30. Januar 1933: Hitler ist an der Macht. Der greise Reichspräsident hat ihm zum Reichskanzler ernannt. Hitlers Schlägertrupps feiern den Triumpf mit einem gespenstischen Fackelzug durchs Brandenburger Tor. Hitler aber will nicht Regierungschef einer ungeliebten Republik zu sein, sondern Führer der Deutschen. In wenigen Monaten erdrosselt er die deutsche Demokratie. Das Eulengezwitscher-Extra erinnert ab dem 30. Januar 2013 an Wegbereiter, Anhänger und Gegner der Machtergreifung vor 80 Jahren.  

Adolf Hitler: Das Böse

Hitler Biographie im Biografien-Blog
Quelle: http://lagis.online.uni-marburg.de/de/imagepopup/s3/sn/edb/id/709-F-20, © Druck: Deutschland erwacht. Werden, Kampf und Sieg der NSDAP, 1933, S. 79

Nun also doch: Adolf Hitler (1889-1945) ist an der Regierung. Zweimal hat sich Paul von Hindenburg, das greise Staatsoberhaupt der todgeweihten Weimarer Republik geweigert, den von ihm verachteten "böhmischen Gefreiten" zum deutschen Reichskanzler zu ernennen. Am 30. Januar 1933 aber tut er es doch: Zehn Jahre nach Hitlers gescheitertem Staatsstreich gegen die Republik ist er nun deren Regierungschef.

Der Lebensversager

Bundesarchiv, Bild 102-13774 / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA
Bundesarchiv, Bild 102-13774 / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA

Der Hitler-Putsch von 1923 war nicht die einzige Niederlage des gebürtigen Österreichers. Im Gegenteil: Erfolge oder Verdienste, die seine Kanzlerernennung erklären könnten - Fehlanzeige! Hitler war sogar ein regelrechter Lebensversager: In der Schule war er dreimal sitzengeblieben, in seinen Jugendjahren in München und Wien hatte er sich als Gelegenheitskünstler mehr schlecht als recht durchgeschlagen und Ansichtskarten gezeichnet. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete er sich freiwillig - in Deutschland.  Seine kommandierenden Offiziere aber trauten ihm Führung nicht zu und so brachte er nur zum Gefreiten. Dieser gleich mehrfach Gescheiterte also schickt sich nun an, Deutschlands Geschicke in die Hand zu nehmen. Für den (Fackel)-Schein von Tatkraft sorgt Hitlers emsig brummende Propagandamaschine, die von Joseph Goebbels gelenkt wird: Die Nationalsozialisten feiern Hitlers Machtergreifung als "Tag der nationalen Erhebung" mit einem Fackelzug durchs Brandenburger Tor. Mit ausgestrecktem rechten Arm grüßt der neue Reichskanzler seine im Stechschritt vorbeidefilierenden Schlägertrupps der SA (Sturmabteilung). In Straßenschlachten und Lokalprügeleien mit den politischen Gegnern (Kommunisten, Sozialdemokraten) hat die SA bereits Hitlers wahre, brutale und rücksichtslose Fratze gezeigt, aber das wollen die Deutschen nicht sehen. Sie sehen nur den neuen vermeintlich starken Mann, der sich brüstet, alle inneren und äußeren Probleme lösen zu können: Armut und Arbeitslosigkeit will er ebenso überwinden wie die Kriegsniederlage und den schmachvollen Versailler Friedensvertrag. Noch lieber als den neuen starken Mann zu sehen, der sich bei Licht betrachtet hölzern wie eine schlecht geschnitzte Marionette bewegt, wollen ihn die Deutschen hören. Denn eines konnte Hitler  tatsächlich: reden. Wie kein Zweiter hypnotisierte Hitler die Massen mit Worten

Das sogenannte "Dritte Reich"

Dass Hitler sich und sein "Drittes Reich" dabei auch noch in die ruhmreiche deutsche Geschichte einordnete und sich so den Glanz geschichtlicher Erfüllung verlieh, gefiel den von den Siegermächten gekränkten Deutschen - aber ach, das ist in jeder Hinsicht falsch und bloße Geschichtsklitterung: Denn Hitler war kein Friedrich der Große, den er so verehrte. Der war Preuße, hatte für ein Deutsches Reich wenig und für die Österreicher nichts übrig. Hitler war auch kein Bismarck, denn jener war ein gebildeter Diplomat, der seine Bündniskünste für die Friedenserhaltung einsetzte und nicht, um Krieg zu führen.

Bundesarchiv, Bild 183-S33882 / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-S33882 / CC-BY-SA 3.0

Hitler war noch nicht einmal ein neuer Kaiser. Ihm fehlte die Würde Wilhelms I. und selbst mit Wilhelm II., der gerne mit dem Säbel rasselte, hatte mit Hitler fast nichts gemein. Denn Wilhelm rasselte eben nur - und als der Krieg dann kam, da rasselte er noch einmal besonders laut und überließ dann seinen Generälen das Feld. Ganz anders Hitler, der die totale Macht nur will, um den totalen Krieg der Rassen zu entfesseln und höchstselbst zu führen: Früh schon ließ er sich Führer nennen, erst von den Parteigenossen, dann vom Volk. Im Krieg, den Hitler kraft seiner Herrlichkeit ganz alleine zu gewinnen dachte, flüsterwitzelte man vom GröFaZ (Größter Feldherr aller Zeiten). GröVaZ wäre treffender gewesen. Denn Hitler war der größte Verbrecher aller Zeiten. Erst ließ er alle politischen Gegner hinrichten, gleich ob sie sich wehrten oder nicht. Selbst persönliche Freunde exekutierte er ohne mit der Wimper zu zucken, wenn sie zu eigenmächtig wurden. Er schickte Millionen von Soldaten in den Tod, selbst Kinder und selbst dann noch, als alles entschieden war. Er setzte seine menschenverachtende Rassenlehre ins Werk und ließ Millionen wehrloser Menschen erschießen: Polen, Russen, Sinti und Roma, geistig und körperlich Behinderte. Sein größtes Verbrechen aber ist der Holocaust: Hitler baute Fabriken, um Menschen zu töten und um ein ganzes Volk, die Juden, auszurotten:


Lizenz:
Häftlinge bei der Ankunft im KZ Auschwitz (Bundesarchiv, Bild 183-N0827-318 / CC-BY-SA)

Die Antwort auf die sogenannte Endlösung der Judenfrage waren die Gaskammern in den Konzentrationslagern. Das alles hätten die Deutschen heute vor 80 Jahren noch nicht noch nicht sehen müssen, aber sie hätten es sehen können, wenn sie Hitlers ungenierte Offenbarung  "Mein Kampf" nicht nur gekauft, sondern auch gelesen und ernst genommen hätten: Selbst wer nicht bis zu den Kapiteln über Rassenwahn und Judenhass gekommen wäre, der hätte doch schon auf der ersten Seite stutzig werden müssen. Denn dort lässt sich nachlesen, was Hitler von den Deutschen wollte: Den Endsieg im Eroberungskrieg um Lebensraum: "Der Pflug ist dann das Schwert, und aus den Tränen des Krieges erwächst für die Nachwelt das tägliche Brot." Die Deutschen, das Volk der Dichter und Denker, haben es nicht gelesen. Sie jubelten lieber (und noch freiwillig) angesichts des neuen Hoffnungsträgers.

 

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Curt Liebmann: Der nibelungentreue General

General Curt Liebmann (Bundesarchiv, Bild 183-E03804 / CC-BY-SA)
General Curt Liebmann (Bundesarchiv, Bild 183-E03804 / CC-BY-SA)

Er war ein mitschreibender Soldat: General Curt Liebmann (1881-1960). Während seines dreißigjährigen Militärdienstes hat er sich immer wieder Notizen gemacht, wenn seine Vorgesetzten redeten. Denn als Stratege im preußisch-deutschen Generalstab oder als Statistik-Sachwalter im Truppenamt hat er den Bleistift als wirksame Waffe schätzen  gelernt. Und so schreibt er auch am  3. Februar 1933 eifrig mit: Dieses Mal ist es der neue Reichskanzler Adolf Hiter, der im konspirativen Wohnzimmerkreis bei General Kurt von Hammerschmidt-Equord die Reichswehrführung in seine politischen und militärischen Ziele einweiht. Während Hitler sich in Rage redet ordnet der Schreibtisch-General seine Ergießungen in vier nüchterne Kategorien: 1. Inneres, 2. Äußeres, 3. Wirtschaft, 4. Wehrmacht.

Was Liebmann aber zu Papier bringt, das hätte ihm den Atem verschlagen müssen. Ungeschminkt diktiert ihm Hitler bereits volle Programm seiner militärischen Verbrechen in den Block, vom Angriffskrieg über die Gleichschaltung bis zum Völkermord: 

  • "Einstellung der Jugend u. des ganzen Volkes auf den Gedanken, dass nur der Kampf uns retten kann..."
  • "Ertüchtigung der Jugend u. Stärkung des Wehrwillens mit allen Mitteln. Todesstrafe für Landes- u. Volksverrat. Straffste autoritäre Staatsführung. Beseitigung des Krebsschadens der Demokratie!" 
  • "Eroberung neuen Lebensraums im Osten u. dessen rücksichtslose Germanisierung..."

Welche Ironie des Schicksals, dass dieser Eroberungskrieg auf den Tag genau zehn Jahre später im Kessel von Stalingrad enden wird (2./3. Februar 1943). Aber die Generäle nickten nur dienstbeflissen und akurat mit den Köpfen. Das hat Liebmann nicht notiert. Dafür aber die Tochter des gastgebenden Generals, die als Spitzel den kommunistischen Nachrichtendiensten zuarbeitet. Ihrem mutigen Zeugnis ist zu verdanken, dass seit einigen Jahren bekannt ist, wie wenig die führenden Generale den verbrecherischen Größenwahn Hitlers hinterfragt oder gar hintertrieben haben: "Er sprach die ersten Worte gesetzt, dann in immer grösserer Ekstase, über den Tisch gelegt, gestikulierend. Nach der Meinung der Generale sehr logisch und theoretisch gut, überzeugend betreffend der innerpolitischen Probleme. Aussenpolitisch wenig klar. Nach Art seiner Agitationsreden wiederholte er die markantesten Stellen bis zu 10 Mal..." Die Masse der "Mein Kampf"-Käufer mag sich noch mehr schlecht als recht damit entschuldigen  Hitlers menschenverachtendes Programm nicht gelesen zu haben. Die militärische Führung konnte es nach dieser Rede Hitlers heute vor 80 Jahren nicht mehr.

Curt Liebmanns Biografie weiterzwitschern:

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Hjalmar Schacht: Hitlers Geldedintreiber

Foto: Broom R R (Fg Off)/Royal Air Force, 1942-1945 CL2383“. Lizenz: PD
Foto: Broom R R (Fg Off)/Royal Air Force, 1942-1945 CL2383“. Lizenz: PD
Hjalmar Schacht (Bundesarchiv, Bild 102-12733 / CC-BY-SA 3.0)
Hjalmar Schacht (Bundesarchiv, Bild 102-12733 / CC-BY-SA 3.0)

Er war des Teufels Geldeintreiber: Hjalmar Schacht. Erst sorgt der ehemalige Reichsbankpräsident im "Freundeskreis der Wirtschaft" dafür, dass eine Reihe deutscher Industrieller und Bankiers Reichspräsident Paul von Hindenburg darum bitten, Adolf Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Kaum einen Monat nach dessen Machtübernahme redet Schacht den Industriellen selbst ins Gewissen: Die knappen Wahlkampfkassen der Nationalsozialisten sollen sie auffüllen. Schacht ist der Strippenzieher hinter dem Geheimtreffen am 20. Februar 1933 - heute vor 80 Jahren. Reden lässt er erst Hitler und der eröffnet den Wirtschaftsbossen, was er zuvor den Wehrmachtsgeneralen angekündigt hatte: „Wir müssen erst die ganzen Machtmittel in die Hand bekommen, wenn wir die andere Seite ganz zu Boden werfen wollen." Die dafür benötigten Mittel soll der erfahrene Staatsbanker Schacht beschaffen und vermehren. Denn der hat nicht nur Erfahrungen bei Privatbanken gesammelt (u. a. Dresdner Bank), sondern er hat sich in der Weimarer Republik auch als erfolgreicher Finanzpolitiker bewährt: Als Delegationsleiter hat er verschiedentlich die Verhandlungen um die deutschen Reparationszahlungen nach dem  Ersten Weltkrieg geführt. Als Reichswährungskommissar hat er die Inflation von 1923 beendet wurde dafür an die Spitze der Reichsbank berufen. Aber alle kleinen und großen Erfolge des liberalen Demokratien befriedigen Schacht nicht. Er wendet sich mehr und mehr den rechten Parteien zu. In Hitler findet er den Macher, dem er seine finanzpolitische Expertise lieber zur Verfügung stellt als der gescheiterten Demokratie. Das gilt auch für seine Wirtschaftsfreunde. Krupp, Quandt und Konsorten stellen bereitwillig die Millionen, die Schacht von ihnen nach einem peniblen Schlüssel einfordert: Den Löwenanteil soll die Kohle- und Eisenindustrie beisteuern - aber die wird ja auch kräftig am kommenden Krieg verdienen. Auch Chemie, Automobil- und Maschinenbau dürfen  sich gerne beteiligen. Der erfolgreiche Geldeintreiber Schacht findet sich schon bald wieder an der Spitze des Reichswirtschaftsministeriums und der Reichsbank. Zwölf Jahre später wird aus der Reichsbank die Anklagebank der Nürnberger Prozesse. Auch wenn die Allierten ihn freisprechen, die Stuttgarter Entnazifizierungsspruchkammer verurteilt ihn als "Hauptschuldigen" zu acht Jahren  Arbeitslager. Obwohl er sich auch dort wieder herausklagen kann, nehmen ihm die Deutschen  die Selbstreinigungsschrift "Abrechnung mit Hitler" nicht ab.

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Joseph Goebbels: Der Hetzer

Joseph Goebbels spricht im Berliner Lustgarten (Bundesarchiv, B 145 Bild-P046287 / CC-BY-SA)
Joseph Goebbels spricht im Berliner Lustgarten (Bundesarchiv, B 145 Bild-P046287 / CC-BY-SA)
Demagoge Goebbels (Bundesarchiv 102-17049/CC-BY-SA)
Demagoge Goebbels (Bundesarchiv 102-17049/CC-BY-SA)

Er war Hitlers Marketing-Stratege: Joseph Goebbels (1897-1945). Wie bei Adolf Hitler beginnt auch Goebbels' Leben mit Demütigungen und Niederlagen: Als kleiner Junge wird er wegen seines Klumpfußes gehänselt. "Kinder können manchmal furchtbar grausam sein", klagt er seinem Tagebuch, "ich weiß ein Liedchen davon zu singen". Auch Erwachsene können grausam sein. Goebbels' Wunschdoktorvater - ein Jude - lehnt die Betreuung seiner Dissertation ab. Selbst als er dann doch noch zu Doktorwürden kommt, bei einem anderen und ebenfalls jüdischen Professor, startet er holprig ins Berufsleben. Der promovierte Germanist tut sich schwer, als Journalist, Dramaturg oder Schriftsteller Fuß zu fassen. Erst in Hitler scheint Goebbels einen neuen Lebenssinn zu finden. Dieses Mal feiert er mit seinem Tagebuch: "Ein Stern ist aufgegangen. Ich kann endlich wieder glauben. Ich liebe ihn." Weniger liebt er seine jüdische Freundin Else, die er für seinen "Führer" verlässt, um dann Magda zu heiraten - Hitler bezeugt die Ehe. Ebenso wie Else legt Goebbels auch seine Sympathie für den internationalen Sozialismus ad acta. Es ist, als ob er durch den Pakt mit dem Teufel seine ganze Versagensvergangenheit abstreift, um sich als Werbetrommler für Hitlers menschenverachtende Wahnvorstellungen neu zu erfinden.

Der wiederum revanchiert sich beim verhinderten Sprachvirtuosen für die bedingungslose Loyalität mit einflussreichen Jobs in der  Bewegung: Endlich kann Goebbels selbst grausam zu anderen sein - und das macht er genüsslich. Als Redakteur von national-sozialistischen Kampfblättern hetzt er gegen Juden und Kommunisten. Als Gauleiter von Berlin steht ihm nicht mehr nur das gehässige Wort als Waffe zur Verfügung, sondern auch die Knüppel von Hitlers Straßenschlägern. Auch Wahlkämpfe führt Goebbels für die Nationalsozialisten.


Reichspropagandaleiter darf er sich nun nennen. Nach der Machtergreifung lässt Hitler seinem Marktschreier eigens ein Ministeriums einrichten. Am 13. März 1933, heute vor 80 Jahren, verfügt der greise Reichspräsident Paul von Hindenburg in einem amtsdeutsch-trockenen Erlaß : "Für Zwecke der Aufklärung und Propaganda unter der Bevölkerung über die Politik der Reichsregierung und den nationalen Wiederaufbau des deutschen Vaterlandes wird ein Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda errichtet." Goebbels ist am Ziel. Nach eigenem Gutdünken schaltet er die Presse und den Kulturbetrieb gleich und sorgt dafür dass die Deutschen über Radio und Kinofilme indoktriniert werden. Über den Volksempfänger schreien Hitler und er täglich ihre Hasstiraden in die Wohnstuben. Die Nürnberger Reichsparteitage und die Olympischen Spiele lässt Goebbels von der Leinwandästhetin Leni Riefenstahl inszenieren, die sich nicht lange bitten lässt. Es ist Goebbels' Propagandamaschine, die den Völkermord an den Juden rhetorisch vorbereitet, es ist seine fanatisch sich überschlagende Stimme, die den totalen Krieg ausruft. In der Stunde der totalen Niederlage nehmen sich Magda und Joseph Goebbels das Leben. Die letzte Grausamkeit verüben sie an ihren sechs Kindern, keines älter als zwölf Jahre. Sie reißen sie mit in den Tod, damit sie nicht in einer Welt ohne den Nationalsozialismus aufwachsen müssen. 

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Paul von Hindenburg: Der Soldat

Hitler verneigt sich vor Hindenburg auf dem Tag von Potsdam
Bundesarchiv, Bild 183-S38324 / CC-BY-SA

Er war der erste Soldat des Kaiserreiches: Paul von von Hindenburg (1847-1934). Schon mit zwölf Jahren tritt Hindenburg als Kadett in die preußische Armee ein. Für seinen abgöttisch geliebten König Wilhelm I. zieht er gegen Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) in den Krieg und erlebt  Wilhelms Kaiserkrönung in Versailles aus nächster Nähe mit. In den darauf folgenden vier Friedensjahrzehnten durchläuft Hindenburg eine tadellose Miltärkarriere, ehe er 1911 hochdekoriert in den Ruhestand geht. Kaum dass der Erste Weltkrieg ausbricht, ruft man den alten Haudegen an die Front: Ob er bereit zur sofortigen Verwendung sei, telegrafiert man ihm aus Wilhelms II. Hauptquartier. Hindenburg ist kein Mann großer Worte: "Bin bereit!"

Paul von Hindenburg: Stationen eines Soldatenlebens (Lizenzen: alle gemeinfrei)
Paul von Hindenburg: Stationen eines Soldatenlebens (Lizenzen: alle gemeinfrei)
Hindenburg und Ludendorff (Foto: Bundesarchiv)
Bundesarchiv, Bild 146-1970-073-47 / CC-BY-SA

Im Eilzug fährt er gen Osten, wo die Russen gewaltige Armeen mobilisiert haben. In der Schlacht bei Tannenberg wird der Feind eingekesselt und vernichtend geschlagen. Dass die operative Planung Hindenburgs engster Mitstreiter Erich Ludendorff erledigt hat, interessiert zuhause niemanden. Der Oberbefehlshaber ist der Held von Tannenberg. Weitere Erfolge an der Ostfront festigen den Mythos Hindenburg. Bald wird das kongeniale Duo zur Obersten Heeresleitung berufen. Als der Krieg verloren ist, ziehen sich beide fein aus der Affaire. Das Friedensgesuch richtet schon die neue demokratische Regierung. Sie ist es auch, die den völlig überrumpelten Deutschen die  Niederlage erklären muss - die militärischen Lageberichte waren bis zuletzt voll von Siegesmeldungen. Der Mythos Hindenburg bleibt unberührt. Als man ihn 1925 bei der vaterländischen Ehre packt und das Reichspräsidentenamt anträgt, da sagt er nicht nein. Ein Mann großer Worte ist er immer noch nicht, dafür aber ein Mann von großer Symbolkraft. 

Das und nur das hat Adolf Hitler im Sinn, als er am Tag von Potsdam am 21. März 1933 - heute vor 80 Jahren - demütig sein Haupt vor Hindenburg beugt. Die unterwürfige Geste vor dem greisen Generalfeldmarschall des Kaiserreiches gilt weder der Person Hindenburgs noch dem Reichspräsidentenamt. Sie ist die kühle Berechnung von Joseph Goebbels, seines Propagandastrategen, der den  Tag von Potsdam inszeniert. Der offizielle Anlass, die Eröffnung des neuen Reichstags, ist eine Farce.


Die kommunistischen Abgeordenten sitzen längst in den Konzentrationslagern und die Sozialdemokraten um ihren Fraktionsvorsitzenden Otto Wels sind auch nicht gekommen. Goebbels hat ohnehin anderes im Sinn. Er will seinen "Führer" in eine Traditon mogeln, in der Hitler weder als gebürtiger Österreicher noch als einfacher Gefreiter des Weltkrieges etwas verloren hat: In die Tradition der preußischen Könige und Kaiser. Der Glanz glorreicher Tage und gewonnener Kriege soll auf Hitler übergehen. Dafür allein braucht man Hindenburg, der es mit Deutschland gut meint und es doch in schlechtere Hände nicht hätte legen können.  Dass er beim Tag Potsdam den unbequemen Frack des Politikers abgelegt und die Pickelhaube des preußschen Soldaten aufgezogen hat, tut ein übriges. Den Deutschen muss es so erscheinen, als ob das das alt-ehrwürdige Preußen das junge Nazideutschland ermächtigt, sein Erbe anzutreten - zwei Tage vor der unheilvollen Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz.

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Otto Wels: Der standhafte Demokrat

Hitler spricht zum Ermächtigungsgesetz (Bundesarchiv, Bild 102-14439 / CC-BY-SA)
Hitler spricht zum Ermächtigungsgesetz (Bundesarchiv, Bild 102-14439 / CC-BY-SA)
Otto Wels Biographie im Biografien-Blog
Lizenz: Gemeinfrei

Er hat Nein gesagt: Otto Wels (1873-1939). Seit Wochen schon knüppeln Hitlers Schläger alles und jeden nieder, der auch nur leise Vorbehalte gegen die Vollmachten des "Führers" äußert. Auch vor den gewählten Volksvertretern machen sie nicht halt. Seit die Nationalsozialisten die Kommunisten für den Reichstagsbrand verantwortlich gemacht haben, sind deren Abgeordnete ihres Lebens nicht mehr sicher. Wer noch nicht im Konzentrationslager sitzt, wird gewaltsam daran gehindert, an den Reichtstagssitzungen teilzunehmen, die nun in der Kroll-Oper und unter dem übergroßen Hakenkreuz abgehalten werden. Ihre Gegenstimmen sind vor allem am 21. März 1933 unliebsam. Denn heute vor 80 Jahren setzt Hitler zum großen Paukenschlag der Machtergreifung an: mit der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz verlangt er nichts weniger als die Selbstentmachtung des Reichstags: Künftig soll allein die Regierung - im Klartext: der "Führer" - über die politischen Geschicke Deutschlands entscheiden. Das Parlament will man nicht mehr fragen müssen und an der Verfassung vorbei möchte man auch entscheiden dürfen. Nachdem die Kommunisten kaltgestellt und die bürgerlichen Parteien mit politischem Druck und persönlichen Drohungen weichgekocht sind, ist Widerstand nur noch von den Sozialdemokraten zu erwarten. Deren Fraktions- und Parteichef Otto Wels lässt sich nicht einschüchtern: Erst wirbt Hitler im braunen Hemd für das Gesetz.. Dann tritt der gelernte Tapezierer und tapfere Parteisoldat Otto Wels ans Rednerpult. "Noch niemals, seit es einen Deutschen Reichstag gibt, ist die Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten durch die gewählten Vertreter des Volkes in solchem Maße ausgeschaltet worden, wie es jetzt geschieht, und wie es durch das neue Ermächtigungsgesetz noch mehr geschehen soll." Obwohl das allen klar ist und auch diese Debatte nur um des lieben Scheins willen geführt wird, macht sie der mutige Wels zu einer Sternstunde des Parlamentarismus: "Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht!", ruft er Hitler zu. Würdig tritt Wels ab. Hitler krächzt ihm noch ein paar Verleumdungen hinterher - begleitet vom höhnischen Gelächter der Nationalsozialisten - und dann wird abgestimmt: Der Rumpfreichstag beschließt (mit der Stimme des späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss), dass er überflüssig ist - nur die Sozialdemokraten stimmen dagegen. Diese demokratische Großtat, der parlamentarische Widerstand gegen die Hitler-Herrschaft, ist seinen Erben bewusst. Im Rahmen eines Gedenkveranstaltung für den 1939 im Exil gestorbenen Wels hat der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter-Steinmeier zurecht gefragt: "Hätten wir, die Abgeordneten von heute, auch den Mut, den Otto Wels damals hatte?"

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