Gudrun Ensslin: Dichterin und Henkerin

Gudrun Ensslin hat Literatur geliebt und das System gehasst. Eine neue Biografie verspricht unvoreingenommene Blicke auf die RAF-Terroristin. Das gelingt - teilweise...

Victoria Ocampo
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Gudrun Ensslins Lebensgeschichte ist Literatur: Die schöne Pfarrerstochter verflucht die Nächstenliebe, gibt sich als Braut des Bösen dem teuflischen Terror hin, ehe sie freiwillig aus dem Leben scheidet. Das ist eine Steilvorlage für Biografen. Und genau das bringt Ensslins Biografin Ingeborg Gleichauf dazu, ihre besondere Lebensgeschichte nochmal vorurteilsfrei aufzurollen - über die Literatur, die sie selbst gelesen und durchdrungen hat. Dabei zeigt sie Ensslin eher als Dichterin denn als Henkerin.

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Rätselhafte Menschen faszinieren. Gudrun Ensslin ist so ein Mensch. Ihr Lebensweg hätte sie als ehrgeizige und akribische Forscherin auf einen Germanistik-Lehrstuhl bringen können, als vielseitig belesene Lektorin in große Verlage oder sogar als Autorin in die Bestsellerlisten. Stattdessen hat sie die Wurzeln ihrer humanistischen Bildung und ihrer christlichen Erziehung gekappt und sich (selbst)mörderischer Gewalt und blindem Hass hingeben. Als RAF-Terroristin hat an der Vernichtung all dessen gearbeitet, was sie einst ausgemacht hat: Nächstenliebe (als  Tochter, Schwester, Mutter, Freundin), Weltoffenheit (als allseits interessierte Schülerin mit Auslandsjahr) und kritisches Urteilsvermögen (als Vielleserin und politische Redakteurin mit sozialdemokratischem Missionseifer).

Gudrun Ensslin ist 1940 geboren und in einer Pfarrersfamilie aufgewachsen. In der Schule ist sie beliebt und wissensdurstig. Gudrun Ensslin studiert Germanistik und schreibt ihre Doktorarbeit (teilweise mit Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes) über den Schriftsteller Hans Henny Jahn, der Gewalt ablehnt und menschliche Brutalität geißelt. Ensslin verfügt über eine scharfsinnige Beobachtungsgabe, stilsichere Formulierungskünste und eine eigene musische Begabung. Diese Wesenszüge arbeitet ihre Biografin Ingeborg Gleichauf treffsicher heraus. Die Dichterin und Dichter-Forscherin Gudrun Ensslin näher kennen zu lernen, ist das größte Verdienst dieser Biografie, die durch diese Herangehensweise eine Sonderstellung unter den direkten und indirekten Lebensbeschreibungen von Gudrun Ensslin einnimmt: Gleichauf bewirkt durch ihre profunden Analysen, dass man sich die Texte, die Ensslin geprägt haben, selbst zur Hand nimmt. Ebenso überzeugend ist es, dass sie sich nicht auf tiefenpsychologische Spekulationen zu Ensslins Männerwahl einlässt - auch wenn hier Potential wäre. Berward Vesper, ihr erster Partner, teilt Gudrun Ensslins Liebe zu Büchern, kann sich aber nicht von seinem nationalsozialistisch geprägten Vater lösen. Und ihr zweiter Partner ist Andreas Baader, der Kopf der RAF. Es fällt Ingeborg Gleichauf an manchen Stellen lesbar schwer, ihm die Verantwortung für Ensslins Radikalisierung zuzuschreiben - aber sie hält es durch, auch wenn es schwer sein mag.

Unnötig kompliziert macht es sich Ingeborg Gleichauf damit, ihren Anpruch des unvoreingenommenen Herangehens gegen andere Autoren abzugrenzen. Denn anstatt ihre Leistung für sich stehen und das Werten anderen zu überlassen, fällt sich  abschätzige Urteile über Stefan Austs RAF-Standardwerk, die unentspannt und wenig souverän rüberkommen. Und auch die Lobeshymnen auf Gerd Koenen sind insofern unangebracht, als sie die Eigenständigkeit in Frage stellen, die ihr eigenes Ensslin-Buch im breiten Angebot der Literatur zur RAF durchaus verdient. Dabei ist diese Biografie streng genommen gar kein echtes RAF-Buch. Sein qualitativer und quantitativer Fokus liegt auf den Jahren, in denen Ensslin noch nicht als Terroristin menschenverachtende Verbrechen begangen und verantwortet hat. Das ist insofern erfrischend, als die Literatur zum RAF-Terror tatsächlich kaum noch zu überschauen ist. Wer sich allerdings über diese Ensslin-Biografie zum ersten Mal mit dem RAF-Terror beschäftigt, dem hätte man die dunkle Seite der Gudrun Ensslin vielleicht noch etwas deutlicher vor Augen führen können. Dessen ungeachtet ist die diese Biografie gelungen: Ingeborg Gleichauf zeigt eindrucksvoll, dass man Menschen nicht pauschal bewerten kann und soll - auch wenn sie viel Unheil angerichtet haben.

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Thomas de Maziére: Ein Zeichen gegen den Terror

Innenminister Thomas de Maizére besucht das Spiel Dortmund-Monaco

Victoria Ocampo
© www.thomasdemaiziere.de

Dieser Stadion-Besuch dürfte Teile der Bevölkerung beruhigen: Innenminister Thomas dé Maiziere schaut sich im Moment das Champions-League-Spiel zwischen Borussia Dortmund und dem AS Monaco an. Damit setzt er ein starkes Zeichen gegen den Terror: Wir lassen uns keine Angst machen. Oder auf Fußball: Auf geht's, kämpfen und siegen!

Lizenz: CC BY-SA 2.0 de
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Nicht immer hat Thomas de Maiziére in der Krisenkommunikation gut ausgesehen, obwohl er ein  Polit-Profi ist: Er war Redenschreiber von Richard von Weizsäcker, hat die Deutsche Einheit mitverhandelt, war Chef der Staatskanzleien von Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen, Kanzleramtsminister, Bundesinnen- und Verteidigungsminister - und mittlerweile wieder Innenminister.  Im November 2015 hat der Bundesinnenminister die Absage des Länderspiels Deutschland gegen Niederlande denkbar unglücklich erklärt. Die Frage nach den Gründen hat er auf verstörende Weise offen gelassen: "Die Antwort würde einen Teil der Bevölkerung verunsichern." So bringt man keine Ruhe rein. Ganz anders heute: "Ein letztes Maß an Unsicherheit wird bleiben", sagt Thomas de Maiziére - und lässt dann Taten sprechen: Er geht ins Stadion und gibt damit die beste aller Antworten: Dieses makabre Spiel gewinnt der Terror nicht!

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Geiseln des Terrors: Überlebensgeschichten

Der Terror schreibt Lebensgeschichten brutal um. Wenn Opfer davon erzählen, ist das nicht schön zu lesen - aber lesenswert...

Gefangene im Biografien-Blog
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Beiträge wie diesen würde ich am liebsten nicht schreiben. Er handelt von Gewalt, Leid und Tod. Aber mein Anspruch an den Biografien-Blog ist nicht, nur die schönen Lebensgeschichten zu zeigen. Überall auf der Welt schreibt der Terror täglich Lebensgeschichten brutal um. Wie die von Sadiya und Talatu, die von der nigerianischen Terrormiliz Boko Haram verschleppt worden sind. Oder die des Nordkoreaners Timothy Kang, den das totalitäre Kim-Regime verfolgt hat: Nicht schön zu lesen, aber unbedingt lesenswert...

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Aufgelöstes Geschrei. Boko Haram kommt. Panik. Soldaten fliehen Hals über Kopf aus dem kleinen  Dorf in Nigeria – und mit ihnen die Männer, Frauen und Kinder, die sie hätten beschützen sollen. Für viele ist es zu spät. Sie fallen dem blinden Hass der islamistischen Terrormiliz zum Opfer. Männer werden auf grausame, blutrünstige Art hingerichtet, Mädchen und ihre Mütter verschleppt in den dunklen und bedrohlichen Urwald Sambisi. Dort warten Vergewaltigung und Zwangsverheiratung, Erniedrigungen und Entwürdigungen – und immer wieder der Tod. Es ist eine Sache, in den Nachrichten flüchtig die Massenentführungen der Boko Haram wahrzunehmen und entsetzt den Kopf zu schütteln – oder die erschütternden Erzählungen der (geretteten und traumatisierten) Opfer nachzulesen. Der Zeitungsjournalist Wolfgang Bauer hat einigen von ihnen Stimmen gegeben. Sein Buch „Die geraubten Mädchen“ moderiert die Erinnerungen in einer Art von ausgedehntem Reportage-Format. Er lässt die Frauen selbst sprechen, die der Boko Haram entkommen sind und streut das nötige Grund- und Ergänzungswissen zur politischen, gesellschaftlichen und  religiösen Entwicklung Nigerias unaufdringlich, aber hilfreich ein. Überhaupt beschränkt sich das Buch auf das Wesentliche und transportiert deshalb umso wirkungsvoller seine Botschaften von zerstörerischem Religionswahn und menschlicher Grausamkeit. Bauer gibt den Terroropfern nicht nur eine Stimme, sondern auch ein Gesicht. Das Buch eröffnet mit einer Serie von ästhetisch brillanten Porträtfotos seiner Gesprächspartnerinnen. Trotz aller künstlerischer Zurückhaltung üben schon diese Bilder eine bedrückende Anziehungskraft aus, weil sie die tragischen Lebensgeschichten in einem Augenblick verdichten, der eine schreckliche Ahnung des unfassbaren Leids aufsteigen lässt. Die menschenverachtende Gewalt des Terrors ist in diesen Fotografien greifbarer als in jeder Opferstatistik.

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Zumal wir ohnehin nur die wenigsten Terroropfer kennen, so wie wir auch häufig nur für ganz bestimmte Zielgruppen sensibel sind: Flugzeugpassagiere, Weihnachtsmarktbesucher und U-Bahnfahrer sind uns oft näher als die Mädchen in Nigeria, weil wir selbst schon oft geflogen, gependelt oder über Volksfeste gebummelt sind. Deshalb sind die beiden Bücher auch wertvolle Impulsgeber, die Welt mal nicht nur durch die Designerbrille des Westens zu sehen. Denn auch der Bericht von Timothy Kang, der in Nordkorea aufgewachsen und verfolgt worden ist, ist kaum zu ertragen. Kang erzählt davon, wie er bittere Gräser essen muss, um nicht zu verhungern. Er berichtet von der Verzweiflung seiner Mutter, als er die ungenießbaren Gräser nicht bei sich behalten kann – das wäre sein Tod. Er berichtet von seinem Großvater, der verhungert, weil er seine letzte Rationsmarke dem Enkel überlässt – damit wenigstens er überleben kann. Neugeborene können von ihren hungernden Müttern nicht versorgt werden und sterben. Seine Hoffnungen steckt der junge Timothy Kang in eine Flucht nach China und in die Zuflucht bei Jesus Christus. Beides wird ihm zunächst zum Verhängnis, den das nordkoreanische Regime duldet keine Götter neben sich. Die schlimme Zeit im Gefängnis steht Kang nur durch, weil er sich an seinen Glauben klammert. Davon zu berichten ist dann auch die zweite große Motivation seines Erfahrungsberichts. Die Eindringlichkeit, mit der er von seiner Erweckung und Erlösung erzählt, nimmt leider an manchen Stellen zu viel Raum ein – die Botschaft wäre besser rübergekommen, wenn er sie ein bisschen weniger plakativ verpackt hätte. Gleichwohl ist auch sein Buch ein erschütterndes Zeugnis menschlicher Unbarmherzigkeit, das ans Eingemachte geht.

Einzelschicksale wie die, die in diesen beiden Büchern geschildert werden, lassen sich nicht in platte Phrasen und simple Welterklärungsformeln pressen. Sie wahrzunehmen, innezuhalten und sich ganz auf sie einzulassen ist schwer, aber wirkungsvoll, um sich innerlich und argumentativ gegen populistische Einflüsterer zu wappnen.

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Otto von Bayern: Der dienstunfähige König

Otto von Bayern hat nie regiert. Der Bruder des Märchenkönigs ging an einer Geisteskrankheit zugrunde. Ein Blick ins Dunkel...

Victoria Ocampo
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Die Frauenkirche ist rappelvoll. Die Münchner feiern Hochamt. Plötzlich stürmt ein panischer junger Mann ins das Gotteshaus. Er hastet zum Altar, fällt auf die Knie und bittet um Vergebung. Die Menge tuschelt. Das ist doch Prinz Otto. Ist der nicht mehr ganz normal?

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Liegt es an der komplizierten und frühzeitigen Geburt? Oder an den Ängsten, die seine Mütter während der Schwangerschaft heimgesucht haben? Oder an der unerbittlichen Ausbildung, die er als Königssohn und möglicher Kronprinz durchlaufen muss? Ist er zu sensibel für die Macht? Das kann sich ein Herrscherhaus wie das der Wittelsbacher nicht erlauben. Otto wird ganz normal auf die Regierungsverantwortung vorbereitet. Er nimmt für Bayern sogar an der Ausrufung des Deutschen Kaiserreiches im Spiegelsaal von Versailles teil. Trotzdem: Schon in frühen Jahren wird Otto von Beklemmungen und Wahnvorstellungen gepeinigt. Eine Zeit lang kann die Wittelsbacher Königsfamilie das einigermaßen erfolgreich verbergen: Nach dem Domsturm muss man Otto selbst verbergen. Es ist ein biografischer Wendepunkt: In Märchenschlössern verwahrt zu werden ist fortan das Schicksal des Prinzen. Seine Lebensgeschichte sich vollends in eine Leidensgeschichte. Zwar wird er offiziell König, als sein ebenfalls zunehmend geistig umnachteter Bruder Ludwig II. im Starnberger See ertrinkt. Regieren aber werden in  den knapp drei Jahrzehnten seiner Amtszeit immer Andere.

Victoria Ocampo im Biografien-Blog
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Eine neue Biografie nimmt sich dieses  tragischen bayrischen Königs verständnisvoll an, der nicht nur im Schatten der Macht gelebt hat (so der Untertitel), sondern auch in geistiger Umnachtung. Jean Louis Schlim hat keinen Psychothriller vorgelegt, obgleich Ottos Leben diesen Stoff durchaus hergeben würde. Er beschränkt sich darauf, kommentierender Chronist zu sein (leider ist auch der Schreibstil manchmal etwas dröge). Das nimmt der Dramatik etwas den Schwung, wird aber dem schwermütigen Menschen Otto durchaus gerecht. Und dies ist die wichtigste Leistung des Buches: Hier geht es nicht um einen Glanz- und Glamourkönig, sondern um einen traurigen und bedauernswerten Menschen, den auch das blaue Blut nicht davor schützt, allmählich dahinzudämmern. Dazu bietet die Biografie im wahrsten Wortsinn viele Lebensbilder, da sie liebevoll und stilsicher illustriert ist. 

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Antoine Leiris: Triumph über den Terror

Antoine Leiris ist Terror-Witwer. Seine Frau hat er verloren. Gewinnen lässt er die Terroristen trotzdem nicht.

Antoine Leiris
Antoine Leiris. Foto: Sandrine Roudeix, Lizenz: Ramdomhouse

Hélène tanzt in den Tod. Die junge Mutter stirbt im Bataclan in Paris. Terroristen nehmen ihr das Leben. Zurück bleiben ihr kleiner Sohn Melvil und ihr Mann Antoine. Antoine hat seine Frau verloren. Gewinnen will er ihre Mörder nicht lassen. „Freitag Abend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes", schreibt er bei Facebook, „aber meinen Hass bekommt ihr nicht.“

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Antoine Leiris hat diesen Brief kurz nach dem Attentat geschrieben. Terroristen hatten am 13. November 2015 im Pariser Club Bataclan 89 Menschen getötet, darunter auch Hélène. Der millionenfachen Klick-Anteilnahme in den Sozialen Netzen folgt jetzt die Geschichte hinter dem Brief: Ein gleichermaßen intimes wie literarisches Tagebuch vom Start in das Leben nach dem Terror. Dieses Hörbuch sollten alle hören, die vor einem Jahr den entwaffnenden Brief gelikt, geteilt, übersetzt oder kommentiert haben. Denn es ist etwas anderes, dem Terror rhetorisch die Stirn zu bieten, als lebenslang mit seinen Folgen leben zu müssen.

Antoine Leirise im Biografien-Blog
Foto: Céline from Dublin, Ireland. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Hélène, die im Bataclan gestorben ist, wird ihrem Sohn nie wieder vorlesen können und sie wird ihren Mann nie wieder küssen. Was das Buch noch eindrücklicher vermittelt als der Brief oder als tagelange Sondersendungen nach bestürzenden Anschlägen: Terror trifft nicht nur eine Lebensweise, ein Land, oder irgendwelche Leute Es trifft Menschen mit Familien und Freunden. Es kann mich treffen - oder Dich. Bedrückend detailliert beschreibt Antoine Leiris die quälenden Stunden der Ungewissheit nach dem Anschlag und die ersten schrecklichen Tage mit der bitteren Wahrheit. Immer wieder streut er Erinnerungen an Hélène ein, die sie im Laufe des Hörbuches unnatürlich lebendig wirken lassen. Je enger man sie kennen lernt, desto schmerzhafter und eindringlicher ist ihr gewaltsamer Tod. 

Antoine Leirise im Biografien-Blog
Lizenz: Gemeinfrei

Antoine Leiris kontrastiert den Ausnahmezustand mit den unausweichlichen Alltagsroutinen: Melvil will gefüttert und gewickelt werden, der Gasmann will den Zähler ablesen und so  weiter und so fort. Auch nachdem die Weltgeschichte ihren Blick von Paris wieder auf andere Schauplätze des Schreckens richtet, müssen Antoine Leiris und sein Sohn mit ihrem Schicksal leben. Umso beeindruckender ist sein Vorbild, sich dem Terror auch emotional nicht zu beugen. "Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel." Und doch geht von diesem Buch in seiner schonungslosen Intimität und Detailtreue eine gewisse Gefahr aus: Manche erschütternde und bewegende Momente bewirken gerade das, was Leiris überwinden will: Das Gefühl von Angst und mitfühlender Ohnmacht. Aber überwunden werden kann eben nur, was da ist. Und das gilt auch für Angst und Ohnmacht...

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Raymond Unger: Lange Schatten des Krieges

Raymond Unger leidet unter den Kriegstraumata seiner Familie und arbeitet sie in Gemälden und zwischen Buchdeckeln auf.

Raymond Unger
Lizenz: Raymond Unger

Am Volkstrauertag gedenken wir den Opfern der Kriege. Nicht alle sind im Feld gefallen oder in den Bombennächten umgekommen. Manche Kriegsgeschädigte haben selbst gar keinen Waffengang erlebt - so wie Raymond Unger. Der Maler nennt sich Kriegsenkel arbeitet und die Traumata seiner Vorfahren auf.

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An Krisen und Katastrophen mangelt es nicht in Raymond Ungers Familienchronik: Ein Großvater erleidet im ersten Weltkrieg erst im Schützengraben, dann im U-Boot schwerste Verwundungen, eine Großmutter wird erst als ihrer Heimat (der Wölfe) in Bessarabien umgesiedelt, und dann vertrieben. Ein Onkel erlebt, wie Hamburg ausgebombt wird, der Vater ertränkt die Erinnerungen an Krieg und Elend im Alkohol, während die Mutter eine Affäre mit dem Nachbarn beginnt. Die Cousine, die all das Elend eigentlich schon überwunden und sich einen Millionär mit Villa in Italien geangelt hat, geht fremd, verliert ihr Leben im Luxus und stirbt früh.

So eine Familiengeschichte härtet ab. Tatsächlich sieht Raymond Unger nicht gerade sensibel aus. Sein grimmiger Blick hat etwas bedrohliches, seine Glatze und sein angegrauter Vollbart verleihen ihm ein markantes, selbstsicheres Erscheinungsbild. Auch viele seiner Bilder kommen düster, aggressiv oder blutrünstig rüber (hier geht’s zur Galerie auf der Künstlerhomepage). Zwischen den Buchdeckeln seiner Autobiografie zeigt sich Raymond Unger ganz anders: Verunsichert und verstört, verletzlich und auch ein bisschen verbittert. Er nimmt sich seiner tragischen Familiengeschichte an, um sie endlich zu überwinden.

Bessarabische Bäuerinnen bei der Ernte (Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F016200-34 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0)
Bessarabische Bäuerinnen bei der Ernte (Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F016200-34 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0)

Für Raymond Unger sind die verdrängten Erlebnisse seiner Familie von klein auf präsent. Seine Eltern findet er wenig empathisch, der Vater habe sogar seine Tauben mehr geliebt als seine Kinder. Unger bricht für alle seine Vorfahren das Schweigen und erzählt in fesselnder Sprache von den kleinen und großen Fehlern und dem Versagen seiner Angehörigen. Der Vorwurf wiegt schwer: Traumata seien nicht aufgearbeitet, sondern verschleppt und vererbt worden: Von der Kriegsgeneration an deren Kriegskinder bis hin zum ihm, dem Kriegsenkel, der in Bildern und Büchern die Scherben aufkehren muss (auch viele von Ungers Bildern wirken wie Scherben-Mosaike). In kurzen, nicht chronologisch angeordneten Kapiteln, die kollektiven Erinnerungsfetzen gleichen, wühlt sich Unger durch die einzelnen Episoden und Anekdoten seiner Familienvergangenheit. Dabei überlässt er es seinen Leserinnen und Lesern, sich ein Gesamtbild zu verschaffen – das macht die Lektüre nochmals lebendiger und spannender. Recht nüchtern berichtet Unger auch davon, dass er selbst kurz davor gewesen ist, auf die schiefe Bahn zu geraten. 

Nicht immer kann man sich des Eindrucks einer emotionalen Abrechnung erwehren. Das ist einerseits verständlich, andererseits scheinen manche angedeutete Zusammenhänge zwischen den Lebensgeschichten von drei Generationen etwas zu sehr aus der Gegenwart gedacht. Bis zum zweiten Weltkrieg hat jede Generation mindestens einen Krieg erlebt. Kriegserlebnisse wurden hingenommen. Eine professionelle psychologische Aufarbeitung ist nicht nur unüblich, sondern auch weitgehend unbekannt gewesen. Auch die beiden vorangegangenen Generationen, vor allem die Kriegskinder, sind in gewisser Weise Opfer. Ihre eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht in Sachen Aufarbeitung – unter der sie wahrscheinlich selbst schwer gelitten haben - macht sie nicht zwingend zu verantwortlichen Mittätern. Das heißt nicht, dass die Kriegsenkel nicht auch ein schweres Päckchen zu tragen haben. Aber dieses Päckchen ist ihnen genauso ungerechterweise auferlegt worden, wie ihren Eltern (über die Verantwortung der Kriegsgeneration muss natürlich anders nachgedacht werden). Vielleicht hätte Raymond Unger etwas weniger in Kategorien von Schuld und Verantwortung denken können. Denn darauf aufmerksam zu machen, das längst nicht alle Wunden verheilt sind und dass es einer vernünftigen Aufarbeitung bedarf, ist ein großes Verdienst von Raymond Unger. Er hat ein heißes Eisen angepackt und auf berührende Art bearbeitet.

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Hillary Clinton: Die Berufspolitikerin

Hillary Clinton betreibt Politik als Beruf. Eine neue Biografie zeigt ihren Weg ins Zentrum der Macht. Der Blog zur US-Wahl.

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Diese Wahl wird keinen Sieger hervorbringen, höchstens eine neue US-Präsidentin. Sollte Hillary das Rennen machen, muss sie erst einmal Scherben beseitigen. Der schmutzige Wahlkampf hat sie beschädigt: Donald Trump hat Zweifel an ihrer persönlichen und die politischen Eignung für das höchste Staatsamt gesät: Krank sei sie - und korrupt. Ist sie stark genug, Präsidentin aller Amerikaner zu werden? Eine neue Biografie lässt Antworten erahnen.

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Hillary Clinton wird es schwer haben im Weißen Haus. Viele Amerikaner wollen sie lieber im Gefängnis sehen als im Oval Office - das haben sie im Wahlkampf immer wieder skandiert. Clinton weiß um den Hass, der ihr entgegen schlägt. Sie kennt auch die Vorwürfe: Zu unecht sei sie in ihrem einstudierten Auftreten, zu schwach (vor allem gesundheitlich), zu unprofessionell (mit Blick auf die E-Mail-Affären), zu verbissen und eine Kandidatin von gestern. Möglicherweise stimmt das alles, aber vielleicht auch nichts: Hillary Clinton ist vor allem eine berechnende und ehrgeizige Politmanagerin. Was ihr Glaubwürdigkeit und Authentizität zu fehlen scheint, macht sie durch politische Verlässlichkeit und Berechenbarkeit wett. Und so schwach kann sie auch nicht sein, wenn man bedenkt, wie souverän sie erst in Schatten ihres Übermannes Bill Clinton getreten ist - und wieder heraus. Bill hat es ihr nicht eben leicht gemacht: Er war ein erfolgreicher Präsident, ein lausiger Ehemann und ein charismatischer Entertainer (mit Saxophon). Hillary dagegen setzt auf staatstragende Seriosität, auf Konsequenz und Beharrlichkeit. Seit vielen Jahrzehnten arbeitet sie sich unermüdlich die Karriereleiter hinauf. Sie ist eine umtriebige Unternehmertochter, die Jura studiert und als Anwältin gearbeitet hat, an der Seite ihres Mannes ins Weiße Haus gezogen ist und seine erniedrigenden Seitensprünge ausgehalten hat, die danach als Senatorin und Außenministerin selbst in die Politik gegangen ist und die parteiinterne Niederlage gegen Barack Obama erhobenen Hauptes verkraftet hat. So manche Zwangspause im beruflichen Aufstieg hat sie genutzt, um frischen Atem zu schöpfen. Dabei hat sie sich immer wieder selbst neu erfunden. Ja, sie ist eine Kandidatin von gestern gewesen - aber eine, die sich ins Heute weiterentwickelt hat. Übrigens hat sie auch in der Vergangenheit schon kräftig daran mitgearbeitet, Männer wie Trump vom Weißen Haus fernzuhalten: Sie war als Anwältin an der Amtsenthebungsklage gegen den Skandal-Präsidenten Richard Nixon beteiligt...

Die Rezension

Die druckfrische Biografie von Dorothea Hahn zeichnet Hillary Clintons Lebensweg aus der gebotenen Distanz und angenehm nüchtern nach. Die Biografin spielt mit offenen Karten und berichtet, dass ihre Interview-Anfragen vom Clinton-Team nicht beantwortet worden sind. Das macht nichts. Clinton ist seit Jahren immer wieder von Kritikern und Bewunderern befragt worden, so dass ohnehin nur Sprechblasen hätten erwartet werden dürfen. Dorothea Hahn gibt ihrem zeitgemäß schlanken Buch eine ganz andere und spannende Wendung. Diese Biografie ist aus deutscher Perspektive geschrieben. Wer dieses Buch liest, muss nicht befürchten, abgehängt zu werden: Denn Dorothea Hahn liefert alle zum Verständnis von Hillary Clinton nötigen Hintergründe und Fakten mit. Das schafft sie gewissermaßen nebenbei und ohne Schwung aus der Lebensgeschichte zu nehmen. Wer schon eines der zahllosen Bücher von und über Hillary gelesen hat, wird wenig Neues entdecken. Wer sich aber einen fundierten Eindruck von ihr machen will, der über Zeitungswissen und Vorurteile hinausreicht, der wird viel Freude an diesem Buch finden, das zudem locker geschrieben ist.

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Carolin Emcke: Die Friedenspreisträgerin

Carolin Emckes mutiges Plädoyer "Gegen den Hass" nimmt die Leserinnen und Leser in die Pflicht. Richtig so!

Carolin Ehmke im Biografien-Blog
Foto: Andreas Labes. Lizenz: Carolin Ehmke

Die Signalfarbe steht ihm gut. Das schmale Büchlein leuchtet in grellem Orange und bringt die drei Worte, die sein schlichtes Cover zieren, in all ihrer Wucht zur Geltung: GEGEN DEN HASS schreibt Carolin Emcke an. Ihre Botschaft: Widerstand gegen den Hass richtet sich gegen Handlungen, nicht gegen Menschen - und funktioniert nur, wenn man ihn nicht fanatisch angeht.

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Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist eine der renommiertesten Auszeichnungen der literarischen Welt. Die Liste der Preisträger ist voll von großen Namen: Albert Schweitzer gehört dazu, Astrid Lindgren und Orhan Pamuk. Jetzt gesellt sich auch Carolin Emcke  (Jahrgang 1967) in diese illustren Runde - völlig zu Recht. Emcke ist eine praktisch veranlagte Philosophin. Sie verfügt über die Gabe, gesellschaftliche Konflikte nicht nur sehen, sondern auch deuten zu können. Dabei mag die Doktorarbeit über "Kollektive Identitäten" und sozialphilosophische Grundlagen geholfen haben. Carolin Emcke belässt es aber nicht bei akademischer Analytik: Sie hat das Studierzimmer verlassen und als Journalistin die Kriegs- und Krisengebiete der Welt bereist. Das Elend und die Fluchtmotive vieler verzweifelter Menschen hat sie selbst erlebt. Als bekennender Homosexueller sind ihr die Mechanismen der Diskriminierung geläufig und als Patentochter von Alfred Herrhausen, den die RAF ermordet hat, hat sich intensiv mit den Funktionsweisen des Terrors befasst. Alle diese Einsichten und und die Ergebnisse jahrelangen Nachdenkens fließen nun ein in die kleine, aber pfiffige und bewundernswert undiplomatische Streitschrift "Gegen den Hass". 

Foto: Sebastian Bolesch. Quelle: Carolin Ehmke
Foto: Sebastian Bolesch. Quelle: Carolin Ehmke

Anhand zweier Beispiele schlüsselt Emcke die zunehmend auftretenden Phänomene von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (Clausnitz) und institutionellem Hass (Tod eines farbigen Mannes im Polizeigewahrsam) auf. Dabei verwebt sie philosophische Leitgedanken mit eigenen Situationsanalysen und offenen Fragen an die Leserinnen und Leser. Ihre Argumentation ist stringent, ihre Formulierungen spielen damit, ein kleines bisschen suggestiv zu sein. Ihre Ergebnisse fasst sie unmissverständlich zusammen: "Der akute, heiße Hass ist die Folge kühler, länger vorbereiteter oder über Generationen weitergereichter Praktiken und Überzeugungen."

Emcke kritisiert die Profiteure von gezielter Skandalisierung in Medien und Politik (darunter die AfD-Politiker mit ihren populistischen Parolen), aber sie nimmt auch die Leserinnen und Leser in die Pflicht, sich im Widerstand gegen den Hass nicht selbst zu radikalisieren: "Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seine Einladung, sich ihm anzuverwandeln, ausschlägt." Auch wenn Carolin Emcke demütig von sich weist, selbst Lösungen für den zunehmend ungenierten und salonfähigen Hass zu kennen, gibt sie pragmatische Ratschläge, die wir alle tagtäglich umsetzen können und sollen. Widerstand gegen den Hass fängt bei jeder und jedem einzelnen an! Die große Gefahr und die große Chance besteht dabei darin, sich nicht von Fanatismus und Radikalismus korrumpieren zu lassen: "Es geht nicht darum, Personen als Menschen zu dämonisieren, sondern ihre sprachlichen und nicht-sprachlichen Handlungen zu kritisieren oder zu verhindern."

Carolin Emcke bei Twitter


Fazit: Gegen den Hass ist ein lesenswerter Mutmacher für alle, die in Freiheit und Vielfalt leben wollen!

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Richard Nixon: Der Lügner im Weißen Haus

Richard Nixon hat das Weiße Haus beschmutzt. Eine Biografie zeigt, was passiert, wenn Männer wie er US-Präsident werden.

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"Alles, was er gerade gesagt hat, ist falsch." Hillary Clinton hat im zweiten Fernsehduell keinen Hehl daraus gemacht, dass Sie Donald Trump für einen schamlosen Lügner hält.  Trotz aller Skandale hat der Polit-Prolet Trump immer noch gewisse Chancen, US-Präsident zu werden. Schon einmal hat ein skrupelloser Republikaner das Weiße Haus erobert: Richard Nixon. Die neue Biografie von Tom Weiner ist eine ernst zu nehmende Warnung: "Ein Mann gegen die Welt" führt vor Augen, was passieren kann, wenn Männer wie Nixon - oder Trump - die Macht in Händen halten.

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Richard Nixon war ein "großer böser Mann". So sieht das sein Biograf Tim Weiner. Politik sei für Nixon ein Krieg gewesen, "in dem alle Mittel erlaubt waren." Das sind - wie schon der Buchtitel - markige Worte, die in politischen Biografien nicht gerade üblich sind. Wo sonst zurückhaltend abgewogen und oftmals nur im Schutz des Konjunktivs geurteilt wird, spricht Weiner schon auf den ersten Seiten Klartext. Einfache, verständliche Sätze, unmissverständliche Botschaften: rachelustig, gewalttätig, ein notorischer Lügner "aus Instinkt" sei Nixon gewesen. Mit einem solchen Auftakt in ein 400-Seiten-Buch beweist auch der Biograf Instinkt. 

Klick auf's Bild: Nixons Lebensgeschichte im Biografien-Blog...
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Er findet eine zeitgemäße, rasante, ständig skandalumwitterte Sprache, die sogar mit populistischen Verkürzungen spielt. Auch sein Thema - eigentlich historisch-biografisch - zieht er geschickt in die Gegenwart: Richard Nixon selbst mag Geschichte sein, die ruchlosen Mechanismen seiner Amtsführung und deren gekonnte Erklärung sind dagegen hochaktuell. Erstmals ausgewertete Tonbänder aus dem Weißen Haus dokumentieren Nixons Wutausbrüche und sein gefährliches unterkomplexes Weltbild. Man will sich lieber nicht vorstellen, wie Nixon einen Twitter-Account genutzt hätte.

Victoria Ocampo im Biografien-Blog
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Über den Richter, der im Watergate-Skandal Recht spricht, stößt Nixon gotteslästerliche Flüche aus. Dazu kommt ein latenter Rassismus. "Das sind Wilde", soll er über die Inder gesagt haben - und die Pakistanis illegal mit Waffen versorgt haben. Tim Weiners Nixon-Biografie liest sich durchgängig weniger wie eine politische Analyse als wie ein Gangsterthriller. Sie ist trotzdem beides. Das liegt daran, dass Weiner der Präsidentschaft Nixons nicht als staubtrockener Aktenfresser auf den Grund spürt, sondern als verwegener Abenteurer und neugieriger Entdecker. Tim Weimer ist fasziniert von Nixon. Das gibt er unverwunden zu. Und deshalb atmet das Buch eine Leidenschaft, die auf die Leserinnen und Leser überspringt. Weiner ist aber auch ein ausgewiesener Fachmann für Geheimdienste. Beides zusammen bildet das Fundament dieser herausragenden Biografie. Weiner  hat sich tief hineingearbeitet in Nixons misstrauische Psyche, die im Abhören und in verdeckten Lauschangriffen eine "ultimative Waffe" ausgemacht hat. Der Biograf nimmt keine Rücksicht auf politische Korrektheiten. Dass dabei immer wieder Äußerungen Nixons zitiert werden, die man auch Donald Trump zutraut, verleiht Weiners Analyse eine brisante Aktualität.

Tim Weiner hat eine moderne politische Biografie geschrieben - und ein fesselndes Lehrstück über die Mechanismen des Machtmissbrauchs. Zugleich ist dieses Buch eine ideale (weil tiefgründige)  Ergänzung zur meist oberflächlichen breaking news- Berichterstattung über die Schlammschlacht ums Weiße Haus.

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Victoria Ocampo: Literatur als Lebensentwurf

Victoria Ocampo liebt die Literatur und das Leben. Eine moderierte Autobiografie zeigt, wie gut das vereinbar ist.

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Das Buch ist ein Versuch: Ein Mischung aus Biografie und Autobiografie von und über Victoria Ocampo. Dieses ungewöhnliche Genre der moderierten Autobiografie wird der Literatur-Latina (Ocampo stammt aus Argentinien) voll gerecht. Erstes ist nichts an dieser Kulturmoderatorin gewöhnlich und zweitens schreibt die Dame von Welt zwar gut, aber zu viel: Bei gleich sechs Bänden Autobiografie könnte man Vicoria Ocampo überdrüssig werden - und das wäre schade.

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Victoria Ocampo (1890-1979) hat viel zu erzählen über ihr Leben für die Literatur: Sie ist in Argentinien aufgewachsen, wo ihre Eltern als Großgrundbesitzer das nötige Kleingeld haben, um sie bestens ausbilden zu lassen. Hauslehrerinnen wecken in ihr die Liebe zum Lesen. Veredelt wird ihr Literaturstudium in Paris und London. Aber gegen alle Erwartungen ist dieses kulturelle Rüstzeug nicht nur eine Mitgift für eine Hochzeit in einflussreiche Kreise. Ocampo heiratet zwar, aber die Ehe ist nichts für die Ewigkeit - anders als die geliebten Bücher:  Victoria Ocampo liest sich sozusagen heraus aus gesellschaftlichen Zwängen und dreht ihr eigenes Ding. Sie schreibt, gibt eine Zeitschrift heraus, netzwerkt mit den Größen der südamerikanischen und internationalen Literaturbranche, darunter José Ortega y Gasset und Virginia Woolf. Ocampo ist geschätze Gastgeberin und Beraterin. Sie vermittelt talentierte Schriftsteller nach Europa und ist eine der ersten Literaturagentinnen und Kulturvermittlerinnen. 

Victoria Ocampo im Biografien-Blog
Lizensiert unter Gemeinfrei

Zugegeben: Ich kannte Victoria Ocampo nicht, ehe sie mir aus dem Biografien-Regal entgegengepurzelt kam. Über ihren Einfluss kann man nur staunen. Sie ist wirkungsvoll und geheimnisvoll zugleich. In den sozialen Netzwerke wäre sie wohl ein Superstar gewesen: Eine Frau, die überall präsent ist und weiß, wie man sich in Szene, ohne allzuviel Persönliches von sich preiszugeben. Etwas Licht ins Dunkel des Privatlebens dieser beeindruckenden Persönlichkeit bringt Renate Kroll, die Victoria Ocampos gesammelte autobiografische Schriften ausgewertet, gekürzt und einfühlsam neu zusammengestellt hat.

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Sebastian Haffner: Mut zu steilen Thesen

Sebastian Haffner war ein unberechenbarer Kommentator. Sein Biograf Jürgen Peter Schmied erklärt ihn im Biografien-Blog.

Youtube;  Bundesarchiv / P. Loescher & Petsch / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de; Sasquatchistheman, CC-BY-SA 4.0
Youtube; Bundesarchiv / P. Loescher & Petsch / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de; Sasquatchistheman, CC-BY-SA 4.0

Von Jürgen Peter Schmied

Sebastian Haffner (1907–1999) war einer der bedeutendsten deutschen Publizisten des 20. Jahrhunderts. Sein Leben war voller Wendungen – biografischen wie politischen –  und reich an Erfolgen. Er verdankte sie einer Reihe ausgeprägter Eigenschaften. Davon scheinen mir drei besonders bemerkenswert:

Schon als Schüler in Berlin zeigte sich Haffners außergewöhnliche sprachliche Begabung. Nach einem erfolgreichen Jurastudium und ersten schriftstellerischen Versuchen wurde er Journalist und Buchautor, zunächst im Deutschen Reich, dann in Großbritannien und schließlich in der Bundesrepublik Deutschland. Haffner schrieb sehr einfach, klar und plastisch, und damit es nicht zu langweilig wird, blitzt immer wieder eine Veranschaulichungspointe auf. In dem Geschichtsbuch Anmerkungen zu Hitler, seinem Meisterwerk aus dem Jahr 1978, erklärt Haffner das rhetorische Talent des Diktators zum Beispiel mit dessen Fähigkeit, „Versammlungen der verschiedensten Menschen“ in eine „knetbare Masse zu verwandeln, diese Masse erst in eine Art Trancezustand zu versetzen und ihr dann so etwas wie einen kollektiven Orgasmus zu bereiten“.

Ein weiteres Markenzeichen Haffners ist seine Vorliebe für kühne Gedankengänge und steile Thesen. Aus Hitler machte er einen unbeabsichtigten Förderer des Staates Israel, weil erst der millionenfache Judenmord „den Überlebenden die Verzweiflungsenergie eingeflößt“ hat, die „zur Staatsgründung notwendig war“. Walter Ulbricht war für Haffner einmal, 1966, der „bedeutendste deutsche Politiker seit Bismarck“, weil der Staatsratsvorsitzende der DDR gewissermaßen aus dem Nichts einen funktionierenden Staat geschaffen habe. Auch wenn die Überzeugungskraft solcher Argumente oft nur für ein paar Augenblicke wirkt. Dessen unbenommen: Haffners Texte sind anregend und meistens auch bereichernd.

Haffner besaß Mut oder besser: Courage. Ein wiederkehrendes Muster in seinem Leben war, dass er bei grundlegenden Meinungsverschiedenheiten mit seinen Verlegern oder Chefredakteuren kündigte – manchmal auch ohne einen adäquaten Ersatz zu haben. 1961 verließ er so die britische Wochenzeitung The Observer, 1962 die deutsche Wochenzeitung Christ und Welt, 1963 den Springer-Konzern und 1975 die Illustrierte Stern. Den wagemutigsten Schritt aber unternahm er 1938. Damals entschied sich Haffner, mit seiner jüdischen Freundin, die ein Kind von ihm erwartete, nach England zu emigrieren. Ohne vertieften Sprachkenntnisse und ohne konkrete Aussichten auf eine Verdienstmöglichkeit.

Dr. Jürgen Peter Schmied (Jahrgang 1974) ist Historiker und lebt in Bonn. Er hat in Heidelberg, Bonn und Oxford Geschichte, Germanistik und Philosophie studiert. Er hat sich viele Jahre mit Sebastian Haffner beschäftigt, seinen Nachlass ausgewertet und die bislang wichtigste Biografie über den Publizisten vorgelegt (siehe links).

Wer begeistert Dich? Wer inspiriert Dich?  Hast Du eine Lieblingsbiografie?

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Elisabeth II.: Die ewige Königin

Elisabeth II. wird 90. Die Rekord-Monarchin verkörpert Glanz und Gloria des Vereinigten Königshaus als royaler Popstar.

Elisabeth II. im Biografien-Blog (Foto: Joel Rouse/ Ministry of Defence, OGL 3)
Elisabeth II. im Biografien-Blog (Foto: Joel Rouse/ Ministry of Defence, OGL 3)

Sie ist die ewige Königin: Elisabeth II. von England. Bunte Hüte sind ihr Markenzeichen, kleine Hunde und schnelle Pferde ihre vierbeinigen Lieblinge, heimische Cornflakes aus der Tupperdose ihr Frühstücksgeheimnis auf Weltreisen. Elisabeth II. beherrscht Prunk und Pomp. Sie ist ein royaler Popstar. Aber sie wird auch der Würde eines einisten Weltreichs gerecht. Und sie mischt mit. So mancher ihrer Regierungschefs hat ihren Rat geschätzt - bis heute. Zwölf Premierminister hat Elsabeth II. im Amt überdauert - und acht Päpste. Heute feiert sie ihren 90. Geburtstag - herzlichen Glückwunsch. 

Lizenz: gemeinfrei
Elisabeth II. im Biografien-Blog.

Als sie am 2. Juni 1953 in der Westminster Abbey gekrönt wird, residiert noch ein gewisser Winston Churchill in der Downing Street No. 10. Fast scheint es an diesem trüben Regentag, dass die Mittzwanzigerin bereits die Regierungslast von sechs Jahrzehnten tragen muss. So schwer ist die Schleppe, dass sie der Bischof von Canterbury sanft schubsen muss, damit sie loslaufen kann. Dabei hatte alles ganz unspektakulär begonnen: Geboren wurde Her Royal Highness 1926 als Nichte von König Edward VIII. Der aber liebt eine zweimal geschiedene Amerikanerin und muss deshalb den Thron für Elisabeths Vater räumen, wodurch sie selbst Thronfolgerin wird - und was für eine:

Elisabeth studiert Verfassungsgeschichte und Recht, lernt beim Militär, wie man Autos fährt und repariert, heiratet standesgemäß und bringt zwei Kinder auf die Welt (Charles und Anne, Andrew und Edward folgen nach der Krönung). Nicht immer verläuft ihre Regentschaft reibungslos: In der großen Welt führt Großbritannien einen Krieg um die Falklandinseln. Zuhause scheitern reihenweise die Ehen ihrer Kinder (ausgerechnet) und als die Queen gefühlskalt auf den Unfalltod der einstigen Schwiegertochter Diana reagiert,  da ist es um ihr Ansehen im Land so schlecht bestellt wie selten. Aber die Queen wäre nicht über sechs Jahrzehnte die Queen gewesen, wenn sie nicht auch solche Krisen gemeistert hätte. Und wenn sie das Alter ihrer Mutter erreicht (101), dann wird sie England und der Welt als ewige Königin noch einige Jahre erhalten bleiben.

Queen Elisabeths II. Biografie weiterzwitschern:

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Nachruf auf Hans-Dietrich Genscher

Der Mann mit dem gelben Pullunder ist tot. Hans-Dietrich Genscher hat Politik für die Freiheit gemacht. Er wird fehlen.

La Granjaderivative work: Sir James (talk), CC BY-SA 3.0
La Granjaderivative work: Sir James (talk), CC BY-SA 3.0

Er war der liberale Rekord-Minister: Hans-Dietrich Genscher hat der Bundesregierung fast zwei Jahrzehnte lang als Innen- und Außenminister angehört. Gestern ist der langjährige FDP-Vorsitzende gestorben - zehn Tage vor seinem 90. Geburtstag. Sein Markenzeichen war der gelbe Pullunder, seine Politik eine Politik für die Freiheit. Seine Botschaft wird überdauern: "Freiheit und Verantwortung gehören für uns Liberale untrennbar zusammen."

Hans-Dietrich Genscher wird 1927 in Reideburg geboren (das liegt auf dem Gebiet der späteren DDR). Zum ersten Mal muss er seinem Land unfreiwillig helfen – als Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg. Trotz einer langwierigen Tuberkuloseerkrankung schafft Genscher danach zuerst das Ergänzungsabitur, dann eine Juristenausbildung. Seine eigentliche Bestimmung ist aber die Politik. Doch in der DDR haben Genschers freiheitliche Grundwerte keine Zukunft – in der jungen Bundesrepublik werden sie dagegen gebraucht.

In der Freien Demokratischen Partei (FDP) durchläuft Genscher eine klassische Parteikarriere bis zum Bundesvorsitzenden (1974-1985). Seit 1969 sitzt er auch auf Bonner Regierungssesseln. Dort arbeitet er erst mit den sozialdemokratischen Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt zusammen, dann schlägt er sich auf die Seite von Helmut Kohl und der CDU. Zwei Tragödien muss der Dauerminister Genscher verkraften: Die Anschläge auf die olympischen Sommerspiele in München (1972) und den Terror der Rote Armee Fraktion (RAF). Genscher gilt als begnadeter Netzwerker, der seine einflussreichen Kontakte auf zahllosen Reisen pflegt.

Im Herbst 1989 gewinnt er hinter den Kulissen einer UNO-Vollversammlung in New York den sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse für die Sache der ausreisewilligen Botschaftsflüchtlinge. Kurz darauf stimmt auch die DDR-Regierung zu und Genscher kann seine Botschaft der Freiheit überbringen:  „Wir sind zu ihnen gekommen“, hebt er an, „um Ihnen zu sagen, dass heute Ihre Ausreise…“ Weiter kommt Genscher nicht. Ohrenbetäubender Jubel brandet auf und bereitet ihm den schönsten Moment seiner politischen Laufbahn – und die dauert immerhin eine halbe Ewigkeit.

Genscher kann nicht nur starke Auftritte (wie auf dem Prager Botschaftsbalkon). Auch sein Abgang von der Regierungsbühne hat Stil: Kurz nach seinem 65. Geburtstag ist er freiwillig zurückgetreten. Bis heute zuletzt hat er international einen ausgezeichneten Ruf als Vermittler genossen. Einer wie Genscher wird nicht nur den Liberalen fehlen.

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Gysi und Schorlemmer: Rot und Verklärung?

Der einstige SED-Politiker Gregor Gysi und der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer erinnern sich an die ehemalige DDR 

Foto: Vincent Eisfeld - Own work. Licensed under CC BY-SA 4.0
Foto: Vincent Eisfeld - Own work. Licensed under CC BY-SA 4.0

Treffen sich zwei Welterklärer. Wer hat mehr zu sagen: Der Politiker oder der Prediger? Nicht immer ist das eine Frage von Redezeit. Schon gar nicht, wenn Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer miteinander über die DDR sprechen, die sie beide geprägt hat und die sie geprägt haben: Gysi als oberster Parteigenosse, Schorlemmer als Friedenspfarrer. Gysi hat die DDR politisch überlebt, Schorlemmer hat sie überwunden.  Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, schaut man gemeinsam zurück. Das Protokoll der Begegnung, veröffentlicht als Hörbuch, ist durchaus kurzweilig geraten - wenn man politische Utopien mag.

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Man kennt sich. Man schätzt sich. Und man siezt sich. Dieser bürgerlich-formale Umgang überrascht bei diesem kollektiven Erinnern zweier linker Urgesteine. Gregor Gysi, Jahrgang 1948, hat sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik politische Spitzenämter ausgefüllt. Der um vier Jahre ältere Friedrich Schorlemmer hat als kreativer und kritischer Kirchenmann Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet, was in der DDR politischer Widerstand war. Zur Sicherheit legt Schorlemmer schon mal fest, wer ihn im Zweifel als Rechtsanwalt verteidigen soll. Der Name Gysi steht auf seinem Zettel.

Foto: Ferran Cornellà. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0
Foto: Ferran Cornellà. Lizenziert unter CC-BY-SA 4.0

Zum Glück hat er seine juristischen Dienste nie benötigt. Trotzdem wirkt  Schorlemmer in diesem Erinnerungsgespräch mit Gysi nicht wirklich befreit. Gelacht wird jedenfalls selten. Selbst der halbwitzige Einstieg des ebenfalls linken Moderators Hans-Dieter Schütt, der nach Gysis Krawatte und Schorlemmers offenem Kragen fragt, geht irgendwie schief.  Schorlemmer strahlt einen heiligen Ernst aus, wenn über Jugend in der DDR, politische Sozialisierung, demokratischen Sozialismus und politische Theorie und Theologie von Marx bis Jesus gesprochen wird. Für ihn ist das nicht ein Gespräch unter vielen. Schorlemmer kann nicht verbergen, wie akribisch er sich vorbereitet hat und welche Botschaften er vermitteln will: Ihm geht es darum, manche gesellschaftstheoretisch gute Idee von ihrer ins Gegenteil verkehrten Umsetzung im Unrechtsstaat DDR zu lösen. Rot ja, Verklärung nein! Schorlemmer geht es um den Sinn und den Nutzen politischer Utopien. Anders als Gysi hat er nach der Wende die ganz große politische Bühne verlassen. Aber genau dorthin katapulitiert ihn das Gespräch mit dem einstigen Oppositionsführer im Deutschen  Bundestag zurück. Ein bißchen hört er sich an, wie bei einer großen, letzten Predigt. Ihm geht es um die großen Linien. Deshalb nimmt sich selbst zurück. Und das nimmt ihm die Lockerheit.

TRIALON/Kläber - http://archiv2007.sozialisten.de/service/ download/fotos/gysi/index.htm. Lizenziert unter Attribution.
TRIALON/Kläber - http://archiv2007.sozialisten.de/service/ download/fotos/gysi/index.htm. Lizenziert unter Attribution.

Ganz anders Gregor Gysi. Der erzählt gelöst und garniert mit mancher Prise Witz Schwank um Schwank aus seinem Leben. Wie er als kleiner zorniger Junge die Russen gegen (berechtigte) Anschuldigungen verteidigt hat beispielsweise - oder wie er zu Hegel und Marx gefunden hat. Der streitbare Politiker Gysi resümiert sein Lebenswerk mit feiner Selbstironie - und manchmal sogar mit unerwarteter kritischer Distanz zu sich selbst. Politische Utopien fangen für ihn eigentlich erst an der Schwelle zum Machbaren an, was aber nicht heißt, dass Gysi keinen Platz für utopien lässt. Das alles wäre noch glaubwürdiger, wenn er sich nicht dauernd in die typischen Politiker-Floskeln fallen würden - "Ich will Ihnen auch erklären warum..." - und wenn er sich etwas souveräner mit den bis heute nicht verstummten Vorwürfen auseinander gesetzt hätte, er sei Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi gewesen. Dieses für ein Erinnerungsgespräch so wichtige biografische Thema wird nur gestreift - ohne dass eine unbefangene Auseinandersetzung stattfindet. 

Überhaupt fehlt dem Gespräch leider ein bißchen der rote Faden. Gysis unterhaltsame Anekdoten und Gedanken und Schorlemmers oftmals pathetisch-gewichtiges Resümieren stehen über weite Strecken recht unvermittelt nebeneinander. Der an sich angenehm zurückhaltende Moderator Hans-Dieter Schütt lässt beide mehr oder weniger aneinander vorbeireden. Ein Streitgespräch entwickelt sich nicht zwischen den beiden ehemaligen Wort- und Meinungsführern entgegengesetzter Strömungen. Das ist schade. Denn eine echte Kontroverse von praktisch orientierten linken Welterklärern hätte was gehabt. Denn schon so ist das Gespräch der beiden zwar nicht locker, aber spannend.

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Raif Badawi: Blogger hinter Gittern

Raif Badawis Biografie ist eine Geschichte über Freiheit, Hoffnung und Verzweiflung - und über die ganz große Liebe. 

Raif Badawi im Biografien-Blog
Raif Badawi. Foto: Ensaf Haidar - Picture provided by PEN International. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Zehn Jahre Haft und tausend Stockhiebe: Raif Badawi sitzt ein, weil er gebloggt hat: für mehr Freiheit, Gleichberechtigung und Toleranz in einem modernen Saudi-Arabien. Dafür ist er unter die Mühlen eines mittelalterlichen Rechts- und Gesellschaftssystem geraten. Seine Frau Ensaf Haidar erzählt ihre gemeinsame Geschichte über Macht und Ohnmacht, Hoffnung und Verzweiflung - und über die ganz große Liebe. 

Zugegeben: Ich bin kein großer Fan von Liebesgeschichten. Diese hier hat mich aber mitgerissen und ich bin froh, dass ich mir die Geschichte von Raif Badawi und Ensaf Haidar angehört habe. Raif ist ein saudischer Blogger, der sich in und mit seinem liberalen Forum für Frauenrechte, Meinungsfreiheit und eine weltoffenere Gesellschaft stark gemacht hat. Das hat ihm viele digitale Freunde eingebracht - und mächtige Feinde in der Religionspolizei, die nicht nur im Netz Jagd auf ihn gemacht haben. Seit über drei Jahren sitzt Raif Badawi im Gefängnis.


Seine Frau Ensaf kämpft seither für seine Freilassung. Sie lebt mit den drei gemeinsamen Kindern im kanadischen Asyl, organisiert Proteste, nimmt Preise für ihren inhaftierten Mann entgegen und trifft sich mit führenden Politikern Europas. Nur sie können den König von Saudi-Arabien zu einer Begnadigung bewegen - wenn überhaupt. Auch Ensaf Haidars ergreifendes Hörbuch Freiheit für Raif Badawi, die Liebe meines Lebens  ist Teil dieses Kampfes. Aber es ist weit mehr: Eingebunden in das biografische Drama zweier junger saudischer Menschen ist dieses Hörbuch eine Einführung in die kaum zu glaubende politische, rechtliche und gesellschaftliche Wirklichkeit des einflussreichen Golfstaates. Vieles weiß man so mehr oder weniger: die Männer haben das Sagen, die Frauen werden  unterdrückt und müssen sich vollverschleiern, die Familienehre ist wichtig, der Glaube ebenso. Was das aber ganz konkret heißen kann, hat zumindest mir regelrecht den Atem verschlagen: Das aberwitzige Versteckspiel, in dem Raif und Ensaf als Paar zueinander gefunden haben, die grotestken Widerstände aus ihrer Familie, der kalte und zynische Hass seines Vaters, der schon den dreizehnjährigen Raif anzeigen und hinter Gitter bringen kann, die Drohungen und Mordversuche gegen den Blogger, der das freie Wort liebt, ohne sein Land verraten zu wollen, die haltlosen Anschuldigungen, mit denen man Raif schließlich außer Gefecht setzt. Denn verboten ist sein Blog nicht. Deshalb wirft man ihm Abfall vom Glauben vor - und das ist ein schlimmes Vergehen in Saudi-Arabien. 

Foto: ai (verlinkt)
Foto: ai (verlinkt)

Ensaf Haidar hält trotz größtem Druck der auf sie ausgeübt wird (inklusive Familienverbannung und vermuteter Zwangsscheidung) zu ihrem Mann. Sie erzählt ihre gemeinsame Liebesgeschichte wie einen paarbiografischen Krimi: Immer wieder wird es brenzlig, immer wieder lassen sich Freunde und Feinde Raifs neue Möglichkeiten einfallen, ihm zu schaden oder ihm zu helfen. Immer wieder gibt es unverhoffte Wendungen - nur ein Happy End ist leider noch nicht in Sicht. Wer sich aber für die Freilassung von Raif Badawi einsetzen will, kann dies beispielsweise auf den Seiten von Amnesty International tun oder eben auch mit dem Kauf dieses empfehlenswerten Hörbuchs einen kleinen Beitrag leisten...  

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Axel Springer: Für Berlin, gegen die Mauer

Der Verleger und Freiheitskämpfer Axel Springer hat gegen die deutsche Teilung gekämpft und alles auf Berlin gesetzt.

 

Im Dunkel der Nacht verlieren Millionen von Ostdeutschen ihre Freiheit: Um Westberlin, das letzte Schlupfloch zur Bundesrepublik, wird in wenigen Stunden ein 160 Kilometer langer Grenzzaun hochgezogen. Als die Berliner am nächsten Morgen arglos aufwachen, ist die Tat des Ostens vollbracht und das DDR-Regime feiert seinen Überraschungscoup. Und der Westen? Was tut die freie Welt dagegen?„Der Westen tut NICHTS“, befindet der Verleger Axel Springer und in Riesenlettern verkündet es seine wichtigste Zeitung, die BILD.

Axel Springer Biografie

Axel Springer, geboren 1912 in Altona, ist ein geborener Verleger: Seinem Vater gehört eine Lokalzeitung, die Stammhalter Axel irgendwann einmal übernehmen soll. Hitler macht den Springers einen Strich durch die Rechnung. Der liberal gesinnte Verlag passt den Nazis nicht und wird erst geschlossen, dann ausgebombt. Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt Axel Springer von vorne. Er ist ein begnadeter Überredner und gewinnt fähige Leute, mit denen er in kurzer Zeit einen erfolgreichen Verlag aufbaut - noch in seiner ersten Heimat an der Alster: Das Hamburger Abendblatt, die Programmzeitschrift Hörzu, Die Welt und schließlich BILD sind die wichtigsten Presseprodukte des Hauses Springer.  Der Hausherr träumt allerdings von mehr als von Medienmacht. Er träumt von Einigkeit und Recht und Freiheit für sein geteiltes deutsches Vaterland. Deshalb setzt er alles auf Berlin, den heißesten Ort des Kalten Krieges. Auf den Trümmern des alten Zeitungsviertels, direkt an der Berliner Mauer, errichtet er seine millionenschwere Konzernzentrale: ein goldenes Hochhaus als Leuchtturm der Freiheit für die eingesperrten Ostdeutschen. Seine Zeitungen lassen  keine Gelegenheit aus, die Lügen und DDR-Regierung aufzudecken, ihre Propaganda zu enttarnen und das Unrecht in der sozialistischen Diktatur anzuprangern. Während Springer gegen die Berliner Mauer anredet und anschreiben lässt, wird er selbst zum Feindbild einer ganzen Generation. Die 68er kommen mit den Schlagzeilen und der Berichterstattung des  Kalten Kriegers nicht klar: Sie sehen in Springer einen selbstverliebten Machtmenschen und einen unverbesserlichen Nationalisten. Berlin wird zum Kriegsplatz, als gewaltbereite Studenten zum Springerhaus ziehen. Steine und Brandsätze fliegen, Auslieferungsfahrzeuge werden umgestoßen und gehen in Flammen auf. Die Mauer bleibt stehen. Am Ende ist es aber das goldene Hochhaus, dass die Berliner Mauer überdauert. Springer erlebt es nicht mehr. Er stirbt 1985, vier Jahre zu früh. Nur sein Traum, der ist nicht gestorben. Mehr noch: er hat sich erfüllt.

Buchbesprechungen

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Über Springer ist viel geschrieben worden. Die einen hassen ihn für seine Geltungssucht, seinen Größenwahn und sein vermeintlich persönliches Regiment als Verleger. Die anderen kommen meistens aus seinem eigenen Haus. Und sie kommen leider kaum hinterher, das leidige Feindbild Springer endlich in Scherben zu schlagen und den von Überzeugungen geleiteten Unternehmer, den patriotischen Freiheitskämpfer und gesellschaftlich engagierten Mäzen zu würdigen. Ein zu Springers 30. Todestag soeben erschienener Sammelband aus der Edition Braus geht neue Wege. Keine Gesamtschau, keine überbordende Beweihräucherung, keine durchsichtige Deutung. Das von Autorinnen und Autoren der WELT-Gruppe verfasste Buch erzählt in Anekdoten und Ausschnitten von Springers Liebe zu Berlin. Jeder Beitrag nimmt sich ein Detail dieser innigen Beziehung vor. Allesamt sind sie kurzweilig geschrieben und sie lassen sich voneinander unabhängig lesen (ein großer Vorteil). Manche fallen etwas aus dem Format ("10 Gründe, warum Axel Springer kein Kaninchen ist"). Andere zeigen den Kulturförderer, den Sportbegeisterten, den Volksnahen, den Gönner und den Snob - denn all das ist Springer gewesen. Wer sich mal abseits aller gängigen Vorurteile (positiv wie negativ) auf Springer einlassen will, ist mit diesem Buch gut beraten.

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Und wer noch einmal jenseits aller schrillen, lauten und bunten Fernsehbilder die bewegten Tage erleben will, an denen sich Axel Springers Traum vom Fall der Berliner Mauer und von der Freiheit aller Deutschen erfüllt hat, der kann getrost den wunderbaren Bildband mit Fotografien von Jürgen Hohmut in die Hand nehmen (ebenfalls in der Edition Braus erschienen). Ganz in schwarzweiß gehalten laden diese eindrucksvollen Momentaufnahmen zum Innehalten ein - und zur Freude darüber, dass die schrecklichen vier Jahrzehnte der deutschen Teilung Geschichte sind.

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Jyoti Singh Pandey: Ein zerstörter Lebenstraum

Jyoti Singh Pandey wurde 2012 in Indien zu Tode vergewaltigt. Kerstin Scheuer erzählt ihre Geschichte im Biografien-Blog.

Jyoti Singh Pandey im Biografien-Blog Eulengezwitscher
Demonstration nach der tödlichen Gruppenvergewaltigung in Indien. Foto: Nilroy (Nilanjana Roy). Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die indische Studentin Jyoti Singh Pandey hatte ihr Leben vor sich - und sie hatte einen Lebenstraum: Ärztin werden. Vor drei Jahren, am 16. Dezember 2012, wurde sie in Neu Dehli von einer Gruppe von Männern angegriffen und zu Tode vergewaltigt. Sexuelle Gewalt ist allgegenwärtig - nicht erst seit den furchtbaren Vorfällen in der Silvesternacht. Dagegen helfen nur Aufklärung, Zivilcourage - und konsequente Strafverfolgung. Im Biografien-Blog Eulengezwitscher würdigt die Buchbloggerin Kerstin Scheuer (kerstin-scheuer.de) Jyoti Singh Pandey als starke Frau und erinnert an ihre tragische Lebensgeschichte zwischen Hoffnung und Horror.

Hallo Kerstin, wer fasziniert Dich?

Mich faszinieren vor allem starke Frauen, die sich unter schwierigen Bedingungen für ihre persönliche Freiheit und Gleichberechtigung einsetzen. Besonders beeindruckt hat mich zuletzt die Geschichte von Jyoti Singh Pandey, die am 16. Dezember 2012 in Neu-Dehli Opfer einer Massenvergewaltigung wurde und 13 Tage später an ihren schweren Verletzungen starb. Ihr Fall sorgte weltweit für Schlagzeilen. Heftige Proteste sorgten schließlich für eine deutliche Verschärfung des indischen Sexualstrafrechts.

 

Warum ist  die Lebensgeschichte von Jyoti Singh Pandeys auch abgesehen von ihrem tragischen Ende besonders?

Jyoti Singh Pandey gehörte zu einer neuen indischen Frauengeneration, die nicht länger akzeptieren möchte, dass der eigene Lebensweg bereits durch die Geburt vorgezeichnet sein soll. Stattdessen arbeitete sie ehrgeizig und sehr erfolgreich an der Verwirklichung ihres Traums von einem besseren Leben. Jyoti wuchs in einem Slum in Neu-Dehli auf. Ihr Vater hielt die Familie mit dem Beladen von Flugzeugen einigermaßen über Wasser.

Für Jyoti, die davon träumte, Ärztin zu werden, waren das keine guten Startvoraussetzungen. Aber ihre Eltern meldeten Jyoti als erstes Mädchen in der örtlichen Privatschule an. Um Jyotis Schulausbildung zu finanzieren, verkauften sie ein kleines Stück Land, das ursprünglich Teil von Jyotis späterer Aussteuer als Braut sein sollte. Jyoti selbst hatte ihre Eltern dazu überredet, lieber in ihre Bildung zu investieren anstatt auf eine wirtschaftlich günstige Ehe zu hoffen. Jyoti war eine gute Schülerin, die später selbst jüngere Klassen unterrichtete. Nach ihrem Schulabschluss begann sie eine Ausbildung zur Krankengymnastin, die sie sich mit Nachtschichten in einem Call Center finanzierte.

Sie führte ein modernes Großstadtleben mit regelmäßigen Shoppingnachmittagen mit Freundinnen und einem festen Freund. Jyoti hatte Spaß am Ausgehen und ging gerne ins Kino. Nachbarn und Bekannte der Familie kritisierten diesen Lebenswandel als nicht angemessen für eine anständige junge Frau.. 

 

Wie bist Du auf Jyoti Singh Pandey gekommen?

Kurz nach Weihnachten sah ich einen Dokumentarfilm zur Massenvergewaltigung in Neu-Dehli vor knapp 3 Jahren. Darin wurde auch Jyoti Singh Pandeys Lebensweg nachgezeichnet.

 

 

Wie inspiriert sie Dich?

Mich inspiriert vor allem die große Zielstrebigkeit, mit der sie gegen alle finanziellen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten recht erfolgreich an der Verwirklichung ihres Lebenstraums arbeitete.

 

Hast Du eine Biografie über sie gelesen?

Eine geschriebene Biografie über Jyotis Leben kenne ich nicht; dazu ist die Tat wohl auch noch zu aktuell. Aber ich kann den bereits erwähnten Dokumentarfilm empfehlen. Hierin kommen neben Jyotis Eltern auch die Täter zu Wort. So entsteht ein rundes Gesamtbild, das gleich mehrere gesellschaftliche Probleme Indiens anspricht. Nur, dass die brutale Tat in all ihren grausigen Einzelheiten so ausführlich nacherzählt wird, störte mich etwas.

 

Vielen Dank für's Mitmachen, Kerstin.

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Julia Klöckner: Die Herausfordererin

Julia Klöckner will Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz werden. In einem neuen Buch stellt sie sich und ihre Politik vor

Julia Klöckner (beide Fotos sind Pressebilder von http://www.julia-kloeckner.de/presse/portraits.php
Julia Klöckner (beide Fotos sind Pressebilder von http://www.julia-kloeckner.de/presse/portraits.php

Julia Klöckner strahlt. Das herzliche Gute-Laune-Lachen ist eines ihrer Markenzeichen. "Wenn Politiker nicht lachen können, dann haben auch die nichts zu lachen, die von ihnen regiert werden", sagt sie. Julia Klöckner ist eine fröhliche Politikerin. Und eine, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube macht. Klöckner kann auch Klartext. Damit kommt sie in Rheinland-Pfalz gut an. Im kommenden März will sie in Mainz Ministerpräsidentin werden. "Die Julia" ist an  Rhein und Mosel, Nahe und Ahr bekannt und beliebt - auch weil sie als ehemalige Weinkönigin schon viel für ihre Heimat getan hat. Dass sie Politik gestalten kann, hat sie in Berlin bewiesen: als Bundestagsabgeordnete, Parlamentarische Staatssekretärin und als stellvertretende  CDU-Bundesvorsitzende. Jetzt hat Julia Klöckner ihre persönlichen und politischen Überzeugungen in einem Interview-Buch dargelegt - und wir blicken hinein...

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Dieses Buch ist ein Wahlkampfbuch. Aber es ist kein Buch der einfachen Parolen und der polemischen Zuspitzung. Es ist ein Buch, in dem Julia Klöckner die Positionen, mit denen sie sich zur Wahl stellt, erläutert und aus ihrer eigenen Lebensgeschichte heraus erklärt. Julia Klöckner (Jahrgang 1972) ist im idyllischen Weindorf Guldental aufgewachsen. Die weiten Felder, die hügeligen Wälder und die grünen Weinberge zwischen Nahe und Hunsrück sind die malerischen Kulissen ihrer (und auch meiner) Kindheit.  Im Sportverein (Tischtennis) und im Musikverein (Querflöte) kann sie ihre Geselligkeit ausleben,  in der Kirchengemeinde ihren christlichen Glauben. Dieser Glaube,  den sie auf die Kurzformel  "Heimat, Halt, Zutrauen" bringt, prägt auch ihre politischen Positionen - zum Beispiel in den Diskussionen um Stammzellenforschung und Sterbehilfe. "Mein persönlicher Glaube bedeutet mir etwas, und ich halte nicht künstlich damit hinter dem Berg, aber ich dränge ihn auch nicht jedem auf." So ähnlich ist das auch mit ihrer weltlichen Heimat. Julia Klöckner ist im besten Sinn heimatverbunden. Auf dem Land sei man nicht minder weltoffen als in den Metropolen: "Es gibt so viele verbohrte Menschen in den Hauptstädten der Welt. Bei uns in Guldental  werden ohne große Probleme gerade Flüchtlinge aufgenommen - tolerant und weltoffen."

Ihre eigene Weltoffenheit hat Julia Klöckner erst als Naheweinkönigin, dann als Deutsche Weinkönigin unter Beweis gestellt. Regierungserfahrung hat sie also gewissermaßen schon gesammelt, ehe sie in die Politik gegangen ist.  Das war allerdings vergleichsweise spät der Fall, denn nach dem Studium (Theologie, Politikwissenschaft, Pädagogik - Magister und Lehramt) beginnt sie erst einmal eine Journalistenkarriere. Dann aber startet Julia Klöckner als Politikerin durch. Bundestag, Bundesregierung, Parteivorstand. In Berlin bereitet sich Julia Klöckner darauf vor, den langjährigen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck abzulösen. 2011 scheitert sie knapp. Im kommenden Jahr nimmt sie den zweiten Anlauf, diesesmal fordert sie die sozialdemokratische Amtsinhaberin Malu Dreyer heraus.

Politische Akzente setzt Julia Klöckner unter anderem auf Familie und auf Digitalisierung: Nach ihrer Meinung  "muss die Arbeitswelt familiengerechter werden und nicht die Familie arbeitsweltgerechter". Familien mit mehreren Kindern will sie besonders in den Blick nehmen. Auch in Sachen Digitalisierung hat Julia Klöckner viel vor. Schon seit Jahren twittert sie leidenschaftlich und in den Sozialen Medien hat sie sozusagen eine dritte Heimat gefunden (neben dem Glauben und Guldental). Als Regierungschefin will sie das ländliche Rheinland-Pfalz zur Vorreiterregion des digitalen Wandels machen - das ist attraktiv und schafft Arbeitsplätze. 


Der zu bewahrende hohe Wert der Familie und die zukunftsgerichtete Analyse von kommenden Wirtschafts- und Politikfeldern stehen beispielhaft für Julia Klöckners politische Selbstbestimmung "zwischen Gummistiefeln und Pumps, zwischen humorvollem Weinfest und akribischer Schreibtischarbeit, zwischen Tradition und Moderne." Fazit: Politische Standpunkte mit biografischer Grundlegung - lohnenswerte Lektüre nicht nur für Rheinland-Pfälzer. 

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Franco: der gnadenlose Generalissimus

Francisco Franco spaltet die Spanier bis heute. Man ist für oder gegen ihn. Ein Biograf wagt sich jetzt zwischen die Fronten.

Bundesarchiv, Bild 183-H25224 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0
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Die Ruinen des spanischen Baskensstädtchens Gernika lassen keinen Zweifel: Dem aufständischen General Francisco Franco ist jedes Kriegsmittel recht, um die Republik zu stürzen. Er lässt sich sogar von Hitler helfen. Hitler schickt die Bomber, die im spanischen Bürgerkrieg wehrlose und zivile Ziele wie Gernika in Schutt und Asche legen. Franco geht im spanischen Bürgerkrieg - dem Kampf des Faschismus gegen die Demokratie - über die Leichen seiner Landsleute. Wenige Jahre später hat Franco seine Mission erfüllt: Spanien liegt ihm zu Füßen (auf oder unter der Erde) und aus dem General ist der Generalissimus und sogar der Caudillo geworden - der Führer. 

Franco Biografie

Lizenziert unter Gemeinfrei
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Franco, Jahrgang 1892, ist ein geborener Militär. Der Vater ist Marineoffizier und er selbst zieht in jungen Jahren mit der Fremdenlegion nach Afrika. Die Fronterlebnisse auf dem schwarzen Kontinent prägen ihn: Gewalt ist das Mittel seiner Wahl, und jeder Gegner ist ein Feind. Aber um Afrika geht es ihm nicht. Es geht ihm um Spanien, seine geliebte und glorifizierte Heimat. Franco leidet unter dem Bedeutungsverlust, den die einstige Weltmacht erlitten hat (zum Beispiel im Kampf mit England). Er fühlt sich berufen und als Militär gewissermaßen verpflichtet, sein Land zu altem Glanz zurück zu führen. Historische Größe erringt er dabei nur scheinbar: Vier Jahrzehnte herrscht er als Diktator über Spanien und gibt sich genauso so prunkvoll, absolut und unnahbar wie die großen Könige der ruhmreichen spanischen Vergangenheit. Dafür hassen ihn die einen, dafür verehren ihn die anderen. Franco selbst schafft was längst nicht allem Tyrannen vergönnt ist: Er wird nicht umgebracht und muss keinen Selbstmord begehen. Sein natürliches Ende 1975 macht es möglich, dass er seinen Bürgerkrieg bis heute führen kann - nunmehr als Mythos und unter anderem zwischen den Buchdeckeln vieler Biografien.

Biografie Besprechung

Klick aufs Cover: Direkt zum Verlag
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Als Mythos ist Franco in kollektiver Erinnerung, bei der Wirklichkeit und Vorstellung ineinander fließen. Daran hat Franco selbst kräftig mitgewirkt und dabei wirkmächtige Legenden gestrickt: Zum Beispiel habe er nur zu den Waffen gegriffen, um Spanien vor dem Kommunismus zu schützen. Und Hitler habe er heldenhaft getrotzt, um Spanien nicht in den Zweiten Weltkrieg zu verwickeln. Carlos Collado Seidel lässt sich davon nicht beeindrucken - und auch nicht von den vielen Vertreufelungen Francos. Im Krieg der Deutungen ist er so etwas wie der Kriegsberichterstatter. Er lässt die Stimmen von Francos Freunden und seinen Feinden zu Wort kommen und ordnet sie in den geschichtswissenschaftlichen Forschungsstand ein. Demnach war Spanien weder kurz davor, vom Kommunismus überrollt zu werden, noch hat Franco Hitler aus freien Stücken widerstanden: Spanien war, so der Tenor, einfach nicht in der Lage, Krieg zu führen. Solche unaufgeregten Analysen haben selten das Zeug zum Personality-Thriller, aber sehr wohl  zu einer Gesamtschau auf Leben und Wirken Francos. Und obwohl dieses Buch ganz sicher eher für Wissenschaftsregale geschrieben ist, reiht es sich auch prima zwischen populäre Biografien ein: Seidel hat ein nüchternes, aber keineswegs trockenes Franco-Portrait geschrieben, in dem Lebens- und Zeitgeschichte verwoben sind.  

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Vordenker, Querdenker und Nachdenker

Krisenmanager, Kanzler, Kritiker: Nachruf auf Helmut Schmidt

Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F048808-0011 / Wienke, Ulrich / CC-BY-SA 3.0
Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F048808-0011 / Wienke, Ulrich / CC-BY-SA 3.0

Als ich sehr klein war, habe ich gegen Helmut Schmidt demonstriert. Im Baggy. Wohl oder übel. Meine Eltern waren wohl gegen den NATO-Doppelbeschluss. Helmut Schmidt war dafür. Das hat ihn 1982  das Bundeskanzleramt  gekostet, weil ihm auch seine Partei, die SPD, nicht mehr gefolgt ist. Seinen Einfluss hat er damals nicht verloren. Schmidt war Mitherausgeber der Wochenzeitung 'Die Zeit', Schriftsteller, Querdenker, Vordenker und Nachdenker, ständiger Mahner und politisches Gewissen. Heute ist er im Alter von 96 Jahren gestorben.

Foto: Kremlin.ru. Lizenziert unter CC BY 3.0
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Helmut Schmidt war gebildet, wortgewandt, entscheidungsfähig und prinzipienfest. Er wusste um seine Qualitäten und er ließ es die anderen wissen. Dabei hat es keinem leicht gemacht: Seinen politischen Gegnern wie Helmut Kohl und Franz Josef Strauß nicht, seiner Partei nicht und sich selbst nicht. Als Krisenmanager hat er sich in der Hamburger Flutkatastrophe von 1962 hervorgetan, als Krisenmanager war er gefragt als es galt, dem linksextremistischen Terror zu trotzen. Er hat sich und die Bundesrepublik von der RAF nicht erpressen lassen und dafür einen hohen Preis bezahlt. An der Ermordung des entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer hat er sich in sehr nachdenklichen Überlegungen selbst eine Mitverantwortung gegeben: "Wir, die Verantwortlichen in Bonn, konnten dagegen nicht abermals zulassen, daß freigepresste Verbrecher ihre mörderische Tätigkeit fortsetzen würden. So waren wir in Schuld und Versäumnis verstrickt." Es sind Sätze wie diese, die die historische Größe Helmut Schmidts erahnen lassen, bei allen menschlichen Schwächen: Helmut Schmidt war kein Freund einfacher oder oberflächlicher Erklärungen. Er war ein intensiver Mensch: Aktenfresser, Kettenraucher, Vielschreiber. Aber seine Gedanken und Worte hatten Gewicht. Sie werden fehlen. Helmut Schmidt wird fehlen.

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Alle Kanzler im Eulengezwitscher Extra zur Bundestagswahl:

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Günther Schabowski: Maueröffner wider Willen

Der ehemalige DDR-Politiker Günter Schaboski ist tot. Nach seinem Versprecher fiel die Berliner Mauer. Ein Nachruf.

„Schabowski-portrait“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
„Schabowski-portrait“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

„Wann tritt das in Kraft?“ Die Frage des Journalisten ist simpel, aber sie bringt Günter Schabowski völlig aus dem Tritt. Der DDR-Funktionär runzelt unschlüssig die Stirn, kratzt sich verlegen am Kopf und sucht raschelnd in seinen Papieren. Gerade hat er der Weltpresse in umständlichem Gestotter angedeutet, dass die marode DDR unter dem Druck der friedlichen Revolution die Grenzen zur Bundesrepublik öffnen wird. Das wollen die Journalisten jetzt genau wissen: „Ab sofort?“ Schabowski zieht die Brille auf und wirft und noch einmal einen verunsicherten Blick auf seinen Zettel. Da sind neben einen schreibmaschinengeschriebenen Phrasen und Ankündigungen auf eilig hingeschmierte handschriftliche Notizen. Schabowski wird auf die Schnelle nicht ganz schlau daraus und gerät ins Stocken: „Das tritt nach meiner Kenntnis“ – Pause – „ist das sofort, unverzüglich.“

Bundesarchiv, Bild 183-1989-1109-030 / Lehmann, Thomas / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-1989-1109-030 / Lehmann, Thomas / CC-BY-SA 3.0

Eigentlich ist der 1929 in Vorpommern geborene Schabowski ein absoluter Routinier in Sachen Politik und Presse. Er hat in Leipzig Journalismus studiert und Parteiführung in Moskau. Schabowski hat die regimenahe Zeitung „Neues Deutschland“ geleitet und ist im Apparat der Staatspartei SED immer einflussreicher geworden. Wenn einer den real existierenden Sozialismus retten kann, dann Schabowski: Er stellt sich den unzufriedenen Menschen, er lehnt Reformen nicht rundweg ab. Selbst als Honecker-Nachfolger wird er gehandelt. Nach der schicksalsträchtigen Pressekonferenz heute vor 25 Jahren kommt aber alles anders.

Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-041 / Link, Hubert / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-041 / Link, Hubert / CC-BY-SA 3.0

In Windeseile verbreitet sich Schabowskis Sensationsmeldung. Zehntausende Berliner aus Ost und Westen versammeln sich auf beiden Seiten der Mauer. Die uniformierten Grenzsoldaten an den noch unpassierbaren Übergängen sind heillos überfordert. Unter „sofort, unverzüglich“ hatte die DDR-Führung offenbar doch etwas anders verstanden. Aber jetzt ist der Fall der Berliner Mauer nicht mehr aufzuhalten. Die friedliche Revolution hat gesiegt. In der Nacht gehen die Schlagbäume hoch, Sektkorken knallen, Feuerwerksraketen steigen auf, Freudentränen fließen, wildfremde Menschen fallen sich in die Arme und feiern gemeinsam ein Fest der Freiheit. Für Schabowski selbst mündet dieser Abend in der Unfreiheit: Wie der letzte DDR-Staatschef Egon Krenz wird er Jahre später in der gerichtlichen Aufarbeitung des DDR-Unrechts (vor allem der Todesschüsse an der Berliner Mauer) zu einer Haftstrafe verurteilt. Anders als Krenz zeigt Schabowski allerdings Reue und entschuldigt sich bei Opfern und Hinterbliebenen – mit den ehemaligen SED-Genossen kommt es allerdings zum offenen Bruch, weil sich Schabowski kritisch mit der DDR-Vergangenheit – und seiner eigenen – auseinandersetzt. In den vergangenen Jahren war es ruhig geworden um Schabowski, der sich zunehmend aus dcer Öffentlichkeit zurückgezogen hatte und an einer schweren Krankheit litt. Heute ist er im Alter von 86 Jahren gestorben.

Alle Biografien zum Mauerfall im Blog:

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Triumph und Tragik der neuen Frauen

Das Frauenbild wird neu gemalt. Paula Modersohn-Becker und andere zeigen der Männerwelt, dass es die Frauen auch können.

Collage. Links und Mitte lizensiert unter Gemeinfrei, rechts Selb stbildnis Paula Modersohn-Becker, lizenziert unter Bild-PD-alt
Collage. Links und Mitte lizensiert unter Gemeinfrei, rechts Selb stbildnis Paula Modersohn-Becker, lizenziert unter Bild-PD-alt

Paula Modersohn-Becker hält es nicht mehr aus in Worpswede. Dort lebt sie mit ihrem Mann Otto, der es gerne ruhig hat. Die Vollblutkünstlerin Paula aber sehnt sich nach dem prallen Leben. Ein tristes Dasein irgendwo zwischen Heide und Moor ist ihr nicht genug. Unerhörtes geschieht: Sie trennt sich und geht nach Paris. Den Namen nimmt sie mit, der Gatte bleibt erst mal zurück. "Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker. Ich bin ich, und ich hoffe, es immer mehr zu werden." Allein ist sie nur in Paris. Aber Frauen wie sie drängen um die Jahrhundertwende nach vorne. Die routinierte Biografin Barbara Beuys hat das neu entstehende Frauenbild nachgezeichnet - anhand von knapp drei Dutzend Frauenportraits.   

Neben oft genannten Vertreterinnen der neuen Frauen wie der Linkspolitikerin Clara Zetkin, der Dichterin Else Lasker-Schüler und dem Stummfilm-Star Asta Nielsen, die ihre weiblichen Reize selbstbewusst vermarktet (siehe Clip) stellt das Buch auch unbekanntere Revolutionärinnen vor. Ärztinnen und Lehrerinnen, die selbstbewusst und zielstrebig die Rolle der Frau im Beruf neu definieren. Die Frauenmbewegung nimmt Fahrt auf. Die Heldinnen des Alltags von denen Barbara Beuys berichtet legen den Grundstein für ein selbstverständliches Neben- und Miteinander von Frauen und Männern im Job. Neben- und miteinander stehen diese Frauen auch zwischen den beiden Buchdeckeln. 

Barbara Beuys findet ein spannendes Format, das nicht zwei Dutzend Porträts aneinanderreiht, sondern die Lebensgeschichten miteinander verwebt. Dadurch bringt sie neben den einzelnen Karrieren auch Leben und Situation der Frauen insgesamt zur Geltung. Dabei bleibt es nicht aus, dass neben den Triumphen der neuen Frauen auch die Tragik einzelner Schicksale zur Sprache kommt. Schmerzlich dringt ins Bewusstein, dass die Pinonierleistungen und Erfolge dieser Generation von Frauen teils hohe Preise forden: familiäre und gesellschaftliche Konflikte wollen durchgestanden werden, was leider nicht immer gelingt: Ein Beispiel dafür ist Clara Immerwahr. Die erste studierte und promovierte Chemikerin ringt ihrem Mann Fritz Haber, ebenfalls Chemiker, ab, dass sie selbst arbeiten darf und ein eigenes Labor bekommt. Dann aber startet ihr Mann durch - und zwar ohne sie. Dabei hatte er ihr zuvor versprochen, sie als gleichberechtigete Parterin zu achten, sogar ein gemeinsames Lehrbuch war geplant. Aber es kommt noch schlimmer: Fritz Haber geht einen Pakt mit dem Teufel ein und stellt seine Schaffenskraft um der Karriere willen in den Dienst des Todes: Er übernimmt im Ersten Weltkrieg die Entwicklung der Kampfgase, die Tausende von Soldaten elendig zugrunde gehen lassen. Clara hält das nicht aus und nimmt sich das Leben. Auch das Buch über die neuen Frauen kennt Triumph und Tragik. Denn leider ergeht es ihm der Frauenbewegung: Nach hoffnungsfrohem Start und lebendigen Skizzen schillernder Persönlichkeiten verläuft sich das ganze in einer Art von Kongress-Hopping. Statt Lebensgeschichten gibt's dann Tagungsgeschichten. Dennoch ist das Experiment mit dem Format ineinander verwobener Lebensgeschichten insgesamt geglückt und bereichert das Biografien-Regal. 

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Gregor Schöllgen: Nahaufnahme eines Altkanzlers

Gregor Schöllgen hat eine Biografie über Gerhard Schröder geschrieben - und mit dem Biografien-Blog darüber gesprochen

Gerhard Schröder by Stepro / Steffen Prößdorf. Licensed under CC BY-SA 3.0
Gerhard Schröder by Stepro / Steffen Prößdorf. Licensed under CC BY-SA 3.0

Noch nie hat ein Altkanzler früher seinen Aktenschrank geöffnet: Zehn Jahre nach dem Abgang von Gerhard Schröder ist jetzt die erste große Biografie über ihn erschienen. Vorgelegt hat sie Gregor Schöllgen, ein routinierter Biograf, der sich mit Machtmenschen und besonders mit sozialdemokratischen Kanzlern auskennt: Auch über Willy Brandt hat er bereits geschrieben. Im Biografien-Blog spricht der Erlanger Historiker darüber, was eine gute Biografie ausmacht, wie er die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz findet - und über Überraschungen in Schröders Aktenschrank. Denn für Überraschungen war Gerhard Schröder schon immer gut: Ein biografisches Warm-Up:

 Der Jungsozialist rüttelt am Zaun des Kanzleramtes und erheitert seine Begleiter mit dem lockeren Spruch: „Ich will hier rein!“ Der niedersächsische Ministerpräsident jagt dem SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine die Kanzlerkandidatur ab und gewinnt die Wahl gegen den ewigen Kanzler Helmut Kohl. Bundeskanzler Schröder stößt seine Genossen mit der Agenda 2010 vor den Kopf und überrumpelt die Republik mit der Ankündigung vorgezogener Neuwahlen. Der Wahlverlierer irritiert mit einem Polterauftritt in der Elefantenrunde und der Altkanzler überrascht mit engen Beziehungen zu Putin und Russland.


Überraschungen in der Biografie von Gerhard Schröder

Biografien-Blog: Herr Professor Schöllgen, Gerhard Schröder hat Ihnen uneingeschränkten Zugang zu allen amtlichen und privaten Akten gewährt. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Gregor Schöllgen. Foto: Privat, Lizenz: Randomhouse-Pressebild
Gregor Schöllgen. Foto: Privat, Lizenz: Randomhouse-Pressebild

Gregor Schöllgen: Das Spannendste war, dass ich Gerhard Schröder Dinge über seine Familie berichten konnte, die er  bis dahin nicht kannte: Schröder wusste bis zu meinen Recherchen so gut wie nichts über seinen Vater; außer, dass er im Krieg gefallen war.


Biografien-Blog: Gerade über seinen Vater haben Sie nicht nur Rühmliches herausgefunden. Er war wegen Diebstahls verhaftet worden und sie haben das Polizeibild entdeckt - das erste Foto, das ihn als Zivilisten zeigt... 

Gregor Schöllgen:  Damit ist Gerhard Schröder sehr souverän umgegangen. Nach dem geschriebenen Gesetz war sein Vater ein Schwerverbrecher, weil er wiederholt eingebrochen ist. Er hat aus der Not heraus Kleidung gestohlen. Schröder hat gesagt: "Das war mein Vater. Das war seine Geschichte. Das war ein Kapitel seines Lebens, damit auch meines Lebens." Schröder hatte kein Problem damit, dass ich das öffentlich mache. Es erhöht ja auch eher noch den Respekt vor diesem Mann und seiner Lebensleistung, wenn man weiß, dass er aus solchen Verhältnissen stammt. Wirklich erstaunlich!

Biografien-Blog: Gibt es etwas, dass Sie aus seiner Zeit als Bundeskanzler überrascht hat?

Gregor Schöllgen:  Mich hat die Konsequenz überrascht, mit der Gerhard Schröder seine wichtigsten Anliegen wie zum Beispiel die Arbeitsmarkt- und Sozialstaatsreformen verfolgt hat, obwohl man manchmal schon den Eindruck hatte, dass es in der rot-grünen Bundesregierung ziemlich chaotisch zuging - vor allem in der ersten Legislaturperiode. Überrascht hat mich auch, wie intensiv Schröder schon als niedersächsischer Ministerpräsident seiner späteren Reformpolitik vorgearbeitet hat.

Biografien-Blog: Gerhard Schröder ist nach Willy Brandt der zweite Kanzler aus der SPD, über den Sie geschrieben haben. Was reizt Sie an den großen Sozialdemokraten?

Gregor Schöllgen: Einerseits hatte ich in beiden Fällen uneingeschränkten Aktenzugang. Zum anderen haben alle drei sozialdemokratischen Kanzler, also auch Helmut Schmidt, gegen enorme Widerstände - nicht zuletzt aus den Reihen der eigenen Partei - Herausragendes durchgesetzt, weil sie konsequent gesagt haben: Das müssen wir jetzt  durchziehen. Die Ostpolitik bei Willy Brandt, der NATO-Doppelbeschluss bei Helmut Schmidt, die Agenda 2010 bei Gerhard Schröder: Das sind für das Land und für die drei Kanzler politisch existentielle Fragen gewesen. Alle drei haben dafür das Kanzleramt riskiert. Zwei haben es darüber verloren, einer fast...

Gleichzeitig Nähe und Distanz? Die biografische Gretchenfrage 

Biografien-Blog: Welchen Ansprüchen muss ein guter Biograf gerecht werden?

Greogor Schöllgen:  Er sollte so nah wie möglich  an den Protagonisten herankommen, dabei aber die Distanz wahren, die ein kritisches und abgewogenes Urteil ermöglicht. Natürlich sollte er  Zugang zu Materialien und  Informationen haben,  die bis dahin noch niemandem zugänglich gewesen sind,  auch mit möglichst vielen Zeitzeugen sprechen und - falls der Protagonist noch lebt - ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufbauen.

Biografien-Blog: Im Fall von Gerhard Schröder sind sie in jahrelangen Recherchen nicht nur nahe an den Macher herangekommen, sondern auch an den Menschen. Das zeichnet Ihre Biografien aus, deren Texte ebenso heranfahren und Ihre Leser mitnehmen in die Lebensgeschichte Ihrer Protagonisten. Wie schützen Sie sich davor, die nötige Distanz nicht zu verlieren?

Gregor Schöllgen: Gerhard Schröder und ich haben uns zum Beispiel nie privat getroffen. Wenn wir miteinander gesprochen haben - in der Regel in seinem Berliner oder Hannoveraner Büro -, haben wir uns über ihn wie über einen Dritten unterhalten. Man muss das lernen und durchhalten, ohne dabei die Möglichkeit des persönlichen, emotionalen Zugangs zu ignorieren.

Biografien-Blog: Auch dem Anspruch, viele Fakten zusammenzutragen, entsprechen Sie. Ihre Schröder-Biografie umfasst mehr als 1000 Seiten. Warum sollten sich Leser außerhalb des Fachpublikums ein so dickes Buch vornehmen?

Gregor Schöllgen: Weil Sie mehrere Bücher in einem bekommen: Sie können nämlich jedes Kapitel als eigene, in sich geschlossene Geschichte lesen. Dazu war mir ein schneller Überblick für den Leser wichtig: Auf jeder Doppelseite finden Sie rechts oben eine lebende Kolumne, das heißt eine Zwischenüberschrift im Stichwortformat. Damit kann man sich rasch orientieren und muss nicht gleich 1000 Seiten in einem Zug lesen.

Biografien-Blog: Herr Professor Schöllgen, danke für das Gespräch.

Alle Bundeskanzler im Biografien-Blog:

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Franz Josef Strauß: Der Machtmensch in seinem Widerspruch

Franz Josef Strauß ist zwischen zwei Buchdeckeln fast nicht zu fassen. Wie gut, dass sich die beiden neuen Biografien ergänzen

Links: Franz Josef Strauß ArM“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0. Rechts: Bundesarchiv, B 145 Bild-F023363-0016 / Gathmann, Jens / CC-BY-SA 3.0
Links: Franz Josef Strauß ArM“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0. Rechts: Bundesarchiv, B 145 Bild-F023363-0016 / Gathmann, Jens / CC-BY-SA 3.0

Franz Josef Strauß polarisiert bis heute. Die einen verehren den langjährigen Bundesminister und bayerischen Ministerpräsidenten, die anderen verdammen ihn. "Ich bin weder Heiliger noch ein Dämon", hat er über sich selbst gesagt. "Ich bin kein ausgeklügeltes Buch, sondern ein Mensch in seinem Widerspruch". Wie wahr: Brachial und doch geschliffen war seine Wortwahl, streitlustig und doch versöhnlich sein persönlicher Umgang, meistens prinzipienfest und doch manchmal moralisch fragwürdig seine politischen Urteile. Wie schön, dass  auf der Frankfurter Buchmesse gleich zwei ausgeklügelte Bücher über Josef Strauß vorgestellt worden sind, die sich diesem widersprünglichen Machtmenschen auf ganz unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Akzenten nähern: Schwarz-weiß zeichnet keine der Biografien ihren Protagonisten - und doch ist Strauß für keinen der beiden Biografen ein gewöhnlicher Titelheld.

Die beiden Strauß-Biografen Horst Möller (links) und Peter Siebenmorgen (rechts) auf der Frankfurter Buchmesse.
Die beiden Strauß-Biografen Horst Möller (links) und Peter Siebenmorgen (rechts) auf der Frankfurter Buchmesse.

Biografie Franz Josef Strauß

Die Lebensgeschichte von Franz Josef Strauß, die vor 100 begonnen hat, ist eine Aneinanderreihung von Superlativen: Er war der jahrgangsbeste Abiturient Bayerns, der schnellste Radrennfahrer Süddeutschlands, der jüngste Bundesminister (erst für Atomfragen, dann für Verteidigung). Er war ein Mann für die politischen Herkulesaufgaben wie den Aufbau der Bundeswehr und er hat maßgeblich Anteil daran, dass Bayern heute so gut dasteht, wie es dasteht. Strauß ist aber auch der Politiker mit den - zumindest gefühlt - meisten Verwicklungen und Skandalen. In der Starfighter-Affäre geht es um die zwielichtigen Umstände der Anschaffung von Kampfflugzeugen, in der Spiegel-Affäre um die Pressefreiheit. Auch seine Wortgewalt ist legendär. Strauß, ein intelligenter Macher mit Blick für komplexe Zusammenhänge hat gerne mal im Stile ein Stammtischbruders herumgepoltert: Über Helmut Kohl, seinen langjährigen Konkurrenten im Kampf um die Vormachtsstellung in der Union, hat er gesagt, er könne "nie Kanzler werden. Er ist total unfähig. Ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür." Strauß selbst hat es - im Gegensatz zu Kohl - nie ins Kanzleramt geschafft. In einem erbitterten Wahlkampf (1980) haben seine vielen Gegner ihren Slogan wahrgemacht: "Stoppt Strauß!" Strauß definiert sich neu: als bayerischer Weltpolitiker, der in der Heimat gefeierter Ministerpräsident ist und auf internationalem Parkett so manchen Clou landet - und zwar buchstäblich: Nach Moskau fliegt er selbst und landet die kleine Maschine im schwierigsten Wetter. Und dass auchgerechnet er, einer der schärfsten Kritiker des Kommunismus einen Milliardenkredit für die DDR aushandelt, ist auch eine politische Sensation. Als Strauß 1988 stirbt, erweisen ihm Tausende die letzte Ehre.

Die Buchbesprechungen

Mehr Strauß im Blog: Einfach auf das Bild klicken...
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Bislang konnten Biografien über Franz Josef Strauß recht eindeutig sortiert werden: Die einen waren für ihn und die anderen gegen ihn: Heldenverehrung und Schurkendresche sozusagen. Die beiden neu erschienen Biografien von Horst Möller und Peter Siebenmorgen sind so einfach nicht abzustempeln, auch wenn gewisse Sympathien beziehungsweise Vorbehalte nicht zu übersehen sind (bei Möller kommt Strauß besser weg). Die Schlüssel zu beiden Büchern sind die Berufsbiografien der Biografen: Möller ist Historiker und hat das renommierte Institut für Zeitgeschichte geleitet. Siebenmorgen ist Politikwissenschaftler und Journalist. Beide haben jahrelang recherchiert, beide schreiben kurzweilig und dicht über den Machtmenschen Strauß. Bei Möller steht das Lebenswerk im Vordergrund, Siebenmorgen akzentuiert die Lebensgeschichte.  Möllers Buch trägt dabei eher den Charakter der politischen und zeitgeschichtlichen Analyse, Siebenmorgens Biografie liest sich eine Spur mehr wie ein Polit-Drama. Das heißt aber nicht, dass Möller die Dramatik im Leben dieser politischen Urgewalt vernachlässigt. Und es bedeutet auch nicht, dass Siebenmorgen ein reines Skandalbuch vorgelegt hat. Das Gegenteil ist der Fall: Beide Bücher sind abwägend, wenngleich mit unterschiedlichen Prioritäten in Darstellung und Einordnung. Beide Bücher sind absolut lesenswert und es ist gerade ein Genuss, sich den doppelten Strauß sozusagen parallel zu erlesen - auch, wenn beide Biografien schon für sich viele hundert Seiten umfassen.

Möller ist der Erstbesteiger eines Aktenachttausenders, Er hat viele Regalmeter an Archivakten ausgewertet (darunter den umfangreichen Nachlass) und daraus ein faszinierendes und umfassendes Bild des politischen Denkens und Handelns von Franz Josef Strauß gezeichnet. Bei diesem Buch werden Strauß-Sympathisanten wohl eher auf ihre Kosten kommen, weil Möller manche liebgewonnene und tradierte Skandalsierung gekonnt und unaufgeregt entmystifiziert. Ein Beispiel ist die Spiegel-Affäre von 1962: 'Der Spiegel' hatte unter dem Titel "Bedingt abwehrbereit" Bundeswehr-Interna publik gemacht. Die Justiz hatte wegen Verdachts auf Geheimnis- bzw. Landesverrats die Durchsuchung der Redaktionsräumer angeordnet und den Herausgeber Rudolf Augstein sowie führende Redakteure festgenommen. Oft wird das so dargestellt, als habe Verteidigungsminister Strauß - seit Mitte der 1950er Jahre ein Intimfeind Augsteins - persönlich die Durchsuchung der Redaktionsräume angeordnet. In seiner überzeugenden Analyse schlüsselt Möller  die Rolle und Bedeutung des Verteidigungsministers nüchtern auf und relativiert somit den Einfluss, den Strauß gehabt hat. Ein später Freispruch wird dem im Zuge der Affäre zurückgetretenen Minister dennoch nicht zuteil: Möller erkennt in der Spiegel-Affäre "kaum ein Schurkenstück von Strauß, aber einen politischen Intrigantenstadel mit zahlreichen Dramatis personae, und nur wenigen Unschuldslämmern."

Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F038039-0018 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0. Licensed under CC BY-SA 3.
Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F038039-0018 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0. Licensed under CC BY-SA 3.

Peter Siebenmorgen beurteilt Strauß ebenfalls differenziert. Doch bei allem Respekt, den er Strauß für seine Leistungen zollt, überwiegen die Darstellungen der Dissonanzen. Seine Biografie kommt in manchen Passagen wie ein Enthüllungsbuch daher. Brisante Akten habe er "auf Dachböden und in Kellern" gefunden, erzählt Siebenmorgen auf der Frankfurter Buchmesse im Gespräch mit Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Wie ein investigativer Journalist deckt Siebenmorgen dubiose Geschäftspraktiken auf, mit denen Strauß viel Geld für vermeintliche Unternehmensberatungen verdient habe. "Er hat sich aushalten lassen und Geld genommen, das er als Politiker besser nicht genommen hätte", sagt Siebenmorgen, macht sich aber dieses Urteil nicht einfach. Korrupt sei Strauß jedenfalls nicht gewesen, weil sein Verhalten nicht strafrechtlich relevant gewesen wäre. Etwas zu viel der Enthüllung sind die veröffentlichten wörtlichen Zitate aus den Kalendernotizen von Strauß' Frau Marianne, die sich in einer schwierigen Ehephase den Frust von der Seele schreibt. In diesem Fall lässt sich Peter Siebenmorgen von Scheinsensationen verführen, wie sie im Boulevard gang und gäbe sind. Große Wirkung, aber eigentlich kaum überraschend. Dass Strauß gerne mal etwas tiefer in Glas geschaut hat, wissen Millionen von Fernsehzuschauern an langen Wahlabenden.

Davon angesehen leistet aber auch Siebenmorgen wie vor allem Möller einen wichtigen Beitrag zur längst überfälligen differenzierten Strauß-Bewertung, weil beide nicht darauf bestehen, alle Widersprüche auszuräumen, sondern es dabei belassen, sie zu benennen. Das macht Politik und Politiker menschlicher. Es lohnt sich, in langen Winternächten mal in die eine und die andere Strauß-Biografie zu schauen. 

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Martin Winterkorn: Der PS-Pilatus

VW-Chef Martin Winterkorn ist zurückgetreten. Dass er sich jetzt die Hände in Unschuld wäscht, ist peinlich...

Foto: Volkswagen Sweden, Lizenz: CC BY 3.0
Foto: Volkswagen Sweden, Lizenz: CC BY 3.0

Martin Winterkorn ist bestürzt. Ungläubig wie ein Kind, das erfährt, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, steht er dem vor dem Skandal um manipulierte Abgaswerte, der die Qualitätsmarke VW erschüttert. Fassungslos ist Winterkorn, "dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren". Fassungslos dürfen Kunden sein, Fanclub-Mitglieder, Mitarbeiter fast aller Abteilungen und Behörden - aber nicht der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens. Seine Entschuldigung (siehe Clip) ist einen Tag später Makulatur, als Winterkorn eine selbstgerechte Rücktrittserklärung vorlegt. "Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin." Das ist nichts weniger als feige und heuchlerisch. Denn der Mann wird schließlich fürstlich dafür bezahlt (fast 16 Millionen Euro im vergangenen Jahr), dass er darüber Bescheid weiß, was in seinem Konzern läuft - und dass er dafür die Verantwortung trägt.

Der Mythos Volkswagen

Volkswagen ist ein Mythos. Der VW-Käfer ist Sinnbild des deutschen Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg, der Golf ist eine ähnliche Erfolgsgeschichte. Jetzt hat Volkswagen, der größte deutsche Autobauer, im großen Stil Abgaswerte manipuliert. Eine geheime Software erkennt, ob ein Volkswagen auf der Straße unterwegs ist oder auf dem Prüfstand getestet wird: Dann werden rasch einige Zusatzfilter eingeschaltet, die glanzvolle Abgas-Messwerte liefern. Das geht zwar auf Kosten von Drehmoment und Leistung, aber auf dem Prüfstand sind die ja weniger wichtig. Und wenn der Volkswagen wieder rollt, haben die Zusatzfilter Pause (eine Analyse der Mogel-Software gibt's bei der ZEIT). Unvorstellbare Unkosten und Verluste rollen auf Volkswagen zu: Rückholaktionen, Strafen, Gewinnwarnung, erwartete Umsatz-Einbrüche.

Biografie Martin Winterkorn

Dafür sind die Manager zuständig. Martin Winterkorn ist nicht nur ein erfahrener Manager, der erst jüngst den internen Machtkampf mit der Überfigur Ferdinand Piech für sich entschieden hat. Winterkorn kennt auch die Praxis. Seinen Doktorhut hat er für Metallforschung aufgesetzt bekommen. Danach ging es mit Vollgas voran: Nach einer Station bei der Robert Bosch AG hat er sich auf Autos spezialisiert und Leitungsfunktionen bei Audi und Volkswagen übernommen. Besonders pikant: Bei beiden Marken war er verantwortlich für Qualitätskontrolle. Auch deshalb ist es eine billige Ausrede im Abgas-Skandal, von nichts gewusst zu haben. Sollte das stimmen, hätte er in Kernbereichen seines Arbeitsbereiches versagt. Es wäre sein Job gewesen, davon zu wissen – und es zu verhindern! Dann wäre sein Glaubensbekenntnis auch glaubwürdig: „Volkswagen war, ist und bleibt mein Leben.“

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Das autobiografische Testament

Vier ehemalige KZ-Häftlinge erzählen über ihre Zeit in Ausschwitz



Collage aus Portraitfotos von Christa Spannbauer und „Bundesarchiv Bild 175-04413,  Stanislaw Mucha / CC-BY-SA 3.0
Collage aus Portraitfotos von Christa Spannbauer und „Bundesarchiv Bild 175-04413, Stanislaw Mucha / CC-BY-SA 3.0

Esther Bejarano verlebt eine Kindheit voller Musik. Ihr Vater ist Oberkantor einer jüdischen Synagoge in Deutschland. Sie spielt gerne Klavier, sie liebt es zu singen. In Ausschwitz rettet ihr die Musik das Leben - auf grauenvolle Weise. Auf dem Akkordeon muss die Teenagerin Tausenden von Todgeweihten auf ihrem Weg in die Gaskammern aufspielen. Es sind ihre schlimmsten Erinnerungen an das Konzentrationslager. Und doch bleibt die Freude an der Musik. Heute singt mittlerweile über 90 Jahre alt Powerfrau in einer  Hip-Hop-Band gegen das Vergessen und für ein Erinnern ohne Verbitterung.

Freundschaft selbst in dunkelsten Zeiten

Esther Bejarano ist eine von vier Überlebenden des Völkermords an den Juden im Zweiten Weltkrieg, die ein berührendes Zeugnis abgelegt haben. In einem Filmprojekt und in einem autobiografischen Sammelband erzählen Éva Pusztai-Fahidi, Yehuda Bacon, Greta Klingsberg und Esther Bejarano von der schlimmsten Zeit ihres Lebens. Diese Erinnerungen fallen nicht leicht. Alle vier stellen sich dem Schmerz, den verdrängten Ängsten und der Wut auf die Täter. Ausschwitz als größtes Verbrechen der Menschheitsgeschichte kann nicht nur in Prozessen wie jüngst gegen die KZ-Aufseher Oskar Groening und John Demjanjuk aufgearbeitet werden. Es sind die Lebensgeschichten der   Millionen von Opfern, die die gewaltige Dimension dieses Verbrechens erfahrbar machen und lebendig halten - in den Erinnerungen der Überlebenden. Genau das haben sich diese Vier vorgenommen. 70 Jahre sind vergangen, die vier haben nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager ganz unterschiedliche Lebenswege als Künstler, Wissenschaftler und Unternehmer eingeschlagen. Dennoch eint sie mehr als düstere Erinnerungen: Sie alle wollen Mut zum Leben machen. Das ist ihr biografisches Testament: Selbst in dunkeln Tagen erleben sie Freundschaft, ziehen Kraft aus kleinen Zeichen der Mitmenschlichkeit - sogar durch die schlimmste Aufseherin, die auf einmal einen Teller Zuckernudeln spendiert - und fassen die Hoffnung, zu überleben. Das Ziel des Projektes ist ein doppeltes: Niemals darf vergessen werden, was Menschen Menschen angetan haben - und niemals soll die Hoffnung aufgegeben werden.

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Egon Bahr: Der sozialdemokratische Stratege

Egon Bahr ist tot. Eine Erinnerung an Willys Brandts Superhirn.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F079280-0005 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de
Bundesarchiv, B 145 Bild-F079280-0005 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de

Er war der Chefberater von Bundeskanzler Willy Brandt: Egon Bahr. Heute ist der sozialdemokratische Polit-Stratege im Alter von 93 Jahren gestorben. Das Eulengezwitscher erinnert an Egon Bahr, indem es noch einmal seine eigenen Erinnerungen an Willy Brandt vorstellt.

Hörbuch Hamburg (http://www.hoerbuch-hamburg.de/images/cover/download/9783899038866.jpg)

Egon Bahr

Das musst du erzählen...

Erinnerungen an Willy Brandt

Erschienen bei Hörbuch Hamburg im Juni 2013. 4 CDs (276 Minuten Laufzeit) kosten 19,99 €.


Als Pressechef, Chefdenker und Vertrauter hat Bahr den übergroßen Sozialdemokraten vom Berliner Rathaus bis ins Bonner Bundeskanzleramt begleitet. Mehr noch: Seine Erinnerungen an den Freund (wie er immer wieder sagt) sind eigentlich autobiografische Notizen zum Fall B. - einem politischen Doppelleben: Denn Egon Bahr und Willy Brandt verschmelzen in dieser Erzählung zu einem einzigen Protagonisten, dessen Bühne die Neue Ostpolitik war. An Unstimmigkeiten oder auch nur an zwei Meinungen kann sich Egon Bahr nicht erinnern:

Egon Bahr liest selbst 

Ist der Kanzler einmal nicht erreichbar, verhandelt Egon Bahr in seinem Namen; er überbringt seinen Gesprächspartnern im Osten Botschaften von Brandt, die der erst im Nachhinein erfährt und mit einem zufriedenen Schmunzeln abnickt. Anekdoten wie diese machen Bahrs Erinnerungen , die bei Hörbuch Hamburg erschienen sind, zum unterhaltsamen Ohrenschmaus. Sie zeigen aber auch, dass Egon Bahr eine erfrischende Brise Nüchternheit in den allmählich ermüdenden Personenkult um Willy Brandt streut - selbstverständlich ohne dessen historische Größe anzuzweifeln: Ihm geht es nicht um die Familien-, Frauen- und Frustgeschichten seines mittlerweiler mystifizierten Chefs. Bahr beschränkt sich diesbezüglich auf humorvolle Sticheleien, wenn er etwa Brandt mit dem Sowjetführer Leonid Breschnew vergleicht:

Die beiden haben sich auf Anhieb verstanden. Wein, Weib und Gesang hätten sie beide nicht abgelehnt. Und wenn der Arzt gesagt hätte. ihr müsst vorsichtiger sein, hätten beide sofort beschlossen: "Wir hören auf zu singen!"

Wandel durch Annäherung

Egon Bahr hat anderes im Sinn: Ihm geht es um die diplomatische Kärrnerarbeit hinter den Parolen "Wandel durch Annäherung" und "Mehr Demokratie wagen". Diese Kärrnerarbeit hat zu großen Teilen er selbst geleistet. Deshalb sind seine Erinnerungen an Brandt eher die Erinnerungen an die gemeinsame Politik, die Brandts Namen und Bahrs Handschrift trägt. Der Hörer pendelt mit dem Chefunterhändler der sozial-liberalen Koalition zwischen Bonn und  New York, Berlin und Moskau hin und her: Immer auf der Suche nach einem neuen Miteinander im Kalten Krieg und immer bestrebt, den Deutschen in Ost und West die politische Teilung menschlich zu erleichtern. Detailgetreu (teilsweise im Wortlaut) geschilderte Verhandlungssituationen vermitteln das Gefühl, mit am Tisch zu sitzen, wenn der Archtitekt der Neuen Ostpolitik um Grenzen, Transitabkommen oder auch nur um die richtigen Vokabeln ringt. Darüber scheint der Baumeister Brandt, der an diesen Arbeitsgesprächen nicht teilnimmt,  manchmal aus dem Sinn zu geraten. Aber dieser Eindruck trügt, denn Brandt und Bahr sind zunehmend ein Herz und eine Seele. Die Memoiren des Einen schließen den Anderen stets mit ein. Immer wieder gewährt Bahr Einblicke in sein nahezu symbiotisches Verhältnis zu Brandt: Es rührt ihn, dass Brandt ihn auf dem Sterbebett als Freund benennt; er rechnet mit dem gemeinsamen Parteifeind Herbert Wehner ab; er ist stolz darauf, dass Brandt ihm sagt, er habe Anteil am Nobelpreis. Selbst die auf den ersten Blick oberflächliche Deutung, wonach Brandt ein Träumer mit Bodenhaftung gewesen sei erklärt sich besser, wenn man den bodenständigen Bahr erzählen hört.

Zeitgeschichte zum nachhören

Fazit: "Das musst Du erzählen..." - Diese Aufforderung von Willy Brandt an Egon Bahr ist Titel und Programm seines Hörbuchs. Zwar fällt der Name des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers nicht so oft, wie es der Untertitel erwarten lässt ("Erinnerungen an Willy Brandt"). Allerdings erzählt Egon Bahr die Biografie der Marke Brandt und seiner Neuen Ostpolitik unterhaltsam und lehrreich. Dass Egon Bahr selbst liest, machen das (gekürzte) Hörbuch zu einem zeitgeschichtlichen Zeugnis ersten Ranges.

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#Varoufaxit

Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis hat die Politik ordentlich  aufgemischt. Das muss Europa zu denken geben...

Foto: Robert Crc - Subversive festival media. Lizenziert unter FAL über Wikimedia Commons
Foto: Robert Crc - Subversive festival media. Lizenziert unter FAL über Wikimedia Commons

Yanis Varoufakis ist ein Spieler. Im Poker um Europa hat er gesetzt, geschoben und geblufft. Und als alle gedacht haben, er sei mit dem Referendum "All In!" gegangen, da steigt er einfach aus. Der #Varoufaxit kommt unerwartet - und nur teilweise gelegen. Denn Typen wie Varoufakis fehlen in Europa: Nicht der Inhalte wegen, schon klar. Aber würden auch die überzeugten Europäer so lässig und modern auftreten wie der griechische Ex-Minister, wäre die europäische Idee weniger abstrakt und viel attraktiver. So jedoch überlassen wir unser gemeinsames Erfolgsprojekt Europa Spielern wie Yanis Varoufakis, die es nicht wertschätzen. Und das ist nicht gut für Europa...

Damit haben nur wenige gerechnet. Yanis Varoufakis tritt zurück! Der Mann, der die europäische Spitzenpolitik wochen- und monatelang immer wieder vor den Kopf gestoßen hat, schmeißt nach dem für ihn erfolgreichem Referendum hin und knattert auf seinem Motorrad genauso lautstark davon, wie er vorher in die Mikrofone gepoltert hat. Terroristen hat die die Gläubiger genannt und insbesondere mit seinem knochenharten deutschen Amtskollegen hat er sich gerne angelegt. Wolfgang Schäuble ist auch so ein Typ, der sich nicht verbiegen lässt. Aber Schäuble ist leider schon Mitte 70 und seit über drei Jahrzehnten in Regierungsverantwortung. Varoufakis, geboren 1961, ist eine andere Generation. Er bloggt, er twittert, er trägt keine Krawatte, er fliegt Economy-Class, er hat keine Bodyguards um sich. Er lebt  global, hat die griechische und australische Staatsangehörigkeit, hat in England studiert und lehrt in den Vereinigten Staaten. Er lässt Homestories von sich machen und schert sich wenig darum, wer darüber die Nase rümpft - zurecht. Ein bisschen mehr Offenheit und ein bisschen weniger Gipfel-Exklusivität würden Europa gut tun. Varoufakis ist ein durchaus anerkannter Wirtschaftswissenschaftler, dessen Fachbücher in mehrere Sprachen übersetzt worden sind. All diese lockere Weltgewandheit, diese jugendliche Frische wird Europa fehlen. Aber um Europa scheint es Varoufakis nicht zu gehen - und das ist nicht zu verzeihen. Europa ist für ihn kein wunderbarer Neuanfang wie für die Gründerväter. Er hat den Krieg nicht erlebt, er hat nicht die Größe haben müssen, echten Feinden die Hand zu reichen. Denn die übrigen Finanzminister sind ebensowenig Terroristen wie sie Feinde Griechenlands sind. Varoufakis hat Europa als Selbstverständlichkeit kennengelernt - und das hat er nicht begriffen: Denn Europa ist und bleibt eine wertvolle Errungenschaft, die man nicht leichtfertig aufs Spiel setzt. Wir bezahlen nicht nur mit dem gleichen Geld, wir sind Freunde geworden. Und mit Freunden spielt man nur zum Vergnügen und nicht um die Existenz.

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Fidel Castro: Mythen sterben langsam

Fidel Castros Legende bröckelt. Zwei neue Biografien haben daran Anteil - auf ganz unterschiedliche Weise...

Foto: Vandrad. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Foto: Vandrad. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Er ist der ewige Revolutionär: Fidel Castro. Auf der großen Bühne der Sozialromantik hat er alle Rollen gegeben: er war der Aufrührer an der Uni, der ehrenvoll gescheiterte Putschist als junger Rechtsanwalt, der heldenhafte Guerillakämpfer in den Bergen der Sierra Maestra, der erste Arbeiter und Bauer des sozialistischen Karibikidylls auf Kuba und der große Freund der Dritten Welt. Zwei neue Biografien erlauben ungewohnte Blicke in die Maske dieses begnadeten Selbstinszenierers.

Roman Rhode

Fidel Castro

Erschienen bei Kohlhammer im September 2014. 367 Seiten kosten in der Taschenbuchausgabe 27,99 €.


Juan Reinaldo Sanchéz

Das verborgene Leben des Fidel Castro

Ich war 20 Jahre Leibwächter des Maximo Lider. Das ist die wahre Geschichte.

Erschienen bei Bastei Lübbe im Februar 2015. 304 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,99 €.


Biografie Fidel Castro

Foto: Max.dai.yang, Lizenz: CC BY-SA 4.0
Foto: Max.dai.yang, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Was ist das für ein Mann, der sein Leben für Ideale riskiert, die er dann verrät und entehrt? Der junge Fidel Castro streitet gegen den kubanischen Militärdiktator Batista und für seine (gewöhnungsbedürftigen) Vorstellungen von Freiheit und Demokratie. Zumindest gibt er das vor. Denn kaum, dass seine siegreiche Revolution den Tyrannen vertrieben hat, sitzt auch schon der nächste große Unterdrücker in Havanna. Anfangs jubeln ihm die vermeintlich befreiten Kubaner euphorisch zu, weil Castro die amerikanischen Konzerne enteignet und den Großgrundbesitz auf die armen Landbauern verteilt. Sie bewundern ihn dafür, dass er den wutschnaubenden US-Politikern in Washington trotzig die Stirn bietet (auch wenn er sich dafür den Sowjets andienen muss). Sie freuen sich über bessere Bildung und Gesundheitsversorgungen, und sehen geflissentlich darüber hinweg, dass Castros Kuba auch nichts anderes als eine Zweiklassengesellschaft ist. Sie feiern einen Volkstribunen, der selbst mit der Machete das Zuckerrohr schneidet und können doch nicht wissen, dass hinter der Fassade des genügsamen Landmanns ohne eigenen Besitz ein den Luxus liebender Macho steckt, der sich eine geheimgehaltene Paradisinsel, eine Yacht und viele andere Annehmlichkeiten gönnt. Davon berichtet Castros ehemaliger Leibwächter in leuchtenden Farben. Juan Reinaldo Sanchéz' Blick auf den Maximo Lider ist eine Abrechnung.

Was ist das für ein Mann, der sein Leben für Ideale riskiert, die er dann verrät und entehrt? Der junge Fidel Castro streitet gegen den kubanischen Militärdiktator Batista und für seine (gewöhnungsbedürftigen) Vorstellungen von Freiheit und Demokratie. Zumindest gibt er das vor. Denn kaum, dass seine siegreiche Revolution den Tyrannen vertrieben hat, sitzt auch schon der nächste große Unterdrücker in Havanna. Anfangs jubeln ihm die vermeintlich befreiten Kubaner euphorisch zu, weil Castro die amerikanischen Konzerne enteignet und den Großgrundbesitz auf die armen Landbauern verteilt. Sie bewundern ihn dafür, dass er den wutschnaubenden US-Politikern in Washington trotzig die Stirn bietet (auch wenn er sich dafür den Sowjets andienen muss). Sie freuen sich über bessere Bildung und Gesundheitsversorgungen, und sehen geflissentlich darüber hinweg, dass Castros Kuba auch nichts anderes als eine Zweiklassengesellschaft ist. Sie feiern einen Volkstribunen, der selbst mit der Machete das Zuckerrohr schneidet und können doch nicht wissen, dass hinter der Fassade des genügsamen Landmanns ohne eigenen Besitz ein den Luxus liebender Macho steckt, der sich eine geheimgehaltene Paradisinsel, eine Yacht und viele andere Annehmlichkeiten gönnt. Davon berichtet Castros ehemaliger Leibwächter in leuchtenden Farben. Juan Reinaldo Sanchéz' Blick auf den Maximo Lider ist eine Abrechnung.

Analyse des Wissenschaftlers, Abrechnung des Bodyguards

 Der langjährige Bodyguard will am Ende seiner Laufbahn ins Gefängnis geraten sein, weil er um Vorruhestand gebeten habe. Solcher Undank löst die Bande der bedingungslosen Loyalität - und Sanchéz plaudert durchaus kurzweilig aus dem Nähkästchen. Es ist zwar nicht wirklich sensationell oder ganz und ganz unvorstellbar, was er da ans Licht bringt, denn dass Macht korrumpiert, ist ja an sich keine echte Überraschung. Aber Sanchéz zerstört eines der Bilder, das Castro zeitlebens von sich zeichnet: Das des uneigennütigen, väterlichen Herrschers, dessen Freizeit nur Kuba gilt, aber nie den eigenen Vergnügungen. Wesentlich weniger aufgegregt nähert sich Roman Rhode  Castros Lebensgang und Lebenswerk. Was Rhode vorgelegt hat, ist nicht weniger als ein Lehrstück politischer Biografik. Nüchtern und distanziert beschreibt und analysiert er die Entwicklung von Castro und Kuba. Er beherrscht die mehrsprachige und vieltausendseitige Literaturlage (was allerdings zur Folge hat, dass er mitunter etwas zuviel voraussetzt) und er fällt kein Vorurteil. Aber seine geradezu emotionslose Schilderung führt nochmals eindringlicher vor Augen, wie Castro seine eigenen Ideale ins Gegenteil verkehrt. Beeindruckend ist die exemplarische Anatomie des Schauprozesses gegen den ehemaligen General Ocho (von dem auch Sanchéz erzählt). Rhode zeigt, wie Castro kurzen Prozess mit allen macht, die ihm nicht folgen. Der einstige Freiheitskämpfer verachtet die Freiheit des Andersdenkens straft selbst Widerworte von engen Vertrauten mit Kerker (wie im Fall Sanchéz) und Tod (wie bei Ochoa). Beide Biografien tragen auf ganz unterschiedliche Weise - Boulevard und Wissenschaft - dazu bei, dass der Mythos Castro bröckelt und dass seine Legende möglicher kürzer lebt, als er selbst.

Mehr über Fidel Castro gibt's in der Biografien-Serie zur Kubakrise:

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Otto von Bismarck: Der Krisenmanager Europas

Otto von Bismarck war unter den europäischen Großmächten als ehrlicher Makler bekannt.

Bild: Anton von Werner, lizenziert unter Gemeinfrei
Bild: Anton von Werner, lizenziert unter Gemeinfrei

Die Kanzlerin reist von Krisengipfel zu Krisengipfel: In Elmau wird über Klimaziele und das Verhältnis zu Russland diskutíert, in Minsk über die Ukraine, in Brüssel über Griechenland, in Berlin über diverse Spionagevorfälle. Angela Merkel ist so etwas wie Europas Krisenmanagerin. Gut 150 Jahre vor ihr hat der erste deutsche Kanzler, Otto von Bismarck, eine ganz ähnliche Rolle als ehrlicher Makler Europas gespielt. Vom "Sturm über Europa" berichtet nun ein neu aufgelegter Klassiker der Bismarck-Biografik. 

Ernst Engelbrecht

Bismarck

Sturm über Europa

Erschienen bei Knaus im November 2014. 352 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,99-. Euro. Leseprobe und weitere Features im Menu auf auf dem Cover (links oben).


Biografie Bismarck

Lizenz: gemeinfrei
Bundesarchiv, Bild 183-R68588 / P. Loescher & Petsch / CC-BY-SA 3.0

Das Bismarck-Bild ist nahezu versteinert. Die bedrohliche Pickelhaube und der preußisch strenge Blick des Eisernen Kanzlers verdecken ein weiches Gemüt: Der kluge Staatenlenker ist schon als preußischer Ministerpräsident (seit 1866) nah am Wasser gebaut. Ergebener Diener und doch heimlicher Herr ist er für den greisen König Wilhelm I. Im Moment ihres größten Erfolges aber zanken sich die beiden höchsten preußischen Staatsmänner hemmungslos. Soeben haben ihre Truppen die Österreicher in der Schlacht bei Königgrätz geschlagen (1866). König Wilhelm I. (1797-1888) will seinen Triumpf mit dem Einzug in Wien krönen. Doch Bismarck widerspricht, weint vor Ohnmacht, will die Habsburger nicht mehr als nötig demütigen. Er weiß, Preußen hat nicht nur die Schlacht, sondern auch den Bruderkrieg um die Vorherrschaft unter den deutschen Staaten gewonnen. Österreich ist fertig und aus dem zu schaffenden Deutschen Reich gedrängt. Doch dieses Reich wird Österreich-Ungarn als starken Verbündeten brauchen, nicht als gedemütigte Weltmacht. Wilhelm will das nicht wahrhaben und bricht seinerseits in Tränen aus. Da droht Bismarck mit Rücktritt und Wilhelm, der den Lenker seines Staatsschiffs nicht verlieren will, lenkt ein.

Daran tut er gut. Bismarcks gewiefte Außenpolitik beschwert Wilhelm kurz darauf eine noch viel größere Genugtuung: Den Sieg über den Erzrivalen Frankreich. Auf den Kaisertitel (auch wenn der alte Wilhelm darauf eigentlich nicht so sehr bedacht ist). Aber er ist das Resultat einer resoluten Außenpolitik in der zweiten Hälfte der 1860er Jahre: In drei kurzen Einigungskriegen schmiedet Bismarck das Deutsche Reich zusammen und steuert es dann als außenpolitisch gemäßigter Kanzler und Staatenlenker auf Flaggschiff-Kurs. Während Bismarck im Inneren Probleme mit den Sozialdemokraten, den Katholiken und teils auch mit den Liberalen hat, ist, ist die deutsche Diplomatie gefragt in Europa. Auf dem Berliner Kongress 1878 vermittelt Bismarck in einer (der vielen) Balkankrisen und handelt eine südosteuropäische Friedensordnung aus. Auch die eigene Bündnispolitik ist vom Feinsten: Bismarck sichert sich und Deutschland nach allen Seiten ab - mit dem Rückversicherungsvertrag übrigens gegenüber Russland. Wie kein Zweiter versteht Bismarck das Spiel mit der Machtbalance. Wie schade, dass der zweite Wilhelm nicht auf ihn gehört hat und Bismarck nach einer kurzen Gnadenfrist davon jagt.  Nur wenig länger dauert es, bis sich Deutschlands westliche und östliche Nachbarn verbünden: Frankreich und Russland bilden den Zweiverband, der Deutschland im Ersten Weltkrieg an zwei Fronten bindet. Zum Glück ist das dieser Tage keine Gefahr - dank der langjährigen deutsch-französischen Freundschaft und auch dank der wachsenden Führungsrolle des (wieder) vereinten Deutschlands in Europa. 

Sturm über Europa

Es lohnt es sich, sich den den "Sturm über Europa" zu wagen und in dem neu aufgelegten Monumentalwerk zu blättern. Allerdings sei wetterfeste Leseausrüstung empfohlen: Einst erschien die  Bismarck-Biografie von Ernst Engelberg in zwei Bänden gleichzeitig in der DDR und in der Bundesrepublik. Pünktlich zu den Feierlichkeiten zu 25 Jahren Deutscher Einheit gibt's auch den Biografien-Klassiker in einem Band. Obwohl seither viele Bücher über den Schmied der deutschen Einheit erschienen sind, ist "Sturm über Europa" nach wie vor ein Top-Titel der Bismarck-Literatur.

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Otto von Bismarcks Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den Politikern (bis 1945) im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
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Richard von Weizsäcker: Der Tag der Befreiung

Hitler-Deutschland hat kapituliert. Der kürzlich verstorbene Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat den Deutschen erklärt, dass der 8. Mai 1945 ein Tag der Befreiung war.

Bundesarchiv, Bild 146-1991-039-11 / CC-BY-SA
Bundesarchiv, Bild 146-1991-039-11 / CC-BY-SA

"Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge." Richard von Weizsäckers Appell ist mutig. Soeben hat er den Deutschen in einer der wichtigsten politischen Reden der Nachkriegszeit erklärt, dass die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht keineswegs nur eine militärische Niederlage war. "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft."

Biografie Richard von Weizsäcker

Weizsäcker, geboren 1920, hat selbst vom ersten Tag an im Zweiten Weltkrieg gekämpft, seinen Bruder Heinrich verloren und selbst Verletzungen erlitten. Nach dem Krieg hat er Jura studiert und in der CDU seine politische Karriere begonnen, die ihn schließlich bis ins höchste deutsche Staatsamt gebracht hat. Wenn Weizsächer am 8. Mai 1985 davon spricht, der Wahrheit ins Auge zu schauen, ist das für ihn auch eine schmerzliche biografische Bürde. Sein Vater Ernst hat im Nationalismus politische Verantwortung getragen und ist nach Kriegsende wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt worden. Aber Richard spricht nicht nur  über die Vergangenheitsbewältigung, er lebt sie vor. Denn der Tag der Befreiung ist keineswegs ein Tag, an dem man die dunklen Jahre einfach so abschüttelt: "Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen", sagt der Bundespräsident, "aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg." Diese Zukunft hat Richard von Weizsäcker maßgeblich mitgestaltet: Als hoher Kirchenrepräsentant, als Regierender Bürgermeister von Berlin, als Bundespräsident. Richard von Weizsäcker hat dieses Amt mit der Würde eines gleichermaßen geschichtsbewussten wie selbstbewussten Deutschen ausgefüllt.  

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Helmut Kohl: Kanzler der Einheit

Helmut Kohl wird 85 Jahre. Seine beherzte Deutschlandpolitik hat vor 25 Jahren die Deutsche Einheit ermöglicht

Ausschnitt aus einem Wahlplakat von 1994 (Quelle: ACDP)
Ausschnitt aus einem Wahlplakat von 1994 (Quelle: ACDP)

Er ist der Kanzler der Einheit: Helmut Kohl. Kohl hat die historische Gelegenheit erkannt und beim Schopf gepackt, die sich mit der Berliner Mauer am 9. November 1989 (er)öffnete. Mit einem Zehn-Punkte-Programm, das schrittweise auf die Deutsche Einheit hinführt, überrumpelt der Kanzler alle: seine CDU/CSU-Parteifreunde, seine Koalitionspartner von der FDP und sogar die vier Siegermächte der Zweiten Weltkriegs, die einer Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands zustimmen müssen. Damit wagt Kohl viel, denn seine Partei, seine Regierungspartner und vor allem die westlichen Verbündeten sind wichtige Stützen seiner Macht - und Macht ist ein Lebensexelier für Helmut Kohl.

Biografie Helmut Kohl

Der Parteiführer (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)
Der Parteiführer (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)

Geboren 1930 kommt Kohl nicht mehr in die Verlegenheit, sich politisch für oder wider die Nationalsozialisten entscheiden zu müssen. Die "Gnade der späten Geburt" nennt er das selbst. Mit der Gründung der Bundesrepublik wird Kohl politisch aktiv. Er ist einer der ersten, die eine klassische Parteikarriere durchlaufen: Früh tritt er der CDU und ihrer Jugendorganisation, der Jungen Union (JU) bei. In der Partei fühlt er sich zuhause und zu höhreren Aufgaben berufen. Bald gehört er in CDU und JU zum rheinland-pfälzischen Landesvorstand. Auch in Wissenschaft und Beruf bleibt der gebürtige Ludwigshafener Kohl seiner Heimat treu: Er promoviert über "Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945" - und kennt sich danach bestens in der politischen Landschaft. Zehn Jahre arbeitet er für den Ludwigshafener Industrieverband Chemie und vernetzt sich in der Wirtschaft. Dann wechselt er ganz in die Politik. Schon als Landstagsabgeordneter schnuppert er im Bundesvorstand der CDU Bonner Luft. Als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident sammelt er Regierungserfahrung. Zwar scheitert seine erste Kanzlerkandidatur 1976, aber er bleibt als Oppositionsführer in Bonn. 1982 ist es dann soweit. Die FDP wechselt die Seiten und wählt Kohl zum Kanzler. Dass er von allen Amtsinhabern am längsten regieren würde (16 Jahre), glaubt damals kaum einer. Öffentlichkeit und Presse spotten über Kohl und seine Pfälzer Provinzialität. Seine Kopfform vergleicht man gerne mit einer Birne, der Körperbau bringt ihm den Spitznamen "Der Dicke" ein. Kohl hat es faustdick hinter den Ohren. Seine Regierungszeit festigt sich. Grundlage seiner Macht ist die Partei, die er fest im Griff hat. Kohl regiert mit dem Telefon. Nicht selten klingelt es bei Lokalpolitikern, wenn ein Geburtstag oder ein Verbandsausflug ansteht. Der Kanzler ist am Apparat, um zu gratulieren oder gutes Gelingen zu wünschen. Das kommt bei der Basis an und baut Kohl dadurch seine Hausmacht aus. Selbst als es 1989 beim Bremer Parteitag kritisch wird für Kohl, hält die Partei zu ihm und schasst Generalsekretär Heiner Geißler, der an Kohls Sturz gearbeitet hatte.

Emissär der Einheit (Foto: Bundesregierung/Pfeil)
Emissär der Einheit (Foto: Bundesregierung/Pfeil)

Dann fällt die Mauer und Kohl handelt mit dem Sowjetführer Michael Gorbatschow im Kaukasus die Modalitäten der Einheit aus. Die Amerikaner hat er ohnehin auf seiner Seite und gemeinsam mit George Bush (Vater) überzeugt er auch die skeptischen Briten und Franzosen. Den Deutschen verspricht er "blühende Landschaften" in den neuen Bundesländern. Dass Kohl - wie er heute selbst sagt - das Ausmaß der vierzigjährigen Teilung unterschätzt hat, wird ihm von Anfang an vorgehalten, beispielsweise in der Wendezeitsatire "Hurra Deutschland" (siehe Clip): 

Sicher: Kohl hat in seinem langen politischen Leben manches falsch beurteilt - beispielsweise die Wirkung eines Bitburger Friedhofsbesuchs, auf dem auch SS-Soldaten begraben liegen. Kohl hat auch schwere Fehler gemacht - allen voran die Annahme illegaler Spenden. Auch die unflätigen Lästereien über fast alle Weggefährten, die er seinem langjährigen Ghostwriter Heribert Schwan aufs Band diktiert hat, waren persönlich und politisch unvorsichtig und naiv. Die Wiederveinigung allerdings zählt nicht zu seinen Fehlern, obwohl sich Arbeitsmarkt und Gehälter bislang nicht so entwickelt haben wie erhofft. Allerdings wird von den Skeptikern der Einheit gerne übersehen, dass mit dem DDR-Unrechtsregime auch dessen Terrorinstrumente beseitigt worden - allen voran die Stasigefängnisse und Selbstschussanlagen an der Mauer. Heute kann man wieder in ganz Deutschland sagen, was man denkt und wählen, wen man will. Das ist ein hohes Gut, für das andernorts viel Blut vergossen wurde und wird. Das ist und bleibt das historische Verdienst von Helmut Kohl.

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Johanna von Bismarck: "Du bist mein Anker an der guten Seite des Ufers"

Von Beruf war Otto von Bismarck der Eiserne Kanzler. Privat hat er zärtliche Seiten gehabt. Zwei Bismarck-Homestories...

Collage basierend auf Bundesarchiv, Bild 183-P0903-501 / CC-BY-SA
Collage basierend auf Bundesarchiv, Bild 183-P0903-501 / CC-BY-SA

Aufregung herrscht im Hause Puttkamer. Ein gewisser Otto von Bismarck hat brieflich um die Hand der einzigen Tochter Johanna angehalten und sich dann kurzerhand zum Besuch angekündigt. Jetzt wartet man gespannt auf den preußischen Junker. Auf Herz und Nieren will ihn Johannas Vater Heinrich prüfen. Es kommt anders. Kaum dass die Umworbene den Raum tritt, lässt Bismarck ihren alten Herrn links liegen, stürmt geradewegs auf Johanna zu, herzt sie, gibt ihr einen Kuss - und sie erwidert die Zärtlichkeiten. Der spätere Realpolitiker, der wenig hält von langen Reden, hat Fakten geschaffen. Und wie das deutsche Kaiserreich, dass er als Eiserner Kanzler schmiedet, hält auch die Beziehung zu Johanna von Puttkamer, solange beide leben. Zwei Paarbeziehungen erzählen von dieser fast fünfzigjährigen Ehe. Wir blicken hinein...

Gabriele Hoffmann

Otto von Bismarck und Johanna von Puttkamer

Die Geschichte einer großen Liebe

Erschienen bei Suhrkamp Insel im Oktober 2014. 399 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,95 €.


Waltraud Engelberg

Das private Leben der Bismarcks

Erschienen bei Pantheon im Oktober 2014. 240 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 14,99 €.


Die Beziehung der Bismarcks

Eigentlich hat der stürmische Bismarck ja sein Herz schon an Marie verloren - aber die ist schon vergeben. Wie gut, dass Marie mit Johanna befreundet ist und sie mit flugs mit dem angehenden preußischen Diplomaten Bismarck verkuppelt. Das ist kurz vor der Revolution von 1848, in der es für den königstreuen Hardliner um alles geht. Da sich die Monarchie gegen die liberal-demokratische Bewegung behauptet, kann Bismarck die  Karriereleiter im Regierungsbetrieb bis zur obersten Sprosse erklettern: dem Kanzleramt. Für Johanna ist das nicht immer vergnügungssteuerpflichtig. Sie ist dem Land eher verbunden als der Stadt und kann den diplomatischen Gepflogenheiten nicht viel abgewinnen. Dennoch folgt sie ihrem Mann überall hin, wohin ihn der König schickt: Ihre drei Kinder sind an drei verschiedenen Orten geboren, alle zusammen machen sie Station in Sankt Petersburg und Paris, bis endlich Berlin zum dauerhaften Arbeitsort Bismarcks wird. 

Johanna lebt nur für Bismarck - so soll sie es jedenfalls einmal gesagt haben es ist auch was dran: Obwohl sie es einfach liebt und prunkvolle Empfänge hasst, spielt sie für ihn die staatstragende Gastgeberin. Johanna ist es auch, die sich mit seinem Leibarzt verbündet, damit ihr "Bismärckchen" nicht an seiner Völlerei und Trinkerei zugrunde geht.  Dabei ist sie nicht nur treusorgende Gattin und Mutter. Sie ist so etwas wie Bismarcks beste Freundin, wegen seiner vielen Reisen und Abwesenheiten oftmals auch Brieffreundin: Ihr schreibt er arglos, wenn er sich Hals über Kopf  in andere Frauen verliebt (das kommt häufiger vor, aber Bismarck wird nie fremdgehen). Ihr schreibt der Eiserne Kanzler als auch so anmutige Treuschwüre wie diesen: "Du bist mein Anker an der guten Seite des Ufers." Kaum verwunderlich, dass er Johannas Tod 1894 wird er nie verwinden wird. Vier Jahre später stirbt auch Otto von Bismarck.

Die Paarbiografien im Vergleich

Unterschiedlicher können Bücher, die das gleiche Titelbild tragen, kaum sein. Waltraud Engelberg hat eher einen Sachbericht im nüchternen Präteritum vorgelegt, Gabriele Hoffmann eine empathische Erzählung, weitgehend im lebendigen Präsens. Engelberg nähert sich der Beziehung eindeutig aus einer Otto von Bismarck-Perspektive, da sie sich auf das Lebenswerk ihres Mannes stützen kann: eine monumentale Bismarck-Biografie (demnächst im Eulengezwitscher). Sie schreibt gewissermaßen über Bismarcks Privatleben, in dem Johanna eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Hoffmann rückt dagegen stärker "die erste Kanzlergattin" in den Mittelpunkt. Sie erzählt "die Geschichte einer großen Liebe". Engelbergs Buch ist informativ und quellenfundiert - aber da steht Hoffmanns Beziehungsbiografie nicht nach, obwohl sie doch deutlich unterhaltsamer geschrieben ist: Sehr überzeugend sind die "Notizen für Historiker" im Anhang. Dort dokumentiert Hoffmann, dass auch ihr außerordentlich unterhaltsames Buch auf dem Stand der Forschung ist.

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Eva Madelung: Leben im Angesicht von Schuld

Eva Madelung hat die fiktionale Autobiografie einer ehemaligen Hitler-Anhängerin geschrieben. Eine Besprechung:

Lizenz: Bundesarchiv, Bild 102-04517A / Georg Pahl / CC-BY-SA
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30. Januar 1933: Die deutsche Demokratie schafft sich ab. Der greise Präsident der Weimarer Republik, Paul von Hindenburg, ernennt Adolf Hitler zum Reichskanzler und die Nationalsozialisten feiern ihre Machtergreifung mit einem Fackelzug durch das Brandebnburger Tor. Das war heute vor 82 Jahren. Ein gutes Menschenalter ist seither vergangen. Die Deutschen haben gelernt, verantwortungsvoll mit ihrer Vergangenheit umzugehen. Die heutige Erinnerungskultur und Geschichtspolitik finden internationale Anerkennung. Ungleich schwieriger ist der jeweils persönliche Umgang mit Schuld. Eva Madelung hat mit ihrem teilweise autobiografischen Erinerungsroman "Reden, bevor es zuspät ist" einen lesenswerten Weg der Aufarbeitung gefunden.


Eva Madelung

Reden, bevor es zu spät ist

Lebensbericht einer ehemaligen Nationalsozialistin

Erschienen im Europa Verlag Berlin im Sep,tember 2014.  Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 18,99 €.


 

Biografie Eva Madelung

Eva Madelung ist zwei Jahre vor Hitlers Regierungsantritt geboren. Das "Dritte Reich" hat sie nicht als Erwachsene erlebt, wohl aber als Heranwachsende. Eva Madelung war Jungmädel in der Hitlerjugend für Mädchen. Sie hat den Zusammenbruch der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erlebt, die Entnazifizierung, den demokratischen Neustart Deutschlands, die revolutionäre Aufarbeitung der Hitler-Jahre durch die von 1968er-Bewegung. All diese Erinnerungen leiht sie nun ihrem literarischen Double Eva Pasch. Die Erzählerin des Lebensberichtes teilt sich in Briefen ihrer Tochter mit, verarbeitet, erklärt sich,  windet sich und lässt tief in eine Seele blicken, die sich fast ein ganzes Leben mit der Schuldfrage befasst hat.

Buchbesprechung

(C) A. Stengel
Eva Madelung, (C) A. Stengel

Dieser literarische Kunstgriff ist höchst bemerkenswert, weil die persönlichen Erinnerungen um für die jeweilgen Zeiten charakteristische Besonderheiten ergänzt werden kann. Das eigene Erleben als Eva Madelung ist die Grundlage für die emphatische Schreibe, das  mal empörte, mal verzweifelte Ringen mit der eigenen Vergangenheit. Als fiktive Figur Eva Pasch kann Madelung über ihr eigenes Erleben hinaus Akzente so setzen, dass die individuelle Herausforderung eines Lebens "im Angesicht von Schuld" (so heißt der letzte Teil des Buches) überindividuelle Anküpfungs- und Erinnerungspunkte bietet. Das hat Madelung zwar manchmal etwas überzeichnet, aber der Wert dieses Lebensberichtes liegt nicht so sehr auf der feinjustierten Akzentuierung von Zeitgeschichte. Eva Madelung hat frei von persönlichen Rechtfertigungen und biografischen Beschönigungen eine beispielhafte die Lebensgeschichte der Generation Hitlerjugend erzählt und dabei die größte Aufmerksamkeit den von jüngeren Generationen selten nachgefragten Jahren nach 1945 gelegt. Wie sehr diese Lebensgeschichten viele deutsche Familien geprägt hat, hat Eva madelung in einem langen Berufsleben als Familientherapeutin erfahren und verinnerlicht. Ihr Buch ist ein zeitgemäßer und überfälliger Beitrag nicht nur zur Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus. Es regt weit darüber hinaus dazu an, über den eigenen, ganz persönlichen Platz in gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen nachzudenken.

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Sophie Charlotte: Die vergessene Prinzessin

Sophie Charlotte wäre fast Königin von Bayern geworden - doch die geplatze Verlobung mit dem Märchenkönig Ludwig II. ist nicht das größte Drama ihrer Lebensgeschichte...

Alle Fotos aus dem Buch. Verwendung mit freundlicher Genehmigung des August Dreesbach Verlags
Alle Fotos aus dem Buch. Verwendung mit freundlicher Genehmigung des August Dreesbach Verlags

Das Eulengezwitscher startet mit einer Prinzessinenbiografie ins neue Jahr: Rosatöne, wohin man schaut: Der Buchtitel, die kunstvolle Verzierung, das eigentlich schwarzweiße Coverbild, das eingebunde Lesezeichen, selbst der Anschnitt strahlt in mädchenhaft-majestätischem Rosa - nur die Lebensgeschichte der bayerischen Fast-Königin Sophie Charlotte ist alles andere als rosarot verlaufen. Christian Sepp es dennoch vermocht, sie als Lesevergnügen aufzubereiten - eine Buchvorstellung:

Christian Sepp

Sophie Charlotte

Sisis leidenschaftliche Schwester

Erschienen bei August Dreesbach im Oktober 2014. 288 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24 €.


Biografie Sophie Charlotte

Das Leben hätte so schön sein können: Von Haus aus mangelt es der 1847 geborenen Sophie Charlotte an nichts. Als jüngste Tochter des bayerischen Herzogs  Maximilian  und seiner Frau Ludovika wird sie in eine Märchenwelt hineingeboren. Man steht mit den Mächtigen des Alten Europas auf Du und Du, die ältere Schwester Elisabeth heiratet sogar den österreichischen Kaiser. In Sisis Schatten lebt es sich eine Weile ganz gut (weil weitgehend unbehelligt von Standespflichten). Doch dann kommt es richtig dicke: Auch Sophie Charlotte soll heiraten - und zwar den bayerischen Märchenkönig. Die Verlobung mit dem homosexuellen König (das ist ein nur schlecht gehütetes Geheimnis) markiert den Anfang einer Leidensgeschichte, die von einem dramaturgischen Knalleffekt zum nächsten purzelt. Denn die Hochzeitspläne werden erst aufgeschoben, dann aufgehoben. Sophie Charlotte, eine bildhübsche junge Frau, verliert sich in unglücklichen Affären (z. B. mit einem bürgerlichen Fotografensohn - ein Unding für eine Dame aus bestem bayerischen Haus! Selbst als sich das Eheglück doch noch einstellt (mit einem Herzog Ferdinand), wendet sich Sophie Charlottes Schicksalsblatt nur vorübergehend zum Guten - sie geht auch als verheiratete Frau eine Liebschaft mit ihrem Frauenarzt ein. Wer sich sexuell so wenig im Griff hat, landet (vorübergehend) in der Irrenanstalt. Selbst ist nicht das bittere Ende, denn Sophie Charlotte bleibt nichtmals ein qualvoller Tod erspart: Sie verbrennt bei lebendigem Leib, als während einer Wohltätigkeitsveranstaltung erst ein Feuer und dann eine Massenpanik ausbrechen. 

Die Buchbesprechung

Christian Sepp hat eine zeitgemäße Biografie einer (fast) vergessenen Prinzessin vorgelegt. Seine moderne Sprache, die auffallen kurzen Kapitel und die Fähigkeit, akrisch und leidenschaftlich Quellen aufzustöbern (zum Beispiel auch bei eBay) machen Lust auf weitere Biografien aus seiner Feder. Denn es ist schwierig, mit einer so unbekannten Protagonistin zu überzeugen. Christian Sepp gelingt das, weil er seine Leser ernst- und mitnimmt: Er moderiert und erklärt, warum er was wie  berichtet. Nicht unerheblich ist auch die edle Ausstattung des Buches, die den Lesegenuss spürbar beeinflusst. Aber: Die Biografie ist eher ein Lebensbericht, als eine Lebenserzählung. Will heißen: ein bißchen mehr szenische Schilderung hätte dieser dramatischen Geschichte nicht geschadet...

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Nelson Mandela: Der Gefängniswärter-Report

Nelson Mandela war 27 Jahre politischer Gefangener des Apartheit-Regimes in Südafrika. Sein Aufpasser erzählt.

Zur Wiederverwendung lizensiert unter https://www.flickr.com/photos/45582474@N02/9215883633
Zur Wiederverwendung lizensiert unter https://www.flickr.com/photos/45582474@N02/9215883633

Er hat den Rassenhass überwunden: Nelson Mandela. Heute vor einem Jahr ist der große südafrikanische Versöhner gestorben, der wegen seines Widerstands gegen das Apartheit-Regime sein halbes Leben hinter Gittern verbracht hat. Davon berichtet einer seiner ehemaligen Wärter: "Mein Gefangener, mein Freund" hat Christo Brand hat sein Mandela-Buch genannt, das in diesem Jahr im Residenz Verlag erschienen ist.  Der Gefängniswärter-Report offenbart neue Blicke auf einen der bekanntesten Menschen der Weltgeschichte. Eine Rezension:

Christo Brand

Mandela

Mein Gefangener, mein Freund

Erschienen im Residenz Verlag im März 2014. 304 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 22,90 €.


Christo Brand ist noch ein Teenager, als er seinen Dienst auf der Gefängnisinsel Robben Island antritt. Hier sitzt Mandela schon fast genauso lange ein, wie Brand lebt.

Er war ruhig und würdevoll, eine imponierende Erscheinung in makelloser Sträflingskleidung, groß, schlank und aufgrund seiner täglichen Gymnastik fit.

Biografie Nelson Mandela

Bald merkt Brand, dass sein berühmter Gefangener nicht nur äußerlich eine beeindruckende Figur macht: Mehr und mehr vollzieht sich in dem jungen weißen Aufseher ein Umdenken: Brand beginnt den schwarzen Mann, den er gewissermaßen amtlich hassen muss, zu bewundern. Zwischen den beiden ungleichen Inselbewohnern wächst ein Vertrauensverhältnis, vom dem Brand anekdotisch erzählt. Das ist teilweise anrührend (wenn etwa Brand Mandela wider alle Vorschriften heimlich sein Enkelkind zeigt) und fast immer faszinierend, denn Brandt zeichnet ein einzigartiges Portait Mandelas, das weniger die großen (politischen) Linien in den Mittelpunkt rückt, sondern den Alltag hinter Gittern. Mandela zieht Brand in seinen Bann, weil er trotz seiner hoffnungslosen Lage nie verzweifelt oder den Mut sinken lässt. Diese Erinnerungen zählen zu den wertvollsten biografischen Eindrücken, die es vom Mandela vor dessen Präsidentschaft gibt. Allerdings scheint sich Christo Brand nicht recht entscheiden zu können, ob sein Buch eher Mandela oder sidch selbst widmen soll. Auch, wenn es auf der Hand liegt, dass eine jahrzehntelanges enges Beieinander auch zwei Biografien ineinander fließen lässt: Brands Motto ist weniger "Mandela und ich" als "Ich und Mandela". Wenn man aber diese eher unerwartete Perspektive akzeptiert, ist das Buch ein großer Gewinn - auch weil beispielsweise in der Freilassungsszene die Vorzüge dieser Perspektive ersichtlich werden: 

Mein Herz schwoll vor Stolz. Ich konnte kaum sprechen und hatte Tränen in den Augen. Dort stand mein Gefangener, und ich wusste, dass er bald mein Anführer sein würde.

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Günther Schabowski: "Sofort..., unverzüglich!"

Langweilige Pressekonferenz, legendärer Versprecher des DDR-Politikers Günter Schabowski: Fall der Berliner Mauer.

Bundesarchiv, Bild 183-1989-1118-028 / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-1989-1118-028 / CC-BY-SA 3.0

„Wann tritt das in Kraft?“ Die Frage des Journalisten ist simpel, aber sie bringt Günter Schabowski völlig aus dem Tritt. Der DDR-Funktionär runzelt unschlüssig die Stirn, kratzt sich verlegen am Kopf und sucht raschelnd in seinen Papieren. Gerade hat er der Weltpresse in umständlichem Gestotter angedeutet, dass die marode DDR unter dem Druck der friedlichen Revolution die Grenzen zur Bundesrepublik öffnen wird. Das wollen die Journalisten jetzt genau wissen: „Ab sofort?“ Schabowski zieht die Brille auf und wirft und noch einmal einen verunsicherten Blick auf seine Notizen. „Das tritt nach meiner Kenntnis“ – Pause – „ist das sofort, unverzüglich.“

Bundesarchiv, Bild 183-1982-0504-421 / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-1982-0504-421 / CC-BY-SA 3.0

Eigentlich ist der 1929 in Vorpommern geborene Schabowski ein absoluter Routinier in Sachen Politik und Presse. Er hat in Leipzig Journalismus studiert und Parteiführung in Moskau. Schabowski hat die regimenahe Zeitung „Neues Deutschland“ geleitet und ist im Apparat der Staatspartei SED immer einflussreicher geworden. Wenn einer den real existierenden Sozialismus retten kann, dann Schabowski: Er stellt sich den unzufriedenen Menschen, er lehnt Reformen nicht rundweg ab. Selbst als Honecker-Nachfolger wird er gehandelt. Nach der schicksalsträchtigen Pressekonferenz heute vor 25 Jahren kommt aber alles anders.

Ein Stück Berliner Mauer in der Eulenbiblithek
Ein Stück Berliner Mauer in der Eulenbiblithek

In Windeseile verbreitet sich Schabowskis Sensationsmeldung. Zehntausende Berliner aus Ost und Westen versammeln sich auf beiden Seiten der Mauer. Die uniformierten Grenzsoldaten an den noch unpassierbaren Übergängen sind heillos überfordert. Unter „sofort, unverzüglich“ hatte die DDR-Führung offenbar doch etwas anders verstanden. Aber jetzt ist der Fall der Berliner Mauer nicht mehr aufzuhalten. Die friedliche Revolution hat gesiegt. In der Nacht gehen die Schlagbäume hoch, Sektkorken knallen, Feuerwerksraketen steigen auf, Freudentränen fließen, wildfremde Menschen fallen sich in die Arme und feiern gemeinsam ein Fest der Freiheit. Für Schabowski selbst mündet dieser Abend in der Unfreiheit: Wie der letzte DDR-Staatschef Egon Krenz wird er Jahre später in der gerichtlichen Aufarbeitung des DDR-Unrechts (vor allem der Todesschüsse an der Berliner Mauer) zu einer Haftstrafe verurteilt. Anders als Krenz zeigt Schabowski allerdings Reue und entschuldigt sich bei Opfern und Hinterbliebenen – mit den ehemaligen SED-Genossen kommt es allerdings zum offenen Bruch, weil sich Schabowski kritisch mit der DDR-Vergangenheit – und seiner eigenen – auseinandersetzt. Dieser Prozess hat bei manch anderen selbst ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall noch nicht eingesetzt…

Alle Biografien zum Mauerfall im Blog:

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Max von Baden: Revolutionär wider Willen

Prinz Max von Baden hat als Reichskanzler das Ende des Kaiserreichs verkündet.

Foto: Hofatelier Gebr. Hirsch, Karlsruhe. Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto: Hofatelier Gebr. Hirsch, Karlsruhe. Lizenziert unter Gemeinfrei

Seit Wochen ist die friedliche Revolution vor 25 Jahren allgegenwärtig - und zwar zu Recht: Der Mauerfall (und mit ihm der Zusammenbruch der DDR) ist das Happy End des deutschen Dramas im 20. Jahrhundert. Schon einmal, siebzig Jahre vor dem 9. November 1989, ist ein deutscher Staat zusammengebrochen: Das deutsche Kaiserreich (1871-1918). Mittendrin im Geschehen und doch irgendwie nur dabei war Prinz Max von Baden. Der letzte Kanzler des Kaiserreiches hat die Abdankung Wilhelms II. verkündet. 

Lothar Machtan

Prinz Max von Baden

Der letzte Kanzler des Kaisers

Erschienen bei Suhrkamp im Oktober 2013. 670 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 29,95 €.


Bundesarchiv, Bild 183-R12318 / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-R12318 / CC-BY-SA 3.0

Otto von Bismarck war knapp 20 Jahre deutscher Kanzler, Helmut Kohl und Konrad Adenauer regierten ebenfalls halbe Ewigkeiten (16 bzw. 14 Jahre). Über alle diese Kanzler gibt es Regalwände voller dicker Bücher. Prinz Max von Baden hat das Kanzleramt gerade mal einen guten Monat innegehabt. Dennoch kennt man ihn vor allem für diese turbulenten fünf Wochen im Herbst 1918, deren dramatischer Höhepunkt im Deutschen Reichsanzeiger gedruckt wird: „Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind.“ Max von Baden wickelt also gewissermaßen das Kaiserreich ab.

Biografie Max von Baden

Foto: Jürgen Bauer
Foto: Jürgen Bauer

Rechtfertigt das eine über 500seitige Biografie? Ja – wenn man es wie Lothar Machtan anpackt. Er erzählt die packende Lebensgeschichte einer tragischen Figur, die zwischen öffentlichen Erwartungen und intimen Emotionen gefangen ist, in beinahe literarischer Qualität. Die gewaltige wissenschaftliche Leistung und die akribische Quellenforschung des Berufshistorikers Machtan ist im ausführlichen Anhang (fast 150 Seiten) dokumentiert. Der Lesefluss ist aber nicht durch ständige Fußnoten oder Anmerkungen gebrochen. Dadurch genügt die Biografie den akademischen Ansprüchen ohne andere Leser zu verschrecken. Überhaupt gelingt es Machtan fabelhaft, den Leser in sein eigentlich fast unzeitgemäß umfangreiches Buch zu ziehen. In flotten Formulierungen, steilen Thesen und gleichermaßen pikanten wie prägenden Details aus dem Prinzenleben (z. B. seine Homosexualität) macht er auf den zwei, drei Seiten, die man auch im Buchladen überfliegt Lust auf diese Lebensgeschichte. Vor allem aber überzeugt die (umgesetzte und durchgehaltene) Überzeugung Machtans, das Leben von Prinz Max nicht nur als Objekt des Quellenforschers zu sezieren, sondern den Mensch zu sehen, der seine Neigungen unterdrücken muss, um den Normen einer untergehenden Gesellschaft (nicht nur eines Staates!) zu genügen. Dieses Einfühlungsvermögen ist nicht allzu vielen biografisch arbeiteten Historikern zu eigen. Sicher, man kann den Standpunkt vertreten, dass schon damit die wissenschaftliche Neutralität und Distanz gefährdet sei – aber dann muss man eigentlich auch gar keine Biografien als Lebensgeschichten schreiben. 

Ein Lehrstück politischer Biografik

Lothar Machtan hat mit seinem Buch über Prinz Max ein Lehrstück zeitgemäßer politischer Biografik geschaffen: Er fängt die historische Figur und den Menschen Prinz Max von Baden ein und ordnet beide in ein Zeitalter epochaler Umwälzungen ein. Gerade angesichts des Mauerfalls vor 25 Jahren bietet die Biografie eine spannende Geschichte aus der Zeit der weniger friedlichen Revolution von 1918.

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Michail Gorbatoschow: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben..."

Michail Gorbatschow macht den Ostdeutschen Mut

Bundesarchiv, Bild 183-1989-1007-402 / Franke, Klaus / CC-BY-SA
Bundesarchiv, Bild 183-1989-1007-402 / Franke, Klaus / CC-BY-SA

Es ist die Geburtstagsparty einer Todkranken: Im Herbst 1989 wird die DDR 40 Jahre alt. Die politische Führung des ostdeutschen Unrechtsregimes feiert die vermeintlichen Erfolge des Arbeiter- und Bauernparadieses. Die Arbeiter  und Bauern feiern nicht - sie demonstrieren lautstark gegen die immer gravierenderen Missstände im Land. Ihr wichtigster Verbündeter im Oktober vor 25 Jahren ist ausgerechnet Honeckers Ehrengast: Michail Gorbatschow, der große Bruder aus Moskau: "Gorbi, Gorbi", rufen die Menschen, "Gorbi hilf' uns!". Gorbi hilft - und wie: In einer spontanen Stellungnahme watscht er die reformunwillige DDR-Regierung im Westfernsehn ab: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!"

Biografie Gorbatschow

Foto: RIA Novosti archive, image #359290 / Yuryi Abramochkin, Lizenz: CC-BY-SA 3.0)
Foto: RIA Novosti archive, image #359290 / Yuryi Abramochkin, Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Biografisch gesehen ist Michail Gorbatschow sehr früh dran. Geboren 1931 macht er rasch Parteikarriere. Von seiner Heimat, dem Nordkaukasus, zieht es ihn über die die Jugend- und Regionalgruppierungen der herrschenden kommunistischen Partei bis hinauf in die Staatsspitze. Ungewöhnlich jung wird er erst Generalsekretät, dann übernimmt er die Führung im Obersten Sowjet. Gegen alle Widerstände der Alteingesessenen wir Gorbatschow zum Shootingstar der schwächelnden Sowejtunion. Nahezu revolutionär ist sein politisches Doppelprogramm von Glasnost und Perestrojka: Die Öffentlichkeit wird auf einmal besser informiert und in der Wirtschaft hält das Prinzip Eigenverantwortung Einzug. Wer bei so viel Reformeifer nicht mitzieht (und das sind nicht wenige in der Sowjetführung), der wird ausgetauscht. Die Gefahr dieser mutigen Politik: Gorbatschow kommt im Westen besser an als im Osten (zumindest unter den führenden Politikern). Darüber wird er stürzen, aber er war eben nicht zu spät dran: Seine nüchterner Blick auf die Dinge, sein Loslassen von überkommenen Ideologien sind wuchtige Schläge gegen die Altherrenriege um Erich Hobecker und die Mauer. Gorbatschows Mutmacher-Statement in der Tagesschau heute vor 25 Jahren hat die DDR-Bürger darin bestärkt, die Friedliche Revolution zu einem erfolgreichen Ende zu führen.

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Hans-Dietrich Genscher: Die Botschaft der Freiheit

Außenminister Hans-Dietrich Genscher erlöst die 4000 ausreisewilligen DDR-Bürger in der Prager Botschaft

Bundesarchiv, Bild 183-1990-0228-030 / Hirndorf, Heinz / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-1990-0228-030 / Hirndorf, Heinz / CC-BY-SA 3.0

Die miese Stimmung ist einer ungeheuren Anspannung gewichen. 4000 DDR-Flüchtlinge haben sich in die bundesdeutsche Botschaft in Prag geflüchtet. Sie alle wollen in den Westen. Nach quälenden Wochen auf engstem Raum ist nun Außenminister Hans Dietrich Genscher nach Prag gekommen. Jetzt steht er auf dem riesigen Balkon des Botschaftsgebäudes: „Wir sind zu ihnen gekommen“, hebt er an, „um Ihnen zu sagen, dass heute Ihre Ausreise…“ Weiter kommt Genscher nicht. Ohrenbetäubender Jubel brandet auf und bereitet ihm den schönsten Moment seiner politischen Laufbahn – und die dauert immerhin schon eine halbe Ewigkeit.

White House Photograph Office, Lizenz: Gemeinfrei
White House Photograph Office, Lizenz: Gemeinfrei

Hans-Dietrich Genscher wird 1927 in Reideburg geboren (das liegt auf dem Gebiet der späteren DDR). Zum ersten Mal muss er seinem Land unfreiwillig helfen – als Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg. Trotz einer langwierigen Tuberkuloseerkrankung schafft Genscher danach zuerst das Ergänzungsabitur, dann eine Juristenausbildung. Seine eigentliche Bestimmung ist aber die Politik. Doch in der DDR haben Genschers freiheitliche Grundwerte keine Zukunft – in der jungen Bundesrepublik werden sie dagegen gebraucht. In der Freien Demokratischen Partei (FDP) durchläuft Genscher eine klassische Parteikarriere bis zum Bundesvorsitzenden (1974-1985). Seit 1969 sitzt er auch auf Bonner Regierungssesseln. Dort arbeitet er erst mit den sozialdemokratischen Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt zusammen, dann schlägt er sich auf die Seite von Helmut Kohl und der CDU. Zwei Tragödien muss der Dauerminister Genscher verkraften: Die Anschläge auf die olympischen Sommerspiele in München (1972) und den Terror der Rote Armee Fraktion (RAF). Genscher gilt als begnadeter Netzwerker, der seine einflussreichen Kontakte auf zahllosen Reisen pflegt.

Im Herbst 1989 gewinnt er hinter den Kulissen einer UNO-Vollversammlung in New York den sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse für die Sache der ausreisewilligen Botschaftsflüchtlinge. Kurz darauf stimmt auch die DDR-Regierung zu und Genscher kann seine Botschaft der Freiheit überbringen… Nicht nur die 4000 DDR-Bürger, die sich nun freudetrunken in den Armen liegen, hören sie. Die Sonderzüge, die nun gen Bundesrepublik rollen, hinterlassen weitere Risse in der ohnehin schon bröckelnden Mauer.

Übrigens: Genscher kann nicht nur starke Auftritte (wie auf dem Prager Botschaftsbalkon). Auch sein Abgang von der Regierungsbühne hat Stil: Kurz nach seinem 65. Geburtstag tritt er freiwillig zurück. Bis heute genießt er international einen ausgezeichneten Ruf als Vermittler.

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Christoph Wonneberger: "Selig sind die sanft Mutigen"

Der Pfarrer Christoph Wonneberger predigt den friedlichen Revolutionären, die 1989 montags auf die Straße gehen

Christoph Wonneberger, Foto: Dirk Vogel
Christoph Wonneberger, Foto: Dirk Vogel

Die Leipziger Lukaskirche ist an diesem Montag rappelvoll. Aus der ganzen Stadt sind am 25. September 1989 mutige DDR-Bürger gekommen, um die Andacht von Christoph Wonneberger zu hören. „Unselig sind, die ihren Führungsanspruch mit Gewalt durchsetzen wollen,“ predigt „Wonni“, „das Land wird sie enterben.“ Nicht nur den Stasispitzeln ist klar: Das ist ein Frontalangriff auf das sozialistische Unrechtsregime um Erich Honecker. Aber es ist ein Angriff, der auf Gewalt verzichtet. Es ist ein Aufruf zur Friedlichen Revolution: „Selig sind die sanft Mutigen. Sie werden das Land besitzen.“ Dann gehen der Pfarrer und seine Gemeinde auf die Straße und demonstrieren für ihre Freiheit.

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1023-022 / Friedrich Gahlbeck / CC-BY-SA 3.0
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1023-022 / Friedrich Gahlbeck / CC-BY-SA 3.0

Christoph Wonneberger ist 1944 im Erzgebirge geboren. Das evangelische Gemeindehaus ist ihm von Anfang an wohlvertraut, denn schon der Vater ist Pfarrer. Das aber erschwert ihm den Unizugang, den die Staatsführung nur für linientreue Parteisoldaten öffnet. In einer Maschinenschlosserausbildung stellt Wonneberger seinen Sinn fürs Praktische unter Beweis. Das erkennt auch die Staatssicherheit und will ihn als Spitzel anwerben, als er doch noch zur Theologie findet. Obwohl er zunächst zusagt, steigt der junge Pfarrersschüler aus Gewissensgründen wieder aus, ehe er zum Denunzianten wird. Die Stasi lässt ihn fortan nicht mehr aus den Augen. Den Prager Frühling erlebt „Wonni“ als junger Erwachsener direkt in der Goldenen Stadt. Er muss mit ansehen, wie Moskau den Freiheitswunsch der Tschechen mit Panzern und Waffengewalt niederschlägt. Freiheit ist auch für Wonneberger ein großes Thema. Auf der Kanzel und im Pfarrhaus findet er zumindest ein bisschen Freiraum. Er wächst in die Rolle eines unerschrockenen Wortführers hinein, der sich weder von seiner Kirchenleitung, noch von der Stasi einschüchtern lässt. In seiner offenen Gemeindearbeit und auf Flugblättern spricht und schreibt er Klartext. Immer stärker engagiert sich Wonneberger in der DDR für Reformen und bürgerliche Freiheiten. Im Herbst 1989 entwickeln die Friedensgebete und die montäglichen Andachten eine ungeahnte Eigendynamik: Von Woche zu Woche strömen mehr Menschen nach den Gottesdiensten auf die Straßen. Schließlich demonstrieren Hunderttausende friedlich gegen das sozialistische Unrechtsregime. 

„Wir sind das Volk“, rufen die Menschen – und die Mauer beginnt unter diesen kraftvollen Worten zu bröckeln. Mitten im größten Triumph seines langen Freiheitskampfes aber verschlägt es Christoph Wonneberger die Sprache: Ausgerechnet der wortmächtige Revolutionär kann nach einem Hirnschlag plötzlich nicht mehr sprechen. So wie die DDR zusammenbricht, so stürzt auch Wonnebergers Welt in sich zusammen: Die Kirche schickt ihn wider seinen eigenen Willen in den Vorruhestand und er gerät rasch in Vergessenheit. Schließlich zerbricht auch die Ehe mit Ute, in die Wonneberger lange Zeit wenig Zeit investiert hatte. Aber Wonneberger steckt nicht auf. Langsam, aber stetig kämpft er sich zurück – erst ins Leben, dann ins öffentliche Bewusstsein. Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall ist „Wonni“ ein gefragter Zeitzeuge, der gerne seine Geschichte von Mut und Entschlossenheit erzählt.

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Edgar Feuchtwanger: Kindermund tut Grauen kund

Edgar Feuchtwangers Kindheitserinnerungen an seinen Nachbarn Hitler

Deutsche Soldaten reißen die polnischen Grenzbäume ein (Lizenz: gemeinfrei)
Deutsche Soldaten reißen die polnischen Grenzbäume ein (Lizenz: gemeinfrei)

Auf diesen Krieg hat Adolf Hitler lange hingearbeitet: Am 1. September 1939, heute vor 75 Jahren, überfällt die deutsche Wehrmacht Polen. Nicht einmal sieben Jahre liegt die nationalsozialistische Machtergreifung zu diesem Zeitpunkt zurück. Edgar Feuchtwanger (geb. 1924) hat die frühen Hitlerjahre in dessen unmittelbarer Nachbarschaft verbracht. Seine Kindheitserinnerungen hat der Neffe des Schriftstellers Lion Feuchtwanger jüngst im Siedler-Verlag veröffentlicht.

Edgar Feuchtwanger

Als Hitler unser Nachbar war

Erinnerungen an meine Kindheit im Nationalsozialismus

Erschienen bei Siedler im April 2014. Ca. 250 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe ca. 19,99 €.


Foto: Bertil Scali, Quelle: Siedler
Foto: Bertil Scali, Quelle: Siedler

Dieses Buch ist eine Biografie der besonderen Art. Aufgeschrieben hat sie ein neunzigjähriger Historiker - aber erzählt hat sie ein Kind. Edgar Feuchtwanger hat seine Kindheit in der Münchner Nachbarschaft von Adolf Hitler verbracht. Der junge Edgar erlebt den Anfang der nationalsozialistischen Herrschaft unbedarft und neugierig. Und diesem Anfang wohnt ein böser Zauber inne, der in kindlichen Beobachtungen und Worten immer wieder schockierende Lesemomente provoziert.

Die tagtägliche Konfrontation mit der nationalsozialistischen Vergangenheit bewirkt allzu häufig eine gefährliche Abstumpfung und Überdrüssigkeit. Edgar Feuchtwangers Perspektivwechsel wirkt dagegen Wunder: Der kleine Junge aus gutem Haus kennt noch nicht die fatalen Folgen der aufziehenden Hitler-Tyrannei. Selbst die Eltern, deren besorgte Tischgespräche der kleine Edgar belauscht, können nur erahnen, was da auf sie zukommt. Zusehends greift der nationalsozialistische Terror aber auch in Edgars Leben ein: Sein geliebtes Kindermädchen Rosie darf nicht mehr für die Feuchtwangers arbeiten, weil sie Juden sind. Freunde wenden sich ab, Onkel Lion und der befreundete Schriftsteller Thomas Mann fliehen nach Frankreich, Edgars Halbschwester in die Schweiz. Schließlich holen Hitlers Schergen Edgars Vater ab:

Er ist nicht mehr da. Wir sind allein. Seine Stimme ist nicht mehr zu hören, kein Geräusch mehr. Ich will ihn wiedersehen. Ich will, dass er da ist. Ich will nicht, dass er stirbt. Ich will nicht streben. Warum wir? Ich möchte die Augen öffnen und aufwachen. Aber leider ist es kein Traum. Es ist die Wirklichkeit. Sie haben Papa verhaftet. Sie haben meinen Vater eingesperrt. Sie haben ihn mitgenommen.

In entlarvender Hilflosigkeit tut Kindmund das Grauen kund, das mit Hitler über Deutschland hereinbricht. Der kleine Junge, in dessen Perspektive Feuchtwangers Leser schlüpfen, kann nichts gegen die zusehends unverhohlene Brutalität des Naziregimes unternehmen. Aber dieses beinahe geniale Stilmittel beschämt jeden Erwachsenen, der von den Greueltaten der frühen Hitlerjahre nicht gesehen haben will - und jeden, der diese ersten Jahre bis heute zu guten Jahren für Deutschland verklärt.

Fazit: Edgar Feuchtwanger hat erschütternde Erinnerungen an seine Kindheit als Hitlers Nachbar vorgelegt. Der Blick durch die unverstellten Kinderaugen zeigt die nationalistische Machtergreifung aus einer ungewohnt unmittelbaren Perspektive, die unausgesprochen eine klare Botschaft sendet: Währet den Anfängen!

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Wilhelm II.: "Es muss denn das Schwert nun entscheiden...."

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. ist eine Schlüsselfigur der Julikrise

Lizenziert unter Gemeinfrei
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"Mitten im Frieden überfällt uns der Feind!" Kaiser Wilhelm II. wählt die Worte genau, mit denen er die Deutschen Anfang August 1914 auf den Krieg einschwört. Seine Botschaft: Schuld sind die Anderen! Mit dieser Botschaft ist er allerdings nicht allein: In den Wochen vor dem Weltkrieg haben alle europäischen Diplomaten und Politiker die Verantwortung von ssich gewiesen. Alle miteinander haben sie es darüber versäumt, friedliche Lösungen zu finden. In der Julikrise gibt es nur Schuldige - und nur Verlierer. Wilhelm II. ist ihre tragische Schlüsselfigur: Mit seinen martialischen Zwischenrufen hat er Anfang Juli soviel Öl ins Feuer gegossen, dass seine Friedensbemühungen Ende Juli nicht mehr ernst genommen werden.

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Auch die Lebensgeschichte Wilhelms II. verläuft von Anfang an tragisch: Bei der schwierigen Geburt wird der linke Arm des späteren Kaisers dauerhaft geschädigt. Seine Mutter findet ihn deshalb unmännlich, seine Erzieher suchen die Bürde mit kompromissloser Härte zu kompensieren. Auch Wilhelm selbst lernt, seine Behinderung zu kaschieren - indem er mit markigen Worten den starken Mann mimt. Das kommt weder in Deutschland, noch in Europa gut an. Auch der uneinsichtige Größenwahn, in dem Wilhelm sein Kaiseramt völlig unzeitgemäß ausübt, schürt die Angst vor Deutschland. Dazu kommt, dass der Kaiser nicht das preußische-dienstbeflissene Format seines Großvaters hat, von dem er den Thron geerbt hat. Wilhelm I. hatte seinen Kanzler Bismarck machen lassen - und der hatte es (zumindest außenpolitisch) auch gut gemacht. Und der Herschaft des zweiten Wilhelms gerät Deutschland zusehends in die internationale Isolation. Der letzte verbliebene Bündnispartner, das einstmals mächtige Habsburgerreich, der innerlich bereits zerfällt. Ein militärischer Stärkebeweis käme da gerade recht. Nicht zuletzt deshalb befürwortet Wilhelm zu Beginn der Julikrise zum Krieg gegen Serbien. Nach dem Motto "Jetzt oder nie!" erteilt er den Österreichern einen Blankoscheck. Je klarer sich abzeichnet, dass dieser Krieg kein regionaler bleiben wird, desto energischer rudert Wilhelm zurück. Das aber nehmen die zivile und die militärische Führung nicht mehr ernst. Sie übergehen den Kaiser. Sein Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg leitet die kaiserlichen Friedenswünsche und Vermittlungsvorschläge nicht nach Wien weiter. Mit dem Generalstabschef Helmuth von Moltke gerät Wilhelm am 1. August aneinander - heute vor 100 Jahren. Mittlerweile ist klar: Die Russen machen seit Tagen heimlich mobil. Dabei kommt es auf jede Stunde an, da nur schnelle Erfolge im Westen einen erfolgreichen Zweifrontenkrieg mit Frankreich und Russland ermöglichen. Deshalb drängt, fleht, bittet und bettelt Moltke darum, endlich in Luxemburg und Belgien einmarschieren zu dürfen (das sieht der so genannte Schlieffenplan vor). Wilhelm II. hofft aber noch auf Englands Neutralität und hält Moltke zurück, der daraufhin zusammenbricht. Erst als auch aus London keine Verständigungssignale mehr gesendet werden, kapituliert der Kaiser vor seinen Militärs: "Nun können Sie machen, was sie wollen..." Die Folgen sind fatal: Deutschland macht mobil, erklärt Russland den Krieg (weil man schnell losschlagen muss, um überhaupt eine Chance zu haben) und marschiert durch das neutrale Belgien gen Frankreich. England schließt sich Deutschlands Gegnern an und es kommt so, wie es kommen muss: Europa marschíert in ein Zeitalter der Weltkriege... 

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Nikolaus II.: "Dear Willy!"

Der russiche Zar Nikolaus II. schreibt seinem deutschen Cousin Wilhelm II. besorgte Telegramme mit frommen Friedenswünschen

Lizenz: Bundesarchiv, Bild 183-R43302 / CC-BY-SA

Da sind sie noch Freunde: Für den Fotografen tauschen der deutsche Kaiser Wilhelm II. und der russische Zar Nikolaus sogar die Uniformen, aber ein wenig steif ist die Beziehung der beiden Herrscher schon immer. Nikolaus ist von Wilhelms impulsiver Geschwätzigkeit genervt und Wilhelm hält Nikolaus in dessen Prunksucht für zu einfach gestrickt. Dabei sind die beiden Cousins. Die englische Königin Victoria ist ihre gemeinsame Großmutter. Diese beiden also, die sich seit ihrer Kindheit kennen, stehen im Juli 1914 an der Spitze der beiden stärksten Militärmächte der Welt. Sie könnten die Krise entschärfen, die sich mittlerweile bedrohlich zugespitzt hat. Zwar wird sowohl in Berlin als auch in Sankt Petersburg heiter an den Herrschern vorbeiregiert - aber ohne deren Unterschriften marschieren weder Russland noch in Deutschland Soldaten. In der Tat: Heute vor 100 Jahren greifen die kaiserlichen Cousins ein letztes Mal ins politische Alltagsgeschäft ein: Sie schreiben sich mit freundlicher Unterstützung von diplomatischen Ghostwritern Telegramme und versuchen die missliche Angelegenheit unter Monarchen aus der Welt zu schaffen.

Nikolaus II. wird 1868 geboren in die russische Zarenfamilie Romanow geboren. Die kaiserlichen Ausbilder tun sich schwer mit dem bedeutenden Zögling. Nikolaus ist ein lausiger Schüler und tut sich generell schwer mit dem Lernen. Für die Staatskunst hat er kaum Interesse. Lieber tobt er sich beim Tennis aus und schwelt im sagenumwobenen Luxus der Romanows - Peter Carl Fabergé (der mit den goldenen Eiern) ist der Hofgoldschmied der russischen Zaren. Zum Herrscher über das russische Imperium steigt Nikolaus 1894 auf, als sein Vater Alexander III. stirbt. Obwohl Nikolaus mit dem politischen Kleinklein des Alltags wenig zu schaffen haben will, hat er ein gutes Gespür für die Gefahr, die ein europäischer Krieg für sein Haus mit sich bringen könnte. Seinem Außenminister Sasonow gesteht er die Angst vor einer Revolution ein. Auch deshalb wendet sich der Zar an Wilhelm.

"Dear Willy", beginnt Nikolaus sein Schreiben und verwendet den vertrauten Kosenamen aus Kindertagen. Dann erklärt er ihm, wie schändlich der österreichische Vergeltungsschlag aus russischer Sicht ist ist. Um einen europäischen Krieg zu vermeiden, "bitte ich Dich im Namen unserer langjährigen Freundschaft, alles, was Dir möglich ist, zu unternehmen, um Deine Verbündeten davon abzuhalten, zu weit zu gehen." Fast zeitgleich erklären Willy und seine Berater "dear Nicky", ihre Wiener Bundesgenossen zu direkten Verhandlungen mit Sankt Petersburg zu bewegen. Soweit, so einig. Aber die Fakten sprechen eine andere Sprache. Russland mobilisiert heimlich und der deutsche Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg hintertreibt eine diplomatische Lösung. Etwas strenger im Ton verlangt Nikolaus von Wilhelm Aufklärung, schließt aber geradezu pathetisch mit "In Liebe, Dein Nicky". Willy kontert geschickt. Nein, Wiens Anliegen sei nicht schändlich; aber ja, er werde sich für direkte Verhandlungen stark machen. Allerdings seien die russischen Kriegsvorbereitungen nicht gerade hilfreich. Das trifft Nicky ins Mark. Eilends widerruft er den gerade erteilen Befehl zur Generalmobilmachung. Dann beichtet er Willy, dass die Kriegsvorbereitungen schon seit fünf Tagen laufen. Das ist nicht unbedingt die beste Morgenlektüre für den Deutschen Kaiser, der sich von seinem Cousin betrogen fühlt. Wiederum eine einer berüchtigten Randnotizen auf dem Telegramm beendet die hoffnungsfrohe Korrespondenz der beiden Kaiser: "Ich betrachte meine Vermittlung als gescheitert, da der Zar, ohne abzuwarten, ob sie Wirkung zeigt, und ohne einen Hinweis für mich, mobilgemacht hat..." Das wiederum lässt Nikolaus II. aufseufzen - und nun doch mobilmachen. Russland ist die erste europäische Großmacht, die die Generalmobilmachung anordnet.

Für beide Cousins ist der Kriegsausbruch das Anfang vom Ende. Wilhelm verliert 1918 seine Herrschaft (übermorgen im Eulengezwitscher), Nikolaus sogar sein Leben. Die bolschewistische Revolution stürzt die Romanows 1917 - ein Jahr später werden der Zar und seine ganze Familie ermordert.

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Theobald von Bethmann Hollweg: Der glücklose Zocker

Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg lässt sich im Poker um die englische Neutralität nicht von in die Karten schauen

 

Foto: DHM, Berlin F 75/834 (verlinkt)
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Kaiser Wilhelm II. ist aufgebracht. Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg hat ihm wichtige Nachrichten einfach vorenthalten. Seit zwei Tagen bereiten sich die Russen klammheimlich auf einen europäischen Krieg vor. Einen englischen Vermittlungsvorschlag hat Bethmann Hollweg eigenmächtig abgelehnt. Noch schlimmer: Selbst die versöhnliche serbische Antwort auf Österreichs drastische Forderungen bekommt der Kaiser erst mit tagelanger Verzögerung zu Gesicht. Als er sie endlich liest, schockiert er seinen "Zivilisten von Kanzler": „Damit fällt jeder Kriegsgrund weg.“ Mehr noch: Wilhelm II. verfügt, Wien zu gratulieren und zu empfehlen Belgrad als Faustpfand zu nehmen, ansonsten aber keine militärischen Schritte zu unternehmen. Wilhelms Vorschlag „Halt in Belgrad!“ bringt den ohnehin angeschlagenen Bethmann Hollweg, der gerade erst seine Frau beerdigt hat, beinahe aus der Fassung: Wochenlang hat er auf Wilhelms Geheiß die Österreicher dazu genötigt, rasch loszuschlagen – und jetzt soll er von ihnen das Gegenteil verlangen? Nein, das geht nicht – auch nicht, wenn es der Kaiser selbst anordnet. Wenn er erst die englische Neutralität erhandelt hat, wird man ihm den diplomatischen Alleingang schon verzeihen...

Theobald von Bethmann Hollweg wird 1856 in eine brandenburgische Adelsfamilie geboren. Obwohl er auf dem Gymnasium, an der Universität und in der praktischen juristischen Ausbildung ein Musterschüler ist, hält er sich zeitlebens für überfordert: „Ich bin ein Mensch, der der Fülle der ihm gestellten Aufgaben nie gewachsen war“, bekennt er einem Freund, „ich bin ein Mensch, der darin zu einem oberflächlichen und darum unbefriedigten Dilettanten geworden ist, und dem trotzdem Stellung über Stellung restlos zugeflogen ist.“ Stellung über Stellung, das bedeutet auf der Karriereleiter eines preußischen Verwaltungsbeamten: Landrat, Oberpräsidialrat, Regierungspräsident, Innenminister. Schließlich wechselt er in die Reichspolitik, erst als Sekretär des Inneren, dann als Kanzler. Glücklich macht ihn sein beruflicher Erfolg nicht, „täglich peinigend“ empfindet er seine verantwortungsvollen Pflichten. Trotzdem nimmt der Spitzenbeamte wider Willen seine Aufgaben an – allerdings eher als Bürden, denn als Herausforderungen: Er findet sich als Vermittler zwischen politischen Lagern und setzt sich für moderate Reformen im Wahlrecht ein.

In der Julikrise offenbart sich das tatsächliche Ausmaß von Bethmann Hollwegs Überforderung. Zwar ist er keineswegs der böse Bube, zu dem ihn die Geschichtsschreibung gestempelt hat, aber er verliert im Poker um die englische Neutralität die Nerven - und verzockt sich. Dass er seinen Kaiser zu spät informiert hat, ist eine Sache. Dass er Wilhelm aber nach dessen Wutausbruch noch einmal hintergeht (heute vor 100 Jahren), ist ein verhängnisvoller Bluff: Den kaiserlichen Rat "Halt in Belgrad!" reicht er nicht rechtzeitig und deutlich abgeschwächt nach Wien weiter. So kommt es, dass der österreichische Kaiser Franz Joseph I. Serbien den Krieg erklärt, obwohl sein einziger Verbündeter auf Entspannungskurs gegangenen ist. Vollends unverständnlich ist es auch, dass Bethmann Hollweg einen Vermittlungsversuch aus London wiederum nur widerwillig weiterleitet. Stattdessen schüttet er dem englischen Botschafter in schwacher nächtlicher Stunde sein Herz aus und verrät nebenbei die deutschen Angriffspläne, die die Verletzung der belgischen Neutralität vorsehen. In London schüttelt man ungläubig, fast mitleidig die Köpfe und bemerkt, dass "etwas an der deutschen Diplomatie sehr unausgereift und fast kindlich ist..." Aber hinter ist man immer schlauer. Und ist es wirklich kindlich, mit der düsteren Vorahnung von Millionen toten die (ohnehin einsichtigen) Fakten im Stress auf den Tisch zu legen?

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Nikola Pasic: Ja? Nein? Vielleicht!

Der serbische Ministerpräsident Nikola Pašić antwortet ausweichend auf Österreichs Ultimatum

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Dreimal lässt sich Nikola Pašić bitten. Erst ein dringendes Telegramm seines Kronprinzen Alexander kann den serbischen Ministerpräsidenten zur Rückkehr nach Belgrad bewegen. Zu gerne hätte er sich davor gedrückt, die österreichische Note selbst beantworten zu müssen, aber als Regierungschef steht er in der Verantwortung. Als er mit dem Nachtzug von der Wahlkampfreise wieder in Belgrad eintrifft, hat Pašić die Ärmel allerdings bereits wieder hochgekrempelt. Er weiß die Russen an seiner Seite – der serbische Gesandte in Sankt Petersburg hat lebhaft vom Wutausbruch des russischen Außenministers Sergei Sasonow berichtet – und ist nicht willens, der größeren, aber taumelnden Nachbarmonarchie nachzugeben: Die serbische Antwortnote soll nicht so unverblümt und durchsichtig sein wie das österreichische Ultimatum, aber annehmen will er Wiens Forderungen auch nicht. Mit dieser Entschlossenheit tritt er vor seine Minister und Mitarbeiter. Eine kurze Ansprache reicht – mehr Zeit lassen die Österreicher auch nicht – dann ist die serbische Regierung auf Konfrontationskurs - das aber ausgesprochen zuvorkommend....

Nikola Pašić wird 1845 geboren. Dass er einmal Politiker werden würde, ahnt man zu Schul- und Studienzeiten noch nicht. Nach einem ausgezeichneten Abitur lernt Pašić an der Uni (und später in der Praxis), wie man Eisenbahnen baut. Recht früh wird aber klar, dass er nicht dazu berufen ist, Schienennetze zu konstruieren, sondern einen großserbischen Staat. Mit kurzen Unterbrechungen lenkt Pašić von 1891 an als Ministerpräsident die Geschicke Serbiens. Sein Hauptgegner ist Österreich-Ungarn. Als Staatsgast in Wien lässt er sich das natürlich nicht anmerken: Dort gibt er sich fröhlich und freundschaftlich. Selbst Außenminister Berchtold findet keine Gelegenheit, dem charmanten Serbenführer die Leviten zu lesen. Grund dafür hätte er allerdings. Denn zuhause lässt Pašić kaum eine Gelegenheit aus, seine Landsleute gegen die Österreicher aufzuhetzen. Langfristig will er sogar die slawischen Gebiete aus der Donaumonarchie in ein großserbisches Reich integrieren. Das gefällt Wien ganz und gar nicht.

Deshalb ahnt Pašić auch, dass für die Österreicher nach der Ermordung ihres Thronfolger Franz Ferdinand das Maß voll ist. Er ist lange genug im Geschäft, um auch in der kurzen Frist von 48 Stunden eine kluge, weil ausweichende, Antwort auf Österreichs Ultimatum zu formulieren: Die Serben lehnen Wiens Forderungen zwar nicht ab, aber sie beugen sich ihnen genausowenig. Immerhin ist die serbische Antwort in überwiegend versöhnlichen Tönen gehalten. Den Österreichern ist das nicht genug: In der Rekordzeit von 30 Minuten reist der Gesandte Wladimir von Giesl ab. Vorsorglich haben die Serben schon drei Stunden früher mobilisiert. Nun steht ein Balkankrieg unmittelbar bevor - wenn nicht mehr... 

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Sergej Sasonow: "Sie stecken Europa in Brand!"

Der russische Außenminister Sergej Sasonow faltet den österreichischen Botschafter zusammen

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Der österreichische Botschafter in Sankt Petersburg, Friedrich von Szápáry, hat keine leichte Arbeitswoche. Vor drei Tagen hat ihm der französische Staatspräsident Raymond Poincaré öffentlich und unverhohlen gedroht. Am 24. Juli 1914 – heute vor 100 Jahren – steht Szápáry im Büro des russischen Außenministers Sergej Sasonow und wird erneut regelrecht zusammengefaltet.

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Schon die Begrüßung ist frostig: „Ich weiß, was Sie zu mir führt“, herrscht Sasonow seinen Gast an, „ich werde mich aber zu dieser Note an Belgrad Ihnen gegenüber nicht äußern.“ Anhören muss er sie aber. Innerlich aufgewühlt, aber äußerlich geschäftsmäßig trägt Szápáry ihm vor, wie Österreich seine Forderungen an Serbien formuliert und begründet hat. Auch Sasonows angekündigtes Schweigen hält nicht lange. Kaum, dass der österreichische Botschafter die Ursachen des Attentats in Belgrad verortet hat, geht der russische Außenmister dazwischen. Wie die Österreicher das belegen wollen, will er wissen. Von da an unterbricht er Szápárys Vortrag immer wieder. Rasch ist klar: Die Russen werden die serbische Regierung decken – komme, was da wolle...

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Sergej Dimitrijewitsch Sasonow, geboren 1860, schlägt schon im zarten Alter von 23 Jahren die diplomatische Laufbahn ein und macht eine steile Karriere: In England versieht er seinen Dienst als Botschaftssekretär, beim Heiligen Stuhl vertritt er das russische Reich als Botschafter, ehe er schließlich über familiäre Beziehungen zum Außenminister des Zaren berufen wird. Dort genießt er den zweifelhaften Ruf eines Zauderers, der gerne auf Sicht fährt. Vor allem die Militärs und die französischen Verbündeten fürchten, dass Sasonow alle eventuellen Kriegspläne durchkreuzen wird, seine Politik gilt als zuwartend und auf Ausgleich bedacht. Was für eine Fehleinschätzung! Vor allem mit Blick auf Berlin scheut Sasonow die Auseinandersetzung nicht. Zwar ist er mit dem deutschen Botschafter Friedrich von Poutalés gut befreundet, aber im Laufe seiner Außenamtszeit ist die Bewunderung Deutschlands der Angst vor dessen militärischer Stärke und seinen kriegerischen Absichten. So tief sitzt das Misstrauen, dass Sasonow im österreichischen Ultimatum nur einen Vorwand sieht, den die Deutschen nutzen wollen, um das Russland zu vernichten. Die Wut des Außenministers entlädt sich über dem österreichischen Botschafter, der sein Ultimatum vortragen will.

„Sie wollen den Krieg und brechen die Brücken hinter sich ab!“ Friedrich von Szápáry verweist tapfer auf die Friedensliebe seines Kaisers Franz Joseph. „Man sieht ja, wie friedlich Sie sind“, Sasonows winkt verächtlich ab, „Sie stecken Europa in Brand!“ Nach diesem unerquicklichen Gespräch bereitet sich der russische Außenminister darauf vor, seinem Zaren zu berichten. In seinem Vortrag bei Nikolaus II. wird er vor allem auf die Bedrohung Serbiens hinweisen, um die Genehmigung zur Kriegsvorbereitung zu erbitten, auch wenn er bereits in größeren Zusammenhängen denkt. Denn einen Teilmobilmachungsplan sieht der russische Generalstab gar nicht vor. Wenn die russische Armee aufmarschiert, dann direkt auch an der deutschen Grenze. Das weiß Sasonow und auch die Konsequenzen, eine deutsche Mobilmachung, nimmt er nach nur kurzem Zögern in Kauf. Die Russen werden die ersten sein, die sich (ab dem 26. Juli 1914) konkret auf den Großen Krieg vorbereiten – im Geheimen zwar, aber deshalb nicht minder ernsthaft…

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Wladimir von Giesl: Das Ultimatum

Der österreichische Botschafter Wladimir von Giesl überreicht den Serben die Forderungen der Doppelmonarchie

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Schlag 18 Uhr – genau vor 100 Jahren – betritt Wladimir von Giesl das serbische Außenministerium. In seiner Aktentasche trägt der österreichische Gesandte die verhängnisvolle diplomatische Note mit den ultimativen Forderungen Wiens an Belgrad. Darin verlangt Wien, dass die serbische Regierung „die gegen Österreich-Ungarn gerichtete Propaganda verurteilt und dass sie sich verpflichtet, diese terroristische und verbrecherische Propaganda mit allen Mitteln zu unterdrücken.“ Das allein wäre noch nicht unannehmbar. Aber Wien besteht darauf, dass österreichische Ermittler bei den innerserbischen Aufräumarbeiten beteiligt werden. Seit Giesl die Übergabe am Morgen telefonisch angekündigt hat – noch ohne Details zu verraten –, ist Lazar Paču in heller Aufregung: Der serbische Finanzminister fühlt sich von seinem Regierungschef allein gelassen. Obwohl die diplomatischen Drähte heiß glühen und das drohende Unheil ankündigen, hat sich Ministerpräsident Nikola Pašić kurzerhand in den Wahlkampf verabschiedet. Er will die Note nicht annehmen und weist seinen Stellvertreter lapidar an: „Empfange Du Giesl an meiner Stelle…“

Wladimir Giesl Freiherr von Gieslingen, geboren 1860, ist der Soldat im diplomatischen Corps Österreich-Ungarns. Seine Familie bringt mehrere hochrangige Militärs hervor, darunter Vater und Bruder. Auch Wladimir wird auf der Militärakademie ausgebildet in Theresienstadt (wo Gavrilo Princip gestorben ist). Giesls Lebensweg führt ihn durch die Grenzregion von Diplomatie und Militär: Er wird bis zum Generalmajor befördert und dient in fast ganz Europa. Charakteristisch ist seine Anstellung als Militärattaché in Athen und Sofia. In fast allen Hauptstädten des Balkans macht er Station. Obwohl er in Belgrad als Chefdiplomat die Donaumonarchie repräsentiert, wissen die Serben ganz genau, dass Ihnen schon vor der Kriegserklärung ein General gegenübersteht.


Im serbischen Außenministerium hat dieser General - Wladimir Giesl – einen skurrilen Kleinkrieg zu bestehen. Finanzminister Paču weigert sich, das Schreiben der österreichischen Regierung anzunehmen. Giesl bleibt militärisch kühl. Wenn in 48 Stunden keine befriedigende Antwort vorliege, lässt er die zögerlichen Serben wissen, werde er die diplomatischen Beziehungen abbrechen und Belgrad verlassen. Paču gibt sich erschrocken: In so kurzer Zeit sei jede Antwort unmöglich, da die meisten Minister im Wahlkampf seien – Ministerpräsident Pašić eingeschlossen. Giesl bleibt abermals ungerührt: „Im Zeitalter der Eisenbahn, der Telegrafen und des Telefons ist das ja wohl bei der Größe Serbiens nur eine Sache von Stunden…“ Dann legt er die Note auf den Tisch. „Was Sie damit machen, ist Ihre Sache…“

Die zweifelhafte Sternstunde in Giesls Karriere ist zugleich der Anfang des Laufbahnendes: Zwar darf er zu Kriegsbeginn als Verbindungsoffizier noch einmal er die Schnittstelle zwi-schen Armee und Außenministerium bedienen. Dann aber verliert er das Vertrauen von Generalstabschef Conrad von Hötzendorf. Tief resigniert bittet Giesl 1915 um einen Fronteinsatz, um für sein Land zu sterben. Versetzung und Heldentod bleiben ihm versagt. Stattdessen endet seine Laufbahn alles andere als ehrenhaft bei den Nationalsozialisten. Wladimir von Giesl stirbt 1936 stirbt.

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Raymond Poincaré: Blankoscheck 2.0

Der französische Präsident Raymond Poincaré reist zum Staatsbesuch nach Sankt Petersburg

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Die Kanonen donnern schon einmal. Begleitet von Salutschüssen und dem Jubel der russischen Bevölkerung verlässt Frankreichs Präsident Raymond Poincaré das repräsentative Kriegsschiff France. Vor ihm liegt ein dreitätiger Staatsbesuch in Sankt Petersburg. Eigentlich war eine Antrittsvisite beim russischen Zaren Nikolaus II. geplant. Angesichts der dunklen Wolken, die vom Balkan her über Europa aufziehen, sieht sich Poincaré allerdings eher auf einer Versicherungs- und Ermutigungsmission: „Wir müssen die Russen vor den finsteren Plänen Österreichs warnen, „instruiert er seinen Ministerpräsidenten René Viviani, „wir müssen sie ermuntern standhaft zu bleiben, und ihnen unsere Unterstützung zusagen.“

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Raymond Poincaré ist 1860 in Lothringen geboren. Elf Jahre später brennt sich die schmerzliche Niederlage im deutsch-französischen Krieg auf immer in sein Gedächtnis ein. Die Schmach von Sedan und die deutsche Besetzung seiner Heimat hat er nie verwunden. Damals hat der letzte französische Kaiser Napoleon III. abgedankt – vierzig Jahre lenkt Poincaré das wiedererstarkte Frankreich und sinnt auf Revanche. Sein Weg nach an die Staatsspitze ist nicht unbedingt gerade gewesen, aber große Ziele erreicht man auch mit kleinen Schritten: Poincaré macht sich im Haushaltsausschuss einen Namen, tritt später als Finanz- und Bildungsminister in die Regierung ein. Schließlich führt er Frankreich erst als Ministerpräsident und Außenminister (gleichzeitig), dann als Staatspräsident. Poincaré ist ein emsiger und ehrgeiziger Arbeiter. Er kennt die Akten, hat starke Nerven, kann sich innenpolitische Widersacher vom Leib halten und findet einen intuitiven Zugang auch zu komplexen außenpolitischen Zusammenhängen. Poincaré zögert nicht, seine persönliche Entschlossenheit und Stärke auf Frankreich zu übertragen. Innenpolitisch setzt er die dreijährige Wehrpflicht durch und außenpolitisch versorgt er die in der Entente verbündeten Russen mit gigantischen Krediten und Ratschlägen: Man möge doch das Eisenbahnnetz an der deutschen Grenzen ausbauen, dann ließe sich auch die riesige Armee des Zarenreiches schnell mobilisieren, falls es zum Krieg komme.

Diesen Krieg, indem Paris und Sankt Petersburg Berlin in die Zange des Zweifrontenkriegs nehmen könnten, forciert Poincaré auch am 21. Juli 1914 – heute vor 100 Jahren. Bei einem Empfang des diplomatischen Korps droht er dem österreichischen Botschafter Friedrich von Szapáry öffentlich und unverhohlen: „Serbien hat sehr warme Anhänger im russischen Volk. Und Russland hat einen Bundesgenossen, Frankreich. Was können sich da für Entwicklungen ergeben!“ Dem serbischen Gesandten, der die Lage kritisch sieht, macht er Mut: Die Lage ist schlecht. „Wir werden Ihnen helfen, sie zu verbessern.“ Auf den prunkvollen Festbanketten und Empfängen sind kriegerische Trinksprüche zu vernehmen und nachdem Poincaré den russischen Zaren drei Tage bearbeitet und ihm seiner uneingeschränkte Solidarität versichert hat – das ist der französische Blankoscheck –, bringt er es bei der Abreise nochmals auf den Punkt: „Diesmal müssen wir hart bleiben!“ Noch ehe die Österreicher ihr Ultimatum an Serbien übergeben haben, hat der französische Präsident die Weichen dafür gestellt, dass Sankt Petersburg Belgrad ruhigen Gewissens zuraten kann, die Forderungen aus Wien abzulehnen…

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Dietrich Bonhoeffer: Tugenden, die den Tod überdauern

Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi leisteten Hitler Widerstand - und gaben dafür nach dem 20. Juli 1944 ihr Leben

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Heute vor 70 Jahren ist im "Führerbunker" die Bombe hochgegangen. Dorthin gebracht hat sie  General Claus von Stauffenberg in seiner Aktentasche. Sie soll Adolf Hitler töten und die Deutschen aus seiner Schreckensherrschaft befreien. Das Attentat vom 20. Juli 1944 scheitert und Hitler lebt. Stauffenberg, seine Helfer und Helfershelfer müssen sterben. Unter ihnen sind der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer und der Jurist Hans von Dohnanyi. Elisabeth Sifton und Fritz Stern haben ein bewegendes Doppelporträt aus der Nähe geschrieben.

Elisabeth Sifton/Fritz Stern

Keine gewöhnlichen Männer

Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi im Widerstand gegen Hitler

Erschienen bei C.H. Beck im August 2013. 176 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 18,95 €.


Dietrich Bonhoeffer und Hans von Donhanyi sind nicht nur Verbündete im heimlichen Kampf gegen Hitler. Sie sind auch durch familiäre Bande verknüpft: Hans hat Dietrichs Schwester geheiratet. Vor allem aber sind sie vereint durch ein Band von Anstand und Mut, das dem Widerstand gegen die Tyrannei Festigkeit verlieh. So urteilt das Autorenehepaar Elisabeth Sifton und Fritz Stern. Ihre beiden Familien waren und sind mit den Bonhoeffers und Dohnanyis gut bekannt. Das ermöglicht besondere Nahaufnahmen der beiden Männer, die in den letzten Tagen der Hitlerdiktatur gehängt worden sind. Gleichwohl wahren die beiden Autoren immer eine gewisse kritische Distanz (Fritz Stern ist darin als Historiker von Weltrang geübt). Das macht das Doppelporträt zu einem Kleinod biografischer Essayistik (Umfang: 176 Seiten): Gleichermaßen liebevoll und zurückhaltend ordnen Sifton und Stern die Lebens- und Leidensgeschichten von Bonhoeffer und Dohnanyi in ihre Zeit ein: Bonhoeffer, der Hitler als Pfarrer in der Bekennenden Kirche die Stirn bietet; Dohnanyi, der als Jurist und mit Kontakten in die Wehrmacht die Greuel der NS-Diktatur heimlich dokumentiert und Verfolgte aus Deutschland schleust. Sifton und Stern belassen nicht dabei, die verborgenen und offenen Taten dieser beiden Widerstandskämpfer zu schildern. Ihnen geht es um deren Tugenden und Werte. Ungewöhnlich scharf konturiert und dicht, dabei aber getragen von einer erzählerischen Leichtigkeit, fühlen sie sich in die Gewissensnöte der beiden ein, die gegen ihre eigenen ethischen und christlichen Prinzipien verstoßen müssen, um ihnen zu genügen - Stichwort Tyrannenmord:

Dohnanyi fragte Bonhoeffer eines Abends, was er von der Aussage Jesu halte, "wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen". (Matth. 26, 52) Gelte das auch für Hitlers Mörder? Bonhoeffer sagte ja, sie wären von diesem Urteil nicht ausgenommen. Es brauche Menschen, die sich ihm unterwerfen und bereit sind, sich der Verantwortung für ihr Leben zu stellen.

Fazit: Elisabeth Siftons und Fritz Sterns Doppelportät über Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi ist ein Kleinod biografischer Essayistik. Zugleich haben sie damit ein lebendiges Bekenntnis zu den Tugenden abgelegt, die Bonhoeffer und Dohnanyi stark gemacht haben, und die ihren Tod überdauern: Vertrauen in und Liebe zu Gott, Fleiß und Anstand, Verantwortungsbereitschaft und Mut zur Standhaftigkeit.

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Leopold von Berchtold: Worte als Taten

Im Kriegsrat setzt der österreichische Außenminister Leopold von Berchtold auf ein unannehmbares Ultimatum an Serbien

© Bwag/Commons
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Graf Leopold von Berchtold weiß nicht, ob er sich freuen oder fürchten soll. Die Stimmung des österreichischen Außenministers ist auf seltsame Weise gelöst und angespannt zugleich. Seine Idee, Alexander von Hoyos nach Berlin zu schicken, hat sich als diplomatischer Geniestreich herausgestellt. Jedenfalls nimmt er seinen seinen Kritikern den Wind aus den Segeln: Denn Hoyos hat den Blankoscheck im Gepäck, als er mit dem Nachtzug wieder in Wien eintrifft. Mehr noch: Hoyos kann ausrichten, dass die Deutschen die Donaumonarchie zur militärischen Abrechnung mit Serbien ermuntern und Beistand anbieten. Aber genau das bereitet Berchtold ganz andere Sorgen: Die Deutschen wollen nun Taten sehen und erwartet, dass Österreich den Serben zeigt, wo der Hammer hängt. Und der zart besaitete Außenminister ahnt, wohin das führen wird...

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Leopold von Berchtold wird am 18. April 1863 in Wien geboren. Seine Herkunft verheißt ihm eigentlich ein sorgenfreies Leben: Die Berchtolds gehören zum österreichischen Hochadel, sind steinreich und besitzen unermessliche Ländereien. Leopold Berchtold wird zeitlebens in Traumschlössern wohnen. Geld spielt keine Rolle: Für seine Hobbies: die Kunst und die Muse, den guten Stil und den edlen Reitsport wird der zurückhaltende, ja sogar ängstliche Gentleman Leopold Berchtold ein Vermögen hinlegen. Die diplomatische Karriere schlägt er nicht aus Berufung ein, sondern aus Verpflichtung. Das zählt in traditionsreichen Monarchien wie dem altehrwürdigen Habsburgerreich zur Verantwortung der Oberschicht. Außerdem hat Berchtold lebenslange Bindungen an den Hof: Der ermordete Kronprinz Franz Ferdinand und er kennen sich bereits seit ihrer Kindheit. Dessen ungeachtet passt Zerstreuung besser zu Berchtolds empfindsamen Gemüt als Verantwortung. Welche Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Berchtold die Zündhölzer des Weltenbrands in die Hände gedrückt werden. Immerhin: Er kennt die zentralen Handlungsorte der Julikrise genau: In Paris und London hat für die österreichische Vertretung gearbeitet. In Sankt Petersburg ist er sogar selbst Botschafter gewesen, ehe er 1912 zum Außenminister ernannt worden ist. Seither sind die Serben sind seine größte Sorge: Ihr in den Balkankriegen von 1912 und 1913 gewachsenes Selbstvertrauen und ihre hartnäckigen Forderungen nach einem großserbischen Reich lassen in Wien alle Alarmglocken klingeln.

Deshalb ist die Stimmung im Ministerrat am 7. Juli 1914 (heute vor 100 Jahren) ausgesprochen kriegerisch: Der Doppelmord am österreichischen Thronfolgerpaar spielt den Hardlinern in der militärischen und politischen Führung in die Hände. Lediglich der ungarische Ministerpräsident István Tisza ist noch nicht ganz davon überzeugt, dass ein Militärschlag gegen Serbien unaufschiebbar ist. In der hitzigen Sitzung besteht er darauf, Belgrad zunächst mit harten Forderungen zu konfontieren, deren Annahme den drohenden Krieg noch abwenden könne. Dennoch hält das Protokoll fest, "daß ein rein diplomatischer Erfolg, auch wenn er in einer eklatanten Demütigung Serbiens enden würde, wertlos wäre und daß daher solche weitgehenden Forderungen an Serbien gestellt werden müßten, die eine Ablehnung voraussehen ließen, damit eine radikale Lösung im Wege militärischen Eingreifens angebahnt würde." Um die richtigen Formulierungen für das Ultimatum zu finden - Worte als Taten - werden sich die Österreicher nun zwei Wochen Zeit lassen, in denen auch das Eulengezwitscher-Extra zur Julikrise aussetzt...

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Alexander von Hoyos: Der Blankoscheck

Die österreichischen Diplomaten Alexander von Hoyos und Ladislaus von Szögyény sondieren in Potsdam und Berlin die deutsche Haltung

Foto: Michael Heyde, Lizenz: CC BY-SA 3.0
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Weltgeschichte wird in Wiener Kaffeehäusern gemacht. Der deutsche Publizist Victor Neumann hat Alexander von Hoyos, einen engen Mitarbeiter des österreichischen Außenministers Leopold von Berchtold, auf eine Tasse Melange eingeladen. Im Schutz des Konjunktivs (aber in der Sache unmissverständlich) hat er ihm zu verstehen gegeben, dass der deutsche Kaiser Wilhelm II. im Kriegsfall zu seinen Bündnispflichten stehen werde. Hoyos, der lieber heute als morgen in Serbien einmarschieren will, berichtet seinem Chef im Außenministerium die guten Neuigkeiten. Außenminister Graf Leopold von Berchtold ist skeptisch. Schließlich gibt es da ja noch den offiziellen deutschen Botschafter Heinrich von Tschirschky, der bei jeder Gelegenheit zur Mäßigung rät. Berchtold braucht Gewissheit. Deshalb schickt er Hoyos in geheimer Mission nach Berlin: Gemeinsam mit dem österreichisch-ungarischen Botschafter Ladislaus von Szögyény-Marich, der Wilhem II. gut kennt, soll er herausfinden, wie es nun tatsächlich um die deutsche Bündnistreue bestellt ist.

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Alexander von Hoyos  ist ein junger Wilder. 1876 geboren, reist er schon mit 24 Jahren für die Donaumonarchie um die Welt: Auf dem diplomatischen Parkett von Peking und Paris kennt er sich ebenso gut aus wie  in Belgrad und Berlin.  Noch besser ist er den höfischen Gepflogenheiten in Wien vertraut. Seit hunderten von Jahren sind die spanischstämmigen Hoyos' den Habsburgern treu verbunden. Für den aufstrebenden und brennend ehrgeizigen Kabinettschef Alexander von Hoyos ist es eine Genugtuung, dass er nach Berlin fahren und den über dreißig Jahre älteren Botschafter Szögyény (geboren) persönlich einnorden soll. Schließlch war es Hoyos, der vor sechs Jahren (in der Annexionskrise von 1908) schon einmal die deutsche Unterstützung gesichert: Szögyény, ein alter Hase, steht schon fast genauso lange kurz vor der Abberufung in den Ruhestand. Im Außenministerium will man den gemütlichen Veteranen längst loswerden. Aber noch hält  Kaiser Franz Joseph I. seinem langjährigen Weggefährten fest - schließlich war Szögyény ein enger Freund von Franz Josephs Sohn Rudolf, der sich das Leben genommen hatte. Und da es das Protokoll nun mal so vorsieht, muss der Botschafter bei Wilhelm II. vorsprechen.

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Damit nichts schief geht, hat Hoyos genaue Instruktionen für Szögyény und zwei Dokumente im Gepäck, die der Botschafter Wilhelm II. überreichen soll: Eine Denkschrift zum Pulverfass Balkan, die Serbien zum Brandstifter erklärt und ein Handschreiben von Kaiser Franz Joseph I. (den in Wahrheit Hoyos selbst für seinen Monarchen vorformuliert hat: Darin nimmt der Habsburger den Hohenzollern in die Pflicht: "Auch Du wirst nach den jüngsten furchtbaren Geschehnissen in Bosnien die Überzeugung haben, dass an eine Versöhnung des Gegensatzes, welcher Serbien von uns trennt, nicht mehr zu denken ist", schreibt Franz Joseph an Wilhelm, "und dass die erhaltende Friedenspolitik aller europäischen Monarchen bedroht sein wird, solange dieser Herd von verbrecherischer Agitation in Belgrad ungestraft fortlebt." Derart gewappnet spricht Szögyény im neuen Potsdamer Palais beim deutscher Kaiser vor. Aber Wilhelm II. gibt sich mit Blick auf, "ernste europäische Komplikationen" erst mal zögerlich.

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In dieser Situation hätte ein dienstjüngerer Diplomat wie Hoyos womöglich die Nerven verloren. Einen Routinier wie Szögyény bringt das nicht aus der Ruhe. Er bleibt zum Essen, plaudert über Belangloses und wagt erst beim Nachtisch - die Stimmung ist nach Aperif und zwei, drei Gläsern Wein weniger steif - einen weiteren Vorstoß. Diesesmal reagiert der Kaiser wie erwünscht: Zwar müsse sein Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg noch zustimmen, lässt Wilhelm II. seinen Gast wissen, aber er sei sich sicher, dass man die Österreicher nicht hängen lassen werde. "Sollte es sogar zu einem Krieg zwischen Oestereich-Ungarn und Russland kommen", telegrafiert der Szögyény nach Wien, "so könnten wir davon überzeugt sein, dass Deutschland in gewohnter Bündnistreue an unserer Seite stehen werde." Mehr noch: Wilhelm habe selbst angeregt, so bald wie möglich loszuschlagen. Schon am nächsten Tag segnet Bethmann Hollweg die offensive Einlassung seines Kaisers ab. Da ist der: der berühmte Blankoscheck. Deutschland hält den Österreichern den Rücken frei. Beglückt vom Erfolg seiner Mission reist Alexander von Hoyos zurück nach Wien. Zu spät erkennt er das "unermessliche Unheil", dass der Blankoscheck über Europa gebracht hat. Während Szögyény 1916 stirbt, muss Hoyos bis 1937 damit leben, dass sein berufliches Geschick  den Ausbruch des Ersten Weltkrieg maßgeblich begünstigt hat. 

Übrigens: Alexander von Hoyos ist ein Urgroßvater von Stefanie zu Guttenberg: Seine Tochter Melanie und Gottfried von Bismarck sind ihre Großeltern väterlicherseits.

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Heinrich von Tschirschky: Der gemaßregelte Mahner

Der deutsche Botschafter Heinrich von Tschirschky zieht den allerhöchsten Zorn auf sich

Heinrich von Tschirschky hat genug gehört. Der deutsche Botschafter in Wien ist gut vernetzt. Seit Jahren kann er sich auf sein zuverlässiges Gespür für die Stimmung in der österreichischen Regierung verlassen. Nach dem Attentat von Sarajewo registriert Tschirschky die Wut und den Wunsch nach Vergeltung. Der ungarische Regierungschef István Tisza scheint jedenfalls der Einzige zu sein, der einen Balkankrieg verhindern will. Selbst Außenminister Graf Leopold von Berchtold hat sich ungewöhnlich kampfeslustig gezeigt. Genau das berichtet der besorgte Botschafter nach Berlin: "Hier höre ich, auch bei ernsten Leuten, vielfach den Wunsch, es müsse einmal gründlich mit den Serben abgerechnet werden", telegrafiert Tschirschky, "Man müsse den Serben zunächst eine Reihe von Forderungen stellen und, falls sie diese nicht akzeptierten, energisch vorgehen." Tschirschky will warnen, aber beim Deutschen Kaiser Wilhelm II. kommen die österreichischen Kriegspläne gut an: "jetzt oder nie" schreibt er an den Rand des Telegramms, während er es liest.

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Heinrich von Tschirschky und Bögendorff wird am 15. August 1858 in Dresden in eine Eisenbahnerfamilie geboren. Genauer gesagt ist sein Vater Generaldirektor der Königlich Sächischen Staatseisenbahnen. Dieses Elternhaus und die adelige Herkunft verhelfen Tschirschky zu einer steilen Diplomatenkarriere, die in in verschiedenen Funktionen nach Athen, Bern, Konstantinopel und Sankt Petersburg führt. Wilhelm II. kennt er von zahlreichen Auslandsreisen, auf denen er den Kaiser begleitet hat. Kurzzeitig bringt es Tschirschky sogar zum Staatssekretär des Äußeren (1906/1907). Kurzum: Heinreich von Tschirscky ist ein international erfahrener Spitzendiplomat, als er seinen Botschafterposten in Wien antritt. Auch in Sachen Deeskalation kennt er sich aus: In politischen Verhandlungen mit ehemaligen Kriegsgegnern (Dänemark 1864 und Frankreich 1870/71) war er auf Ausgleich bedacht und hat umsichtig agiert. 

Umso mehr muss sich Tschirschky wundern, dass der Kaiser nicht erfreut ist, als er den weiteren Bericht seines Botschafters liest. Tschirschky meldet, dass er sich auch den Österreichern gegenüber beschwichtigend einlässt, wannimmer die Wiener Verantwortlichung nach einer gewaltsamen Abrechnung mit den Serben verlangen: "Ich benutze jeden solchen Anlass, um ruhig, aber sehr nachdrücklich und ernst vor übereilten Schritten zu warnen." Wilhelm II. ist außer sich: "Wer hat ihn dazu ermächtigt?" schmiert er an den Rand, "das ist sehr dumm! Geht ihn gar nichts an, das es lediglich Österreichs Sache ist, was es hierauf zu thun gedenkt." Je länger er von Tschirschkys Mahnungen liest, wütender wird Wilhelm II.: "Nachher heißt es dann, wenn es schief geht, Deutschland hat nicht gewollt! Tschirschky soll den Unsinn gefälligst lassen!" Es ist nicht das einzige Mal, dass eine impulsive Gemütsregung des Kaisers das wohldurchdachte Geschick seines diplomatischen Chors unterläuft. Aber was Wilhelm zuletzt auf das Telegramm schmiert, ist wohl eine der verhängnisvollsten Randnotizen der Weltgeschichte, weil sie als Befehl verstanden wird - und nicht als eine der üblichen und eigentlich auch bekannten Launen. "Mit den Serben muß aufgeräumt werden", kritzelt der erregte Kaiser, der mit dem österreichischen Thronfolger in Sarajewo auch einen persönlichen Freund verloren hat.  "Mit den Serben muß aufgeräumt werden und zwar bald. Versteht sich alles von selbst und sind Binsenweisheiten."

Für die Österreicher sind das noch keine Binsenweisheiten, aber Außenminister Berchtold tüfelt bereits an einem Plan, die deutsche Haltung zur Julikrise ganz offiziell in Erfahrung zu bringen. Heinrich von Tschirschky wird übrigens nach dem kaiserlichen Rüffel bis zu seinem frühen Tod 1916 vehement auf eine militärische Lösung drängen. Echte Überzeugung sieht anders aus...

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Istvan Tisza: Viele Völker, viele Interessen...

Ungarns Ministerpräsident István Tisza verweigert seine Zustimmung zum Militärschlag gegen Serbien

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So nicht! Der ungarische Ministerpräsident István Tisza ist sauer. Fast zufällig hat er kurz nach einer Audienz beim greisen Kaiser mitbekommen, wie man in Wien schon die Messer wetzt, um die Serben gerade zu ziehen. Aber Tisza will keinen Krieg auf dem Balkan – und das Wort des ungarischen Regierungschefs hat in der Doppelmonarchie Gewicht: Ohne Tiszas Zustimmung können die k. u. k.-Truppen nicht gegen die Serben mobil machen. Und genau das will er erreichen. Deshalb schickt Tisza an seinen kaiserlichen Vertrauten Franz Joseph I. eine unmissverständliche Denkschrift. Darin verwehrt er sich „die Greueltat von Sarajewo zum Anlasse der Abrechnung zu machen.“

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István Tisza kommt am 22. April 1861 in Budapest zur Welt. Schon im Elternhaus lernt er, wie man für Ungarn Politik macht. Vater Kálmán hat eine Partei gegründet und sogar selbst als Ministerpräsident die Regierung geführt. Dabei hat er nie die Interessen der ungarischen Aristokratie vergessen und Lobbyarbeit von oben betrieben. Sein Sohn István ist aus dem gleichen Holz geschnitzt. Für Demokratie, Gleichberechtigung und Opposition hat er nichts übrig. Das bringt im die Sympathie und das Vertrauen des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. ein, der dem sogenannten "Ausgleich" von 1867 auch König von Ungarn ist. Seither sind die ungarischen Interessen im Vielvölkerreich deutlich aufgewertet (neben Österreich und Ungarn gehören zur Donaumonarchie unter anderem Tschechien, die Slowakei, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina). Im Gegensatz zum erzkatholischen Haus Habsburg ist Tisza ein calvinistisch-kühler Realpolitiker. Er hat in Berlin studiert - und das nicht nur an der Uni. Vom deutschen Kanzler Otto von Bismarck hat er gelernt, wie man nationale Interessen auch auf internationalem Parkett durchsetzt. In der europäischen Julikrise will er vor allem die ungarischen Interessen wahren und ein Krieg auf dem Balkan würde sie gefährden: Denn wenn serbische Gebiete annektiert werden, so fürchtet Tisza, dann würde der slawische Einfluss zwangsläufig aufgewertet – und das ginge ebenso zwangsläufig zulasten der Ungarn. Deshalb hat Tisza auch kein gutes Verhältnis zu Franz Ferdinand gehabt, der den Slawen auch ohne Krieg wohl mehr Einfluss eingeräumt hätte. Manche vermuten sogar, dass der umtriebige Ungar beim Attentat von Sarajewo seine Hände im Spiel hatte. Das aber ist zu weit hergeholt; weiter jedenfalls als die Argumente gegen einen Krieg, die Tisza dem Kaiser unterbreitet. Denn seine eigentlichen Motive behält er für sich. Den Kaiser warnt er vor den verhängnisvollen Mechanismen der Bündnissysteme: Hinter Serbien stehe Russland und hinter Russland Frankreich. Das könne böse enden! Das wissen auch Franz Joseph und sein Außenminister Graf Leopold von Berchtold. Selbst Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf weiß, dass man in Wien auf deutsche Schützenhilfe angewiesen sein wird – und noch mahnt der deutsche Botschafter Heinrich von Tschirschky zur Zurückhaltung. Seine Geschichte gibt's morgen im Eulengezwitscher-Extra zur Julikrise.

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet István Tisza ist dem Krieg, den er (anfangs) hatte verhindern wollen, zum Opfer gefallen. 1918 wird er von Revolutionären erschossen, die ihn für das Weltengemetzel zur Verantwortung ziehen.

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Franz Conrad von Hötzendorf: "Krieg, Krieg, Krieg!"

Österreich-Ungarns Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf drängt zum Militärschlag gegen Serbien

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Für die üblichen diplomatischen Floskeln fehlt die Zeit. Als der österreichische Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf am  29. Juni 1914 (heute vor 100 Jahren) nach seiner eiligen Rückreise vom Balkan das Wiener Außenministerium am Ballhausplatz betritt, hat er nur ein Ziel: Conrad will Krieg, um die nach einer ganzen Serie von politischen und militärischen Niederlagen angezählte Donaumonarchie vor dem Untergang zu bewahren. Deshalb spricht er von Anfang an Klartext mit dem für gewöhnlich zaudernden und zögernden Außenminister Graf Leopold von Berchtold: „Der von Serbien gebilligte Mord ist ein Kriegsgrund“, bellt er den Minister an, „wir müssen sofort mobilisieren!“

Franz Conrad von Hötzendorf wird am 11. November 1852 bei Wien geboren. Seine Familie hat sich durch jahrzehntelangen und gehorsamen Dienst in der Verwaltung und im Militär die Gunst der Habsburger (und den Adelstand) erworben. Franz wächst in einer Soldatenfamilie auf. Sein Vater hat im Kampf gegen die Revolution von 1848 eine schwere Verletzung davon getragen – und verbringt als Invalide viel Zeit mit seinen Kindern. Gefördert und gedrillt durch die wesentlich jüngere, aber energische und prinzipientreue Mutter zeichnet sich Conrads eigene Berufung zum Offizier früh ab: Mit der Kadettenschule beginnt eine vom Ehrgeiz domonierte Karriere, die ihn über die üblichen Beförderungen und Frontbewährungen an die Spitze des Generalstabs führt. Die militärische Laufbahn von Conrad von Hötzendorf ist  gewissermaßen eine biografische Vorgeschichte der Julikrise:

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Sein erster Kriegseinsatz ist die österreichische Bosnien-Besetzung von 1878 (noch mit Europas Zustimmung). Während der eigenmächtigen Annexion 1908 ist er bereits an der Spitze des Generalstabs. Dazwischen liegen drei Jahrzehnte, in denen Conrad über kulturpessimistischen und sozialdarwinistischen Bücher brütet, bis er selbst zum geachteten Autor militärstrategischer Schriften avanciert. Darüber verfestigt sich bei Conrad die Überzeugung, dass nur ein Offensivkrieg beweisen kann, dass die Donaumonarchie noch stark genug ist, um als europäische Großmacht ernstgenommen zu werden. „Serbien und Rumänien werden die Nägel zu ihrem Sarg werden – Russland wird beide dabei kräftig unterstützen; es wird ein aussichtsloser Kampf werden, dennoch muss er geführt werden, da eine so alte Monarchie und eine so glorreiche Armee nicht ruhmlos untergehen können.“

Diese Analyse schreibt Conrad von Hötzendorf allerdings privat, und zwar an seine zweite Frau Gina. Um sie hat er einen Eroberungs- und jahrelangen Belagerungskrieg geführt, der seinesgleichen sucht. Gina hat einen Ehrmann und sieben Kinder, als ihr Conrad seine Liebe gesteht. Gina fühlt sich geschmeichelt, bleibt aber vorerst bei ihrer Familie. Solange sich die Angebetete seinem Werben widersetzt, spricht Conrad sie in einem geheimen „Tagebuch der Leiden“ an, das Zeugnis geben soll „von meiner unbegrenzten, glühenden, verzweifelnden Liebe zu Dir, Du mein abgöttisch verehrter und geliebter, herzensguter Engel!“ Nur wenig zurückhaltender sind die Briefe, die er Gina schreibt - Mann hin oder her. Mit solchen Charmeoffensiven gewinnt Conrad den Liebeskrieg und führt Gina nach einer kaum verheimlichten Liaison vor den Traualtar. Seine Unnachgiebigkeit hat sich durchgesetzt.

All‘ das ist in Wien stadtbekannt und man weiß auch, dass der Generalsstabschef beruflich genau so kompromisslos vorgeht. Deshalb kann seine aggressive Kriegsforderung den Außenminister nicht überraschen. Zwar kann sich Conrad in sieben Sprachen verständigen (im Vielvölkerreich nicht unwichtig), aber politisch-militärisch spricht er nur eine Sprache: die der Konfrontation Seit Jahren drängt Conrad auf einen Präventivschlag gegen Serbien (wahlweise auch Montenegro, Rumänien und Russland). Allein im vergangenen Jahr hat er sage und schreibe 25 Mal für ein militärisches Losschlagen geworben. Zwischenzeitlich musste er sogar seinen Posten räumen, weil der Kaiser genug hatte von seinem Falken. Dieses Mal aber hat Conrad mit der Ermordung Franz Ferdinands einen Anlass, den auch Außenminister Berchtold kaum leugnen kann. Allerdings setzt der Minister auf diplomatische Lösungen: „Ich habe mir ein anderes Vorgehen zurechtgelegt“, sagt er demonstrativ gelassen und bremst damit den Feuereifer des Generalstabschefs aus. „Wir stellen an Serbien die Forderung, gewisse Vereine aufzulösen, den Polizeiminister zu entlassen und dergleichen.“ Conrad weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll. „Den Polizeiminister werden die Serben ruhig wegschicken, das wirkt gar nichts“, erwidert er barsch, „zu wirken vermag nur die Gewalt!“ Als ob Berchtold noch nicht verstanden hätte, ruft ihm Conrad noch im Gehen zu: „Krieg, Krieg, Krieg!“ Zurück bleibt ein frustrierter Berchtold. Denn was Conrad noch nicht weiß: Schon vor ihrer Besprechung hat der ungarische Ministerpräsident Istvan Tisza auf Berchtold eingeredet – und Tisza will eine militärische Auseinandersetzung um jeden Preis verhindern… Wie er das anstellt, davon erzählt das Eulengezwitscher morgen.

Eulengezwitscher-Leseempfehlung zu Franz Conrad von Hötzendorf

Wolfram Dornik

Des Kaisers Falke

Wirken und Nach-Wirken von Franz Conrad von Hötzendorf

Erschienen im Studien Verlag im Dezember 2013. 280 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,90 €.


Für die meisten Biografen ist Franz Conrad von Hötzendorf der Buhmann der Julikrise. "Architekt der Apokalypse" hat ihn beispielsweise Lawrence Sondhaus genannt. Auch die der jüngst erschienenen Conrad-Biografie von Wolfram Dornik legt sich bereits im Untertitel fest: "Des Kaisers Falke" sei Conrad von Hötzendorf gewesen. Dennoch bestehen zwischen beiden (Vor-)Urteilen erhebliche Unterschiede, denn Dornik hält sich in Sachen Schuldzuweisung zurecht zurück. Er stellt Conrad von Hötzendorf nicht an den Pranger, sondern in seine Zeit: Die familiäre Prägung kommt ebenso zur Geltung wie der um die Jahrhundertwende gesamteeuropäisch akzeptierte Maßstab, in dem Krieg ein Mittel der Politik ist. Überhaupt konzentriert sich Dornik auf die großen politischen und militärischen Zusammenhänge, in denen Conrad  zu sehen ist. Das ist zweifellos eine berechtigte Perspektive, die viel beträgt zum Verständnis der nationalen und internationalen Verwicklungen, die sich in der Julikrise unlösbar ineinander verknoten. Für eine Biografie kommen allerdings manche Persönlichkeitsmerkmale etwas zu kurz: Die  merkwürdige Mischung aus Agresssivität, pathetischer Verkrampftheit und blinder Hingabe, die sich im Werben um Gina zeigen - und die sich im Generalstab in gewisser Weise fortsetzen. Lediglich formal sind dagegen vereinzelte Mängel im Lekorat zu beanstanden (z. B. angefangene Sätze, die abrupt abbrechen und anders formuliert neu beginnen). Dessen ungeachtet leistet Dorniks Conrad-Biografe einen nicht unerheblichen Beitrag zur Julikrisen-Diskussion: Die wichtigsten Studien (beispielsweise die Bücher von Christopher Clark und Sean Mceekin) sind penibel darauf bedacht, die jeweiligen Handlungsoptionen aller Großmächte gleichermaßen zu berücksichtigen und dem Leser das ganze Bild zu zeigen. Am Beispiel des beruflichen Wirkens des österreichischen Generalsstabschefs lässt  sich Dornik durchgängig auf einen Akteur ein: Er zeichnet ein gelungenes Bild der Bedürfnisse und Zwänge der Donaumonarchie gewissermaßen aus der Innenperspektive - das zeigt den dramatischen Druck, der auf einzelen Person gelastet hat, möglicherweise noch deutlicher. Angesichts dessen hätte aber auch eine stärker akzenturierte Persönlichkeitsanalyse weiteren Aufschluss gegeben...

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Gavrilo Princip: Die Schwarze Hand schlägt zu

Gavrilo Princip ermordet den österreichischen Thronfolger

http://humus.livejournal.com/2181956.html. Licensed under CC0
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Durch den Jubel der Menge peitschen zwei Schüsse. Es sind die ersten Schüsse des Ersten Weltkriegs. Abgefeuert hat sie Gavrilo Princip, ein 19 Jahre alter Gymnasiast – und glühender serbischer Nationalist. Princip ist kein geübter Schütze, aber das Schicksal kommt ihm zuhilfe: Der Fahrer des Auto, in dem der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie sitzen, biegt falsch ab und hält direkt vor Princip an, um zu wenden. Die erste Kugel trifft versehentlich Sophie in den Unterleib, die zweite findet ihr Ziel und zerfetzt Franz Ferdinands Halsvene. Erst als Princip sein blutiges Werk beendet hat, nimmt der Wagen wieder Fahrt auf und rast dem Arzt entgegen. „Sopherl, Sopherl, sterbe nicht“, flüstert der tödlich getroffene Kronprinz, „bleibe am Leben für unsere Kinder...“ Aber es ist zu spät, Sophie ist bereits ohnmächtig. Auch Franz Ferdinand verliert langsam das Bewusstsein. „Es ist nichts...“ sind seine letzten Worte. Derweil ist die wütende Menschenmenge bereits drauf und dran, Gavrilo Princip zu lynchen. Nur mit Mühe gelingt es den ebenfalls aufgebrachten Polizisten, den bereits schwer misshandelten Attentäter in Gewahrsam zu nehmen.

Gavrilo Princip wird am 25. Juli 1894 im bosnischen Gebirgsdorf Gornji Obljaj auf der Hochebene von Gravoho geboren. Seine Eltern sind Bauern, die hart arbeiten müssen, um halbwegs über die Runden zu kommen. Seine Mutter Nana hat sogar am Tag der Geburt noch auf dem Feld geschuftet. Trotzdem reicht es hinten und vorne nicht. Vater Pepo muss zusätzlich noch Post austragen - kein einfaches Unterfangen in der zerklüfteten Grenzregion. Neben der bitteren Armut gesellt sich der Tod allzu oft zu den Princips: Sechs von neun Kindern müssen Nana und Pepo früh begraben. Auch Gavrilo ist schmächtig, aber er beißt sich durch und schafft es als Jugendlicher nach Sarajewo. Dort will ihn sein älterer Bruder ausgerechnet zum Offizier der österreichisch-ungarischen Armee ausbilden lassen. Erst als ein Freund der Familie energisch dazwischengeht – „Willst Du ihn zum Feind unseres Volkes machen?“ – schickt ihn der Bruder dann doch lieber auf die Handelsschule. Dort verbringt Gavrilo Princip die Jahre, in denen er die österreichische Besatzungsmacht hassen lernt. 1908 annektiert die Donaumonarchie Bosnien und die Herzigowina, die sie zuvor bereits verwaltet hatte – verwaltet, aber eben nicht annektiert. Zu Princips Vorbild avanciert Bogdan Žerajić, der vor einiger Zeit ein erfolgloses Attentat auf den österreichischen Staathalter von Bosnien verübt hatte. Nachdem man Žerajić zum Tode verurteilt, hingerichtet und verscharrt hat, verbringt Princip ganze Nächte am Grab seines Idols. Zusehends gerät er in den Dunstkreis von den nationalistischen Zirkeln, deren Mitglieder von einem gesamtslawischen Großserbien träumen. Dafür, so poltern die einflussreichen Verschwörer in konspirativen Hinterstübchen, müsse man über Leichen gehen.

Alle Fotos lizensiert unter gemeinfrei
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Princip ist weniger ein Mann der großen Worte. Wovon die einen reden, das will er in die Tat umsetzen. Besonders vertraut plant er mit dem Sohn seiner Vermieterin in Sarajewo, Danileo Ilíc, und den Freunden Nedeljko Čabrinović und Trifko Grabež. Gegen die Besatzer hilft nur Terror - darin sind sich die drei schnell einig. Was wäre da besser geeignet als ein Mordanschlag gegen einen führenden Kopf der Donaumonarchie? Die meisten Serben würden das wohl gutheißen. Längst machen ursprünglich im Untergrund enstandenen nationalistische Bewegungen wie die „Narodna Odbrana“ (Volksvereinigung) keinen Hehl mehr aus ihrem Hass auf die Habsburger. Als man sich in Wien dieser Gefahr bewusst wird, sagt man der „Narodna Odbrana“ den Kampf an. Dabei übersehen die Österreicher die Schwesterorganisation „Ujedinjenje ili smrt“ (Vereinigung oder Tod), genannt Schwarze Hand, die sie dann auch nicht zu fassen bekommen. Dabei ist die Schwarze Hand wesentlich gefährlicher: Dass sie nach wie vor im Dunkel des Untergrunds operiert, verbirgt, dass zu ihren Angehörigen und Sympathisanten auch die politische Elite des Landes gehören. Ironischerweise ist der maßgebliche Strippenzieher, Dragutin Dimitrijević (genannt Apis), zugleich der Chef des serbischen Geheimdienstes. Sein engmaschiges Netzwerk an V-Leuten reicht von den einfachen Bahnbeamten und der Landbevölkerung über die höheren Dienstgrade von Militär und Verwaltung bis hinauf in die Regierung um Ministerpräsident Nikola Pasíc. Sie alle werden helfen oder zumindest nichts dagegen unternehmen, dass aus den dilettantischen Attentatsplänen von Gavrilo Princip und seinen Freunden ein logistisch professionelles Mordkomplott geformt wird. Zwar hatte man Princip einige Jahre nicht als Kämpfer für die großserbische Sache haben wollen, weil er zu schwach und zu schmächtig war. Aber wer den Österreichern auf eigene Initiative schaden will, den möchte man dann doch unterstützen.  

Foto: Baumi, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated
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Man versorgt die Attentäter mit Waffen aus den gerade zurückliegenden Balkankriegen, organisiert sie in Zellen, trainiert sie und schleust sie aus Serbien ins besetzte Bosnien. Sieben Attentäter erwarten den österreichischen Thronfolger, als der durch die Straßen von Sarajewo fährt. Trotzdem droht das Attentat zu scheitern. Zwei der jugendlichen Verschwörer verlässt in buchstäblich letzter Sekunde der Mut. Der dritte, Nedeljko Čabrinović, wirft zwar seine Bombe, aber Franz Ferdinand wehrt sie reaktionsschnell mit der Hand ab. Sie explodiert unter einem anderen Wagen. „Der Kerl ist verrückt“, erklärt der Thronfolger seinen aufgeregten Begleitern und lässt die Fahrt fortsetzen. Nach dem obligatorischen Empfang im Rathaus will Franz Ferdinand die Verletzten des ersten Anschlags im Krankenhaus besuchen und lässt das ursprünglich geplante Besuchsprogramm ändern. Das wird sein Verhängnis, denn die neue Route kommt nicht beim Fahrer an - und der biegt falsch ab. Alles andere ist tödliche Schicksalsgeschichte...

Auch die weitere Lebensgeschichte von Gavrilo Princip ist rasch erzählt, denn sie dauert nicht mehr lange. Die Österreicher machen ihm den Prozess, in dem er sich wacker schlägt. Er bereut, dass er versehentlich auch Sophie erschossen hat, bleibt aber ansonsten dabei, dass sein Attentat kein Mord, sondern ein persönliches Statement war. So gut er kann, verwischt er die Spuren seiner Hintermänner, die nach Belgrad führen – aber er kann es nicht gut. Nach dem Prozess verschwindet er in den dunkeln Kerkern der Kleinen Festung von Theresienstadt, wo er im April 1918 an Knochentuberkulose stirbt. Zu diesem Zeitpunkt wütet noch der Weltkrieg, dessen erste beide Schüsse er abgegeben hat und der nach einem dramatischen diplomatischen Intermezzo – der Julikrise – seinen Lauf genommen hat.

Eulengezwitscher-Lesetipp: Gregor Mayers Princip-Biografie

Eine Biografie über einen Teenager vom Lande über den man fast nichts weiß, der lange im Untergrund operiert und der in wenigen Sekunden  ins grelle Scheinwerferlicht der Weltgeschichte tritt, ist keine einfach Aufgabe. Gregor Mayer hat sie glänzend bewältigt. Sein historischer Essay "Verschwörung in Sarajewo" nimmt den Leser mit in die ärmlichen Bergregionen Bosniens an der Jahrhrundertwende. Ohne sich allzusehr in wissenschaftlichem und quellenkritischem Kleinklein zu verzetteln, taucht Mayer ein in die widrigen Lebensbedingungen, mit denen die Princips auf dem Balkan klar kommen müssen. Er hat mit Verwandten von Gavrilo Princip gesprochen und seinen Lebensweg in einer geschickten Balance von "so war es" und "so hätte es sein können" nachgezeichnet.  Es liegt auf der Hand, dass es keine Aufzeichungen über konspirative Treffen und Gespräche gibt, aber die semifiktionalen,  szenischen Schilderungen, in denen Mayer Princip bei der Attentasplanung über die Schulter schaut, sind ein klug gewähltes Stilmittel: Man lernt einen Gavrilo Princip in seiner Lebenswelt kennen, der in seinen Nöten, Überzeugungen und Taten plausibel gezeichnet und gewissermaßen zwischen Buchdeckeln auflebt. Dass sich Mayer auf 160 Seiten beschränkt, tut seiner Biografie keinen Abbruch - im Gegenteil. Hier hat ein sachkundiger Journalist eine längere Reportage geschrieben, die fesselt, fasziniert - und ein wenig verstört. Denn bei aller Abscheu gegenüber Attentaten gelingt es Mayer, gewisse Sympathien für Gavrilo Princip zu wecken...

Gregor Mayer

Verschwörung in Sarajewo

Triumph und Tod des Attentäters Gavrilo Princip

Erschienen im Residenz-Verlag im Februar 2014. 160 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,90 €.


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Franz Ferdinand: Das letzte Manöver

Österreich-Ungarns Thronfolger Franz Ferdinand inspiziert die kaiserlich-königlichen Truppen im annektierten Bosnien

Josef Vinzens Jahudka. Lizenziert unter Gemeinfrei
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Dem Thronfolger der Habsburgermonarchie gefällt, was er sieht. Sein Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf (rechts) hat ganze Arbeit geleistet. Durch den Fernstecher beobachtet Erzherzog Franz Ferdinand zufrieden, wie sich die Soldaten des 15. und 16. Korps der österreichisch-ungarischen Truppen unweit von Sarajewo für den Ernstfall wappnen. Erst im vergangenen Jahr hat der greise Kaiser Franz Joseph I. seinen Neffen zum Generalinspektor der gesamten bewaffneten Macht ernannt. Seither obliegt es Franz Ferdinand, die größeren Manöver im Vielvölkerreich abzunehmen. Zu diesem Zweck ist er auch nach Bosnien gereist, das seit über dreißig Jahren von Österreich verwaltet und 1908 endgültig annektiert worden ist. Für Franz Ferdinand und für Österreich wird es das letzte Manöver sein. Der Thronfolger hat nur noch einen Tag zu leben und mit seinem gewaltsamen Tod in Sarajewo wird ein diplomatisches Drama seinen Lauf nehmen, an dessen Ende die militärischen Übungen dem Ernstfall des Weltkriegs weichen müssen.

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Franz Ferdinand ist kein geborener Kronprinz. Er kommt 1863 als Nummer Drei der Thronfolge zur Welt. Sein Vater, Karl Ludwig, ist der Bruder von Kaiser Franz Joseph I. Dessen Nachfolge soll einmal der eigene Sohn Rudolf antreten. Aber wie es sich für einen Habsburger-Spross gehört, durchläuft auch der Kaiserneffe Franz Ferdinand eine standesgemäße Ausbildung in Sprachen, Religion und Militär. Noch mehr prägt ihn eine ausgedehnte Weltreise, bei der er fremde Völker und politische Systeme studiert. Das alles ändert wenig daran, dass er eine Stand-By-Karriere zu erwarten hat. Franz Ferdinand vertreibt sich die Zeit mit der Jagd. Da er viel Zeit hat, erlegt er viel Wild. In seinen Tagebüchern dokumentiert er über eine Viertelmillion Abschüsse. Das sorgt für einiges Kopfschütteln in der Bevölkerung und am Hof – selbst in einer Zeit, in der die Jagd ein klassisches Adelshobby ist. Dann aber schrecken fatalere Schüsse das Haus Habsburg auf: Kronprinz Rudolf erschießt seine Angebetete und nimmt sich anschließend das Leben. Franz Ferdinands Vater hegt keine Ambitionen auf den Thron und plötzlich ist er selbst der Neffe des Kaisers der Anwärter auf den Job des Herrschers.

In Wien ist man nicht begeistert. Weder der Hof noch die Bevölkerung hegen große Sympathien für den kommenden Kaiser. Franz Ferdinand steht im Ruf, ein humorfreier Grantler zu sein, der das gemütliche Habsburgerreich der Kaffeehäuser mit harter Hand führen und umkrempeln wird. In der Tat sammelt Franz Ferdinand nicht nur militärische Strategen um sich, die die verrostete Armee auf Vordermann bringen sollen. Auch Politikberater, die über den Tag hinaus denken, gehören zu seinem Team. Insbesondere die Ungarn sind argwöhnisch, weil der erzherzogliche Think Tank deren Sonderstellung im Vielvölkerreich hinterfragt. Im Schloss Belvedere schmiedet man Pläne (manche denken sogar an die Vereinigten Staaten von Großöstereich), in denen auch die Slawen besser integriert werden. Ein glühender Demokrat ist Franz Ferdinand jedoch keineswegs, ganz im Gegenteil: Er will mit modernen Mitteln (technisch wie administrativ) die schwächelnde Monarchie und das monarchische Prinzip stabilisieren.

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Das dynastische Reinheitsgebot in Sachen Ehe empfindet Franz Ferdinand dagegen als überkommenes Relikt des 19. Jahrhunderts. Die Frau an seiner Seite wählt er weder aus politischen Motiven, noch mit Rücksicht auf den Standesdünkel. Er liebt Sophie Chotek und nur deshalb heiratet er die tschechischen Landadelige (und ehemalige Hofdame) am 28. Juni 1900 (genau 14 Jahre vor dem Attentat von Sarajewo). Der Kaiser ist außer sich. Franz Joseph I. hat sein Amt von Gottes Gnaden immer mehr geachtet als seine persönlichen Bedürfnisse und Gefühle. Das erwartet er auch von seinem Nachfolger. Aber Franz Ferdinand, mag er dienstlich auch noch so ein harter Hund sein, ist privat ein ausnehmend liebevollerer und fürsorglicher Familienvater, dem sein Sopherl und seine drei Kinder Sophie, Maximilian und Ernst mehr bedeuten als der Staat. Wenn er die Türen seiner Privatgemächer hinter sich schließt, bleiben amtliche Sorgen draußen. Das  bestraft der Kaiser: Sophie wird oft vom Hofprotokoll gedemütigt, bei öffentlichen Auftritten ist sie nicht an der Seite ihres Mannes. Die gemeinsamen Kinder werden von der Thronfolge ausgeschlossen.

Lediglich auf Auslandsreisen kann sich das Paar auch als Paar geben. Deshalb freuen sich die beiden auch auf ihren Besuch in Sarajewo, der sich unmittelbar an die erfolgreichen Manöver anschließt. Am frühen Nachmittag des 27. Juni 1914 (heute vor 100 Jahren) schlendern Franz Ferdinand und Sophie gemütlich über den Markt des bosnischen Landeshauptstadt und freuen sich über den angenehmen Empfang vor Ort: "Wo immer wir waren", schreibt Sophie nach Hause, "haben uns alle, bis auf den letzten Serben, mit solcher Freundlichkeit, Höflichkeit und echter Wärme begrüßt." Nicht alle Serben meinen es gut mit dem Thronfolgerpaar. Der junge serbische Nationalist Gavrilo Princip ist den beiden unauffällig gefolgt. Während Franz Ferdinand zwischen Obst- und Gemüseständen Hände schüttelt, warten Princip und seine Mitstreiter schon darauf, ihn am nächsten Tag beim offiziellen Bad in der Menge erschießen zu können... Alles zum Attentäter gibt's morgen im zweiten Teil des Eulengezwitscher-Extras zur Juli-Krise...

Eulengezwitscher-Lesetipp: Alma Hannigs Franz Ferdinand-Biografie

Die Bonner Historikerin Alma Hannig hat eine angenehm ausgewogene Biografie über den Thronfolger vorgelegt. Ihr Augenmerk liegt weniger auf den privaten Eskapaden und den Franz-Ferdinand-Mythen, sondern mehr auf dessen politischer Laufbahn. Auch wer nur eine Kurzbiografie über Franz Ferdinand lesen möchte, wird in Hannigs Buch fündig, denn schickt einem anlytischen Teil zu konkreten Eigenschaften und Eigenarten, Politikfeldern und Positionen des Thronfolgers eine knappe Lebensgangbeschreibung voraus. Dass Alma Hannig aus der Wissenschaft kommt, merkt man ihrer Franz Ferdinand-Biografie nur in der Liebe zum Detail und in der gründlichen Recherche an - nicht aber im Schreibstil. Damit öffnet sie das Leben und Wirken des Thronfolgers einem breiteren Publikum.

Alma Hannig

Franz Ferdinand

Die Biografie

Erschienen bei Almathea Signum Verlag im Oktober 2013. 352 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,95 €.


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Sonia Sotomayor: Ein biografischer Hürdenlauf ins Oberste Gericht

Die US-Richterin Sonia Sotomayor legt ihre Memoiren vor

Foto: Collection of the Supreme Court of the United States, Steve Petteway source
Foto: Collection of the Supreme Court of the United States, Steve Petteway source

Die Personalie Sonia Sotomayor ist in den USA ein Politikum. Als Präsident Barack Obama sie vor fünf Jahren für den Obersten Gerichtshof nominiert hat, hat das politische Washington die Stirn gerunzelt: Ist Sotomayor nur eine Quotenfrau, die mit ihren puertoricanischen Wurzeln auch noch die Latinos mitabdecken soll? Auf den politischen Trubel um sich geht Sotomayor kaum ein. Stattdessen erzählt sie von dem biografischen Hürdenlauf, der sie in den Supreme Court gebracht hat. Ein reíner Karrierebericht oder politische Abrechnungen würden ihrem Leben auch nicht gerecht werden. Sie hat alle biografischen Hürden als Herausforderungen angenommen und sich auf einen Lebensweg gemacht, der über schwierige Familienverhältnisse, gesundheitliche Schicksalsschläge und Einwanderer-Vorbehalte aus einem Hinterhof in der Bronx ins politische Washington führt. Heute feiert sie ihren 60. Geburtstag - Grund genug, einen Blick in ihre jüngst bei C.H. Beck erschienene Autobiografie "Meine geliebte Welt" werfen.

Sonia Sotomayor

Meine geliebte Welt

Erschienen bei C.H. Beck im Februar 2014. 349 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,95 €.


Sonia Sotomayor ist am 25. Juni 1954 in New York geboren. Ihre Eltern sind auf der unterschiedlichen Wegen, aber auf der gemeinsamen Suche nach einem besseren Leben aus Puerto Rico in die Bronx gekommen. Mit Sonia scheint es das Leben zuerst einmal nicht gut zu meinen: Weil der  Vater kaum Englisch spricht, redet man zuhause nur Spanisch.  Auch beruflich läuft es nicht rund für den Vater: Als seine Firma (eine Spielzeugfabrik) pleite macht, ist er auf Jobs angewiesen, die ihm alle Kraft rauben und er verfällt dem Alkohol. Die Mutter ist von der Heilsarmee zur Hilfsschwester ausgebildet worden. Sie flüchtet sich vor dem zugrundegehenden Vater in die Arbeit oder zu Freunden; aber sie bleibt bei ihrem Mann, bis der sich zu Tode gesoffen hat. Fast zeitgleich - Sonia ist acht Jahre alt - diagnostiziert man bei ihr Diabetes. Das ist den 1960er Jahren keine harmlose Angelegenheit, denn noch sind Insulinspritzen in der Heimapotheke nicht selbstverständlich:

Aber die Krankheit erzeugte in mir auch jene Art frühreifer Selbstständigkeit, wie sie nicht untypisch ist bei KIndern, die die Erwachsenen um sie herum als unverlässlich erleben.

Mit dem Tod des Vaters wird diese Selbstständigkeit überlebenswichtig, denn die Mutter zieht sich monatelang in ihre Trauer zurück und ist kaum ansprechbar. Erst als Sonia und ihr Bruder die Mutter vehement in die Pflicht nehmen, kommt sie wieder in die Pushen und krempelt ihr Leben um: Nun wird endlich Englisch gesprochen, was sich als Segen für die Integration der Kinder entpuppt. Denn jetzt versteht Sonia, was man in der Schule von ihr will. Mit fürsorglicher Unterstützung ihrer Lehrer lernt sie die akademische Bildung als Voraussetzung für sozialen Aufstieg schätzen. Neben dem Debattierklub setzt sie vor allem ihrer Geschichtslehrerin Miss Katz in ihrer Autobiografie ein Denkmal:

Ihre Forderung nach einer kritisch-analytischen Herangehensweise blieb abstrakt, wenngleich verlockend. Zwar schnitt ich nicht schlecht ab bei ihr, aber ich musste bis zum Studium warten, ehe mir so recht klar wurde, was sie gemeint hatte.

Auf dem Weg an die Uni wird ihr das Glück der Tüchtigen zuteil: Weil Amerika gerade mit seiner sozialen Diskriminierung aufräumt, schafft sie es im Zuge der genannten "Affirmative Action" nach Princeton und Yale. Das Mädchen aus der Bronx durchläuft eine Eliteausbildung zur Juristin, die ihr (nach einer längeren Station bei der New Yorker Staatsanwaltschaft) die Türen zu erfolgreichen Anwaltskanzleien öffnet (trotz einiger gescheiterter Bewerbungen). Das große Geld aber reizt Sonia Sotomayor nicht so sehr wie die großen Aufgaben: Deshalb nimmt sie als Partnerin bei Pavia & Harcourd ihren Abschied, um Richterin zu werden. Das ist ihr Lebensziel und sie verfolgt es um des verantwortungsvollen Amtes willen. Ihre Memoiren schreibt sie nicht als selbstverliebte Karrierejuristin. Ihr Anliegen ist es, den Prozess ihrer Selbstwerdung zu schildern, der sich bei ihr weniger im Job als in der Persönlickeit vollzieht. Ganz nebenbei entpuppt sich Sonia Sotomayor als passionierte Mutmacherin: Denn wer ihre Memoiren als Integrationsgeschichte lesen will, der darf sich auf trotz aller Widrigkeiten auf eine fröhliche Erfolgsstory freuen.

Fazit: Sonia Sotomayors Autobiografie "Meine liebte Welt" liest sich wie ein modernes amerikanisches Märchen mit tristem Beginn und offenem Happy End: Denn Sonia Sotomayor berichtet aus mehr aus ihrem Leben als aus ihrem Job: Für noch mehr spannende Gerichtsfälle aber kann man getrost auf die zahllosen Krimis in den Buchregalen verweisen - eine soziale Aufsteigerstory aus selbstreflektierter Perspektive ist dagegen selten. Sonia Sotomayor hat sie geschrieben und gezeigt, weil erfolgreich Integration sein kann, wenn alle Beteiligten an ihr interessiert sind.

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Der Jahrhundertstreit: Wer verantwortet 1914?

Eulengezwitscher-Extra: Die Julikrise und der Kriegsausbruch

Schuldfragen sind ewige Fragen. Das gilt auch für Frage nach der Schuld am Kriegsausbruch vor 100 Jahren. Die Historiker von heute (allen voran der viel beachtete Christopher Clark) beteuern zwar unermüdlich, dass sie lediglich die komplexen Zusammenhänge der Julikrise von 1914 erhellen wollen. Trotzdem dreht sich letzten Endes doch alles darum, wer die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu verantworten hat: Aus biografischer Perspektive stellt sich diese Frage etwas anders: Was waren das für Männer, die im Sommer 1914 als Hauptdarsteller eines diplomatischen Dramas die Welt in den Krieg führten? Einige dieser Männer wird ein Eulengezwitscher-Extra vorstellen: In historischer Echtzeit erzählt der Biografien-Blog zwischen dem 27. Juni und dem 3. August 2014 von Männern, die Weltkriegsgeschichte gemacht. Im Vorfeld stellt das Büchergezwitscher die Grundlagenwerke und Biografien, auf denen das bislang umfangreichste Eulengezwitscher-Extra aufbaut: Los geht's heute mit der Gesamtdarstellung von Sean McMeekin, die zu Unrecht im Schatten des monumentalen Werks "Die Schlafwandler" von Christopher Clark steht.

Sean McMeekin

Juli 1914

Der Countdown in den Krieg

Erschienen im Europa Verlag Berlin. 512 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 29,99 €.


Cristopher Clark

Die Schlafwandler

Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Erschienen bei der Deutschen Verlags-Anstalt im September 2013. 896 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 39,99 €.


Dass man im Sommer 2014 wieder über die Julikrise und die Kriegsursachen diskutieren würde, war abzusehen. Wie leidenschaftlich aber 100 Jahre nach dem diplomatischen Drama und 50 Jahre nach der Fischer-Kontroverse um die deutsche Hauptschuld wiederum gestritten wird, ist eine angenehme Überraschung - und ein Verdienst des australischen Historkers Christopher Clark, der die Debatte im vergangenen Herbst mit seiner viel beachteten Studie zu den mittelbaren und unmittelbaren Kriegsursachen angestoßen hat. Ohne die die Mitverantwortung der deutschen Führung in Zweifel zu ziehen, nimmt er auch die französischen, russischen und englischen Diplomaten in die Pflicht. Ohne die große Leistung dieses Buches zu schmälern: Mitunter verstellt es den Blick auf andere jüngst erschienene Gesamtdarstellungen zur Julikrise, so zum Beispiel die von Sean McMeekin:

Titel und Untertitel sind exzellent gewählt: Sean McMeekin verzichtet  in "Juli 1914" auf weitschweifige Exkurse (anders als Christopher Clark) und konzentriert sich auf die Prozesse und Protagonisten des diplomatischen Spiels mit dem Feuer. Der Untertitel, der vom "Countdown in den Krieg" spricht, lässt einen einen fesselnd und flüssig geschriebenen Krimi erwarten - und dieser Erwartung erfüllt McMeekin vollauf. Die chronologische Darstellung ist in Sachen Julikrise die beste Wahl, da der dramaturgische Bogen durch die Abfolge der Ereignisse bereits gegeben ist. Während Christopher Clark, dessen Darststellung mehr als doppelt so viele Seiten umfasst, immer wieder weit zurückgreift und unzählige Vorgeschichten einbringt, gelingt es McMeekin besser, die Balance aus analytischer Tiefe und mitreißender Textgestaltung zu finden. Dabei verzichtet er keineswegs auf notwendige Erklärungen von historischen Zusammenhängen und auf biografische Skizzen der handelnden Persönlichkeiten. Wie sehr McMeekin um die Bedeutung der Männer weiß, über die er schreibt, zeigt sich an dem umfassenden Personenregister, mit der das Buch eröffnet. Das ist hilfreich, denn einem guten Krimi steht es schlecht zu Gesicht, wenn die Leser den Überblick verlieren - und das kann schon mal vorkommen in den komplexen Verwicklungen, durch die sich die Julikrise auszeichnet. McMeekins Personenregister beugt dem erfolgreich vor. Wünschenswert wäre allerdings auch eine entsprechende Chronik der Ereignisse gewesen, die er leider nicht mitliefert. Dafür sind die meisten 25 Kapitel an einzelnen Tagesgeschehnissen ausgerichtet, was zumindest eine gewisse zeitliche Orientierung erlaubt. Und die Schuldfrage? Auch McMeekin kommt nicht umhin, dass seine Darstellung der Julikrise Antworten auf diese Frage erahnen lässt. In diesem Punkt profitiert er von Christopher Clark. Der hatte Deutschland zumindest indirekt von der Hauptschuld freigesprochen und die Verantwortung gleichmäßiger auf die Diplomaten und Politiker aus Österreich-Ungarn, Deutschland,  Russland, Frankreich und England gelegt. McMeekin kommt zu ähnlichen Ergebnissen, nimmt dabei aber vor allem die Russen und Franzosen in den Blick. Er  interpretiert die frühe russische Mobilmachung (mit franzözischer Rückendeckung) als klare Entscheidung zum europäischen Krieg. Ganz abgesehen zeigt sich auch in McMeekins Deutung der Schuldfrage die besondere Verantwortung der Menschen:

Alle diese welterschütternden Ereignisse waren von Menschen verschuldet. Deshalb unterliegen sie völlig zu Recht der Beurteilung durch menschliche Maßstäbe.

Fazit: Sean McMeekins Darstellung der Julikrise von 1914 überzeugt. Im Vergleich mit den den bislang vorgelegten Werken (u. a. von Christopher Clark und Gerd Krumeich) besticht sie durch eine ausgewogene Balance von analytischer Tiefe und spannendem Erzählstil. Ohne langatmige Exkurse bleibt McMeekin bei der Sache und schreibt einen historisch fundierten Krimi über das diplomatische Drama, an dessen Ende der Weltkrieg steht.

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Wolfgang Bosbach: Konservativ ist cool

Anna von Bayern hat eine Biografie über Wolfgang Bosbach vorgelegt

„2014-09-11 - Wolfgang Bosbach MdB - 7946“ von Foto: Sven Teschke /. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2014-09-11_-_Wolfgang_Bosbach_MdB_-_7946.jpg#/media/File:2014-09-11_-_Wolfgang_Bosbach_M

Anna von Bayern ist als politische Biografin vorbelastet. Ihre Hommage an den einstigen Shootingstar Karl-Theodor zu Guttenberg und seinen Adelsglanz fiel durch, noch ehe Guttenberg selbst stürzte. Jetzt hat Anna von Bayern eine neue Biografie vorgelegt. Dieses Mal hat sie über einen Anti-Guttenberg geschrieben: Wolfgang Bosbach. WoBo glänzt nicht mit Adelstiteln, sondern mit Bürgernähe. Er ist kein schillernder Popstar der Berliner Republik, sondern ein unprätentiöser und skandalfreier Fach- und Sachpolitiker der zweiten Reihe - und Wolfgang Bosbach ist todkrank. Gerade erst hat er wegen seiner Krebserkrankung die Arbeit als Anwalt aufgegeben. All' das sind gute Gründe für eine außergewöhnliche Politiker-Biografie, die - um es vorwegzunehmen - auch außergewöhnlich gut gelungen (wenn auch unkritisch) ist.

Anna von Bayern

Wolfgang Bosbach

JETZT ERST RECHT!

Erscheint bei Heyne im Frühjahr 2014. 240 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,99 €.


So kann eine Biografie beginnen: Es menschelt von der ersten Seite an. Allerdings ist es eine menschliche Tragödie, die den Leser mitten hinein ins Leben von Wolfgang Bosbach katapultiert: Der Vollblutpolitiker erfährt, dass sein Prostatakrebs unheilbar ist. Anna von Bayern, die das Schreiben unter anderem bei der BILD am Sonntag gelernt hat, beherrscht ihr Handwerk: Die schlechte Diagnose schildert sie szenisch, ohne jedoch niedere voyeuristische Instinkte zu bedienen. Im Gegenteil: Bosbach geht selbst ausgesprochen offensiv mit seiner Erkrankung um. Über den Krebs spricht er auch in Talkshowstudios (die für ihn ohnehin eine ganze Reihe zweiter Wohnzimmer sind). Der Kämpfertyp Bosbach begegnet dem Krebs mit offenem Visier. Aus der Hiobsbotschaft erwächst der titelgebende Trotz: Jetzt erst recht! 

© BamS/Klaus Becker
Anna von Bayern

Das gilt bei schon verloren geglaubten Tennisspielen (Bosbach ist begeisterter Sportler), vor allem aber für seine Arbeit als CDU-Bundestags-abgeordneter. Bosbach ist ein geschätzter Innen- und Rechtspolitiker (auch über Parteigrenzen hinweg), der weder aus seinem Herzen noch aus seinem Gewissen eine Mördergrube macht. Bestes Beispiel: Der fraktionsinterne Krach um den Euro-Rettungsschirm, dem Bosbach die Zustimmung verweigert, was ihm eine harsche Beleidigung des Partei-freundes und damaligen Kanzleramtsministers Ronald Pofalla einbringt. Auch diese verbale Entgleisung steht am Anfang des Buches. Sehr geschickt holt Anna von Bayern ihre Leserinnen und Leser mit den Anekdoten ab, die man am ehesten von Bosbach kennt, um anschließend seine politischen Positionen und seine Verwurzleung in den christlich-demokratischen Werten abzuarbeiten. Dann erst wendet sie sich der Herkunft und der politischen Laufbahn ihres Protagonisten zu. Dieser Aufbau überzeugt - vor allem in der Biografie eines Politikers aus der zweiten Reihe, die von einem solchen "Ach-der-ist das-Effekt!" profitieren kann. 

Umso spannender ist es, Bosbachs Werdegang nacherleben zu können. Das erlaubt der flotte Reportage-Stil, den Anna von Bayern die gesamte Biografie über durchhält: Bosbach ist 1952 in Bergisch-Gladbach geboren, seither rheinische Frohnatur und leidenschaftlicher Karnevalist (WoBo war sogar mal Prinz). Ausbildung im Einzelhandel, Aufstieg bis zum Supermarktfilialleiter, Abi und Juratudium auf dem zweiten Bildungsweg, Arbeit als Rechtsanwalt. Parteipolitisch seit der  Jugend engagiert (JU und CDU), 1994 wird er erstmals direkt in den Bundestag gewählt. All' das erzählt die Biografin aus großer Nähe. Sie hat Bosbach bis in den Mallorca-Urlaub begleitet und leiht ihm in dem Buch gewissermaßen ihre Formulierungskünste. Kritisch ist die Biografie jedenfalls nicht - zumindest nicht in Bezug auf Bosbach. Andere kommen deutlich schlechter weg. Die Bundeskanzlerin beispielsweise. Angela Merkel hat  Bosbach nie in eines ihrer Kabinette berufen, obwohl er immer wieder als Innen- und Jusizminister gehandelt wird und auch eigene Ambitionen hat. Anna von Bayern vermutet, dass der konservative Bosbach nicht so wichtig auf Merkels Weg in die politische Mitte ist. Bosbach ist ein konservativer Christdemokrat - keine Frage. Aber wer wie er zum 50. Geburtstag die "Höhner" einlädt, ist durchaus mittetauglich - und cool. Bosbach selbst trägt seine Enttäuschung über den versagten Regierungsposten mit Fassung und nicht nach außen. Seine Biografin findet dagegen harsche Worte:

Ihre Charaktere bleiben sich fremd: Sie, die kühle protestantische Machttektonikerin, er der warmblütige katholische Rheinländer. Vielleicht fremdelt die aus gutbürgerlichem Hause stammende Merkel auch mit dem Aufsteiger Bosbach, dem die Liebe zu Richard Wagner nicht in die Wiege gelegt wurde.

Fazit: Jetzt erst recht! ist eine erfrischende andere Politiker-Biografie - so erfrischend anders wie Wolfgang Bosbach im politischen Betrieb. Obwohl er bislang kein großes Regierungs- oder Parteiamt innehat(te), stehen sein rheinischer Frohsinn, seine Prinzipienfestigkeit und seine Fachkompetenz der Berliner Republik gut zu Gesicht. Anna von Bayern hat mit WoBo eine kluge Wahl getroffen - und dieser Protagonist verzeiht sogar die gelegentlich fehlende kritische Distanz seiner Biografin.

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Gerhard Schröder: Der Agendasetter

Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) feiert heute seinen 70. Geburtstag

Foto: André Zahn, Lizenz:  CC-BY-SA-2.0-DE
Foto: André Zahn, Lizenz: CC-BY-SA-2.0-DE

Er war der Basta-Kanzler: Gerhard Schröder. Das spüren vor allem seine Parteigenossen und der grüne Koalitionspartner. Denn Schröder verdrängt nicht nur Helmut Kohl nach sechzehn Jahren von der Macht. Von Anfang an lässt er keinen Zweifel daran, dass er seine Richtlinienkompetenz mit niemanden teilt. Als erstes trifft es Oskar Lafontaine, der sich selbst als starken Mann im künftigen Kabinett wähnt. Schon in den Koalitionsverhandlungen verweist Schröder Lafontaine so barsch in seine Schranken, dass der vermeintliche Schattenkanzler in Tränen ausbricht (sehr lebhaft geschildert im Spiegel-Buch 'Operation Rot-Grün', siehe links). Auch als Finanzminister hat Lafontaine wenig Freude mit Schröder. Wenn er ein wirtschaftspolitisches Positionspapier ins Kanzleramt schickt, kommt es mit Vermerk "Quatsch" zurück. Wiederholt derart vorgeführt wirft Lafontaine hin und zieht sich schmollend ins Saarland zurück. Diese Personalie nimmt auch den Politikwechsel vorweg, den Schröder der Sozialdemokratie und den Grünen zumutet. Statt idealisierter Sozialromantik betreibt der Kanzler der ersten rot-grünen Koalition Realpolitik mit starker Hand. Ohne Rücksicht auf die grüne Basis zieht die Bundeswehr unter Schröder erstmals wieder in den Krieg: 


Die deutsche Luftwaffe beteiligt sich an Angriffen im Kosovo. Auch innenpolitisch spricht der Kanzler Tacheles. Ausgerechnet beim Gewerkschaftskongress, wo sie ihm die geplante Riesterrente ausreden wollen, spricht Schröder sein berühmtes Machtwort: "Es ist notwendig und wir werden es machen. Basta!" Am Kabinettstisch stutzt er den Koaltionspartner zurecht, wenn getroffene Abmachungen dem ihm Wege stehen, was er unter Pragmatismus versteht: "Der Koalitionsvertrag ist ja keine Bibel", erklärt er seinen verdutzten Ministern. Auf internationaler Bühne deutet Schröder schriftlich an, wie er in Deutschland den Arbeitsmarkt und die Sozialgesetzgebung zu reformieren gedenkt: Das Schröder-Blair-Papier ist das Wetterleuchten der Agenda 2010. Dieses Reformpaket polarisiert auf merkwürdige Weise. Der linke Flügel der eigenen Partei kann nicht glauben, dass Schröder über die Lockerungen des Kündigungsschutzes und  Hartz IV auch nur nachdenkt. Ausgerechnet der Ur-Sozi Gerd, der in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen ist und sich aus eigener Kraft in Beruf und Partei nach oben gearbeitet hat (als Hobbykicker beim TuS Talle haben sie ihn "Acker" gerufen). Ausgerechnet Gerhard Schröder also verpatzt die vermeintlich historische Chance, die ein rot-grünes Regierungsbündnis mit sich bringt. Dabei wird Schröders Leistung selbst vom politischen Gegner gewürdigt. "Gerhard Schröder hat sich um Deutschland verdient gemacht", lobt Angela Merkel ihren Vorgänger im Kanzleramt. Das schmerzt eingefleischte Sozialdemokraten. Schröders Basta-Politik mag dem Land genutzt haben, die Partei leidet bis heute darunter.

Foto: Paul Morse/Weißes Haus, Lizenz: gemeinfrei
Foto: Paul Morse/Weißes Haus, Lizenz: gemeinfrei

Nicht nur die eigene Basis bekommt Schröders Dickkopf zu spüren. Auch dem mächtigsten Mann der Welt bietet er die Stirn. Zwar darf sich US George W. Bush unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 an der "uneingeschränkten Solidarität" des deutschen Kanzlers freuen. Soldaten schickt Schröder allerdings nicht, als die Weltmacht gegen den Irak marschiert. Das trübt das transatlantische Verhältnis, aber es beschert Rot-Grün eine zweite Legislaturperiode.  Der wiedergewählte Kanzler bleibt seiner Basta-Linie treu. Nach einer Reihe verlorener Landtagswahlen lässt er Franz Müntefering Neuwahlen ankündigen - dabei gibt es dazu eigentlich keine verfassungsrechtliche Grundlage. Nur der Bundespräsident kann den Bundestag auflösen, beispielsweise, wenn ein Kanzler eine Vertrauensabstimmung absichtlich verliert. Das ist für Schröder eine leichte Übung, aber die Wähler lassen sich nicht täuschen. Sie wählen Rot-Grün ab und bereiten einer Neuauflage der Großen Koalition den Boden. Das ist bereits am Wahlabend allen klar. Allen, außer dem Basta-Kanzler. Noch einmal poltert Schröder auf der großen Bühne der Elefantenrunde (siehe Clip).

Von Gerhard Schröders Amtszeit bleibt die überfällige und notwendige Agenda 2010, die dem Land genutzt, aber seiner Partei geschadet hat - wie so manche Geste des Basta-Kanzlers. Dass er sich kurz nach seiner Wahl in Briono-Anzüge und mit Cohiba-Zigarren ablichten ließ, war nicht hilfreich. Auch als Bundeskanzler außer Dienst hat er seine Parteigenossen in Erklärungsnöte gebracht - Vor allem durch seine engen Beziehungen zum russischen Machthaber Wladimir Putin, den er als "lupenreinen Demokraten" bezeichnet hat und durch dessen Freundschaft er einen lukrativen Aufsichtsratsposten in der russischen Gaswirtschaft übernommen hat. Dessen ungeachtet bleibt Schröder auch der Kanzler, der Rot-Grün möglich gemacht hat. Erst auf Landesebene (als Ministerpräsident in Niedersachsen), dann im Bund.

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Oskar Lafontaine: Demokrat und Sozialist

Robert Lorenz' biografischer Essay über Oskar Lafontaine

By Fraktion DIE LINKE. im Bundestag [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Dieses Buch ist die vorläufige Rückschau auf ein gewaltiges politisches Leben. Eine Rückschau ist es, weil der Porträtierte von der Berliner Bühne abgetreten ist. Vorläufig ist die Rückschau, weil  sie von Oskar Lafontaine berichtet - und bei dem kann man nie wissen, ob und wann er wieder in die erste Reihe drängt. Das ist auch einer der Gründe, warum Robert Lorenz sein Buch als "Porträt eines Rätselhaften" bezeichnet. Diesem Rätsel geht er mit einem biografischen Essay nach, einem Format, das vielversprechend daherkommt: Ein gut lesbarer  Text mit der analytischen Tiefe einer renommierten Parteienforscherschmiede.

Robert lorenz

Oskar Lafontaine

Die Biografie

Erschienen bei Monsenstein und Vannerdat im Juli 2013. 196 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 11,80 €.


Robert Lorenz kann seine akademische Herkunft nicht verleugnen. Der Autor arbeitet am Göttinger Institut für Demokratieforschung, dass vom Politikprofessor Franz Walter geleitet wird. Eines von Walters Markenzeichen (neben der unverwechselbaren Frisur) ist die gleichermaßen pointierte und fundierte Politik(er)analyse. Mit seinem Lafontaine-Buch eifert ihm Robert Lorenz genau darin nach. Allerdings hat er Walters stilistische Geschliffenheit noch nicht ganz erreicht (beispielsweise beginnen sehr viele Sätze mit Und). Auch sein Umgang mit Methoden und Selbstverständnis wirkt nicht ganz so leicht und spielerisch wie beim routinierten Walter. So tastet sich Lorenz ein wenig unbeholfen an den Charakter des eigenen Textes heran. Als klassische Biografie will er sein 200-Seiten Buch schon wegen des geringen Umfangs nicht verstanden wissen (warum eigentlich? - es gibt sehr gute kurze Biografien). Auch eine streng wissenschaftliche Studie sei sein Buch nicht (Lorenz stützt sich tatsächlich sehr stark auf Presse- und Onlinequellen). Dennoch liefert er eine recht wissenschaftstypische Legitimation umreisst den Forschungsstand, erläutert die Relevanz biografischer Arbeiten im Allgemeinen und zieht die  Biografiewürdigkeit Lafontaines im Speziellen als Begründung heran. Auch im weiteren Verlauf des Buches ist der essayistische Stil häufig vom sozialwissenschaftlichen Duktus durchbrochen:

Während des Studiums traf Lafontaine auf vielfältige Sozialkontakte, die ihm Einblicke in unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft gewährten. [...] Diese Phase seines Lebens gab ihm die Gelegenheit, reichlich gesellschaftliches Kontextwissen zu sammeln [...].

Zwar dröselt Lorenz akribisch den Werdegang und die Persönlichkeit seines Protagonisten auf, es fehlt ihm aber etwas der Mut, Lafontaine in all' seinen Launen, seinem Temperament, seiner Begeisterungsfähigkeit, seinem teils herrischen Umgang und seiner mangelnden Kritikfähigkeit aufleben zu lassen. Ein bisschen mehr Reportageelemente hätten dem Text gut getan. Von solchen Unsicherheiten im essayistischen Schreiben darf man allerdings nicht auf die Qualität der politischen Analysen schließen, mit der Robert Lorenz Lafontaine enträtselt. In dieser Hinsicht enthält das Buch einen kleinen Bruch. Etwas enttäuschend und knapp gehalten sind der politische Aufstieg und die wichtigen Jahre in der SPD-Spitze angehandelt. Die beste (und zugleich umfangreichste) Passage des Buches allerdings entschädigt für den nicht ganz gelungenen ersten Teil. In ihr setzt sich Lorenz mit Lafontaines Comeback bei der Linkspartei auseinander. Flüssig und schlüssig erläutert Lorenz nun das Phänomen Lafontaine. Gemessen an dessen gesamter poltischer Laufbahn sind die Jahre an der Seite von Gregor Gysi und Genossen sicher eine kurze Spanne. Lorenz genügen diese Jahre allerdings, um kenntnisreich und detailliert und strukturiert Lafontaines Motive, Stärken und Schwächen aufzuschlüssen. Insofern Lorenz möglicherweise besser daran getan, sein Buch über "Lafontaine und die Linke" zu schreiben. 

Streng genommen ist das Lafontaine-Buch von Robert Lorenz weder so richtig biografisch noch ein Essay. Der Göttinger Politikwissenschaftler hat sich vor allem auf die Darstellung und Deutung von Lafontaines Zeit in der Linkspartei konzentriert. Dieser Schwerpunkt des Buches ist gelungen und plausibel. Ebenso richtig ist es in solchem Rahmen sowohl die  Vorgeschichte der PDS als auch die die Vorgeschichte Lafonataines einzubinden. Beide hat Lorenz bedacht - die eine mehr die andere weniger gelungen.  So fallen die ersten 50 Seiten im Vergleich zum Rest des Buches qualitativ  ab, was den guten Gesamteindruck schmälert, mit dem man das Buch aus der Hand legt.

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Die Benjamins: Opfer, Denker und Täter

Uwe-Karsten Heye hat ein Buch über die Benjamins geschrieben

Walter, Hilde, Georg, Dora, Michael: Nur die Vornamen sind gewöhnlich. Die Geschichte der Benjamins ist so etwas wie eine deutsche Familiensaga des 20. Jahrhunderts. Der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye hat sie aufgeschrieben und auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. Das Eulengezwitscher war berichtet von einer geschichtlichen Gratwanderung...

Uwe-Karsten Heye

Die Benjamins

Eine deutsche Familie

Erschienen im Aufbau-Verlag im März 2014. 361 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 22,99 €.


Uwe-Karsten Heye hat sich viel vorgenommen: Erstens hat er fünf mitunter schwierige Persönlichkeiten zu porträtieren, darunter den Philosophen Walter Benjamin und seine Schwägerin Hilde Benjamin, die spätere DDR-Justizministerin. Zweitens will er anhand eines tragischen Familienschicksals ein Jahrhundert deutscher Zeitgeschichte nachzeichnen. Schließlich (und drittens) möchte er mit seinem Buch über die Benjamins einen Beitrag zu einer gesamtdeutschen Geschichtsschreibung leisten. Für Heye ist es 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer an der Zeit, gegenläufige ost- und westdeutsche Geschichtsdeutungen zugunsten einer gemeinsamen Lesart aufzulösen: Kriegen wir über solche Familiengeschichten - über solche Opfergeschichten - eine gemeinsame Erzählung unserer Geschichte hin?

Lizenz: Bundesarchiv, Bild 183-15600-0005 / Köhler, Gustav / CC-BY-SA

Das ist ein spannender und lohnenswerter Ansatz und die Bejamins sind dafür eine treffend gewählte Familie, deren Schicksal einem Streifzug durch durch deutsche Geschichte gleicht: Sie haben bürgerliche Wurzeln, sind im Kaiserreich sozialisiert, haben in der Weimarer Republik gewirkt und sind als jüdische Kommunisten von den Nationalsozialisten verfolgt worden. Walter nahm sich das Leben, sein Bruder Georg wurde im Konzentrationslager Mauthausen ermordet und Schwester Dora stirbt kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an Krebs.  Hilde Benjamin, die Überlebende, macht in der DDR Justiz-Karriere - und zwar als gnadenlose Richterin, deren Prozessführungen und Urteile nur allzusehr an den Terror in nationalsozialistischen Gerichtssälen erinnern.  Jetzt wird Hilde Benjamin vom Opfer zur Täterin und spricht sogar Todesurteile aus. Hier gerät Heye auf seiner Gratwanderung einer gesamtdeutschen Geschichtsschreibung bedrohlich ins Schwanken. Zum einen nimmt er "die rote Hilde" zumindest soweit in Schutz, dass er ihre Schauprozesse nicht auf eine Stufe mit denen der Nationalsozialisten stellen will. Zum   Er wirbt um Verständnis für die die politische und persönliche Situation, aus der heraus Hilde Benjamin zur "roten Guillotine" wird. "Man muss sie ja nicht beschönigen," sagt Heye,  "aber man muss wenigstens versuchen zu verstehen, welche Haltung und Prägung sie zu der gemacht hat, die sie am Ende war." Das ist ein hehrer (und mutiger) Vorsatz, denn das Sichhineinversetzen birgt die Gefahr des Sichdarinverlierens. Das wiederum sollte einem biografisch arbeitenden Autor nicht passieren. Im Fall von Heyes Buch kann auch eine gesamtdeutsche Perspektive nicht darüber hinwegtäuschen, dass Hilde Benjamin nicht nur Opfer ist, sondern auch Täterin. Das stellt Heye zwar nicht infrage. Allerdings hat er seine Formulierungen zumindest auf der Buchmesse so akzentuiert, dass die Täterrolle hinter der Opferrolle zurücktritt. Und eine solche Akzentuierung ist - bei allem Respekt für die enormen Verdienste des Benjamin-Buches  -  kein Dienst an einer gesamtdeutschen Geschichtsdeutung. Würde Heye jedoch von Opfer- und Tätergeschichten sprechen - auch dafür ist das Familienschicksal der Benjamins  exemplarisch - würde er wohl seinen eigenen Anspruch besser bedienen.

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Ludwig II.: Die Akte des Märchenkönigs

Oliver Hilmes über Ludwig II.

Lizenz: gemeinfrei
Lizenz: gemeinfrei

Oliver Hilmes und der Märchenkönig - das passt. Der Shootingstar unter den deutschen Biografen hat ein Faible für schillernde Gestalten der Romatik. Seine wissenschaftlichen und biografischen Meriten hat Hilmes an der Schnittstelle von Musik und Politik erworben - bislang allerdings mit musischem Schwerpunkt: Über Franz Liszt hat er geschrieben, über dessen Tochter Cosima, die Richard Wagner geheiratet hat, schließlich über deren gemeinsame Kinder. Mit dem Wagner-Clan und seiner Zeit kennt sich Hilmes aus. Umso verheißungsvoller ist der Untertitel seiner neuen - eher politischen - Biografie über Wagners Finanzier und Förderer Luwig II.: "Der unzeitgemäße König". Vor 150 Jahren wurde er gekrönt.

Es existieren gewissermaßen zwei Ludwigs, so Hilmes, die Kunstfigur und die historische Persönlichkeit. Von Anfang macht der Biograf klar, was der Leser auf den 446 Seiten zu erwarten hat - und was nicht: Auch wenn das kunstfertige Cover Anderes vermuten lässt, geht es Hilmes um die historische Figur des bayrischen Königs. Er will mit wissenschaftlichem Anspruch und anhand harter Fakten neue Erkenntnisse zu Tage zu fördern und sich daran messen lassen. Hilmes legimiert seine Ludwig-Biografie mit vielfachen (und mitunter zu offensiv vorgetragenen) Hinweisen auf die von ihm neu erschlossenen Quellen. Als erster Ludwig-Biograf hat Hilmes eine stattliche Zahl von Briefen und Tagebüchern aus dem königlichen Umfeld eingesehen und ausgewertet - vor allem im lange verschlossenen Geheimen Hausarchiv der Wittelsbacher Dynastie.

Oliver Hilmes

Ludwig II.

Der unzeitgemäße König

Erschienen bei Siedler im Oktober 2013. 448 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,99 € und als E-Book 19,99 €.


Oliver Hilmes, © Maximilian Lautenschläger
Oliver Hilmes, © Maximilian Lautenschläger

Je länger Ludwigs (chronologisch geschilderte) Lebensgeschichte dauert, desto erhellender werden die aus den Akten geborgenen Gedanken und Worte von und über den Kini (König). Hilmes hat in gewisser Weise einen Kini-Krimi geschrieben, in dem er als Archiv-Detektiv dem König und den Intrigen seines Hofes nachspürt. Das gelingt ihm über weite Strecken fesselnd. Vor allem die Überlieferungen von Bismarcks Mann in München, Georg von Werthern, erweisen sich als wertvolle Quelle.

Gestützt auf diese und ähnliche Dokumente durchleuchtet Hilmes gekonnt Ludwigs politische Leistungen und Niederlagen im Zeitalter der deutschen Nationalstaatsgründung. Ein kleiner Wermutstropfen: Wie Wethern in seinen Depeschen und Tagebucheinträgen berichtet Hilmes eher über die Akte Ludwig, als dass er den König zwischen Buchdeckeln wieder zum Leben erweckt. Mitunter beschränkt er sich darauf, zwischen neu entdeckten Zitaten zu moderieren, anstatt Ludwigs Lebensgeschichte zu erzählen. Allerdings erlaubt dieser analytische Zugang auch spannende Einblicke: So erfährt der Leser, wie sich Wagner und Ludwig umschwärmen, weil sie einander brauchen. In der Alltagswelt ist der Komponist auf seinen Mäzen angewiesen - in dessen Traumwelten ist es umgekehrt: Dort regiert Ludwig nicht das Bayern an der Schwelle des 20. Jahrhunderts; er herrscht stattdessen über die verklärten alten Reiche, die der verehrte Meister in seinen opulenten Opern heraufbeschwört. "Es giebt einen einzigen Weg zur Erregung seiner sympatischen Seelenkräfte zu gelangen, lässt Hilmes Wagner sagen, und diess bin ich, meine Werke, meine Kunst, in denen er die eigentliche wirkliche Welt ersieht, während alles Uebrige ihm wesenloser Unsinn dünkt." 

Wagners  Musik konnte bei ihm eine Euphorie bis hin zur Verzückung hervorrufen, aber offensichtlich ließ diese Wirkung auch schnell wieder nach. Dieser Mechanismus fand eine Entsprechung in der Korrespondenz der beiden Männer. Ludwig vermochte es, einen regelrechten Rausch zu Papier zu bringen [...], schwand das Delirium aber, beurteilte er die Dinge rational, gewissermaßen nüchtern. (S. 75)

Das Problem: Immer mehr fließen für Ludwig (und von ihm unbemerkt) die bürokratische Alltagswelt und die pompösen Traumwelten ineinander. Der König kann sich besser mit Wagners Bühnengestalten (wie dem mittelalterlichen Schwanenritter Lohengrin) identifizieren, als mit der zeitgemäßen Rolle eines volksnahen und parlamentarischen Monarchen. Ludwig verfällt körperlich, psychisch und sittlich auf eine tragische Weise, die ihn von seinem Umfeld entfremdet und die Hilmes akribisch aufschlüsselt. Nüchtern dokumentiert er, wie Ludwig sich selbst in einer Kunstwelt abschottet, dabei jedes Augenmaß für äußere Realitäten verliert, schließlich abgesetzt wird und kurz darauf auf myteriöse Weise im Starnberger See ertrinkt (Hilmes schließt Mord aus): Dabei seziert er die Überschuldung für den Bau von Luftschlössern (S. 289ff.), die entwürdigend-grobe Behandlung von Bediensteten, Ludwigs Gewichtszunahme und seine Angst vor der Schizophrenie, an der sein Bruder Otto zugrunde geht. Um Ludwigs eigene Krankheiten zu deuten (vor allem die des Geistes),  zieht Hilmes wie ein Ermittler ausgewiesene Experten zurate: 

Der Münchner Psychatrieprofessor Hans Förstl [...] glaubt, bei Ludwig eine sogenannte schizotype Störung nachweisen zu können. [...] Die schizotype Persönlichkeit ist oft misstrauisch und neigt zum Grübeln, zeigt sich dann aber wieder flammend begeistert. Ihr Auftreten ist nicht selten unkonventionell und exzentrisch. Das alles trifft [...] auf Ludwig II. zu. (S. 38)

Um sein Ziel zu erreichen, der Person Ludwig näherzukommen, dringt Hilmes allerdings auch tief in in die Intimsphäre des Königs ein. Dabei drängt sich ein NSA-Vergleich auf: Nicht alles was möglich ist, ist auch nötig, um sachdienliche Aufklärung zu betreiben. Zwar ist relevant, dass Ludwig homosexuell war und Beziehungen zu Reitknechten unterhalten hat - aber manches hätte ruhig unter der Bettdecke bleiben können. Denn selbst lückenlose Kenntnis privater Praktiken muss nicht zwingend zur Person führen. Im Fall des Märchenkönigs ist die Unterscheidung von historischer Persönlichkeit und Kunstfigur möglicherweise sogar irreführend: Denn die historische Persönlichkeit Ludwig II. hat sich selbst zu einer Kunstfigur gemacht. Diese Kunstfigur macht einen bedeutenden Teil der Person Ludwigs aus, sie lässt sich aber nur unzureichend mit dem rein wissenschaftlichen Handswerkszeug fassen.

Foto: b k, Lizenz: CC-BY-SA-2.0
Foto: b k, Lizenz: CC-BY-SA-2.0

Fazit: Oliver Hilmes legt eine souveräne Biografie über Ludwig II. vor, die spannende Einblicke in die höfischen Intrigen, die diplomatischen Gepflogenheiten und Winkelzüge zur Zeit der Reichsgründung gewährt. Dieses Buch ist ein Fest für Hobbyhistoriker und solche, die es werden wollen, denn auf interessierte Laien nimmt Hilmes gekonnt Rücksicht. Ein Ziel, das er eingangs in einem Nebensatz formuliert – der Person Ludwigs näherzukommen – hat er aufgrund zweifelhafter Grundannahmen aber nicht ganz erreicht. Denn die Person des Märchenkönigs ist von seinem Mythos nicht zu trennen – auch nicht von einem ausgezeichneten Historiker, der es glänzend versteht, sein Sujet für ein breiteres Publikum zu öffnen. Oliver Hilmes hat kurzweilig durch die Akte Ludwig moderiert. Was Ludwig auch ausmacht: den Zauber des ewig geheimnisvollen Lebens als Kunstwerk hat er weniger abgebildet – allerdings hat er das auch nicht gewollt...

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Arnulf Baring: Streit, Kultur, Deutschland

Arnulf Baring legt seine autobiografischen Notizen vor

Foto: Tohma (talk). Lizenziert unter GFDL
Foto: Tohma (talk). Lizenziert unter GFDL

"Der Unbequeme" ist ein seltsam entrückter Titel für ein Erinnerungsbuch. Nicht minder merkwürdig ist der Untertitel: "Autobiografische Notizen". Für Arnulf Barings Memoiren ist das allerdings treffend gewählt. Der streitbare und umstrittene politische Professor ist angenehm unbequem: Baring zeigt, was viele Politiker gerne zeigen würden: klare Kante. Seine Memoiren (erschienen im Europa Verlag Berlin) sind auch eher drei ineinander greifende autobiografische Fragmente: Notizen zu prägenden Kindheits- und Jugenderinnerungen, zur Revue seines wissenschaftlichen Lebenswerkes und zu gegenwartsbezogenen Schlussfolgerungen aus seinem über Jahrzehnte gereiften politischen Denken.

Arnulf Baring

Der Unbequeme

Autobiografische Notizen

Erschienen im Europa Verlag Berlin im November 2013. 400 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 21,90 €.


Die Art und Weise, in der Baring dieses politische Denken äußert (vor allem zu deutschen Fragen), hat dem mittlerweile über Achtzigjährigen seit geraumer Zeit das Image des Querulanten eingebracht: Einen "greisen und enthemmten Historiker" hat ihn die tageszeitung genannt und sich über seine zeternde und lautstarke Streitkultur geärgert. Dabei übersehen Barings Kritiker, dass er solche Provokationen gezielt setzt: Wer nicht rückhaltlos für offene, kontroverse Debatten eintritt, legt die Axt an die Wurzeln  unserer Demokratie. Baring belässt es nicht bei allgemeiner Schelte. Er bezieht konkret Stellung zu aktuellen politischen Fragen:

Die sture Verbissenheit beispielsweise, die die Regierung bei immer neuen Euro-Rettungsschirmen zeigt, und ihre zur Schau gestellte Selbstsicherheit finde ich beängstigend. Man spürt den schwankenden Boden, bemerkt erschrocken, mit welcher fast schon totalitären Attitüde Abweichler unter Druck gesetzt werden. Es ist unfassbar, wie arrogant die Regierung Merkel, aber auch alle anderen Parteien, freie Aussprachen des Parlaments in dieser Schicksalsfrage der Nation unterbinden.

Baring weiß um die Wirkung solcher drastischer Worte - aber er fürchtet sie nicht. Das mag zwei biografische Ursachen haben. Zum einen ist der Politikwissenschaftler Baring ein intimer Kenner des Innenlebens von Regierungen. Zum anderen hat er in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs ganz andere Ängste kennen- und überwinden gelernt. Die Erinnerungen an diese beiden Lebensabschnitte zählen zu den stärksten Passagen von Barings Memoiren, während seine politischen und zeitgeschichtlichen Ausführungen zur Misere des Euro, zum Sozialstaat und zur politischen Kultur den eher zusammenfassenden Charakter bereits geäußerter Standpunkte tragen.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F038347-0030 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA
Bundesarchiv, B 145 Bild-F038347-0030 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA

In den Erinnerungen an die semibiografische Arbeit über Walter Scheel ("Machtwechsel"), die zu einer detaillierten Untersuchung der sozialliberalen Regierung unter Willy Brandt geraten ist, zeigt sich Baring als scharfsinniger Analytiker von Politik und Persönlichkeiten. Zahlreiche Protagonisten der Bonner Republik (freundlich gesinnte und andere) charakterisiert er in jeweils wenigen Worten. Dabei beschränkt er sich in seinen Memoiren nicht nur auf Politiker, sondern porträtiert auch Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Kultur. Neben der kurzweiligen Zeitgeschichte der 1960er und 1970er Jahre sind sind es insbesondere die szenisch geschilderten Eindrücke aus dem brennenden Dresden vom Februar 1945 (Baring ist zwölf Jahre alt), deren Eindringlichkeit beeindruckt:

Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001 / Hahn / CC-BY-SA
Bundesarchiv, Bild 183-08778-0001 / Hahn / CC-BY-SA

Es ist unvorstellbar, welch ein Sturm entsteht, wenn eine große Stadt brennt. [...] Wir konnten uns kaum auf den Beinen halten. Fest eingehakt, um nicht fortgerissen zu werden, kämpften wir uns Meter für Meter vorwärts, unsere Köfferchen mit Ausweispapieren und dem Nötigsten an die Brust gepresst. [...] Brennende Balken vielen von den Dächern, Schornssteine kippten auf die Straßen, Mauern zerbarsten. [...] Dies war der Moment, in dem ich nicht mehr an den Führer glaubte, dem ich bis dahin noch kindliches Vertrauen entgegengebracht hatte.

Dieses Erwachen aus der Endsiegerwartung prägt Barings politisches Denken. Zeitlebens wird er sich Fragen nach der richtigen Vergangenheitsbewältigung stellen. Seine Anworten sind ihm in den autobiografischen Notizen so wichtig, dass er sie bereits im ersten Kapitel zur Sprache bringt und später nochmals aufgreift. Man möge doch deutsche Geschichte nicht auf die Katastrophe des Dritten Reiches verkürzen. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Baring beschönigt, verdrängt und leugnet nichts. Er will auch die Akten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nicht schließen - Aufklärung bleibt geboten. Aber der Umgang mit Hitler, so Baring, solle nicht länger von Selbsthass und Verdrängung des eigenen Leids geprägt sein. 

Es ist an der Zeit, unser beschädigtes Nationalgefühl zu überwinden und uns darauf zu besinnen, was uns in den besten Phasen unserer Geschichte ausgezeichnet hat: ein hohes, humanistisch geprägtes Bildungsbewusstsein, Innovationskraft, Unternehmergeist und die Wertschätzung freiheitlich-demokratischer Grundrechte. All das kann zu einem Patriotismus ohne Größenwahn und Großmannssucht beitragen.

Fazit: Der Unbequeme hat gesprochen. Selbst wenn man Barings Positionen nicht samt und sonders teilt, sind seine autobiografischen Notizen inspirierend. Sie verbinden klare und streitbare Analysen mit essayistischem Schwung. Dazu kommt, dass der "Professor für Plauderei" (so hat ihn seine Mutter genannt) wirklich etwas zu erzählen hat. Seine Erinnerungen sind ein wertvolles Stück deutscher Zeit- und Geistesgeschichte: spannende Lektüre nicht nur für Historiker und Politikwissenschaftler. 

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Joachim Gauck: Vom Prediger zum Präsidenten

Mario Frank erzählt Joachim Gaucks Lebensgeschichte

Foto: Kleinschmidt / MSC. Lizenziert unter CC BY 3.0 de
Foto: Kleinschmidt / MSC. Lizenziert unter CC BY 3.0 de

Dieses Buch hat viele starke Seiten - und wenige schwache. "Gauck" heißt die neue Bundespräsidenten-Biografie von Mario Frank, die im Suhrkamp-Verlag erschienen ist. Der Autor kommt gleich zur Sache und gibt einen raschen Überblick über 400 kurzweilige und informative Seiten. Sehr früh offenbart er darin auch seine persönliche Wertschätzung und erschwert seinen Lesern ein eigenes Urteil. Joachim Gauck kann liebenswürdig und locker sein, aber auch aufbrausend aggressiv. Seine große Stärke ist die empathische Zuwendung zum Menschen. In der DDR und im Umgang mit der Stasi hat der ehemalige Pfarrer gelernt, Worte gleichermaßen bedächtig und wirksam zu wählen, um sich für seine Gemeindemitglieder stark zu machen. Als Stasiunterlagen-Beauftragter ist er zum Medienprofi gereift, der genau weiß, wie man sich in der Öffentlichkeit bewegt. Der Job als Staatsoberhaupt ist zwar anstrengend und zehrt an Konzentration und Kräften, aber einem wie Joachim Gauck ist er auf den Leib geschneidert. 

Mario Frank

Gauck

Eine Biografie

Erschienen bei Suhrkamp 414 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,95 €.


Franks sehr frühe und positive Gesamtbeurteilung kommt wie eine unerbetene Leseanleitung daher. Das wäre nicht nötig. Denn wer über die die ersten zwölf Seiten hinausliest, kann sich über eine solide recherchierte, stimmig bebilderte und kurzweilig erzählte Biografie freuen, die durchaus ein eigenes Urteil erlaubt. Aber die ersten Seiten nehmen nicht nur das Urteil des Biografen vorweg. Sie verraten auch manches über Mario Frank selbst: Er ist von Gaucks Persönlichkeit beeindruckt und bewundert ihn. Stolz schwingt mit – sogar ein kleines bisschen Eitelkeit – wenn er vorab davon berichtet, wie sich der Bundespräsident in zahlreichen Gesprächen nicht nur einbringt, sondern auch um die Gunst seines Biografen wirbt:

„Gauck ist trotz sichtbarer Terminnot und Zeitdrucks fast verzweifelt bemüht, mir jede Minute zu widmen, die ihm möglich ist. Nachdem er sich einmal entschieden hat mitzuwirken, tut er es nicht mit angezogener Handbremse.“

Wie zu Beginn nimmt sich Mario Frank auch gegen Ende seines 400-Seiten-Buches etwas zu wichtig. Unter Verweis auf das Grundgesetz und dessen Schutz der Ehe verurteilt er Gaucks Liebeslebensentwurf. Der ist nach wie vor mit seiner Frau verheiratet, obwohl schon lange eine andere Partnerin an seiner Seite auftritt. Ob Frank übersieht, dass das Grundgesetz auch dem Bundespräsidenten ein Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit einräumt?

Foto: Gge, Lizenz: CC-BY-3.0
Foto: Gge, Lizenz: CC-BY-3.0

Solche Anmaßungen schmälern den enormen Wert einer gut recherchierten, schmissig geschriebenen und überwiegend urteilssicheren Biografie. Entgegen mancher Kritik kommt sie keineswegs zu früh. Im Gegenteil. Sie korrigiert gekonnt das Bild eines Bundespräsidenten, der schon vor seiner ersten Kandidatur für das höchste Staatsamt teilweise idealisiert und überhöht worden ist. Mario Frank gelingt es, den Menschen hinter der medialen Figur „Gauck“ zu porträtieren – einen Menschen mit Widersprüchen und Fehlern. Er schildert beispielsweise anekdotisch, wie schwer sich Gauck seit Studientagen mit Formalien und Fristen tut. Seminararbeiten des Theologiestudenten tippt die Mutter, damit sie fertig werden, manche Reden des Bundespräsidenten erhalten den letzten Schliff von der ehemaligen Lebensgefährtin Helga Hirsch. Auch verschweigt Frank nicht, dass sich die Familie des  jugendlichen und coolen Pastors, der für seine Gemeinde immer ansprechbar ist, vernachlässigt fühlt. Der Beruf war „für ihn alles, die Familie kam weit danach.“

Besonders eindrucksvoll ist die Aufarbeitung der Dauerfehde zwischen dem Rostocker Pastor Joachim Gauck und der Stasi. Der DDR-Experte Mario Frank schildert die gegenseitigen Provokationen, erläutert die Machtspiele im institutionalisierten Gegeneinander von Staat und Kirche, konfrontiert Gauck mit Kommentaren in dessen Stasi-Akte und kommt zu einem differenzierten Gesamturteil:

Joachim Gauck gehörte zum Lager der staatskritischen Pastoren und trat dem Staat gegenüber deutlich gegnerischer auf als die meisten seiner Rostocker Amtsbrüder. Er nutzte den Freiraum, den er als Mann der Kirche genoss, aus bis an seine Grenzen. […] Seine Bereitschaft zum Widerstand endete dort, wo die persönliche Gefährdung begann. Ein Revolutionär, der bereit war, für seine politische Überzeugung ins Gefängnis zu gehen, war Gauck nicht.“

Als sich die Grenze verschiebt, die zur Verhaftung führt, geht auch Gauck weiter. In der Wendezeit wächst er in die Rolle des Revolutionspastors hinein, der von der Kanzel den Unterdrückungsapparat des DDR-Regimes geißelt.

Als Joachim Gauck zum Akteur der Revolution wird, bringt er eine Waffe mit, die er beherrscht wie kein Zweiter in Rostock: seine Wortmacht. Auf der Kanzel ist er mitreißend, ja geradezu unwiderstehlich.

Sein rhetorisches Geschick und seine inspirierenden Reden geben Hoffnung und Mut. Je größer Gaucks Publikum wird, desto klarer kristallisiert sich seine politische Nachwendekarriere heraus. Seine Überzeugungskraft entfaltet nicht nur persönliche, sondern auch politische Wirkung. Als harter Verhandlungspartner im Wiedervereinigungsprozess und durch den Aufbau der Stasiunterlagen-Behörde macht sich Gauck auch im Westen einen Namen, der mittlerweile zur Marke geworden ist. „Gauck“ eben.

Fazit: Das Amt des Bundespräsidenten ist aus gutem historischen Grund mit vergleichsweise geringen verfassungsrechtlichen Kompetenzen ausgestattet. Umso wichtiger ist es, dass die Amtsinhaber Würde ausstrahlen und wortmächtig sind. Mario Frank erklärt, warum Joachim Gauck beide Eigenschaften mitbringt, indem er seinen bewegenden Werdegang kurzweilig und informativ nachzeichnet. Dabei ist es eine wesentliche Leistung dieser Biografie, Gauck vom Sockel der Ikone zu holen, ohne ein positives Gesamtbild zu gefährden. Allerdings nimmt sich der Autor in manchem Urteil zu wichtig, was den Gesamteindruck etwas schmälert.

 

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Wilhelm I.: Der alte Kaiser Wilhelm

Anton von Werner: Die Kaiserproklamation, Lizenz: gemeinfrei
Anton von Werner: Die Kaiserproklamation, Lizenz: gemeinfrei

Am Anfang war das große Säbelrasseln: Am 18. Januar 1871 rufen die deutschen Fürsten im Spiegelsaal von Versailles den preußischen König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser aus. Der Erwählte sträubt sich bis zuletzt. Für ihn war, ist und bleibt Preußen das Maß aller Dinge. Nur widerwillig  fügt er sich in die Nationalstaatspläne seines Eisernen Kanzlers: Otto von Bismarck hatte sich das Deutsche Reich in drei Kriegen (gegen Dänemark, Österreich und Frankreich) und mit diplomatischem Geschick auf den Leib geschmiedet. Doch jeder Leib ist vergänglich. Seinen (weniger fähigen) Nachfolgern hat Bismarck einen Staat hinterlassen, der viel auf sein Militär hält. Dieses Klima begünstigt die Kriegsbegeisterung, in der wenige Jahrzehnte später ganz Europa seiner Katastrophe entgegenmarschiert.

Lizenz: Gemeinfrei
Lizenz: Gemeinfrei

Wilhelms Lebensgeschichte lässt das lange nicht erwarten. Sie beginnt 1797 gewissermaßen auf der Flucht vor Napoleon, der sich anschickt, Europa zu überrennen. Die Hohenzollern ducken sich im östlichsten Zipfel ihres Königsreichs weg. Auch als die Franzosen mit vereinten europäischen Kräften bezwungen sind und Preußen wieder von Berlin aus regiert wird, bleibt Wilhelm unscheinbar. Er ist als jüngerer Bruder nur die Nummer Zwei der Thronfolge. Sehr zur Freude seines Vaters begeistert sich schon der kleine Wilhelm für die preußischen Soldaten. Als Neunjähriger tritt er in die Armee ein, zum zehnten Geburtstag schenkt man ihm die Beförderung zum Leutnant. "Wilhelm findet vollen Genuss an den militärischen Übungen", berichtet sein Ausbilder. Die Schulbank drückt er indes nur ungern.

Noch einmal muss Wilhelm fliehen - diesmal nicht vor Napoleon, sondern vor der Revolution von 1848. Sein Bruder Friedrich Wilhelm IV. kann die Macht der Monarchie nur retten, weil die Revolutionäre lieber untereinander streiten, als mit der Krone. Seinen eigenen Kopf verliert er allerdings - wenn auch nicht unter der Guillotine: Friedrich Wilhelm IV. fällt geistiger Umnachtung zum Opfer. 1861 übernimmt Wilhelm die Regierungsgeschäfte. Das heißt: Die politischen Zügel überlässt er Bismarck, den Oberbefehl und den monarchischen Glanz übt er aber selbst aus. Denn obwohl Wilhelm die romantischen Märchenkönig-Verzückungen seines Bruders verachtet, legt er großen Wert auf das Zeremoniell der gottgewollten Inthronisierung: Wie alle Hohenzollernkönige vor ihm besteigt er den preußischen Thron in Königsberg, wo er sich selbst unter dem einfallendem Sonnenlicht von Gottes Gnaden krönt:

Anton von Werner. Lizenz: gemeinfrei
Anton von Werner. Lizenz: gemeinfrei

Der mittelalterlich-majestätische Prunk ist nur die halbe Wahrheit. Während der Regentschaft Wilhelms I. reifen Preußen und Deutschland zu modernen (wenn auch nicht demokratischen) Monarchien: Die Wirtschaft brummt, die Wissenschaft ist weltweit geachtet, Sozialgesetzgebung und alltagspraktische Erfindungen steigern die Lebensqualität. Die Deutschen genießen die Friedensjahre den guten Ruf in der Welt. Fast überall, wo er sich zeigt, jubelt man dem guten alten Kaiser Wilhelm mit dem großväterlichen Backenbart zu. Der bleibt bis ins hohe alter ein preußischer Soldat: Seine Wilhelms Liebe zur schlichten, aber ordenbehangenen Uniform verrät viel über seine Tugenden: Wilhelm ist gottesfürchtig und würdevoll, selbstbeherrscht und diszipliniert, genügsam und frei von Skandalen. Auch auf dem internationalen Parkett schätzt man die berechenbaren und verantwortungsbewussten Preußen als ehrliche Makler. Wie schnell aber Macht in Machtmissbrauch umschlagen kann, zeigt sich kurz nach Wilhelms Tod 1888. Sein ebenfalls todkranker Sohn Friedrich III. lebt nur noch 99 Tage, dann folgen er und das alte Preußen Wilhelm ins Grab. Mit der Kaiserkrönung des jungen Enkels Wilhelm II. nimmt eine unheilvolle Regentschaft ihren Lauf: Wilhelm II. begnügt sich nicht mit Hurra- und Hoch-Rufen, nicht  mit Orden und Paraden. Er will nicht mehr nur Preußens Glanz und Gloria, er will Deutschlands Weltmacht. Dieser unseelige Größenwahn hat mit Wilhelms I. Preußen nicht mehr viel gemein. Aber das staatliche Selbstbewusstwerden im Zeichen militärischer Siege (wie über Frankreich) hat ihm doch in gewisser Weise den Boden bereitet...

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Nachruf auf Ariel Scharon

Foto: Jim Wallace (Smithsonian Institution), Lizenz: public domain
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Er machte israelische (Kriegs-)Geschichte: Ariel Scharon. Heute ist  der ehemalige Premierminister endgültig gestorben (seit knapp acht Jahren hatte er im Wachkoma gelegen). Zeitlebens diente Scharon seinem Land  Israel mit harter Hand. Er zögerte weder als Militär noch als Politiker, Gewalt anzuwenden, um seine Heimat zu verteidigen. Das war zu manchen Zeiten durchaus opportun (manche sagen sogar: es war notwendig). Zu anderen Zeiten machte sich der Hardliner Scharon  mit seiner kompromisslosen Haltung unmöglich.

Schon als Kind zieht der 1928 geborene Scharon in den Religionskrieg um das Heilige Land. Dorthin sind seine Eltern aus Osteuropa eingewandert. Noch ehe der Staat Israel gegründet ist, kämpft Scharon gegen Araber und Briten, die noch das Sagen haben in Palästina (das Empire übt eine Mandatsherrschaft aus). Als die Gründung des von Theodor Herzl verheißenen "Judenstaats" näherrückt, schließt sich der Teenager der paramilitärischen Hagana an, aus der später die israelische Armee hervorgeht. Von da an macht Scharon eine rasante militärische Karriere. An allen Kriegen Israels ist er beteiligt - zunächst als einfacher Soldat und Fallschirmspringer (Scharon wird schwer verwundet), dann in Führungspositionen. Sein verwegener Mut schlägt immer öfter in Übermut um. Scharon ignoriert Befehle, wenn er die taktische Lage für günstiger hält als die Armeeführung. Während der Suezkrise (1956) bringt ihm das noch Kritik ein. Im Sechstagekrieg (1967) und im Jom-Kippur-Krieg (1973) machen ihn seine erfolgreichen Alleingänge allerdings zum Volkshelden. Mit der Heldenverehrung ist es schlagartig vorbei, als Scharon - mittlerweile israelischer Verteidigungsminister - nichts unternimmt, um ein Massaker im Libanon zu verhindern. Die politische Karriere scheint vorbei. Scharon tritt aber nur als Verteidigungsminister ab. Die Geschicke Israels lenkt er schon bald wieder aus der Regierung - sogar vom Chefsessel des Premierministers aus. Wieder gibt er sich unnachgiebig: Er beschimpft den Friedensnobelpreisträger Yizckak Rabbin als Verräter, weil der Frieden schließen will mit den Palästinensern. Scharon setzt dagegen auf Konfrontation. Er treibt den israelischen Siedlungsausbau voran und beginnt damit, den weltweit kritisierten Grenzzaun zu errrichten. Welche Überraschung aber, als der Regierungschef einen "Scharon-Plan" präsentiert, der den teilweisen Abbau  der umstrittenen Siedlungen vorsieht. Freunde wie Gegner sind irritiert: Warum vollzieht Scharon diese Kehrtwende? Man wird darauf keine endgültigen Antworten mehr finden. Noch ehe Scharon seine neue Politik fortsetzen kann (oder auch nicht), trifft ihn der Schlag. 2006 fällt er ins Koma. Erst heute hat sein Sterben ein Ende gefunden.

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Richard Nixon: Der Skandal-Präsident

Quelle: NARA record: 8451334, Lizenz: geemeinfrei
Richard Nixon (Foto: Oliver F. Atkins)

Er scheiterte noch schlimmer als der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff: Richard M. Nixon, der 37. US-Präsident (1913-1994). Wie Wulff ist auch Nixon erst unter gewaltigem öffentlichen Druck und drohender Strafverfolgung zurückgetreten. Anders im Fall Wulff war gegen Nixon bereits ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet worden. Und anders als bei Wulff lauteten die Vorwürfe nicht "nur" Vorteilsnahme und dubiose Kreditgeschäfte, sondern Missbrauch von Regierungsbehörden, Straftatsvertuschung und Justizbehinderung.

Was war passiert und wie konnte es dazu kommen? Denn es hatte ja gut angefangen: Richard Nixon wurde in eine Quäkerfamilie geboren: Gebete statt Flüche, Tee statt Alkohol, harte Arbeit statt müßigem Spiel – dass eine solche Erziehung durchaus auch ins Weiße Haus führen kann, hat Jimmy Carter gezeigt. Nixon aber fiel er aus der Rolle. Im Präsidentschaftswahlkampf 1972 hatte der zeitlebens nervöse Republikaner Nerven gezeigt und einen Einbruch in das Hauptquartier der Demokratischen Partei zumindest stillschweigend gebilligt.

Watergate-Gebäudekomplex
Watergate-Gebäudekomplex

Dort – im Watergate-Gebäudekomplex – sollten Wanzen installiert und Dokumente kopiert werden, um die politischen Gegner erst auszuspionieren und dann mit pikanten Details bloßzustellen. Sowohl was Einbrüche als auch was Verleumdungen angeht, hatte Nixon schon einschlägige Erfahrungen gesammelt: Als Student war er ins Dekanatsbüro eingestiegen, um die Prüfungsunterlagen vorab einzusehen. Und im Wahlkampf um den kalifornischen Senatorenposten diffamierte er seine Gegenkandidatin als Kommunistin – das war in den 50er Jahren in der US-Politik schwer in Mode und fast immer erfolgreich gewesen (sog. McCarthy-Ära).

Watergate-Gebäudekomplex
Watergate-Gebäudekomplex

Dort – im Watergate-Gebäudekomplex – sollten Wanzen installiert und Dokumente kopiert werden, um die politischen Gegner erst auszuspionieren und dann mit pikanten Details bloßzustellen. Sowohl was Einbrüche als auch was Verleumdungen angeht, hatte Nixon schon einschlägige Erfahrungen gesammelt: Als Student war er ins Dekanatsbüro eingestiegen, um die Prüfungsunterlagen vorab einzusehen. Und im Wahlkampf um den kalifornischen Senatorenposten diffamierte er seine Gegenkandidatin als Kommunistin – das war in den 50er Jahren in der US-Politik schwer in Mode und fast immer erfolgreich gewesen (sog. McCarthy-Ära).

Beim Watergate- Einbruch hat Nixon aber Pech. Der Wachdienst ist auf Zack und setzt die Einbrecher fest. Vor Gericht halten sie – gegen Bezahlung – solange dicht, bis ihnen der Richter, der sich mit wortkargen Geständnissen nicht zufrieden gibt, übermäßig lange Haftstrafen androht. Mit dem ersten Geständnis beginnt ein politisches Dominospielchen: Einer nach dem Anderen fallen die Handlanger und die Berater des Präsidenten: Es hagelt Rücktritte, Entlassungen und Haftstrafen. Das aber ist weder den eifrigen Journalisten der Washington Post genug (siehe Filmtipp 'Die Unbestechlichen'), noch der Justiz.


Obwohl sich Nixon mit Händen und Füßen gegen mediale und juristische Aufklärung sträubt und sogar Beweismittel vernichten lässt, tauchen Tonbänder auf, mit denen die Watergate-Affäre bis Weiße Haus zurückverfolgt werden kann. Nixon ist am Ende und tritt grantelig und uneinsichtig ab, ehe er aus dem Amt geklagt werden kann. Drei Jahre später wird er dem Fernsehjournalist nach einem Interview-Marathon in einem kurzen Moment emotionaler Aufwühlung dann doch noch zugeben, dass er das amerikanische Volk, sein Volk, belogen und getäuscht hat (siehe Filmtipp 'Frost/Nixon'). Watergate und die Folgen werden wohl auf immer die Erinnerung an Richard Nixon bestimmen, der heute, am 9. Januar 2014, 101 Jahre alt geworden wäre.

Übrigens: In wenigstens einem Punkt hatte Nixon allerdings mehr Glück als Christian Wulff. Seine Frau Patricia blieb an seiner Seite und die beiden waren 53 Jahre verheiratet.

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Helmut Schmidt: Der Krisen-Kanzler

Lizenz: Bundesarchiv, B 145 Bild-F048808-0033 / Wienke, Ulrich / CC-BY-SA
Helmut Schmidt (Foto: Bundesarchiv/Wienke)

Er war der Krisen-Kanzler mit dem kühlen Kopf: Helmut Schmidt. Eine Krise ist es, die den dreifach erfahrenen Bundesminister (Verteidigung,  Finanzen, Wirtschaft) 1974 ins Kanzleramt katapultiert. Willy Brandt ist zurückgetreten. Die sozialliberale Koalition ist führungslos und Schmidt springt ein. Vom ersten Tag an ist er auch im Amt ein Krisenmanager. Die Bundesrepublik laboriert an den Folgen der Ölkrise. Die deutsche Wirtschaft ist geschwächt und die vom Ehrhardschen Wirtschaftswunder verwöhnten Deutschen sind verunsichert. Da kommt der selbstsichere Schmidt gerade recht. Geboren 1918 (heute vor 95 Jahren) in Hamburg saugt Helmut schon mit der Muttermilch  Stolz und Selbstbewusstsein der  Freien und Hansestadt in sich auf. Auf der reformpädagogischen Lichtwarkschule darf der Bürgerssohn seine künstlerischen  Talente erforschen: Er malt und musiziert gerne. Obwohl er zeitlebens leidenschaftlich Klavier spielt (es gibt sogar eine CD), verdrängt vorerst der Krieg die schönen Künste. Schmidt zieht als disziplinierter aber unpolitischer Soldat an die Front. Dort entwickelt er seine Führungsqualitäten. In der Wehrmacht dient er zuletzt als Oberleutnant, die Bundeswehr befördert ihn später zum Hauptmann der Rerserve.


Privat liegen Freud und Leid nah beieinander. Helmut Schmidt heiratet seine Loki - aber die beiden verlieren viel. Erst ihr Hab und Gut in den Hamburger Bombennächten. Dann - wesentlich schlimmer - ihren Sohn, der noch vor seinem ersten Geburtstag stirbt. Loki und Helmut Schmidt halten zusammen und bauen ihr Leben von Neuem auf. Nach dem Krieg tritt Schmidt in die SPD ein und macht dort mit markigen Worten und kernigen Gesten rasch Parteikarriere. "Schmidt-Schnauze" wird Hamburger Polizeisenator. In diesem Amt bewährt sich Schmidt als Macher und Krisenstratege. In der Hamburger Flutkatastrophe von 1962 sind schnelle und klare Ansagen gefragt - und das kann Schmidt leisten. Gerade in heiklen Entscheidungssituationen (nichts anderes sind Krisen) behält er einen kühlen Kopf und dirigiert seine Mitstreiter. Dem überforderten Bürgermeister Paul Nevermann entzieht er kurzerhand das Kommando: "Paule, lass man, davon verstehst Du nichts..."

Bundesarchiv, B 145 Bild-F044137-0029 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA
Schmidt und Schleyer (Foto: Bundesarchiv/Schaack)

Die schwierigste Krise, die Schmidt in seiner langen Politikerlaufbahn zu bewältigen hat, steht ihm erst noch bevor. In seine Kanzlerschaft fällt der linke Terror der RAF. Spitzenbanker wie Jürgen Ponto (Dresdner Bank), Repräsentanten des Rechtsstaats wie Generalbundesanwalt Siegfried Buback und Wirtschaftsfunktionäre wie Hanns Martin Schleyer werden ermordet. Schmidt ist ohnmächtig und stark zugleich. Auch wenn er persönlich darunter leidet, verhandelt er nicht mit den Terroristen. Der Staat, den er regiert, lässt sich nicht erpressen und genau das erklärt Schmidt den Deutschen (siehe Clip).

Selbst als als die Lufthansa-Maschine 'Landshut' gekapert wird und sich auf dem Flughafen von Mogadischu ein Entführungsdrama abspielt, behält Schmidt die Nerven (literweise Cola und Unmengen von Zigaretten helfen ihm dabei). Er schickt die neu gegründete Eliteeinheit GSG9, die die Geiselnahme (fast) unblutig beendet. Eine Krise ist es dann auch, die Schmidts Kanzlerschaft beendet: Eine Regierungskrise. Die eigenen  Genossen teilen die bündnisstrategische Überzeugung des Kanzlers nicht: Anders als Helmut Schmidt sind seine Sozialdemokraten mit dem NATO-Doppelbeschluss nicht einverstanden. Dass auch die FDP längst wieder mit der CDU/CSU anbändelt, führt zum Kanzlersturz per konstruktivem Misstrauensvotum. Mit den Stimmen von Schwarz-Gelb wählt der Bundestag 1982 Helmut Kohl zum Kanzler.  Schmidt geht hoch erhobenen Hauptes. Wie kein anderer Kanzler prägt er auch nach seiner Amtszeit die öffentliche Meinung - ob als ZEIT-Herausgeber oder als 'Elder Statesman'. Auch wenn der Altkanzler gerade erst wieder mit markigen Worten seinen Abschied vom Reisen bekannt gegeben hat ("Das war's!)", dürfen wir wohl auch weiterhin auf seine profunden und (zumeist) hilfreichen Zwischenrufe hoffen. In jedem Fall: Herzlichen Glückwunsch zum 95. Geburtstag, Helmut Schmidt. 

Ach ja... Eine kleine Entschuldigung in eigener Sache: Als Helmut Schmidt in seiner Partei und in der Bevölkerung wegen des NATO-Doppelbeschlusses unter Druck geraten ist, habe ich im Baggi in Bonn (unter anderem) gegen seine Politik demonstrieren müssen. Hätte ich eine Wahl gehabt, ich wäre lieber zuhause (im Sandkasten) geblieben...

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Nachruf auf Nelson Mandela

Quelle: Library of the London School of Economics and Political Science, Lizenz: public domain
Quelle: Library of the London School of Economics and Political Science, Lizenz: public domain

Er triumphierte über den Rassenhass: Nelson Mandela. Seine Lebensgeschichte ist die Geschichte vom Freiheitskampf der schwarzen Südafrikaner. Mandelas ursprünglicher Name ist Programm: Rolihlahla bedeutet so viel wie Querulant - und tatsächlich: schon der junge Mandela will sich nicht mit der unsäglichen Trennung von Weißen und Schwarzen (Apartheit) abfinden.  Seine einflussreiche südafrikanische Familie aus dem Volk der Xhosa ermöglicht ihrem Sprössling nicht nur eine unbeschwerte Kindheit und Jugend, sondern auch ein Studium. Diese Chance lässt Mandela nicht ungenutzt. Englisch studiert er, um die Kultur der westlichen Demokratien zu verstehen und die Sprache Europas und Amerikas zu sprechen. In Politikvorlesungen setzt er sich, um zu lernen, wie Staaten- und Völkerlenker ticken: Die Eingeborenenverwaltung schließlich begreift er als praktische Vorbereitung auf eine Karriere in der südafrikanischen Ministerialbürokratie. Aber dann kommt alles anders.

Obwohl sich Mandela wie Martin Luther King auf Mahatma Gandhis Prinzip des gewaltlosen Protests gegen die Rassentrennung festgelegt hat, schließt er sich dann doch dem bewaffneten Widerstand an. Das macht ihn zum Staatsfeind. Zwar endet ein erster Prozess in den 1950er Jahren mit Freispruch, aber das währt nicht lange. 1964 wird er wegen der Vorbereitung des bewaffneten Kampfes zu lebenslanger Haft verurteilt.


Mandelas Zelle auf Robben Island (Paul Mannix)
Mandelas Zelle auf Robben Island (Paul Mannix)

Mandela wird hoch erhobenen Hauptes abgeführt. Ähnlich wie Fidel Castro hat er in seinem Prozess die Vorwürfe gegen sich gar nicht erst bestritten, im Gegenteil. Er hat den bewaffneten Widerstand als notwendig verteidigt, da die Regierung den gewaltlosen Protest nicht ernst genommen hat. Noch nach einem Vierteljahrhundert als namenloser Häftling mit der Nummer 46664 ist sein Wille ungebrochen. Ein Begnadigungsangebot, das daran geknüpft ist, dem bewaffneten Widerstand zu entsagen, lehnt er entschieden ab. Diese persönliche Prinzipientreue mag streitbar sein - Gewalt ist schließlich auch keine Lösung - aber sie wächst sich nur wenige Jahre später zu wahrhaft historischer Größe aus: Als nämlich Südafrikas Staatspräsdident Frederik de Klerk Mandela 1990 ohne Bedingungen freilässt, da verzichtet Mandela nicht nur auf Waffengewalt, sondern er ruft zu Vergebung und  Versöhnung auf.

World Economic Forum Annual Meeting Davos 1992. Licensed under CC BY-SA 2.0
World Economic Forum Annual Meeting Davos 1992. Licensed under CC BY-SA 2.0

Alle - auch die ehemaligen Anhänger der Apartheit - mögen doch bitte gemeinsam an einem demokratischen Südafrika arbeiten. Das imponiert nicht nur einem gewissen Komittee in Oslo, das Mandela und de Klerk 1993 mit dem Friedensnobelpreis auszeichnet. Auch die Südafrikaner sind begeistert. Ein Jahr darauf wählen sie Mandela zu ihrem Präsidenten. Der frischgewählte Staatenlenker erneuert sein Versprechen:  "Wir werden eine Gesellschaft errichten, in der alle Südafrikaner, Schwarze und Weiße, aufrecht gehen können, ohne Angst in ihren Herzen, in der Gewissheit ihres unveräußerlichen Rechtes der Menschenwürde – eine Regenbogennation im Frieden mit sich selbst und mit der ganzen Welt." Nelson Mandela hat mehr als den Grundstein zu dieser Gesellschaft gelegt. Nach langer Krankheit ist er gestern im Alter von 95 Jahren gestorben.

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Erich Ludendorff: Der verantwortungslose General

Bundesarchiv, Bild 183-R41126 / CC-BY-SA
Bundesarchiv, Bild 183-R41126 / CC-BY-SA

Er putschte mit Hitler gegen die Demokratie: General Erich Ludendorff. Am 9. November 1923, fünf Jahre nachdem Philipp Scheidemann die (Weimarer) Republik ausgerufen hat und heute vor 90 Jahren, will Adolf Hitler die Regierung stürzen. Ludendorff, der gefeierte Feldherr des Ersten Weltkrieges, soll von München aus einen Marsch auf Berlin anführen, dessen Ziel die Machtergreifung ist. Dass sich der ehemalige Erste Generalquartiermeister mit dem einstigen Gefreiten Hitler einlassen würde, hat er selbst lange nicht geglaubt. Aber Ludendorffs Lebensgeschichte ist ein Sinnbild für Glanz und Niedergang des alten Preußens.


Stratege im Ersten Weltkrieg

Geboren ist er 1865 in der Provinz Posen. Ludendorff schlägt eine militärische Karriere ein und bringt es bis zum Generalstabsoffizier. Strategie ist seine Stärke und das erkennt auch die Heeresleitung. Ludendorff arbeitet am Schlieffen-Plan mit und auf eine Blitz-Offensive an der Westfront hin. Insbesondere die Eroberung von Lüttich trägt seine Handschrift. Als es allerdings im Osten nicht gut bestellt ist, schickt der Oberste Kriegsherr, Kaiser Wilhelm II., den alten Haudegen General Paul von Hindenburg an die Front. Hindenburg strahlt eine unerschütterliche Ruhe und Zuversicht aus.  Was ihm an strategischer Raffinesse fehlt, soll Ludendorff ersetzen. Der versteht es glänzend, Hindenburg ins Rampenlicht zu schieben, während er selbst die Strippen zieht. Die taktisch meisterhaft geführten Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen (1914) lassen Hindenburg zum Volkshelden werden. Der "eigentliche Könner" (Golo Mann) aber war Ludendorff. Das bleibt er auch, als der Kaiser Hindenburg die Oberste Heeresleitung anvertraut. Wieder repräsentiert der würdevolle Generalfeldmarschall von Hindenburg, wieder brilliert Ludendorff als kühler Berechner am Kartentisch und in der Kriegskunst: Er beendet das Gemetzel vor Verdun, weil er sieht, dass diese Materialschlacht nicht zu gewinnen ist. Er zieht sich die taktische Defensive zurück und stabilisiert damit nicht nur die Front, sondern auch die Kampfmoral, weil endlich wieder Auszeiten vom Schützengraben möglich werden. Er motiviert auch die heimische Kriegsindustrie und kann damit Artellerie und Luftwaffe deutlich ausbauen. Hier blitzen noch einmal preußische Tugenden auf: Diszipliniertes und selbstloses Arbeiten (Ludendorff brütet unermüdlich über Heeresberichten und Plänen), straffe Organisation (die Restrukturierung der Kriegsführung wird binnen kurzer Zeit ins Werk gesetzt) und Effizienz (die deutsche Armee ist sowohl was die Zahl ihrer Soldaten als auch was ihre Materialausstattung betrifft im Hintertreffen). Alles in allem gibt Ludendorff den Deutschen die bereits verlorene Hoffnung auf einen erfolgreiches Ende des Waffengangs zurück. Das könnte auch in Friedensverhandlungen mit den kriegsmüden Alliierten bestehen. Aber Ludendorff - das verbindet ihn mit Hitler - will Alles oder Nichts, Triumpf oder Untergang. Mit der ganz und gar unpreußischen Entscheidung für den unbeschränkten U-Boot überreizt er sein Blatt. Spätestens mit dem Eingreifen der Amerikaner ist ein deutscher Kriegstriumpf nicht mehr denkbar. Als Ludendorff das erkennt, überlässt er die Verantwortung feige den Sozialdemokraten. Als die damit beginnen, die Scherben des in Trümmern geschlagenen Kaiserreichs aufzukehren, zerbricht er mutwillig das übrig gebliebene Porzellan und schiebt der Politik die Schuld für die Niederlage in die Schuhe, um die junge Demokratie zu schwächen. Die Sozialdemokraten hätten die braven deutschen Soldaten von hinten erdolcht, ätzen Ludendorff und auch Hindenburg - und versuchen mit der "Dolchstoßlegende" von ihrer eigenen Verantwortung abzulenken.

Zur Dolchstoßlegende habe ich übrigens vor einiger Zeit eine unverhoffte Entdeckung gemacht - und zwar ausgerechnet im hintersten Winkel meines Schreibtischs. Der leistet zwar schon lange den Uhls treue Dienste, aber erst seit kurzem in der der Eulenbibliothek. In der linken Schublade lag also das Heftchen "Fort mit der Dolchstoßlegende" aus dem Jahr 1922, verfasst vom damaligen Innenminister Adolf Köster (SPD):  Der schreibt: "Nach der Ludendorff-Legende hat die politische Leitung Deutschlands [...] vollkommen versagt."  Dann wehrt er sich für die die junge Demokratie: "Ich bin fest überzeugt, dass die Fehler, die die militärisch-politische Leitung des deutschen Volkes während des Krieges gemacht hat, alles das in den Schatten stellen..."

Hitlers Helfer

Hitler Ludendorff Putsch
Bundesarchiv, Bild 102-16742 / CC-BY-SA

Ludendorffs feiges und hinterlistiges Kalkül hat dem dem Preußen von einst nichts mehr gemein. Es passt ins Bild, dass Ludendorff sich von Hitlers Plänen benutzen lässt. Wie er selbst lässt Hitler keine Gelegenheit aus, um die "Novemberverbrecher" vom Herbst 1918 anzugreifen (gemeint sind die beherzten Republikgründer). Ludendorff wittert die Chance, noch einmal die Geschicke Deutschlands zu lenken. Er willigt ein und führt Hitlers Putschisten an. Weit kommen sie nicht. An der Feldherrenhalle (immer noch in München) ist der Staatsstreich beendet (vom Sperrfeuer der bayrischen Polizei). Während Hitler zu Festungshaft verurteilt wird, sprechen die Richter Ludendorff frei - wegen seiner Verdienste im Ersten Weltkrieg. Die Deutschen sehen das ein bißchen anders: Als Ludendorff 1925 Reichspräsident werden will, da bekommt er nur ein Prozent der Stimmen, Wie wenig zu diesem Zeitpunkt auch vom umsichtigen Feldherrn noch übrig ist, beweisen seine kruden Verschwörungstheorien. Ludendorff verdächtigt die Jesuiten, Freimaurer und Juden, sich gegen Deutschland verbündet zu haben und stilisiert sich als Opfer dieser Ränkeschmiede. Einen einzigen klaren Moment soll er noch gehabt haben, ehe er 1937 starb: "Ich prophezeihe Ihnen feierlich" soll Ludendorff seinen alten Kameraden Hindenburg gewarnt haben, ehe der Hitler zum Reichskanzler ernannte, "ich prophezeie Ihnen feierlich, dass dieser unselige Mann unsere Nation in unfaßbares Elend bringen wird." 

Fundstück aus der Eulenbibliothek: "Fort mit der Dolchstoßlegende!"

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Franz Josef Strauß: Der letzte König von Bayern

Bundesarchiv, B 145 Bild-F074245-0031 / Arne Schambeck / CC-BY-SA
Bundesarchiv, B 145 Bild-F074245-0031 / Arne Schambeck / CC-BY-SA

Er war der wichtigste bayrische Nachkriegspolitiker: Franz Josef Strauß. Fast drei Jahrzehnte hat er die Christlich Soziale Union geführt, zehn Jahre davon als Ministerpräsident des Freistaats Bayern. München ist ihm nicht nur politische Heimat. Hier wird er 1915 geboren. Hier rockt er das alt ehrwürdige Maximilianeum und macht dort das jahrgangsbeste Abitur. Auch sportlich ist das spätere (politische) Schwergewicht als Radrennfahrer ganz vorne dabei. Beruflich lässt es Strauß katholisch solide angehen: Er studiert Sprach- und Literaturwissenschaft und legt damit die Wurzeln seines künftig bewunderten wie gefürchteten Redetalents. Aber die Wurzeln werden jäh gekappt. Hitler will Krieg führen und Strauß ist im wehrfähigen Alter. Er wird zu den Waffen gerufen. Wie sein kommender Gegenspieler Helmut Schmidt beweist Strauß im Feld Führungsqualitäten und bringt es bis zum Oberleutnant. Viel schlimmer aber: Das Manuskript seiner Doktorarbeit verbrennt in den Flammen eines Bombenhagels auf München. Die Tür zur Wissenschaft ist erstmal zu und Strauß muss umplanen. Nach Krieg und kurzer Gefangenschaft steigt Strauß in die Politik ein. Er macht rasant Karriere: Stellvertretender Landrat im Schongau, Jugendvertreter im CSU-Vorstand, Mitarbeit im Frankfurter Wirtschaftstrat (wo er sich für Ludwig Ehrhards Soziale Marktwirtschaft stark macht), schließlich Mitglied des ersten Deutschen Bundestages. In der Fraktion leitet er die CSU-Landesgruppe. 1955 macht Bundeskanzler Konrad Adenauer den Vierzigjährigen zum Minister - erst für Atomfragen, dann für Verteidigung. Anfang der 1960er Jahre endet der politische Höhenflug des Hobb