Hugo und Emmy Ball: Leben als Literatur...

Zwei Künstlerrebellen auf der Bühne des Lebens: Hugo Ball und Emmy Hennings geben ein biografisches Drama... Vorhang auf!

Alle Bilder lizensiert unter gemeinfrei
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Gläubige Nutte trifft verhinderten Doktor: Sie liebt seine Handschrift, er liebt ihren starken Auftritt. Emmy Hennings und Hugo Ball sind ein seltsames Paar. Beide sind verhinderte Literaten von Weltrang. Ihre Bücher und Theaterstücke lassen nicht wirklich die Kasse klingeln, aber ihre Gedanken revolutionieren die konventionelle Kunst mit dem Dadaismus. Während alle Welt in den Großen Krieg zieht, kämpfen sie mit verückter Nonsenskultur für den Frieden...

Click auf's Cover: Direkt zum Verlag
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Die Zentrale des Wahnsinns heißt Cabaret Voltaire. Diese Züricher Künstlerkneipe ist die Wiege des Dadaismus. Eine Gruppe junger Literaten um Emmy Hennings und Hugo Ball findet das Verrecken in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs ziemlich aberwitzig. Man will das mit nationalistischem Pathos aufgeladene Völkerschlachten als das entlarven, was es ist: der reine Irrsinn. Und das Mittel der Wahl ist die ebenso sinnfreie Kunstform des Dadaismus: Sinnlose Texte, sinnlose Bilder, sinnloses Theater. Ganz nebenbei hinterfragt man damit auch den Heiligen Ernst der herkömmlichen Kunstbranche. Dabei geht es im Leben von Emmy und Hugo nicht minder drunter und drüber wie auf der kleinen Bühne des Cabaret Voltaire.

Emmy Hennings (1885-1948) war schonmal verheiratet, hat zwei Kinder zu Welt gebracht und dann bei ihrer Mutter abgegeben. Sie will Künstlerin sein und schläft mit Künstlern. Sie ist eine Muse, die sich Seelenverwandten leidenschaftlich gerne hingibt. Und weil sie merkt, dass sie den Männern gefällt, verkauft sie ihren Körper. Einmal beklaut sie einen Freier, wird erwischt, wandert ein, und schreibt darüber: "Gefängnis" heißt das Buch, das endlich den ersehnten Erfolg bringt - eine Autobiografie. Hugo Ball (1886-1927) ist irgendwie das Gegenteil von ihr. Ein bisschen verklemmt, ein bisschen verkopft (fast fertiggestellte literaturwissenschaftliche Doktorarbeit), ein bisschen zurückhaltender. Er ist nicht ganz so schnell mit Beziehungen, aber wenn er sich bindet, dann richtig. Er ist fixiert auf Emmy, nachdem sie endlich zusammenkommen. Gemeinsam geht man ins literarische Exil. Man könnte es schlimmer treffen als im Tessin - jedenfalls, solange das Geld reicht. In Italien genügen sich die beiden und suchen nun nach dem inneren Frieden.  

Ob sie ihn finden, bleibt in der neuen Paarbiografie offen. Das tut ihr aber keinen Abbruch. Gekonnt schlüsselt Bärbel Reetz das schillernde Leben dieser beiden außergewöhnlichen Menschen auf, soweit das Dritte können. Herausgekommen ist ein packendes Buch, das das Unverständliche zum Erlebnis macht. Zugegeben: Es ist für Normalmenschen nicht immer ganz leicht, die flippigen Anwandlungen von Emmy und die Wandlungen von Hugo Ball zu verstehen, der sich vom advangardistischen Kunstrevoluzzer zum dogmischten Katholiken entwickelt. Aber hier punktet die Biografin Bärbel Reetz mit einer ausgewogenen und nur behutsam kommentierenden Darstellung, die auch das teils prominente Umfeld des Künstlerpaares schildert und einbringt. Überzeugend ist zudem, dass die beiden Künstler nicht auf ihre Dada-Phase reduziert, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit ernst genommen werden.

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Ulrich Tukur: Der geheimnisvolle Tausendsassa

Ulrich Tukurs Verwirr-Tatort kommt nicht gut an. Schade, aber der Sonntagskrimi ist wohl nichts für künstlerische Selbstironie

Ulrich Tukur (links) und Martin Wuttke im Tatort "Wer bin ich"? Bild: HR/Kai von Kröcher
Ulrich Tukur (links) und Martin Wuttke im Tatort "Wer bin ich"? Bild: HR/Kai von Kröcher

Der Tatort ist eine der beliebtesten deutschen Fernsehformate. Ulrich Tukur ist einer der beliebtesten deutschen Schauspieler. Wenn Tukur als Wiesbadener Kommissar Murot ermittelt, kann also eigentlich nichts schiefgehen. Trotzdem kommt Fernsehdeutschland mit der neuesten Folge "Wer bin ich?" nicht zurecht. Das unaufgelöste Verwirrspiel um den doppelten Ulrich Tukur, der Murot und sich selbst spielt, dazu die überzeichnete Selbstironie von mehreren Fernsehkommissaren und der ganzen Tatort-Crew hat mit einem klassischen Sonntagabendkrimi wenig zu tun - das war eher Tatort-Satire als Tatort. Und das sagt manches über das Format, über Ulrich Tukur und über das Pulikum. Im Sonntagskrimi ist offenbar kein Platz für künstlerische Selbstreflexion und Selbstironie - selbst wenn sie hervorragend gemacht ist.

Ulrich Tukur als Felix Murot. Bild: HR/Johannes Krieg
Ulrich Tukur als Felix Murot. Bild: HR/Johannes Krieg

Der durchschnittliche Fernsehzuschauer scheint sich am Sonntagabend  auf einen durchschnittlichen Krimi mit klarer Rollenverteilung zu freuen: Totes Opfer, böser Täter, guter Polizist. Dazu ein allzu menschliches Motiv - Habgier, Eifersucht oder Rache - und am Ende der 90 Krimi-Minuten eine Aufklärung, die alle Fragen beantwortet und die alle Schurken hinter Schloss und Riegel bringt. Ulrich Tukur hält sich nicht an diese Gelinggarantie. Möglicherweise hat man ihn genau deshalb als Tatort-Ermittler engagiert. Denn die Drehbuchautoren und Produzenten des Krimi-Klassikers experimentieren glücklicherweise gerne mal mit neuen Ideen. Das ist typisch Tatort. Deshalb gibt es ihn auch schon so lange. Dieses Format hat gelernt, mit der Zeit zu gehen. Aber vielleicht war das am Sonntag dann doch etwas zu viel des Ungewohnten - auch wenn es wirklich gut gemacht war. Denn Ulrich Tukur ist seiner Zeit gleichzeitig weit voraus und weit hinterher. Der 1957 geborene Musiker und Schauspieler tritt jedenfalls gerne als Gegenspieler des Zeitgeistes in Erscheinung:  Sein Auftreten, seine Kleidung und seine schauspielerischen Fertigkeiten erinnern oft an einen Varietékünstler aus längst vergangenen Tagen, der auf der Bühne rezitiert, singt und sich dabei selbst am Klavier begleitet. Tukur ist ein geheimnisvoller Tausendsassa  und ein begnadeter Vollblutkünstler dazu. Am liebsten (und am besten) spielt er sich selbst. Genau das wird im Tatort zum Problem: Dort geraten klare (und berechtigte) Erwartungen an einen ernsten Sonntagskrimi aneinander mit seiner selbstironischen, nachdenklichen (und ein wenig selbstverliebten) Künstlernatur auf der ewigen Suche nach dem Sinn des Seins. Tukur ist ein Charakterdarsteller, der sich nicht an seine Rollen und Figuren herantastet. Im Gegenteil: Er zwingt seine Rollen, sich an ihn heranzutasten. Und damit kokettiert der Künstler Ulrich Tukur geradezu brillant. "Wer bin ich?" ist jedenfalls ein Meisterstück dieser Kunst: Der LKA-Ermittler Felix Murot (die Figur, der sich Tukur aufgedrängt hat), geht stiften, fällt sozusagen völlig aus der Rolle und lässt einen halben Tukur zurück, der sich aber kaum noch mit einem Tatort vereinbaren lässt: Der souveräne Schauspieler, zugleich der Star am Set, als hilfloser Selbstzweifler? Der Schauspieler als begnadeter Selbstdarsteller, der den einen geplatzten Tatort als autobiografische Bühne nutzt? Der Entertainer, der sich und seine ganze Branche ungeniert auf die Schippe nimmt? Die Entzauberung eines Fernsehdrehs? Die Entlarvung des Films als Fiktion? Das scheint nicht ins deutsche Sonntagabend-Programm zu passen, in dem die Guten nach fest definierten Mustern das Böse besiegen müssen. Die Tukur-Show am Sonntag war großartig als Krimi und als Kunst (das geht ja leider nicht häufig zusammen) - aber vielleicht hätte man sie nicht zwingend unter dem Tatort-Label laufen lassen müssen...

 

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"Was ich sicher weiß"

Die amerikanische Talk-Legende Oprah Winfrey hat ein Nachdenkbuch über ihre Lebensweisheiten geschrieben

Oprah Winfrey (Foto: Alan Light. Lizenz: CC BY 2.0)
Oprah Winfrey (Foto: Alan Light. Lizenz: CC BY 2.0)

Sie ist eines der berühmtesten Gesichter des US-Fernsehens: Oprah Winfrey. Mit Smalltalk im Unterhaltungsprogramm hat sie Millionen an den Bildschirmen erreicht. Jetzt folgt der Bigtalk in Buchform. Oprah Winfrey hat auf der Suche nach ihrem wahren Ich ihre wichtigsten Überzeugungen gesammelt und nun in Form eines autobiografischen Lebensratgebers zu Papier gebracht - ein Blick hinein... 

Oprah Winfrey

Was ich vom Leben gelernt habe

Erschienen bei Fischer im August 2015. 256 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 14,99 €.


Neu ist das alles nicht. Die Texte, die sich in Oprah Winfreys  schmalem Büchlein finden, sind allesamt Kolumnen aus ihrer eigenen Zeitschrift. Diese Kolumne geht auf eine Interview-Frage zurück, die die selten auf den Mund gefallene Vielquasslerin nicht beantworten konnte: "Was wissen Sie sicher?" Winfrey lässt diese Frage keine Ruhe und begibt sich auf eine gefährliche Suche: Auf die Suche nach ihrem wahren Ich. Immer wenn sie an eine der Grundfesten ihres Lebens gelangt, vermisst und dokumentiert sie die gefundene Überzeugung: Konsequent heißen auch die einzelnen Kapitel des neuen Buches so: Freude und Durchhaltevermögen, Nähe und Dankbarkeit, Chancen und Ehrfurcht, Klarheit und Stärke. Das klingt ziemlich abgedroschen. 

Oprah Winfrey plaudert mit ihren Lesern

Wieder ein Karriere-durch-klare-Kante-Ratgeber? Wieder ein Geheimtipp für den perfekten Tugendmix? Nein, Entwarnung. Das hat Oprah Winfrey nicht nötig. Winfrey hat ausgesorgt, finanziell ebenso wie in Sachen Lebensleistung. Das Buch scheint eher so eine Art Bedürfnis zu sein, wie die früher auch die Show. Ja, im Grunde ist das Nachdenkbuch ist etwas wie die Fortsetzung der Show mit anderen Mitteln: Winfrey lädt nun keine Prominenten mehr ein, um über das Leben zu plaudern, sondern ihre Fans und Leser.  Sie berichtet (wohldosiert) aus ihrer eigenen Lebensgeschichte, warum ihr welche Werte besonders wichtig geworden sind. Dabei lässt sie aber genug gedanklichen Freiraum, damit auch Leserinnen und Leser, die nicht genau die selben Erlebnisse gehabt und Erfahrungen gemacht haben, über ihr eigenes wahres Ich nachdenken können. Winfrey, die sich selbst als ungewollt unter einem Apfelbaum gezeugtes Kind beschreibt und die selbst mit vierzehn Jahren ein Kind hat begraben müssen (es war wenige Tage alt), ehe sie zur Meisterin der Mattscheibe aufgestiegen ist, führt vor Augen, wie man souverän auch mit unangenehmen Entdeckungen auf der Suche nach diesem wahren Ich umgehen kann. 

Ein Hauch von Mutmacher-Missionseifer

Und sie erhebt sie nicht aus ihrer Prominentenrolle zur Oberlehrerin.  Auch wenn sie sich ihrer Verantwortung als Vorbild bewusst ist, redet sie von Mensch zu Mensch. Offen bleibt allerdings, warum sie sich in dieser Weise mitteilt. Ein bisschen Show wird schon dabei sein, aber sicher auch ein bisschen der  Mutmacher-Missionseifer einer Frau, die den amerikanischen Traum lebt.

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Thomas Gottschalk: Locke, locker und lässig

Thomas Gottschalk erzählt seine Lebensgeschichte. Sein Klamauk ist deutsches Kulturgut - ob wir wollen, oder nicht...

Foto: César (talk), lizenziert unter CC BY 3.0
Foto: César (talk), lizenziert unter CC BY 3.0

Er war Dauergast in allen deutschen Wohnzimmern: Thomas Gottschalk. Frisch, fromm, fröhlich und frei hat er Wetten dass..? zu dem gemacht, was es bis (fast) zuletzt war: Große Fernsehunterhaltung am Samstag Abend. Seine schrägen Klamotten, seine flapsigen (auch zu flapsigen) Sprüche und seine Kuschel-, Knuddel- und Kussanfälle auf offener Bühne sind die Markenzeichen dieses Meisters der Mattscheibe. Man kann Thomas Gottschalks Memoiren lesen - aber man sollte sie hören. Das Eulengezwitscher stellt seine gesprochenen Erinnerungen vor.

Thomas Gottschalk

Herbstblond

Die Autobiografie

Erschienen im April 2015. Die gekürzte Lesung auf 4 Audio-CDs dauert ca. 273 Minuten und kostet € 19,99-


Es gilt das gesprochene Wort. Meistens sind diese trockenen fünf Worte nur ein obligatorischer Zusatz auf vielen vorveröffentlichten Rede-Manuskripten. Sie könnten aber auch eine Kurzbiografie von Thomas Gottschalk sein. Gottschalk (geboren 1950) und sein vorlautes, pardon: sensationelles Mundwerk haben zuerst bei Bayern 3  Radiokarriere gemacht (mit einer Pop-Sendung), ehe sie beim Fernsehen angeheuert haben. Gottschalk ist daraufhin zu einem Großmeister der Mattscheiben-Unterhaltung herangereift. Gold scheinen nicht nur seine Locken und die kleinen Bären zu sein, für die er Werbung macht. Gold scheint alles zu werden, was er ansagt und moderiert. Na sowas! möchte man meinen - und ist damit direkt bei Gottschalks Durchbruch:

Dabei kennt Thomas Gottschalk Klatschen nicht nur vom Publikum. Auch das (Berufs-)Leben hat im immer wieder Klatschen beschert (über Privates spricht der Vielredner Gottschalk auch in seiner Autobiografie eher wenig): Gescheiterte Formate, miese Kritiken - und der tragische Unfall von Samuel Koch. Man könnte die Geschichte von Thomas Gottschalk sicher als Geschichte einer letztlich an der brutalen Wirklichkeit gescheiterten Laberlocke erzählen - aber damit würde man ihm nicht gerecht. Wer ihn nur als Küsschen links-Küsschen rechts-Grüßonkel erlebt hat, als Menschel-Moderator oder als Friede-Freude-Eierkuchen-Fragensteller, der wird in seinen Memoiren einen Fremden finden. Thomas Gottschalks Erinnerungen kommen wie seichte Unterhaltung daher, aber davon darf man sich nicht täuschen lassen. Keine Selbstbeweihräucherung, keine Verklärung, keine Abrechnung (außer mit eigenen Lastern) - wir hören einen nachdenklichen Gottschalk, der ungewohnt verkrampft einsteigt - mit einem ziemlich bemühten Bild aus dem Showbusiness - und dann zunehmend gelöster und wirklich witzig erzählt. Gottschalk ist mit sich im Reinen, ohne dass er die Schattenseiten seines Lebens verdrängt - oder gerade deshalb. Sein Hörbuch Herbstblond ist genau dann empfehlenswert, wenn man sich vorurteilsfrei an eine so sehr auf Klamauk gedeutete Figur wie Thomas Gottschalk heranwagen kann. Freiheit von Vorurteilen ist immer empfehlenswert! Und seien wir ehrlich: Gottschalks Klamauk ist deutsches Kulturgut - ob wir wollen oder nicht...

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Orson Welles: Der Jahrhundert-Regisseur

Heute wäre Orson Welles 100 Jahre alt geworden

"Orson-Welles-Show-1941" by unkown, licensed under Public Domain
"Orson-Welles-Show-1941" by unkown, licensed under Public Domain

Schock am Sonntagabend! Mitten in die fröhliche Tanzmusik der Radioübertragung platzt die ernste Stimme eines Nachrichtensprechers: „Meine Damen und Herren, wir unterbrechen unsere laufende Sendung für eine aktuelle Durchsage…“ Dann berichten zunehmend aufgekratzte Reporter in immer kürzeren Abstanden live von einer Invasion. Die Alarmsirenen singen ihr schauriges Lied: New York wird von Außerirdischen angegriffen.

Krieg der Welten

Manche Zuhörer geraten in Panik und verlassen sogar die Stadt. Dabei ist das, was sie da hören, das erste Meisterstück des begnadeten Regisseurs Orson Welles. Welles inszeniert sein Hörspiel „Krieg der Welten“ nach dem Roman von H.G. Wells an diesem Halloweenabend 1938 live im Radio. Auch wenn ihn die Kritik für diese angeblich verantwortungslose Irreführung durch die Mangel dreht, schafft er damit den Durchbruch.

Biografie Orson Welles

Orson Welles, geboren 1915, sorgt gerne für Theater. Er ist das Scheidungskind reicher Eltern, hat sehr früh die Welt bereist und immer noch früh (als Teenager) zur Schauspielerei gefunden. Noch besser ist er als Regisseur. Er produziert spannende Unterhaltung nicht nur fürs Radio, sondern auch für das große Kino. „Citizen Kane“ floppt nur anfangs – heute gilt dieses Leinwandwerk als bester Film aller Zeiten. Und „Der dritte Mann“ ist ein Kultfilm über die Wiener Unterwelt der Nachkriegszeit. Filmreif ist übrigens auch des

Ausnahmekünstlers eigener Abgang: Er kippt 1985 vornüber in die Schreibmaschine. Aber nur Welles‘ Herz quittiert den Dienst, sein Vermächtnis bleibt lebendig.

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Emma Watson und Greta Garbo: Eine kommt, eine geht

Vor 25 Jahren ist die Stummfilm-Göttin Greta Garbo gestorben - und die Kinderdarstellerin Emma Watson zur Welt gekommen

„Emma Watson 2013“ von Georges Biard, lizenziert unter CC BY-SA 3.0  und Clarence Bull, Public domain
„Emma Watson 2013“ von Georges Biard, lizenziert unter CC BY-SA 3.0 und Clarence Bull, Public domain

Manche Tage haben es in sich. Der 15. April 1990 ist so ein Tag. In New York stirbt die als "Göttin" verehrte Schauspielerin Greta Garbo. In Paris erblickt Emma Watson das Licht der Welt, die als Hermine Granger in den Harry Potter-Verfilmungen vom Kinder- zum Kinostar reifen wird. Obwohl beide in ganz unterschiedlichen Zeiten aufgewachsen und auf ganz verschiedenen Wegen zum Film gekommen sind, eint sie ihr angenehm unprätentiöses Auftreten.

Biografie Greta Garbo

Greta Garbo hat aufgehört, als es am schönsten war: Nach drei erfolgreichen Karrieren vor der Kamera. Geboren  1905 als Greta Gustafsson macht sie zuerst als elegantes Hutmodel auf sich aufmerksam und mausert sich dann in Hollywood zur verführerischen Stummfilm-Göttin. Auch im Tonfilm-Zeitalter feiert sie Erfolg. Aber mit nicht einmal vierzig Jahren hat sie genug von der Leinwand und führt ein skandalfreies und bescheidenes  Leben fernab der Öffentlichkeit. 

Biografie Emma Watson

Joella Marano, CC BY-SA 2.0
Joella Marano, CC BY-SA 2.0

Emma Watson, die schon als zauberhafte Kinderdarstellerin weltbekannt geworden ist, ist dieser Ruhm ebenfalls nicht zu Kopf gestiegen. Im Gegenteil: Auch sie fällt nicht durch Eskapden und Entgleisungen auf. In ihren Filmen hat sie sich längst von ihrer Paraderolle der Hermine Granger emanzipiert, ohne deren Bedeutung für ihren künstlerischen Werdegang zu leugnen. Aber sie besticht nicht nur auf der Leinwand, sondern nutzt ihre Prominenz verantwortungsvoll: Sie setzt sich für Frauen- und Mädchenrechte ein und reagiert britisch cool auf vom Boulevard aufgebauschte Gerüchte über ihr Privatleben. Emma Watson und Greta Garbo sind starke Frauen und echte Vorbilder - und die waren in Hollywood schon immer rar gesät...

Emma Watson und Greta Garbo weiterzwitschern:

Hape Kerkeling: Kindheit eines Komikers

Hape Kerkelings offenherzige Kindheitserinnerungen stehen seit Wochen ganz oben in den Bestsellerlisten. Der eigentliche Geheimtipp ist aber das Hörbuch...

Quelle: http://www.rachor-photography.com/
Hape Kerkeling (Pressefoto von Felix Rachor, verlinkt zur Homepage des Fotografen)

Seine Stimme ist seine beste Verkleidung: Hape Kerkeling. Mit noblem holländischen Akzent hat er die Königin Beatrix gegeben, als nuschelnder Rheinländer die Kultfigur Horst Schlämmer zum Leben erweckt. Dazu singt Kerkeling - neuerdings Schlager - kurzum: Mindestens eine seiner vielen Stimmen kennen fast alle. Wie aber klingt Hape Kerkeling, wenn er ausnahmsweise mal er selbst ist? Wenn er seine eigenen Kindheitserinnerungen liest, die keineswegs nur fröhlich und heiter sind? Denn die Welt des kleinen Hans-Peter steuert in Schlangenlinien, aber unaufhaltsam auf die größtmögliche Katastrophe zu: auf den Selbstmord der Mutter...

Zuerst einmal klingt dieser Medienprofi einfach nur professionell, fast so, als würde er gar nicht von sich erzählen. Nüchtern einstudiert: das ist der erste Eindruck, der unterfüttert wird von einer vermeintlich konstruierten Rahmenhandlung, die die Hörer dort abholt, wo sie Kerkeling kennen: in der Gegenwart. Aber dieser erste Eindruck täuscht - und zwar fundamental. Schon der Hape Kerkeling der Gegenwart lässt sich tief in die Seele blicken. Die Begegnung mit einem todkranken Mädchen, das einmal Horst Schlämmer treffen will, rührt zu Tränen und ist die emotionale Overture in ein ergreifendes Hörbuch. Obgleich Kerkeling selbst solche heiklen Szenen humorvoll - nicht albern! - auffängt und damit zumindest teilweise entschärft, zeigt sich der erfolgreichste deutsche Komiker, der gerne mal Lacher auf Kosten anderer einheimst, von einer anderen Seite: empathisch ist Kerkeling, sensibel und offenherzig. 

Hape Kerkeling Biografie

All das nimmt er mit in die Geschichte seiner Kindheit. Diese Geschichte ist glänzend erzählt: Sie ist im Grunde eine Verneigung vor den starken und den schwachen Frauen seiner Familie: Die beiden Großmütter, unterschiedlich wie Tag und Nacht, sind die beiden resoluten Figuren, die dem pummeligen Hape eine gewisse Stabilität und sein Selbstwertgefühl geben. Er liebt sie beide: Die alles beherrschende und "bekloppte" Oma Änne, die das ganze Viertel rockt; und die zurückhaltende, doch nicht weniger entschlossene Oma Bertha, die ihr trautes Heim "ohne einen Blick zurück" verlässt, um für ihren Enkel zu sorgen, nachdem sich dessen Mutter umgebracht hat. Aber: Kerkeling verneigt sich auch vor seiner schwachen Mutter. Seine Memoiren sind keine Abrechnung mit ihr, die ihn so grausam im Stich gelassen hat (er liegt neben ihr im Bett, nachdem sie sich mit Tabletten vergiftet hat). Vergeblich hatte er immer wieder versucht, sie aufzuheitern: mit Blödeleien und einer Art von kindlicher Stand-Up-Comedy. Kerkeling hat darüber nicht die Lust am Frohsinn verloren. So traurig seine Kindheitsgeschichte ist, so eindringlich er sie erzählt und so intensiv die Stunden sind, in denen sie von Kerkeling selbst mit sanfter und ernster Stimme gelesen werden, so sehr macht dieses Hörbuch auch Mut: Mut, sich auch in scheinbar aussichtslosen Situationen nicht hängen zu lassen. Dieser Mut, auch das zeigt Kerkelings Biografie, lohnt sich - genau wie dieses Hörbuch.

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Marilyn Monroe: Der Wind, der Wind, das himmlische Weib...

Marilyn Monroe lässt wieder blitzen: In ihren Skizzenbüchern gewährt sie tiefe Einblicke in ihr Leben als traurige Traumfrau

By Published by Corpus Christi Caller-Times-photo from Associated Press [Public domain], via Wikimedia Commons
Der berühmteste Lupfer der Hollywood-Geschichte: Marilyn Monroe auf dem Luftschacht

Sie verdreht Männern bis heute den Kopf: Marilyn Monroe (1926-1962). Bei den Dreharbeiten zu „Das verflixte 7. Jahr“ lässt es die Hollywood-Blondine im September 1954 blitzen: Der Lüftungsschacht einer U-Bahn hebt ihr den Rock. Weil die Kamera läuft, ist der berühmteste Lupfer der Filmgeschichte im Kasten. Auch in Ihren Skizzenbüchern lässt die Monroe tief blicken:  in die Seele einer traurigen Traumfrau...

Marilyn Monroe

Tapfer lieben

Ihre persönlichen Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe            

Erscheint bei S.Fischer im Juli 2012. 272 Seiten kosten in der Taschenbuchausgabe 12,99 €.


Die zwei unscheinbaren Kartons haben es in sich: Sie bergen die persönlichen Aufzeichnungen von Marilyn Monroe. In ihren erst 2007 entdeckten Briefen, Notizen und Gedichten wird die Monroe wieder lebendig. Wir begegnen aber nicht der zuckersüßen und naiven Blondine, die wir von der Leinwand, Postern und Pinups kennen. Wir treffen darin auf eine nachdenkliche und Frau, die ihrem Image als Sexsymbol in inniger Hassliebe verbunden ist.

Es ist kein Vergnügen, sich selbst gut zu kennen oder es jedenfalls zu denken - jeder braucht ein bisschen Einbildung, um  um an und um den Abgrund zu kommen

Marilyns Aufzeichnungen sind als Hochglanz-Taschenbuch erschienen. Kunstvoll und stilsicher gestaltet haben die Herausgeber Fotografien der Originalskizzen (auf Briefbögen, in Notizbüchlein und auf Hotelpapier) mit einer buchstabengetreuen englischen Abschrift und einer deutschen Übersetzung versehen. Lediglich kurze Einführungen und Kommentare ordnen die sehr unterschiedlichen Aufzeichnungen ein und lassen der Monroe das Wort: Ihre Gedichte und autobiografischen Fragmente erzählen viel von Selbstzweifeln und Selbstmotivation: Ich weiß, dass ich nie glücklich sein werde, aber fröhlich kann ich sein! Vor allem atmet diese Skizzensammlung den Wunsch geliebt zu werden. Kein Wunder: Die Lebensgeschichte der 1926 geborenen Traumfrau birgt so manchen Alptraum: Kindheit im Waisenhaus, wechselnde Pflegemütter und Ehemänner, dazu der frühe und niemals geklärte Tod 1962 (wahrscheinlich durch überdosierte Medikamente). Obwohl sich Marilyn Monroe viel von der Seele geschrieben hat, nehmen die jüngsten Veröffentlichungen dem Geheimnis Marilyn nichts, eher könnte man sagen, sie verleihen ihm Substanz, wie es die Herausgeber formulieren. Ein schönes Geheimnis wird aber doch gelüftet: Marilyn Monroe war eine leidenschaftliche Leserin: Seltene Fotos zeigen sie mit James Joyce‘ „Ulysses“ und mit Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“. Selbst in Drehpausen hat sie sich gerne mal mit einem guten Buch zurückgezogen. Besonders gerne hat Marilyn Monroe übrigens Biografien gelesen…

Zum weiterlesen im Biografien-Blog...

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Dennis Hopper: Der Easy Rider

Zum 45. Filmjubiläum: Tom Folsoms Biografie über Dennis Hopper

„1969-typeCaptainAmerica” autorstwa Brian Snelson - originally posted to Flickr as 1969-type Captain America. Licencja CC BY 2.0 na podstawie Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1969-typeCaptainAmerica.jpg#/media/File:1969-typeCapt

"Morgens ein Joint und der Tag ist dein Freund..." Heute vor 45 Jahren hat Dennis Hopper mit dem Hippie-Kultfilm 'Easy Rider' die Kinos erobert. Zur Feier des Tages stellt das Eulengezwitscher die neue Hopper-Biografie von Tom Folsom vor.

Tom Folson

Dennis Hopper

Die Biografie

Erschienen bei Blessing im Mai 2013. 416 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 22,99 €.


Angela George [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Dennis Hopper braucht für "Easy Rider" weder Drehbuch noch Handlung. Sein Film begleitet mehr oder weniger frei improvisiert zwei moderne Cowboys - Hippies auf Drogen und Choppern - quer durch die Vereinigten Staaten der späten 1960er Jahre. Mal gehen Wyatt (Peter Fonda) und  Billy (Dennis Hopper) in der Prärie auf einen Trip, mal im Tohuwabohu des Mardi Gras, mal in professioneller Begleitung auf einem Friedhof. Am Ende sind die beiden freiheitshungrigen Träumer tot: Opfer des spießigen Amerika, das bei langhaarigen und zotteligen Hippies keinen Spaß  versteht. Dafür versteht die amerikanische Jugend die beiden umso besser und macht "Easy Rider" zum zeitlosen Kultfilm. 

Auch Tom Folsom geht beim Schreiben seiner Biografie auf einen Trip - einen Dennis Hopper-Trip. Folsom kommt Hopper nahe, manchmal sogar gefährlich nahe. Das Buch atmet die Bewunderung des Autors für seinen Helden. Allerdings beweist er, dass Leidenschaft für das eigene Sujet nicht unbedingt schlecht sein muss: Folsoms Verständnis für Hoppers rebellische Lebensweise ermöglicht erst den Zugang zu einem abgedrehten Leben, das mit einer von Vater und Mutter vernachlässigten Kindheit und Jugend auf dem Land beginnt und über Hollywood auf die Leinwand (Kino) und an die Leinwand (Hopper als abstrakter Maler) führt. Folsom erlaubt dem Leser, die Welt (ganz ohne Gesundheitsrisiken) durch die Augen eines Vollblutkünstlers zu sehen, der andauernd high ist.  Dabei hilft ihm seine journalistische Ausbildung. Folsom weiß, wie ernüchternd eine biografische Leseerfahrung sein kann, wenn erst einmal in epischer Breite Ahnen und Urahnen desjenigen ausgebreitet werden, für den sich der zahlende Leser interessiert. Deshalb steigt er genau so ein, wie man es sich als Hopper-Fan erhofft: auf dem Stahlross, das Hopper zwischen den Beinen glüht (für die Chronisten: ab Seite 339 gibt's auch die Familiengeschichte der Hoppers).

Als Regisseur der Lebensgeschichte von Dennis Hopper wechselt Tom Folsom geschickt zwischen schonungslosen Nahaufnahmen des eigensinnigen Exzentrikers, der sich selbst für den Besten hält und neben fünf Ehefrauen zahlreiche Männerfreunde verschleißt, und grandiosen Panoramaschwenks, die Hoppers Beitrag zur Kulturrevolution der 1970er Jahre gekonnt ausleuchten. Zumindest auf der Leinwand ist das ein erklärtes Hopper-Ziel: "Ihr seid das alte Hollywood und wir sind das neue", erklärt er dem verdienten Regisseur George Cukor, "Wir werden euch einsargen." Obwohl Hopper vor einigen Jahren selbst das Zeitliche gesegnet hat, lässt ihn Folsom zwischen seinen Buchdeckeln wieder lebendig werden. Viel mehr kann eine Biografie nicht leisten - auch wenn das im Fall des lasterhaften Dennis Hopper nicht immer ein Lesevergnügen ist.

Fazit: Ein Hopper-Buch wie ein Hopper-Film: Kreativ geschnitten, munter drauf los erzählt, teilweise verwirrend und verstörend - aber immer fesselnd. Tom Folsom hat eine Biografie geschrieben, die Hopper in all' seinen Widersprüchen zeigt und seine künstlerische Leistung angemessen würdigt, ohne ihn über Gebühr zu verklären.

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Sergio Leone: Die Ikone des Italo-Western

Sergio Leone (1929-1989) war ein italienischer Regisseur.

Foto: obbino - Flickr: SERGIO LEONE. Lizenziert unter CC BY 2.0
Foto: obbino - Flickr: SERGIO LEONE. Lizenziert unter CC BY 2.0

Er revolutionierte den klassischen Western: Sergio Leone. Seine Figuren sind keine selbstlosen und idealisierten Sheriffs, die bösen Ganoven stil- und formvollendet das Handwerk legen. Sie sind auch keine Helden des Wilden Westens, die zarte Fräuleins aus den Fängen der bösen Indianer befreien. Leone bringt Antihelden auf die Leinwand: Zwielichtige, gleichgültige , gewaltbereite und durch und durch eigennützige Ganoven und Einzelgänger. Genau damit aber machte Leone seinerseits Helden: Clint Eastwood zum Beispiel, der als "Joe" seine Revolverkünste für eine Handvoll Dollar verkauft.

Foto: Sergio Leone. Licensed under Public Domain
Foto: Sergio Leone. Licensed under Public Domain

Sergio Leone, geboren 1929 in Rom, saugt das Filmgeschäft mit der Muttermilch auf. Seine Eltern sind Pioniere des italienischen Kinos, er hinter, sie vor der Kamera. Bei Sergio entscheidet sich das erst später. Seine ersten Jobs am Set reichen von Statistenrollen bis zur Regieassistenz. Bis sich Leone seinen eigenen Halunken widmen kann, muss er erst einmal die verbrecherische Regierungsclique um Benito Mussolini aussitzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sammelt Leone monumentale Erfahrungen und wirkt  unter anderem bei den opulenten Historien-Klassikern "Ben Hur" und "Quo Vadis" mit. Aber der geborene Römer spürt, dass den Filmen über das Römische Imperium nicht die Zukunft gehört. Er versucht sich im Westerngenre - mit durchschlagendem Erfolg. An strahlenden John Wayne-Mustermännern hat man sich Mitte der 1960er Jahre sattgesehen. Stattdessen setzt Leno auf einen ganz anderen Typ Mann: Sein "Joe" ist ein düsterer und unnahbarer Söldner. Auch was sein Team betrifft, beweist Leone ein brilliantes Gespür. Clint Eastwood, der zweite Garant für den Triumph der "Dollar"-Trilogie, wird von Leone entdeckt. Der Dritte im Bunde ist Ennio Morricone, dessen experimentierfreudige Filmmusik den typisch atmosphärischen Sound der Italowestern prägt. Für's Auge kombiniert Leone in seinen Streifen beeindruckende Panoramaschwenks, in denen die Menschen zu bedeutungslos kleinen Figürchen schrumpfen, mit eindringlichen Nahaufnahmen der meist wettergegerbten Gesichter seiner Charaktere. Obwohl Leone sich nicht auf das von ihm erfundene Genre beschränkt (er hat unter anderem auch "Es war einmal in Amerika" gemacht), ist seiner größter Wurf der Kultitalowestern "Spiel mir das Lied vom Tod" (siehe Clip). Sergio Leones Werk wird seinen  eigenen Tod (heute vor 25 Jahren) überdauern..

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Erika Pluhar: (K)ein ganz normales Frauenleben

Die Wiener Künstlerin Erika Pluhar schaut zurück

Foto: Andreas Müller, Lizenz: Erika Pluhar
Foto: Andreas Müller, Lizenz: Erika Pluhar

Die 75 Jahre sieht mal ihr nicht an. Erika Plujahr sieht blendend aus. Die ein- oder andere Altersfalte und das perfekt sitzende silberblonde Haar entstellen sie nicht, im Gegenteil. Ganz in elegantem Schwarz gekleidet betritt sie gut gelaunt das Wiener Kaffeehaus auf der Leipzig Buchmesse. Dort plaudert sie aus ihrem Leben, dem Leben einer öffentlichen Frau. Das Eulengezwitscher war dabei.

Erika Pluhar

Die öffentliche Frau

Eine Rückschau

Erschienen im Residenz Verlag im September 2013. 288 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 21,90 €.


"Woart amol..." Erika Pluhar hat das Buch schon aufgeschlagen, um daraus zu lesen. "Meine Brille brauch' i..." Freundliche Lacher. Das Wiener Kaffeehaus in der Halle 4 der Leipziger Messe ist überfüllt, bis auf die breiten Gänge stehen die Zuhörer. Kein Wunder: Erika Pluhar hat etwas zu erzählen. Beruflich blickt sie auf eine grandiose Künstlerkarriere zurück. Vier Jahrzehnte war sie Schauspielerin am Burgtheater, dazu erfolgreiche Chansonsängerin und Filmemacherin, Autorin. Privat hat sie gravierende Schicksalsschläge erdulden müssen: Ihr erster Mann wird (lange nach der Scheidung) wegen sechsfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Auch die zweite Ehe (mit André Heller) scheitert (allerdings sind beide nach wie vor eng befreundet). Der dritte Lebenspartner bringt sich um und Pluhars Tochter Anna erstickt an einem Asthmaanfall. Trotz allem ist von Verbitterung nicht zu spüren im Wiener Kaffeehaus. Da liest und spricht eine selbstbewusste und lebensbejahende Vollblutkünstlerin über ihre Wandlung von der Femme Fatal zur  Emanze in nur einem Frauenleben. Früher hingen die Männer an ihren Lippen, wenn sie mit betörend dunkler Stimme ihre (frivolen) Chansons gesungen hat.

Heute sind es vor allem die Frauen mittleren Alters, die ihr begeistert und andächtig zuhören. Die Pluhar ist ein Vorbild. Sie lebt ein selbstbestimmtes Leben und ist erfolgreich damit. Ihre Lebensgeschichte - und das macht den besonderen Reiz ihrer Autobiografie aus - erzählt sie einem fiktiven und namenlosen Reporter in einem fiktiven Interview. Ihm erklärt sie auch, warum auch ein öffentliches Leben am Ende ein normales Leben ist: 

Wissen Sie, lieber Herr Redakteur, fährt sie dann fort, es ist ein eigen Ding um öffentliches Interesse. Im Grunde genommen hat es mit dem Leben des Menschen, für den man sich interessiert, wenig zu tun. Wir leben, leiden und sterben mutterseelenallein, auch wenn wir medial präsent sind. Es gibt prominente Leute, die meinen, sie seien nur am Leben, wenn ihr Leben öffentlich gemacht werde, egal wie. Was für ein grausamer Irrtum. Tja, sagt der Redakteur.

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Vicco von Bülow: Der bürgerliche Spaßmacher

Loriots grünes Sofa (Foto: Miss Sophie, Lizenz: CC-BY-2.0)
Loriots grünes Sofa (Foto: Miss Sophie, Lizenz: CC-BY-2.0)
Vicco von Bülow alias Loriot (Foto: Pacifik11, Lizenz: CC-BY-2.0)
Vicco von Bülow alias Loriot (Foto: Pacifik11, Lizenz: CC-BY-2.0)

Er brachte den Deutschen bei, über sich selbst zu lachen: Loriot. Dabei beginnt die Lebensgeschichte des begnadeten Humoristen alles andere als lustig. Geboren wird Loriot in Brandenburg an der Havel als Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow. Bald darauf lassen sich die Eltern scheiden, wiederum wenig später stirbt die Mutter. Der Vater, ein preußischer Offizier, heiratet erneut. Damit ist dann doch noch der Boden für eine einigermaßen behütete Kindheit und Jugend bereitet. Viktor offenbart früh ein zeichnerisches und mimisches Talent. In den pedantischen Drill der militärischen Familientradition, der auch Loriots Arbeitsweise prägen wird, mischt sich die musische  Veranlagung seiner Ahnen (Hans von Bülow war einer der gefragtesten Dirigenten des 19. Jahrhunderts). Aber bevor Vicco (so nennen ihn seine Freunde) sich dem Humor des Alltags hingeben kann, muss er den grausigen Alltags des Krieges bestehen: Über die kalten Wintertage in Russland wird er kaum je ein Wort verlieren. Ausgerechnet der Vater ermuntert, ja ermaht seinen Sprössling nach dem Krieg (und nach dem nachgeholten Abitur), Kunst zu studieren. Endlich kann Vicco seine Leidenschaft ausleben. Es dauert nicht lange, bis er seine Freude an Karrikaturen entdeckt. "Reinhard das Nashorn" und seine Hunde-Comics sind die ersten Gehversuche. "Auf den Hund gekommen" ist ein gezeichnter Rollentausch. Die zivilisierten Vierbeiner ärgern sich über die Marotten der Menschen ("Friss nicht wie ein Mensch!"). Fast von Anfang an zeichnet Vicco von Bülow seine Figuren mit den später berühmten Knollennasen - und allzu oft geht es um die kommunikativen Hürden zwischen Männlich und Weiblein, wie in der Frühstücksei-Kontroverse:

Lizenz: gemeinfrei.

In den frühen 1950er Jahren lebt  Vicco zwei  Leben: Das eine ist ein bürgerliches mit seiner Frau Romi und den Töchtern. Das andere ist das des schelmischen Künstlers, der in Zeichnungen, Texten, Sketchen und Cartoons eben jenes bürgerlichen Leben auf die Schippe nimmt. Seine Komikerexistenz führt er nun unter dem Namen Loriot, dem französischen Wort für Pirol, dem Wappenvogel der von Bülows (rechts). 

Nicht nur seine Knollennasenmännchen mit den typisch deutschen Namen (Müller-Lüdenscheid, Dr. Klöbner, Hoppenstedt) flimmern auf den Fernsehschirmen der Bundesrepublik. Loriot selbst gibt sich die Ehre. Als Statist hatte er in der Nachkriegszeit bei einigen Kinofilmen ausgeholfen. Jetzt ist er der männliche Hauptdarsteller. Seine kongeniale Partnerin Evelyn Hamann erträgt als Fräulein Hildegard vernudelte Heiratsanträge und als Fräulein Dinkel unbeholfene Annäherungsversuche. Auch als Solodarsteller brilliert Loriot:

Dafür, dass Loriot den Deutschen ihre verklemmten und stocksteifen Eigenheiten vor Augen führt, erntet er anfangs Unverständnis und Anfeindungen, später Lacher und Prominenz. Denn bis heute hat niemand pointierter die tiefernsten zwischenmenschlichen und alltäglichen Nickligkeiten der Deutschen so gleichermaßen fein- wie scharfsinnig durchdrungen und humorististisch aufbereitet. Wer in Loriot nur den Komiker des Alltags sieht, der blickt zu kurz. Als Verehrer von Richard Wagner hat er sich seine Schelmenstücke auch auf die Opernwelt übertragen (etwa in Form parodistischer Opernführer) und sogar selbst eine Oper inszeniert. Heute, am 12. November 2013, wäre Loriot, der vor zwei Jahren gestorben ist, 90 Jahre alt geworden. Weil seine Komik zeitlos ist, mag seine Bundestagsrede die gegenwärtigen Koalitionsverhandlungen kommentieren: 

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22. August 1902: Leni Riefenstahl (*)

Bundesarchiv, Bild 152-42-31 / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 152-42-31 / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Sie verhalf Hitler zum großen Kino: Leni Riefenstahl. Unter ihrer Regie entstanden die Propagandafilme von den nationalsozialistischen Reichsparteitagen in Nürnberg: Mit "Triumph des Willens" (1934) setzte sie nicht nur dem Kult von Führer und Volk ein filmisches Denkmal - das in den vergangenen 70 Jahren zum Mahnmal gereift ist - sie schrieb sich damit auch das Drehbuch Ihres Lebens: Willensstärke war ihr Vermögen. Und ihr Verderben.

Foto: Alexander Binder. Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto: Alexander Binder. Lizenziert unter Gemeinfrei

Früh trotzt sie dem strengen Vater, lernt heimlich tanzen und schauspielern. Damit bringt sie es auf mancher Berliner Bühne zu einigem Erfolg. Bald weichen Ausdruckstanz und Ballett dem Bergfilm; wieder setzt sich ihr Wille durch, nunmehr gegen die eigene Gesundheit. Trotz eines Knieleidens und mehrerer Knöchelbrüche lernt sie Skilaufen. an der Seite des Schauspiel-Idols Luis Trenker wird sie vor der Kamera gefeiert; hinter der Kamera entpuppt sie sich gar als Genie: "Das blaue Licht" (1932) lässt sie im gleißenden Scheinwerferkegel der männerdominierten Filmbranche hell erstrahlen. Aus dem Sternchen wird schließlich ein Star, als sich Leni Riefenstahl mit Hitler und Goebbels einlässt. Ihre Inszenierungen der Olympischen Spiele (1936), ihre Regiearbeit und ihr Schnitt ernten internationale Anerkennung. Dass sie als Zelluloid-Ästhetin der Fratze des Bösen ein künstlerisches Feigenblatt verschafft, will sie nicht sehen – und wieder erweist sich darin als willensstark. Fast 60 Jahre, bis zu ihrem Tod 2003, stellt sie sich ihrer Vergangenheit als Tänzerin mit dem Teufel nicht. Sie schaut weg, durch die Linse der Fotokamera, die sie nach Kriegs- und vorläufigem Karriereende für sich entdeckt. Sie läuft weg, weit weg sogar: nach Afrika, wo sie die Nuba fotografiert. Sie taucht ab, in die Tiefen des Indischen Ozeans, wo sie mit über 70 Jahren Korallenriffe aufnimmt. Vor dem Urteil ihrer Nachwelt kann Leni Riefenstahl aber weder weglaufen noch abtauchen: mag sie auch eine begnadete Künstlerin gewesen sein, so war sie doch Hitlers Künstlerin; und das bleibt von Leni Riefenstahl auch am heutigen Tag, an dem sie 111 Jahre alt geworden wäre: Ihr Geburtstag war der 22. August 1902. 

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Elisabeth Hauptmann: Die kreative Assistentin

Keine Bildrechte. Bild ist extern verlinkt
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Sie war Bertolt Brechts kongeniale Partnerin: Elisabeth Hauptmann (1897-1973). In den goldenen Zwanzigern kommt die junge Lehrerin aus Westfalen nach Berlin. Dort trifft sie mit Brecht den gerade aufgehenden Stern am Theaterhimmel der Zwischenkriegszeit. Elisabeth Hauptmann schwärmt für den genialen Dichter und auch Brecht findet rasch Interesse an der klugen und kreativen Frau, die so fleißig mitschreibt, was er erzählt. Natürlich will sich der gerne bewunderte Dramatiker nicht auf eine Partnerin festlegen - auch nicht auf Elisabeth Hauptmann. Ein gebrochenes Eheversprechen Brechts und ein anschließender Selbstmordversuch Hauptmanns sind die traurigen Höhepunkte ihrer intimen Beziehung. Trotz der enttäuschten Liebe bleibt Hauptmann mit Unterbrechungen zeitlebens Brechts Mitarbeiterin. Denn der schätzt nicht nur die amorösen Abenteuer mit Elisabeth Hauptmann, sondern auch ihre politische Überzeugung (beide sind Kommunisten), ihre umsichtige Assistenz in allen Alltagsdingen, ihre Übersetzerdienste und vor allem ihren untrüglichen Riecher für geeignete Bühnenstoffe. Es ist die bescheidene Hauptmann, die in London John Gays 'The Beggar's Opera' entdeckt, den Text übersetzt, Brecht dafür begeistert und zur Bearbeitung anregt. Die Dreigroschenoper wird sein großer Durchbruch auf der Bühne. Hinter der Bühne entstehen seine theoretischen Schriften zum epischen Theater. Elisabeth Hauptmanns Anteil an Brechts Arbeiten lässt sich an den Tantiemen kaum ermessen, die sie für die gemeinsam geschaffenen Bühnenwerke erhält. Sie stellt ihre eigenen schriftstellerischen Ambitionen hinten an, um am Lebenswerk Brechts mitzuarbeiten - zuletzt in der DDR. Bis über dessen Tod hinaus bleibt Elisabeth Hauptmann Brecht treu, spielt ihren Einfluss herunter und verlegt seine Schriften. Am 20. April 1973, heute vor 40 Jahren, ist die heimliche Mutter der Dreigroschenoper in Ost-Berlin gestorben.

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Audrey Hepburn: Die Leinwand-Königin

Breakfast at Tiffany's trailer. Lizenziert unter Gemeinfrei
Breakfast at Tiffany's trailer. Lizenziert unter Gemeinfrei
Roman Holiday trailer. Lizenziert unter Gemeinfrei
Roman Holiday trailer. Lizenziert unter Gemeinfrei

Sie frühstückte bei Tiffany: Audrey Hepburn. In der Verfilmung von Truman Capotes Roman Breakfast at Tiffany's zeigt sich die Hepburn von ihrer bekanntesten Seite: Ein Mädchen aus kleinen Verhältnissen und mit großen Rehaugen träumt von der weiten Welt und vom großen Geld. Beruflich hat sich die 1929 geborenene Audrey Hepburn Anfang der 1960er Jahre beide Träume bereits erfüllt: Als gefeierter Hollywood-Star hat sie schon 1953 den Oscar gewonnen (für ihre erste Hauptrolle in "Ein Herz und eine Krone"). Insgesamt wird ihre Karriere mit vier weiteren Oscar-Nominierungen veredelt, ganz zu schweigen von den Golden Globes, Emmys und Grammys. Da kann sie es verschmerzen, dass in ihrer Paraderolle als New Yorker Möchtegern-Girlie Holly Golightly in Breakfast at Tiffany's am

Ende doch nicht das große Geld wartet, sondern die große Liebe. Ihr zärtlich dahingehauchter "Moon River" wird zum Liebeslied einer ganzen Generation (siehe Clip).  Im Leben hat Audrey Hepburn weniger Liebesglück als auf der Leinwand: Erst läuft ihr in der KIndheit ihr Vater weg, dann erleidet sie mehrere Fehlgeburten ehe sich ihr sehnlicher Kinderwunsch erfüllt und schließlich scheitern ihre Ehen mit den beiden Vätern ihrer Kinder (mit dem Schauspielkollegen Mel Ferrer und dem Psychiater Andrea Dotti). Audrey Hepburn aber hat der Liebe trotz allem nicht abgeschworen: In späteren Jahren setzt sie sich als UNICEF-Sonderbotschafterin leidenschaftlich für notleidende Kinder in der Dritten Welt ein. Diesem Anliegen kommt bis heute die Audrey Hepburn Children's Fund nach. Leider ohne die Namesgeberin, denn Audrey Hepburn ist am 20. Januar 1993 an Krebs gestorben.


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Jane Avril: Die Tänzerin

Jane Avril. Lizenz: gemeinfrei
Jane Avril. Lizenz: gemeinfrei

Sie war die Muse des Montmatre: Jane Avril. Die Pariser Bohème- und Künstlerszene der Jahrhundertwende ist verzückt und pilgert in die Tanzlokale 'Moulin Rouge' und 'Le Chat Noire', um sie tanzen zu sehen. Dabei ist die Glücklichmacherin Jane Avril (geb. 1868) herzensunglücklich: Zu tief sitzt das Trauma ihrer Jugend: Vom Vater sitzen gelassen und von der Mutter geprügelt landet die kaum Sechszehnjährige in der Nervenklinik - und dort unter der Fuchtel experimentierfreudiger Ärzte. Allein den instinktiven, grazilen und an lautlose Musik geschmiegten Bewegungen verdankt Jane Avril ihre Entdeckung als Tänzerin, die sie dann über dritt- und zweitklassige Etablissements bis auf den Pariser Olymp - den Montmatre - führt. Dort also betört Jane Avril mit ihren anmutigen und verführerischen Tänzen Pablo Picasso,  Henri Rousseau und Henri Toulouse-Lautrec. Vor allem Toulouse-Lautrac zeichnet, malt und druckt immer wieder Jane Avrils Konterfei und ihre typischen Tanzposen. Seine Begeisterung für Jane Avril ist noch heute ansteckend. So hat die renommierte Londoner Courtauld Gallery die Freundschaft der beiden zum Gegenstand einer Austellung gemacht (siehe Clip). Der Zauber Jane Avrils ist unsterblich, auch wenn sie am 16. Januar 1943 gestorben ist - heute vor 70 Jahren. 


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Adriano Celentano: Der politische Entertainer

Adriano Celentano (Foto: Dekt, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)
Adriano Celentano (Foto: Dekt, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Er ist einer der großen italienischen Entertainer: Adriano Celentano. Als gelernter Uhrmacher erkennt er früh die Zeichen der Zeit, sucht sein Glück im Rock 'n' Roll - und findet eine Karriere im Rampenlicht: Als 19jähriger gewinnt Adriano 1957 seinen ersten Wettbewerb, macht damit das Kino auf sich aufmerksam und legt daraufhin eine beeindruckende Doppelkarriere hin. Auf der Bühne rockt er die Festivals mit eigenen und gecoverten Nummern (zum Beispiel 'Azzurro' von Paulo Conte). Über 150 Millionen Platten hat Celentano verkauft. Auf der Leinwand zeigt er vor allem seine Qualitäten im Slapstick (siehe unten: Querschnitt-Clip).

Der Titel eines seiner beliebsten Streifen, 'Gib dem Affen Zucker', könnte auch das Motto seiner Fernsehshow 'Rockpolitik' (2005) sein - nur umgekehrt:

Der Titel eines seiner beliebsten Streifen, 'Gib dem Affen Zucker', könnte auch das Motto seiner Fernsehshow 'Rockpolitik' (2005) sein - nur umgekehrt: Gib dem Affen Saures! Der Affe ist niemand geringeres als der damalige italienische Regierungschef Silvio Berlusconi. Und obwohl der auch den staatlichen Sender RAI lenkt kann er nicht verhindern, dass Celenatano auchgerechnet auf dieser Bühne lautstark gegen Berlusconi wettert. Genüsslich kommentiert Celentano vor einem begeisterten Millionenpublikum  die Einschätzung der unabhängigen Organisationen Freedom House, wonach die Presse in Italien nur "teilweise frei" frei sei und sich mit Bolivien und der Mongolei den 77. Platz der Länderrangliste teilt.  "Alle haben Angst vor den Worten", erklärt er.


"Heutzutage kann man nur die Dinge sagen, die niemanden stören." Die Italiener aber lechzen nach dem freien Wort und danken es Celentano mit nie gekannten Einschaltquoten. Vielleicht sollte sich Berlusconi die 'Rockpolitik' nochmal genau anschauen, ehe er wiederum nach der Macht über die greift, die ihn mit Schimpf und Schande davon gejagt haben. Für die Italiener jedenfalls ist es ein großes Glück, dass nicht alle Rock 'n' Roller früh sterben. Adriano Celentano jedenfalls feiert heute seinen 75. Geburtstag - das Eulengezwitscher gratuliert: Tanti auguri di buon compleanno!

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Hans Moser: Der singende Dienstmann

Foto: Willy Pragher. Lizenziert unter CC BY 3.0
Foto: Willy Pragher. Lizenziert unter CC BY 3.0

Sein Herz war ein Bilderbuch vom alten Wien: Hans Moser. Als volksnaher Schauspieler bewahrte er den Wienern mit seiner fröhlichen Granteligkeit in der Zwischen- und Nachkriegszeit den Zauber der ruhmreichen Habsburgerära. Solange sich aber die hochnäsigen Wiener im Glanz ihrer Weltmacht sonnen können, wollen sie den kleingewachsenen Moser (1,57 Meter) nicht: Auf den edlen Brettern des Theaters in der Josefsstadt erwartet man starke und gestandene Männer. Moser zieht vorerst durch die Provinz des habsburgischen Vielvölkerreiches. Nach dem Ersten Weltkrieg gelingt ihm aber mit dem Sketch "Hallo Dienstmann" (1923) der Durchbruch. Ohne Groll kehrt der Grantler treu zu seinen Wienern zurück, die ihm jetzt zu Füßen liegen. Als sie wenige Jahre später Hitler auf dem Balkon der Hofburg zujubeln, zeigt Moser abermals, was echte Treue ist: Obwohl der Druck groß ist, lässt er sich nicht von seiner  jüdischen Frau scheiden. Zwar muss sie für einige Zeit ins ungarische Exil fliehen, doch nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Mosers wieder vereint. Auch seine Paraderolle zieht wieder nach Wien: Der Dienstmann erobert die Bühnen der gefallenen Weltstadt (siehe Clip mit Paul Hörbinger) und wird sogfar als Verwechselkomödie verfilmt (1952). Damit hat Moser nicht nur das alte Wien, sondern auch sich selbst  unsterblich gemacht. Heute wäre er 132 Jahre alt geworden - Hans Mosers Geburtstag ist der 6. August 1880.

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Marlon Brando: Der Pate

On the Waterfront trailer Public domain
On the Waterfront trailer Public domain

Die Leinwand war sein Leben, charismatische Charaktere seine Königsdisziplin: Marlon Brando. Den Anfang seiner Karriere markiert eine Endstation - die "Endstation Sehnsucht". Ende der 1940er Jahre entdeckt Brando auf den Brettern des Broadways die große Bühne als Berufung und bald schon hat Hollywood einen neuen Hoffnungsträger. Filme, in denen Brando als Held ('On the Waterfront', 'Viva Zapata!'), als Liebhaber ('Sayonara') oder als Bösewicht ('Der Wilde') besticht, werden zu Kasseschlagern. Unsterblich aber wird er als Mafia-Oberhaupt Don Vito Corleone in Mario Puzos 'Der Pate'. Hollywood ist begeistert und Brando wird 1973 mit dem Oscar belohnt. Auf Roger Moore, der den höchsten Filmpreis überreichen soll, wartet aber eine faustdicke Überaschung: Diese Bühne wird Brando nicht betreten. Stattdessen tritt eine schöne Indianerin vor das konsternierte Publium.

Foto: U.S. Information Agency. Press and Publications Service. (ca. 1953 - ca. 1978), Lizenz: gemeinfrei
Brando beim Marsch auf Washington

Sacheen Littlefather lässt ausrichten, Brando werde die Auszeichnung ablehnen und damit gegen die Behandlung der amerikanischen Ureinwohner durch die Filminduistrie protestieren (siehe Videoclip). Dass die zarte Squaw, die sichtlich gerührt Brandos Botschaft überbringt, eigentlich Maria Cruz heißt und ebenfalls Schauspielerin ist, gerät zur Nebensache. Denn Brando ist kein unbeschriebenes Blatt im Kampf gegen die Benachteiligung von Minderheiten: Schon zehn Jahre zuvor ist er an der Seite von Martin Luther King gegen die Rassentrennung nach Washington marschiert. Denn auch Brando hat zeitlebens von Gleichberechtigung und Brüderlichkeit geträumt. Am 1. Juli 2004 ist Brando gestorben - heute vor acht Jahren.

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