine Schranken, dass der vermeintliche Schattenkanzler in Tränen ausbricht (sehr lebhaft geschildert im Spiegel-Buch 'Operation Rot-Grün', siehe links). Auch als Finanzminister hat Lafontaine wenig Freude mit Schröder. Wenn er ein wirtschaftspolitisches Positionspapier ins Kanzleramt schickt, kommt es mit Vermerk "Quatsch" zurück. Wiederholt derart vorgeführt wirft Lafontaine hin und zieht sich schmollend ins Saarland zurück. Diese Personalie nimmt auch den Politikwechsel vorweg, den Schröder der Sozialdemokratie und den Grünen zumutet. Statt idealisierter Sozialromantik betreibt der Kanzler der ersten rot-grünen Koalition Realpolitik mit starker Hand. Ohne Rücksicht auf die grüne Basis zieht die Bundeswehr unter Schröder erstmals wieder in den Krieg: 


Die deutsche Luftwaffe beteiligt sich an Angriffen im Kosovo. Auch innenpolitisch spricht der Kanzler Tacheles. Ausgerechnet beim Gewerkschaftskongress, wo sie ihm die geplante Riesterrente ausreden wollen, spricht Schröder sein berühmtes Machtwort: "Es ist notwendig und wir werden es machen. Basta!" Am Kabinettstisch stutzt er den Koaltionspartner zurecht, wenn getroffene Abmachungen dem ihm Wege stehen, was er unter Pragmatismus versteht: "Der Koalitionsvertrag ist ja keine Bibel", erklärt er seinen verdutzten Ministern. Auf internationaler Bühne deutet Schröder schriftlich an, wie er in Deutschland den Arbeitsmarkt und die Sozialgesetzgebung zu reformieren gedenkt: Das Schröder-Blair-Papier ist das Wetterleuchten der Agenda 2010. Dieses Reformpaket polarisiert auf merkwürdige Weise. Der linke Flügel der eigenen Partei kann nicht glauben, dass Schröder über die Lockerungen des Kündigungsschutzes und  Hartz IV auch nur nachdenkt. Ausgerechnet der Ur-Sozi Gerd, der in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen ist und sich aus eigener Kraft in Beruf und Partei nach oben gearbeitet hat (als Hobbykicker beim TuS Talle haben sie ihn "Acker" gerufen). Ausgerechnet Gerhard Schröder also verpatzt die vermeintlich historische Chance, die ein rot-grünes Regierungsbündnis mit sich bringt. Dabei wird Schröders Leistung selbst vom politischen Gegner gewürdigt. "Gerhard Schröder hat sich um Deutschland verdient gemacht", lobt Angela Merkel ihren Vorgänger im Kanzleramt. Das schmerzt eingefleischte Sozialdemokraten. Schröders Basta-Politik mag dem Land genutzt haben, die Partei leidet bis heute darunter.

Foto: Paul Morse/Weißes Haus, Lizenz: gemeinfrei
Foto: Paul Morse/Weißes Haus, Lizenz: gemeinfrei

Nicht nur die eigene Basis bekommt Schröders Dickkopf zu spüren. Auch dem mächtigsten Mann der Welt bietet er die Stirn. Zwar darf sich US George W. Bush unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 an der "uneingeschränkten Solidarität" des deutschen Kanzlers freuen. Soldaten schickt Schröder allerdings nicht, als die Weltmacht gegen den Irak marschiert. Das trübt das transatlantische Verhältnis, aber es beschert Rot-Grün eine zweite Legislaturperiode.  Der wiedergewählte Kanzler bleibt seiner Basta-Linie treu. Nach einer Reihe verlorener Landtagswahlen lässt er Franz Müntefering Neuwahlen ankündigen - dabei gibt es dazu eigentlich keine verfassungsrechtliche Grundlage. Nur der Bundespräsident kann den Bundestag auflösen, beispielsweise, wenn ein Kanzler eine Vertrauensabstimmung absichtlich verliert. Das ist für Schröder eine leichte Übung, aber die Wähler lassen sich nicht täuschen. Sie wählen Rot-Grün ab und bereiten einer Neuauflage der Großen Koalition den Boden. Das ist bereits am Wahlabend allen klar. Allen, außer dem Basta-Kanzler. Noch einmal poltert Schröder auf der großen Bühne der Elefantenrunde (siehe Clip).

Von Gerhard Schröders Amtszeit bleibt die überfällige und notwendige Agenda 2010, die dem Land genutzt, aber seiner Partei geschadet hat - wie so manche Geste des Basta-Kanzlers. Dass er sich kurz nach seiner Wahl in Briono-Anzüge und mit Cohiba-Zigarren ablichten ließ, war nicht hilfreich. Auch als Bundeskanzler außer Dienst hat er seine Parteigenossen in Erklärungsnöte gebracht - Vor allem durch seine engen Beziehungen zum russischen Machthaber Wladimir Putin, den er als "lupenreinen Demokraten" bezeichnet hat und durch dessen Freundschaft er einen lukrativen Aufsichtsratsposten in der russischen Gaswirtschaft übernommen hat. Dessen ungeachtet bleibt Schröder auch der Kanzler, der Rot-Grün möglich gemacht hat. Erst auf Landesebene (als Ministerpräsident in Niedersachsen), dann im Bund.

Gerhard Schröders Biografie weiterzwitschern:

0 Kommentare

Oskar Lafontaine: Demokrat und Sozialist

Robert Lorenz' biografischer Essay über Oskar Lafontaine

By Fraktion DIE LINKE. im Bundestag [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Dieses Buch ist die vorläufige Rückschau auf ein gewaltiges politisches Leben. Eine Rückschau ist es, weil der Porträtierte von der Berliner Bühne abgetreten ist. Vorläufig ist die Rückschau, weil  sie von Oskar Lafontaine berichtet - und bei dem kann man nie wissen, ob und wann er wieder in die erste Reihe drängt. Das ist auch einer der Gründe, warum Robert Lorenz sein Buch als "Porträt eines Rätselhaften" bezeichnet. Diesem Rätsel geht er mit einem biografischen Essay nach, einem Format, das vielversprechend daherkommt: Ein gut lesbarer  Text mit der analytischen Tiefe einer renommierten Parteienforscherschmiede.

Robert lorenz

Oskar Lafontaine

Die Biografie

Erschienen bei Monsenstein und Vannerdat im Juli 2013. 196 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 11,80 €.


Robert Lorenz kann seine akademische Herkunft nicht verleugnen. Der Autor arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung, dass vom Politikprofessor Franz Walter geleitet wird. Eines von Walters Markenzeichen (neben der unverwechselbaren Frisur) ist die gleichermaßen pointierte und fundierte Politik(er)analyse. Mit seinem Lafontaine-Buch eifert ihm Robert Lorenz genau darin nach. Allerdings hat er Walters stilistische Geschliffenheit noch nicht ganz erreicht (beispielsweise beginnen sehr viele Sätze mit Und). Auch sein Umgang mit Methoden und Selbstverständnis wirkt nicht ganz so leicht und spielerisch wie beim routinierten Walter. So tastet sich Lorenz ein wenig unbeholfen an den Charakter des eigenen Textes heran. Als klassische Biografie will er sein 200-Seiten Buch schon wegen des geringen Umfangs nicht verstanden wissen (warum eigentlich? - es gibt sehr gute kurze Biografien). Auch eine streng wissenschaftliche Studie sei sein Buch nicht (Lorenz stützt sich tatsächlich sehr stark auf Presse- und Onlinequellen). Dennoch liefert er eine recht wissenschaftstypische Legitimation umreisst den Forschungsstand, erläutert die Relevanz biografischer Arbeiten im Allgemeinen und zieht die  Biografiewürdigkeit Lafontaines im Speziellen als Begründung heran. Auch im weiteren Verlauf des Buches ist der essayistische Stil häufig vom sozialwissenschaftlichen Duktus durchbrochen:

Während des Studiums traf Lafontaine auf vielfältige Sozialkontakte, die ihm Einblicke in unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft gewährten. [...] Diese Phase seines Lebens gab ihm die Gelegenheit, reichlich gesellschaftliches Kontextwissen zu sammeln [...].

Zwar dröselt Lorenz akribisch den Werdegang und die Persönlichkeit seines Protagonisten auf, es fehlt ihm aber etwas der Mut, Lafontaine in all' seinen Launen, seinem Temperament, seiner Begeisterungsfähigkeit, seinem teils herrischen Umgang und seiner mangelnden Kritikfähigkeit aufleben zu lassen. Ein bisschen mehr Reportageelemente hätten dem Text gut getan. Von solchen Unsicherheiten im essayistischen Schreiben darf man allerdings nicht auf die Qualität der politischen Analysen schließen, mit der Robert Lorenz Lafontaine enträtselt. In dieser Hinsicht enthält das Buch einen kleinen Bruch. Etwas enttäuschend und knapp gehalten sind der politische Aufstieg und die wichtigen Jahre in der SPD-Spitze angehandelt. Die beste (und zugleich umfangreichste) Passage des Buches allerdings entschädigt für den nicht ganz gelungenen ersten Teil. In ihr setzt sich Lorenz mit Lafontaines Comeback bei der Linkspartei auseinander. Flüssig und schlüssig erläutert Lorenz nun das Phänomen Lafontaine. Gemessen an dessen gesamter poltischer Laufbahn sind die Jahre an der Seite von Gregor Gysi und Genossen sicher eine kurze Spanne. Lorenz genügen diese Jahre allerdings, um kenntnisreich und detailliert und strukturiert Lafontaines Motive, Stärken und Schwächen aufzuschlüssen. Insofern Lorenz möglicherweise besser daran getan, sein Buch über "Lafontaine und die Linke" zu schreiben. 

Streng genommen ist das Lafontaine-Buch von Robert Lorenz weder so richtig biografisch noch ein Essay. Der Göttinger Politikwissenschaftler hat sich vor allem auf die Darstellung und Deutung von Lafontaines Zeit in der Linkspartei konzentriert. Dieser Schwerpunkt des Buches ist gelungen und plausibel. Ebenso richtig ist es in solchem Rahmen sowohl die  Vorgeschichte der PDS als auch die die Vorgeschichte Lafonataines einzubinden. Beide hat Lorenz bedacht - die eine mehr die andere weniger gelungen.  So fallen die ersten 50 Seiten im Vergleich zum Rest des Buches qualitativ  ab, was den guten Gesamteindruck schmälert, mit dem man das Buch aus der Hand legt.

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Joachim Gauck: Vom Prediger zum Präsidenten

Mario Frank erzählt Joachim Gaucks Lebensgeschichte

Foto: Kleinschmidt / MSC. Lizenziert unter CC BY 3.0 de
Foto: Kleinschmidt / MSC. Lizenziert unter CC BY 3.0 de

Dieses Buch hat viele starke Seiten - und wenige schwache. "Gauck" heißt die neue Bundespräsidenten-Biografie von Mario Frank, die im Suhrkamp-Verlag erschienen ist. Der Autor kommt gleich zur Sache und gibt einen raschen Überblick über 400 kurzweilige und informative Seiten. Sehr früh offenbart er darin auch seine persönliche Wertschätzung und erschwert seinen Lesern ein eigenes Urteil. Joachim Gauck kann liebenswürdig und locker sein, aber auch aufbrausend aggressiv. Seine große Stärke ist die empathische Zuwendung zum Menschen. In der DDR und im Umgang mit der Stasi hat der ehemalige Pfarrer gelernt, Worte gleichermaßen bedächtig und wirksam zu wählen, um sich für seine Gemeindemitglieder stark zu machen. Als Stasiunterlagen-Beauftragter ist er zum Medienprofi gereift, der genau weiß, wie man sich in der Öffentlichkeit bewegt. Der Job als Staatsoberhaupt ist zwar anstrengend und zehrt an Konzentration und Kräften, aber einem wie Joachim Gauck ist er auf den Leib geschneidert. 

Mario Frank

Gauck

Eine Biografie

Erschienen bei Suhrkamp 414 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,95 €.


Franks sehr frühe und positive Gesamtbeurteilung kommt wie eine unerbetene Leseanleitung daher. Das wäre nicht nötig. Denn wer über die die ersten zwölf Seiten hinausliest, kann sich über eine solide recherchierte, stimmig bebilderte und kurzweilig erzählte Biografie freuen, die durchaus ein eigenes Urteil erlaubt. Aber die ersten Seiten nehmen nicht nur das Urteil des Biografen vorweg. Sie verraten auch manches über Mario Frank selbst: Er ist von Gaucks Persönlichkeit beeindruckt und bewundert ihn. Stolz schwingt mit – sogar ein kleines bisschen Eitelkeit – wenn er vorab davon berichtet, wie sich der Bundespräsident in zahlreichen Gesprächen nicht nur einbringt, sondern auch um die Gunst seines Biografen wirbt:

„Gauck ist trotz sichtbarer Terminnot und Zeitdrucks fast verzweifelt bemüht, mir jede Minute zu widmen, die ihm möglich ist. Nachdem er sich einmal entschieden hat mitzuwirken, tut er es nicht mit angezogener Handbremse.“

Wie zu Beginn nimmt sich Mario Frank auch gegen Ende seines 400-Seiten-Buches etwas zu wichtig. Unter Verweis auf das Grundgesetz und dessen Schutz der Ehe verurteilt er Gaucks Liebeslebensentwurf. Der ist nach wie vor mit seiner Frau verheiratet, obwohl schon lange eine andere Partnerin an seiner Seite auftritt. Ob Frank übersieht, dass das Grundgesetz auch dem Bundespräsidenten ein Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit einräumt?

Foto: Gge, Lizenz: CC-BY-3.0
Foto: Gge, Lizenz: CC-BY-3.0

Solche Anmaßungen schmälern den enormen Wert einer gut recherchierten, schmissig geschriebenen und überwiegend urteilssicheren Biografie. Entgegen mancher Kritik kommt sie keineswegs zu früh. Im Gegenteil. Sie korrigiert gekonnt das Bild eines Bundespräsidenten, der schon vor seiner ersten Kandidatur für das höchste Staatsamt teilweise idealisiert und überhöht worden ist. Mario Frank gelingt es, den Menschen hinter der medialen Figur „Gauck“ zu porträtieren – einen Menschen mit Widersprüchen und Fehlern. Er schildert beispielsweise anekdotisch, wie schwer sich Gauck seit Studientagen mit Formalien und Fristen tut. Seminararbeiten des Theologiestudenten tippt die Mutter, damit sie fertig werden, manche Reden des Bundespräsidenten erhalten den letzten Schliff von der ehemaligen Lebensgefährtin Helga Hirsch. Auch verschweigt Frank nicht, dass sich die Familie des  jugendlichen und coolen Pastors, der für seine Gemeinde immer ansprechbar ist, vernachlässigt fühlt. Der Beruf war „für ihn alles, die Familie kam weit danach.“

Besonders eindrucksvoll ist die Aufarbeitung der Dauerfehde zwischen dem Rostocker Pastor Joachim Gauck und der Stasi. Der DDR-Experte Mario Frank schildert die gegenseitigen Provokationen, erläutert die Machtspiele im institutionalisierten Gegeneinander von Staat und Kirche, konfrontiert Gauck mit Kommentaren in dessen Stasi-Akte und kommt zu einem differenzierten Gesamturteil:

Joachim Gauck gehörte zum Lager der staatskritischen Pastoren und trat dem Staat gegenüber deutlich gegnerischer auf als die meisten seiner Rostocker Amtsbrüder. Er nutzte den Freiraum, den er als Mann der Kirche genoss, aus bis an seine Grenzen. […] Seine Bereitschaft zum Widerstand endete dort, wo die persönliche Gefährdung begann. Ein Revolutionär, der bereit war, für seine politische Überzeugung ins Gefängnis zu gehen, war Gauck nicht.“

Als sich die Grenze verschiebt, die zur Verhaftung führt, geht auch Gauck weiter. In der Wendezeit wächst er in die Rolle des Revolutionspastors hinein, der von der Kanzel den Unterdrückungsapparat des DDR-Regimes geißelt.

Als Joachim Gauck zum Akteur der Revolution wird, bringt er eine Waffe mit, die er beherrscht wie kein Zweiter in Rostock: seine Wortmacht. Auf der Kanzel ist er mitreißend, ja geradezu unwiderstehlich.

Sein rhetorisches Geschick und seine inspirierenden Reden geben Hoffnung und Mut. Je größer Gaucks Publikum wird, desto klarer kristallisiert sich seine politische Nachwendekarriere heraus. Seine Überzeugungskraft entfaltet nicht nur persönliche, sondern auch politische Wirkung. Als harter Verhandlungspartner im Wiedervereinigungsprozess und durch den Aufbau der Stasiunterlagen-Behörde macht sich Gauck auch im Westen einen Namen, der mittlerweile zur Marke geworden ist. „Gauck“ eben.

Fazit: Das Amt des Bundespräsidenten ist aus gutem historischen Grund mit vergleichsweise geringen verfassungsrechtlichen Kompetenzen ausgestattet. Umso wichtiger ist es, dass die Amtsinhaber Würde ausstrahlen und wortmächtig sind. Mario Frank erklärt, warum Joachim Gauck beide Eigenschaften mitbringt, indem er seinen bewegenden Werdegang kurzweilig und informativ nachzeichnet. Dabei ist es eine wesentliche Leistung dieser Biografie, Gauck vom Sockel der Ikone zu holen, ohne ein positives Gesamtbild zu gefährden. Allerdings nimmt sich der Autor in manchem Urteil zu wichtig, was den Gesamteindruck etwas schmälert.

 

Joachim Gauck Biografie / Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Angela Merkel: Bundeskanzlerin seit 2005

Angela Merkel ist seit 2005 für die CDU Bundeskanzlerin

Foto: א (Aleph). Licensed under CC BY-SA 2.5
Foto: א (Aleph). Licensed under CC BY-SA 2.5

Sie ist die amtierende Kanzlerin: Angela Merkel. Im Kanzleramt ist Angela Merkel gleich in dreifacher Hinsicht eine Pionierin: Sie ist die erste Frau, die erste Ostdeutsche und die erste Naturwissenschaftlerin an der Regierungsspitze. Geboren ist Merkel 1954 in Hamburg, aufgewachsen im uckermärkischen Templin. Ihr Vater, Horst Kasner, ist evangelischer Pfarrer. Merkels Jugendzeit in der DDR verläuft unspektakulär. Sie absolviert ihr Abitur an der Erweiterten Oberschule (EOS) "Hermann Matern" bezieht dann die Marl-Marx-Universität in Leipzig, um Physik zu studieren. Lehrerin will sie werden, aber das ist nicht möglich, weil sie kirchlich gebunden und politisch nicht aktiv ist.


Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0803-017 / Settnik, Bernd / CC-BY-SA
Lothar de Maiziére und Angela Merkel (Foto: Bernd Settnik)

In die Politik zieht es Angela Merkel schon - aber nicht im DDR-Unrechtsregime. Dann aber bringt die friedliche Revolution für Freiheit und Demokratie den alten sozialistischen  Staats- und Parteiapparat zum Einsturz. Merkel, die über Zerfallsreaktionen promoviert hat, ist zur Stelle. Erst im Demokratischen Aufbruch, dann in der CDU gestaltet sie als Sprecherin der Regierung von Lothar de Maiziére Wende und Wiedervereinigung mit. Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl erringt Merkel ein Direktmandat. Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, holt sie an den Kabinettstisch. Als "Kohls Mädchen" wird Merkel Bundesjugendministerin. Die allgemeine Verwunderung über diesen Karrieresprung bleibt eine treue Begleiterin auf Merkels Weg ins Kanzleramt. Bis heute wird sie immer wieder unterschätzt. Dabei hat sie mehr als einmal bewiesen, welche politischen Berge sie versetzen kann: Helmut Kohl zum Beispiel. Ihr einstiger Förderer hat es am eigenen Leib erfahren. Als er wegen der CDU-Spendenaffäre gewaltig in der Kritik stand, musste er in der FAZ lesen, wie die mittlerweile zur Generalsekretärin avancierte  Angela Merkel die Basis von ihm löst: Die Partei muss also laufen lernen, muss sich zutrauen, in Zukunft auch ohne ihr altes Schlachtross, wie Helmut Kohl sich oft selbst gerne genannt hat, den Kampf mit dem politischen Gegner aufzunehmen", schreibt Merkel, "sie muss sich wie jemand in der Pubertät von zu Hause lösen, eigene Wege gehen.“ Kurz darauf wählt sie die CDU zur Bundesvorsitzenden. Noch immer traut man ihr weniger zu, als sie zu leisten im Stande ist. Dieses Image hat ihr seltener geschadet als genutzt und Merkel hat es schon als Jugendministerien geschickt bedient. In einem Interview mit Campino, dem Frontmann der Toten Hosen, zeigt sich Merkel als Mauerblümchen: "Auf Feten war ich unheimlich traurig, dass ich mich nicht in die Musik reinsteigern konnte. Ich war immer das Mädchen, das Erdnüsse isst und nicht tanzt." Im Kreis der europäischen Staats- und Regierungschefs ist Merkel längst nicht mehr graues Mäuschen, sondern farbiger Mittelpunkt.

Foto: Bundesregierung/Bolesch
Foto: Bundesregierung/Bolesch

Nicht nur modisch kommt der deutschen Bundeskanzlerin in Europa eine besondere Rolle zu. Ihr Wort hat Gewicht in Brüssel. Angela Merkel ist als Kanzlerin erst in einer Großen Koalition mit den Sozialdemokraten, dann in einem christlich-liberalen Regierungsbündnis mit der FDP zur mächtigsten Frau der Welt gereift - und zu heimlichen EU-Kanzlerin in der europäischen Schuldenkrise. Manchen ist der Sparkurs der neuen "Eiserne Lady" eher unheimlich. Nicht nur bei Demonstrationen in Griechenland wird Angela Merkel schon mal in Nazi-Kluft und mit Hakenkreuzbinde gezeigt.


Foto: Armin Linnartz, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-DE
Foto: Armin Linnartz, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-DE

Die Kanzlerin lassen solche geschmacklosen Anfeindungen kalt. Die Hände zur "Merkel-Raute" geformt erklärt sie, dass sie sich immer freut, wenn Menschen ihre Meinung äußern dürfen. Dort wo sie aufgewachsen sei, im DDR-Unrechtsregime, habe man das nicht gedurft - und das sei schlimmer gewesen. Ganz abgesehen davon kann die Kanzlerin sogar dem Sozialismus und der Schuldenkrise mit Humor nehmen. Ihr Lieblingswitz jedenfalls verbindet beide: Was ist der Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus? Im Sozialismus wird erst verstaatlicht und dann ruiniert...

 

Angela Merkels Biografie weiterzwitschern:

Alle Kanzler im Eulengezwitscher Extra zur Bundestagswahl:

0 Kommentare

Gerhard Schröder: Bundeskanzler 1998-2005

Gerhard Schröder war für die SPD Bundeskanzler von 1998 bis 2005.

Foto: André Zahn, Lizenz:  CC-BY-SA-2.0-DE
Foto: André Zahn, Lizenz: CC-BY-SA-2.0-DE
Zum Interview mit dem Schröder-Biografen Gregor Schöllgen einfach auf's Cover klicken (ab Ende Oktober 2015)
Zum Interview mit dem Schröder-Biografen Gregor Schöllgen einfach auf's Cover klicken (ab Ende Oktober 2015)

Er war der Basta-Kanzler: Gerhard Schröder. Das spüren vor allem seine Parteigenossen und der grüne Koalitionspartner. Denn Schröder verdrängt nicht nur Helmut Kohl nach sechszehn Jahren von der Macht. Von Anfang an lässt er keinen Zweifel daran, dass er seine Richtlinienkompetenz mit niemanden teilt. Als erstes trifft es Oskar Lafontaine, der sich selbst als starken Mann im künftigen Kabinett wähnt. Schon in den Koalitionsverhandlungen verweist Schröder Lafontaine so barsch in seine Schranken, dass der vermeintliche Schattenkanzler in Tränen ausbricht (sehr lebhaft geschildert in 'Operation Rot-Grün', siehe links). Auch als Finanzminister hat Lafontaine wenig Freude mit Schröder. Wenn er ein wirtschaftspolitisches Positionspapier ins Kanzleramt schickt, kommt es mit Vermerk "Quatsch" zurück. Wiederholt derart vorgeführt wirft Lafontaine hin und zieht sich schmollend ins Saarland zurück. Diese Personalie nimmt auch den Politikwechsel vorweg, den Schröder der Sozialdemokratie und den Grünen zumutet. Statt idealisierter Sozialromantik betreibt der Kanzler der ersten rot-grünen Koalition Realpolitik mit starker Hand. Ohne Rücksicht auf die grüne Basis zieht die Bundeswehr unter Schröder erstmals wieder in den Krieg: 

Die deutsche Luftwaffe beteiligt sich an Angriffen im Kosovo. Auch innenpolitisch spricht der Kanzler Tacheles. Ausgerechnet beim Gewerkschaftskongress, wo sie ihm die geplante Riesterrente ausreden wollen, spricht Schröder sein berühmtes Machtwort: "Es ist notwendig und wir werden es machen. Basta!" Am Kabinettstisch stutzt er den Koaltionspartner zurecht, wenn getroffene Abmachungen dem ihm Wege stehen, was er unter Pragmatismus versteht: "Der Koalitionsvertrag ist ja keine Bibel", erklärt er seinen verdutzten Ministern. Auf internationaler Bühne deutet Schröder schriftlich an, wie er in Deutschland den Arbeitsmarkt und die Sozialgesetzgebung zu reformieren gedenkt: Das Schröder-Blair-Papier ist das Wetterleuchten der Agenda 2010. Dieses Reformpaket polarisiert auf merkwürdige Weise. Der linke Flügel der eigenen Partei kann nicht glauben, dass Schröder über die Lockerungen des Kündigungsschutzes und  Hartz IV auch nur nachdenkt. Ausgerechnet der Ur-Sozi Gerd, der in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen ist und sich aus eigener Kraft in Beruf und Partei nach oben gearbeitet hat (als Hobbykicker beim TuS Talle haben sie ihn "Acker" gerufen). Ausgerechnet Gerhard Schröder also verpatzt die vermeintlich historische Chance, die ein rot-grünes Regierungsbündnis mit sich bringt. Dabei wird Schröders Leistung selbst vom politischen Gegner gewürdigt. "Gerhard Schröder hat sich um Deutschland verdient gemacht", lobt Angela Merkel ihren Vorgänger im Kanzleramt im TV-Duell gegen Peer Steinbrück. Das schmerzt eingefleischte Sozialdemokraten. Schröders Basta-Politik mag dem Land genutzt haben, die Partei leidet bis heute darunter.

Foto: Paul Morse/Weißes Haus, Lizenz: gemeinfrei
Foto: Paul Morse/Weißes Haus, Lizenz: gemeinfrei

Nicht nur die eigene Basis bekommt Schröders Dickkopf zu spüren. Auch dem mächtigsten Mann der Welt bietet er die Stirn. Zwar darf sich US George W. Bush unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 an der "uneingeschränkten Solidarität" des deutschen Kanzlers freuen. Soldaten schickt Schröder allerdings nicht, als die Weltmacht gegen den Irak marschiert. Das trübt das transatlantische Verhältnis, aber es beschert Rot-Grün eine zweite Legislaturperiode.  Der wiedergewählte Kanzler bleibt seiner Basta-Linie treu. Nach einer Reihe verlorener Landtagswahlen lässt er Franz Müntefering Neuwahlen ankündigen - dabei gibt es dazu eigentlich keine verfassungsrechtliche Grundlage. Nur der Bundespräsident kann den Bundestag auflösen, beispielsweise, wenn ein Kanzler eine Vertrauensabstimmung absichtlich verliert. Das ist für Schröder eine leichte Übung, aber die Wähler lassen sich nicht täuschen. Sie wählen Rot-Grün ab und bereiten einer Neuauflage der Großen Koalition den Boden. Das ist bereits am Wahlabend allen klar. Allen, außer dem Basta-Kanzler. Noch einmal poltert Schröder auf der großen Bühne der Elefantenrunde (siehe Clip).

Von Gerhard Schröders Amtszeit bleibt die überfällige und notwendige Agenda 2010, die dem Land genutzt, aber seiner Partei geschadet hat - wie so manche Geste des Basta-Kanzlers. Dass er sich kurz nach seiner Wahl in Briono-Anzüge und mit Cohiba-Zigarren ablichten ließ, war nicht hilfreich. Auch als Bundeskanzler außer Dienst hat er seine Parteigenossen in Erklärungsnöte gebracht - Vor allem durch seine engen Beziehungen zum russischen Machthaber Wladimir Putin, den er als "lupenreinen Demokraten" bezeichnet hat und durch dessen Freundschaft er einen lukrativen Aufsichtsratsposten in der russischen Gaswirtschaft übernommen hat. Dessen ungeachtet bleibt Schröder auch der Kanzler, der Rot-Grün möglich gemacht hat. Erst auf Landesebene (als Ministerpräsident in Niedersachsen), dann im Bund.

Gerhard Schröders Biografie weiterzwitschern:

Alle Kanzler im Eulengezwitscher Extra zur Bundestagswahl:

0 Kommentare

Schimon Peres: Der ewige Staatsmann

Schimon Peres Biografie im Biografien-Blog Eulengezwitscher
Foto: World Economic Forum. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Er ist ein Urgestein der israelischen Politik: Schimon Peres. Seit über einem halben Jahrhundert trägt er in Jerusalem Verantwortung. Dabei hat ihm einerseits eine flexible Parteikarriere mit strategischen Seitenwechseln und Neugründungen verholfen. Andererseits versteht es Peres, den Frieden zu suchen, ohne den Krieg zu scheuen. Denn der Konflikt zwischen Juden und Arabern ist schon entbrannt, als Peres Mitte der 1930er Jahre mit seinen Eltern aus Polen in Gelobte Land einwandert. Dort formiert sich gerade die paramilitärische jüdische Organisation Hagana, die nach der Staatsgründung Israels zu den regulären Streitkräften ausgebaut werden wird. Peres schließt sich den jüdischen Kämpfern an und beschafft  Waffen und Personal für den späteren ersten israelischen Ministerpräsidenten, David Ben Gurion. Dessen Regierung schickt ihn nach dem siegreichen Gründungskrieg in den Westen. In Amerika studiert Peres Verwaltungswissenschaften, in Frankreich organisiert er Kampfjets und einen Kernreaktor für den jungen Staat, der vom ersten Tag an im Clinch mit seinen arabischen Nachbarn liegt. Obwohl Peres erstmals als stellvertrender Verteidigungsminister Regierungsverantwortung trägt (ab 1959) macht er sich in unterschiedlichen Spitzenpositionen (in den 1980er Jahren ist er selbst Regierungschef) zusehends für eine friedliche Lösung des Nahostkonfliktes stark. 1995 erhält er dafür gemeinsam mit dem damaligen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin und dem Palästinenserführer Jassir Arafat den Friedensnobelpreis.

Aber dieser Ehrung folgen zwei fatale Schicksalsschläge. Erst wird Rabin von einem fanatischen jüdischen Friedensgegner erschossen. Dann reagiert Peres als sein Nachfolger in der Regierungsverantwortung gewaltsam auf Raketenangriffe der palästinensischen Terrororganisation Hisbollah. Die israelische Luftwaffe fliegt zahlreiche Angriffe auf den Libanon (Operation Früchte des Zorns), bei denen über 100 Zivilisten ihr Leben lassen. Peres verliert erst die anstehende Wahl, dann sein Ministerpräsidentenamt. Nie aber hat er den Glauben an den Friedensprozess verloren, für den er in Nichtregierungsorganisationen ebenso arbeitet (The Peres Center for Peace) wie in der Politik. Das operative Geschäft (vor allem die aktuellen Friedensverhandlungen in Washington) überlässt er aber mittlerweile anderen. Er wirkt als Staatspräsident auf die Geschicke seines Landes ein (seit 2007). Damit ist er zugleich das älteste Staatsoberhaupt der Welt, denn heute, am 2. August 2013,  feiert Schimon Peres seinen 90. Geburtstag.

Schimon Peres Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen Nobelpreisträgern im Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Nachruf auf Peter Struck

Foto: Superbass. Licensed under CC BY 3.0
Foto: Superbass. Licensed under CC BY 3.0

Er machte Politik mit Ecken und Kanten: Peter Struck. Vor dem Klartext des Uelzener SPD-Urgesteins waren gleich, selbst die eigenen Abgeordneten in der von ihm geführten SPD-Bundestagsfraktion: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten." Für Peter Struck selbst war das Klappe halten allerdings nichts. Als der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch schärfere Jugendstrafgesetze forderte, nachdem zwei ausländische Teenager in der Münchner U-Bahn einen


Fahrgast zu Tode geprügelt hatten, da bekam er die geballte Strucksche Wortgewalt zu spüren:  "Ich glaube, dass Roland Koch ja eigentlich von Herzen froh war, dass dieser schreckliche Vorfall in München in der U-Bahn passiert ist." Die CDU, die eine Entschuldigung einforderte, kanzelte Struck mit einem schulterzuckenden "Die kann mich mal!" ab.

Foto: Bundeswehr. Lizenz: CC BY 2.0
Foto: Bundeswehr. Lizenz: CC BY 2.0

Dabei müsste Struck gewusst haben, was er politisch korrekt sagen durfte und was nicht: Seine Karriere war die eines Parteisoldaten: SPD-Eintritt schon während des Jura-Studiums, Stadtradt und stellvertretender Stadtdirektor in Uelzen, Bundestagsabgeordenter, Parlamentarischer Fraktions-Geschäftsführer, später dann Fraktionsvorsitzender. Aber Struck war eben kein Parteisoldat - zumindest kein befehlsgehorsamer. Vom Vorsitzenden Oskar Lafontaine hält er wenig bis gar nichts: "Vom Idealisten zum Demagogen. Vom Machtpolitiker zum Despoten - das war Lafontaines Werdegang." Aber auch Lafontaines Rivale, Bundeskanzler Gerhard Schröder, muss spüren, dem Strucks Kanzlerfraktion  nicht bedingungslos folgen wollte: "Wir werden die Regierung stützen, aber auch treiben." Als es dann tatsächlich zum Zwist um die Rentenreform kam, die Schröders rot-grüne Regierung durchpeitschen wollte, da lehrte der SPD-Fraktionsvorsitzende den SPD-Kanzler Respekt vor dem Parlament: "Kein Gesetz verlässt den Bundestag so, wie es eingebracht wurde."

Eigentlich macht man sich so keine Freunde, weder bei den eigenen Leuten, noch beim politischen Gegner. Als aber Peter Struck im vergangenen Dezember einem Herzinfarkt erlag, da war sich die Berliner Republik einig, dass man einen vorbildlichen Demokraten verloren hatte. "Er war ein Typ: knorrig, rau, herzlich, direkt, humorvoll – auch scharf. Peter Struck hat sich um unser Vaterland verdient gemacht“, würdigte Thomas de Maizière seinen Vorgänger als Verteidigungsminister. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Eigentlich, denn bei einem pathetischen Nachruf darf es nicht bleiben. Peter Struck war ein Vorzeigedemokrat, gerade weil er knorrig, rau, herzlich, direkt, humorvoll und scharf war - alles Eigenschaften, die den typischen Spitzenpolitikern abgehen. Peter Struck war erfolgreich und geschätzt, weil er "Scheiße" sagte, wenn er Scheiße meinte. Weil er die Politik als Beruf begriff und nicht als Selbstinszenierung. Weil er lieber aufs Motorrad stieg als auf Talkshow-Bühnen. Weil er seine hohe Stirn gerne in Pfeifenrauch hüllte und seinen Schnauzbart am liebsten in frisch gezapftes Bier tunkte, anstatt wie andere der selbsgefälligen Champagner-Schickeria zu erliegen. Ein bisschen mehr Strucksche Ecken und Kanten jedenfalls würden der Berliner Republik gut tun. Heute, am 24. Januar 2013, wäre Peter Struck 70 Jahre alt geworden.

Peter Struck Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen Politikern (ab 1945) im Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Michelle Obama: Mehr als eine First Lady

Photo by Chuck Kennedy - P021213CK-0027 (direct link). Licensed under Public Domain
Photo by Chuck Kennedy - P021213CK-0027 (direct link). Licensed under Public Domain

Sie ist die wahre Siegerin des Tages: Michelle Obama (*1964). Als "Mom-in-chief" hat sie in den vergangenen vier Jahren die Herzen der Amerikaner erobert. Während ihr Mann Barack Obama im Oval Office durch nicht gehaltene Versprechen viel Vertrauen verspielt hat, hat Michelle in ihrer frisch-fröhlichen Art die Sympathiewerte  für das Präsidenten-Paar hochgehalten. Eng aneinandergekuschelt verfolgen ihr Mann und ihre beiden Töchter Malia (*1998) und Natasha (*2001) auf dem heimischen Sofa im Weißen Haus vor dem Fernseher, wie Michelle auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten im September 2012 für die Wiederwahl kämpft: "Wenn ich gefragt werde, ob das Leben im Weißen Haus meinen Mann verändert hat, dann kann ich ehrlich sagen, was seinen Charakter, seine Überzeugungen und sein Herz betrifft, ist er immer noch der Mann, in den ich mich vor vielen Jahren verliebt habe" (siehe Clip). Solche Treueschwüre will Amerika hören - und Michelle hat mit diesem Auftritt mal eben die meistbeachtete Wahlkampfrede des Parteitags hingelegt. Sie rangiert damit noch vor Bill Clinton; ihren Mann Barack hat sie laut Forbes-Umfragen sogar weit hinter sich gelassen.

Dabei hatte sie lange Zeit gar nicht vorgehabt, die politische Karriere ihres Mannes zu retten. Im Gegenteil hatten dessen hochtrabende Ambitionen die Ehe erheblich gefährdet. Michelle, die in den 1980er Jahren Princeton und Harvard Geistes- und Rechtswissenschaften studiert hat, war danach selbst erfolgreiche Anwältin und Politikberaterin. Das aber macht erleichtert ihr auch die Rolle als First Lady. Und dass ihr Mann einen guten Job im Oval Office erledigt weiß sie genau, weil sie sich selbst gut kennt: "Mit mir klarzukommen, ist einer der Gründe, warum er zum Präsidenten taugt."

Michelle Obama Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen Pionierinnen im Eulengezwitscher...
0 Kommentare