Astrid Lindgren: Die Kinderbuch-Revoluzzerin

Astrid Lindgren hat Kinder zu Helden gemacht. Kein Wunder: Ihr Erwachsenenleben war nicht immer leicht. Ein Blick hinein...

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Sie hat die klassische Kinderliteratur revolutioniert: Astrid Lindgren. Sie macht Schluss mit brutaler Abschreckung und Angstmacherei á la Struwwelpeter oder Max und Moritz. Ihre kindlichen Helden müssen ihre Lausbubenstreiche nicht mit dem Leben bezahlen. Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter sind zwar genauso frech, aber immer liebenswert, guten Herzens - und den Erwachsenen meistens einen Schritt voraus. Dass Astrid Lindgren in ihren selbstständigen und auf sich gestellten Kinderfiguren ihre eigene innere Einsamkeit verarbeitet, merkt man ihnen kaum an. Ihrem Biografen bleibt es jedoch nicht verborgen - und auch ihre Kriegstagbücher sind vielsagend...

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Astrid Lindgren (Jahrgang 1907) ist keine geborene Schriftstellerin. Als Bauerstochter kann sie von Ruhm und Reichtum träumen. Dafür verlebt sie eine wunderbare Kindheit und Jugend auf dem Land. Vor allem ihre Kinder von Bullerbü sind literarische Kindheitserinnerungen. Ihr Arbeitsleben dreht sich dann allerdings von Anfang an ums Schreiben: Sie lektoriert bei einer Lokalzeitung und drauf und dran, selbst Journalistin zu werden. Dann hat eine Affäre mit dem noch verheirateten Chefredakteur Folgen: Lindgren ist schwanger und das geht gar nicht: Sie muss Hals über Kopf ihre ländliche Heimat verlassen, damit niemand sieht, was ja doch jeder weiß: Dass sie ein uneheliches Kind austrägt. Finanzieren muss sie weitgehend selbst. Sie jobbt als Stenographin und findet mehr als einen Brotberuf. Sie heiratet ihren Büroleiter Sture, der den unehelichen Sohn annimmt und mit Astrid eine Tochter hat. Das Familienglück hält nicht ewig: Sture ist untreu und richtet sich mit der Flache zugrunde. Astrid Lindgren ist allein auf sich gestellt. Sie kennt das schon: Im Krieg hat sie auch alles alleine machen müssen. Dabei hat sie sich nie aufgegeben, sondern immer nach vorne geschaut. Der Krieg offenbart auch erstmals die Genialität der Schriftstellerin Astrid Lindgren. Ihre Kriegstagebücher, die sie nur für sich schreibt, sind bewegende autobiografische Dokumente, die von den täglichen Sorgen, der Verzweiflung und der Hoffnung einer jungen Mutter erzählen. Ihr waches Interesse am Weltgeschehen, ihre immer umsichtigeren Einschätzungen und ihre wachsende innere Distanz zu allen Kriegsparteien zeigen sie ebenso wie der pragmatische Umgang mit Alltagsproblemen als starke und eigenständige Persönlichkeit. Als Hörbuch, gelesen von Eva Matthes, sind die Kriegstagebücher nochmals eindrücklicher.

Nach dem Krieg geht alles ganz schnell: Astrid Lindgrens Tochter ist krank und will die Geschichte einer gewissen Pippi Langstrumpf hören. Was als Gute-Laune-Geschichte für das kranke Mädchen beginnt, wächst sich zum dicken Manuskript aus. Aber noch ist der Durchbruch nicht geschafft. Erst nachdem sie mit einer anderen Geschichte einen Schreibwettbewerb gewinnt, bringt sie ihre Pippi bei einem kleinem Verlag unter, der sich damit saniert und gleich groß rauskommt. Lindgren schafft sich bei diesem Verlag ihre eigene Stelle im Lektorat für Kinderbücher. Vormittags schreibt sie zuhause ihre eigenen Geschichten, nachmittags erledigt sie für den Verlag die Korrespondenz rund um die geplanten Neuerscheinungen und abend liest die die eingereichten Manuskripte. So wird sie zur prägenden Figur einer zeitlosen Kinderliteratur, die bis heute Kassenschlager sind. Das liegt daran, dass Astrid Lindgren nicht nicht nur mit einer wunderbaren Fantasie gesegnet ist, sondern auch das richtige Näschen für Trends, Marketing und Vertriebswege hat. All das ist in der gut gemachten Biografie von Jens Andersen aufgeschlüsselt. Andersen erzählt gut - und er erzählt nicht nur Lindgrens Lebensgeschichte. Er bindet ihren persönlichen Werdegang und ihr literarisches Schaffen zusammen. Etwas schade ist, dass schriftstellerische Erfolg auf Kosten des Privatlebens geschildert wird. Denn bis ihrem Durchbruch mit Pippi Langstrumpf liegt der Schwerpunkt der Biografie auf dem dem Menschen Astrid Lindgren, danach fast nur noch auf der öffentlichen Person. Das kann den guten Gesamteindruck aber nicht schmälern. 

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Victoria Ocampo: Literatur als Lebensentwurf

Victoria Ocampo liebt die Literatur und das Leben. Eine moderierte Autobiografie zeigt, wie gut das vereinbar ist.

Victoria Ocampo
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Das Buch ist ein Versuch: Ein Mischung aus Biografie und Autobiografie von und über Victoria Ocampo. Dieses ungewöhnliche Genre der moderierten Autobiografie wird der Literatur-Latina (Ocampo stammt aus Argentinien) voll gerecht. Erstes ist nichts an dieser Kulturmoderatorin gewöhnlich und zweitens schreibt die Dame von Welt zwar gut, aber zu viel: Bei gleich sechs Bänden Autobiografie könnte man Vicoria Ocampo überdrüssig werden - und das wäre schade.

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Victoria Ocampo (1890-1979) hat viel zu erzählen über ihr Leben für die Literatur: Sie ist in Argentinien aufgewachsen, wo ihre Eltern als Großgrundbesitzer das nötige Kleingeld haben, um sie bestens ausbilden zu lassen. Hauslehrerinnen wecken in ihr die Liebe zum Lesen. Veredelt wird ihr Literaturstudium in Paris und London. Aber gegen alle Erwartungen ist dieses kulturelle Rüstzeug nicht nur eine Mitgift für eine Hochzeit in einflussreiche Kreise. Ocampo heiratet zwar, aber die Ehe ist nichts für die Ewigkeit - anders als die geliebten Bücher:  Victoria Ocampo liest sich sozusagen heraus aus gesellschaftlichen Zwängen und dreht ihr eigenes Ding. Sie schreibt, gibt eine Zeitschrift heraus, netzwerkt mit den Größen der südamerikanischen und internationalen Literaturbranche, darunter José Ortega y Gasset und Virginia Woolf. Ocampo ist geschätze Gastgeberin und Beraterin. Sie vermittelt talentierte Schriftsteller nach Europa und ist eine der ersten Literaturagentinnen und Kulturvermittlerinnen. 

Victoria Ocampo im Biografien-Blog
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Zugegeben: Ich kannte Victoria Ocampo nicht, ehe sie mir aus dem Biografien-Regal entgegengepurzelt kam. Über ihren Einfluss kann man nur staunen. Sie ist wirkungsvoll und geheimnisvoll zugleich. In den sozialen Netzwerke wäre sie wohl ein Superstar gewesen: Eine Frau, die überall präsent ist und weiß, wie man sich in Szene, ohne allzuviel Persönliches von sich preiszugeben. Etwas Licht ins Dunkel des Privatlebens dieser beeindruckenden Persönlichkeit bringt Renate Kroll, die Victoria Ocampos gesammelte autobiografische Schriften ausgewertet, gekürzt und einfühlsam neu zusammengestellt hat.

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Cornelia Goethe: Die Schwester des Genies

Über Cornelia Goethe weiß man wenig. Eine neue Biografie zeigt die Leiden des Lebens im Schatten des Dichterfürsten

Sie ist die unbekannte Schwester des Genies: Cornelia Goethe ist im selben Haushalt aufgewachsen wie der berühmteste Deutsche aller Zeiten. Doch obwohl man über den Dichter und Denker Johann Wolfgang von Goethe so ziemlich alles weiß, liegt das Leben seiner Schwester im Dunkeln. Dabei war sie ihm eine enge Vertraute und eine wichtige Gesprächspartnerin. Eine einfühlsame Biografie spürt ihr nun nach - und zeigt eine einsame und verkannte Frau, die in ihrer Zeit kein Zuhause findet.

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Cornelia (geboren 1750) ist 15 Monate jünger als ihr Bruder. Sie hat beim gleichen Hauslehrer gelernt wie Johann Wolfgang. Der Vater, ein wohlhabender Regierungsrat, legt Wert darauf, dass seine beiden Kinder umfassend ausgebildet werden. Cornelia ist also weit mehr als eine Schattenschwester. Sie ist eine unverzichtbare intellektuelle Sparringspartnerin des künftigen Dichterfürsten und diskutiert sogar die Stoffe mit ihm, die er später zu den großen Dramen ausarbeitet. Doch trotz der toleranten Erziehung in Sprachen und Künsten bleibt ihr der Zugang zur Welt der oberen Zehntausend versperrt. Ihr kritischer Geist leidet darunter, dass sie nicht den Sprung in die einflussreichen Salons und Gesprächskreise schafft. Da sie keine strahlende Schönheit ist, zieht sie auch keine Greencard als Muse wie beispielsweise Alma Mahler. Sie heiratet einen Macher, der in der öffentlichen Verwaltung Karriere macht. Für ihn sind Kunst und Kultur weniger greifbar, als Organisationsabläufe und Sacharbeit. Ihr sensibles Wesen ist nicht dazu gemacht, als Hausfrau und Mutter zu funktionieren. Innerlich vereinsamt sie, auch weil ihr Bruder den Kontakt nach ihrer Heirat abkühlen lässt.

Cornelia Goethe im Biografien-Blog
„Die Gartenlaube (1867). Lizenz: Gemeinfrei

 Hat er sie etwa nicht nur als Schwester geliebt? Zwischen den Zeilen der Biografie lässt sich das erahnen, aber Sigrid Damm, eine Goethe-Kennerin, bleibt im Vagen. Überhaupt setzt sie häufig Fragezeichen in die Lebensgeschichte ihrer Titelheldin. Das betrifft eine unglückliche Liebe in Cornelias Jugend, das betrifft ihr Empfinden in der Ehe. Den Gemütszustand schlüsselt sie überwiegend anhand Cornelias Tagebuch auf, das ganz im Trend der Zeit als Briefroman verfasst ist. Trotzdem ist es gut, dass die Biografin nicht der Versuchung erliegt, allzuviel Spekulation zu betreiben. Sie zeichnet die Lebensumstände Cornelia Goethes nach und überlässt es den Leserinnen und Lesern, sich ihr eigenes Urteil zu bilden. Dieser Ansatz, ein verborgenes Leben nachzuzeichnen, ist überzeugend und gut gelungen.

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Michael Ende: Der Philosoph des Fantastischen

Dieses Michael-Ende-Hörbuch ist ein Audio-Guide für Reisen nach Phantásien - und der Geschichtenerzähler führt selbst...

Foto: Caio Garrubba (Pressefoto Thienemann)
Foto: Caio Garrubba (Pressefoto Thienemann)

Michael Ende ist mein größter Held. Seine Geschichten sind meine Geschichten, seine Figuren sind meine Freunde. Mit Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer bin ich im engen Führerhäuschen der guten alten Lokomotive Emma auf große Fahrt gegangen, mit Momo habe ich den Grauen Herren getrotzt und an der Seite von Bastian Balthasar Bux hätte ich mich  beinahe für immer in Phantásien verirrt. Das kann im Reich der Fantasie immer passieren. Wie gut, dass es einen neuen Audioguide für Abenteuerreisen in die Welt des Geheimnisvollen und Wunderbaren gibt: das neue Michael-Ende-Hörbuch...

Michael Ende (1929-1995) ist im Reich der Fantasie geboren: Sein Vater ist ein fantasischer Maler, für den die innere Welten genauso wirklich sind wie die äußere Realität. Das färbt ab. Michael Ende wächst mit rätselhaften Bildern und zauberhaften Geschichten auf. Im Zweiten Weltkrieg versinkt die heile Welt der Träume in einer Trümmerwüste der Alpträume. Michael Ende erlebt Bombennächte und überlebt sie nur knapp. Er bleibt dem Träumen treu, wird Theaterschauspieler und will Bühnenautor werden. Als das nicht klappt, schreibt er ein Kinderbuch: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer befreien nicht nur die Prinzessin Li Si aus der Drachenstadt Kummerland, sie retten auch die künstlerische Existenz von Michael Ende. Das Buch gewinnt den Deutschen Jugendbuchpreis und von da an gilt er als talentierter Kinderbuchautor. Das ist richtig, aber lang nicht alles: Michael Ende ist einer der meistunterschätzten deutschen Schriftsteller. Seine Bücher und Geschichten haben sich millionenfach verkauft, sind in Dutzende von Sprachen übersetzt worden und begeistern bis heute jung und alt. In seinen Geschichten wimmelt es nicht nur von kuriosen Gestalten, kindlichen Helden und verwunschen Welten. In ihnen verabeitet der Geschichtenerzähler Michael Ende viele, viele kluge Gedanken über die Fantasie und das Schöpferische, über das Wunderbare und das Geheimnisvolle. Michael Ende ist ein Philosoph des Fantastischen.  Dass berühmte Literaturkritiker wie Marcel Reich-Ranicki diese Tiefe in ihrer Ignoranz übersehen - "Mit dem Phänomen Ende beschäftige ich mich nicht" - spricht nicht eben für ihr Berufsethos.

Überhören muss man Michael Ende nicht mehr. Dafür sorgt ein neues Hörbuch von und über den Geschichtenerzähler. Vielleicht werden Hörbücher dem Phänomen Ende sogar gerechter als die klassische Buchform. Der Schriftsteller selbst war jedenfalls vom gesprochenen Wort überzeugt. Und überzeugend gelesen sind seine Geschichten in diesem über zehnstündigen Hörbuch (unter anderem von Gert Heidenreich und Maria Hartmann). Dass der Geschichtenerzähler selbst immer wieder zu Wort kommt und mit seiner angenehmen, brummigen Stimme (mit leichtem bayerischen Einschlag) Einblicke in seine philosophischen und künstlerischen Überzeugungen gewährt, macht dieses Hörbuch selbst für Kenner zu einem wunderbaren Audioguide für Abenteuerreisen und Kurztrips nach Phántasien. Zugegeben: Auf den ersten Blick ist das tatsächlich eine recht abenteuerliche Führung. Da stehen einzelne Buchkapitel und Auszüge recht unvermittelt neben Gedichten und Schnipseln, dazwischen finden sich hin und wieder Gesprächsmitschnitte (ebenfalls in teils abenteuerlicher Tonqualität). Aber gerade darum geht es ja: Nicht die äußere Ordnung ist wichtig, sondern die innere. Und die bildet sich immer erst im Zusammenspiel von Autor, Erzähler und Hörer heraus. Deshalb ist dieses Hörbuch so famos als Wegweiser in die eigene Fantasie geeignet. Oder anders gesagt: Herausgekommen ist ein großer Querschnitt durch die Lebensgeschichte und das Lebenswerk von Michael Ende, der schon vielen Menschen den Weg nach Phantásien gezeigt hat. Nur gehen muss man ihn selber. Und das ist wunderbar! Immer wieder.

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Die Manns: Dichtung und Drama

Eine neue Biografie der Familie um Thomas Mann besticht durch ihre packende Erzählweise im Stil eines Thrillers

Lizenzen: gemeinfrei
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Sie sind die Dramafamilie der deutschen Literaturgeschichte: Die Manns. Sie haben nicht nur Romane, Erzählungen und Geschichtsbücher von Weltrang geschrieben. Man kann auch ihre eigene Familiengeschichte als Roman erzählen. Genau deshalb ist das in jüngerer Vergangenheit  mehrmals geschehen. Dabei geht es häufig vor allem um den Über-Mann, um Thomas, den Schöpfer der Buddenbrocks und des Zauberbergs. Aber es gibt nicht nur ihn! Da ist noch seine Frau Katja und da sind die gemeinsamen Kinder Erika und Klaus, Golo und Elisabeth, Monika und Michael. Und kein(e) Mann ordnet sich gerne unter. Deshalb schaut das neueste Buch über die Dichter-Dynastie besonders auf die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern - und das überzeugt.

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Zugegeben: Es wird kräftig getrommelt, um noch ein Mann-Buch zu rechtfertigen. Zu oft schon scheinen Thomas und die anderen zwischen Buchdeckeln und auf dem Fernsehschirm zur deutschen Beispielfamilie stilisiert worden zu sein. Der Erfolg (u. a. der Literaturnobelpreis für Thomas Mann), das Exil während der Nazi-Dikatur, die tragischen Schicksale der weniger bedeutenden Familienmitglieder (Drogenmissbrauch und Selbstmorde) haben das Interesse der Biografien und Dramatiker beflügelt. Deshalb wirbt schon der Klappentext damit, dass Autor Tilmann Lahme "hunderte unbekannte Briefe, Tagebücher und Notizen" erstmals gesichtet und verwendet habe. Na und?, fragt sich die Biografie-Leserin, die sich für die Manns interessiert. Denn entweder wird sie von den vermeintlichen Neuigkeiten nicht überrascht, weil sie sich nach der Lektüre eines oder mehrerer Bücher über die Manns vieles schon hat denken können. Oder aber sie liest zum ersten Mal etwas über die berühmte Familie - und dann besticht Tillmann Lahme durch etwas ganz anderes: Seine Sammelbiografie über die Manns ist packend und in zeitgemäßer Sprache geschrieben. Nicht neue Details, die den Bock ohnehin nicht fett machen, sondern die spannende Erzählweise im Stil eines Thrillers machen dieses Buch zum Lesevergnügen. Die künstlich von Thomas weggelenkte Aufmerksamkeit hätte es auch nicht gebraucht. Denn auch Tilmann Lahme kommt nicht darum herum, dass Thomas Mann nun einmal der bedeutendste Vertreter seiner Familie ist. Was seinen Blick auf die Manns so besonders macht ist, dass er ungeschminkt davon berichtet, wie Thomas' Kinder unter dem Übervater leiden. Der ist sich dieses Problems zwar durchaus bewusst, aber er hat nicht wirklich etwas dagegen getan. Daraus ist in der Tat ein schwieriges Beziehungsgeflecht erwachsen. Dieses familiäre Konfliktpotenzial hat Tilmann Lahme zum Stoff seiner Biografie gemacht und das ist ihm bestens gelungen. Unter den Büchern über die Manns rangiert seines weit vorne - aber nicht aus den Gründen, die er selbst anführt. 

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Ali Mitgutsch: Der Wimmelbild-Zeichner

Wimmelbuchautor Ali Mitgutsch hat eine Kriegskindheit erlebt. Seine fröhlichen Suchbilder sind stärker als Angst und Sorgen.

Ali Mitgutsch
Foto: Anja Köhler / Ravensburger

Er lässt es wimmeln: Ali Mitgutsch. In diesem Jahr hat der berühmte Zeichner und Erfinder der großformatigen Wimmelbilder seinen 80. Geburtstag gefeiert. Seine Bücher sind gewissermaßen ewig jung. Seit 1968 erfreuen sich kleine und große Kinder an den Suchbildern mit unzähligen Alltagsszenen. Mitgutsch selbst geht es ein bisschen wie seinen Büchern - seinen jugendlichen Charme hat er bis heute behalten: "Meine Kindheit war zwar unwiderruflich vorbei, aber sie war nicht verloren", erzählt Mitgutsch. "Sie beschäftigte mich mein ganzes Leben lang, sie wurde meine Berufung." Wie gut also, dass Ali Mitgutsch nun seine Kindheitserinnerungen vorgelegt hat. Ein Blick hinein:

Ali Mitgutsch Biografie

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Ali Mitgutsch gehört zu der gebeutelten Generation von Kinderbuchautoren, deren eigene Jugend vom Zweiten Weltkrieg geprägt ist. Geboren 1935 ist er etwas jünger als Michael Ende und  Otfried Preußler und ein Jahr älter als Christine Nöstlinger. Wer also eine glückliche Kindheitsgeschichte voller Rummelplatz- und Schwimmbadbildchen erwartet, wird enttäuscht. Ali Mitgutsch hat seinen Bruder Ludwig im Krieg verloren und in einem Elternhaus gelebt, das dem Nationalsozialismus nicht nur abweisend gegenüberstand. Er hat die angsterfüllten Bombennächte erlebt, wurde aus München evakuiert und bei einem entfernt verwandten Pfarrer untergebracht, der Nächstenliebe nicht gerade gelebt hat. Selbst die Idee zu den Wimmelbüchern hat militärische Wurzeln. Im Nachkriegsmünchen kann er von einem Jahrmarkts-Riesenrad in die Kulissen einer Schaustellerbude herabsehen, in der eine hektische Schlachtenszene nachgestellt ist. Der Blick aus der Vogelperspektive prägt sein künstlerisches Selbstverständnis: "Sie wurde die Perspektive all meiner Wimmelbilder." Dass Ali merkwürdige Männchen zeichnet und sogar an der Graphischen Akademie Künstler werden will, passt vor allem seiner Mutter gar nicht. Sie fragt sich, "was müssen das für Leute sein, die sowas malen können, grüne Gesichter und diese krummen Figuren und die Nase auf der Seite, was müssen die krank sein, und jetzt, jetzt will mein eigener Sohn ... jetzt will der sowas machen ...!" Hätte sie gewusst, dass es schon die Alten Meister wie Pieter Bruegel haben ordentlichen wimmeln lassen, und hätten die Nationalsozialsten nicht dauernd alles Moderne als "entartete Kunst" diffamiert,  vielleicht hätte sie anders gedacht...

Pieter Bruegel (1525-1569) lässt es wimmeln (Lizenzen  gemeinfrei)
Pieter Bruegel (1525-1569) lässt es wimmeln (Lizenzen gemeinfrei)

Buchbesprechung

Meine ältere Tochter Helena wimmelt genauso gerne wie ich vor 30 Jahren - hier auf der Buchmesse am Ravensburger-Stand.
Meine ältere Tochter Helena wimmelt genauso gerne wie ich vor 30 Jahren - hier auf der Buchmesse am Ravensburger-Stand.

Mitgutschs Kindheitserinnerungen sind keine Gute-Nacht-Geschichten. Sie erzählen nicht nur von schönen und glücklichen Momenten (aber auch von ihnen), sondern von schweren Stunden und vom Heranwachsen im Ausnahmezustand. Dass sich diese Memoiren flüssig und gut, manchmal sogar dramatisch lesen ist dem Koautor Ingmar Gregorzewski zu verdanken, der auch Tatort-Drehbücher schreibt. Für großgewordene Kinder, die mit Ali Mitgutschs Wimmelbüchern aufgewachsen sind und jetzt mit ihren eigenen Kindern über seinen Suchbildern brüten, ist die Autobiografie eine aufschlussreiche Lektüre. Denn von Mitgutsch können wir heute lernen, der Terror-Alltag nicht aufs kindliche Gemüt schlagen muss und dass fröhliche Figuren Sorgen und Ängste besser vertreiben können, als Panikmache und Misstrauen.

Kinder- und Jugendbuchautoren im Biografien-Blog:

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Laura Maaskant: "Auf Highheels in den Himmel"

Laura Maaskant ist jung. Sie wird am Krebs sterben. An ihrer Lust am Leben ändert das nichts - eine besondere Biografie.

© Laura Maaskant.
Laura Maaskant im Kreis ihrer Brüder: Eine starke Familie (© Laura Maaskant).

Fünfzehn Jahre erlebt Laura eine unbeschwerte Kindheit und Jugend. Dann erschüttert eine Horror-Diagnose ihr Leben: Ein faustgroßer bösartiger Tumor wächst ihr aus der vierten Rippe. Mittlerweile weiß die junge Frau von 21 Jahren, dass sie den Krebs nicht bezwingen wird - oder vielleicht doch? Denn ist es nicht ein Triumph über das Unvermeidliche, wenn man sich vom sicheren Tod nicht verbittern lässt? Laura Maaskant hat ein bewegendes Bekenntnis zum Leben abgelegt: das Eulengezwitscher stellt ihre Autobiografie vor.

Laura Maaskant

Lebe!

Ich weiß, der Krebs wird siegen, aber bis dahin gehört jeder Tag mir

Erschienen bei Bastei Lübbe im Mai 2015. 208 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 16,99 €.


© Laura Maaskant
Laura mit ihrem Labrador Tirza

Der Tod passt nicht ins Bild. Laura Maaskant, geboren 1994, ist eine fröhliche junge Frau. Ihr hübsches Gesicht, ihre verträumten Augen, die kraftstrotzenden Siegerposen mit ihren drei älteren Brüdern Daan, Jim und Joep und die innige Umarmung ihres Labradors Tirza vermitteln Lebensfreude und nicht Todesangst; Zuversicht, nicht Resignation. Und doch wuchern Metastasen in ihren beiden Lungenflügeln. Laura hat keine Chance mehr im Kampf gegen den Krebs, den sie zwischenzeitlich schon einmal gewonnen glaubte. Aber - und das ist die wunderbare Nachricht ihrer berührenden Autobiografie - sie wird wohl nur ihr Leben an den Krebs verlieren und nicht ihre Lebensfreude. Zwei Teile umfasst das Buch. Der erste Teil ist die Geschichte von Leid und Hoffnung, vom niederschmetternden Befund, von der Chemotherapie und von der liebevollen Unterstützung ihrer Familie. Der zweite Teil handelt von der zerbrochenen Hoffnung, von der Trauer und vom Beschluss, die verbleibenden Lebenstage zu genießen. Wenn Laura Maaskant geradezu keck und locker davon berichtet, wie sie das Outfit für ihre eigene Beerdigung kauft - "Auf Highheels in den Himmel" - stockt der Leserin und dem Leser der Atem. Aber die titelgebende und tief optimistische Überzeugung "Lebe!" springt über. Laura Maaskant hat ein mutiges Buch geschrieben, das manche Alltagsnickligkeiten in ein ganz anderes, befreienderes, Licht setzt.

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Dieter Kühn: Die Lebenswerkstatt

Der Schriftsteller Dieter Kühn wird 80. In zwei Autobiografien blickt er auf sein Leben und sein Lebenswerk zurück.

Dieter Kühn (© Jürgen Bauer)
Dieter Kühn (© Jürgen Bauer)

Kühn: der Name ist Programm - und zwar nicht nur für den Autor Dieter Kühn, der dieser Tage seinen 80. Geburtstag feiert. Auch die Leser der beiden Autobiografien über sein Leben und sein (unvollendetes) Werk müssen kühn sein: Zusammen umfassen diese Erinnerungsbände nämlich 1800 Seiten. Das ist keine Lektüre für nebenbei, das ist selbst fast ein Lebenswerk. Dieter Kühn hat viel zu erzählen in seinem Lebens- und seinem Logbuch. Wer aber eine akribische "Und dann, und dann, und dann"-Chronik erwartet, der wird (zum Glück) enttäuscht. Denn wer es wagt, die Buchdeckel der beiden Wälzer aufzuschlagen, der öffnet die Türen zu Dieter Kühns Lebenswerkstatt. Ein biografischer Besuch: 

Dieter Kühn

Das magische Auge

Mein Lebensbuch

Erschienen bei S.Fischer im September 2013. 1280 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 30,00 €.


Dieter Kühn

Die siebte Woge

Mein Logbuch

Erschienen bei S.Fischer im Januar 2015. 520 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,99 €.


Dieter Kühn Biografie

Wer also einen Blick in diese Lebenswerkstatt riskiert, der muss sich (wie in jeder anständigen Werkstatt) erstmal gründlich orientieren: Kreuz und quer finden sich Ideen und Skizzen, durchmischen sich biografische und literarische Sequenzen, vereinen sich Erlebtes, Gedachtes und Gewusstes: Die Erinnerungen an die amerikanischen Besatzungs- und Befreiuungstruppen sind bei Kühn Nachbarn von Reflektionen über Atome und Quanten. Den Niederungen der Lokalpolitik stehen die Weiten der Galaxie gegenüber, Biografien über Napoleon und Clara Schumann teilen sich ein Plätzchen mit Übersetzungen mittelalterlicher Epen.  Aber - und auch das ist wie in jeder anständigen Werkstatt - wenn man sich auf die vermeintliche Unordnung einlässt, dann erschließt auch irgendwann die tiefere Ordnung und dann ist es umso anregender, sich mit Dieter Kühn an die Werkbank - Pardon: an den Schreibtisch - zu setzen: Kühn ist eine Art von Wissensjunkie. Keine Information scheint vor seiner unerschöpflichen Neugier sicher zu sein. Studiert hat er Deutsch und Englisch (in Freiburg), seine Dokorarbeit dreht sich um den "Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil. Dann dreht sich das Themenkarussell beinahe ein Leben lang. Als Rundfunkredakteur macht er Hörspiele, als Hobbyhistoriker stellt er gerne mal die Frage, was gewesen wäre, wenn... "Aufräumen und sichten" will Dieter Kühn seine Lebenswerkstatt in seinen Memoiren: Aber warum sollen alle anderen, die Leser, dabei zuschauen, hunderte von Seiten lang?

Buchbesprechung

Es gibt dafür keinen vernünftigen Grund, aber viele gute Gründe: Erstens: Kühns 360-Grad-Interesse färbt ab. In andauernd neuen thematischen Entdeckungen und Wendungen erstickt die tückische Dicke-Bücher-Langeweile. Zweitens: Die vielen kleinen und oftmals im minimalistischen Stakkato angerissenen Fragmente und Fragen regen zum Nach- und Weiterdenken an. Drittens: Die Kombination der beiden Bücher gewährt einen ungewohnten Einblick in die Arbeit des Schriftstellers. Dass sich ein Autor so wie Dieter Kühn in seinem soeben erschienen Logbuch über die Schulter schauen lässt und nicht nur Vergangenes, sondern auch Gegenwärtiges und (möglicherweise) noch Kommendes reflektiert, ist selten. Das Ringen um die literarische Bewältigung aktueller Themen, die Zusammenführung von so vermeintlich widersprüchlichen Interessen - all' das macht Kühns Doppel-Autobiografie einzigartig. Zugegeben: Weder das Lebens- noch das Logbuch laden dazu ein, in einem Rutsch von vorne nach hinten durchgelesen zu werden - dafür sind sie in gleich mehreren Facetten zu umfangreich. Und auch der mitunter gehetzte Schreibstil fordert seine Lesepausen ein. Aber als Fundgrube für eigene Impulse und Anregungen ist diese nunmehr öffentlich zugängliche Lebenswerkstatt allemal nicht nur einen Besuch wert.

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Marquise de Sade: Der Ur-Sadist

Vor 200 Jahren ist der Schriftsteller Marquis De Sade gestorben. Eine Biografie über den Vater des Sadismus.

Beide Fotos lizensiert unter Gemeinfrei
Beide Fotos lizensiert unter Gemeinfrei

Er war ein Schocker-Schriftsteller: der Marquis de Sade. Die Gewalt- und Sexorgien in seinen Romanen haben den Namenspatron des Sadismus an der Schwelle zum 19. Jahrhundert in den Kerker und beinahe aufs Schaffot gebracht. Dabei hat der Marquis, der heute vor 200 Jahren gestorben ist, anders als seine Fantasiefiguren keineswegs schwangere Bäuche aufgeschlitzt oder Ritualmorde begangen (allenfalls hat er ab und an die Peitsche geschwungen). Vielmehr zeigte er sogar menschliche und moralische Züge. Diesem Rätsel de Sade ist der routinierte Biograf Volker Reinhard nun auf den Grund gegangen.

Volker Reinhardt

De Sade

Die Vermessung des Bösen

Erschienen bei C-H. Beck im Juli 2014. 464 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 26,95 €.


Biografie Marquis de Sade

Licensed under CC BY-SA 3.0
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Seit Daniel Kehlmanns biografischem Roman "Die Vermessung der Welt" (über Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt) wird im literarischen Betrieb immer mal wieder gerne etwas vermessen. Nun hat sich der Schweizer Historiker Volker Reinhard in seiner jüngst bei C.H. Beck erschienen Biografie über den Marquis de Sade der Vermessung des Bösen angenommen. Anders als so oft ist dieser Titel allerdings tatsächlich Programm. Reinhardt vermag es, sich seinem von so gegensätzlichen Emotionen wie Ekel, Lust, Verdammung und Befreiung aufgeladenen Protagonisten nahezu unbefangen zu nähern: Wer sich mit de Sades Diagnose, dass die Welt durch und durch böse ist, auseinander setzen will, muss sein Leben kennen.  Dieser Linie bleibt Reinhardt treu. De Sades eigene (aus heutiger Sicht eher harmlose) Eskapaden portraitiert Reinhardt ebenso nüchtern wie die biografischen Folgen der Exszesse seiner Romanfiguren: Für seine zu Papier gebrachten Unmenschlichkeiten (mitunter verleugnet de Sade die Autorenschaft) wandert er jahrelang ein, weil man sich vor der Gewalt seiner Fantasien fürchtet. Reinhardt beschönigt die rohe Brutalität nicht, aber er weidet sich auch nicht daran. Er zeigt de Sade als überlegten Provokateur, der die dunkelsten menschlichen Abgründe ans Licht bringt - wohlwissend um ihre skandalisierende Kraft. Es gint allerdings einen Preis für die akademische Unbestechlichkeit: De Sade und sein Leben bleiben weitgehend Forschungsobjekte und diese (wenn auch legitime) Herangehensweise verhindert, dass der Marquis selbst zwischen den Buchdeckeln neu auflebt. Möglicherweise ist das aber auch gar nicht nötig. Denn so gelingt es Reinhardt, das Schockerlebnis de Sade in unsere Zeit zu übersetzen - und das ist sein selbst gestecktes Ziel.

Fazit: Diese Biografie ist nichts für Moral-Apostel - aber auch nichts für Gewaltsex-Voyeure. Volker Reinhardt portraitiert den legendären verhassten und verklärten Marquis de Sade in keiner Weise einseitig. Der Schweitzer Historiker bleibt bei den Quellen und differnziert konsequent zwischen Leben und Lebenswerk. Das geht zwar manchmal auf Kosten der Lebendigkeit, aber Volker Reinhardt will auch keine fesselnde Lebensgeschichte erzählen. Er holt den heute vor 200 Jahren gestorbenen Marquis de Sade als Mahner in die Gegenwart: als feinsinnigen und berechnenden Provokateur, der dazu anregen will, über menschliche Abgründe nachzudenken, die heute oftmals durch mediale Abstumpfung und Verharmlosungen gut getarnt, aber umso gefährlicher sind.

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Bertold Brecht: Der Denker in der Zeitkapsel

Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0

Dieses Buch ist wie eine Zeitkapsel. Vor über einem halben Jahrhundert (und kurz vor seinem Tod) hat der marxististische Theoretiker Fritz Sternberg seine Erinnerungen an Bertolt Brecht aufgeschrieben. Doch das zuerst 1963 erschienene schmale Bändchen mit dem gewichtigen Inhalt ist in den vergangenen Jahrzehnten in Vergessenheit geraten. Jetzt hat Sternbergs Nachlassverwalterin Helga Grebing die Zeitkapsel geöffnet und den den Text in der Bibliothek Suhrkamp erneut herausgegeben, kommentiert und mit einem umfangreichen Anhang versehen. Ein Blick ins Buch:

Fritz Sternberg

Der Dichter und die Ratio

Erinnerungen an Bertolt Brecht

Erschienen bei Suhrkamp im August 2014. 195 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,95 €.


Sternbergs Erinnerungen tragen nicht den Charakter einer umfassenden Brecht-Biografie. Sie vermitteln daher nur sehr eingeschränkt einen Überblick über Brechts Lebensgang (dafür gibt es aber eine ausführliche und sehr gelungene Chronologie im Anhang). Sternbergs Erinnerungen sind in weiten Teilen Erinnerungen an seine Diskussionen mit Brecht. Als solche vermitteln sie allerdings ungleich Wertvolleres, weil Selteneres: ungetrübte Einblicke in das Denken und in die Gedanken des frühen Brechts, der in Sternberg einen "ersten Lehrer" findet. In diesen Diskussionen ringen Brechts intuitiver bis ungestümer Sozialismus und Sternbergs analytisch-theoretische Sicht auf Marx und Co. miteinander.

Herausgeberin Helga Grebing auf der Frankfurter Buchmesse
Herausgeberin Helga Grebing auf der Frankfurter Buchmesse

Das systematische Denken lag ihm nicht, schreibt Sternberg über Brecht, lässt aber im gleichen Federstrich auch keinen Zweifel am Genie des Denkers "im Rösselsprung": Bald beim Fragen, bald beim Nachdenken explodierte es in ihm ,und  er sagte dann neue, sehr originelle Dinge.  Man spricht darüber, wie Dichter zur Umwälzung der Gesellschaft beitragen kann, reflektiert das Ende des Ersten Weltkriegs und die Zersplitterung der Arbeiterbewegung. Buchstäblich aus dem Fenster (von Sternbergs Wohnung) beobachten die beiden die Polizeigewalt im Mai 1929 (sog. Blutmai), gemeinsam überlegt man, wie man Hitler verhindern könnte. Während des Exils kühlt die Beziehung immer mehr ab, je unkritischer sich der zunehmend berühmte Autor kritischer Dramen der Sowjetunion (und später der DDR) annähert. Dass dieses Abkühlen keinen Schatten auf die Schilderung von Brecht wirft, ehrt Sternberg und zeugt von der Qualität seines Büchleins.

Fazit: Sternbergs Brecht-Buch ist keine Einsteiger-Lektüre. Weil seine Würze in der Kürze liegt, setzt Sternberg viel voraus (auch wenn das zumeist durch die umsichtige Edition Helga Grebings gut aufgefangen wird). Der unverstellte Blick auf Brechts Gedankenwelt ist allerdings eine Delikatesse unter den Biografien des Denkens. Dieser  Text zeigt einen Brecht, der noch nicht verwaschen oder verklärt ist von den literarischen und biografischen Analysten der vergangenen 50 Jahre.

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Franz Kafka: Auf der Flucht

Der Dichter Franz Kafka (1883-1924) schreibt, um zu entkommen

Lizenz: Gemeinfrei
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Er machte aus seiner Not keine Tugend, sondern Weltliteratur: Franz Kafka. Sein Leben war kurz, er selbst von Komplexen und Krankheit verfolgt: Vor dem übergroßen Vater und dem verhassten Bürojob bei einer Versicherung flüchtet Kafka in die Welt der Worte. Ihm ist das Sein nicht so wichtig wie das Sehen  (Rüdiger Safranski), wo er in bedrückenden Romanen und Erzählungen innere Zuflucht findet. Nur der Lungentuberkulose kann Franz Kafka nicht entrinnen: Er stirbt am 3. Juni 1924 - heute vor 90 Jahren.

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Franz Kafka wird am 3. Juli 1883 in Prag geboren. In der Goldenen Stadt, die zum österreichisch-ungarischen Vielvölkerreich gehört, wächst Kafka in einer deutschsprachig- jüdischen Familie auf. Auf seiner Kindheit und Jugend lastet der Erwartungsdruck des übermächtigen Vaters Hermann. Hermann Kafka, ein bulliger, selbstbewusster Kärrner hat sich aus ärmsten Verhältnissen emporgearbeitet. Die selbe robuste Durchsetzungskraft verlangt er auch von seinem Sohn. Der aber ist ganz anders: schmächtig, zart, unsicher. In der Schule ist das noch nicht so zu spüren, aber an der Uni studiert Franz erst mal dies, dann mal das, schließlich Jura zu Ende (der Vollständigkeit halber). Dann nimmt er Bürojobs bei einer Versicherung an. Franz Kafka ist zu schwach, seinen Lebensgang nach seinem Lebenstraum auszurichten: dem Schreiben. Der energische Hermann, der an seinem eigenen Lebensentwurf nicht zweifelt, macht es seinem Sohn nicht einfacher. In einem der berühmtesten Zeugnisse nicht aufgearbeiteter Vater-Sohn-Verhältnisse schreibt Franz an Hermann: "Als Vater warst Du zu stark für mich." Dann charakterisiert der Sohn den Vater und findet sich selbst im Gegenteil: "Du dagegen ein wirklicher Kafka an Stärke, Gesundheit, Appetit, Stimmkraft, Redebegabung, Selbstzufriedenheit, Weltüberlegenheit, Ausdauer, Geistesgegenwart, Menschenkenntnis, einer gewissen Großzügigkeit, natürlich auch mit allen, zu diesen Vorzügen gehörigen Fehlern und Schwächen, in welche Dich Dein Temperament und manchmal Dein Jähzorn hineinhetzen." Obwohl Kafka seinen "Brief an den Vater" niemals abschickt, erfüllt er die erhoffte Wirkung. Während der Sohn seine unaussprechbaren Ängste und Nöte zu Papier bringt (auf über 100 Seiten) wird ihm gewahr, dass die Feder sein Fluchthelfer ist: "Mein Schreiben handelt von Dir, ich klagte dort ja nur, was ich an deiner Brust nicht klagen konnte".

In Kafkas Erzählungen und Romanen sind lebensängstliche, zögerliche, unentschlossene Figuren keine Seltenheit. Sie fühlen sich (zu unrecht) verfolgt (Josef K. in 'Der Prozess'), sind eingeschüchtert (der Mann vom Lande in 'Der Prozess') oder wähnen sich in ausweglosen Situationen gefangen (Gregor Samsa in 'Die Verwandlung'). Dabei sind es gerade seine Seelenverwandten in der Welt der Worte, die Kafka nach Feierabend aus seiner eigenen verachteten Lebensverwandlung als Versicherungsangestellter befreien und seiner Verfolgung ein Ende setzen. Am Schreibtisch dreht Kafka den Spieß um: Hier kann er seine Sorgen und Unsicherheiten ausleben, ohne damit seine Mitmenschen vor den Kopf zu stoßen. Im echten Leben tut er genau das: Dreimal verlobt sich Franz Kafka, dreimal löst er die Bindung. Das Schreiben duldet neben dem "Brotberuf" bei der Versicherung nicht noch jemanden oder etwas in Kafkas Leben, das zu diesem Zeitpunkt schon am seidenen Faden hängt: 1917 wird bei ihm Tuberkulose diagnostiziert. Wenn es nach Kafka gegangen wäre, dann wären die meisten seiner Figuren mit ihm ins Grab gegangen. Sein Freund Max Brod hat es nicht übers Herz gebracht, diese Schätze nicht zu veröffentlichen. Gewissermaßen war Kafka auch über den Tod hinaus zu schwach, seinen Willen durchzusetzen - zum Glück für die Nachwelt...

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Otfried Preußler: Kriegstraumata und Kinderliebe

Otfried Preußler erzählt Geschichten aus seinem Leben

Foto: Francis Koenig, Lizenz: Thienemann
Foto: Francis Koenig, Lizenz: Thienemann

Otfried Preußler stammt aus einer Familie von Geschichtenerzählern und Geschichtensammlern. Großmutter Doras Geschichten von Räubern und Riesen, Nachtgespenstern und Hutzelweibern sind die erzählten Blockbuster in Preußlers Kindheit. Vater Joseph sammelt Märchen und Volkssagen aus dem böhmischen Isergebirge. Otfried Preußler ist wieder ein Erzähler: Er erzählt von der kleinen Hexe und vom kleinen Wassermann, von Wanja und Krabat. Seine Töchter Susanne und Regine haben sich erneut dem Sammeln zugewandt: Sie haben autobiografische Geschichten und Gedanken zusammengestellt, die ihr Vater über Jahrzehnte in kleinen Artikeln geschrieben hat.Herausgekommen ist ein spannendes quasi-autobiografisches Erinnerungsbuch mit behutsam moderierenden Erläuterungen. Zum ersten Todestag des Geschichtenerzählers stellt das Eulengezwitscher diese Lebensgeschichten vor.

Otfried Preußler

Ich bin ein Geschichtenerzähler

Erschienen bei Thienemann im Januar 2010. 272 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,90 €.


Otfried Preußlers Kindheit ist glücklich und reich an Geschichten aller Arten. Er liest viel geht sogar gerne in die Schule. Im Berufsleben wird er später selbst leidenschaftlicher Lehrer sein und Geschichten für Kinder erzählen. Die wunderbaren Märchenwelten, die Otfried Preußler mit seinem Vater im Isergebirge erwandert und die in der Abenddämmerung mit seiner Großmutter bereist, werden ihm zur trauten Heimat. Erst die Schrecken des Krieges und der russischen Kriegsgefangenschaft zerstören das Kindheits- und Jugendidyll. Sie traumatisieren Preußler, der sich mit der Überlebenskraft von Gedichten und Geschichten gegen Hunger und Ruhr stemmt. Diese entbehrungsreichen Jahre beschäftigen Preußler in mehreren Erinnerungsartikeln – sie dominieren das erste Buchdrittel und nehmen auch in späten Beiträgen noch eine zentrale Rolle ein (in den Erinnerungen an die gefallenen Kameraden). Dadurch ergeben sich Dopplungen, die aber durch die geschickte Auswahl der Herausgeberinnen keinen Wiederholungscharakter annehmen, sondern die Bedeutung für Preußlers Werdegang hervorheben.

Verlorene Jahre? Es kommt auf den Standpunkt an. Für mich sind es jedenfalls entscheidende Jahre gewesen. Jahre, die für mich für das ganze Leben geprägt haben. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, zu dieser Zeit zu studieren, und zwar an der Deutschen Karls-Universität in Prag [...]. Daraus ist nichts geworden. Hitler und Stalin haben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. […] Heute weiß ich, dass ich mein Studium in den tatarischen Lagern absolviert habe: zehn Semester eines Studiums generale, wie es mir keine Universität der Welt umfassender hätte anbieten können.

Zurück in Deutschland (nicht in der Heimat, die gehörte nach dem Krieg nicht mehr zu Deutschland) kehrt jedoch das kindliche Glück zurück in Preußlers Leben. Er heiratet Annelies und entdeckt seine Fähigkeit, mit seinen Geschichten nicht nur ausgehungerten Kriegsgefangen Mut machen zu können, sondern auch Kinder zu erreichen, die ihm gebannt zuhören. Wieder erwartet ihn eine Prüfung – diesmal aber eine angenehme:

Als Geschichtenerzähler bist du zugleich Intendant, Regisseur und Ensemble eines glorreichen Einmann-Theaters. […] Erst allmählich und unter Mühsal habe ich gelernt, lebendig erzählte Geschichten in Geschriebenes umzusetzen.

Preußler meistert die Herausforderungen glänzend: Seine Kinder- und Jugendbücher haben Generationen von Heranwachsenden geprägt:

Otfried Preußler bei Thienemann (Auswahl).
Otfried Preußler bei Thienemann (Auswahl).

Wie ihm das gelingt, und wie daraus all‘ die beliebten Kinder- und Jugendbücher entstehen, haben die Preußler-Töchter durch erneut kluge Zusammenstellung kurzweilig aufbereitet. Preußlers gesammelte Erinnerungen beschränken sich dabei nicht nur auf Lebensstationen und Entstehungsgeschichten seiner Bücher. Auch seine künstlerischen und pädagogischen Überzeugungen sind dokumentiert. Otfried Preußler nimmt Kinder ernst – das macht den Erfolg seiner Geschichten aus.

Kinder brauchen Geschichten. […] In Geschichten erleben Kinder eine erste Begegnung mit der Welt der Literatur. Sie machen die grundlegende, für ihr weiteres Leben möglicherweise entscheidende Erfahrung, was es bedeutet, sich von einer Geschichte einfangen zu lassen, an ihrem Beispiel, mit ihrer Hilfe einen Blick in die innersten Zusammenhänge, die verborgenen Triebkräfte ihrer und unserer Welt zu tun.

Fazit: Das ungewöhnliche Format einer Sammlung von in sich abgeschlossenen autobiografischen Aufsätzen überzeugt. Denken und Leben Otfried Preußlers werden darin vielleicht sogar noch unmittelbarer transportiert als in klassischen Memoiren. Die vielen Generationen von Hotzenplotz- und Krabat-Lesern dürfen sich auf schöne Deja Vus am Mühlenweiler freuen und auf ein – neudeutsch gesagt – literarisches Making Of der Preußler-Klassiker.

Kinder- und Jugendbuchautoren im Biografien-Blog:

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Christine Nöstlinger: Das Leben ist kein Kinderbuch

Christine Nöstlinger erzählt von ihren Wurzeln

(c) Lukas Beck, Quelle: Residenz Verlag
(c) Lukas Beck, Quelle: Residenz Verlag

Christine Nöstlinger ist eine Koriphäe der Kinder- und Jugendbuchregale. Weniger bekannt ist, dass sie auch für Erwachsene geschrieben hat: Glossen, Radio- und Fernsehdrehbücher. Im Residenz Verlag sind kürzlich ihre Erinnerungen erschienen. Glück ist was für Augenblicke heißt das Buch, das sich auch eher an Erwachsenene richtet. Denn die Nöstlinger gibt sich keiner Verklärung hin. Sie beschönigt nichts, sie hält mit ihrer zuweiligen eigenbrötlicherischen Grantelei nicht hinterm Berg - und sie wählt derbe Worte, um derbe Erfahrungen zu schildern. Christine Nöstlinger lässt keinen Zweifel: Das Leben ist kein Kinderbuch. Neben seinen schönen Seiten hält es auch dunkle Kapitel bereit. Selbst die ist Christine Nöstlinger bereit, in der Rückschau noch einmal durchzublättern.

Christine Nöstlinger

Glück ist was für Augenblicke

Erinnerungen

Erschienen im Residenz Verlag im Oktober 2013. 220 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 23,50 €.


Mit Überraschungen geizt Christine Nöstlinger nicht. Mit schönen und hässlichen, gewieften und kindlich-naiven Anekdoten verblüfft sie von Anfang  an. Die erste Überraschung wartet sogar noch vor der ersten Seite: Ausgerechnet die Vielschreiberin Christine Nöstlinger, immerhin Autorin von über einhundert Büchern, hat ihre Lebensgeschichte nicht wie gewohnt geschrieben. Nöstlingers Autobiografie ist das Resultat aufgezeichneter Gespräche. Das Buch leidet nicht darunter, im Gegenteil: Die erzählende Sprache ist lebendig und geradeaus. Die zweite Überraschung folgt auf dem Fuß: Dort, wo üblicherweise ein dröges Inhaltsverzeichnis leichthin überblättert wird, findet sich ein verspielter Ausblick von literarischer Qualität.  Jedes Kapitel ist in einer Minierzähling zusammengefasst, die einen Vorgeschmack auf die unverblümten Worte gibt, die diese Memoiren auszeichnen: 

Vom nicht sehr mutigen Großvater, von der bösen Großmutter und einer insgesamt eher merkwürdigen Sippe...

Geboren wird Christine Nöstlinger 1936 in einem Wiener Arbeiterviertel. Der Vater erzählt Geschichten, die die heranwachsende Kinderbuchautorin inspirieren. Später gesellen sich prominentere Geschichten- und Pointenerzähler dazu: Erich Kästner und Kurt Tucholsky.

Ich sah die Welt durch die Tucholsky-Brille. Und mehr als ein halbes Jahrhundert später glaube ich immer noch, dass das nicht die schlechteste Sehhilfe ist, egal ob es um Politik, Freundschaft oder Liebe geht.

Überhaupt vermitteln Christine Nöstlingers Erinnerungen die prägende Bedeutung ihrer Kindheit und Jugend – nicht nur in dem breiten Raum, den sie einnehmen. Bis zum Einstieg in die Schriftstellerei vergehen über 150 Seiten, die allerdings eindrucksvoll von einer vom Krieg geprägten Kindheit und einer entbehrungsreichen Jugend berichten. In vielen Anekdoten zeigt sich Nöstlinger als aufgeschlossenes, aber auch stures und eigensinniges Mädchen. Die kleine Christine trotzt - schon ganz die selbstbestimmte und grantelnde aber (gerade deshalb) charmante Nöstlinger - der Lehrerin und sogar dem geliebten Vater. In ihren Erinneringen beweist Christine Nöstlinger ein untrügliches Gespür für die kleinen Geschichten des Alltags, sei es im familiären Miteinander oder in absurden und skurrilen Erlebnissen. Sie berichtet künstlerisch wertvoll, aber recht unbeteiligt – fast so, als wenn sie aus einem Familiendrama erzählen würde, das sie als Buch gelesen oder als Film gesehen hat. Das wirkt umso stärker, als Nöstlinger nicht darauf verzichtet, auch die tragischsten Episoden ihrer eigenen Lebensgeschichte recht nüchtern zu erzählen. Der Tod ihres ersten Kindes ist so ein Beispiel, auch wenn dieses Ereignis nur weinge Zeilen einnimmt:

Das Kind starb kurz nach der Geburt, auf dem Weg von der Gersthofer Frauenklinik ins Kinderspital. Es hatte einen Herzfehler gehabt. Meine Mutter weinte. Wie es mir ging, kann ich nicht sagen, ich weiß nur noch, das ich das Gefühl hatte, versagt zu haben und bitter dachte: Okay, das kannst du also auch nicht!

In der Tat ist das Leben der jungen Nöstlinger reich an Brüchen: Sie geht studieren und bricht ab. Ihre erste Ehe wird alsbald wieder geschieden. Auch als Mutter - mittlerweile hat sie eine gesunde Tochter zur Welt gebracht - geht sie gerne weiter feiern. Erst nach der Geburt ihrer zweiten Tochter und der Hochzeit mit dem Nö (so nennt sie ihren Mann, weil sie dessen Namen Nöstlinger nicht mag) scheint sie häuslich zu werden. Aber der Standesbeamte, der die Namensänderung in den Pass einträgt, besorgt ihr ein Hallowach-Erlebnis:

Der Beamte strich nicht nur das 'Draxler' durch und ersetzte es durch das ungeliebte 'Nöstlinger'. Er zog auch einen dicken Linealstrich durch ‚Studentin‘ und schrieb in Schönschrift drunter ‚Hausfrau‘. Das war ein Schock! Am liebsten hätte ich den Pass in den nächsten Mistkübel geworfen. Eine Hausfrau hatte ich nie werden wollen und jetzt hatte ich es schriftlich dunkelblau auf rosa.

Ihre Ausflucht findet sie im Schreiben, das nach und nach mehr Zeit in ihrem Leben einnimmt. Der Durchbruch gelingt ihr mit der feuerroten Friederike, die noch zwischen Kochen und Putzen entstanden ist, als Christine Nöstlinger die kindliche Titelheldin  für ihre Tochter malt. Sie zeichnet gut und da es ihr nicht liegt, halbe Sachen zu machen, schreibt sie auch gleich den Text dazu. Das fertige Manuskript wird ohne Korrekturen veröffentlicht. Jetzt macht die Nöstlinger die Schriftstellerei zum Beruf. Sie schafft ein unglaubliches Arbeitspensum und schreibt sich als der Armut zu einigem Wohlstand.


Aus den selbstgemachten Möbeln werden gekaufte Wunschobjekte. Ihre Mutter hilft ihr im Haushalt und mit den Kindern. Später ist es Nöstlinger, die sich um ihre Mutter kümmert. Sie fährt täglich hin und erträgt die Eigenheiten der alternden Mutter mit Fassung. Wiederum bedient sich Christine Nöstlinger einer ehrlichen, aber nicht bitteren Sprache, um den Lebensabend ihrer Mutter zu schildern (später schildert sie eindringlich den Verfall ihres Mannes). Besonders diese Passage ist nicht nur für Pflegende lesenswert.

Fazit: Christine Nöstlingers Autobiografie ist weder eine verklärende Interpretationshilfe für ihre Lebensgeschichte, noch erklärt sie, warum es unausweichlich war, dass sie eine erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautorin geworden ist. Im Gegenteil: Christine Nöstlinger erzählt frank und frei aus ihrem (nicht immer leichten) Leben. Dabei gewährt sie tiefe Einblicke in eine zerfurchte Familiengeschichte. Es ist aber nicht die Lust am Drama, die die Leser bei Laune hält. Es ist die beeindruckende Authentizität und Souveränität, mit der Nöstlinger zurückblickt. Ihre Autobiografie hält Glück für manchen Lese-Augenblick bereit.

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Wolf Jobst Siedler: Der Bürgerboheme

Lizenz: Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Randomhouse-Verlagsgruppe
Wolf Jobst Siedler © P/F/H

Er verlegte Menschen-Geschichten: Wolf Jobst Siedler. Konrad Adenauer und Franz-Josef Strauß haben bei ihm ihre Autobiografien veröffentlicht, ebenso Willy Brandt In Siedlers eigener Lebensgeschichte als Soldat und Kriegsgefangener, Essayist und Feuilletonist, Verlagschef und Verleger, Berliner und Bürger geben sich die großen Denker und Macher des 20. Jahrhunderts ein Stelldichein. Schon im Elternhaus verkehrt man freundschaftlich mit dem Physiker Otto Hahn. Später wird sein eigenes Haus - ein Hort altberliner Bürgerlichkeit - zum Geheimtipp für bedeutende Besucher: "Gorbatschow, Genscher, Kissinger, Helmut Schmidt, die waren alle hier", erzählt Siedler im Interview, "sehr originell, dass hier in diesem bescheidenen Reihenhaus zum Teil die Weltgeschichte stattgefunden hat." Mit etwas Glück und einer zerschossenen Hand überlebt er das düsterte Kapitel der Weltgeschichte: Zusammen mit Ernst Jüngers Sohn liegt Siedler in den Stahlgewittern von Hitlers Krieg. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft kehrt der einundzwanzigjährige Veteran, der wegen regimekritischer Äußerungen zur Frontbewährung verdonnert worden war, nach Berlin zurück. Dort macht er sich rasch einen Namen als Journalist, der nicht nur feinsinnig beobachten, sondern auch gut schreiben kann. Während er sich selbst vor allem an "Theaterereignisse, Konzerte und Streifzüge" erinnert, entdecken ihn andere als geborenen Kulturredakteur mit Leitungsqualitäten. Die zeigt Siedler dann viele Jahre beim Tagesspiegel, ehe er die Seiten wechselt und in die Verlagsbranche einsteigt: 

Axel Springer, mit dem Siedler eine innige Liebe zu Berlin teilt, macht ihn zum Chef von Propyläen, später von Ullstein. Schließlich gründet Siedler seinen eigenen Verlag. Seine Spezialität sind und bleiben Autobiografien und Biografien. Vor allem zwei Bücher machen Karriere: Die Hitler-Biografie von  Joachim Fest und die Erinnerungen von Albert Speer. Als Siedler dem ehemaligen Vorzeigearchitekten des 'Dritten Reiches' anbietet, seine Memoiren zu verlegen, wagt er einen Wortwitz: "Wissen Sie eigentlich, Herr Speer, dass wir Kollegen sind?" fragt Siedler. "Wir haben beide im Gefängnis gesessen - Sie wegen Hitler und ich unter Hitler." Speer kann nicht einmal schmunzeln. Siedlers aufgelockerter Umgang mit der eigenen Vergangenheit aber deutet an, dass er nicht nur ein großer Biografien-Verleger gewesen Vielmehr war Siedler ein Mensch, der fasziniert war von Menschen-Geschichten. Nicht umsonst hat er immer wieder darauf verwiesen, dass er nur die Bücher verlegt hat, die er selbst hat lesen wollen. Sein exzellenter Geschmack für Autobiografien und Biografien wird ihn als Vermächtnis überdauern. Diese Woche ist Wolf Jobst Siedler im Alter von 87 Jahren gestorben. 


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Aldous Huxley: Der Dystopist

Aldous Huxley (Lizenz: Public Domain)
Aldous Huxley (Lizenz: Public Domain)

Er hat eine (Alb)traum-Welt erschaffen: Aldous Huxley. Sein Roman Schöne Neue Welt (Brave New World) ist die Negativ-Utopie von totaler Gesellschaftsordnung. In sozialer Vorherbestimmung werden Embryonen auf ihre künftige gesellschaftliche Rolle programmiert und Kleinkinder im Feinschliff konditioniert.  Alle Menschen sind in streng in hierarchische Klassen geteilt: von den geistig überlegenen Führungseliten (Alphas) bis hin zu stumpfsinnig gezüchteten Arbeitssklaven (Epsilons). Aldous Huxley selbst steht nicht im Verdacht, aus gesellschaftlichem Neid heraus geschrieben zu haben. Er selbst wäre in nahezu allen Belangen ein Alpha gewesen. Huxley, 1894 geboren, kommt aus gutem Haus. Väterlicher- wie mütterlicherseits blickt er auf eine Ahnengalerie talentierter Künstler und Wissenschaftler zurück.

Auch er selbst ist ein vielseitig begabter Überflieger. Seine Schul- und Studienleistungen (Anglistik in Oxford) lassen nichts zu wünschen übrig - ganz anders als seine Gesundheit. Schon als Kind droht Aldous Huxley beinahe zu erblinden (zwischenzeitlich muss er sogar die Schule verlassen). Aber mit eisernem Willen und täglichem Training gewinnt er den Kampf um  sein Augenlicht. Dass auch sein  gesellschaftsanalytischer Blick ungetrübt ist, zeigt er in über vier Jahrzehnten als Schriftsteller. Aus seiner Feder stammt Weltliteratur der verschiedensten Gattungen. Neben Romanen hat Huxley auch Gedichte, Essays, Kurzgeschichten und Drehbücher geschrieben. Sein bekanntestes Werk, die Schöne Neue Welt, ist 1932 erschienen. 

Wie schnell Huxleys düstere Zukunftsahnungen aus seinen Buchdeckeln ausbrechen und Wirklichkeit werden, das hat ihn selbst überrascht. Ende der 1950er Jahre hat er sein fiktives Arsenal der totalen Sozialsteuerung einer Zwischenbilanz unterzogen (Brave New World Revistited) und dabei seine dunkeln Prognosen bekräftigt. Die Welt des 21. Jahrhunderts ist manchen seiner Schreckensvorstellungen noch viel näher gekommen. Die rasante technische und gesellschaftliche Entwicklung hat für das Leben und Zusammenleben ungeahnte neue Möglichkeiten eröffnet. Gerade technische Errungenschaften sind indes vor dem Missbrauch im Sinne Huxleys kaum gefeit:


Der Weltstaat ist durch Globalisierung und Digitalisierung zumindest virtuell ins Werk gesetzt - den Weltpolizisten USA gibt's gleich dazu. In Sozialen Netzen, die Menschen zusammenbringen, wird der Wunsch nach Privatsphäre zusehends stigmatisiert. Es gibt nahezu keinen Lebensbereich mehr, den die Medien nicht für sich erschlossen haben kann - selbst Geburten und Sterbeprozesse können von der Öffentlichkeit verfolgt werden. Datenspionage wird mehr oder minder hingenommen. Körperliche Befriedigung durch Sex und gesellschaftsfähige Drogen drängen Werte und Gefühle zurück. Die Präimplantationsdiagnistik und die Stammzellenforschung eröffnen zumindest die technischen Voraussetzungen, die Huxley befürchtet. Seine Schöne neue Welt  ist aktueller denn je. Allerdings haben wir es noch in der Hand, ob die neuen Möglichkeiten ge- oder missbraucht werden. Huxleys Hauptwerk ist in diesem Sinn eine wertvolle Warnung: Seine Zukunftsprognosen sind die Herausforderungen unserer Gegenwart, auch wenn Huxley selbst bereits heute vor 50 Jahren, am 22. November 1963, gestorben ist. 

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Nachruf auf Doris Lessing

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Doris Lessing (2006), Foto: Elke Wetzig (elya)

Sie führte das goldene Notizbuch: Doris Lessing. Gestern ist die britische Schriftstellerin im Alter von 94 Jahren in London gestorben. Lessing avancierte mit und in Ihren Romanen  zu einer Pionierin der Frauenbewegung, ohne sich vom Feminismus vereinnahmen zu lassen. Ihr Selbstbewusstsein und ihre Unabhängigkeit hat die Stellung der Frau mehr gestärkt als manche aggressive Kampagne. Geboren ist Doris Lessing 1919 in Persien, dem heutigen Iran. Dort machen sie ihre Eltern, ein beinamputierter Kolonialoffizier und eine Krankenschwester, mit den Schrecken des Krieges vertraut, den sie gerade überstanden haben. 


Recht bald siedelt sich die Familie in Afrika (im Gebiet des heutigen Simbabwe) an und bewirtschaftet eine Maisfarm. Als Teenager bricht Doris die Schule ab und verdingt sich als Kindermädchen, dann als Sekretärin. Es bricht ein stürmisches Jahrzehnt an, ein Jahrzehnt der Selbstbestimmung, des Scheiterns und der Selbsterfindung als Schriftstellerin: Das achtzehnjährige Mädchen vom Land sagt seinen Eltern Lebewohl und zieht in die Stadt (Salisbury). Dort heiratet sie zweimal (und bringt drei KInder zur Welt), keine der beide Ehen hält länger als vier Jahre. Aus dem Scherbenhaufen ihrer Existenz schält Doris Lessing Figuren und Motive ihrer Romane von Weltrang. Insbesondere in 'Das goldene Notizbuch' verabeitet sie in Gestalt der Schrifftstellerin Anna ihr eigenes Schicksal. Anna erlebt ebenfalls eine Scheidung und wie ihre schreibende Schöpferin ist auch Anna Mitglied der Kommunistischen Partei (Doris Lessing ist übrigens die Tante von Gregor Gysi). 'Das goldene Notizbuch' jedenfalls macht Furore. Als das Original in den 1970er Jahren ins Deutsche übersetzt wird (knapp zwei Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung), fühlt sich eine ganze Generation junger und selbstbewusster Frauen in ihrem Kampf um Emazipation und Gleichberechtigung bestärkt. Doris Lessing interpretiert ihr Schaffen indes etwas anders: Sie schreibt aus eigener Erfahrung über das Zusammenklappen und die Selbstheilung. "Aber niemand hat dieses Zentralthema auch nur wahrgenommen", klagt Lessing, "weil das Buch sogleich, von freundlichen wie von feindlichen Rezensenten, als eines, das vom Geschlechterkampf handele, verharmlost, oder von Frauen als nützliche Waffe im Geschlechterkampf beansprucht wird." Diese Abgrenzung vom stereotypen Feminismus ist ein selbstbestimmter und starker Beitrag zur Emanzipation. Das hat auch das Nobelpreis-Komittee so gesehen, als es Doris Lessing 2007 mit dem Literaturnobelpreis auszeichnete: als "Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat." Diese Würdigung erreichte Doris Lessing sieben Jahrzehnte nachdem sie begonnen hat, ihr eigenes goldenes Notizbuch zu führen... Gestern hat sie die Feder für immer niedergelegt.

Übrigens: Eine lesenswerte, weil tiefgründige Analyse des goldenen Notizbuchs hat Jeannette Lander  bereits 1978  unter dem Titel ''Doris Lessing: Kinder der Gewalt' in der EMMA veröffentlicht....

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Edward Said: Der arabische Humanist

Edward Said (links) und Daniel Barenboim (rechts). Lizenziert unter CC0
Edward Said (links) und Daniel Barenboim (rechts). Lizenziert unter CC0

Er war ein streitbarer Versöhner zwischen Orient und Okzident: Edward Said. Geboren 1935 in Jerusalem wächst Said als Sohn palästinenischer Christen in Kairo auf - jenseits aller kulturellen Grenzen: Er genießt die hervorragende Ausbildung einer der letzten kolonialen Eliteschulen, ehe er in Princeton studiert und in Havard promoviert. Dann zieht es Said in die Vereinigten Staaten. Seit Mitte der 1960er Jahre lehrt er an der Columbia University in New York Vergleichende Literaturwissenschaft. Seine Studie zum 'Orientalismus' (1978) ist ein Frontalangriff auf die britischen und französischen Nahostforscher. Der Vorwurf: Der Westen und seine Literaturwissenschaft würden arrogant und von oben herab auf den arabischen Raum und seine Kultur schauen. Said sieht darin eine literatische Spielart des Kolonialismus.

In aller Herren Länder streiten sich die Gelehrten um Saids Thesen - bis heute. Eine andere seiner Botschaften findet bald ihren Weg heraus aus dem akademischen Elfenbeinturm: Said will die Welt dafür sensibilieren, wie sehr die vertriebenen Palästinenser leiden. Deshalb bringt er sich als Berater und Mahner in den Nahostkonflikt ein. Dabei macht er sich mehr Feinde als Freunde, denn Said wählt keine Seite, sondern hält allen Parteien ihre Ignoranz und Fehler vor - auch der palästinenischen Führung um Jassir Arafat. Man müsse sich gegenseitig anerkennen und respektieren: nur dann könne man friedlich miteinander leben. Ob in zwei Staaten oder in einem gemeinsamen, da ändert Said im Lauf seines Lebens die Meinung. Denn in Staaten denkt er nicht: "Ich habe bis heute nicht verstanden, was es bedeutet, ein Land zu lieben", schreibt er noch kurz vor seinem Tod. Said denkt in Freundschaften.


Das West-Eastern-Divan-Orchestra (Foto: Fernando Delgado Béjar, Lizenz:  CC-BY-SA-3.0-migrated)
Das West-Eastern-Divan-Orchestra (Foto: Fernando Delgado Béjar, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated)

Eine friedensstiftende Freundschaft pflegt er in seinem letzen Lebensjahrzehnt mit dem israelischen Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim. Wie Said stellt auch Barenboim gerne unbequeme Fragen im Nahostkonflikt. Was die Politik nicht vermag, setzen Barenboim und Said ins Werk: praktizierte Völkerverständigung. Gemeinsam gründen sie das West-Eastern-Divan-Orchestra, in dem junge Israelis und Araber gemeinsam musizieren und miteinander ins Gespräch kommen. Das eindrucksvollste Konzert gibt das gemischte Jugendorchester in Ramallah. Said hat es nicht mehr erlebt. Kurz zuvor, am 25. September 2003  ist er an Leukemie gestorben - heute vor 10 Jahren. Sein Vermächtnis lebt nicht zuletzt im westöstlichen Diwan weiter, das nach wie vor von Daniel Barenboim dirigiert wird.

Übrigens: Ein schönes Said-Portait hat Tony Judd in seine Essay-Sammlung "Das vergessene 20. Jahrhundert" aufgenommen (siehe linke Spalte).

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Nachruf auf Marcel Reich-Ranicki

Marcel Reich-Ranicki (Foto: donotworry, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated)
Marcel Reich-Ranicki (Foto: donotworry, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated)

Er war der bedeutendste Literaturkritiker unserer Zeit: Marcel Reich-Ranicki. Geboren ist er 1920 im polnischen Wloclawek an der Weichsel. Neun Jahre später macht der Betrieb seines Vaters Bankbrott und die deutsch-jüdische Familie wagt einen Neustart in Berlin. Dort macht der lesehungrige Marcel seine ersten Erfahrungen mit dem Geist der deutschen Klassik - und allzu bald auch mit der Gewalt der Hitler-Diktatur. Ausgerechnet ihm, dem späteren Botschafter der deutschen Literatur, verweigern die Nationalsozialsten ein Germanistik-Studium. Enttäuscht, aber nicht entmutigt erforscht Marcel Reich-Ranicki die vielen bunten Welten zwischen den Buchdeckeln von Goethe bis Thomas Mann ohne akademischen Reiseleiter. In der äußeren Realität wird es zusehends düster. Reich-Ranicki wird ins Warschauer Ghetto deportiert. Dort verliert er seine Eltern und Geschwister. Aber dort - höchstes Glück im tiefsten Unglück - lernt er auch seine spätere Frau Teofila kennen. Die beiden können fliehen. Im Dienst der polnischen Armee, deren Geheimdienst und im Schoß der kommunistischen Partei fühlt sich Marcel Reich-Ranicki nicht richtig wohl. Mehr Freude bereiten ihm Literaturübersetzungen (Kafka, Dürrenmatt) und -kritiken.


Bücher bewerten: das ist sein Leben. Dieses Leben will er in Deutschland verbringen - trotz allem, was Deutsche ihm angetan haben. Mit wortgewaltigen und sachkundigen Verrissen (und auch Lobreden) schafft es Reich-Ranicki vom Freien Mitarbeiter über den Zeit-Redakteur bis zum Ressortleiter Literatur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die deutschen Schriftsteller fürchtet den kompromisslosen Klartexter, der er bis ins hohe Alter bleibt. Als Günther Grass sein israelkritsches Gedicht 'Was gesagt werden muss' vorlegt, reagiert der Literaturpapst: "Es ist schon ein ekelhaftes Gedicht. Es stellt die Welt auf den Kopf." Martin Walser schreibt sogar einen ganzen Roman und nennt ihn 'Tod eines Kritikers'. Dabei fühlt sich Reich-Ranicki nicht als Feind der Autoren - mit vielen ist er sogar befreundet. "Man soll die Kritiker nicht für Mörder halten", pflegt er zu sagen, "sie stellen nur den Totenschein aus.

Nicht nur die schreibende Zunft bekommt von Reich-Ranicki unverblümt zu hören, was ihm missfällt. Auch seine Kritikerkollegen sind nicht sicher vor seiner scharfen Zunge. Im 'Literarischen Quartett', das Reich-Ranicki auch einem breiten Fernsehpublikum bekannt macht, geht er hart mit Sigrid Löffler ins Gericht (erster Clip). Aber er ist bei aller Härte nicht persönlich. Ihm geht es um die Sache. Das beweist er vor großer Kulisse bei der Verleihung des Fernsehpreises. Als ihm selbst der Preis angetragen wird, schlägt er ihn aus - mit dem Klamauk der Verleihung will er nichts zu schaffen haben (zweiter Clip).

Bei aller Polemik, bei aller Härte in der Sache: Marcel Reich-Ranicki hat sich wie kaum ein Anderer um die deutsche Literatur verdient gemacht. Er hat Lust aufs Lesen gemacht. Über seine pfiffigen Pointen konnte man herzhaft lachen, seine schlagfertigen Spitzen zählten zum Hochgenuss der kulturellen Auseinandersetzung. Gestern ist Marcel Reich-Ranicki im Alter von 93 Jahren gestorben. 

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Elisabeth Hauptmann: Die kreative Assistentin

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Sie war Bertolt Brechts kongeniale Partnerin: Elisabeth Hauptmann (1897-1973). In den goldenen Zwanzigern kommt die junge Lehrerin aus Westfalen nach Berlin. Dort trifft sie mit Brecht den gerade aufgehenden Stern am Theaterhimmel der Zwischenkriegszeit. Elisabeth Hauptmann schwärmt für den genialen Dichter und auch Brecht findet rasch Interesse an der klugen und kreativen Frau, die so fleißig mitschreibt, was er erzählt. Natürlich will sich der gerne bewunderte Dramatiker nicht auf eine Partnerin festlegen - auch nicht auf Elisabeth Hauptmann. Ein gebrochenes Eheversprechen Brechts und ein anschließender Selbstmordversuch Hauptmanns sind die traurigen Höhepunkte ihrer intimen Beziehung. Trotz der enttäuschten Liebe bleibt Hauptmann mit Unterbrechungen zeitlebens Brechts Mitarbeiterin. Denn der schätzt nicht nur die amorösen Abenteuer mit Elisabeth Hauptmann, sondern auch ihre politische Überzeugung (beide sind Kommunisten), ihre umsichtige Assistenz in allen Alltagsdingen, ihre Übersetzerdienste und vor allem ihren untrüglichen Riecher für geeignete Bühnenstoffe. Es ist die bescheidene Hauptmann, die in London John Gays 'The Beggar's Opera' entdeckt, den Text übersetzt, Brecht dafür begeistert und zur Bearbeitung anregt. Die Dreigroschenoper wird sein großer Durchbruch auf der Bühne. Hinter der Bühne entstehen seine theoretischen Schriften zum epischen Theater. Elisabeth Hauptmanns Anteil an Brechts Arbeiten lässt sich an den Tantiemen kaum ermessen, die sie für die gemeinsam geschaffenen Bühnenwerke erhält. Sie stellt ihre eigenen schriftstellerischen Ambitionen hinten an, um am Lebenswerk Brechts mitzuarbeiten - zuletzt in der DDR. Bis über dessen Tod hinaus bleibt Elisabeth Hauptmann Brecht treu, spielt ihren Einfluss herunter und verlegt seine Schriften. Am 20. April 1973, heute vor 40 Jahren, ist die heimliche Mutter der Dreigroschenoper in Ost-Berlin gestorben.

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Michael Ende: Der Phantásien-Reisende

Christine Meile 1962" by Source (WP:NFCC#4). Licensed under Fair use
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Er erzählte Geschichten aus der Welt der Träume: Michael Ende. Die Helden seiner phantastischen Abenteuer sind meist Kinder wie Jim Knopf, Momo und Bastian Balthasar Bux - oder Schildkröten wie Traquilla Trampeltreu und Kassiopeia. Seine lebendige Phantasie bringt dem gemütlichen Geschichtenerzähler die Geringschätzung der ernsthaften Erwachsenen und der Literaturkritik ein. Die studierten Kenner die Kunst erwarten nämlich weltbewegende, kluge Gedanken und beißende Gesellschaftskritik; jedenfalls keine komischen Kindergeschichten, die auch noch in ganz unrealisitischen Ländern spielen, in denen Gut und Böse, Jugend und Alter gleich viel gelten. Außerdem können weder Schildkröten sprechen, noch Kinder ganze Reiche retten. So ein unnützes Zeug!

Dabei übersehen die "Büchernörgele" - allen voran der von Ende karikierte Marcel Reich-Ranicki - (Bild aus "Der Wunschpunsch", S. 194) allerdings gerne, dass gerade der Zwang zur Nützlichkeit ihre eigenen Innenwelten verwüstet. Und gegen diese Innenweltverwüstung zieht Michael Ende mit seinen kleinen Helden ins Feld - und mit ihm alle, die sich ihre kindliche Lust am absichtslosen Spiel und die Freude an der Schönheit bewahrt haben. Denn was ist schöner als der Zauber des Geheimnisvollen, gerade in Zeiten der rationalen Erklärung von fast allem. Michael Ende hat seinen Lesern den Weg nach Phantásien gezeigt. Dort findet man ihn noch heute, obwohl er vor 17 Jahren ist er gestorben ist - am 28. August 1995.

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