Jessye Norman: Die Stimmgewaltige

Die Sopranistin Jessye Norman erhebt ihre Stimme für Gott, gegen Rassismus und für ihr begeistertes Publikum.

Stilfehler - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
Stilfehler - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Aida, Cassandra, Isolde: Jessye Norman hat den berühmtesten Frauenfiguren der Operngeschichte ihre Stimme geliehen. Auch die Lebensgeschichte der Sopranistin hat was von Oper: ein alptraumartiges Setting im Amerika der Rassendiskriminierung, ein Traum vom Singen, eine traumhafte Karriere auf den großen Bühnen der Welt - und einen mächtigen Verbündeten: Gott. Das ist der Stoff, aus dem spannende Lebensgeschichten gemacht werden. Jessye Normans Autobiografie wird dieser Hoffnung leider nicht ganz gerecht, dafür aber auf eine ungewöhnliche Weise.

Click auf's Cover: Direkt zum Verlag
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Klassische Autobiografien von klassischen Musikern funktionieren in etwa so: Das Wunderkind wird entdeckt, es folgen dankbare Erinnerungen an rennommierte Ausbildungsstätten und Lehrer, ehe schließlich die Konzertreisen und Begegnungen nacherzählt werden. Musiker schreiben über die Musik, der sie ihr Leben geweiht haben. Bei Jessye Norman ist das ein bißchen anders - und das ist der größte Vorzug an ihrem Buch: Sie schreibt über sich und ihr Leben mit Musik. Wer die Sopranistin für ihre Stimme und ihre Virtuosität verehrt, der hört sich allerdings besser ihre Aufnahmen an. Denn einzigartige Einsichten in das Innenleben der Figuren erhofft, die sie verkörpert hat, haben ihre Memoiren nicht zu bieten. Selten geht das Niveau in dieser Hinsicht über die üblichen oberflächlichen Floskeln hinaus, die in Opernpausen bei Sekt und Brezeln ausgetauscht werden. 

Wer aber etwas über die besondere Persönlichkeit hinter den Rollen erfahren will, in die Jessye Norman schlüpft, der wird sowohl in den einzelnen Abschnitten als auch zwischen den Zeilen belohnt. Jessye Norman verzichtet darauf, langatmig durch ihre Laufbahn zu moderieren: Natürlich gehört der Durchbruch bei einem ARD-Wettbewerb dazu und natürlich ist es Chronistinnen-Pflicht, die Meilensteine einer außergewöhnlichen Karriere zu nennen. Aber das Buch ist keine dröge Nacherzählung von Auftritten und Erfolgen. Im Grund geht es ihr um andere Dinge: Sie ehrt das Andenken ihrer Mutter, die sie als Lebensheldin feiert; sie geißelt den latenten Alltagsrassismus, den sie bis heute nicht überwunden glaubt; sie hält ein flammendes Plädoyer für Spiritualität und Gottvertrauen. Das alles ist anregende Lektüre, die allerdings eher von Normans Leidenschaft als von nachdenkenswerten Denkanstößen getragen wird. Das jedoch hätte man sich von einer Frau dieses Formats aber schon irgendwie erwartet. Die Stimmgewalt auf der Bühne - mein absolutes Highlight ist ihre Darbietung der Sieglinde - überträgt sich leider nicht auf das, was sie im Buch zu sagen hat. Andeutungsweise schimmert dagegen die selbstgefällige Diva durch, die lieber die Lieder der Königinnen singt, als die der Dienstmädchen. Das mag sicherlich auch mit ihrem mutigem und stolzem Antirassismus zu tun haben. Aber dass Jessye Norman mit sich ganz zufrieden ist, bleibt nicht verborgen - gerade weil sich zwischen den Buchdeckeln ihrer Autobiografie nahezu keine Schattenseiten ihrer Persönlichkeit verstecken. So drängt sich der Eindruck einer vermächtnisartigen Selbstinszenierung auf - und das hat noch keiner Autobiografie gut zu Gesicht gestanden. 

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Wolfgang Amadeus Mozart: Der ewige Hipster

Mozart ist seit Jahrhunderten hip. Stefan Frenz erzählt im Biografien-Blog, was ihn an dem genialen Musiker fasziniert.

Foto: Francisco Peralta Torrejón, CC-BY-SA 4.0, Collage: Uhl
Foto: Francisco Peralta Torrejón, CC-BY-SA 4.0, Collage: Uhl

Hallo Stefan, wie hast Du zu Mozart gefunden?

Mein Weg zu ihm führte mich über die Musik, die mir schon immer sehr gefallen hat. Die Einfachheit und Klarheit, die sich unter anderem in den Klavierstücken zeigen, haben mir schon viele schöne Stunden beim Hören beschert. Außerdem begeistert mich die Tatsache, dass Mozart in vielen spannenden Biografien als Wunderkind bezeichnet wird. Bereits im Kindesalter, wo heutzutage andere Kinder gerade einmal Schreiben und Lesen lernen, hat er seine ersten Stücke geschrieben und war bereits ein sehr guter Pianist. Leider ist er viel zu früh wahrscheinlich an Syphilis verstorben. Er wurde nur 36 Jahre alt.

 

Was fasziniert Dich an Mozart am meisten?

Besonders gerne höre ich das Lied des Papageno aus seinem umfangreichen Werk "Die Zauberflöte" [siehe Clip]. Schon im Alter von nur 6 Jahren trat er mit Stücken am Klavier auf, die er fabelhaft interpretierte.

Er war auch ziemlich produktiv...

Ja! Seine Lebensgeschichte ist vor allem durch seine enorme Schaffenskraft geprägt. Neben den schon erwähnten Klavierstücken entstanden auch verschiedene Opern. In Österreich aufgewachsen zog er später nach Deutschland, wo er sich auch noch zu Lebzeiten einen Namen machen konnte. Übrigens hatte er zusammen mit Constanze Weber auch insgesamt sechs Kinder...  

 

Wie inspiriert Dich Mozart im Alltag?

Manchmal nehme ich bestimmte Themen oder die eigene Arbeit zu ernst. Dann schalte ich ein schönes Klavierstück von ihm ein und besinne mich wieder auf die Einfachheit und Klarheit. So fallen die anstehenden Aufgaben leichter man kann sich optimal konzentrieren und man schafft mehr. Ich spiele selbst Klavier und lasse mich im Stil immer von seiner Musik inspirieren. Wenn die Finger ganz locker über die Tastatur laufen, klingt es auch für die Zuhörer angenehm.

 

Hast Du eine Biografie über Mozart gelesen?

Bei der Recherche für einen kurzen Steckbrief über Wolfgang Amadeus Mozart für meinen Blog (www.biografienblog.de) habe ich einige biografische Überblicke gelesen.

 


Mich haben vor allem die Fakten zu seinem musikalischen Schaffen und dem Werk interessiert. Dadurch habe ich zahlreiche neue Stücke von ihm entdeckt, die mir sehr gefallen haben.

 

Vielen Dank für's Mitmachen, Stefan!

Wer begeistert Dich? Wer inspiriert Dich?  Hast Du eine Lieblingsbiografie?

Hast Du Lust, davon im Biografien-Blog Eulengezwitscher zu erzählen?Mitmachen ist ganz leicht. Alles, was Du dazu wissen musst, findest Du hier...

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Nikolaus Harnoncourt: Der Unzeitgemäße

Der österreichische Dirigent Nikolaus Harnoncourt ist tot. Seine Sehnsucht galt dem Originalklang. Jetzt ist er verklungen.

Nikolaus Harnoncourt (Foto: Marco Borggreve/Sony Music)
Nikolaus Harnoncourt (Foto: Marco Borggreve/Sony Music)

Er war der Historiker unter den Dirigenten: Nikolaus Harnoncourt. Heute ist er im Alter von 86 Jahren gestorben. Auf der Suche nach dem Orginalklang hat er die Klassiker in die Gegenwart geholt. Haydn, Mozart und vor allem Beethoven haben bei ihm nie ihren geheimnisvollen Zauber verloren. Selbst das berühmte Tadada Daaa! am Anfang von Beethovens fünfter Symphie klingt bei Harnoncourt aufregend. Jetzt ist der Meister der Originalklangs verklungen. 

Sein Lebenswerk ist das Ensemble Concentus Musicus in Wien. Nikolaus Harnoncourt hat es 1953 gegründet - über sechzig Jahre ist das her. Seine Mission: Die Suche nach dem Originalklang. Gespielt wird auf historischen Instrumenten. Die großen Orchester nehmen ihn nicht ernst. Eine Zeitreise zurück bedeutet ja auch technischen Verzicht - und klingt das nicht alles ein bisschen holprig, unausgereift und altertümlich? Nein! Es klingt natürlich, authentisch - und erfrischend unverbraucht vom dauernden Rauf- und Runtergedudel auf allen Kanälen. Musikalische Kleinodien wie Mozarts Kleine  Nachtmusik, Haydns Symphonie mit dem Paukenschlag und gar manches Beethoven-Thema sind diese Weise geschleift worden. Bei Harnoncourt blühen sie neu auf. Spät, aber nicht zu spät haben das auch auch die großen Orchester bemerkt und Harnoncourt eingeladen, ihnen den Zauber der barocken und klassischen Komponisten neu zu vermitteln. Ein großes Konzert ist etwa der Beethoven-Abend mit den Berliner Philharmonikern:

Dass der langezeit nur belächelte Harnoncourt selbst nicht nur die renommiertesten Komponisten ernst nimmt, sondern auch ebenso belächelte Walzerschreiber wie Johann Strauß, macht ihn nur umso sympathischer. Harnoncourt ist tot - seine genialen Interpretationen aber werden bleiben...

Alle Dirigenten im Biografien-Blog...

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Alma und Gustav Mahler: Muse und der Musiker des Jahrhunderts

Alma und Gustav Mahler führten eine der ersten modernen Künstlerehen - zwei biografische Bücher berichten davon

Beide Fotos lizensiert unter Gemeinfrei
Beide Fotos lizensiert unter Gemeinfrei

Sie waren Star und Sternchen in den Wiener Salons der Jahrhundertwende: Gustav und Alma Mahler. Er führt mit dem Taktstock das berühmteste Opernhaus der damaligen Welt und sie ist eine bezaubernde, gebildete, sehr junge Frau. Er ein chronischer Einzelgänger, zerstreut, genial, kompromisslos. Sie eine gesellige Muse mit eigenen Ambitionen, bald fröhlich, bald verführerisch - und immer darauf bedacht, aus ihrer Geschichte Geschichte zu machen. Mit Erfolg: Vor fünfzig Jahren ist Alma gestorben, ihre Faszination lebt bis heute. Ganz anders ist es vielen weiteren Zeitgenossen des großen Komponisten ergangen - das Eulengezwitscher erinnert an Alma Mahler und an Mahlers Menschen in einer biografischen Doppelbesprechung: 

Alma Mahler-Werfel

Mein Leben

Biographie

Erschienen bei Fischer-Taschenbuch. 376 Seiten kosten in der Taschenbuchausgabe 9.95 € und als eBook 9.49 €.


Helmut Brenner und Reinhold Kubik 

Mahlers Menschen

Freunde und Weggefährten

Erschienen im Residenz-Verlag im September 2014. 304 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 29.90 €.


Biografie Alma Mahler

Gustav Mahler hat klare Vorstellungen von der Ehe mit der ihrerseits musisch begabten Alma gehabt: "Die Rolle des Komponisten fällt mir zu, Deine ist die der liebenden Gefährtin…!” Aber als Mahler 1911 stirbt, ist die liebende Gefährtin nicht einmal 35 Jahre alt - zu jung, um "Witwe im Wahn" (Oliver Hilmes) zu sein. Tatsächlich führt Almas Lebensweg quer durch die Kunst- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Der Schriftsteller Franz Werfel, der Architekt Walter Gropius und der Maler Oskar Kokoschka sind nur drei der berühmten Herren, die mit Alma das Bett geteilt haben. Alle hat sie inspriert. Viel ist geschrieben worden über die männermordende Alma, die ihren ersten Gatten Gustav um ein gutes halbes Jahrhundert überlebt hat. Keine biografische Darstellung mit wissenschaftlichem Deutungsanspruch ist jedoch so fessend wie Almas eigene Memoiren. Ihr lebendiger Tagebuchstil reißt den Leser in die Untiefen eines Lebens als selbstbewusste Muse mit eigener schöpferischer Kraft. Freilich: Wer Almas Leben studieren will, dem ist mit dem seit Jahrzehnten immer wieder neu aufgelegten Erinnerungsbuch wenig geholfen: Hier wird fröhlich polemisiert und pointiert und Almas urteilt mit spitzer Feder. Das aber ist Vorrecht jeder subjektiven Dartstellung. Und ihre Erzählung gewinnt durch ihre ungeschminkte und ungedeutete Meinung. Denn auch das ist ein Schicksal der Alma Mahler: Schon so manche Biografin und mancher Biograf hat nachträglich einen eigenen roten Faden durch ihre Lebensgeschichte gewoben und damit den Blick auf die echte Alma verstellt, die viel gewitzter, empathischer und wählerischer ist als der Ruf, der ihr nachhallt. Als pathetisches, authentisches Kunstwerk über ein Leben, das seinerseits nichts weniger als Kunst war, ist Almas autobiografischer Klassiker "Mein Leben" atemberaubende Lektüre.

Biografie Gustav Mahler

"Mahlers Menschen" ist in vielem das Gegenteil: Neu erschienen, wissenschaftlich fundiert und sicher keine leichte Lektüre. Dieses hochwertig aufgemachte biografische Nachschlagewerk ist dennoch eine beinahe unverzichtbare Erweiterung der umfangreichen Mahler-Literatur. Die Autoren Helmut Brenner und Reinhold Kubik haben sich  in bewundernswerter Kleinarbeit derjenigen Freunde und Weggefährten Gustav Mahlers angenommen, über die die Geschichte mittlerweile hinweggangen ist. Dieses Konzept erfordert Mut: Denn wer hier Kurzporträts von Alma, von befreundeten Dirigenten wie Bruno Walter oder Otto Klemperer oder von konkurrierenden Komponisten wie Richard Strauss erwartet, wird enttäuscht werden. Im Mittelpunkt des Buches stehen Menschen, die selbst manchem Mahler-Kenner nur beiläufig bekannt sein dürften (z. B. aus Briefen oder aus der Monumentalbiografie von Jens Malte Fischer). Nein, dieses Buch entspricht nicht den Erwartungen an ein Buch über das Umfeld des Komponisten - aber das ist nach anfänglichem Wundern auch gut so. Der Leser lernt nicht nur Mahlers Menschen kennen, sondern in ihren Lebensgeschichten auch den Menschen Mahler außerhalb der großen Opernhäuser und der kleinen Komponierhäuschen. Dass dieses Buch durch die Strukltur voneinander unabhängiger Kurzbiografien nicht "durchgelesen" werden muss, sondern hin und wieder einen kurzen Blick hinein erlaubt, tut sein übriges dazu, dass der stolze Preis (knapp 30 Euro) gerechtfertigt ist.

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Daniel Barenboim: Macht Musik, nicht Krieg!

Der Dirigent Daniel Barenboim über seine Erinnerungen und Einsichten - und über den Nahost-Konflikt

Überzeugt von der Macht der Musik: Daniel Barenboim (Foto: Monika Rittershaus/Staatsoper Berlin)
Überzeugt von der Macht der Musik: Daniel Barenboim (Foto: Monika Rittershaus/Staatsoper Berlin)

Daniel Barenboim ist ein geborener Superstar der klassischen Musik. Seine Karriere beginnt am Klavier (als gefeiertes Wunderkind) und steigert sich dann in einem biografischen Crescendo bis in die Gegenwart. Heute ist Barenboim der wohl berühmteste lebende Dirigent und Pianist. Aber auch außerhalb der großen Konzertsäle sorgt Barenboim für so manchen Paukenschlag - vor allem, wenn es um den Nahost-Konflikt geht. Denn Barenboim lässt seit Jahren nichts unversucht, über die Musik junge Israelis und Palästinenser miteinander ins Gespräch zu bringen, frei nach dem Motto: Macht Musik, nicht Krieg! Vor zehn Jahren hat er mit einem gemischt arabisch-jüdischen Jugendorchester ein Konzert im palästinensischen Ramallah gegeben – auch in seinen jüngst erschienen Erinnerungen und Einsichten dominiert die Sorge um die Zukunft im Nahen Osten.

Daniel Barenboim

Musik ist alles und alles ist Musik

Einsichten und Erinnerungen

Erschienen im Berlin Verlag 2014. 140 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe  16,99 €.


Die Sache scheint aussichtslos: Seit der israelischen Staatsgründung 1948 (und streng genommen noch viel länger) tobt im Nahen Osten ein erbitterter Kampf ums Heilige Land: Angriffe werden mit Vergeltungsschlägen beantwortet, Raketenbeschuss und Bombenattentate gehören zum Alltag, Hass aufeinander ist über Generationen gewachsen. Daniel Barenboim ist einer, der sich damit nicht abfinden will. Seit 1999 leitet er das West Eastern-Divan Orchestra, ein gemischt arabisch-jüdisches Jugendorchester.  Dort sollen die verfeindeten Jugendlichen zusammen musizieren und miteinander ins Gespräch kommen. 

Biografie Daniel Barenboim

Foto:  Enciclopedia Libre, Lizenz: CC-BY-SA-3.0
Foto: Enciclopedia Libre, Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Immer wieder kochen in den Workshops und auf Konzertreisen die Emotionen hoch - vor allem dann, wenn der schwelende Nahostkonflikt eskaliert und in Krieg und Terror ausartet. Und in Israel kommt der Palästinenser-Versteher Barenboim auch nicht nur gut an .Aufgegeben hat Barenboim dennoch nie. Niemand hatte für möglich gehalten, dass Barenboim mit dem West Eastern Divan tatsächlich in Ramallah auftritt (Israelis dürfen eigentlich gar nicht in die Palästinensergebiete reisen, Barenboim weiß auch um die Weisheit der Erkenntnis: "Tu Gutes - und sprich darüber": In mittlerweile mehreren autobiografischen Büchern, Vorträgen und Videodokumentationen hat er über seine musikalische und soziale Arbeit ausführlich berichtet und unermüdlich zu mehr Miteinander aufgerufen. Seine jüngst im Berlin Verlag erschienenen Einsichten und Erinnerung sind zwar zusammengestellte Einzeltexte, aber keineswegs bloße Zweitverwertung von bereits Bekanntem. Im Gegensatz zu frühreren Veröffentlichungen tritt die Lebensgeschichte Barenboims hinter seine Gedankenwelt zurück, die in von einander unabhängigen Reden und Dialogen entfaltet werden. Dazu zählt Philosophisches zur Interpretation von Musik an sich ebenso wie die Analyse einzelner Werke. Was Barenboim traditionell am meisten beschäftigt, ist der Umgang mit dem ätzend antisemitischen Komponisten Richard Wagner (Barenboim verehrt den Musiker und verachtet den Menschen) - und eben der Nahostkonflikt..

Fazit: Dieses Büchlein ist eine Textsammlung, die auch "Barenboim kompakt" oder "Barenboim für Eilige" heißen könnte: In unterschiedlichen Formaten gewährt der Maestro Einblick in seine musikalischen, philosophischen und politischen Glaubensgrundsätze. Die einzelnen Beiträge lesen sich wie Ergebnisprotokolle jahrzehntelangen Nachdenkens: kurz, prägnant, tiefschürfend.

Dirigenten Biografien

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Herbert von Karajan: Der Perfektionist am Pult

Herbert von Karajan (1908-1989) war ein österreichischer Dirigent

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Herbert von Karajan, Foto: Siegfried Lauterwasser/Archiv Berliner Philharmoniker)

Er war der Perfektionist am Dirigentenpult: Herbert von Karajan. Sage und schreibe 33 Jahre hat er die legendären Berliner Philharmoniker geleitet (1956-1989). Sein künstlerischer Erfolg wirkt fort - auch weil er ihn mit technischem Sachverstand selbst verewigt hat. Aber Karajans Karriere weist auch dunkle Kapitel auf. Heute vor 25 Jahren ist der Jahrhundertdirigent gestorben.

Foto: Siegried Lauterbach/DG
Foto: Siegried Lauterbach/DG

Herbert von Karajan wird am 5. April 1908 in Salzburg geboren. In der Familie ist Musik ein hohes Gut. Der Vater spielt zur Zerstreuung Klarinette und Herbert soll in die Tasten greifen: Als Vierjähriger beginnt seine Ausbildung zum Pianisten. Noch erfolgreicher schwingt er den Taktstock: Mit Anfang 20 dirigiert Herbert von Karajan seinen ersten großen Klangkörper: das Philharmonische Orchester. In seiner Karriereplanung verlässt sich der aufstrebende Orchesterlenker nicht nur auf sein geniales Gespür für Mozart, Beethoven und Co. Auch politisch will er kein Risiko eingehen und biedert sich schon sehr früh den Nationalsozialisten an, deren Parteibuch er ab 1933 besitzt. Bis der "Führer" Adolf Hitler mit einer seiner Wagner-Interpretationen unzufrieden ist (und teils darüber hinaus), steht er in der Gust des NS-Regimes, das auch die Klassik für seine schmutzige Sache vereinnahmen will. Karajan diskreditiert sich als unkritischer Vollstreckungsgehilfe - erst als Berlin schon brennt, setzt er sich ab.

Die Philharmonie im Bau (alle Fotos: © Reinhard Friedrich/Stiftung Berliner Philharmoniker)
Die Philharmonie im Bau (alle Fotos: © Reinhard Friedrich/Stiftung Berliner Philharmoniker)

Nach kurzem Auftrittsverbot entdeckt ihn die Kulturszene Ende der 1940er Jahre wieder und er folgt auf Wilhelm Furtwängler als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Dort mehrt Karajan über drei Jahrzehnte seinen Ruhm - und den des Orchesters. Nicht nur die Konzerte sind bald schon Legende - mehr noch macht sich der technikbegeisterte Karajan (der nicht nur auf dem Podest, sondern auch im Porsche, auf Schnellbooten und in Sportflugzeugen eine gute Figur macht) im Tonstudio einen Namen. Immer auf dem aktuellen Stand der Tontechnik spielt er wieder und wieder sein enormes Repertoire ein. Sein Ziel: Der reine Klang und die partiturgetreue, ursprüngliche Musik. Dafür wird ihm 1963 von Hans Scharoun sogar der modernste Konzertsaal Europas gebaut: die Berliner Philharmonie. Während ein Leonard Bernstein als künstlerisches Gegenstück zu Karajan ganz auf sein Bauchgefühl setzt und sich emotional ganz den Komponisten hingibt, die er dirigiert, setzt Karajan eins zu eins in Klang um, was die Komponisten zu Papier gebracht haben. Karajans Notentreue zeigt sich in der Probenarbeit (im Clip: Schumanns 4. Symphonie):

Auch wenn sich Herbert von Karajan am Ende seiner Laufbahn grollend vom Pult der Berliner Philharmoniker zurückzieht (und drei Monate später stirbt), wissen die Berliner sein Erbe bis heute zu wahren: Seit kurzem sind zum Beispiel vier Karajan-Konzerte in der Digital Concert Hall anzusehen, darunter die 9. Symphonie von Antonin Dvorak ("Aus der schönen neuen Welt").

Es ist auch das Erbe Herbert von Karajans, das den Chefposten am Pult der Berliner Philharmoniker so begehrt macht (erster Nachfolger war der kürzliche verstorbene Claudio Abbado). Deshalb darf man gespannt sein, wer 2018 den aktuellen Chefdirigenten Sir Simon Rattle beerben wird...

Dirigenten Biografien

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Royston Maldoom: Der Überzeugungstänzer

Royston Maldoom (geb. 1943) hat bewegte Erinnerungen geschrieben

Foto: Aconcagua. Licensed under CC BY-SA 3.0
Foto: Aconcagua. Licensed under CC BY-SA 3.0

Eigentlich wollte Royston Maldoom Farmer werden - aber dann entdeckte er seine große Leidenschaft: das Tanzen. Fast sein ganzes Berufsleben hat der englische Choreograf überall auf der Welt mit Laien und Jugendlichen gearbeitet - mit Vorliebe an politischen und sozialen Brennpunkten. Dabei ist Maldoom zu einem der einflussreichsten Tanzpädagogen geworden. Eines seiner größten Projekte ist im Dokumentarfilm "Rhythm Is It!" verewigt: In sechs Wochen soll er 250 demotivierte Berliner Teenager aus "Problemschulen" dazu bringen, zu Igor Stravinskys Ballett "Le Sacre de Printemps" zu tanzen und es gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle aufzuführen... Heute vor zehn Jahren hat die Erfolgsgeschichte von "Rhythm Is It!" begonnen. Die Geschichte dahinter - seine eigene - hat Royston Maldoom in seiner Autobiografie erzählt.

Royston Maldoom

Tanz um Dein Leben

Meine Arbeit, meine Geschichte

Erschienen bei S. Fischer im Jahr 2011. 320 Seiten kosten in der Taschenbuchausgabe 9,99 €.


Seine Kindheit ist kein Zuckerschlecken: Royston Maldoom verliert seine Mutter im zarten Alter von vier Jahren, der Vater steckt ihn ins Heim, bis er eine neue Familie gegründet hat. Früh alleine gelassen lernt Royston Maldoom von Anfang an auf eigenen Beinen zu stehen: Zeitlebens wird er sein Glück nicht in in festen Bindungen finden (beruflich und privat). Auch für den Mainstream hat Maldoom wenig übrig. Bis ihn in einem Ballettfilm die Muse küsst, ist er fest entschlossen ein Leben in der Landwirtschaft zu führen. Dann aber entscheidet er sich für den Tanz ohne Grenzen und für ein Leben als Lehrmeister

Beide Entscheidungen und ihre Konsequenzen prägen Maldooms Autobiografie. Anekdotenreich, witzig, fesselnd und mitreißend berichtet er von den einzelnen Stationen aus seinem Künstlerleben auf des Messers Schneide - und auf Achse: Schon die Kapiteltitel weisen die Erinnerungen  eines weltenbummelnden Tausendsassas aus: In London lernt Maldoom tanzen, in Schottland findet er sich selbst als Laienchoach, in Nordirland und Krotatien tanzt er gegen Gewalt und Krieg an, in Südafrika und Äthiopien gegen Armut, in Auschwitz choreografiert er die "Symphonie der Klagelieder" (Henryk Górecki) und in Deutschland trägt der Überzeugungstänzer seine Projekte in die sozialen Brennpunkte. 

Nicht nur der umtriebige Tanzlehrer Royston Maldoom kommt in seiner Autobiografie zu Wort, sondern auch der Visionär. In pädagogisch-philosophischen Zwischenkapiteln zu vermittelt Maldoom die Überzeugungen hinter den Anekdoten, die von jahrzehntelanger Arbeit unter teils widrigen Umständen gereift sind. Gleich, ob es um die Integration von körperlich und geistig behinderten Tänzern geht, um die Leidenschaft und Risikobereitschaft, die die Gemeinschaft von Künstlern lernen kann oder um die nötige Orientierung an Grundwerten: In knapp formulierten, aber lange durchdachten Sätzen umreißt Royston Maldoom, warum er sein Leben dem Tanz mit Laien gewidmet hat. Dem Erfolg seiner eigenen Arbeit (vor allem in den vergangenen zehn Jahren) begegnet er mit Demut: 

"Rhythm Is It!" hat offenbar  manche Menschen tief berührt und in ihnen lang unterdrückte Hoffnungen und Träume zum Leben erweckt. Ich bin aber weniger Psychiater noch ausgebildeter Berater und muss es daher ablehnen, Fremden nur aufgrund meiner persönlichen Ratschläge zu erteilen. 

Dabei hat Royston Maldoom nicht nur viel zu erzählenm sondern auch viel zu sagen. In seinen Memoiren hat er beides auch eindrucksvoll getan.

Fazit: Royston Maldooms Autobiografie ist ein Feuerwerk der Leidenschaft. Er lässt seine Leserinnen und Leser an seinem Leben als Überzeugungstänzer teilhaben. Weil sich Maldoom dabei nicht nur auf unterhaltsame Anekdoten beschränkt, sondern seine Überzeugungen darlegt, macht seine Memoiren zu einer gleichermaßen vergnüglichen wie nachdenklichen Lektüre.  

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Nachruf auf Claudio Abbado

Claudio Abbado, Foto: Cordula Groth, Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Berliner Philharmoniker
Claudio Abbado, Foto: Cordula Groth, Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Berliner Philharmoniker

Er war einer der bedeutendsten Dirigenten der vergangenen Jahrzehnte: Claudio Abbado. Jetzt ist der Ausnahmemusiker im Alter von 80 Jahren gestorben. Sein letztes Konzert am Pult der Berliner Philharmoniker im Mai 2013 habe ich miterlebt: Ausgiebig und euphorisch haben Publikum und Orchester den ehemaligen Chefdirigenten und Karajan-Nachfolger gefeiert. Die Symphonie fantastique von Hector Berlioz war der Abschied eines fantastischen Dirigenten: 

Claudio Abbado hat mich Gustav Mahler gelehrt. Sein Taktstock öffnet das Tor zu Mahlers Welt, die er in all ihrer Widersprüchlichkeit erklingen lässt: traurig und doch fröhlich, sanft und doch brachial, harmonisch und doch verstimmt (im Clip das Adagio der unvollendeten X. Symphonie).

Scheinbare Gegensätze nur für das Genie Mahler, der sie in einem größeren Ganzen aufgelöst und zu Notenpapier gebracht hat. Vielleicht hat Abbado Mahler so gut verstanden, weil auch seine Lebensgeschichte von manchem Widerspruch erzählt: Obwohl er als junger Dirigent renommierte Wettbewerbe gewann, unterrichtete er zuerst einmal lieber Kammermusik in Parma. Obwohl er als Musikdirektor der Mailänder Scala beständig an seinem Ruf als Operndirigent hätte arbeiten können, gründete er gleich mehrere Symphonie-Orchester (auch Jugendorchester). Obwohl er nie die große Karriere anstrebte, wählten ihn die Berliner Philharmoniker zum Nachfolger des übergroßen Herbert von Karajan. Obwohl er schon zu Beginn des Jahrtausends mit dem Krebstod gerungen hat, hat er die internationale Musikwelt noch über ein Jahrzehnt geprägt. Selbst der Tod muss nicht das Ende sein. Als intimer Mahler-Kenner wird Claudio Abbado auch den tröstlichen Schlusschor aus der II. Symphonie im Ohr gehabt haben, die er schon Mitte der 1960er Jahre mit den Wiener Philharmonikern aufführte:

"Auferstehen, ja auferstehen wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh! Unsterblich Leben wird, der dich rief, dir geben."

Dirigenten Biografien

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Leonard Bernstein: Interview mit Vermächtnis-Charakter

Jonathan Cott über einen Abend mit Leonard Bernstein

Foto: Allan Warren. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Foto: Allan Warren. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Jonathan Cott

Leonard Bernstein

Kein Tag ohne Musik

Erschienen in der Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, 160 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 17,99  und als E-Book 13,99 €.


„Kein Tag ohne Musik“ ist weder eine klassische Biografie noch eine klassische Autobiografie. Jonathan Cott hat eine Interview-Biografie über den amerikanischen Dirigenten und Komponisten Leonard Bernstein vorgelegt (u. a. West Side Story). In diesem Format ist der Autor ein Pionier und Spezialist: Er hat ähnliche Projekte bereits mit Bob Dylan und Glenn Gould realisiert. Sein Bernstein-Buch ist kein 160-Seiten-Interview. Geschickt verwebt der journalistisch versierte Cott Frage-Antwort-Passagen mit szenischen Schilderungen von der Begegnung mit Bernstein: Diese Begegnung beginnt an einem späten Oktober-Nachmittag 1989 – wenige Monate vor Bernsteins Tod – und endet tief in der Nacht. In einer solchen Zeitspanne lässt sich die Interview-Biografie auch gut lesen, denn einmal begonnen fühlt man sich regelrecht eingeladen zum „Dinner with Lenny“ (so der wesentlich aussagekräftigere Titel des englischen Originals). Cott versteht es, den Leser in Bernsteins Musikstudio mitzunehmen, wo man sich gemeinsam eine Aufnahme von Sibelius‘ Erster Symphonie anhört:

Immer wieder ließ er sein Wodkaglas von einer Hand zur anderen wandern und fing dann an zu singen – zu summen, zu raunen, hin und wieder gospelartig laut zu jubilieren – und die vier Sätze der Sinfonie (die Sibelius 1898 mit dreiunddreißig komponiert hatte) zu dirigieren und tanzend zu begleiten. Dabei versorgte er mich mit rezitativen Einschüben, Erklärungen sowie anerkennenden oder kritischen Kommentaren und Bemerkungen zu diesem leidenschaftlichen, lebhaften und höchst erfinderischen Werk.

Leonard Bernstein macht auch in seinen Antworten keinen Hehl daraus, dass er auf ein in jeder Hinsicht exzessives Leben zurückblickt.

Ich rauche. Ich trinke. Ich bleibe nächtelang auf. Ich treibe mich herum. Bei mir gibt es immer von allem ein bisschen zu viel.

Offenherzig plaudert Bernstein über seine sexuellen Erfahrungen, deutet seine Entjungferung als Elfjähriger an und berichtet mit einigem Stolz, wie ihn Alma Mahler, die gealterte Witwe des von Bernstein verehrten Komponisten Gustav Mahler verführt hat:

Sie hat versucht, mich abzuschleppen. Sie hatte ein paar meiner Proben mit den New Yorker Philharmonikern besucht – und lud mich zum »Tee« ein, was sich als Aquavit herausstellte. Dann schlug sie vor, dass wir uns ein paar Memorabilien ihres Ehemanns ansehen sollten – in ihrem Schlafzimmer.

Überhaupt Mahler: Bernstein ist nach einer der ersten Dirigenten gewesen, der Mahlers Musik gefördert und salonfähig gemacht hat. Dafür gibt er eine einfache Erklärung:

Andere Dirigenten haben einfach nicht den Mut, zu spielen, was Mahler geschrieben hat, das ist alles. Ich bin Komponist, und ich verstehe, was er meinte. Das ist der Unterschied.

Eine solche Einstellung muss andere dirigierende Komponisten empören. Vor allem Pierre Boulez hatte seinem Unmut Luft gemacht und Bernstein für seine theatralische Orchesterleitung scharf kritisiert. Jonathan Cott gelingt es glänzend, Boulez‘ Ärger über Bernstein zu thematisieren, ohne die zusehends vertrauliche Atmosphäre des mittlerweile nächtlichen Gesprächs zu gefährden. Das ist eine biografische Meisterleistung, denn je länger der Abend, desto intimer sind die Einblicke, die Bernstein gewährt: Wenn er davon spricht, Gustav Mahler zu verstehen, dann meint er damit eine emotional-spirituelle Vereinigung, die er mit allen Komponisten sucht, die er dirigiert:

Wenn ich nicht Brahms oder Tschaikowsky oder Strawinsky werde, wenn ich ihre Werke dirigiere, wird das zu keiner besonders guten musikalischen Darbietung führen. Es kann zu einem Konzert führen, das ganz okay oder auch miserabel ist, aber ich kann nur sicher wissen, dass ich wirklich etwas Gutes geleistet habe, wenn ich das Stück beim Dirigieren selbst erfunden habe … Es muss das Gefühl da sein, dass mir gerade jetzt die erste Idee dazu kommt [er schnippt mit den Fingern]: Ooooh, ja! Das wäre genau richtig … hier muss das Englischhorn kommen … hier ein Pizzicato in den Bässen … jetzt ein Posaunenakkord! Die andere Art, wie ich erkenne, ob es gut war oder nicht, kommt erst, wenn alles vorbei ist, denn manchmal brauche ich eine, zwei oder sogar bis zu drei Minuten, bis ich wieder weiß, wo ich bin und wer ich bin und was dieser ganze Lärm hinter mir bedeutet. Manchmal bin ich so weit weg … so weit weg.

Dicht dran an Leonard Bernstein ist dagegen der Leser – und das ist Jonathan Cotts Verdienst, für das es fünf von fünf Leseeulen gibt: Cott hat es geschafft, in zwölf Stunden eine lesenswerte Nahaufnahme von Bernstein zu zeichnen, die auch über 20 Jahre nach dessen Tod (1990) nichts an Lebendigkeit verloren hat. In Leonard Bernsteins eigenen Worten:

Man kann durch Erinnerung die Zeit aufheben, wenn das Gedächtnis das erinnerte Ereignis antizipiert und es dadurch zu etwas Zukünftigem werden lässt. Sodass es, wenn man sich erinnert, zum Jetzt wird. Das ist sehr bedenkenswert.

Übrigens: Leonard Bernstein gibt's auch im Biografien-Blog. Zwei andere große Mahler-Dirigenten im Eulengezwitscher sind Claudio Abbado und Sir Simon Rattle.

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Hans Scharoun: 50 Jahre Berliner Philharmonie

Lizenz: © Schirmer / Berliner Philharmoniker
Die Berliner Philharmonie (Foto: © Schirmer / Berliner Philharmoniker)
Foto: © Reinhard Friedrich/Stiftung Berliner Philharmoniker
Hans Scharoun (links) mit Lothar Cremer (Foto: BerlPhil)

Er baute die Berliner Philharmonie, die heute vor 50 Jahren eingeweiht worden ist: Hans Scharoun. Schon als Kind malt und zeichnet der 1893 geborene Scharoun gerne Häuser und Schiffe (er ist in Bremerhaven aufgewachsen). So geschickt geht er mit Pinsel und Kohlestift um, dass sein Vater misstrauisch wird. Für ihn (einen Brauerei-Manager) sind künstlerische Berufe Hungerleiderjobs. Deshalb gefällt ihm nicht, dass sich Hans zusehends für Ästhetik und Architektur interessiert. Die Mutter deckt ihren Sohn, der heimlich weiterzeichnet und sein hoffnungsvolles Talent durch fleißiges Üben veredelt. Als der Vater stirbt, packt er die Skizzen aus seinem Versteck und schreibt sich an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg ein. Von 1912 an studiert Scharoun zwei Jahre lang Architektur und Bauwesen. Dann ruft Kaiser Wilhelm II. zu den Waffen und Scharoun meldet sich freiwillig an die Front. Er wird nie zuende studieren. Im akademischen Betrieb mischt er dennoch kräftig mit - allerdings auf der anderen Seite des Katheders. In Breslau, wo sich Scharoun nach dem Ersten Weltkrieg in expressionistischen Künstlerkreisen inspirieren lässt, wird die  Akademie für Kunst und Kunstgewerbe auf den jungen Architekten aufmerksam und macht ihn zum Professor.

Sein Lebenswerk aber vollbringt Hans Scharoun in Berlin. Bevor Hitler und die Nationalsozialisten aller Freigeistigkeit den Garaus machen (auch der architektonischen), entwirft er dort den Bebauungsplan für die Siemensstadt. Schon in der lockeren Anordnung der Wohnhäuser und in den großzügigen Grünflächen zeigt sich, dass Scharoun ein Freund der organischen Architektur ist:  Das Äußere hat der inneren Bestimmung zu folgen - eine Spielart von form follows function.  Diese Überzeugung überdauert den Zweiten Weltkrieg. Für Architekten gibt es jetzt reichlich zu tun:


Berlin liegt in Trümmern. Hans Scharoun, der bald eine Städtebau-Professur an der Technischen Universität bekleidet, plant mit, wie es wieder aufgebaut wird: erst im Osten (als Stadtbaurat in der sowjetischen Besatzungszone), dann im Westen. Sein Meisterstück ist die Berliner Philharmonie. 1956 gewinnt er den Architektenwettbewerb, obwohl er radikal mit dem guten, alten Konzertsaal-Ideal bricht. Als die Bagger rollen, staunen die Berliner nicht schlecht. 

Die Philharmonie im Bau (alle Fotos: © Reinhard Friedrich/Stiftung Berliner Philharmoniker)
Die Philharmonie im Bau (alle Fotos: © Reinhard Friedrich/Stiftung Berliner Philharmoniker)

Da entsteht kein klassischer "Schuhkarton", wie sie ihn beispielsweise vom Gendarmenmarkt her kennen. Scharoun geht es um die Sache: um die Musik: Er will "einem Ort des Musizierens und des gemeinsamen Erlebens der Musik eine entsprechende Form" geben. "Musik", erklärt Scharoun, "sollte auch räumlich und optisch im Mittelpunkt stehen." Deshalb sitzt das Orchester in der Berliner Philharmonie nicht erhöht, sondern mitten im Publikum. Von allen seiten kann man die Musiker sehen und perfekt hören (dafür sorgt der Akkustiker Lothar Cremer). Der Neubau des vieleckigen Klangraumwunders mit dem zirkuszeltähnlichen Dach kostet nicht einmal 20  Millionen D-Mark (das ist ein Drittel der Umbaukosten des Limburger  Bischofssitzes). Zur feierlichen Eröffnung bieten Herbert von Karajan und die Berliner Philharmoniker Beethoven dar. Nicht nur architektonisch ist dieser Konzertsaal das Vermächtnis von Hans Scharoun, der 1972 gestorben ist. Denn bis heute sind Besuche in der Berliner Philharmonie rauschende Feste für alle Sinne. Im Zeitalter von Hochgeschwindigkeits-Internet fasst die Philharmonie auch mehr als 2400 Zuschauer - zumindest die Philharmonie 2.0. Denn auch in der Digital Concert Hall (siehe Clip) lässt sich die schlichte Eleganz der Berliner Philharmonie erleben - eine Eleganz, die auch nach einem halben Jahrhundert nicht langweilig wird.

Die Zitate von Hans Scharoun stammen aus Presseinformationen der Berliner Philharmoniker.

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Giuseppe Verdi: Der Opernfürst

Gefangenenchor aus Nabucco (Lizenz: gemeinfrei)
Gefangenenchor aus Nabucco (Lizenz: gemeinfrei)
Giuseppe Verdi (Gemälde:  Giovanni Boldini, Lizenz: gemeinfrei)
Giuseppe Verdi (Gemälde: Giovanni Boldini, Lizenz: gemeinfrei)

Er war der Großmeister der italienischen Oper: Giuseppe Verdi. Seiner Feder verdanken wir mehrere Sternstunden des Bühnenmusik-Repertoires, darunter 'Aida', 'La Traviata' und 'Rigoletto'. Verdis Melodien verzücken nicht nur Opernkenner - sie sind gewissermaßen Evergreens aus dem High End-Segment. Bis zum Weltruhm ist Verdi einen langen und steinigen Weg gegangen. Lange bevor er seine weltberühmten Kompositionen zu Notenpapier bringt, ereilen in in kurzer Zeit gleich drei schwere Schläge: Verdi verliert erst seine Tochter Virginia, dann seinen Sohn Icilio und schließlich seine Frau Margherita. Sein Freund, Förderer  und Schwiegervater Antonio Barezzi hält zu dem gebrochenen, aber talentierten Musiker, der noch auf seinen Durchbruch wartet. Verdi stellt sich seinem Schicksal und konzentriert sich auf seine Karriere. Schon als Kind war er aufgefallen, weil er so wundervoll wie selbstverständlich die Orgel und das Cembalo beherrscht hatte. Kein Zweifel: Musik ist sein Leben - auch sein Lebensunterhalt?

Das berühmte Mailänder Konservatorium ist skeptisch und lehnt den Bewerber Verdi ab. Verdi selbst sieht das anders und antwortet mit  der Oper 'Nabucco'. Vor allem der Gefangenenchor macht ihn über Nacht zum Star. Die von Österreich besetzen Italiener erkennen sich in den geknechteten Juden wieder, die in 'Nabucco' gegen ihre babylonische Unterdrückung aufbegehren. Ein filmisches Denkmal findet der musikalische Protest gegen die habsburgische Fremdherrschaft in 'Sissi'. In der Mailänder Scala erwartet das junge Kaiserpaar eine lautstarke Überraschung: 


Als Italien 1861 unabhängig wird, zieht der Nationalheld Verdi für vier Jahre ins Parlament ein. Dann widmet er sich wieder der Musik. Während sein deutscher Antipode Richard Wagner auf dem Grünen Hügel in Bayreuth ein eigenes Festspielhaus errichtet, bereist Verdi Europa. Nicht nur in Mailand jubeln sie ihm mittlerweile zu, auch in Paris und sogar  in Kairo. Dort schenkt er mit Aida auch den  Ägyptern eine eigene Oper (wenn man bei seinem horrenden Honorar noch von schenken sprechen darf). Aber Verdi, der 1901 gestorben ist, konnte nicht nur Oper. Eines seiner eindrucksvollsten Werke ist das Requiem - die Totenmesse mit ihrem bombastischen Dies irae (im Clip die Berliner Philharmoniker unter Mariss Jansons).


Heute, am 9. Oktober 2013 wäre Giuseppe Verdi 200 Jahre alt geworden. Sein Gefangenenchor ist aktueller denn je. Wiederum ist das italienische Volk gefangen. Diesmal aber ist es kein österreischer Kaiser, der es in politischen Fesseln hält, sondern einer der ihren. Es wird Zeit, dass sich die italienischen Abgeordneten erheben und Silvio Berlusconi ihr Va pensiero! entgegenschmettern:

 

Schweb' hin, Gedanke Du, auf gold'nem Flügel

Enteile zu dem fernen, teuren Strand,

Wo leis' und lind, umduftend Tal und Hügel

Die freie Luft begrüßt mein Vaterland.

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25. Aug. 1918: Leonard Bernstein (*)

Foto: Al Ravenna, Lizenz PD
Foto: Al Ravenna, Lizenz PD

Er komponierte die West Side Story: Leonard Bernstein (1918-1990). Geboren als Sohn ukrainischer Einwander lebt er amerikanischen Musiktraum. Wenn die Nachbarn Klavier spielen, hängt Lenny mit dem Ohr gebannt an der Wohnzimmerwand. Das entgeht den Eltern nicht. Bald steht in der Diele das alte und verstimmte Klavier von Tante Clara. Lenny ist hin und weg. Er übt und übt, oft bis tief in die Nacht hinein. Dem um Ruhe schreienden Vater schmettert Lenny umso lauter Ravels ‚Bolero’ entgegen; den schlaflosen Nachbarn, die wütend an die Wände klopfen, lässt er über seine Mutter ausrichten, sie müssten schon bald viel Geld bezahlen, ihn musizieren zu hören. Daran arbeitet er hart, auch wenn er selbst der erste ist, der sich für einen Weltstar hält. Schon der Teenager zeigt die Symptome jenes schicksalhaften Sendungsbewusstseins, das so manches Künstler-Genie in die geltungssüchtige innere Vereinsamung getrieben hat: Bernstein spielt in einem Ferienlager für jüdische Schulkinder und deren Eltern beim Mittagessen Klavier. Kurz zuvor hat er erfahren, dass George Gershwin gestorben war. Mit einem lauten, dissonanten Akkord unterbricht er die fröhliche Gesellschaft, um mit Grabesstimme den Tod des „größten jüdischen Komponisten Amerikas“ zu verkünden. Er werde nun dessen ‚Präludium Nr. 2’ spielen und bitte darum, nicht zu applaudieren. Bernstein hinterlässt ein beeindruckt und betreten schweigendes Publikum. „Ich hatte das Gefühl, dass ich Gershwin war, ich war Gershwin und hatte das Stück komponiert.“

Bernsteins Ehrgeiz und sein kaum weniger ausgeprägtes Talent bringen ihn an die amerikaweit rennommierte Dirigentenklasse in Tanglewood. Von dort wird er als Assistent zu den New Yorker Philharmonikern gerufen. Kaum dort angekommen, schlägt seine große Stunde. Der Stardirigent des Abendsfällt mit Fieber aus und Bernstein betritt erstmals das Pult der berühmten Carnegie Hall. 


Er nimmt es im Sturm: ausgelassener Applaus, stehende Ovationen, Glückwunschtelegramme, überschwängliche Pressekritiken begleiten ihn auf den ersten Stufen einer Weltkarriere. Über Nacht wird Bernstein von allen großen amerikanischen Orchestern eingeladen und reist von Erfolg zu Erfolg; er erobert die Konzertsäle der Vereinigten Staaten mit den Werken junger amerikanischer Komponisten, zu denen er sich selbst zählt. Seine ernsten Sinfonien ‚Jeremiah’ und ‚Das Zeitalter der Angst’ werden wohlwollend aufgenommen, aber Furore macht vor allem seine Jazzoperette ‚West Side Story’, mit der er die gekränkte Seele der Neuen Welt streichelt, die als weithin kulturlos gilt. Schließlich avanciert Bernstein zum obersten Weltmusikanten – eine Rolle, der er sich bewusst ist, die ihm behagt und die er benutzt: Während sich Herbert von Karajan durch immer reinere Audioaufnahmen und epische Opernverfilmungen hervortut, gibt sich Berstein in Fernseh- und Radiosendungen als Lehrmeister, der seinem Publikum Bach und Beethoven beibringt. Vor allem liegt Lenny die Musikerziehung am Herzen: mit den New Yorkern Philharmonikern gibt er über fünfzig Konzerte für junge Leute, in denen er dirigiert, erklärt, am Klavier Boogie-Woogie spielt, lauthals Beatles-, und Elvis-Songs singt und sich wie die Popikonen seiner Zeit feiern lässt. Popikonen dürfen schrill und schräg sein. Auch das kostet Bernstein genüsslich aus: Schweißgebadet drückt er die First Lady Jackie Kennedy an sich und küsst sie auf den Mund. Als Mittzwanziger lässt er sich von siebzigjährigen Alma Mahler bezirzen  - sosehr liebt er deren ersten Mann Gustav Mahler, dass er auch seine Frau lieben muss. Mit so manchem seiner männlichen Musikerkollegen treibt er es sogar noch bunter - dabei ist er märchenhaft verheiratet und hat drei Kinder. Aber Leonard Bernstein ist ein Exzentriker, der auf sich auf dem Dirigentenpult ähnlich gehen lässt wie im Bett. Er berauscht sich an seinen Skandale genauso wie an Zigaretten, Whisky und Ruhm. Obwohl er gerne ein bedeutender Opernkomponist gewesen wäre, geht er als begnadeter Musical-Schreiber und als genialer Mahler-Dirigent in die Musikgeschichte ein. Seine eigene Geschichte endet zu früh: Kaum über siebzig bricht er zusammen und stirbt. Heute wäre Leonard Bernstein  95 Jahre alt geworden. In seinen Einspielungen der Mahler-Werke ist er allerdings unsterblich. Dass wussten auch seine Kinder, die ihm eine Partitur der V. Symphonie als Grabbeigabe in den Sarg legten. Wie innig Bernsteins Verhältnis zu Mahler ist, zeigt sich in den legendären Proben mit den Wiener Philharmonikern (siehe Clip).

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Richard Wagner: Der Monumentalkomponist

Richard Wagner (Foto: Franz Hanfstaengl, Lizenz: gemeinfrei)
Richard Wagner (Foto: Franz Hanfstaengl, Lizenz: gemeinfrei)

Er polarisiert bis heute: Richard Wagner (1813-1883). Als Musiker unerreicht ist er als Schöpfer monumentaler Opern - darunter ‚Die Meistersinger von Nürnberg’, ‚Lohengrin’ und ‚Der Fliegende Holländer’ (im Clip die Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado). Als Mensch aber war Wagner ein Ekel, das in selbstgefälligem germanischem Größenwahn schwelgte und dauernd über seine Verhältnisse lebte: Das hat ihm zwar immer wieder Schulden eingebracht, aber auch die zweifelhafte Gunst mancher Mächtiger: Der bayrische Märchenkönig Ludwig II. finanzierte dem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Wagner, der nicht nur einmal Hals über Kopf vor seinen Gläubigern fliehen musste, ein Leben im Luxus. In Bayreuth errichtete er ihm mit dem Festspielhaus auf dem grünen Hügel einen Tempel, in dem in den 1870er Jahren die Operntetralogie ‚Der Ring des Nibelungen’ uraufgeführt wurde (16 Stunden Musik über menschliche und göttliche Intrigen, vorgetragen überwiegend von schwerem Blech).

Nach Ludwig II. erkor auch Adolf Hitler Wagner zu seinem Lieblingskomponisten. Dazu hat beigetragen, dass der Komponist aus seinem menschenverachtenden Judenhass keinen Hehl machte. Hitler erkannte in Wagners bombastischen Bühnenwerken die wahre arische Kunst – und diese Assoziation wirkt bis heute nach: Intendanten und Regisseure haben immer wieder den Holocaust in Wagners Opern auf die Bühne gebracht. Zuletzt ist in Düsseldorf eine ‚Tannhäuser’-Inszenierung sogar abgesetzt worden, weil sich mehrere Zuschauer nach allzu realistisch dargebotenen Vergasungs- und Erschießungsszenen in ärztliche Behandlung begeben hatte. In Israel ist es nach wie vor Tabu, Wagner-Opern überhaupt aufzuführen. Als Daniel Barenboim es dennoch wagte, in Jerusalem eine Zugabe aus ‚Tristan und Isolde’ zu geben, provozierte er damit einen handfesten kulturpolitischen Skandal. Wie schwer es ist, den genialen Musiker von dem unerträglichen Menschen zu trennen, der heute vor 200 Jahren geboren wurde, hat  der ebenfalls jüdische Dirigent Leonard Bernstein auf den Punkt gebracht: „Ich hasse Wagner, aber ich hasse ihn auf Knien!“

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Albert Schweitzer: Der Urwaldarzt

Foto: Nobel Foundation. Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto: Nobel Foundation. Lizenziert unter Gemeinfrei

Er lebte die Nächstenliebe: Albert Schweitzer (1875-1965). Geboren und aufgewachsen ist Schweitzer als Spross einer evangelischen Pfarrersfamilie im Elsass. Der kleine Albert liebt die Natur, die Gottesdienste seines Vaters und die Kirchenorgel; er leidet mit den Außernseitern unter den Hänseleien und mit den Nutztieren unter allzu grobschlächtiger Behandlung. Und er weint bittere Tränen als er in die Schule gesteckt wird. Zurecht, denn die Leistungen sind lausig. Dass in Albert ein Universalgenie steckt, glaubt anfangs niemand so recht. Erst nach einem mittelmäßigen Abi legt Schweitzer los: Er studiert in Straßburg Philosophie und schreibt in den langen Winternächten eine Doktorarbeit über Kant. Tagsüber perfektioniert er bei den besten Lehrern sein Orgelspiel. Er studiert Theologie und schreibt eine weitere Doktorarbeit über die Bedeutung des Abendmahls. Kurz darauf folgt die Habilitation.

Jetzt könnte er Professor werden, wenn er sich nicht in seinen theologischen Studien mit dem wissenschaftlichen Zeitgeist und nahezu der gesamten Fachwelt angelegt hätte. Außerdem hat Schweitzer gar keine Lust auf eine akademische Laufbahn. Der gerade 25-jährige Doppeldoktor predigt lieber in einer Straßburger Gemeinde und widmet sich der Musik. Wieder schreibt er ein Buch - dieses Mal ist es eine vielgelobte Biografie über Johann Sebastian Bach - und tritt als begnadeter Interpret von dessen Orgelwerken in ganz Europa auf. Aber all das befriedigt Schweitzer nicht. Er will den Dienst der christlichen Nächstenliebe tun. Als er erfährt, dass die Pariser Mission Ärzte in Afrika sucht, nimmt Schweitzer ein Medizinstudium auf. Wieder eine Doktorarbeit (über die psychatrische Beurteilung Jesu), wieder nebenbei ein theologisches Buch (über Paulus), dann heiratet er seine Helene, kauft von den Honoraren der Konzertreisen Medikamente und Ausrüstung und schifft sich nach Lambarene (im Gabon) ein.  

Mitte April 1913 erreichen die Schweitzers ihr Ziel. Nach knapper Schonzeit findet sich der streitbare Theologe und berühmte Musiker in einem windschiefen Hühnerstall mitten in Afrika wieder, wo er Eingeweidebrüche operiert, Elephantiasis behandelt und faulende Zähne zieht. Daneben ist er beim Aufbau seines Tropenhospitals als Zimmermann und Maurer gefragt, als Architekt und Mechaniker. Schweitzer bewältigt all' das mit Hingabe. Er hat er in der Praxis gefunden, was er schon in seinen theologischen und philosophischen Schriften gesucht hat:

Lizenziert unter CC-BY 4.0
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die Erfüllung in der dienenden Nachfolge Jesu. Auf einer langen Bootsfahrt auf dem Ogowefluss gießt der wissenschaftlich versierte Ethiker der Tat seinen Lebensentwurf in die einprägsamen Worte 'Ehrfurcht vor dem Leben'. Dabei macht dabei keinen Unterschied mehr zwischen Menschen und Tieren. Deshalb unternimmt er auch nichts gegen die Ameisenstraße, die quer über seinen Urwald-Schreibtisch läuft. Im Gegenteil: er stellt noch eine Schale mit Zuckerbrei daneben - auch die emsigen Tierchen sollen es gut haben. „Ethik besteht also darin, daß ich die Nötigung erlebe, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen", sinniert Schweitzer. "Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern, böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen.“ Es ist kaum verwunderlich, dass Schweitzer vielen als moderner Heiliger erscheint. „Er sieht aus wie ein naher Verwandter des lieben Gottes", schreibt der SPIEGEL süffisant, "und er benimmt sich so.“ Aber die vielen Lobeshymen und Ehrerbietungen überwiegen die ironische Kritik an Schweitzers vermeintlicher Selbstgerechtigkeit. Anfang der 1950er Jahre erhält er den Friedensnobelpreis und nutzt seinen Einfluss in den letzen Lebensjahren, um gegen das atomare Wettrüsten ins Feld zu ziehen. Albert Schweitzer stirbt 1965 in Lambarene, das er in diesen Wochen vor 100 Jahren aufzubauen begonnen hat.

Mehr von Albert Schweitzer im Biografien-Blog...

Albert Schweitzer ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Als junger Mann war er nach Afrika gegangen, um in Jesu' Nachfolge ein Tropenhospital aus Holz- und Wellblechhütten aufzubauen. Vierzig Jahre später wird der Urwald-Doktor dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Man feiert ihn als „13. Jünger Jesu“ und „Mister Wellblech“ wie einen Popstar. „Genie der Menschlichkeit“ und „Universalgenie Westeuropas“ nennen sie ihn. Auch seine Biografen zeichnen fast immer ein wohlwollendes Bild. Der Mainzer Theologe Sebastian Moll zeigt Schweitzer dagegen als "Meister der Selbstinszenierung". Das ist nicht der einzige Aufreger, den dieses Buch provoziert hat. Zur Rezension...

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Johannes Brahms: Der verspätete Klassiker

Johannes Brahms, Lizenz: gemeinfrei
Johannes Brahms, Lizenz: gemeinfrei

Er war ein tragisches Genie: Johannes Brahms wäre heute 180 Jahre alt geworden. Sein Werk und sein Wirken sind eingequetscht zwischen Beethoven und Brucker:  Beethovens neun Symphonien sind kaum überhörbar die Vorbilder von Brahms' eigenen Kompostionen. Hans von Bülow, ein zeitgenössicher Dirigent, behauptet sogar, Brahms erste Symphonie sei Beethovens zehnte. Doch obwohl Brahms immer wieder als würdiger Erbe des Genies gerühmt wird, leidet er unter dem Vergleich. Denn für einige seiner Komponistenkollegen, darunter auch Anton Bruckner, ist Beethoven zwar Vorbild, aber auch Vergangenheit: Vor allem Franz Liszt und Richard Wagner machen sich für "neudeutsche Musik" stark: in der Mitte des 19. Jahrhunderts ist schweres Blech angesagt, das in symphonischen Dichtungen und Musikdramen dröhnt und schmettert. Brahms dagegen bleibt bis ins hohe Alter den zarten Streichern und Holzbläsern treu. Und doch verzweifelt er fast an der schlichten Eleganz, die sein Schaffen so besonders macht: „Es ist nicht schwer, zu komponieren", sagt Brahms. „Aber es ist fabelhaftschwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen.“ Welche Höchstleistung also, dass er in den ersten Takten seiner letzten Symphonie - der vierten - mit nur vier kleinen Akkorden auskommt (siehe oben)... Und wie gut, dass einer der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts, Carlos Kleiber, dieses filigrane Motiv unnachahmlich zum Klang gebracht  hat (Video-Clip).

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Sir Simon Rattle: Der progressive Kapellmeister

Lizenz: Berlin Phil Media
Sir Simon Rattle (Foto: Monika Rittershaus)

Er leitet das berühmteste Orchester der Welt: Sir Simon Rattle. Seit gut zehn Jahren steht der gebürtige Liverpooler als Chefdirigent am Pult der Berliner Philharmoniker. Und weil man aufhören soll, wenn's am schönsten ist, hat Rattle vor kurzem angekündigt, dass in fünf Jahren Schluss ist. Damit ist dem 1994 von der englischen Queen geadelten Sir Simon ein wahrhaft ritterlicher Abschied geglückt: Er gibt dem Orchester die Zeit, die Nachfolge zu regeln. Sich selbst nimmt Rattle die Zeit, mit den Berlinern neue Klangwelten zu entdecken. Dass er dazu in der Lage ist, hat ihm nicht nur Lob eingebracht.


Lizenz: EMI Classics
Sir Simon Rattle (Foto: Mat Hennek)

Immer wieder monierten die Traditionalisten, dass ein Chefdirigent der ehrwürdigen Berliner Philharmoniker vor allem Beethoven und Brahms, Bruckner und Wagner beherrschen müsse, anstatt Benjamin Britten zu dirigieren (siehe mp3-Download) oder noch neumodischeres Zeugs zu Gehör zu bringen, wie es beispielsweise György Ligeti zu Notenpapier gebracht habe. Solche Stimmen verkennen, dass Rattle mit den Berliner Philharmonikern viel mehr erreicht hat als ein verkürzendes Entweder/Oder zwischen klassischer und zeitgenössischer Musik. Dass er die Klassik und Romantik bewältigt, hat er in den Klavierkonzerten mit Mitsuko Uchida und den Bruckner-Einspielungen eindrucksvoll bewiesen. Mit Mahler schlägt Rattle musikalisch die Brücke zur Gegenwart. Aber er kann mehr, als Partituren in Musik umzusetzen, um den erfahrenen Konzertbesuchern gerecht zu werden. Seine vielleicht größte Leistung liegt darin, auch jüngere Menschen für die Musik zu gewinnen.

In den kostenlosen Lunchkonzerten erreichen Rattle und seine Philharmoniker die Neugierigen, die nicht gleich beim ersten Besuch der Philharmonie für ihre Konzertkarten bezahlen wollen. Mit dem Education-Programm der Berliner Philharmoniker trägt Rattle den Zauber von Klang und Bewegung in Berliner Schulen. Im groß angelegten Projekt Rhythm is it haben 250 Jugendliche gelernt, zu Igor Strawinskys Ballett


'Le Sacre de Printemps' (Die Frühlingsweihe') zu tanzen.  Aber auch die Probenarbeit mit Nachwuchsmusikern liegt Rattle am Herzen (siehe Clip). Selbst für Nachtschwärmer, für die Musik nicht nur gut klingen, sondern auch ansprechend inszeniert sein muss  hat Sir Simon mit den unverkrampften 'Late Night'-Konzerten ein spannendes Format erfolgreich eingeführt. Von einer zunehmenden Ideenlosigkeit - auch das ein manchmal geäußerter Vorwurf - kann also keine Rede sein. Im Gegenteil. Rattle ist nach wie vor voller Schaffenskraft und man darf gespannt sein, was er in den kommenden fünf Jahren ins Werk setzt. Heute, am 19. Januar, feiert Sir Simon seinen 58 Geburtstag - herzlichen Glückwunsch! 

Dirigenten Biografien

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Mitsuko Uchida: Die Virtuosin

Mitsuko Uchida Biografie
Zur Wiederverwendung gekennzeichnet unter https://c2.staticflickr.com/8/7329/11056579484_3850343c03_b.jpg

Beethoven und Mozart gehören zu ihren frühesten Freunden: Mitsuko Uchida. Geboren ist die Diplomatentochter in Tokio. Schon im Kindergarten haben sie die weißen und schwarzen Tasten der Klaviatur mehr gereitzt als bunte Bauklötzchen.  Als ihr Vater nach Wien versetzt wird, tut ihr Herz einen wahren Freudensprung: In der Wahlheimat der großen Klassiker fühlt sich Uchida rasch wohl: Mit 14 konzertiert sie im Wiener Musikverein, bald darauf ist ihr Klavierspiel preisgekrönt (Wiener Beethoven-Wettbewerb, internationaler Chopin-Wettbewerb). Uchida ist nun entschlossen, Pianistin zu werden.


Obwohl ihr Vater bald nach Köln versetzt wird, bleibt Mitsuko Uchida in Wien bei Beethoven und Mozart. Noch heute, nach einem halben Jahrhundert in den Konzertsälen der Welt, gilt ihre Liebe den beiden Wiener Meistern. Mit den Berliner Philharmonikern und Sir Simon Rattle hat sie vor nicht allzulanger Zeit sämtliche Beethoven-Konzerte eingespielt (siehe Clip aus der Digital Concert Hall) und aktuell hat sie zwei Mozart-Konzerte mit dem Cleveland Orchestra eingespielt (siehe mp3-Box). Heute feiert Mitsuko Uchida ihren 64. Geburtstag - herzlichen Glückwunsch!

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György Ligeti: Der Komponist des Makabren

Lizenz: Schott Music
Györgi Ligeti (Foto: H. J. Kropp)

Er war der Meister der makaberen Musik: György Ligeti. 1923 in eine rumänisch-jüdische Familie geboren, hat Ligeti früh erfahren, wozu Menschen fähig sind: Seine Mutter überlebt Auschwitz nur knapp, Vater und Bruder verlieren in den Vernichtslagern der Nazis ihr Leben. Ligeti selbst entkommt gleich mehrfach aus russischer Kriegsgefangenschaft und flüchtet sich in die Musik. In Budapest lehrt er Harmonielehre, Kontrapunkt und Musikanalyse. Doch schon zehn Jahre später ist Ligeti wieder auf der Flucht: Der gewaltsam niedergeschlagene ungarische Volksaufstand vertreibt ihn aus der einen in die nächste Donaumetropole, nach Wien. Dort verarbeitet er seine düsteren Erlebnisse in die makabere Musik, die ihn in den Rang eines der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts hebt. Nicht, indem er das Geschwätz der vermeintlichen Glücklichmacher vertont: "Silence is golden", zischt die schöne Sopranistin im Geheimpolizei-Mantel in den 'Mysteries of the Macbre' (siehe Clip). "What are you talking about?", schreit der Dirigent der Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle. Mit zunehmendem Alter verzichtet Ligeti dann aber darauf, seine Interpreten für sich sprechen zu lassen und selbst vornehm zu schweigen. Jetzt ergreift er selbst das Wort: „Verstehen Sie, was Sloterdijk sagt? Schaum! Nichts! Ich halte nichts von diesen Schwätzern und Pseudowissenschaftlern." Nein, Ligeti glaubt nicht an die hohlen Worte weiser Welterklärer. Und nein, Ligeti gibt nicht vor, selbst eine frohe Botschaft zu verkünden - er hat auch keine. Stattdessen hat er die Fratze der menschlichen Abgründe zu zeigen, in die er geblickt hat - Botschaft genug. Heute, am 28. Mai, wäre Györgyi Ligeti 89 Jahre alt geworden.

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Arthur Rubinstein: Der Pianist

Beide Fotos: Lizenz Gemeinfrei
Beide Fotos: Lizenz Gemeinfrei
A. Rubinstein, Foto:  photo©ErlingMandelmann.ch, Lizenz: CC-BY-SA-3.0
A. Rubinstein, Foto: photo©ErlingMandelmann.ch, Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Er liebte Campagner und lebte Chopin: Arthur Rubinstein. Damit eroberte der geborene Charmeur nicht nur die Frauenherzen sondern auch den musikalischen Olymp. In Paris und in der Carnegie Hall jubelten die Musikliebhaber dem polnischen Klaviervirtuosen zu. Selbst das sonst eher zurückhaltende polnische Publikum feierte seinen Helden mit stehenden Ovationen. Dabei war der Lebemann Rubinstein beileibe kein Fleißmusiker. Für's Üben hatte er ganz im Gegenteil eher wenig übrig. Einmal scherzte er, er habe nur deshalb Klavier gelernt, weil man dieses Instrument so schlecht mit sich herumtragen und deshalb notgedrungen auch weniger üben könne. Eigentlich wollte Rubinstein zeitlebens nur spielen, am liebsten Chopin (siehe Clip). Am 20. Dezember 1982 ist er gestorben - heute vor 29 Jahren.

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Johann Strauß Vater: Der Walzerkönig

Johann Strauß (Vater), Lizenz: Gemeinfrei
Johann Strauß (Vater), Lizenz: Gemeinfrei

Der Radetzkymarsch ist sein Vermächtnis. Traditionell beschließen die Wiener Philharmoniker mit diesem Werk von Johann Strauß ihr Neujahrskonzert (im Video unter Leitung von Claudio Abbado). Kaum einer weiß, dass es sich dabei gar nicht um den weltberühmten Walzerkönigs handelt, sondern um seinen Vater. Dieser Vater hat es früh geahnt: Der kleine Johann darf nicht auch Geige lernen, sonst passiert ein Unglück. Und tatsächlich: Kaum dass der Sohn im Wiener Café Dommayer erstmals aufspielt, beginnt des Vaters Stern zu sinken. Zum Glück hat der Ältere nicht mehr erleben müssen, wie die Nachwelt den zweiten zum einzigen Johann Strauß verklärt hat, denn am 25. September ist der Vater gestorben - heute vor 186 Jahren.

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