Edvard Munch: Der melancholische Maler

Edvard Munchs Gemälde und Selbstportraits sind weltberühmt. Eine Biografie zeigt die Lebensgeschichte hinter der Leinwand.

Edvard Munch im Biografien-Blog
© Munch Museum / Munch-­‐Ellingsen Group / BONO, Oslo 2013 Photo: © Børre Høstland, National Museum

Der Schrei ist eine gemalte Autobiografie des norwegischen Künstlers Edvard Munch. Das weltberühmte Gemälde zeigt grelle Farben und schwungvolle Wendungen, skandinavische Fjorde und abendliche Melancholie, panische Angst und tiefe Verzweiflung. Eine neue Biografie stellt den Menschen hinter dem Maler Munch in Worten vor - aber kaum weniger eindringlich. 

Die Lebensgeschichte

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Edvard Munch wird im Dezember 1863 geboren. Die dunklen Seiten des Lebens lernt er früh kennen. Fünf Jahre ist er alt, als die Mutter stirbt. Ihre Schwester, Tante Karen, kümmert sich um Edvard und dessen Familie. Ihrem Engagement verdankt Edvard den bitter notwendigen Halt in seinem noch jungen Leben. Denn wenig später verliert er auch noch seine geliebte Schwester. Das wird sein späteres künstlerisches Schaffen prägen. Der Vater, ein Mediziner, erkennt wie Tante Karen, was in seinem Jungen steckt und schickt ihn zum Zeichenunterricht - so wie auch Picasso von seinem Vater gefördert wird. 

© Munch Museum / Munch-­‐Ellingsen Group / BONO, Oslo 2013 Photo: © Munch Museum
© Munch Museum / Munch-­‐Ellingsen Group / BONO, Oslo 2013 Photo: © Munch Museum

Ganz ähnlich wie der etwas jüngere Picasso nutzt Munch die akademische Ausbildung dazu, sich radikal von Allem abzuwenden, was die klassische Kunstwelt bislang gesehen hat. Seine Motive malt ein braver Maler nicht. Sie so düster und verstörend wie seine eigene Jugend. Das kranke Kind ist eines der ersten Bilder, in denen Munch sein emotionsgeladenes Schaffen kompromisslos ins Werk setzt. Wie der Schrei lässt ihn auch das kranke Kind (seine sterbende Schwester) nicht los - er malt es immer wieder.

Wie sehr Munch, der in seinen ausdrucksstarken Werken allmählich zum Meister des Expressionismus heranreift, Gefangener seiner eigenen Gefühle ist, zeigt sich in seinen Selbstporträts. Im Laufe seines Künstlerlebens haucht er ihnen immer wieder die schwankenden Stimmungen ein, in denen sie entstehen. Die Selbstportäts erlauben ungeschminkte Einblicke in die geschundene Seele eines melacholischen Künstlers. Denn Munch ist psychisch labil.  Er durchlebt euphorische wie depressive Phasen, die ihn nicht nur zum Alkohol verleiten, sondern auch psychologische Behandlungen erfordern.

Edvard Munch
Lizenziert unter Gemeinfrei

Seiner Kunst schadet das nicht: Selbst in hoffnungsloser Niedergeschlagenheit führt das Genie für Edvard Munch den Pinsel. Die rabiate Zurschaustellung menschlicher Empfindungen stößt seine Zeitgenossen ab - und zieht sie an. Denn irritierende Bilder sind reizvoll und finden immer wieder die nötigen Förderer. Als die Öffentlichkeit entdeckt, das hinter den schrägen Gemälden ein noch schrägerer Typ steckt, da ist der Durchbruch fast ein Selbstläufer. Irgendwann aber wird es selbst dem Fürsprecher der ausdrucksstarken Farben zu bunt. Munch zieht sich zusehends zurück, um in Ruhe zu malen.

Die Rezension

Es ist nicht immer leicht, sich auf innerlich zerrissene Menschen einzulassen. Edvard Munchs Bilder verraten Emotionen, aber nicht deren Ursachen. Diese wertvollen Ergänzen sind Aufgabe des Biografen. Atle Naess hat diese Aufgabe glänzend bewältigt: Er vollzieht Monat für Monat und Jahr für Jahr Munchs seelisches Befinden nach. Das könnte eine Ochsentour sein (für Autor wie Leser) und der voluminöse Umfang des Buches deutet auch darauf hin. Aber weit gefehlt. Munchs Lebensgeschichte ist fundiert recherchiert und ansprechend aufbereitet. Zwar ist diese Biografie kein rasanter Lebensthriller, sondern eher ein Bericht. Die Spannung wird aber hoch gehalten, weil Atle Naess den Zugang zu Munchs Psyche gefunden hat und profund hindurchführt. Dabei verzichtet er dankenswerterweise auf pseudo-psychoanalytische Botschaften und überlässt dem Leser ein eigenes Urteil. Dieses Buch führt zu Munch, ohne ihn in konstruierter Weise zu überführen.

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Käthe Kollwitz: Kunst und Krieg

Ihre tragische Lebensgeschichte prägt ihr Lebenswerk. Die bildende Künstlerin Käthe Kollwitz gibt dem Grauen Gestalt. 

Foto: AkkonTG - Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0
Foto: AkkonTG - Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0

Käthe Kollwitz ist ein tragisches Genie. Ihre künstlerische Größe als eine der bedeutendsten Grafikerinnen und Bildhauerin des 20. Jahrhunderts erwächst aus dramatischen persönlichen Schicksalsschlägen: In ihren eindrucksvollen Plastiken und Skulpturen verarbeitet sie den Soldatentod ihres Sohnes Peter und die Schrecken des Zeitalters der beiden Weltkriege, die sie prägen. Eine neue Biografie zeigt, wie eng Lebensgeschichte und Lebenswerk von Käthe Kollwitz miteinander verwoben sind.

Käthe Kollwitz Biografie

Eigentlich fängt alles ganz frohgemut an: Käthe Kollwitz ist eine der neuen Frauen, die an der Jahrhundertwende ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Schon sehr früh weiß sie, was sie will und  sie weiß auch, wie sie es bekommen kann: "Ich konnte brüllen, dass es unerträglich war", vertraut die spätere Künstlerin von Weltrang ihrem Tagebuch an, "einmal erschien sogar der Nachtwächter, um nachzusehen." Das sagt viel aus über die Zeit, in der Kollwitz aufgewachsen ist. Noch achtet man auf Ruhe und Ordnung. Es ist die Ruhe vor einem Jahrhundersturm.


Geboren ist sie 1867 in Königsberg, dort wo sei Jahrhunderten die preußischen Könige gekrönt werden. Unter preußischer Führung kämpft sich Deutschland in diesen Jahren seiner nationalstaatlichen Einigung entgegen. Die darauffolgenden vier Jahrzehnte des Friedens, der boomenden Wirtschaft und des wachsenden Wohlstandes sind auch für Kollwitz gute Jahre: Sie will unbedingt Künstlerin werden, schafft es an die Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen, studiert dort erfolgreich, sie pflegt Umgang mit berühmten Denkern und schwärmt für vor allem für den Schriftsteller Gerhard Hauptmann. Sein Drama Die Weber inspiriert sie zu einer eigenen Lithographie. Schon diese ersten künstlerischen Ausrufezeichen sind von düsterer Melancholie durchzogen. In ihrem anderen Leben heiratet Käthe Kollwitz einen Arzt. Die große Liebe ist es wohl nicht, was sie mit Karl verbindet; eher sind es die beiden Söhne. Trotzdem: Man achtet und respektiert sich.

Foto: Robert Sennecke (1885-1940) - Österreichische Nationalbibliothek, Objekt #80802. Lizenz: Bild-PD-alt
Foto: Robert Sennecke (1885-1940) - Österreichische Nationalbibliothek, Objekt #80802. Lizenz: Bild-PD-alt

Dann zieht Europa mit fröhlichem Hurra in den Ersten Weltkrieg. Wie sie so viele Künstler lässt sie sich von Begeisterung anstecken. Ihr Sohn Peter ist noch nicht volljährig und bittet darum, sich freiwillig melden zu dürfen. Käthe Kollwitz überredet den Vater um die nötige schriftliche Erlaubnis. Der Wisch ist ein vorgezogenes Todesurteil. Peter fällt schon in den ersten Kriegstagen. Das Werk der Kollwitz hatte sich schon bis dahin mit menschlichem Leiden befasst. Jetzt wird sie zur Kriegskünstlerin, die ihren eigenen Schmerz in ihrem Schaffen verewigt. Vorbei ist es mit der Hoffnung, die ausnahmsweise nicht zuletzt stirbt. Käthe Kollwitz überlebt sie um einen weiteren Weltkrieg. Ende 1945 stirbt sie gebrochen, vereinsamt und verarmt im völlig ausgebombten Dresden.  

Biografie-Besprechung

Künstlerbiografien sind schwierige Angelegenheiten. Entweder werden sie Kunsthistorikern oder entsprechenden Fachleuten vorgelegt. Dann kommt nicht selten eine hochspezialisierte Werkgeschichte heraus. Das ist hier nicht der Fall. Die Biografien Sonya und Yury Winterberg sind profunde Zeitgeschichtler. Sie wissen um historische Zusammenhänge kennen die wichtigsten Zeitgenossen. Eine solche Biografie könnte dann beispielsweise heißen: Käthe Kollwitz in ihrer Zeit. Das wäre ein guter, weil passender Untertitel gewesen. Pointiert wird hier eine Parallelgeschichte erzählt: Käthe Kollwitz' Werdegang sowie Aufstieg und Fall des Deutschen Reiches. Der Untertitel "Die Biografie" ist  dagegen zu hoch gehängt: Dafür wird das künsterische Schaffen zu wenig erklärt und kommentiert. Man hätte sich beispielsweise gewünscht, mehr Hintgergründe über Techniken und Arbeitsstil von Käthe Kollwitz zu erfahren. Gleichwohl ist das Buch seine Lektüre wert, weil es einen wertvollen Beitrag zur Erinnerungskultur an das Zeitalter der Weltkriege leistet.

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Ali Mitgutsch: Der Wimmelbild-Zeichner

Wimmelbuchautor Ali Mitgutsch hat eine Kriegskindheit erlebt. Seine fröhlichen Suchbilder sind stärker als Angst und Sorgen.

Ali Mitgutsch
Foto: Anja Köhler / Ravensburger

Er lässt es wimmeln: Ali Mitgutsch. In diesem Jahr hat der berühmte Zeichner und Erfinder der großformatigen Wimmelbilder seinen 80. Geburtstag gefeiert. Seine Bücher sind gewissermaßen ewig jung. Seit 1968 erfreuen sich kleine und große Kinder an den Suchbildern mit unzähligen Alltagsszenen. Mitgutsch selbst geht es ein bisschen wie seinen Büchern - seinen jugendlichen Charme hat er bis heute behalten: "Meine Kindheit war zwar unwiderruflich vorbei, aber sie war nicht verloren", erzählt Mitgutsch. "Sie beschäftigte mich mein ganzes Leben lang, sie wurde meine Berufung." Wie gut also, dass Ali Mitgutsch nun seine Kindheitserinnerungen vorgelegt hat. Ein Blick hinein:

Ali Mitgutsch Biografie

Klick auf's Cover: Direkt zum Verlag
Klick auf's Cover: Direkt zum Verlag

Ali Mitgutsch gehört zu der gebeutelten Generation von Kinderbuchautoren, deren eigene Jugend vom Zweiten Weltkrieg geprägt ist. Geboren 1935 ist er etwas jünger als Michael Ende und  Otfried Preußler und ein Jahr älter als Christine Nöstlinger. Wer also eine glückliche Kindheitsgeschichte voller Rummelplatz- und Schwimmbadbildchen erwartet, wird enttäuscht. Ali Mitgutsch hat seinen Bruder Ludwig im Krieg verloren und in einem Elternhaus gelebt, das dem Nationalsozialismus nicht nur abweisend gegenüberstand. Er hat die angsterfüllten Bombennächte erlebt, wurde aus München evakuiert und bei einem entfernt verwandten Pfarrer untergebracht, der Nächstenliebe nicht gerade gelebt hat. Selbst die Idee zu den Wimmelbüchern hat militärische Wurzeln. Im Nachkriegsmünchen kann er von einem Jahrmarkts-Riesenrad in die Kulissen einer Schaustellerbude herabsehen, in der eine hektische Schlachtenszene nachgestellt ist. Der Blick aus der Vogelperspektive prägt sein künstlerisches Selbstverständnis: "Sie wurde die Perspektive all meiner Wimmelbilder." Dass Ali merkwürdige Männchen zeichnet und sogar an der Graphischen Akademie Künstler werden will, passt vor allem seiner Mutter gar nicht. Sie fragt sich, "was müssen das für Leute sein, die sowas malen können, grüne Gesichter und diese krummen Figuren und die Nase auf der Seite, was müssen die krank sein, und jetzt, jetzt will mein eigener Sohn ... jetzt will der sowas machen ...!" Hätte sie gewusst, dass es schon die Alten Meister wie Pieter Bruegel haben ordentlichen wimmeln lassen, und hätten die Nationalsozialsten nicht dauernd alles Moderne als "entartete Kunst" diffamiert,  vielleicht hätte sie anders gedacht...

Pieter Bruegel (1525-1569) lässt es wimmeln (Lizenzen  gemeinfrei)
Pieter Bruegel (1525-1569) lässt es wimmeln (Lizenzen gemeinfrei)

Buchbesprechung

Meine ältere Tochter Helena wimmelt genauso gerne wie ich vor 30 Jahren - hier auf der Buchmesse am Ravensburger-Stand.
Meine ältere Tochter Helena wimmelt genauso gerne wie ich vor 30 Jahren - hier auf der Buchmesse am Ravensburger-Stand.

Mitgutschs Kindheitserinnerungen sind keine Gute-Nacht-Geschichten. Sie erzählen nicht nur von schönen und glücklichen Momenten (aber auch von ihnen), sondern von schweren Stunden und vom Heranwachsen im Ausnahmezustand. Dass sich diese Memoiren flüssig und gut, manchmal sogar dramatisch lesen ist dem Koautor Ingmar Gregorzewski zu verdanken, der auch Tatort-Drehbücher schreibt. Für großgewordene Kinder, die mit Ali Mitgutschs Wimmelbüchern aufgewachsen sind und jetzt mit ihren eigenen Kindern über seinen Suchbildern brüten, ist die Autobiografie eine aufschlussreiche Lektüre. Denn von Mitgutsch können wir heute lernen, der Terror-Alltag nicht aufs kindliche Gemüt schlagen muss und dass fröhliche Figuren Sorgen und Ängste besser vertreiben können, als Panikmache und Misstrauen.

Kinder- und Jugendbuchautoren im Biografien-Blog:

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Franz Marc: Auf blauen Pferden in den Großen Krieg

Der expressionistische Maler Franz Marc ist in den Ersten Weltkrieg gezogen und nicht zurückgekehrt

Lizenziert unter Gemeinfrei
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 Er ist einer der kämpfenden Künstler: Franz Marc kämpft erst mit sich, dann mit den Frauen, schließlich im Ersten Weltkrieg. Dabei ist er eigentlich ein sanftmütiger Mensch, der gerne Tiere in allen bunten Farben des Lebens malt - am liebsten liebsten blaue Pferde. "Der blaue Reiter", diese Leinwand-Seilschaft von Wassiliy Kandinsky und Franz Marc, bezwingt die ersten die noch unbekannten Gipfel des Expressionismus. Eine neue Biografie zeigt nicht nur den selbstbewussten Besserwisser Franz Marc, sondern auch den in sich gekehrten Zweifler, dessen Prinzipien und Überzeugungen spätestens im Großen Krieg zerschmettert werden. Dieses Schicksal bleibt auch Marc selbst nicht erspart.  Eine Granate beendet sein Leben nach nur 36 Jahren in der Knochenmühle vor Verdun.

Brigitte Roßbeck

Franz Marc

Die Träume und das Leben

Erschienen bei Siedler im Februar 2015. 352 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,99-. Euro. Leseprobe und weitere Features im Menu auf auf dem Cover (links oben).


Biografie Franz Marc

Lizensiert unter Gemeinfrei
Lizensiert unter Gemeinfrei

Franz Marc muss sich das Leben bunt malen, um es zu ertragen. Bis kurz vor seinem Lebensende kommt er nur schwer über die Runden. Das, was er malt, passt so gar nicht zu den weichen und verschwommenen Tupfer-Bilder der Impressionisten, die gerade en vogue sind. Marcs knallige Farben und seine Motive (Nutz- und Haustiere) und seine Techniken, die harte Strukturen naturalistischer Präzision vorzieht, werden vom Publikum nicht verstanden und abgelehnt. Umso dogmatischer besteht er auf seiner eigenen Art zu malen - zumindest nach außen. Tief im Inneren ist Marc in beinahe jeder Lebenslage unsicher und jedenfalls kaum entscheidungsfreudig. Er zerschneidet und übermalt seine Bilder, weil er sich leicht von äußeren Einflüssen manipulieren und sogar entmutigen lässt. Auch Marie, Maria und Annette leiden unter Marcs Wankelmütigkeit, denn auch zwischen diesen drei Frauen schwankt er lange, ohne sich festlegen zu wollen.

Lizensiert unter Gemeinfrei
Lizensiert unter Gemeinfrei

Trost und Zuflucht findet er in der Philosophie der Stärke bei Friedrich Nietzsche. Der Fortschritt wird zur Obsession. Der Muff muss weg - und das reinigende Gewitter des Krieges wird ihn schon wegspülen. Als die 1914 Welt ins Feld zieht und Schützengräben aushebt, stellt sich gerade der Erfolg ein. Marc hat es geschafft, auch weil sich zwischenzeitlich starke Verbündete wie August Macke, Wassily Kandinsky und Gabriele Münter gefunden haben. Für Marc kommt der Durchbruch zu spät. Er sattelt seine blauen Pferde und zieht in den Krieg. Es ist ein Ausritt ohne Wiederkehr. 

Die Buchbesprechung

Brigitte Roßbeck ist eine ausgewiesene Marc-Kennerin. Sie hat bereits vor einiger Zeit ein biografisches Buch über ihn und seine zweite Frau Maria geschrieben. Ein bisschen entsteht der Eindruck, dass sich Brigitte Roßbeck dafür rechtfertigen müsse, warum sie nun abermals ein umfangreiches Buch vorlegt. In einer editorischen Notiz legt sie die wichtigsten neuen Erkenntnisse offen, es sind aber eher biografische Randnotizen und Delikatessen für Fans. Dennoch liegt der Wert der neuen Biografie gar nicht so sehr in den Neuigkeiten, sondern vielmehr in der gut lesbaren Darstellung der Zerissenheit Franz Marcs zwischen künstlerischer Gewissheit und den Selbstzweifeln des Perfektionisten. Außerdem ist es in der Fülle der Literatur zum Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren eine spannende Perspektive, von den gesellschaftlichen, politischen und militärischen Herausforderungen auch die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Krieg in biografischer Sicht zu sehen.

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Fracoise Gilot: Die malende Drama-Queen

Francoise Gilot hat Pablo Picasso verlassen. Ganz von ihm losgekommen ist sie trotzdem nie. Ein Blick in ihre Biografie. 

Zur Wiederverwendung gekennzeichnet von https://www.flickr.com/photos/centralasian/5584023466
Zur Wiederverwendung gekennzeichnet von https://www.flickr.com/photos/centralasian/5584023466

Pablo Picassos stechender Blick fixiert Francoise Gilot. „Die Gegenwart hat immer den Vorrang vor der Vergangenheit“, sagt er zu dem bildhübschen und blutjungen Mädchen, für das er gerade eine andere Frau verlassen hat. „Das ist ein Triumph für dich.“ Für Francoise Gilot ist die Beziehung mit dem Jahrhundertkünstler aber etwas ganz anderes: Sie sucht und findet ein Abenteuer. Spannende Abenteuer sind das Lebenselixier einer Frau, die damit mittlerweile über neunzig Jahre gut fährt. „Wenn du wirklich leben willst“, erklärt sie ihrem fünfzig Jahre jüngeren Biografien Malte Herwig, „musst du etwas Dramatisches riskieren, sonst lohnt sich das Leben nicht.“

Biografie Francoise Gilot

Das Abenteuer Picasso dauert allerdings länger als die Liebe zu ihm. Francoise schießt ihn nach zehn Jahren ab, sie ist die einzige seiner vielen Frauen, die ihn verlässt. Aber ganz wird sie Picasso nie wieder los in ihrem Abenteuer des Lebens. Francoise, geboren 1921, ist Malerin. Das war sie schon, ehe sie Picasso kennenlernte, und das ist sie bis heute. Seit 75 steht sie jeden Morgen mit dem Bedürfnis auf, noch im Pyjama an die Leinwand zu gehen. Entsprechend umfangreich ist ihr Werk. Tausende von Bildern und Zeichnungen hat sie geschaffen. Ironie des Künstlerschicksals: Für sie, die in Dramen den Kick findet, hält das Leben ein besonderes Drama bereit: Francoise Gilot gibt es nur, weil es Picasso gibt. Das heißt nicht, dass sie nicht auch ohne den wichtigsten Maler der Kunstgeschichte groß herausgekommen wäre (immerhin hängen ihre Bilder auch in renommierten Kunstmuseen (zum Beispiel im Museum of Modern Art in New York). Aber weil sie an seiner Seite in die große Öffentlichkeit getreten ist, wird sein Schatten nicht wieder von ihrer Seite weichen. Insofern trifft der Untertitel "Francoise Gilot über ihr Leben mit und ohne Picasso" nicht ganz: mit und nach Picasso wäre ehrlicher.

Buchbesprechung

Die Gilot-Biografie von Malte Herwig passt perfekt ins moderne und junge Verlagsprogramm von Ankerherz: "Das Leben ist spannend!“ Das Buch selbst ist nicht immer so spannend. Das liegt daran, dass viele Passagen wörtlich aus dem ersten Gilot-Buch "Leben mit Picasso" übernommen worden sind - einmal sogar ein ganzes Kapitel ("Die Frauenblume"). Das wäre gar nicht nötig gewesen, denn Francoise Gilot scheint in den Gesprächen mit ihrem Biografien lebendig und energisch aus ihrem Leben berichtet zu haben. Malte Herwig versteht es auch, ihre quirlige und fröhliche Art an seine Leserinnen und Leser weiterzureichen. Man sitzt geradezu mit am Tisch, wenn Gilot ihm klagt, sie sei des Lebens überdrüssig. Als er dann vorsichtig nachhakt, wie das mit ihrem ungebrochenen Schaffensdrang vereinbar sei, gibt sie sich empört: "Ich habe gesagt, dass mir das Leben zum Hals heraushängt, nicht die Malerei!" Auch das ist gut eingefangen. Mit eindrucksvollen Fotografien der späten Gilot und Abbildungen ihrer Werke ist das Buch von Ana Lessing ansprechend und auflockernd illustriert.  

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Pablo Picasso: Nachtvögel unter sich

Pablo Picasso hat Eulen gehegt, gepflegt und (meistens nachts) gemalt. Eine neue Biografie über Picasso und die Tiere...

Alle drei Picasso-Portraits lizensiert unter Gemeinfrei
Alle drei Picasso-Portraits lizensiert unter Gemeinfrei

Er war der Jahrhundertmaler: Pablo Picasso (1881-1973). Bekannt haben ihn seine blaue und rosafarbene Phase gemacht, der Durchbruch ist ihm ist er mit seinen kubistischen Bildern geglückt und zum Weltruhm hat er es spätestens mit seinem monumentalen Antikriegsgemälde Guernica gebracht. Lebenslang hat er immer wieder Tiere gemalt: der kleine Pablo Tauben und Stiere, der große Picasso Ziegen und Eulen. Eine neue und reichlich bebilderte Biografie berichtet über Picassos Tiere. Keine Frage, dass das Eulengezwitscher diesem Eulenfreund über die Schulter blickt...

Boris Friedewald

Die Tiere von Picasso

Erschienen bei Prestel im November 2014. 144 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 16,95-. Euro. Leseprobe und weitere Features im Menu finden sich im Menü auf dem Cover (links oben).


Biografie Picasso

Seit Pablo Picasso malen kann, malt er Tiere. Die ersten Versuche leitet sein Vater an, ein Kunstlehrer, der ganz in den klassischen Maltechniken stecken geblieben ist und fast nur Tauben malt. Und so flattern bei Picassos zuhause überall Tauben herum. Beim traditionellen Stierkampf findet Picasso sein zweites Tiermotiv: Die mächtigen Bullen, die den Torreros die Hörner bieten. Wie sein Vater macht sich Pablo mit dem akademischen Malstil vertraut - aber anders als er geht er schon bald darüber hinaus. Über Madrid und Barcelona zieht es ihn nach Paris, dem Zentrum der künsterischen Avantgarde der Jahrhundertwende. Zwar trägt er fast kein Geld mehr bei sich, als er auf dem Montmatre, dem berühmten Pariser Bohéme-Berg ankommt, dafür umso mehr Ideen. Er bannt seine elendigen Lebensbedingungen in tristen Blautönen auf seine Leinwände, und dann seinen Lebensmut auf rosafarbene Bilder von Zirkusgestalten. Schließlich gelingt ihm der Durchbruch mit einem verrückten Bild von Prostituierten, die merkwürdig gewürfelt aus der Wäsche schauen. Der Kubismus ist erfunden. Von nun an wächst Picassos Ruhm (und auch die Zahl seiner Geliebten). Weltbekannt wird sein Schreckensbild Guernica, das die Grauen des spanischen Bürgerkriegs anprangert.

Buchbesprechung

Lebenslang malt Picasso Tiere. Diesen Aspekt seines Lebenswerk greift Boris Friedewald in seiner exzellent gemachten Bildbiografie heraus. In Kapiteln, die sich jeweils bestimmten Tiermotiven widmen, werden Tauben und Stiere, Hunde und Katzen, Affen und Pferde, Ziegen und Fische und natürlich Eulen so vorgestellt, wie sie Picasso gesehen hat. Beinahe (aber eben nur beinahe) nebenbei erzählt Friedewald erzählt anekdotisch die ganze Lebensgeschichte des Ausnahmemalers. Dass Picasso nicht nur vom würdevollen Habitus der Eulen begeistert ist, sondern auch ihren Lärm und ihren Dreck ausgehalten hat; dass er ganze Nächte unter den wachsamen Augen seiner Hauseule gemalt hat; dass ihm die Eule auf der Schulter sitzt und er ihren Ruf imitiert - das alles berichtet und bebildert Friedewald in einnehmender Weise. Dafür braucht er gut 140 Seiten in kleinem Format und vergisst auch eine Lebenschronik nicht. Alles in allem also ein wirkliches empfehlenswertes Büchlein für Picasso-, Biografien- und Eulenliebhaber...

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Barbara Salesch: Anfängerin aus Leidenschaft

Barbara Salesch spricht über ihr Leben voller Wendungen

Barbara Salesch im Gespräch mit Jana Brechlin
Barbara Salesch im Gespräch mit Jana Brechlin

Diese Frau ist ein echtes Energiebündel: Der Auftritt von Barbara Salesch in der Autorenarena  der Leipziger Volkszeitung entspricht ganz ihrer Erscheinung: Wuchtig ist er wie ihre Statur, feurig wie ihre roten Haare, keck wie ihre funkelnden Augen,  lässig wie das weite Gewand, das sie trägt und bunt wie der Schal den sie trägt. Das Eulengezwitscher hat die Vorstellung ihrer Autobiografie "Ich liebe die Anfänge" besucht: Mit ihrem lebensbejahenden Optimismus macht Barabara Salesch auf der Buchmesse vor allem eines: Lust auf Veränderung.

Barbara Salesch

Ich liebe die Anfänge!

Von der Lust auf Veränderung

Erschienen bei Fischer Krüger im März 2014. 256 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 18,99 €.


Zugegeben: Dieser Termin war nicht geplant. Nach einem langen Messetag mit vielen guten Gesprächen und Eindrücken habe ich eigentlich nur ein Plätzchen gesucht, um etwas auszuruhen. Gefunden habe ich die Autorenarena der Leipziger Volkszeitung. Dort also überrascht mich Barbara Salesch. Zwar weiß ich nicht viel von ihr, aber ich hege auch keine großen Erwartungen. Was kann man auch von einer Vorsitzenden Richterin erwarten, die am Landgericht ihre Zelte abbricht, um im privaten Nachmittagsprogramm in einer Gerichtsshow mit mittelmäßigen Laiendarstellern künstlich dramatisierte Strafrechtsfälle zu verhandeln? Nicht viel, möchte man meinen - und das ist ein Irrtum. Man darf zuallererst eine professionelle Repräsentantin unseres Rechtsstaats erwarten, die ihre Rolle als Richterin nach wie vor sehr ernst nimmt und sich in kollegialer Zurückhaltung nicht zum Fall Hoeneß äußert (obwohl der Urteilsspruch nur wenige Stunden alt ist). Dann darf man eine quietschfröhliche  Powerfrau erwarten, deren realistischer Riecher für die Quote trotzdem Raum für eine gesunde Selbstironie lässt: "Die Leute wollen eben Blut sehen", sagt Barbara Salesch zu ihrer TV-Gerichtsshow , "es muss tropfen." 

Man darf drittens eine engagierte Mutmacherin erwarten, die Frauen ermuntert, sich im Job selbstbewusster zu geben und nicht jedes spannende Angebot den Männern zu überlassen (dazu der Audioclip). Vor allem aber darf man eine Anfängerin aus Leidenschaft erwarten: Barbara Salesch empfindet ihr Leben voller Wendungen (beruflich wie persönlich) keineswegs als gebrochene Biografie. Im Gegenteil: Ihr Lebenskonzept besteht geradezu darin, immer wieder neue Anfänge zu wagen. Nach zwölf Jahren als TV-Richterin hat sie die Säge mit zum Set genommen und ihr Pult zu Kleinholz gemacht.


Seither widmet sie sich der Kunst. Im eigenen Atelier und in der Galerie Barbara Salesch arbeitet sie jetzt als Malerin und Bildhauerin und erfüllt sich damit einen lang gehegten Wunsch.

Ihre Autobiografie "Ich liebe die Anfänge!" hat sie quasi nebenher geschrieben. Es scheint, als ziehe Barbara Salesch ihre Energie und Kreativität gerade aus den vielen Veränderungen, in die sie sich stürzt. Ihre Lust auf Veränderung jedenfalls ist ansteckend...

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Jim Rakete: Der VIP-Fotograf

Smalltown Boy. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Smalltown Boy. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Das Eulengezwitscher reiht sich ein in das fröhliche Böllern der traditionellen Silvesterfeuerwerke und begrüßt das neue Jahr mit einem Rakete. Einem Rakete? Ganz richtig! Dieser Rakete hört auf den Namen Jim und fotografiert. Dabei setzt der Berliner Fotokünstler Jim Rakete ebenfalls ganz auf Tradition - und fotografiert analog: "Natürlich ist es heutzutage unerlässlich, die Bilder zu digitalisieren. Sie können ja nicht mehr mit einem Abzug in die Redaktion rennen. Was ich aber ablehne, ist dieses Leugnen von Falten", erklärt Rakete. Denn die Zeit steht nicht still, selbst wenn schon den vierjährigen genau das fasziniert: Technik, die die Zeit anzuhalten und den Augenblick festzuhalten scheint. Von Kindesbeinen ist Rakete, der eigentlich Günther heißt, ein echter

Knipser und so verwundert es kaum, dass er sich mit dem Fotografieren bald einen Namen machen wird. Rasch spezialisiert er sich auf Portraits - und das ist nicht nur für den Jahresauftakt eines Biografien-Blogs spannend. Nahezu die gesamte Prominenz der Musik- und Filmszene hat vor seiner Linse posiert, darunter Jimi Hendrix, Mick Jagger und  David Bowie. In Deutschland haben sich unter anderem Nina Hagen, Nena und Die Ärzte von ihm auch managen lassen. Seine wahre Liebe aber ist nach wie vor das klassische Fotometier: In zwei bedeutenden Serien hat Jim Rakete in den


vergangenen Jahren sein ganzes Können gezeigt: Für das Projekt Stand der Dinge hat er das who is who der deutschen Kinolandschaft portraitiert. „Rakete profitiert von den Beziehungen, die er zu vielen Filmleuten hat", lobt der Bonner Generalanzeiger: "Locker, ungeschminkt, offen präsentieren sich die Promis in völlig ungestellt wirkenden Aufnahmen.“ Noch intimer ist das Projekt 1/8 SEC. AUGEN/BLICK/PORTRAITS. Mit einer über 100 Jahre alten Plattenkamera, die den Portraitierten abverlangt, 12 Sekunden unbeweglich zu stehen, und die eine halbe Ewigkeit belichtet - 1/8 Sekunde - kommt Rakete seiner Faszination besonders nahe: Technik, die die Zeit still stehen lässt. Aber auch für ihn beginnt heute ein neues Lebensjahr, denn Jim Rakete wurde am 1. Januar 1951 geboren - vor 62 Jahren. In diesem Sinn: Alles Gute zum Geburtstag und Prost Neujahr!

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Henri Rousseau: Der Zöllner als Maler

Der Traum (1910) (Gemälde: Henri Rousseau, Lizenz: gemeinfrei)
Der Traum (1910) (Gemälde: Henri Rousseau, Lizenz: gemeinfrei)

Jedem Anderen wäre diese Party peinlich: Im Atelier des Gastgebers Picasso stinkt es nach Farbe, Terpentin und dem kalten Rauch der unzähligen Zigaretten, deren Stummel den Fußboden verzieren. Die Tafel besteht nur aus einem zerfressenen Brett auf knarrenden Holzblöcken. Das Essen ist für den falschen Tag bestellt und die Gäste, die mit Reis und selbst mitgebrachten Kuchen vorlieb nehmen müssen, grölen. Eine von vielen Aperitifs schon ganz beschwipste Dame setzt sich mitten in den schönsten Apfelkuchen und umarmt danach die ganze Gesellschaft - das würdevolle Festbankett gerät zum Gelage, kaum dass es angefangen hat. Aber Henri Rousseau freut sich über die Ehre, die ihm seine Freunde aus der Pariser Bohéme-Szene erweisen. Sie feiern ihn, den Freizeitmaler, als einen der ihren. Eigentlich ist Rousseau beim Zoll angestellt. Bei den Kunstsammlern, die ihre Nase gerne hoch tragen, kommt das nicht gut an, ein Künstler soll gefälligst von seinem Schaffen leben können. Und dann diese kindliche Malweise - die geht gar nicht. Doch hier, auf dem Montmarte, wo die Advantgarde ihre wenigen Francs lieber in Leinwände als in Brot investiert und immer nach neuen Inspirationen sucht, ist der Zöllner ein Idol.  "Hoch lebe Rousseau!"  steht auf dem alten Leintuch, dass über den uralten Sessel gespannt ist, auf dem Rousseau thront. Sein Kopf ist weinrot und dann und wann fallen ihm die Augen zu. Er weint im Halbschlaf vor Rührung und merkt nicht einmal, wie ihm das heiße Wachs aus dem Lampignon auf die Stirn tropft.  Vielleicht träumt er gerade den Traum, dem er kurz vor seinem Tod auf die Leinwand bringt (siehe oben). Und während die meisten der ach so verständigen Kunstliebhaber längst vergessen sind, ist Rousseaus Traum im New Yorker Museum of Modern Art unsterblich geworden. Heute, am 21. Mai 2012, wäre Henri Rousseau 168 Jahre alt geworden.

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