Johnny Cash: Dunkle Stimme, dunkles Leben

Johnny Cash ist ein Country-Held. Sein Leben hatte er nicht so gut im Griff wie seine Gitarre. Lesenswert ist es trotzdem...

Victoria Ocampo
Lizenziert unter Gemeinfrei

Eigentlich wollte Johnny Cash nur angeln. Mit seinem Wohnmobil ist er zu dem Weier im Wald gefahren. Unterwegs hat er sich Tabletten eingeworfen. Cash schluckt Aufputschmittel. Er braucht das, obwohl er alles hat, was ein Mann braucht: Familie und einen Traumjob als gefeierter Country-Musiker. Im Rausch hat er den Wald angezündet. Jetzt brennt alles lichterloh - auch sein Leben - und hätte sein Neffe nicht Hilfe geholt, wäre auch Cash verbrannt.

Click auf's Cover: Direkt zum Verlag
Click auf's Cover: Direkt zum Verlag

Die Stimme von Johnny Cash ist unverkennbar: Dieser klare und doch brummige, volle und doch verletzliche tiefe Sound seines Bassbaritons ist nicht nur sein musikalisches Markenzeichen. Er lässt tief in die Abgründe der Lebensgeschichte dieser legendären Country-Ikone blicken. Mann in Schwarz haben sie ihn genannt - und auch hier muss man nicht nur an die typische Kleidung von Johnny Cash denken - es trifft auch auf seine geschundene Seele zu. Cash ist ein Lebenskünstler und ein Lebensversager. Einer, der alles erreicht hat: Familie und Fans, Geld und Ruhm - und einer, der all das ruiniert, weil er sich derbe gehen lässt und seiner Tablettensucht das Spiel seines Lebens überlässt. Ein Biograf, der sich anschickt, diesen Widerspruch zu erklären, braucht braucht Platz, viel Platz. Robert Hilburn hat sich über 800 Seiten gegönnt: Das wiederum ist der Albtraum des Rezensenten. Aber dieses Mammutwerk ist ein Meisterwerk: Eine intimes Lebensgemälde, das auf einer Staffelei mit drei Beinen steht: Auf der unverhohlenen Bewunderung für den Künstler Cash, auf dem einfühlsamen Umgang mit der labilen Psyche eines innerlich vereinsamten Superstars - und auf der kompromisslosen Verurteilung des unverantwortlichen Lebenswandels von Johnny Cash.

Victoria Ocampo im Biografien-Blog
Lizensiert unter Gemeinfrei

Es wäre leicht, Johnny Cashs Lebensgeschichte in Sterotypen zu erzählen: Der Junge, der Gospels singt und dem die Mutter nicht nur das Leben schenkt, sondern auch die Gitarre, die ihn berühmt macht. Die Ehe mit Vivian, die schwierigen ersten Karriereklänge, das Familienglück von vier Töchtern, der musikalische Durchbruch, das Abrutschen in die Tablettensucht, die Verhaftung wegen Drogenbesitzes, Scheidung, Selbstmordversuche, neue Liebe, legendäre Konzerte (beispielsweise im Folsom-Gefängnis), Weltruhm. Cashs Biograf Hilburn macht es sich nicht so einfach. Er hat nicht den Drang, nur die Skandale oder familiären Tragödien zu zeigen, sondern das ganze Bild. Dazu zählen Song-Analysen, Zeitzeugen-Interviews, Einordnungen und eine Tendenz zur Vollständigkeit, die manchmal an Unerbittlichkeit grenzt (zum Beispiel bei der Fülle an Namen von Weggefährten, Partnern und Managern). Es es selten, dass eine Biografie nichts allzu sehr  beiseite lässt und nichts allzu sehr aufgebauscht. Robert Hilburn hatg das geschafft - und Johnny Cash ein echtes Denkmal errichtet.

Ähnliche Biografien...

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Edvard Munch: Der melancholische Maler

Edvard Munchs Gemälde und Selbstportraits sind weltberühmt. Eine Biografie zeigt die Lebensgeschichte hinter der Leinwand.

Edvard Munch im Biografien-Blog
© Munch Museum / Munch-­‐Ellingsen Group / BONO, Oslo 2013 Photo: © Børre Høstland, National Museum

Der Schrei ist eine gemalte Autobiografie des norwegischen Künstlers Edvard Munch. Das weltberühmte Gemälde zeigt grelle Farben und schwungvolle Wendungen, skandinavische Fjorde und abendliche Melancholie, panische Angst und tiefe Verzweiflung. Eine neue Biografie stellt den Menschen hinter dem Maler Munch in Worten vor - aber kaum weniger eindringlich. 

Die Lebensgeschichte

Click auf's Cover: Direkt zum Verlag
Click auf's Cover: Direkt zum Verlag

Edvard Munch wird im Dezember 1863 geboren. Die dunklen Seiten des Lebens lernt er früh kennen. Fünf Jahre ist er alt, als die Mutter stirbt. Ihre Schwester, Tante Karen, kümmert sich um Edvard und dessen Familie. Ihrem Engagement verdankt Edvard den bitter notwendigen Halt in seinem noch jungen Leben. Denn wenig später verliert er auch noch seine geliebte Schwester. Das wird sein späteres künstlerisches Schaffen prägen. Der Vater, ein Mediziner, erkennt wie Tante Karen, was in seinem Jungen steckt und schickt ihn zum Zeichenunterricht - so wie auch Picasso von seinem Vater gefördert wird. 

© Munch Museum / Munch-­‐Ellingsen Group / BONO, Oslo 2013 Photo: © Munch Museum
© Munch Museum / Munch-­‐Ellingsen Group / BONO, Oslo 2013 Photo: © Munch Museum

Ganz ähnlich wie der etwas jüngere Picasso nutzt Munch die akademische Ausbildung dazu, sich radikal von Allem abzuwenden, was die klassische Kunstwelt bislang gesehen hat. Seine Motive malt ein braver Maler nicht. Sie so düster und verstörend wie seine eigene Jugend. Das kranke Kind ist eines der ersten Bilder, in denen Munch sein emotionsgeladenes Schaffen kompromisslos ins Werk setzt. Wie der Schrei lässt ihn auch das kranke Kind (seine sterbende Schwester) nicht los - er malt es immer wieder.

Wie sehr Munch, der in seinen ausdrucksstarken Werken allmählich zum Meister des Expressionismus heranreift, Gefangener seiner eigenen Gefühle ist, zeigt sich in seinen Selbstporträts. Im Laufe seines Künstlerlebens haucht er ihnen immer wieder die schwankenden Stimmungen ein, in denen sie entstehen. Die Selbstportäts erlauben ungeschminkte Einblicke in die geschundene Seele eines melacholischen Künstlers. Denn Munch ist psychisch labil.  Er durchlebt euphorische wie depressive Phasen, die ihn nicht nur zum Alkohol verleiten, sondern auch psychologische Behandlungen erfordern.

Edvard Munch
Lizenziert unter Gemeinfrei

Seiner Kunst schadet das nicht: Selbst in hoffnungsloser Niedergeschlagenheit führt das Genie für Edvard Munch den Pinsel. Die rabiate Zurschaustellung menschlicher Empfindungen stößt seine Zeitgenossen ab - und zieht sie an. Denn irritierende Bilder sind reizvoll und finden immer wieder die nötigen Förderer. Als die Öffentlichkeit entdeckt, das hinter den schrägen Gemälden ein noch schrägerer Typ steckt, da ist der Durchbruch fast ein Selbstläufer. Irgendwann aber wird es selbst dem Fürsprecher der ausdrucksstarken Farben zu bunt. Munch zieht sich zusehends zurück, um in Ruhe zu malen.

Die Rezension

Es ist nicht immer leicht, sich auf innerlich zerrissene Menschen einzulassen. Edvard Munchs Bilder verraten Emotionen, aber nicht deren Ursachen. Diese wertvollen Ergänzen sind Aufgabe des Biografen. Atle Naess hat diese Aufgabe glänzend bewältigt: Er vollzieht Monat für Monat und Jahr für Jahr Munchs seelisches Befinden nach. Das könnte eine Ochsentour sein (für Autor wie Leser) und der voluminöse Umfang des Buches deutet auch darauf hin. Aber weit gefehlt. Munchs Lebensgeschichte ist fundiert recherchiert und ansprechend aufbereitet. Zwar ist diese Biografie kein rasanter Lebensthriller, sondern eher ein Bericht. Die Spannung wird aber hoch gehalten, weil Atle Naess den Zugang zu Munchs Psyche gefunden hat und profund hindurchführt. Dabei verzichtet er dankenswerterweise auf pseudo-psychoanalytische Botschaften und überlässt dem Leser ein eigenes Urteil. Dieses Buch führt zu Munch, ohne ihn in konstruierter Weise zu überführen.

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Udo Lindenberg: Der Einheitsrocker

Udo Lindenbergs Musik hat die Berliner Mauer erschüttert. Udo hat für die Einheit gerockt - die Audiostory berichtet davon...

Udo Lindenberg im Biografien-Blog
Udo Lindenberg (Pressefoto von Tine Acker)

"Och, Erich ey, bist Du denn wirklich so ein sturer Schrat?" Udo Lindenberg singt den ostdeutschen Machthaber Erich Honecker ganz persönlich  an - auf dem ganz großen Bahnhof. Dort steht der Sonderzug nach Pankow bereit zur Abfahrt. Udo will für alle Deutschen rocken, aber der sture Schrat lässt ihn nicht rein in die DDR. Der "kleine Udo" gibt sich betont naiv - und das ist ziemlich end: "Warum lässt Du mich nicht singen im Arbeiter- und Bauernstaat?"

Udo Lindenberg: Die Lebensgeschichte

Ja, warum eigentlich nicht. Die Stasi, Honeckers skrupelloser Spitzeldienst, kann nicht erkennen, dass Udo Lindenberg ein typischer Westmusiker ist. Dabei ist Udo ein echter Westfale, 1946 geboren und aufgewachsen in Gronau. Der spätere Panikmacher Udo Lindenberg entdeckt seine Leidenschaft sehr früh: Er trommelt, was das Zeug hält. Das macht er gut. Der Mann am Schlagzeug der ersten Tatort-Titelmelodie ist Udo Lindenberg. Panik kriegen da höchstens seine Eltern Hermine und Gustav. Was soll bloß aus dem Jungen werden?

Click auf's Cover: Direkt zum Verlag
Click auf's Cover: Direkt zum Verlag

Klar: Musiker! Aber das Schlagzeug ist nur seine erste Liebe. Die ist heiß und innig und man vergisst sie nie. Aber die Liebe seines Künstlerlebens wird das Mikrofon. Udo Lindenberg kann zwar nicht singen, aber er ist ein genialer Sänger. Der Sonderzug seiner Karriere hält erstmal an jeder Milchkanne: Stationen in kleinen und größeren Bands markieren seinen Weg zum Chef des Panikorchesters, das ab 1973 tourt. Lindenbergs musikalische Neugier, seine Kunstfiguren wie Bodo Ballermann und Rudi Ratlos und vor allem seine unnachahmliche Stimme machen ihn, der fast immer schwarz trägt, zu einem der buntesten Rocker Deutschlands.

Dem geteilten Deutschland ergeht es in diesen Jahren weit schlechter als Udo, der sich von Erfolgsalbum zu Erfolgsalbum komponiert - die Nase immer dicht dran an gesellschaftlichen Trends und Problemen. Deutschlands Teilung ist so ein Problem, dem sich Lindenberg in den 1980er Jahren zuwendet. Lindenberg singt an Honecker und schreibt an Honecker, bis er endlich (unter strengen Auflagen) wirklich einmal in Ostberlin auftreten darf (vor parteitreuen Nachwuchssozialisten). Eine schon genehmigte Tournee wird wieder abgesagt. Aber Lindenberg lässt nicht locker. Er schenkt Honecker eine Lederjacke: "Ich weiß, tief in dir drin, bist Du eigentlich auch'n Rocker." Als die Mauer zwei Jahre später endlich fällt, baumelt am Bande um Udos Hals das Bundesverdienstkreuz für seine Bemühungen um die Verständigung zwischen Ost und West.

Udo Lindenberg im Biografien-Blog
Udo Lindenberg 1974 (Foto: Heinrich Klaffs, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Udo Lindenberg Audiostory: Die Rezension

Über Udo ist alles gesagt. Das macht eine neue Biografie zur echten Herausforderung. Michael Herden scheint das gewusst zu haben. Jedenfalls hat er die Finger gelassen von einer Skandal-Biografie, die sich mit einzigartigen neuen und in solchen Fällen meist zweifelhaften Erkenntnissen brüstet. Die Audiostory referiert Lindenbergs Leben und sein Lebenswerk. Das ist sowohl famos als auch etwas fade. Famos ist diese Audiostory aus drei Gründen. Erstens: Sie liefert in knapp vier Stunden Hörzeit Lindenberg kompakt mit allem, was man wissen muss. Zweitens: Die Audiostory ist gespickt mit Einspielern von Udos Weggefährten. Die Aufnahmequalität lässt zwar vermuten, dass es sich hier um Mitschnitte der Rechercheinterviews handelt, aber der dokumentarische Wert macht das allemal wett. Drittens: Lindenbergs Leistungen (wie das Bemühen um die Deutsche Einheit) werden gewürdigt, ohne dass seine Schattenseiten (Alkoholprobleme, Streitigkeiten in der Band) ausgeblendet werden. Etwas fade ist die Audiostory, weil sie weniger wie eine Erzählung als wie ein Bericht daherkommt. Der nüchterne Stil macht es manchmal schwer, die schillernde Figur Udo Lindenberg vor Ohren zu haben...

Ähnliche Biografien im Blog...

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Astrid Lindgren: Die Kinderbuch-Revoluzzerin

Astrid Lindgren hat Kinder zu Helden gemacht. Kein Wunder: Ihr Erwachsenenleben war nicht immer leicht. Ein Blick hinein...

Licensed under Public Domain
Licensed under Public Domain

Sie hat die klassische Kinderliteratur revolutioniert: Astrid Lindgren. Sie macht Schluss mit brutaler Abschreckung und Angstmacherei á la Struwwelpeter oder Max und Moritz. Ihre kindlichen Helden müssen ihre Lausbubenstreiche nicht mit dem Leben bezahlen. Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter sind zwar genauso frech, aber immer liebenswert, guten Herzens - und den Erwachsenen meistens einen Schritt voraus. Dass Astrid Lindgren in ihren selbstständigen und auf sich gestellten Kinderfiguren ihre eigene innere Einsamkeit verarbeitet, merkt man ihnen kaum an. Ihrem Biografen bleibt es jedoch nicht verborgen - und auch ihre Kriegstagbücher sind vielsagend...

Klick auf's Bild: Direkt zum Verlag
Klick auf's Bild: Direkt zum Verlag

Astrid Lindgren (Jahrgang 1907) ist keine geborene Schriftstellerin. Als Bauerstochter kann sie von Ruhm und Reichtum träumen. Dafür verlebt sie eine wunderbare Kindheit und Jugend auf dem Land. Vor allem ihre Kinder von Bullerbü sind literarische Kindheitserinnerungen. Ihr Arbeitsleben dreht sich dann allerdings von Anfang an ums Schreiben: Sie lektoriert bei einer Lokalzeitung und drauf und dran, selbst Journalistin zu werden. Dann hat eine Affäre mit dem noch verheirateten Chefredakteur Folgen: Lindgren ist schwanger und das geht gar nicht: Sie muss Hals über Kopf ihre ländliche Heimat verlassen, damit niemand sieht, was ja doch jeder weiß: Dass sie ein uneheliches Kind austrägt. Finanzieren muss sie weitgehend selbst. Sie jobbt als Stenographin und findet mehr als einen Brotberuf. Sie heiratet ihren Büroleiter Sture, der den unehelichen Sohn annimmt und mit Astrid eine Tochter hat. Das Familienglück hält nicht ewig: Sture ist untreu und richtet sich mit der Flache zugrunde. Astrid Lindgren ist allein auf sich gestellt. Sie kennt das schon: Im Krieg hat sie auch alles alleine machen müssen. Dabei hat sie sich nie aufgegeben, sondern immer nach vorne geschaut. Der Krieg offenbart auch erstmals die Genialität der Schriftstellerin Astrid Lindgren. Ihre Kriegstagebücher, die sie nur für sich schreibt, sind bewegende autobiografische Dokumente, die von den täglichen Sorgen, der Verzweiflung und der Hoffnung einer jungen Mutter erzählen. Ihr waches Interesse am Weltgeschehen, ihre immer umsichtigeren Einschätzungen und ihre wachsende innere Distanz zu allen Kriegsparteien zeigen sie ebenso wie der pragmatische Umgang mit Alltagsproblemen als starke und eigenständige Persönlichkeit. Als Hörbuch, gelesen von Eva Matthes, sind die Kriegstagebücher nochmals eindrücklicher.

Nach dem Krieg geht alles ganz schnell: Astrid Lindgrens Tochter ist krank und will die Geschichte einer gewissen Pippi Langstrumpf hören. Was als Gute-Laune-Geschichte für das kranke Mädchen beginnt, wächst sich zum dicken Manuskript aus. Aber noch ist der Durchbruch nicht geschafft. Erst nachdem sie mit einer anderen Geschichte einen Schreibwettbewerb gewinnt, bringt sie ihre Pippi bei einem kleinem Verlag unter, der sich damit saniert und gleich groß rauskommt. Lindgren schafft sich bei diesem Verlag ihre eigene Stelle im Lektorat für Kinderbücher. Vormittags schreibt sie zuhause ihre eigenen Geschichten, nachmittags erledigt sie für den Verlag die Korrespondenz rund um die geplanten Neuerscheinungen und abend liest die die eingereichten Manuskripte. So wird sie zur prägenden Figur einer zeitlosen Kinderliteratur, die bis heute Kassenschlager sind. Das liegt daran, dass Astrid Lindgren nicht nicht nur mit einer wunderbaren Fantasie gesegnet ist, sondern auch das richtige Näschen für Trends, Marketing und Vertriebswege hat. All das ist in der gut gemachten Biografie von Jens Andersen aufgeschlüsselt. Andersen erzählt gut - und er erzählt nicht nur Lindgrens Lebensgeschichte. Er bindet ihren persönlichen Werdegang und ihr literarisches Schaffen zusammen. Etwas schade ist, dass schriftstellerische Erfolg auf Kosten des Privatlebens geschildert wird. Denn bis ihrem Durchbruch mit Pippi Langstrumpf liegt der Schwerpunkt der Biografie auf dem dem Menschen Astrid Lindgren, danach fast nur noch auf der öffentlichen Person. Das kann den guten Gesamteindruck aber nicht schmälern. 

Rezension weiterzwitschern...

Victoria Ocampo: Literatur als Lebensentwurf

Victoria Ocampo liebt die Literatur und das Leben. Eine moderierte Autobiografie zeigt, wie gut das vereinbar ist.

Victoria Ocampo
Lizenziert unter Gemeinfrei

Das Buch ist ein Versuch: Ein Mischung aus Biografie und Autobiografie von und über Victoria Ocampo. Dieses ungewöhnliche Genre der moderierten Autobiografie wird der Literatur-Latina (Ocampo stammt aus Argentinien) voll gerecht. Erstes ist nichts an dieser Kulturmoderatorin gewöhnlich und zweitens schreibt die Dame von Welt zwar gut, aber zu viel: Bei gleich sechs Bänden Autobiografie könnte man Vicoria Ocampo überdrüssig werden - und das wäre schade.

Click auf's Cover: Direkt zum Verlag
Click auf's Cover: Direkt zum Verlag

Victoria Ocampo (1890-1979) hat viel zu erzählen über ihr Leben für die Literatur: Sie ist in Argentinien aufgewachsen, wo ihre Eltern als Großgrundbesitzer das nötige Kleingeld haben, um sie bestens ausbilden zu lassen. Hauslehrerinnen wecken in ihr die Liebe zum Lesen. Veredelt wird ihr Literaturstudium in Paris und London. Aber gegen alle Erwartungen ist dieses kulturelle Rüstzeug nicht nur eine Mitgift für eine Hochzeit in einflussreiche Kreise. Ocampo heiratet zwar, aber die Ehe ist nichts für die Ewigkeit - anders als die geliebten Bücher:  Victoria Ocampo liest sich sozusagen heraus aus gesellschaftlichen Zwängen und dreht ihr eigenes Ding. Sie schreibt, gibt eine Zeitschrift heraus, netzwerkt mit den Größen der südamerikanischen und internationalen Literaturbranche, darunter José Ortega y Gasset und Virginia Woolf. Ocampo ist geschätze Gastgeberin und Beraterin. Sie vermittelt talentierte Schriftsteller nach Europa und ist eine der ersten Literaturagentinnen und Kulturvermittlerinnen. 

Victoria Ocampo im Biografien-Blog
Lizensiert unter Gemeinfrei

Zugegeben: Ich kannte Victoria Ocampo nicht, ehe sie mir aus dem Biografien-Regal entgegengepurzelt kam. Über ihren Einfluss kann man nur staunen. Sie ist wirkungsvoll und geheimnisvoll zugleich. In den sozialen Netzwerke wäre sie wohl ein Superstar gewesen: Eine Frau, die überall präsent ist und weiß, wie man sich in Szene, ohne allzuviel Persönliches von sich preiszugeben. Etwas Licht ins Dunkel des Privatlebens dieser beeindruckenden Persönlichkeit bringt Renate Kroll, die Victoria Ocampos gesammelte autobiografische Schriften ausgewertet, gekürzt und einfühlsam neu zusammengestellt hat.

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Cornelia Goethe: Die Schwester des Genies

Über Cornelia Goethe weiß man wenig. Eine neue Biografie zeigt die Leiden des Lebens im Schatten des Dichterfürsten

Sie ist die unbekannte Schwester des Genies: Cornelia Goethe ist im selben Haushalt aufgewachsen wie der berühmteste Deutsche aller Zeiten. Doch obwohl man über den Dichter und Denker Johann Wolfgang von Goethe so ziemlich alles weiß, liegt das Leben seiner Schwester im Dunkeln. Dabei war sie ihm eine enge Vertraute und eine wichtige Gesprächspartnerin. Eine einfühlsame Biografie spürt ihr nun nach - und zeigt eine einsame und verkannte Frau, die in ihrer Zeit kein Zuhause findet.

Click auf's Cover: Direkt zum Verlag
Click auf's Cover: Direkt zum Verlag

Cornelia (geboren 1750) ist 15 Monate jünger als ihr Bruder. Sie hat beim gleichen Hauslehrer gelernt wie Johann Wolfgang. Der Vater, ein wohlhabender Regierungsrat, legt Wert darauf, dass seine beiden Kinder umfassend ausgebildet werden. Cornelia ist also weit mehr als eine Schattenschwester. Sie ist eine unverzichtbare intellektuelle Sparringspartnerin des künftigen Dichterfürsten und diskutiert sogar die Stoffe mit ihm, die er später zu den großen Dramen ausarbeitet. Doch trotz der toleranten Erziehung in Sprachen und Künsten bleibt ihr der Zugang zur Welt der oberen Zehntausend versperrt. Ihr kritischer Geist leidet darunter, dass sie nicht den Sprung in die einflussreichen Salons und Gesprächskreise schafft. Da sie keine strahlende Schönheit ist, zieht sie auch keine Greencard als Muse wie beispielsweise Alma Mahler. Sie heiratet einen Macher, der in der öffentlichen Verwaltung Karriere macht. Für ihn sind Kunst und Kultur weniger greifbar, als Organisationsabläufe und Sacharbeit. Ihr sensibles Wesen ist nicht dazu gemacht, als Hausfrau und Mutter zu funktionieren. Innerlich vereinsamt sie, auch weil ihr Bruder den Kontakt nach ihrer Heirat abkühlen lässt.

Cornelia Goethe im Biografien-Blog
„Die Gartenlaube (1867). Lizenz: Gemeinfrei

 Hat er sie etwa nicht nur als Schwester geliebt? Zwischen den Zeilen der Biografie lässt sich das erahnen, aber Sigrid Damm, eine Goethe-Kennerin, bleibt im Vagen. Überhaupt setzt sie häufig Fragezeichen in die Lebensgeschichte ihrer Titelheldin. Das betrifft eine unglückliche Liebe in Cornelias Jugend, das betrifft ihr Empfinden in der Ehe. Den Gemütszustand schlüsselt sie überwiegend anhand Cornelias Tagebuch auf, das ganz im Trend der Zeit als Briefroman verfasst ist. Trotzdem ist es gut, dass die Biografin nicht der Versuchung erliegt, allzuviel Spekulation zu betreiben. Sie zeichnet die Lebensumstände Cornelia Goethes nach und überlässt es den Leserinnen und Lesern, sich ihr eigenes Urteil zu bilden. Dieser Ansatz, ein verborgenes Leben nachzuzeichnen, ist überzeugend und gut gelungen.

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Jessye Norman: Die Stimmgewaltige

Die Sopranistin Jessye Norman erhebt ihre Stimme für Gott, gegen Rassismus und für ihr begeistertes Publikum.

Stilfehler - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
Stilfehler - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Aida, Cassandra, Isolde: Jessye Norman hat den berühmtesten Frauenfiguren der Operngeschichte ihre Stimme geliehen. Auch die Lebensgeschichte der Sopranistin hat was von Oper: ein alptraumartiges Setting im Amerika der Rassendiskriminierung, ein Traum vom Singen, eine traumhafte Karriere auf den großen Bühnen der Welt - und einen mächtigen Verbündeten: Gott. Das ist der Stoff, aus dem spannende Lebensgeschichten gemacht werden. Jessye Normans Autobiografie wird dieser Hoffnung leider nicht ganz gerecht, dafür aber auf eine ungewöhnliche Weise.

Click auf's Cover: Direkt zum Verlag
Click auf's Cover: Direkt zum Verlag

Klassische Autobiografien von klassischen Musikern funktionieren in etwa so: Das Wunderkind wird entdeckt, es folgen dankbare Erinnerungen an rennommierte Ausbildungsstätten und Lehrer, ehe schließlich die Konzertreisen und Begegnungen nacherzählt werden. Musiker schreiben über die Musik, der sie ihr Leben geweiht haben. Bei Jessye Norman ist das ein bißchen anders - und das ist der größte Vorzug an ihrem Buch: Sie schreibt über sich und ihr Leben mit Musik. Wer die Sopranistin für ihre Stimme und ihre Virtuosität verehrt, der hört sich allerdings besser ihre Aufnahmen an. Denn einzigartige Einsichten in das Innenleben der Figuren erhofft, die sie verkörpert hat, haben ihre Memoiren nicht zu bieten. Selten geht das Niveau in dieser Hinsicht über die üblichen oberflächlichen Floskeln hinaus, die in Opernpausen bei Sekt und Brezeln ausgetauscht werden. 

Wer aber etwas über die besondere Persönlichkeit hinter den Rollen erfahren will, in die Jessye Norman schlüpft, der wird sowohl in den einzelnen Abschnitten als auch zwischen den Zeilen belohnt. Jessye Norman verzichtet darauf, langatmig durch ihre Laufbahn zu moderieren: Natürlich gehört der Durchbruch bei einem ARD-Wettbewerb dazu und natürlich ist es Chronistinnen-Pflicht, die Meilensteine einer außergewöhnlichen Karriere zu nennen. Aber das Buch ist keine dröge Nacherzählung von Auftritten und Erfolgen. Im Grund geht es ihr um andere Dinge: Sie ehrt das Andenken ihrer Mutter, die sie als Lebensheldin feiert; sie geißelt den latenten Alltagsrassismus, den sie bis heute nicht überwunden glaubt; sie hält ein flammendes Plädoyer für Spiritualität und Gottvertrauen. Das alles ist anregende Lektüre, die allerdings eher von Normans Leidenschaft als von nachdenkenswerten Denkanstößen getragen wird. Das jedoch hätte man sich von einer Frau dieses Formats aber schon irgendwie erwartet. Die Stimmgewalt auf der Bühne - mein absolutes Highlight ist ihre Darbietung der Sieglinde - überträgt sich leider nicht auf das, was sie im Buch zu sagen hat. Andeutungsweise schimmert dagegen die selbstgefällige Diva durch, die lieber die Lieder der Königinnen singt, als die der Dienstmädchen. Das mag sicherlich auch mit ihrem mutigem und stolzem Antirassismus zu tun haben. Aber dass Jessye Norman mit sich ganz zufrieden ist, bleibt nicht verborgen - gerade weil sich zwischen den Buchdeckeln ihrer Autobiografie nahezu keine Schattenseiten ihrer Persönlichkeit verstecken. So drängt sich der Eindruck einer vermächtnisartigen Selbstinszenierung auf - und das hat noch keiner Autobiografie gut zu Gesicht gestanden. 

Rezension weiterzwitschern...

Wolfgang Amadeus Mozart: Der ewige Hipster

Mozart ist seit Jahrhunderten hip. Stefan Frenz erzählt im Biografien-Blog, was ihn an dem genialen Musiker fasziniert.

Foto: Francisco Peralta Torrejón, CC-BY-SA 4.0, Collage: Uhl
Foto: Francisco Peralta Torrejón, CC-BY-SA 4.0, Collage: Uhl

Hallo Stefan, wie hast Du zu Mozart gefunden?

Mein Weg zu ihm führte mich über die Musik, die mir schon immer sehr gefallen hat. Die Einfachheit und Klarheit, die sich unter anderem in den Klavierstücken zeigen, haben mir schon viele schöne Stunden beim Hören beschert. Außerdem begeistert mich die Tatsache, dass Mozart in vielen spannenden Biografien als Wunderkind bezeichnet wird. Bereits im Kindesalter, wo heutzutage andere Kinder gerade einmal Schreiben und Lesen lernen, hat er seine ersten Stücke geschrieben und war bereits ein sehr guter Pianist. Leider ist er viel zu früh wahrscheinlich an Syphilis verstorben. Er wurde nur 36 Jahre alt.

 

Was fasziniert Dich an Mozart am meisten?

Besonders gerne höre ich das Lied des Papageno aus seinem umfangreichen Werk "Die Zauberflöte" [siehe Clip]. Schon im Alter von nur 6 Jahren trat er mit Stücken am Klavier auf, die er fabelhaft interpretierte.

Er war auch ziemlich produktiv...

Ja! Seine Lebensgeschichte ist vor allem durch seine enorme Schaffenskraft geprägt. Neben den schon erwähnten Klavierstücken entstanden auch verschiedene Opern. In Österreich aufgewachsen zog er später nach Deutschland, wo er sich auch noch zu Lebzeiten einen Namen machen konnte. Übrigens hatte er zusammen mit Constanze Weber auch insgesamt sechs Kinder...  

 

Wie inspiriert Dich Mozart im Alltag?

Manchmal nehme ich bestimmte Themen oder die eigene Arbeit zu ernst. Dann schalte ich ein schönes Klavierstück von ihm ein und besinne mich wieder auf die Einfachheit und Klarheit. So fallen die anstehenden Aufgaben leichter man kann sich optimal konzentrieren und man schafft mehr. Ich spiele selbst Klavier und lasse mich im Stil immer von seiner Musik inspirieren. Wenn die Finger ganz locker über die Tastatur laufen, klingt es auch für die Zuhörer angenehm.

 

Hast Du eine Biografie über Mozart gelesen?

Bei der Recherche für einen kurzen Steckbrief über Wolfgang Amadeus Mozart für meinen Blog (www.biografienblog.de) habe ich einige biografische Überblicke gelesen.

 


Mich haben vor allem die Fakten zu seinem musikalischen Schaffen und dem Werk interessiert. Dadurch habe ich zahlreiche neue Stücke von ihm entdeckt, die mir sehr gefallen haben.

 

Vielen Dank für's Mitmachen, Stefan!

Wer begeistert Dich? Wer inspiriert Dich?  Hast Du eine Lieblingsbiografie?

Hast Du Lust, davon im Biografien-Blog Eulengezwitscher zu erzählen?Mitmachen ist ganz leicht. Alles, was Du dazu wissen musst, findest Du hier...

Mitmachartikel weiterzwitschern...

0 Kommentare

Hugo und Emmy Ball: Leben als Literatur...

Zwei Künstlerrebellen auf der Bühne des Lebens: Hugo Ball und Emmy Hennings geben ein biografisches Drama... Vorhang auf!

Alle Bilder lizensiert unter gemeinfrei
Alle Bilder lizensiert unter gemeinfrei

Gläubige Nutte trifft verhinderten Doktor: Sie liebt seine Handschrift, er liebt ihren starken Auftritt. Emmy Hennings und Hugo Ball sind ein seltsames Paar. Beide sind verhinderte Literaten von Weltrang. Ihre Bücher und Theaterstücke lassen nicht wirklich die Kasse klingeln, aber ihre Gedanken revolutionieren die konventionelle Kunst mit dem Dadaismus. Während alle Welt in den Großen Krieg zieht, kämpfen sie mit verückter Nonsenskultur für den Frieden...

Click auf's Cover: Direkt zum Verlag
Click auf's Cover: Direkt zum Verlag

Die Zentrale des Wahnsinns heißt Cabaret Voltaire. Diese Züricher Künstlerkneipe ist die Wiege des Dadaismus. Eine Gruppe junger Literaten um Emmy Hennings und Hugo Ball findet das Verrecken in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs ziemlich aberwitzig. Man will das mit nationalistischem Pathos aufgeladene Völkerschlachten als das entlarven, was es ist: der reine Irrsinn. Und das Mittel der Wahl ist die ebenso sinnfreie Kunstform des Dadaismus: Sinnlose Texte, sinnlose Bilder, sinnloses Theater. Ganz nebenbei hinterfragt man damit auch den Heiligen Ernst der herkömmlichen Kunstbranche. Dabei geht es im Leben von Emmy und Hugo nicht minder drunter und drüber wie auf der kleinen Bühne des Cabaret Voltaire.

Emmy Hennings (1885-1948) war schonmal verheiratet, hat zwei Kinder zu Welt gebracht und dann bei ihrer Mutter abgegeben. Sie will Künstlerin sein und schläft mit Künstlern. Sie ist eine Muse, die sich Seelenverwandten leidenschaftlich gerne hingibt. Und weil sie merkt, dass sie den Männern gefällt, verkauft sie ihren Körper. Einmal beklaut sie einen Freier, wird erwischt, wandert ein, und schreibt darüber: "Gefängnis" heißt das Buch, das endlich den ersehnten Erfolg bringt - eine Autobiografie. Hugo Ball (1886-1927) ist irgendwie das Gegenteil von ihr. Ein bisschen verklemmt, ein bisschen verkopft (fast fertiggestellte literaturwissenschaftliche Doktorarbeit), ein bisschen zurückhaltender. Er ist nicht ganz so schnell mit Beziehungen, aber wenn er sich bindet, dann richtig. Er ist fixiert auf Emmy, nachdem sie endlich zusammenkommen. Gemeinsam geht man ins literarische Exil. Man könnte es schlimmer treffen als im Tessin - jedenfalls, solange das Geld reicht. In Italien genügen sich die beiden und suchen nun nach dem inneren Frieden.  

Ob sie ihn finden, bleibt in der neuen Paarbiografie offen. Das tut ihr aber keinen Abbruch. Gekonnt schlüsselt Bärbel Reetz das schillernde Leben dieser beiden außergewöhnlichen Menschen auf, soweit das Dritte können. Herausgekommen ist ein packendes Buch, das das Unverständliche zum Erlebnis macht. Zugegeben: Es ist für Normalmenschen nicht immer ganz leicht, die flippigen Anwandlungen von Emmy und die Wandlungen von Hugo Ball zu verstehen, der sich vom advangardistischen Kunstrevoluzzer zum dogmischten Katholiken entwickelt. Aber hier punktet die Biografin Bärbel Reetz mit einer ausgewogenen und nur behutsam kommentierenden Darstellung, die auch das teils prominente Umfeld des Künstlerpaares schildert und einbringt. Überzeugend ist zudem, dass die beiden Künstler nicht auf ihre Dada-Phase reduziert, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit ernst genommen werden.

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Nikolaus Harnoncourt: Der Unzeitgemäße

Der österreichische Dirigent Nikolaus Harnoncourt ist tot. Seine Sehnsucht galt dem Originalklang. Jetzt ist er verklungen.

Nikolaus Harnoncourt (Foto: Marco Borggreve/Sony Music)
Nikolaus Harnoncourt (Foto: Marco Borggreve/Sony Music)

Er war der Historiker unter den Dirigenten: Nikolaus Harnoncourt. Heute ist er im Alter von 86 Jahren gestorben. Auf der Suche nach dem Orginalklang hat er die Klassiker in die Gegenwart geholt. Haydn, Mozart und vor allem Beethoven haben bei ihm nie ihren geheimnisvollen Zauber verloren. Selbst das berühmte Tadada Daaa! am Anfang von Beethovens fünfter Symphie klingt bei Harnoncourt aufregend. Jetzt ist der Meister der Originalklangs verklungen. 

Sein Lebenswerk ist das Ensemble Concentus Musicus in Wien. Nikolaus Harnoncourt hat es 1953 gegründet - über sechzig Jahre ist das her. Seine Mission: Die Suche nach dem Originalklang. Gespielt wird auf historischen Instrumenten. Die großen Orchester nehmen ihn nicht ernst. Eine Zeitreise zurück bedeutet ja auch technischen Verzicht - und klingt das nicht alles ein bisschen holprig, unausgereift und altertümlich? Nein! Es klingt natürlich, authentisch - und erfrischend unverbraucht vom dauernden Rauf- und Runtergedudel auf allen Kanälen. Musikalische Kleinodien wie Mozarts Kleine  Nachtmusik, Haydns Symphonie mit dem Paukenschlag und gar manches Beethoven-Thema sind diese Weise geschleift worden. Bei Harnoncourt blühen sie neu auf. Spät, aber nicht zu spät haben das auch auch die großen Orchester bemerkt und Harnoncourt eingeladen, ihnen den Zauber der barocken und klassischen Komponisten neu zu vermitteln. Ein großes Konzert ist etwa der Beethoven-Abend mit den Berliner Philharmonikern:

Dass der langezeit nur belächelte Harnoncourt selbst nicht nur die renommiertesten Komponisten ernst nimmt, sondern auch ebenso belächelte Walzerschreiber wie Johann Strauß, macht ihn nur umso sympathischer. Harnoncourt ist tot - seine genialen Interpretationen aber werden bleiben...

Alle Dirigenten im Biografien-Blog...

Nachruf weiterzwitschern...

0 Kommentare

Käthe Kollwitz: Kunst und Krieg

Ihre tragische Lebensgeschichte prägt ihr Lebenswerk. Die bildende Künstlerin Käthe Kollwitz gibt dem Grauen Gestalt. 

Foto: AkkonTG - Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0
Foto: AkkonTG - Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0

Käthe Kollwitz ist ein tragisches Genie. Ihre künstlerische Größe als eine der bedeutendsten Grafikerinnen und Bildhauerin des 20. Jahrhunderts erwächst aus dramatischen persönlichen Schicksalsschlägen: In ihren eindrucksvollen Plastiken und Skulpturen verarbeitet sie den Soldatentod ihres Sohnes Peter und die Schrecken des Zeitalters der beiden Weltkriege, die sie prägen. Eine neue Biografie zeigt, wie eng Lebensgeschichte und Lebenswerk von Käthe Kollwitz miteinander verwoben sind.

Käthe Kollwitz Biografie

Eigentlich fängt alles ganz frohgemut an: Käthe Kollwitz ist eine der neuen Frauen, die an der Jahrhundertwende ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Schon sehr früh weiß sie, was sie will und  sie weiß auch, wie sie es bekommen kann: "Ich konnte brüllen, dass es unerträglich war", vertraut die spätere Künstlerin von Weltrang ihrem Tagebuch an, "einmal erschien sogar der Nachtwächter, um nachzusehen." Das sagt viel aus über die Zeit, in der Kollwitz aufgewachsen ist. Noch achtet man auf Ruhe und Ordnung. Es ist die Ruhe vor einem Jahrhundersturm.


Geboren ist sie 1867 in Königsberg, dort wo sei Jahrhunderten die preußischen Könige gekrönt werden. Unter preußischer Führung kämpft sich Deutschland in diesen Jahren seiner nationalstaatlichen Einigung entgegen. Die darauffolgenden vier Jahrzehnte des Friedens, der boomenden Wirtschaft und des wachsenden Wohlstandes sind auch für Kollwitz gute Jahre: Sie will unbedingt Künstlerin werden, schafft es an die Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen, studiert dort erfolgreich, sie pflegt Umgang mit berühmten Denkern und schwärmt für vor allem für den Schriftsteller Gerhard Hauptmann. Sein Drama Die Weber inspiriert sie zu einer eigenen Lithographie. Schon diese ersten künstlerischen Ausrufezeichen sind von düsterer Melancholie durchzogen. In ihrem anderen Leben heiratet Käthe Kollwitz einen Arzt. Die große Liebe ist es wohl nicht, was sie mit Karl verbindet; eher sind es die beiden Söhne. Trotzdem: Man achtet und respektiert sich.

Foto: Robert Sennecke (1885-1940) - Österreichische Nationalbibliothek, Objekt #80802. Lizenz: Bild-PD-alt
Foto: Robert Sennecke (1885-1940) - Österreichische Nationalbibliothek, Objekt #80802. Lizenz: Bild-PD-alt

Dann zieht Europa mit fröhlichem Hurra in den Ersten Weltkrieg. Wie sie so viele Künstler lässt sie sich von Begeisterung anstecken. Ihr Sohn Peter ist noch nicht volljährig und bittet darum, sich freiwillig melden zu dürfen. Käthe Kollwitz überredet den Vater um die nötige schriftliche Erlaubnis. Der Wisch ist ein vorgezogenes Todesurteil. Peter fällt schon in den ersten Kriegstagen. Das Werk der Kollwitz hatte sich schon bis dahin mit menschlichem Leiden befasst. Jetzt wird sie zur Kriegskünstlerin, die ihren eigenen Schmerz in ihrem Schaffen verewigt. Vorbei ist es mit der Hoffnung, die ausnahmsweise nicht zuletzt stirbt. Käthe Kollwitz überlebt sie um einen weiteren Weltkrieg. Ende 1945 stirbt sie gebrochen, vereinsamt und verarmt im völlig ausgebombten Dresden.  

Biografie-Besprechung

Künstlerbiografien sind schwierige Angelegenheiten. Entweder werden sie Kunsthistorikern oder entsprechenden Fachleuten vorgelegt. Dann kommt nicht selten eine hochspezialisierte Werkgeschichte heraus. Das ist hier nicht der Fall. Die Biografien Sonya und Yury Winterberg sind profunde Zeitgeschichtler. Sie wissen um historische Zusammenhänge kennen die wichtigsten Zeitgenossen. Eine solche Biografie könnte dann beispielsweise heißen: Käthe Kollwitz in ihrer Zeit. Das wäre ein guter, weil passender Untertitel gewesen. Pointiert wird hier eine Parallelgeschichte erzählt: Käthe Kollwitz' Werdegang sowie Aufstieg und Fall des Deutschen Reiches. Der Untertitel "Die Biografie" ist  dagegen zu hoch gehängt: Dafür wird das künsterische Schaffen zu wenig erklärt und kommentiert. Man hätte sich beispielsweise gewünscht, mehr Hintgergründe über Techniken und Arbeitsstil von Käthe Kollwitz zu erfahren. Gleichwohl ist das Buch seine Lektüre wert, weil es einen wertvollen Beitrag zur Erinnerungskultur an das Zeitalter der Weltkriege leistet.

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Michael Ende: Der Philosoph des Fantastischen

Dieses Michael-Ende-Hörbuch ist ein Audio-Guide für Reisen nach Phantásien - und der Geschichtenerzähler führt selbst...

Foto: Caio Garrubba (Pressefoto Thienemann)
Foto: Caio Garrubba (Pressefoto Thienemann)

Michael Ende ist mein größter Held. Seine Geschichten sind meine Geschichten, seine Figuren sind meine Freunde. Mit Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer bin ich im engen Führerhäuschen der guten alten Lokomotive Emma auf große Fahrt gegangen, mit Momo habe ich den Grauen Herren getrotzt und an der Seite von Bastian Balthasar Bux hätte ich mich  beinahe für immer in Phantásien verirrt. Das kann im Reich der Fantasie immer passieren. Wie gut, dass es einen neuen Audioguide für Abenteuerreisen in die Welt des Geheimnisvollen und Wunderbaren gibt: das neue Michael-Ende-Hörbuch...

Michael Ende (1929-1995) ist im Reich der Fantasie geboren: Sein Vater ist ein fantasischer Maler, für den die innere Welten genauso wirklich sind wie die äußere Realität. Das färbt ab. Michael Ende wächst mit rätselhaften Bildern und zauberhaften Geschichten auf. Im Zweiten Weltkrieg versinkt die heile Welt der Träume in einer Trümmerwüste der Alpträume. Michael Ende erlebt Bombennächte und überlebt sie nur knapp. Er bleibt dem Träumen treu, wird Theaterschauspieler und will Bühnenautor werden. Als das nicht klappt, schreibt er ein Kinderbuch: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer befreien nicht nur die Prinzessin Li Si aus der Drachenstadt Kummerland, sie retten auch die künstlerische Existenz von Michael Ende. Das Buch gewinnt den Deutschen Jugendbuchpreis und von da an gilt er als talentierter Kinderbuchautor. Das ist richtig, aber lang nicht alles: Michael Ende ist einer der meistunterschätzten deutschen Schriftsteller. Seine Bücher und Geschichten haben sich millionenfach verkauft, sind in Dutzende von Sprachen übersetzt worden und begeistern bis heute jung und alt. In seinen Geschichten wimmelt es nicht nur von kuriosen Gestalten, kindlichen Helden und verwunschen Welten. In ihnen verabeitet der Geschichtenerzähler Michael Ende viele, viele kluge Gedanken über die Fantasie und das Schöpferische, über das Wunderbare und das Geheimnisvolle. Michael Ende ist ein Philosoph des Fantastischen.  Dass berühmte Literaturkritiker wie Marcel Reich-Ranicki diese Tiefe in ihrer Ignoranz übersehen - "Mit dem Phänomen Ende beschäftige ich mich nicht" - spricht nicht eben für ihr Berufsethos.

Überhören muss man Michael Ende nicht mehr. Dafür sorgt ein neues Hörbuch von und über den Geschichtenerzähler. Vielleicht werden Hörbücher dem Phänomen Ende sogar gerechter als die klassische Buchform. Der Schriftsteller selbst war jedenfalls vom gesprochenen Wort überzeugt. Und überzeugend gelesen sind seine Geschichten in diesem über zehnstündigen Hörbuch (unter anderem von Gert Heidenreich und Maria Hartmann). Dass der Geschichtenerzähler selbst immer wieder zu Wort kommt und mit seiner angenehmen, brummigen Stimme (mit leichtem bayerischen Einschlag) Einblicke in seine philosophischen und künstlerischen Überzeugungen gewährt, macht dieses Hörbuch selbst für Kenner zu einem wunderbaren Audioguide für Abenteuerreisen und Kurztrips nach Phántasien. Zugegeben: Auf den ersten Blick ist das tatsächlich eine recht abenteuerliche Führung. Da stehen einzelne Buchkapitel und Auszüge recht unvermittelt neben Gedichten und Schnipseln, dazwischen finden sich hin und wieder Gesprächsmitschnitte (ebenfalls in teils abenteuerlicher Tonqualität). Aber gerade darum geht es ja: Nicht die äußere Ordnung ist wichtig, sondern die innere. Und die bildet sich immer erst im Zusammenspiel von Autor, Erzähler und Hörer heraus. Deshalb ist dieses Hörbuch so famos als Wegweiser in die eigene Fantasie geeignet. Oder anders gesagt: Herausgekommen ist ein großer Querschnitt durch die Lebensgeschichte und das Lebenswerk von Michael Ende, der schon vielen Menschen den Weg nach Phantásien gezeigt hat. Nur gehen muss man ihn selber. Und das ist wunderbar! Immer wieder.

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Ulrich Tukur: Der geheimnisvolle Tausendsassa

Ulrich Tukurs Verwirr-Tatort kommt nicht gut an. Schade, aber der Sonntagskrimi ist wohl nichts für künstlerische Selbstironie

Ulrich Tukur (links) und Martin Wuttke im Tatort "Wer bin ich"? Bild: HR/Kai von Kröcher
Ulrich Tukur (links) und Martin Wuttke im Tatort "Wer bin ich"? Bild: HR/Kai von Kröcher

Der Tatort ist eine der beliebtesten deutschen Fernsehformate. Ulrich Tukur ist einer der beliebtesten deutschen Schauspieler. Wenn Tukur als Wiesbadener Kommissar Murot ermittelt, kann also eigentlich nichts schiefgehen. Trotzdem kommt Fernsehdeutschland mit der neuesten Folge "Wer bin ich?" nicht zurecht. Das unaufgelöste Verwirrspiel um den doppelten Ulrich Tukur, der Murot und sich selbst spielt, dazu die überzeichnete Selbstironie von mehreren Fernsehkommissaren und der ganzen Tatort-Crew hat mit einem klassischen Sonntagabendkrimi wenig zu tun - das war eher Tatort-Satire als Tatort. Und das sagt manches über das Format, über Ulrich Tukur und über das Pulikum. Im Sonntagskrimi ist offenbar kein Platz für künstlerische Selbstreflexion und Selbstironie - selbst wenn sie hervorragend gemacht ist.

Ulrich Tukur als Felix Murot. Bild: HR/Johannes Krieg
Ulrich Tukur als Felix Murot. Bild: HR/Johannes Krieg

Der durchschnittliche Fernsehzuschauer scheint sich am Sonntagabend  auf einen durchschnittlichen Krimi mit klarer Rollenverteilung zu freuen: Totes Opfer, böser Täter, guter Polizist. Dazu ein allzu menschliches Motiv - Habgier, Eifersucht oder Rache - und am Ende der 90 Krimi-Minuten eine Aufklärung, die alle Fragen beantwortet und die alle Schurken hinter Schloss und Riegel bringt. Ulrich Tukur hält sich nicht an diese Gelinggarantie. Möglicherweise hat man ihn genau deshalb als Tatort-Ermittler engagiert. Denn die Drehbuchautoren und Produzenten des Krimi-Klassikers experimentieren glücklicherweise gerne mal mit neuen Ideen. Das ist typisch Tatort. Deshalb gibt es ihn auch schon so lange. Dieses Format hat gelernt, mit der Zeit zu gehen. Aber vielleicht war das am Sonntag dann doch etwas zu viel des Ungewohnten - auch wenn es wirklich gut gemacht war. Denn Ulrich Tukur ist seiner Zeit gleichzeitig weit voraus und weit hinterher. Der 1957 geborene Musiker und Schauspieler tritt jedenfalls gerne als Gegenspieler des Zeitgeistes in Erscheinung:  Sein Auftreten, seine Kleidung und seine schauspielerischen Fertigkeiten erinnern oft an einen Varietékünstler aus längst vergangenen Tagen, der auf der Bühne rezitiert, singt und sich dabei selbst am Klavier begleitet. Tukur ist ein geheimnisvoller Tausendsassa  und ein begnadeter Vollblutkünstler dazu. Am liebsten (und am besten) spielt er sich selbst. Genau das wird im Tatort zum Problem: Dort geraten klare (und berechtigte) Erwartungen an einen ernsten Sonntagskrimi aneinander mit seiner selbstironischen, nachdenklichen (und ein wenig selbstverliebten) Künstlernatur auf der ewigen Suche nach dem Sinn des Seins. Tukur ist ein Charakterdarsteller, der sich nicht an seine Rollen und Figuren herantastet. Im Gegenteil: Er zwingt seine Rollen, sich an ihn heranzutasten. Und damit kokettiert der Künstler Ulrich Tukur geradezu brillant. "Wer bin ich?" ist jedenfalls ein Meisterstück dieser Kunst: Der LKA-Ermittler Felix Murot (die Figur, der sich Tukur aufgedrängt hat), geht stiften, fällt sozusagen völlig aus der Rolle und lässt einen halben Tukur zurück, der sich aber kaum noch mit einem Tatort vereinbaren lässt: Der souveräne Schauspieler, zugleich der Star am Set, als hilfloser Selbstzweifler? Der Schauspieler als begnadeter Selbstdarsteller, der den einen geplatzten Tatort als autobiografische Bühne nutzt? Der Entertainer, der sich und seine ganze Branche ungeniert auf die Schippe nimmt? Die Entzauberung eines Fernsehdrehs? Die Entlarvung des Films als Fiktion? Das scheint nicht ins deutsche Sonntagabend-Programm zu passen, in dem die Guten nach fest definierten Mustern das Böse besiegen müssen. Die Tukur-Show am Sonntag war großartig als Krimi und als Kunst (das geht ja leider nicht häufig zusammen) - aber vielleicht hätte man sie nicht zwingend unter dem Tatort-Label laufen lassen müssen...

 

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Die Manns: Dichtung und Drama

Eine neue Biografie der Familie um Thomas Mann besticht durch ihre packende Erzählweise im Stil eines Thrillers

Lizenzen: gemeinfrei
Lizenzen: gemeinfrei

Sie sind die Dramafamilie der deutschen Literaturgeschichte: Die Manns. Sie haben nicht nur Romane, Erzählungen und Geschichtsbücher von Weltrang geschrieben. Man kann auch ihre eigene Familiengeschichte als Roman erzählen. Genau deshalb ist das in jüngerer Vergangenheit  mehrmals geschehen. Dabei geht es häufig vor allem um den Über-Mann, um Thomas, den Schöpfer der Buddenbrocks und des Zauberbergs. Aber es gibt nicht nur ihn! Da ist noch seine Frau Katja und da sind die gemeinsamen Kinder Erika und Klaus, Golo und Elisabeth, Monika und Michael. Und kein(e) Mann ordnet sich gerne unter. Deshalb schaut das neueste Buch über die Dichter-Dynastie besonders auf die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern - und das überzeugt.

Klick aufs Bild: Direkt zum Verlag
Klick aufs Bild: Direkt zum Verlag

Zugegeben: Es wird kräftig getrommelt, um noch ein Mann-Buch zu rechtfertigen. Zu oft schon scheinen Thomas und die anderen zwischen Buchdeckeln und auf dem Fernsehschirm zur deutschen Beispielfamilie stilisiert worden zu sein. Der Erfolg (u. a. der Literaturnobelpreis für Thomas Mann), das Exil während der Nazi-Dikatur, die tragischen Schicksale der weniger bedeutenden Familienmitglieder (Drogenmissbrauch und Selbstmorde) haben das Interesse der Biografien und Dramatiker beflügelt. Deshalb wirbt schon der Klappentext damit, dass Autor Tilmann Lahme "hunderte unbekannte Briefe, Tagebücher und Notizen" erstmals gesichtet und verwendet habe. Na und?, fragt sich die Biografie-Leserin, die sich für die Manns interessiert. Denn entweder wird sie von den vermeintlichen Neuigkeiten nicht überrascht, weil sie sich nach der Lektüre eines oder mehrerer Bücher über die Manns vieles schon hat denken können. Oder aber sie liest zum ersten Mal etwas über die berühmte Familie - und dann besticht Tillmann Lahme durch etwas ganz anderes: Seine Sammelbiografie über die Manns ist packend und in zeitgemäßer Sprache geschrieben. Nicht neue Details, die den Bock ohnehin nicht fett machen, sondern die spannende Erzählweise im Stil eines Thrillers machen dieses Buch zum Lesevergnügen. Die künstlich von Thomas weggelenkte Aufmerksamkeit hätte es auch nicht gebraucht. Denn auch Tilmann Lahme kommt nicht darum herum, dass Thomas Mann nun einmal der bedeutendste Vertreter seiner Familie ist. Was seinen Blick auf die Manns so besonders macht ist, dass er ungeschminkt davon berichtet, wie Thomas' Kinder unter dem Übervater leiden. Der ist sich dieses Problems zwar durchaus bewusst, aber er hat nicht wirklich etwas dagegen getan. Daraus ist in der Tat ein schwieriges Beziehungsgeflecht erwachsen. Dieses familiäre Konfliktpotenzial hat Tilmann Lahme zum Stoff seiner Biografie gemacht und das ist ihm bestens gelungen. Unter den Büchern über die Manns rangiert seines weit vorne - aber nicht aus den Gründen, die er selbst anführt. 

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Ali Mitgutsch: Der Wimmelbild-Zeichner

Wimmelbuchautor Ali Mitgutsch hat eine Kriegskindheit erlebt. Seine fröhlichen Suchbilder sind stärker als Angst und Sorgen.

Ali Mitgutsch
Foto: Anja Köhler / Ravensburger

Er lässt es wimmeln: Ali Mitgutsch. In diesem Jahr hat der berühmte Zeichner und Erfinder der großformatigen Wimmelbilder seinen 80. Geburtstag gefeiert. Seine Bücher sind gewissermaßen ewig jung. Seit 1968 erfreuen sich kleine und große Kinder an den Suchbildern mit unzähligen Alltagsszenen. Mitgutsch selbst geht es ein bisschen wie seinen Büchern - seinen jugendlichen Charme hat er bis heute behalten: "Meine Kindheit war zwar unwiderruflich vorbei, aber sie war nicht verloren", erzählt Mitgutsch. "Sie beschäftigte mich mein ganzes Leben lang, sie wurde meine Berufung." Wie gut also, dass Ali Mitgutsch nun seine Kindheitserinnerungen vorgelegt hat. Ein Blick hinein:

Ali Mitgutsch Biografie

Klick auf's Cover: Direkt zum Verlag
Klick auf's Cover: Direkt zum Verlag

Ali Mitgutsch gehört zu der gebeutelten Generation von Kinderbuchautoren, deren eigene Jugend vom Zweiten Weltkrieg geprägt ist. Geboren 1935 ist er etwas jünger als Michael Ende und  Otfried Preußler und ein Jahr älter als Christine Nöstlinger. Wer also eine glückliche Kindheitsgeschichte voller Rummelplatz- und Schwimmbadbildchen erwartet, wird enttäuscht. Ali Mitgutsch hat seinen Bruder Ludwig im Krieg verloren und in einem Elternhaus gelebt, das dem Nationalsozialismus nicht nur abweisend gegenüberstand. Er hat die angsterfüllten Bombennächte erlebt, wurde aus München evakuiert und bei einem entfernt verwandten Pfarrer untergebracht, der Nächstenliebe nicht gerade gelebt hat. Selbst die Idee zu den Wimmelbüchern hat militärische Wurzeln. Im Nachkriegsmünchen kann er von einem Jahrmarkts-Riesenrad in die Kulissen einer Schaustellerbude herabsehen, in der eine hektische Schlachtenszene nachgestellt ist. Der Blick aus der Vogelperspektive prägt sein künstlerisches Selbstverständnis: "Sie wurde die Perspektive all meiner Wimmelbilder." Dass Ali merkwürdige Männchen zeichnet und sogar an der Graphischen Akademie Künstler werden will, passt vor allem seiner Mutter gar nicht. Sie fragt sich, "was müssen das für Leute sein, die sowas malen können, grüne Gesichter und diese krummen Figuren und die Nase auf der Seite, was müssen die krank sein, und jetzt, jetzt will mein eigener Sohn ... jetzt will der sowas machen ...!" Hätte sie gewusst, dass es schon die Alten Meister wie Pieter Bruegel haben ordentlichen wimmeln lassen, und hätten die Nationalsozialsten nicht dauernd alles Moderne als "entartete Kunst" diffamiert,  vielleicht hätte sie anders gedacht...

Pieter Bruegel (1525-1569) lässt es wimmeln (Lizenzen  gemeinfrei)
Pieter Bruegel (1525-1569) lässt es wimmeln (Lizenzen gemeinfrei)

Buchbesprechung

Meine ältere Tochter Helena wimmelt genauso gerne wie ich vor 30 Jahren - hier auf der Buchmesse am Ravensburger-Stand.
Meine ältere Tochter Helena wimmelt genauso gerne wie ich vor 30 Jahren - hier auf der Buchmesse am Ravensburger-Stand.

Mitgutschs Kindheitserinnerungen sind keine Gute-Nacht-Geschichten. Sie erzählen nicht nur von schönen und glücklichen Momenten (aber auch von ihnen), sondern von schweren Stunden und vom Heranwachsen im Ausnahmezustand. Dass sich diese Memoiren flüssig und gut, manchmal sogar dramatisch lesen ist dem Koautor Ingmar Gregorzewski zu verdanken, der auch Tatort-Drehbücher schreibt. Für großgewordene Kinder, die mit Ali Mitgutschs Wimmelbüchern aufgewachsen sind und jetzt mit ihren eigenen Kindern über seinen Suchbildern brüten, ist die Autobiografie eine aufschlussreiche Lektüre. Denn von Mitgutsch können wir heute lernen, der Terror-Alltag nicht aufs kindliche Gemüt schlagen muss und dass fröhliche Figuren Sorgen und Ängste besser vertreiben können, als Panikmache und Misstrauen.

Kinder- und Jugendbuchautoren im Biografien-Blog:

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Franz Marc: Auf blauen Pferden in den Großen Krieg

Der expressionistische Maler Franz Marc ist in den Ersten Weltkrieg gezogen und nicht zurückgekehrt

Lizenziert unter Gemeinfrei
Lizenziert unter Gemeinfrei

 Er ist einer der kämpfenden Künstler: Franz Marc kämpft erst mit sich, dann mit den Frauen, schließlich im Ersten Weltkrieg. Dabei ist er eigentlich ein sanftmütiger Mensch, der gerne Tiere in allen bunten Farben des Lebens malt - am liebsten liebsten blaue Pferde. "Der blaue Reiter", diese Leinwand-Seilschaft von Wassiliy Kandinsky und Franz Marc, bezwingt die ersten die noch unbekannten Gipfel des Expressionismus. Eine neue Biografie zeigt nicht nur den selbstbewussten Besserwisser Franz Marc, sondern auch den in sich gekehrten Zweifler, dessen Prinzipien und Überzeugungen spätestens im Großen Krieg zerschmettert werden. Dieses Schicksal bleibt auch Marc selbst nicht erspart.  Eine Granate beendet sein Leben nach nur 36 Jahren in der Knochenmühle vor Verdun.

Brigitte Roßbeck

Franz Marc

Die Träume und das Leben

Erschienen bei Siedler im Februar 2015. 352 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,99-. Euro. Leseprobe und weitere Features im Menu auf auf dem Cover (links oben).


Biografie Franz Marc

Lizensiert unter Gemeinfrei
Lizensiert unter Gemeinfrei

Franz Marc muss sich das Leben bunt malen, um es zu ertragen. Bis kurz vor seinem Lebensende kommt er nur schwer über die Runden. Das, was er malt, passt so gar nicht zu den weichen und verschwommenen Tupfer-Bilder der Impressionisten, die gerade en vogue sind. Marcs knallige Farben und seine Motive (Nutz- und Haustiere) und seine Techniken, die harte Strukturen naturalistischer Präzision vorzieht, werden vom Publikum nicht verstanden und abgelehnt. Umso dogmatischer besteht er auf seiner eigenen Art zu malen - zumindest nach außen. Tief im Inneren ist Marc in beinahe jeder Lebenslage unsicher und jedenfalls kaum entscheidungsfreudig. Er zerschneidet und übermalt seine Bilder, weil er sich leicht von äußeren Einflüssen manipulieren und sogar entmutigen lässt. Auch Marie, Maria und Annette leiden unter Marcs Wankelmütigkeit, denn auch zwischen diesen drei Frauen schwankt er lange, ohne sich festlegen zu wollen.

Lizensiert unter Gemeinfrei
Lizensiert unter Gemeinfrei

Trost und Zuflucht findet er in der Philosophie der Stärke bei Friedrich Nietzsche. Der Fortschritt wird zur Obsession. Der Muff muss weg - und das reinigende Gewitter des Krieges wird ihn schon wegspülen. Als die 1914 Welt ins Feld zieht und Schützengräben aushebt, stellt sich gerade der Erfolg ein. Marc hat es geschafft, auch weil sich zwischenzeitlich starke Verbündete wie August Macke, Wassily Kandinsky und Gabriele Münter gefunden haben. Für Marc kommt der Durchbruch zu spät. Er sattelt seine blauen Pferde und zieht in den Krieg. Es ist ein Ausritt ohne Wiederkehr. 

Die Buchbesprechung

Brigitte Roßbeck ist eine ausgewiesene Marc-Kennerin. Sie hat bereits vor einiger Zeit ein biografisches Buch über ihn und seine zweite Frau Maria geschrieben. Ein bisschen entsteht der Eindruck, dass sich Brigitte Roßbeck dafür rechtfertigen müsse, warum sie nun abermals ein umfangreiches Buch vorlegt. In einer editorischen Notiz legt sie die wichtigsten neuen Erkenntnisse offen, es sind aber eher biografische Randnotizen und Delikatessen für Fans. Dennoch liegt der Wert der neuen Biografie gar nicht so sehr in den Neuigkeiten, sondern vielmehr in der gut lesbaren Darstellung der Zerissenheit Franz Marcs zwischen künstlerischer Gewissheit und den Selbstzweifeln des Perfektionisten. Außerdem ist es in der Fülle der Literatur zum Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren eine spannende Perspektive, von den gesellschaftlichen, politischen und militärischen Herausforderungen auch die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Krieg in biografischer Sicht zu sehen.

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Fracoise Gilot: Die malende Drama-Queen

Francoise Gilot hat Pablo Picasso verlassen. Ganz von ihm losgekommen ist sie trotzdem nie. Ein Blick in ihre Biografie. 

Zur Wiederverwendung gekennzeichnet von https://www.flickr.com/photos/centralasian/5584023466
Zur Wiederverwendung gekennzeichnet von https://www.flickr.com/photos/centralasian/5584023466

Pablo Picassos stechender Blick fixiert Francoise Gilot. „Die Gegenwart hat immer den Vorrang vor der Vergangenheit“, sagt er zu dem bildhübschen und blutjungen Mädchen, für das er gerade eine andere Frau verlassen hat. „Das ist ein Triumph für dich.“ Für Francoise Gilot ist die Beziehung mit dem Jahrhundertkünstler aber etwas ganz anderes: Sie sucht und findet ein Abenteuer. Spannende Abenteuer sind das Lebenselixier einer Frau, die damit mittlerweile über neunzig Jahre gut fährt. „Wenn du wirklich leben willst“, erklärt sie ihrem fünfzig Jahre jüngeren Biografien Malte Herwig, „musst du etwas Dramatisches riskieren, sonst lohnt sich das Leben nicht.“

Biografie Francoise Gilot

Das Abenteuer Picasso dauert allerdings länger als die Liebe zu ihm. Francoise schießt ihn nach zehn Jahren ab, sie ist die einzige seiner vielen Frauen, die ihn verlässt. Aber ganz wird sie Picasso nie wieder los in ihrem Abenteuer des Lebens. Francoise, geboren 1921, ist Malerin. Das war sie schon, ehe sie Picasso kennenlernte, und das ist sie bis heute. Seit 75 steht sie jeden Morgen mit dem Bedürfnis auf, noch im Pyjama an die Leinwand zu gehen. Entsprechend umfangreich ist ihr Werk. Tausende von Bildern und Zeichnungen hat sie geschaffen. Ironie des Künstlerschicksals: Für sie, die in Dramen den Kick findet, hält das Leben ein besonderes Drama bereit: Francoise Gilot gibt es nur, weil es Picasso gibt. Das heißt nicht, dass sie nicht auch ohne den wichtigsten Maler der Kunstgeschichte groß herausgekommen wäre (immerhin hängen ihre Bilder auch in renommierten Kunstmuseen (zum Beispiel im Museum of Modern Art in New York). Aber weil sie an seiner Seite in die große Öffentlichkeit getreten ist, wird sein Schatten nicht wieder von ihrer Seite weichen. Insofern trifft der Untertitel "Francoise Gilot über ihr Leben mit und ohne Picasso" nicht ganz: mit und nach Picasso wäre ehrlicher.

Buchbesprechung

Die Gilot-Biografie von Malte Herwig passt perfekt ins moderne und junge Verlagsprogramm von Ankerherz: "Das Leben ist spannend!“ Das Buch selbst ist nicht immer so spannend. Das liegt daran, dass viele Passagen wörtlich aus dem ersten Gilot-Buch "Leben mit Picasso" übernommen worden sind - einmal sogar ein ganzes Kapitel ("Die Frauenblume"). Das wäre gar nicht nötig gewesen, denn Francoise Gilot scheint in den Gesprächen mit ihrem Biografien lebendig und energisch aus ihrem Leben berichtet zu haben. Malte Herwig versteht es auch, ihre quirlige und fröhliche Art an seine Leserinnen und Leser weiterzureichen. Man sitzt geradezu mit am Tisch, wenn Gilot ihm klagt, sie sei des Lebens überdrüssig. Als er dann vorsichtig nachhakt, wie das mit ihrem ungebrochenen Schaffensdrang vereinbar sei, gibt sie sich empört: "Ich habe gesagt, dass mir das Leben zum Hals heraushängt, nicht die Malerei!" Auch das ist gut eingefangen. Mit eindrucksvollen Fotografien der späten Gilot und Abbildungen ihrer Werke ist das Buch von Ana Lessing ansprechend und auflockernd illustriert.  

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

"Was ich sicher weiß"

Die amerikanische Talk-Legende Oprah Winfrey hat ein Nachdenkbuch über ihre Lebensweisheiten geschrieben

Oprah Winfrey (Foto: Alan Light. Lizenz: CC BY 2.0)
Oprah Winfrey (Foto: Alan Light. Lizenz: CC BY 2.0)

Sie ist eines der berühmtesten Gesichter des US-Fernsehens: Oprah Winfrey. Mit Smalltalk im Unterhaltungsprogramm hat sie Millionen an den Bildschirmen erreicht. Jetzt folgt der Bigtalk in Buchform. Oprah Winfrey hat auf der Suche nach ihrem wahren Ich ihre wichtigsten Überzeugungen gesammelt und nun in Form eines autobiografischen Lebensratgebers zu Papier gebracht - ein Blick hinein... 

Oprah Winfrey

Was ich vom Leben gelernt habe

Erschienen bei Fischer im August 2015. 256 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 14,99 €.


Neu ist das alles nicht. Die Texte, die sich in Oprah Winfreys  schmalem Büchlein finden, sind allesamt Kolumnen aus ihrer eigenen Zeitschrift. Diese Kolumne geht auf eine Interview-Frage zurück, die die selten auf den Mund gefallene Vielquasslerin nicht beantworten konnte: "Was wissen Sie sicher?" Winfrey lässt diese Frage keine Ruhe und begibt sich auf eine gefährliche Suche: Auf die Suche nach ihrem wahren Ich. Immer wenn sie an eine der Grundfesten ihres Lebens gelangt, vermisst und dokumentiert sie die gefundene Überzeugung: Konsequent heißen auch die einzelnen Kapitel des neuen Buches so: Freude und Durchhaltevermögen, Nähe und Dankbarkeit, Chancen und Ehrfurcht, Klarheit und Stärke. Das klingt ziemlich abgedroschen. 

Oprah Winfrey plaudert mit ihren Lesern

Wieder ein Karriere-durch-klare-Kante-Ratgeber? Wieder ein Geheimtipp für den perfekten Tugendmix? Nein, Entwarnung. Das hat Oprah Winfrey nicht nötig. Winfrey hat ausgesorgt, finanziell ebenso wie in Sachen Lebensleistung. Das Buch scheint eher so eine Art Bedürfnis zu sein, wie die früher auch die Show. Ja, im Grunde ist das Nachdenkbuch ist etwas wie die Fortsetzung der Show mit anderen Mitteln: Winfrey lädt nun keine Prominenten mehr ein, um über das Leben zu plaudern, sondern ihre Fans und Leser.  Sie berichtet (wohldosiert) aus ihrer eigenen Lebensgeschichte, warum ihr welche Werte besonders wichtig geworden sind. Dabei lässt sie aber genug gedanklichen Freiraum, damit auch Leserinnen und Leser, die nicht genau die selben Erlebnisse gehabt und Erfahrungen gemacht haben, über ihr eigenes wahres Ich nachdenken können. Winfrey, die sich selbst als ungewollt unter einem Apfelbaum gezeugtes Kind beschreibt und die selbst mit vierzehn Jahren ein Kind hat begraben müssen (es war wenige Tage alt), ehe sie zur Meisterin der Mattscheibe aufgestiegen ist, führt vor Augen, wie man souverän auch mit unangenehmen Entdeckungen auf der Suche nach diesem wahren Ich umgehen kann. 

Ein Hauch von Mutmacher-Missionseifer

Und sie erhebt sie nicht aus ihrer Prominentenrolle zur Oberlehrerin.  Auch wenn sie sich ihrer Verantwortung als Vorbild bewusst ist, redet sie von Mensch zu Mensch. Offen bleibt allerdings, warum sie sich in dieser Weise mitteilt. Ein bisschen Show wird schon dabei sein, aber sicher auch ein bisschen der  Mutmacher-Missionseifer einer Frau, die den amerikanischen Traum lebt.

Im Blog weiterlesen...

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Thomas Gottschalk: Locke, locker und lässig

Thomas Gottschalk erzählt seine Lebensgeschichte. Sein Klamauk ist deutsches Kulturgut - ob wir wollen, oder nicht...

Foto: César (talk), lizenziert unter CC BY 3.0
Foto: César (talk), lizenziert unter CC BY 3.0

Er war Dauergast in allen deutschen Wohnzimmern: Thomas Gottschalk. Frisch, fromm, fröhlich und frei hat er Wetten dass..? zu dem gemacht, was es bis (fast) zuletzt war: Große Fernsehunterhaltung am Samstag Abend. Seine schrägen Klamotten, seine flapsigen (auch zu flapsigen) Sprüche und seine Kuschel-, Knuddel- und Kussanfälle auf offener Bühne sind die Markenzeichen dieses Meisters der Mattscheibe. Man kann Thomas Gottschalks Memoiren lesen - aber man sollte sie hören. Das Eulengezwitscher stellt seine gesprochenen Erinnerungen vor.

Thomas Gottschalk

Herbstblond

Die Autobiografie

Erschienen im April 2015. Die gekürzte Lesung auf 4 Audio-CDs dauert ca. 273 Minuten und kostet € 19,99-


Es gilt das gesprochene Wort. Meistens sind diese trockenen fünf Worte nur ein obligatorischer Zusatz auf vielen vorveröffentlichten Rede-Manuskripten. Sie könnten aber auch eine Kurzbiografie von Thomas Gottschalk sein. Gottschalk (geboren 1950) und sein vorlautes, pardon: sensationelles Mundwerk haben zuerst bei Bayern 3  Radiokarriere gemacht (mit einer Pop-Sendung), ehe sie beim Fernsehen angeheuert haben. Gottschalk ist daraufhin zu einem Großmeister der Mattscheiben-Unterhaltung herangereift. Gold scheinen nicht nur seine Locken und die kleinen Bären zu sein, für die er Werbung macht. Gold scheint alles zu werden, was er ansagt und moderiert. Na sowas! möchte man meinen - und ist damit direkt bei Gottschalks Durchbruch:

Dabei kennt Thomas Gottschalk Klatschen nicht nur vom Publikum. Auch das (Berufs-)Leben hat im immer wieder Klatschen beschert (über Privates spricht der Vielredner Gottschalk auch in seiner Autobiografie eher wenig): Gescheiterte Formate, miese Kritiken - und der tragische Unfall von Samuel Koch. Man könnte die Geschichte von Thomas Gottschalk sicher als Geschichte einer letztlich an der brutalen Wirklichkeit gescheiterten Laberlocke erzählen - aber damit würde man ihm nicht gerecht. Wer ihn nur als Küsschen links-Küsschen rechts-Grüßonkel erlebt hat, als Menschel-Moderator oder als Friede-Freude-Eierkuchen-Fragensteller, der wird in seinen Memoiren einen Fremden finden. Thomas Gottschalks Erinnerungen kommen wie seichte Unterhaltung daher, aber davon darf man sich nicht täuschen lassen. Keine Selbstbeweihräucherung, keine Verklärung, keine Abrechnung (außer mit eigenen Lastern) - wir hören einen nachdenklichen Gottschalk, der ungewohnt verkrampft einsteigt - mit einem ziemlich bemühten Bild aus dem Showbusiness - und dann zunehmend gelöster und wirklich witzig erzählt. Gottschalk ist mit sich im Reinen, ohne dass er die Schattenseiten seines Lebens verdrängt - oder gerade deshalb. Sein Hörbuch Herbstblond ist genau dann empfehlenswert, wenn man sich vorurteilsfrei an eine so sehr auf Klamauk gedeutete Figur wie Thomas Gottschalk heranwagen kann. Freiheit von Vorurteilen ist immer empfehlenswert! Und seien wir ehrlich: Gottschalks Klamauk ist deutsches Kulturgut - ob wir wollen oder nicht...

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Laura Maaskant: "Auf Highheels in den Himmel"

Laura Maaskant ist jung. Sie wird am Krebs sterben. An ihrer Lust am Leben ändert das nichts - eine besondere Biografie.

© Laura Maaskant.
Laura Maaskant im Kreis ihrer Brüder: Eine starke Familie (© Laura Maaskant).

Fünfzehn Jahre erlebt Laura eine unbeschwerte Kindheit und Jugend. Dann erschüttert eine Horror-Diagnose ihr Leben: Ein faustgroßer bösartiger Tumor wächst ihr aus der vierten Rippe. Mittlerweile weiß die junge Frau von 21 Jahren, dass sie den Krebs nicht bezwingen wird - oder vielleicht doch? Denn ist es nicht ein Triumph über das Unvermeidliche, wenn man sich vom sicheren Tod nicht verbittern lässt? Laura Maaskant hat ein bewegendes Bekenntnis zum Leben abgelegt: das Eulengezwitscher stellt ihre Autobiografie vor.

Laura Maaskant

Lebe!

Ich weiß, der Krebs wird siegen, aber bis dahin gehört jeder Tag mir

Erschienen bei Bastei Lübbe im Mai 2015. 208 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 16,99 €.


© Laura Maaskant
Laura mit ihrem Labrador Tirza

Der Tod passt nicht ins Bild. Laura Maaskant, geboren 1994, ist eine fröhliche junge Frau. Ihr hübsches Gesicht, ihre verträumten Augen, die kraftstrotzenden Siegerposen mit ihren drei älteren Brüdern Daan, Jim und Joep und die innige Umarmung ihres Labradors Tirza vermitteln Lebensfreude und nicht Todesangst; Zuversicht, nicht Resignation. Und doch wuchern Metastasen in ihren beiden Lungenflügeln. Laura hat keine Chance mehr im Kampf gegen den Krebs, den sie zwischenzeitlich schon einmal gewonnen glaubte. Aber - und das ist die wunderbare Nachricht ihrer berührenden Autobiografie - sie wird wohl nur ihr Leben an den Krebs verlieren und nicht ihre Lebensfreude. Zwei Teile umfasst das Buch. Der erste Teil ist die Geschichte von Leid und Hoffnung, vom niederschmetternden Befund, von der Chemotherapie und von der liebevollen Unterstützung ihrer Familie. Der zweite Teil handelt von der zerbrochenen Hoffnung, von der Trauer und vom Beschluss, die verbleibenden Lebenstage zu genießen. Wenn Laura Maaskant geradezu keck und locker davon berichtet, wie sie das Outfit für ihre eigene Beerdigung kauft - "Auf Highheels in den Himmel" - stockt der Leserin und dem Leser der Atem. Aber die titelgebende und tief optimistische Überzeugung "Lebe!" springt über. Laura Maaskant hat ein mutiges Buch geschrieben, das manche Alltagsnickligkeiten in ein ganz anderes, befreienderes, Licht setzt.

Laura Maaskants Autobiografie weiterzwitschern...

1 Kommentare

Orson Welles: Der Jahrhundert-Regisseur

Heute wäre Orson Welles 100 Jahre alt geworden

"Orson-Welles-Show-1941" by unkown, licensed under Public Domain
"Orson-Welles-Show-1941" by unkown, licensed under Public Domain

Schock am Sonntagabend! Mitten in die fröhliche Tanzmusik der Radioübertragung platzt die ernste Stimme eines Nachrichtensprechers: „Meine Damen und Herren, wir unterbrechen unsere laufende Sendung für eine aktuelle Durchsage…“ Dann berichten zunehmend aufgekratzte Reporter in immer kürzeren Abstanden live von einer Invasion. Die Alarmsirenen singen ihr schauriges Lied: New York wird von Außerirdischen angegriffen.

Krieg der Welten

Manche Zuhörer geraten in Panik und verlassen sogar die Stadt. Dabei ist das, was sie da hören, das erste Meisterstück des begnadeten Regisseurs Orson Welles. Welles inszeniert sein Hörspiel „Krieg der Welten“ nach dem Roman von H.G. Wells an diesem Halloweenabend 1938 live im Radio. Auch wenn ihn die Kritik für diese angeblich verantwortungslose Irreführung durch die Mangel dreht, schafft er damit den Durchbruch.

Biografie Orson Welles

Orson Welles, geboren 1915, sorgt gerne für Theater. Er ist das Scheidungskind reicher Eltern, hat sehr früh die Welt bereist und immer noch früh (als Teenager) zur Schauspielerei gefunden. Noch besser ist er als Regisseur. Er produziert spannende Unterhaltung nicht nur fürs Radio, sondern auch für das große Kino. „Citizen Kane“ floppt nur anfangs – heute gilt dieses Leinwandwerk als bester Film aller Zeiten. Und „Der dritte Mann“ ist ein Kultfilm über die Wiener Unterwelt der Nachkriegszeit. Filmreif ist übrigens auch des

Ausnahmekünstlers eigener Abgang: Er kippt 1985 vornüber in die Schreibmaschine. Aber nur Welles‘ Herz quittiert den Dienst, sein Vermächtnis bleibt lebendig.

Orson Welles' Biografie weiterzwitschern:

Emma Watson und Greta Garbo: Eine kommt, eine geht

Vor 25 Jahren ist die Stummfilm-Göttin Greta Garbo gestorben - und die Kinderdarstellerin Emma Watson zur Welt gekommen

„Emma Watson 2013“ von Georges Biard, lizenziert unter CC BY-SA 3.0  und Clarence Bull, Public domain
„Emma Watson 2013“ von Georges Biard, lizenziert unter CC BY-SA 3.0 und Clarence Bull, Public domain

Manche Tage haben es in sich. Der 15. April 1990 ist so ein Tag. In New York stirbt die als "Göttin" verehrte Schauspielerin Greta Garbo. In Paris erblickt Emma Watson das Licht der Welt, die als Hermine Granger in den Harry Potter-Verfilmungen vom Kinder- zum Kinostar reifen wird. Obwohl beide in ganz unterschiedlichen Zeiten aufgewachsen und auf ganz verschiedenen Wegen zum Film gekommen sind, eint sie ihr angenehm unprätentiöses Auftreten.

Biografie Greta Garbo

Greta Garbo hat aufgehört, als es am schönsten war: Nach drei erfolgreichen Karrieren vor der Kamera. Geboren  1905 als Greta Gustafsson macht sie zuerst als elegantes Hutmodel auf sich aufmerksam und mausert sich dann in Hollywood zur verführerischen Stummfilm-Göttin. Auch im Tonfilm-Zeitalter feiert sie Erfolg. Aber mit nicht einmal vierzig Jahren hat sie genug von der Leinwand und führt ein skandalfreies und bescheidenes  Leben fernab der Öffentlichkeit. 

Biografie Emma Watson

Joella Marano, CC BY-SA 2.0
Joella Marano, CC BY-SA 2.0

Emma Watson, die schon als zauberhafte Kinderdarstellerin weltbekannt geworden ist, ist dieser Ruhm ebenfalls nicht zu Kopf gestiegen. Im Gegenteil: Auch sie fällt nicht durch Eskapden und Entgleisungen auf. In ihren Filmen hat sie sich längst von ihrer Paraderolle der Hermine Granger emanzipiert, ohne deren Bedeutung für ihren künstlerischen Werdegang zu leugnen. Aber sie besticht nicht nur auf der Leinwand, sondern nutzt ihre Prominenz verantwortungsvoll: Sie setzt sich für Frauen- und Mädchenrechte ein und reagiert britisch cool auf vom Boulevard aufgebauschte Gerüchte über ihr Privatleben. Emma Watson und Greta Garbo sind starke Frauen und echte Vorbilder - und die waren in Hollywood schon immer rar gesät...

Emma Watson und Greta Garbo weiterzwitschern:

Pablo Picasso: Nachtvögel unter sich

Pablo Picasso hat Eulen gehegt, gepflegt und (meistens nachts) gemalt. Eine neue Biografie über Picasso und die Tiere...

Alle drei Picasso-Portraits lizensiert unter Gemeinfrei
Alle drei Picasso-Portraits lizensiert unter Gemeinfrei

Er war der Jahrhundertmaler: Pablo Picasso (1881-1973). Bekannt haben ihn seine blaue und rosafarbene Phase gemacht, der Durchbruch ist ihm ist er mit seinen kubistischen Bildern geglückt und zum Weltruhm hat er es spätestens mit seinem monumentalen Antikriegsgemälde Guernica gebracht. Lebenslang hat er immer wieder Tiere gemalt: der kleine Pablo Tauben und Stiere, der große Picasso Ziegen und Eulen. Eine neue und reichlich bebilderte Biografie berichtet über Picassos Tiere. Keine Frage, dass das Eulengezwitscher diesem Eulenfreund über die Schulter blickt...

Boris Friedewald

Die Tiere von Picasso

Erschienen bei Prestel im November 2014. 144 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 16,95-. Euro. Leseprobe und weitere Features im Menu finden sich im Menü auf dem Cover (links oben).


Biografie Picasso

Seit Pablo Picasso malen kann, malt er Tiere. Die ersten Versuche leitet sein Vater an, ein Kunstlehrer, der ganz in den klassischen Maltechniken stecken geblieben ist und fast nur Tauben malt. Und so flattern bei Picassos zuhause überall Tauben herum. Beim traditionellen Stierkampf findet Picasso sein zweites Tiermotiv: Die mächtigen Bullen, die den Torreros die Hörner bieten. Wie sein Vater macht sich Pablo mit dem akademischen Malstil vertraut - aber anders als er geht er schon bald darüber hinaus. Über Madrid und Barcelona zieht es ihn nach Paris, dem Zentrum der künsterischen Avantgarde der Jahrhundertwende. Zwar trägt er fast kein Geld mehr bei sich, als er auf dem Montmatre, dem berühmten Pariser Bohéme-Berg ankommt, dafür umso mehr Ideen. Er bannt seine elendigen Lebensbedingungen in tristen Blautönen auf seine Leinwände, und dann seinen Lebensmut auf rosafarbene Bilder von Zirkusgestalten. Schließlich gelingt ihm der Durchbruch mit einem verrückten Bild von Prostituierten, die merkwürdig gewürfelt aus der Wäsche schauen. Der Kubismus ist erfunden. Von nun an wächst Picassos Ruhm (und auch die Zahl seiner Geliebten). Weltbekannt wird sein Schreckensbild Guernica, das die Grauen des spanischen Bürgerkriegs anprangert.

Buchbesprechung

Lebenslang malt Picasso Tiere. Diesen Aspekt seines Lebenswerk greift Boris Friedewald in seiner exzellent gemachten Bildbiografie heraus. In Kapiteln, die sich jeweils bestimmten Tiermotiven widmen, werden Tauben und Stiere, Hunde und Katzen, Affen und Pferde, Ziegen und Fische und natürlich Eulen so vorgestellt, wie sie Picasso gesehen hat. Beinahe (aber eben nur beinahe) nebenbei erzählt Friedewald erzählt anekdotisch die ganze Lebensgeschichte des Ausnahmemalers. Dass Picasso nicht nur vom würdevollen Habitus der Eulen begeistert ist, sondern auch ihren Lärm und ihren Dreck ausgehalten hat; dass er ganze Nächte unter den wachsamen Augen seiner Hauseule gemalt hat; dass ihm die Eule auf der Schulter sitzt und er ihren Ruf imitiert - das alles berichtet und bebildert Friedewald in einnehmender Weise. Dafür braucht er gut 140 Seiten in kleinem Format und vergisst auch eine Lebenschronik nicht. Alles in allem also ein wirkliches empfehlenswertes Büchlein für Picasso-, Biografien- und Eulenliebhaber...

Biografie Pablo Picasso weiterzwitschern...

0 Kommentare

Hape Kerkeling: Kindheit eines Komikers

Hape Kerkelings offenherzige Kindheitserinnerungen stehen seit Wochen ganz oben in den Bestsellerlisten. Der eigentliche Geheimtipp ist aber das Hörbuch...

Quelle: http://www.rachor-photography.com/
Hape Kerkeling (Pressefoto von Felix Rachor, verlinkt zur Homepage des Fotografen)

Seine Stimme ist seine beste Verkleidung: Hape Kerkeling. Mit noblem holländischen Akzent hat er die Königin Beatrix gegeben, als nuschelnder Rheinländer die Kultfigur Horst Schlämmer zum Leben erweckt. Dazu singt Kerkeling - neuerdings Schlager - kurzum: Mindestens eine seiner vielen Stimmen kennen fast alle. Wie aber klingt Hape Kerkeling, wenn er ausnahmsweise mal er selbst ist? Wenn er seine eigenen Kindheitserinnerungen liest, die keineswegs nur fröhlich und heiter sind? Denn die Welt des kleinen Hans-Peter steuert in Schlangenlinien, aber unaufhaltsam auf die größtmögliche Katastrophe zu: auf den Selbstmord der Mutter...

Zuerst einmal klingt dieser Medienprofi einfach nur professionell, fast so, als würde er gar nicht von sich erzählen. Nüchtern einstudiert: das ist der erste Eindruck, der unterfüttert wird von einer vermeintlich konstruierten Rahmenhandlung, die die Hörer dort abholt, wo sie Kerkeling kennen: in der Gegenwart. Aber dieser erste Eindruck täuscht - und zwar fundamental. Schon der Hape Kerkeling der Gegenwart lässt sich tief in die Seele blicken. Die Begegnung mit einem todkranken Mädchen, das einmal Horst Schlämmer treffen will, rührt zu Tränen und ist die emotionale Overture in ein ergreifendes Hörbuch. Obgleich Kerkeling selbst solche heiklen Szenen humorvoll - nicht albern! - auffängt und damit zumindest teilweise entschärft, zeigt sich der erfolgreichste deutsche Komiker, der gerne mal Lacher auf Kosten anderer einheimst, von einer anderen Seite: empathisch ist Kerkeling, sensibel und offenherzig. 

Hape Kerkeling Biografie

All das nimmt er mit in die Geschichte seiner Kindheit. Diese Geschichte ist glänzend erzählt: Sie ist im Grunde eine Verneigung vor den starken und den schwachen Frauen seiner Familie: Die beiden Großmütter, unterschiedlich wie Tag und Nacht, sind die beiden resoluten Figuren, die dem pummeligen Hape eine gewisse Stabilität und sein Selbstwertgefühl geben. Er liebt sie beide: Die alles beherrschende und "bekloppte" Oma Änne, die das ganze Viertel rockt; und die zurückhaltende, doch nicht weniger entschlossene Oma Bertha, die ihr trautes Heim "ohne einen Blick zurück" verlässt, um für ihren Enkel zu sorgen, nachdem sich dessen Mutter umgebracht hat. Aber: Kerkeling verneigt sich auch vor seiner schwachen Mutter. Seine Memoiren sind keine Abrechnung mit ihr, die ihn so grausam im Stich gelassen hat (er liegt neben ihr im Bett, nachdem sie sich mit Tabletten vergiftet hat). Vergeblich hatte er immer wieder versucht, sie aufzuheitern: mit Blödeleien und einer Art von kindlicher Stand-Up-Comedy. Kerkeling hat darüber nicht die Lust am Frohsinn verloren. So traurig seine Kindheitsgeschichte ist, so eindringlich er sie erzählt und so intensiv die Stunden sind, in denen sie von Kerkeling selbst mit sanfter und ernster Stimme gelesen werden, so sehr macht dieses Hörbuch auch Mut: Mut, sich auch in scheinbar aussichtslosen Situationen nicht hängen zu lassen. Dieser Mut, auch das zeigt Kerkelings Biografie, lohnt sich - genau wie dieses Hörbuch.

Rezension weiterzwitschern...

0 Kommentare

Dieter Kühn: Die Lebenswerkstatt

Der Schriftsteller Dieter Kühn wird 80. In zwei Autobiografien blickt er auf sein Leben und sein Lebenswerk zurück.

Dieter Kühn (© Jürgen Bauer)
Dieter Kühn (© Jürgen Bauer)

Kühn: der Name ist Programm - und zwar nicht nur für den Autor Dieter Kühn, der dieser Tage seinen 80. Geburtstag feiert. Auch die Leser der beiden Autobiografien über sein Leben und sein (unvollendetes) Werk müssen kühn sein: Zusammen umfassen diese Erinnerungsbände nämlich 1800 Seiten. Das ist keine Lektüre für nebenbei, das ist selbst fast ein Lebenswerk. Dieter Kühn hat viel zu erzählen in seinem Lebens- und seinem Logbuch. Wer aber eine akribische "Und dann, und dann, und dann"-Chronik erwartet, der wird (zum Glück) enttäuscht. Denn wer es wagt, die Buchdeckel der beiden Wälzer aufzuschlagen, der öffnet die Türen zu Dieter Kühns Lebenswerkstatt. Ein biografischer Besuch: 

Dieter Kühn

Das magische Auge

Mein Lebensbuch

Erschienen bei S.Fischer im September 2013. 1280 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 30,00 €.


Dieter Kühn

Die siebte Woge

Mein Logbuch

Erschienen bei S.Fischer im Januar 2015. 520 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,99 €.


Dieter Kühn Biografie

Wer also einen Blick in diese Lebenswerkstatt riskiert, der muss sich (wie in jeder anständigen Werkstatt) erstmal gründlich orientieren: Kreuz und quer finden sich Ideen und Skizzen, durchmischen sich biografische und literarische Sequenzen, vereinen sich Erlebtes, Gedachtes und Gewusstes: Die Erinnerungen an die amerikanischen Besatzungs- und Befreiuungstruppen sind bei Kühn Nachbarn von Reflektionen über Atome und Quanten. Den Niederungen der Lokalpolitik stehen die Weiten der Galaxie gegenüber, Biografien über Napoleon und Clara Schumann teilen sich ein Plätzchen mit Übersetzungen mittelalterlicher Epen.  Aber - und auch das ist wie in jeder anständigen Werkstatt - wenn man sich auf die vermeintliche Unordnung einlässt, dann erschließt auch irgendwann die tiefere Ordnung und dann ist es umso anregender, sich mit Dieter Kühn an die Werkbank - Pardon: an den Schreibtisch - zu setzen: Kühn ist eine Art von Wissensjunkie. Keine Information scheint vor seiner unerschöpflichen Neugier sicher zu sein. Studiert hat er Deutsch und Englisch (in Freiburg), seine Dokorarbeit dreht sich um den "Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil. Dann dreht sich das Themenkarussell beinahe ein Leben lang. Als Rundfunkredakteur macht er Hörspiele, als Hobbyhistoriker stellt er gerne mal die Frage, was gewesen wäre, wenn... "Aufräumen und sichten" will Dieter Kühn seine Lebenswerkstatt in seinen Memoiren: Aber warum sollen alle anderen, die Leser, dabei zuschauen, hunderte von Seiten lang?

Buchbesprechung

Es gibt dafür keinen vernünftigen Grund, aber viele gute Gründe: Erstens: Kühns 360-Grad-Interesse färbt ab. In andauernd neuen thematischen Entdeckungen und Wendungen erstickt die tückische Dicke-Bücher-Langeweile. Zweitens: Die vielen kleinen und oftmals im minimalistischen Stakkato angerissenen Fragmente und Fragen regen zum Nach- und Weiterdenken an. Drittens: Die Kombination der beiden Bücher gewährt einen ungewohnten Einblick in die Arbeit des Schriftstellers. Dass sich ein Autor so wie Dieter Kühn in seinem soeben erschienen Logbuch über die Schulter schauen lässt und nicht nur Vergangenes, sondern auch Gegenwärtiges und (möglicherweise) noch Kommendes reflektiert, ist selten. Das Ringen um die literarische Bewältigung aktueller Themen, die Zusammenführung von so vermeintlich widersprüchlichen Interessen - all' das macht Kühns Doppel-Autobiografie einzigartig. Zugegeben: Weder das Lebens- noch das Logbuch laden dazu ein, in einem Rutsch von vorne nach hinten durchgelesen zu werden - dafür sind sie in gleich mehreren Facetten zu umfangreich. Und auch der mitunter gehetzte Schreibstil fordert seine Lesepausen ein. Aber als Fundgrube für eigene Impulse und Anregungen ist diese nunmehr öffentlich zugängliche Lebenswerkstatt allemal nicht nur einen Besuch wert.

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Alma und Gustav Mahler: Muse und der Musiker des Jahrhunderts

Alma und Gustav Mahler führten eine der ersten modernen Künstlerehen - zwei biografische Bücher berichten davon

Beide Fotos lizensiert unter Gemeinfrei
Beide Fotos lizensiert unter Gemeinfrei

Sie waren Star und Sternchen in den Wiener Salons der Jahrhundertwende: Gustav und Alma Mahler. Er führt mit dem Taktstock das berühmteste Opernhaus der damaligen Welt und sie ist eine bezaubernde, gebildete, sehr junge Frau. Er ein chronischer Einzelgänger, zerstreut, genial, kompromisslos. Sie eine gesellige Muse mit eigenen Ambitionen, bald fröhlich, bald verführerisch - und immer darauf bedacht, aus ihrer Geschichte Geschichte zu machen. Mit Erfolg: Vor fünfzig Jahren ist Alma gestorben, ihre Faszination lebt bis heute. Ganz anders ist es vielen weiteren Zeitgenossen des großen Komponisten ergangen - das Eulengezwitscher erinnert an Alma Mahler und an Mahlers Menschen in einer biografischen Doppelbesprechung: 

Alma Mahler-Werfel

Mein Leben

Biographie

Erschienen bei Fischer-Taschenbuch. 376 Seiten kosten in der Taschenbuchausgabe 9.95 € und als eBook 9.49 €.


Helmut Brenner und Reinhold Kubik 

Mahlers Menschen

Freunde und Weggefährten

Erschienen im Residenz-Verlag im September 2014. 304 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 29.90 €.


Biografie Alma Mahler

Gustav Mahler hat klare Vorstellungen von der Ehe mit der ihrerseits musisch begabten Alma gehabt: "Die Rolle des Komponisten fällt mir zu, Deine ist die der liebenden Gefährtin…!” Aber als Mahler 1911 stirbt, ist die liebende Gefährtin nicht einmal 35 Jahre alt - zu jung, um "Witwe im Wahn" (Oliver Hilmes) zu sein. Tatsächlich führt Almas Lebensweg quer durch die Kunst- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Der Schriftsteller Franz Werfel, der Architekt Walter Gropius und der Maler Oskar Kokoschka sind nur drei der berühmten Herren, die mit Alma das Bett geteilt haben. Alle hat sie inspriert. Viel ist geschrieben worden über die männermordende Alma, die ihren ersten Gatten Gustav um ein gutes halbes Jahrhundert überlebt hat. Keine biografische Darstellung mit wissenschaftlichem Deutungsanspruch ist jedoch so fessend wie Almas eigene Memoiren. Ihr lebendiger Tagebuchstil reißt den Leser in die Untiefen eines Lebens als selbstbewusste Muse mit eigener schöpferischer Kraft. Freilich: Wer Almas Leben studieren will, dem ist mit dem seit Jahrzehnten immer wieder neu aufgelegten Erinnerungsbuch wenig geholfen: Hier wird fröhlich polemisiert und pointiert und Almas urteilt mit spitzer Feder. Das aber ist Vorrecht jeder subjektiven Dartstellung. Und ihre Erzählung gewinnt durch ihre ungeschminkte und ungedeutete Meinung. Denn auch das ist ein Schicksal der Alma Mahler: Schon so manche Biografin und mancher Biograf hat nachträglich einen eigenen roten Faden durch ihre Lebensgeschichte gewoben und damit den Blick auf die echte Alma verstellt, die viel gewitzter, empathischer und wählerischer ist als der Ruf, der ihr nachhallt. Als pathetisches, authentisches Kunstwerk über ein Leben, das seinerseits nichts weniger als Kunst war, ist Almas autobiografischer Klassiker "Mein Leben" atemberaubende Lektüre.

Biografie Gustav Mahler

"Mahlers Menschen" ist in vielem das Gegenteil: Neu erschienen, wissenschaftlich fundiert und sicher keine leichte Lektüre. Dieses hochwertig aufgemachte biografische Nachschlagewerk ist dennoch eine beinahe unverzichtbare Erweiterung der umfangreichen Mahler-Literatur. Die Autoren Helmut Brenner und Reinhold Kubik haben sich  in bewundernswerter Kleinarbeit derjenigen Freunde und Weggefährten Gustav Mahlers angenommen, über die die Geschichte mittlerweile hinweggangen ist. Dieses Konzept erfordert Mut: Denn wer hier Kurzporträts von Alma, von befreundeten Dirigenten wie Bruno Walter oder Otto Klemperer oder von konkurrierenden Komponisten wie Richard Strauss erwartet, wird enttäuscht werden. Im Mittelpunkt des Buches stehen Menschen, die selbst manchem Mahler-Kenner nur beiläufig bekannt sein dürften (z. B. aus Briefen oder aus der Monumentalbiografie von Jens Malte Fischer). Nein, dieses Buch entspricht nicht den Erwartungen an ein Buch über das Umfeld des Komponisten - aber das ist nach anfänglichem Wundern auch gut so. Der Leser lernt nicht nur Mahlers Menschen kennen, sondern in ihren Lebensgeschichten auch den Menschen Mahler außerhalb der großen Opernhäuser und der kleinen Komponierhäuschen. Dass dieses Buch durch die Strukltur voneinander unabhängiger Kurzbiografien nicht "durchgelesen" werden muss, sondern hin und wieder einen kurzen Blick hinein erlaubt, tut sein übriges dazu, dass der stolze Preis (knapp 30 Euro) gerechtfertigt ist.

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Marquise de Sade: Der Ur-Sadist

Vor 200 Jahren ist der Schriftsteller Marquis De Sade gestorben. Eine Biografie über den Vater des Sadismus.

Beide Fotos lizensiert unter Gemeinfrei
Beide Fotos lizensiert unter Gemeinfrei

Er war ein Schocker-Schriftsteller: der Marquis de Sade. Die Gewalt- und Sexorgien in seinen Romanen haben den Namenspatron des Sadismus an der Schwelle zum 19. Jahrhundert in den Kerker und beinahe aufs Schaffot gebracht. Dabei hat der Marquis, der heute vor 200 Jahren gestorben ist, anders als seine Fantasiefiguren keineswegs schwangere Bäuche aufgeschlitzt oder Ritualmorde begangen (allenfalls hat er ab und an die Peitsche geschwungen). Vielmehr zeigte er sogar menschliche und moralische Züge. Diesem Rätsel de Sade ist der routinierte Biograf Volker Reinhard nun auf den Grund gegangen.

Volker Reinhardt

De Sade

Die Vermessung des Bösen

Erschienen bei C-H. Beck im Juli 2014. 464 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 26,95 €.


Biografie Marquis de Sade

Licensed under CC BY-SA 3.0
Licensed under CC BY-SA 3.0

Seit Daniel Kehlmanns biografischem Roman "Die Vermessung der Welt" (über Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt) wird im literarischen Betrieb immer mal wieder gerne etwas vermessen. Nun hat sich der Schweizer Historiker Volker Reinhard in seiner jüngst bei C.H. Beck erschienen Biografie über den Marquis de Sade der Vermessung des Bösen angenommen. Anders als so oft ist dieser Titel allerdings tatsächlich Programm. Reinhardt vermag es, sich seinem von so gegensätzlichen Emotionen wie Ekel, Lust, Verdammung und Befreiung aufgeladenen Protagonisten nahezu unbefangen zu nähern: Wer sich mit de Sades Diagnose, dass die Welt durch und durch böse ist, auseinander setzen will, muss sein Leben kennen.  Dieser Linie bleibt Reinhardt treu. De Sades eigene (aus heutiger Sicht eher harmlose) Eskapaden portraitiert Reinhardt ebenso nüchtern wie die biografischen Folgen der Exszesse seiner Romanfiguren: Für seine zu Papier gebrachten Unmenschlichkeiten (mitunter verleugnet de Sade die Autorenschaft) wandert er jahrelang ein, weil man sich vor der Gewalt seiner Fantasien fürchtet. Reinhardt beschönigt die rohe Brutalität nicht, aber er weidet sich auch nicht daran. Er zeigt de Sade als überlegten Provokateur, der die dunkelsten menschlichen Abgründe ans Licht bringt - wohlwissend um ihre skandalisierende Kraft. Es gint allerdings einen Preis für die akademische Unbestechlichkeit: De Sade und sein Leben bleiben weitgehend Forschungsobjekte und diese (wenn auch legitime) Herangehensweise verhindert, dass der Marquis selbst zwischen den Buchdeckeln neu auflebt. Möglicherweise ist das aber auch gar nicht nötig. Denn so gelingt es Reinhardt, das Schockerlebnis de Sade in unsere Zeit zu übersetzen - und das ist sein selbst gestecktes Ziel.

Fazit: Diese Biografie ist nichts für Moral-Apostel - aber auch nichts für Gewaltsex-Voyeure. Volker Reinhardt portraitiert den legendären verhassten und verklärten Marquis de Sade in keiner Weise einseitig. Der Schweitzer Historiker bleibt bei den Quellen und differnziert konsequent zwischen Leben und Lebenswerk. Das geht zwar manchmal auf Kosten der Lebendigkeit, aber Volker Reinhardt will auch keine fesselnde Lebensgeschichte erzählen. Er holt den heute vor 200 Jahren gestorbenen Marquis de Sade als Mahner in die Gegenwart: als feinsinnigen und berechnenden Provokateur, der dazu anregen will, über menschliche Abgründe nachzudenken, die heute oftmals durch mediale Abstumpfung und Verharmlosungen gut getarnt, aber umso gefährlicher sind.

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Daniel Barenboim: Macht Musik, nicht Krieg!

Der Dirigent Daniel Barenboim über seine Erinnerungen und Einsichten - und über den Nahost-Konflikt

Überzeugt von der Macht der Musik: Daniel Barenboim (Foto: Monika Rittershaus/Staatsoper Berlin)
Überzeugt von der Macht der Musik: Daniel Barenboim (Foto: Monika Rittershaus/Staatsoper Berlin)

Daniel Barenboim ist ein geborener Superstar der klassischen Musik. Seine Karriere beginnt am Klavier (als gefeiertes Wunderkind) und steigert sich dann in einem biografischen Crescendo bis in die Gegenwart. Heute ist Barenboim der wohl berühmteste lebende Dirigent und Pianist. Aber auch außerhalb der großen Konzertsäle sorgt Barenboim für so manchen Paukenschlag - vor allem, wenn es um den Nahost-Konflikt geht. Denn Barenboim lässt seit Jahren nichts unversucht, über die Musik junge Israelis und Palästinenser miteinander ins Gespräch zu bringen, frei nach dem Motto: Macht Musik, nicht Krieg! Vor zehn Jahren hat er mit einem gemischt arabisch-jüdischen Jugendorchester ein Konzert im palästinensischen Ramallah gegeben – auch in seinen jüngst erschienen Erinnerungen und Einsichten dominiert die Sorge um die Zukunft im Nahen Osten.

Daniel Barenboim

Musik ist alles und alles ist Musik

Einsichten und Erinnerungen

Erschienen im Berlin Verlag 2014. 140 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe  16,99 €.


Die Sache scheint aussichtslos: Seit der israelischen Staatsgründung 1948 (und streng genommen noch viel länger) tobt im Nahen Osten ein erbitterter Kampf ums Heilige Land: Angriffe werden mit Vergeltungsschlägen beantwortet, Raketenbeschuss und Bombenattentate gehören zum Alltag, Hass aufeinander ist über Generationen gewachsen. Daniel Barenboim ist einer, der sich damit nicht abfinden will. Seit 1999 leitet er das West Eastern-Divan Orchestra, ein gemischt arabisch-jüdisches Jugendorchester.  Dort sollen die verfeindeten Jugendlichen zusammen musizieren und miteinander ins Gespräch kommen. 

Biografie Daniel Barenboim

Foto:  Enciclopedia Libre, Lizenz: CC-BY-SA-3.0
Foto: Enciclopedia Libre, Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Immer wieder kochen in den Workshops und auf Konzertreisen die Emotionen hoch - vor allem dann, wenn der schwelende Nahostkonflikt eskaliert und in Krieg und Terror ausartet. Und in Israel kommt der Palästinenser-Versteher Barenboim auch nicht nur gut an .Aufgegeben hat Barenboim dennoch nie. Niemand hatte für möglich gehalten, dass Barenboim mit dem West Eastern Divan tatsächlich in Ramallah auftritt (Israelis dürfen eigentlich gar nicht in die Palästinensergebiete reisen, Barenboim weiß auch um die Weisheit der Erkenntnis: "Tu Gutes - und sprich darüber": In mittlerweile mehreren autobiografischen Büchern, Vorträgen und Videodokumentationen hat er über seine musikalische und soziale Arbeit ausführlich berichtet und unermüdlich zu mehr Miteinander aufgerufen. Seine jüngst im Berlin Verlag erschienenen Einsichten und Erinnerung sind zwar zusammengestellte Einzeltexte, aber keineswegs bloße Zweitverwertung von bereits Bekanntem. Im Gegensatz zu frühreren Veröffentlichungen tritt die Lebensgeschichte Barenboims hinter seine Gedankenwelt zurück, die in von einander unabhängigen Reden und Dialogen entfaltet werden. Dazu zählt Philosophisches zur Interpretation von Musik an sich ebenso wie die Analyse einzelner Werke. Was Barenboim traditionell am meisten beschäftigt, ist der Umgang mit dem ätzend antisemitischen Komponisten Richard Wagner (Barenboim verehrt den Musiker und verachtet den Menschen) - und eben der Nahostkonflikt..

Fazit: Dieses Büchlein ist eine Textsammlung, die auch "Barenboim kompakt" oder "Barenboim für Eilige" heißen könnte: In unterschiedlichen Formaten gewährt der Maestro Einblick in seine musikalischen, philosophischen und politischen Glaubensgrundsätze. Die einzelnen Beiträge lesen sich wie Ergebnisprotokolle jahrzehntelangen Nachdenkens: kurz, prägnant, tiefschürfend.

Dirigenten Biografien

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Bertold Brecht: Der Denker in der Zeitkapsel

Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0

Dieses Buch ist wie eine Zeitkapsel. Vor über einem halben Jahrhundert (und kurz vor seinem Tod) hat der marxististische Theoretiker Fritz Sternberg seine Erinnerungen an Bertolt Brecht aufgeschrieben. Doch das zuerst 1963 erschienene schmale Bändchen mit dem gewichtigen Inhalt ist in den vergangenen Jahrzehnten in Vergessenheit geraten. Jetzt hat Sternbergs Nachlassverwalterin Helga Grebing die Zeitkapsel geöffnet und den den Text in der Bibliothek Suhrkamp erneut herausgegeben, kommentiert und mit einem umfangreichen Anhang versehen. Ein Blick ins Buch:

Fritz Sternberg

Der Dichter und die Ratio

Erinnerungen an Bertolt Brecht

Erschienen bei Suhrkamp im August 2014. 195 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,95 €.


Sternbergs Erinnerungen tragen nicht den Charakter einer umfassenden Brecht-Biografie. Sie vermitteln daher nur sehr eingeschränkt einen Überblick über Brechts Lebensgang (dafür gibt es aber eine ausführliche und sehr gelungene Chronologie im Anhang). Sternbergs Erinnerungen sind in weiten Teilen Erinnerungen an seine Diskussionen mit Brecht. Als solche vermitteln sie allerdings ungleich Wertvolleres, weil Selteneres: ungetrübte Einblicke in das Denken und in die Gedanken des frühen Brechts, der in Sternberg einen "ersten Lehrer" findet. In diesen Diskussionen ringen Brechts intuitiver bis ungestümer Sozialismus und Sternbergs analytisch-theoretische Sicht auf Marx und Co. miteinander.

Herausgeberin Helga Grebing auf der Frankfurter Buchmesse
Herausgeberin Helga Grebing auf der Frankfurter Buchmesse

Das systematische Denken lag ihm nicht, schreibt Sternberg über Brecht, lässt aber im gleichen Federstrich auch keinen Zweifel am Genie des Denkers "im Rösselsprung": Bald beim Fragen, bald beim Nachdenken explodierte es in ihm ,und  er sagte dann neue, sehr originelle Dinge.  Man spricht darüber, wie Dichter zur Umwälzung der Gesellschaft beitragen kann, reflektiert das Ende des Ersten Weltkriegs und die Zersplitterung der Arbeiterbewegung. Buchstäblich aus dem Fenster (von Sternbergs Wohnung) beobachten die beiden die Polizeigewalt im Mai 1929 (sog. Blutmai), gemeinsam überlegt man, wie man Hitler verhindern könnte. Während des Exils kühlt die Beziehung immer mehr ab, je unkritischer sich der zunehmend berühmte Autor kritischer Dramen der Sowjetunion (und später der DDR) annähert. Dass dieses Abkühlen keinen Schatten auf die Schilderung von Brecht wirft, ehrt Sternberg und zeugt von der Qualität seines Büchleins.

Fazit: Sternbergs Brecht-Buch ist keine Einsteiger-Lektüre. Weil seine Würze in der Kürze liegt, setzt Sternberg viel voraus (auch wenn das zumeist durch die umsichtige Edition Helga Grebings gut aufgefangen wird). Der unverstellte Blick auf Brechts Gedankenwelt ist allerdings eine Delikatesse unter den Biografien des Denkens. Dieser  Text zeigt einen Brecht, der noch nicht verwaschen oder verklärt ist von den literarischen und biografischen Analysten der vergangenen 50 Jahre.

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Marilyn Monroe: Der Wind, der Wind, das himmlische Weib...

Marilyn Monroe lässt wieder blitzen: In ihren Skizzenbüchern gewährt sie tiefe Einblicke in ihr Leben als traurige Traumfrau

By Published by Corpus Christi Caller-Times-photo from Associated Press [Public domain], via Wikimedia Commons
Der berühmteste Lupfer der Hollywood-Geschichte: Marilyn Monroe auf dem Luftschacht

Sie verdreht Männern bis heute den Kopf: Marilyn Monroe (1926-1962). Bei den Dreharbeiten zu „Das verflixte 7. Jahr“ lässt es die Hollywood-Blondine im September 1954 blitzen: Der Lüftungsschacht einer U-Bahn hebt ihr den Rock. Weil die Kamera läuft, ist der berühmteste Lupfer der Filmgeschichte im Kasten. Auch in Ihren Skizzenbüchern lässt die Monroe tief blicken:  in die Seele einer traurigen Traumfrau...

Marilyn Monroe

Tapfer lieben

Ihre persönlichen Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe            

Erscheint bei S.Fischer im Juli 2012. 272 Seiten kosten in der Taschenbuchausgabe 12,99 €.


Die zwei unscheinbaren Kartons haben es in sich: Sie bergen die persönlichen Aufzeichnungen von Marilyn Monroe. In ihren erst 2007 entdeckten Briefen, Notizen und Gedichten wird die Monroe wieder lebendig. Wir begegnen aber nicht der zuckersüßen und naiven Blondine, die wir von der Leinwand, Postern und Pinups kennen. Wir treffen darin auf eine nachdenkliche und Frau, die ihrem Image als Sexsymbol in inniger Hassliebe verbunden ist.

Es ist kein Vergnügen, sich selbst gut zu kennen oder es jedenfalls zu denken - jeder braucht ein bisschen Einbildung, um  um an und um den Abgrund zu kommen

Marilyns Aufzeichnungen sind als Hochglanz-Taschenbuch erschienen. Kunstvoll und stilsicher gestaltet haben die Herausgeber Fotografien der Originalskizzen (auf Briefbögen, in Notizbüchlein und auf Hotelpapier) mit einer buchstabengetreuen englischen Abschrift und einer deutschen Übersetzung versehen. Lediglich kurze Einführungen und Kommentare ordnen die sehr unterschiedlichen Aufzeichnungen ein und lassen der Monroe das Wort: Ihre Gedichte und autobiografischen Fragmente erzählen viel von Selbstzweifeln und Selbstmotivation: Ich weiß, dass ich nie glücklich sein werde, aber fröhlich kann ich sein! Vor allem atmet diese Skizzensammlung den Wunsch geliebt zu werden. Kein Wunder: Die Lebensgeschichte der 1926 geborenen Traumfrau birgt so manchen Alptraum: Kindheit im Waisenhaus, wechselnde Pflegemütter und Ehemänner, dazu der frühe und niemals geklärte Tod 1962 (wahrscheinlich durch überdosierte Medikamente). Obwohl sich Marilyn Monroe viel von der Seele geschrieben hat, nehmen die jüngsten Veröffentlichungen dem Geheimnis Marilyn nichts, eher könnte man sagen, sie verleihen ihm Substanz, wie es die Herausgeber formulieren. Ein schönes Geheimnis wird aber doch gelüftet: Marilyn Monroe war eine leidenschaftliche Leserin: Seltene Fotos zeigen sie mit James Joyce‘ „Ulysses“ und mit Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“. Selbst in Drehpausen hat sie sich gerne mal mit einem guten Buch zurückgezogen. Besonders gerne hat Marilyn Monroe übrigens Biografien gelesen…

Zum weiterlesen im Biografien-Blog...

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Herbert von Karajan: Der Perfektionist am Pult

Herbert von Karajan (1908-1989) war ein österreichischer Dirigent

Foto: Pressefoto_Karajan_Siegfried_Lauterwasser_Archiv_Berliner_Philharmoniker
Herbert von Karajan, Foto: Siegfried Lauterwasser/Archiv Berliner Philharmoniker)

Er war der Perfektionist am Dirigentenpult: Herbert von Karajan. Sage und schreibe 33 Jahre hat er die legendären Berliner Philharmoniker geleitet (1956-1989). Sein künstlerischer Erfolg wirkt fort - auch weil er ihn mit technischem Sachverstand selbst verewigt hat. Aber Karajans Karriere weist auch dunkle Kapitel auf. Heute vor 25 Jahren ist der Jahrhundertdirigent gestorben.

Foto: Siegried Lauterbach/DG
Foto: Siegried Lauterbach/DG

Herbert von Karajan wird am 5. April 1908 in Salzburg geboren. In der Familie ist Musik ein hohes Gut. Der Vater spielt zur Zerstreuung Klarinette und Herbert soll in die Tasten greifen: Als Vierjähriger beginnt seine Ausbildung zum Pianisten. Noch erfolgreicher schwingt er den Taktstock: Mit Anfang 20 dirigiert Herbert von Karajan seinen ersten großen Klangkörper: das Philharmonische Orchester. In seiner Karriereplanung verlässt sich der aufstrebende Orchesterlenker nicht nur auf sein geniales Gespür für Mozart, Beethoven und Co. Auch politisch will er kein Risiko eingehen und biedert sich schon sehr früh den Nationalsozialisten an, deren Parteibuch er ab 1933 besitzt. Bis der "Führer" Adolf Hitler mit einer seiner Wagner-Interpretationen unzufrieden ist (und teils darüber hinaus), steht er in der Gust des NS-Regimes, das auch die Klassik für seine schmutzige Sache vereinnahmen will. Karajan diskreditiert sich als unkritischer Vollstreckungsgehilfe - erst als Berlin schon brennt, setzt er sich ab.

Die Philharmonie im Bau (alle Fotos: © Reinhard Friedrich/Stiftung Berliner Philharmoniker)
Die Philharmonie im Bau (alle Fotos: © Reinhard Friedrich/Stiftung Berliner Philharmoniker)

Nach kurzem Auftrittsverbot entdeckt ihn die Kulturszene Ende der 1940er Jahre wieder und er folgt auf Wilhelm Furtwängler als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Dort mehrt Karajan über drei Jahrzehnte seinen Ruhm - und den des Orchesters. Nicht nur die Konzerte sind bald schon Legende - mehr noch macht sich der technikbegeisterte Karajan (der nicht nur auf dem Podest, sondern auch im Porsche, auf Schnellbooten und in Sportflugzeugen eine gute Figur macht) im Tonstudio einen Namen. Immer auf dem aktuellen Stand der Tontechnik spielt er wieder und wieder sein enormes Repertoire ein. Sein Ziel: Der reine Klang und die partiturgetreue, ursprüngliche Musik. Dafür wird ihm 1963 von Hans Scharoun sogar der modernste Konzertsaal Europas gebaut: die Berliner Philharmonie. Während ein Leonard Bernstein als künstlerisches Gegenstück zu Karajan ganz auf sein Bauchgefühl setzt und sich emotional ganz den Komponisten hingibt, die er dirigiert, setzt Karajan eins zu eins in Klang um, was die Komponisten zu Papier gebracht haben. Karajans Notentreue zeigt sich in der Probenarbeit (im Clip: Schumanns 4. Symphonie):

Auch wenn sich Herbert von Karajan am Ende seiner Laufbahn grollend vom Pult der Berliner Philharmoniker zurückzieht (und drei Monate später stirbt), wissen die Berliner sein Erbe bis heute zu wahren: Seit kurzem sind zum Beispiel vier Karajan-Konzerte in der Digital Concert Hall anzusehen, darunter die 9. Symphonie von Antonin Dvorak ("Aus der schönen neuen Welt").

Es ist auch das Erbe Herbert von Karajans, das den Chefposten am Pult der Berliner Philharmoniker so begehrt macht (erster Nachfolger war der kürzliche verstorbene Claudio Abbado). Deshalb darf man gespannt sein, wer 2018 den aktuellen Chefdirigenten Sir Simon Rattle beerben wird...

Dirigenten Biografien

Herbert von Karajans Biografie weiterzwitschern:

0 Kommentare

Dennis Hopper: Der Easy Rider

Zum 45. Filmjubiläum: Tom Folsoms Biografie über Dennis Hopper

„1969-typeCaptainAmerica” autorstwa Brian Snelson - originally posted to Flickr as 1969-type Captain America. Licencja CC BY 2.0 na podstawie Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1969-typeCaptainAmerica.jpg#/media/File:1969-typeCapt

"Morgens ein Joint und der Tag ist dein Freund..." Heute vor 45 Jahren hat Dennis Hopper mit dem Hippie-Kultfilm 'Easy Rider' die Kinos erobert. Zur Feier des Tages stellt das Eulengezwitscher die neue Hopper-Biografie von Tom Folsom vor.

Tom Folson

Dennis Hopper

Die Biografie

Erschienen bei Blessing im Mai 2013. 416 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 22,99 €.


Angela George [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Dennis Hopper braucht für "Easy Rider" weder Drehbuch noch Handlung. Sein Film begleitet mehr oder weniger frei improvisiert zwei moderne Cowboys - Hippies auf Drogen und Choppern - quer durch die Vereinigten Staaten der späten 1960er Jahre. Mal gehen Wyatt (Peter Fonda) und  Billy (Dennis Hopper) in der Prärie auf einen Trip, mal im Tohuwabohu des Mardi Gras, mal in professioneller Begleitung auf einem Friedhof. Am Ende sind die beiden freiheitshungrigen Träumer tot: Opfer des spießigen Amerika, das bei langhaarigen und zotteligen Hippies keinen Spaß  versteht. Dafür versteht die amerikanische Jugend die beiden umso besser und macht "Easy Rider" zum zeitlosen Kultfilm. 

Auch Tom Folsom geht beim Schreiben seiner Biografie auf einen Trip - einen Dennis Hopper-Trip. Folsom kommt Hopper nahe, manchmal sogar gefährlich nahe. Das Buch atmet die Bewunderung des Autors für seinen Helden. Allerdings beweist er, dass Leidenschaft für das eigene Sujet nicht unbedingt schlecht sein muss: Folsoms Verständnis für Hoppers rebellische Lebensweise ermöglicht erst den Zugang zu einem abgedrehten Leben, das mit einer von Vater und Mutter vernachlässigten Kindheit und Jugend auf dem Land beginnt und über Hollywood auf die Leinwand (Kino) und an die Leinwand (Hopper als abstrakter Maler) führt. Folsom erlaubt dem Leser, die Welt (ganz ohne Gesundheitsrisiken) durch die Augen eines Vollblutkünstlers zu sehen, der andauernd high ist.  Dabei hilft ihm seine journalistische Ausbildung. Folsom weiß, wie ernüchternd eine biografische Leseerfahrung sein kann, wenn erst einmal in epischer Breite Ahnen und Urahnen desjenigen ausgebreitet werden, für den sich der zahlende Leser interessiert. Deshalb steigt er genau so ein, wie man es sich als Hopper-Fan erhofft: auf dem Stahlross, das Hopper zwischen den Beinen glüht (für die Chronisten: ab Seite 339 gibt's auch die Familiengeschichte der Hoppers).

Als Regisseur der Lebensgeschichte von Dennis Hopper wechselt Tom Folsom geschickt zwischen schonungslosen Nahaufnahmen des eigensinnigen Exzentrikers, der sich selbst für den Besten hält und neben fünf Ehefrauen zahlreiche Männerfreunde verschleißt, und grandiosen Panoramaschwenks, die Hoppers Beitrag zur Kulturrevolution der 1970er Jahre gekonnt ausleuchten. Zumindest auf der Leinwand ist das ein erklärtes Hopper-Ziel: "Ihr seid das alte Hollywood und wir sind das neue", erklärt er dem verdienten Regisseur George Cukor, "Wir werden euch einsargen." Obwohl Hopper vor einigen Jahren selbst das Zeitliche gesegnet hat, lässt ihn Folsom zwischen seinen Buchdeckeln wieder lebendig werden. Viel mehr kann eine Biografie nicht leisten - auch wenn das im Fall des lasterhaften Dennis Hopper nicht immer ein Lesevergnügen ist.

Fazit: Ein Hopper-Buch wie ein Hopper-Film: Kreativ geschnitten, munter drauf los erzählt, teilweise verwirrend und verstörend - aber immer fesselnd. Tom Folsom hat eine Biografie geschrieben, die Hopper in all' seinen Widersprüchen zeigt und seine künstlerische Leistung angemessen würdigt, ohne ihn über Gebühr zu verklären.

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Royston Maldoom: Der Überzeugungstänzer

Royston Maldoom (geb. 1943) hat bewegte Erinnerungen geschrieben

Foto: Aconcagua. Licensed under CC BY-SA 3.0
Foto: Aconcagua. Licensed under CC BY-SA 3.0

Eigentlich wollte Royston Maldoom Farmer werden - aber dann entdeckte er seine große Leidenschaft: das Tanzen. Fast sein ganzes Berufsleben hat der englische Choreograf überall auf der Welt mit Laien und Jugendlichen gearbeitet - mit Vorliebe an politischen und sozialen Brennpunkten. Dabei ist Maldoom zu einem der einflussreichsten Tanzpädagogen geworden. Eines seiner größten Projekte ist im Dokumentarfilm "Rhythm Is It!" verewigt: In sechs Wochen soll er 250 demotivierte Berliner Teenager aus "Problemschulen" dazu bringen, zu Igor Stravinskys Ballett "Le Sacre de Printemps" zu tanzen und es gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle aufzuführen... Heute vor zehn Jahren hat die Erfolgsgeschichte von "Rhythm Is It!" begonnen. Die Geschichte dahinter - seine eigene - hat Royston Maldoom in seiner Autobiografie erzählt.

Royston Maldoom

Tanz um Dein Leben

Meine Arbeit, meine Geschichte

Erschienen bei S. Fischer im Jahr 2011. 320 Seiten kosten in der Taschenbuchausgabe 9,99 €.


Seine Kindheit ist kein Zuckerschlecken: Royston Maldoom verliert seine Mutter im zarten Alter von vier Jahren, der Vater steckt ihn ins Heim, bis er eine neue Familie gegründet hat. Früh alleine gelassen lernt Royston Maldoom von Anfang an auf eigenen Beinen zu stehen: Zeitlebens wird er sein Glück nicht in in festen Bindungen finden (beruflich und privat). Auch für den Mainstream hat Maldoom wenig übrig. Bis ihn in einem Ballettfilm die Muse küsst, ist er fest entschlossen ein Leben in der Landwirtschaft zu führen. Dann aber entscheidet er sich für den Tanz ohne Grenzen und für ein Leben als Lehrmeister

Beide Entscheidungen und ihre Konsequenzen prägen Maldooms Autobiografie. Anekdotenreich, witzig, fesselnd und mitreißend berichtet er von den einzelnen Stationen aus seinem Künstlerleben auf des Messers Schneide - und auf Achse: Schon die Kapiteltitel weisen die Erinnerungen  eines weltenbummelnden Tausendsassas aus: In London lernt Maldoom tanzen, in Schottland findet er sich selbst als Laienchoach, in Nordirland und Krotatien tanzt er gegen Gewalt und Krieg an, in Südafrika und Äthiopien gegen Armut, in Auschwitz choreografiert er die "Symphonie der Klagelieder" (Henryk Górecki) und in Deutschland trägt der Überzeugungstänzer seine Projekte in die sozialen Brennpunkte. 

Nicht nur der umtriebige Tanzlehrer Royston Maldoom kommt in seiner Autobiografie zu Wort, sondern auch der Visionär. In pädagogisch-philosophischen Zwischenkapiteln zu vermittelt Maldoom die Überzeugungen hinter den Anekdoten, die von jahrzehntelanger Arbeit unter teils widrigen Umständen gereift sind. Gleich, ob es um die Integration von körperlich und geistig behinderten Tänzern geht, um die Leidenschaft und Risikobereitschaft, die die Gemeinschaft von Künstlern lernen kann oder um die nötige Orientierung an Grundwerten: In knapp formulierten, aber lange durchdachten Sätzen umreißt Royston Maldoom, warum er sein Leben dem Tanz mit Laien gewidmet hat. Dem Erfolg seiner eigenen Arbeit (vor allem in den vergangenen zehn Jahren) begegnet er mit Demut: 

"Rhythm Is It!" hat offenbar  manche Menschen tief berührt und in ihnen lang unterdrückte Hoffnungen und Träume zum Leben erweckt. Ich bin aber weniger Psychiater noch ausgebildeter Berater und muss es daher ablehnen, Fremden nur aufgrund meiner persönlichen Ratschläge zu erteilen. 

Dabei hat Royston Maldoom nicht nur viel zu erzählenm sondern auch viel zu sagen. In seinen Memoiren hat er beides auch eindrucksvoll getan.

Fazit: Royston Maldooms Autobiografie ist ein Feuerwerk der Leidenschaft. Er lässt seine Leserinnen und Leser an seinem Leben als Überzeugungstänzer teilhaben. Weil sich Maldoom dabei nicht nur auf unterhaltsame Anekdoten beschränkt, sondern seine Überzeugungen darlegt, macht seine Memoiren zu einer gleichermaßen vergnüglichen wie nachdenklichen Lektüre.  

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Franz Kafka: Auf der Flucht

Der Dichter Franz Kafka (1883-1924) schreibt, um zu entkommen

Lizenz: Gemeinfrei
Lizenz: Gemeinfrei

Er machte aus seiner Not keine Tugend, sondern Weltliteratur: Franz Kafka. Sein Leben war kurz, er selbst von Komplexen und Krankheit verfolgt: Vor dem übergroßen Vater und dem verhassten Bürojob bei einer Versicherung flüchtet Kafka in die Welt der Worte. Ihm ist das Sein nicht so wichtig wie das Sehen  (Rüdiger Safranski), wo er in bedrückenden Romanen und Erzählungen innere Zuflucht findet. Nur der Lungentuberkulose kann Franz Kafka nicht entrinnen: Er stirbt am 3. Juni 1924 - heute vor 90 Jahren.

Lizenzen: Gemeinfrei
Lizenzen: Gemeinfrei

Franz Kafka wird am 3. Juli 1883 in Prag geboren. In der Goldenen Stadt, die zum österreichisch-ungarischen Vielvölkerreich gehört, wächst Kafka in einer deutschsprachig- jüdischen Familie auf. Auf seiner Kindheit und Jugend lastet der Erwartungsdruck des übermächtigen Vaters Hermann. Hermann Kafka, ein bulliger, selbstbewusster Kärrner hat sich aus ärmsten Verhältnissen emporgearbeitet. Die selbe robuste Durchsetzungskraft verlangt er auch von seinem Sohn. Der aber ist ganz anders: schmächtig, zart, unsicher. In der Schule ist das noch nicht so zu spüren, aber an der Uni studiert Franz erst mal dies, dann mal das, schließlich Jura zu Ende (der Vollständigkeit halber). Dann nimmt er Bürojobs bei einer Versicherung an. Franz Kafka ist zu schwach, seinen Lebensgang nach seinem Lebenstraum auszurichten: dem Schreiben. Der energische Hermann, der an seinem eigenen Lebensentwurf nicht zweifelt, macht es seinem Sohn nicht einfacher. In einem der berühmtesten Zeugnisse nicht aufgearbeiteter Vater-Sohn-Verhältnisse schreibt Franz an Hermann: "Als Vater warst Du zu stark für mich." Dann charakterisiert der Sohn den Vater und findet sich selbst im Gegenteil: "Du dagegen ein wirklicher Kafka an Stärke, Gesundheit, Appetit, Stimmkraft, Redebegabung, Selbstzufriedenheit, Weltüberlegenheit, Ausdauer, Geistesgegenwart, Menschenkenntnis, einer gewissen Großzügigkeit, natürlich auch mit allen, zu diesen Vorzügen gehörigen Fehlern und Schwächen, in welche Dich Dein Temperament und manchmal Dein Jähzorn hineinhetzen." Obwohl Kafka seinen "Brief an den Vater" niemals abschickt, erfüllt er die erhoffte Wirkung. Während der Sohn seine unaussprechbaren Ängste und Nöte zu Papier bringt (auf über 100 Seiten) wird ihm gewahr, dass die Feder sein Fluchthelfer ist: "Mein Schreiben handelt von Dir, ich klagte dort ja nur, was ich an deiner Brust nicht klagen konnte".

In Kafkas Erzählungen und Romanen sind lebensängstliche, zögerliche, unentschlossene Figuren keine Seltenheit. Sie fühlen sich (zu unrecht) verfolgt (Josef K. in 'Der Prozess'), sind eingeschüchtert (der Mann vom Lande in 'Der Prozess') oder wähnen sich in ausweglosen Situationen gefangen (Gregor Samsa in 'Die Verwandlung'). Dabei sind es gerade seine Seelenverwandten in der Welt der Worte, die Kafka nach Feierabend aus seiner eigenen verachteten Lebensverwandlung als Versicherungsangestellter befreien und seiner Verfolgung ein Ende setzen. Am Schreibtisch dreht Kafka den Spieß um: Hier kann er seine Sorgen und Unsicherheiten ausleben, ohne damit seine Mitmenschen vor den Kopf zu stoßen. Im echten Leben tut er genau das: Dreimal verlobt sich Franz Kafka, dreimal löst er die Bindung. Das Schreiben duldet neben dem "Brotberuf" bei der Versicherung nicht noch jemanden oder etwas in Kafkas Leben, das zu diesem Zeitpunkt schon am seidenen Faden hängt: 1917 wird bei ihm Tuberkulose diagnostiziert. Wenn es nach Kafka gegangen wäre, dann wären die meisten seiner Figuren mit ihm ins Grab gegangen. Sein Freund Max Brod hat es nicht übers Herz gebracht, diese Schätze nicht zu veröffentlichen. Gewissermaßen war Kafka auch über den Tod hinaus zu schwach, seinen Willen durchzusetzen - zum Glück für die Nachwelt...

Franz Kafkas Biografie weiterzwitschern:

0 Kommentare

Sergio Leone: Die Ikone des Italo-Western

Sergio Leone (1929-1989) war ein italienischer Regisseur.

Foto: obbino - Flickr: SERGIO LEONE. Lizenziert unter CC BY 2.0
Foto: obbino - Flickr: SERGIO LEONE. Lizenziert unter CC BY 2.0

Er revolutionierte den klassischen Western: Sergio Leone. Seine Figuren sind keine selbstlosen und idealisierten Sheriffs, die bösen Ganoven stil- und formvollendet das Handwerk legen. Sie sind auch keine Helden des Wilden Westens, die zarte Fräuleins aus den Fängen der bösen Indianer befreien. Leone bringt Antihelden auf die Leinwand: Zwielichtige, gleichgültige , gewaltbereite und durch und durch eigennützige Ganoven und Einzelgänger. Genau damit aber machte Leone seinerseits Helden: Clint Eastwood zum Beispiel, der als "Joe" seine Revolverkünste für eine Handvoll Dollar verkauft.

Foto: Sergio Leone. Licensed under Public Domain
Foto: Sergio Leone. Licensed under Public Domain

Sergio Leone, geboren 1929 in Rom, saugt das Filmgeschäft mit der Muttermilch auf. Seine Eltern sind Pioniere des italienischen Kinos, er hinter, sie vor der Kamera. Bei Sergio entscheidet sich das erst später. Seine ersten Jobs am Set reichen von Statistenrollen bis zur Regieassistenz. Bis sich Leone seinen eigenen Halunken widmen kann, muss er erst einmal die verbrecherische Regierungsclique um Benito Mussolini aussitzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sammelt Leone monumentale Erfahrungen und wirkt  unter anderem bei den opulenten Historien-Klassikern "Ben Hur" und "Quo Vadis" mit. Aber der geborene Römer spürt, dass den Filmen über das Römische Imperium nicht die Zukunft gehört. Er versucht sich im Westerngenre - mit durchschlagendem Erfolg. An strahlenden John Wayne-Mustermännern hat man sich Mitte der 1960er Jahre sattgesehen. Stattdessen setzt Leno auf einen ganz anderen Typ Mann: Sein "Joe" ist ein düsterer und unnahbarer Söldner. Auch was sein Team betrifft, beweist Leone ein brilliantes Gespür. Clint Eastwood, der zweite Garant für den Triumph der "Dollar"-Trilogie, wird von Leone entdeckt. Der Dritte im Bunde ist Ennio Morricone, dessen experimentierfreudige Filmmusik den typisch atmosphärischen Sound der Italowestern prägt. Für's Auge kombiniert Leone in seinen Streifen beeindruckende Panoramaschwenks, in denen die Menschen zu bedeutungslos kleinen Figürchen schrumpfen, mit eindringlichen Nahaufnahmen der meist wettergegerbten Gesichter seiner Charaktere. Obwohl Leone sich nicht auf das von ihm erfundene Genre beschränkt (er hat unter anderem auch "Es war einmal in Amerika" gemacht), ist seiner größter Wurf der Kultitalowestern "Spiel mir das Lied vom Tod" (siehe Clip). Sergio Leones Werk wird seinen  eigenen Tod (heute vor 25 Jahren) überdauern..

Biografie weiterzwitschern:

Kurt Cobain: Heldentod im Heroinrausch

Kurt Cobain (1967-1994) war ein amerikanischer Rockmusiker

Lizenziert zur Weiterverwendung von https://c1.staticflickr.com/3/2754/4226435386_f2aa37fe3a.jpg
Lizenziert zur Weiterverwendung von https://c1.staticflickr.com/3/2754/4226435386_f2aa37fe3a.jpg

Er war der bedeutendeste Rocker der 1990er Jahre: Kurt Cobain. Mit seiner Band Nirvana schrieb er Musikgeschichte und stieß den King of Pop vom Thron: Ihr zweites Album Nevermind verdrängte Michael Jacksons Dangerous von der Spitze der Billboard Music Charts. Eine Ikone wollte Cobain nicht sein. Den Kult um sich hat er nicht lange ausgehalten. Am 5. April 1994, heute vor 20 Jahren, hat er sich im Heroinrausch ein Schrotgewehr in den Mund gesteckt und abgedrückt...

Kurt Cobain wird am 20. Februar 1967 als Provinzei geboren. Seine Eltern Donald und Elizabeth leben im beschaulichen Nest Aberdeen im US-Bundesstaat Washington. Kurts Kindheit beginnt idyllisch: Ein braver, blonder Junge lernt Klavier und freut sich des Landlebens. Später hat er für Aberdeen weniger übrig. Die Menschen dort seien ein „bigottes Pack von Schwulenhassern und Holzfäller-Rednecks, die Kautabak kauen und Hirsche abknallen“. Nach neun Jahren zerbricht die Ehe der Eltern - und mit ihr das Glück des kleinen Kurts. Noch dazu nehmen sich drei Verwandte und ein Nachbarsjunge das Leben - düstere Vorahnung?


Kurt findet Trost bei seiner Gitarre. Bald hört  man aus seinem Zimmer die ersten Riffs. In Seattle, der nächsten größeren Stadt, rockt er in verschiedenen Bands. Cobains eigene Projekte tragen prophetische und programmatische Namen: Von Fecal Matter (Fäkalien) bis zu Nirvana (buddhistische Bezeichnung für den Ausweg aus dem Kreislauf der Leiden). Cobains Leiden besteht vor allem in starken Magenschmerzen. Seine Schmerzmittel sind Drogen. Damit hat er Erfahrung. Marihuana, LSD, hallizugene Pilze, Heroinspritzen - noch ehe er als Grunge-Rocker Karriere macht, durchläuft er die typische Junkiebiografie. Dass seine Frau Courtney Love genauso gerne auf Trips geht, macht die Sache nicht besser. Kurt Cobain richtet sich mit Ansage zugrunde. Seinen ausgemergelten Körper muss er unter mehreren Lagen von Schlabberpullis verstecken - so auch beim wohl berühmtesten Nirvana-Konzert: dem Gig bei MTV Unplugged (siehe Clip).  

Quelle: Instagram/Frances Bean Cobain
Quelle: Instagram/Frances Bean Cobain

Dabei trägt er Verantwortung nicht nur für sich - und das ist bei aller berechtigten Heldenverehrung für das Sprachrohr einer ganzen Generation unverzeihlich: Kurt Cobain und Courtney Love sind Eltern der kleinen Frances, die heute über Instagram Bilder von sich mit ihrem Vater postet (siehe rechts). Als seine Tochter gerade mal einen Tag alt ist, taucht Cobain mit einer Knarre im Krankenhaus auf, und spricht von Selbstmord. Mit Mühe und Not bringt in Courtney Love davon ab - vorerst. Dem Magazin Rolling Stone erzählt sie:  "Aber am Ende rückte er die Pistole heraus. Kurt ging dann in irgendein anderes Zimmer des Krankenhauses, er hatte eine Dealerin zu sich bestellt. Im Krankenhaus starb er fast. Die Dealerin sagte, sie hätte noch nie jemanden so tot gesehen." Cobain kann noch toter: Immer häufiger spricht er von Suizid. Er posiert mit einem Lauf im Mund und nimmt (vergeblich) eine Überdosis Tabletten. Aber am Ende siegt die Sehnsucht nach dem Sterben: Im Heroinrausch tötet sich Cobain mit einem Schrotgewehr. In einem langen Brief versucht er sich bei seiner Familie für das Unentschuldbare zu entschuldigen: "Du weißt, daß ich dich liebe, und daß ich Frances liebe", schreibt er an Courtney Love, "es tut mir so leid. Bitte folg mir nicht nach. Ich weiß nicht, wohin ich jetzt gehe, ich halt's nur hier nicht mehr aus." 27 Jahre ist Cobain, als er sich das Leben nimmt - wie so viele andere Ikonen aus Pop und Rock...

 

Ähnliche Biografien im Blog...

Kurt Cobains Biografie weiterzwitschern:

0 Kommentare

Barbara Salesch: Anfängerin aus Leidenschaft

Barbara Salesch spricht über ihr Leben voller Wendungen

Barbara Salesch im Gespräch mit Jana Brechlin
Barbara Salesch im Gespräch mit Jana Brechlin

Diese Frau ist ein echtes Energiebündel: Der Auftritt von Barbara Salesch in der Autorenarena  der Leipziger Volkszeitung entspricht ganz ihrer Erscheinung: Wuchtig ist er wie ihre Statur, feurig wie ihre roten Haare, keck wie ihre funkelnden Augen,  lässig wie das weite Gewand, das sie trägt und bunt wie der Schal den sie trägt. Das Eulengezwitscher hat die Vorstellung ihrer Autobiografie "Ich liebe die Anfänge" besucht: Mit ihrem lebensbejahenden Optimismus macht Barabara Salesch auf der Buchmesse vor allem eines: Lust auf Veränderung.

Barbara Salesch

Ich liebe die Anfänge!

Von der Lust auf Veränderung

Erschienen bei Fischer Krüger im März 2014. 256 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 18,99 €.


Zugegeben: Dieser Termin war nicht geplant. Nach einem langen Messetag mit vielen guten Gesprächen und Eindrücken habe ich eigentlich nur ein Plätzchen gesucht, um etwas auszuruhen. Gefunden habe ich die Autorenarena der Leipziger Volkszeitung. Dort also überrascht mich Barbara Salesch. Zwar weiß ich nicht viel von ihr, aber ich hege auch keine großen Erwartungen. Was kann man auch von einer Vorsitzenden Richterin erwarten, die am Landgericht ihre Zelte abbricht, um im privaten Nachmittagsprogramm in einer Gerichtsshow mit mittelmäßigen Laiendarstellern künstlich dramatisierte Strafrechtsfälle zu verhandeln? Nicht viel, möchte man meinen - und das ist ein Irrtum. Man darf zuallererst eine professionelle Repräsentantin unseres Rechtsstaats erwarten, die ihre Rolle als Richterin nach wie vor sehr ernst nimmt und sich in kollegialer Zurückhaltung nicht zum Fall Hoeneß äußert (obwohl der Urteilsspruch nur wenige Stunden alt ist). Dann darf man eine quietschfröhliche  Powerfrau erwarten, deren realistischer Riecher für die Quote trotzdem Raum für eine gesunde Selbstironie lässt: "Die Leute wollen eben Blut sehen", sagt Barbara Salesch zu ihrer TV-Gerichtsshow , "es muss tropfen." 

Man darf drittens eine engagierte Mutmacherin erwarten, die Frauen ermuntert, sich im Job selbstbewusster zu geben und nicht jedes spannende Angebot den Männern zu überlassen (dazu der Audioclip). Vor allem aber darf man eine Anfängerin aus Leidenschaft erwarten: Barbara Salesch empfindet ihr Leben voller Wendungen (beruflich wie persönlich) keineswegs als gebrochene Biografie. Im Gegenteil: Ihr Lebenskonzept besteht geradezu darin, immer wieder neue Anfänge zu wagen. Nach zwölf Jahren als TV-Richterin hat sie die Säge mit zum Set genommen und ihr Pult zu Kleinholz gemacht.


Seither widmet sie sich der Kunst. Im eigenen Atelier und in der Galerie Barbara Salesch arbeitet sie jetzt als Malerin und Bildhauerin und erfüllt sich damit einen lang gehegten Wunsch.

Ihre Autobiografie "Ich liebe die Anfänge!" hat sie quasi nebenher geschrieben. Es scheint, als ziehe Barbara Salesch ihre Energie und Kreativität gerade aus den vielen Veränderungen, in die sie sich stürzt. Ihre Lust auf Veränderung jedenfalls ist ansteckend...

Buchvorstellung weiterzwitschern:

0 Kommentare

Erika Pluhar: (K)ein ganz normales Frauenleben

Die Wiener Künstlerin Erika Pluhar schaut zurück

Foto: Andreas Müller, Lizenz: Erika Pluhar
Foto: Andreas Müller, Lizenz: Erika Pluhar

Die 75 Jahre sieht mal ihr nicht an. Erika Plujahr sieht blendend aus. Die ein- oder andere Altersfalte und das perfekt sitzende silberblonde Haar entstellen sie nicht, im Gegenteil. Ganz in elegantem Schwarz gekleidet betritt sie gut gelaunt das Wiener Kaffeehaus auf der Leipzig Buchmesse. Dort plaudert sie aus ihrem Leben, dem Leben einer öffentlichen Frau. Das Eulengezwitscher war dabei.

Erika Pluhar

Die öffentliche Frau

Eine Rückschau

Erschienen im Residenz Verlag im September 2013. 288 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 21,90 €.


"Woart amol..." Erika Pluhar hat das Buch schon aufgeschlagen, um daraus zu lesen. "Meine Brille brauch' i..." Freundliche Lacher. Das Wiener Kaffeehaus in der Halle 4 der Leipziger Messe ist überfüllt, bis auf die breiten Gänge stehen die Zuhörer. Kein Wunder: Erika Pluhar hat etwas zu erzählen. Beruflich blickt sie auf eine grandiose Künstlerkarriere zurück. Vier Jahrzehnte war sie Schauspielerin am Burgtheater, dazu erfolgreiche Chansonsängerin und Filmemacherin, Autorin. Privat hat sie gravierende Schicksalsschläge erdulden müssen: Ihr erster Mann wird (lange nach der Scheidung) wegen sechsfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Auch die zweite Ehe (mit André Heller) scheitert (allerdings sind beide nach wie vor eng befreundet). Der dritte Lebenspartner bringt sich um und Pluhars Tochter Anna erstickt an einem Asthmaanfall. Trotz allem ist von Verbitterung nicht zu spüren im Wiener Kaffeehaus. Da liest und spricht eine selbstbewusste und lebensbejahende Vollblutkünstlerin über ihre Wandlung von der Femme Fatal zur  Emanze in nur einem Frauenleben. Früher hingen die Männer an ihren Lippen, wenn sie mit betörend dunkler Stimme ihre (frivolen) Chansons gesungen hat.

Heute sind es vor allem die Frauen mittleren Alters, die ihr begeistert und andächtig zuhören. Die Pluhar ist ein Vorbild. Sie lebt ein selbstbestimmtes Leben und ist erfolgreich damit. Ihre Lebensgeschichte - und das macht den besonderen Reiz ihrer Autobiografie aus - erzählt sie einem fiktiven und namenlosen Reporter in einem fiktiven Interview. Ihm erklärt sie auch, warum auch ein öffentliches Leben am Ende ein normales Leben ist: 

Wissen Sie, lieber Herr Redakteur, fährt sie dann fort, es ist ein eigen Ding um öffentliches Interesse. Im Grunde genommen hat es mit dem Leben des Menschen, für den man sich interessiert, wenig zu tun. Wir leben, leiden und sterben mutterseelenallein, auch wenn wir medial präsent sind. Es gibt prominente Leute, die meinen, sie seien nur am Leben, wenn ihr Leben öffentlich gemacht werde, egal wie. Was für ein grausamer Irrtum. Tja, sagt der Redakteur.

Buchvorstellung weiterzwitschern:

0 Kommentare

Otfried Preußler: Kriegstraumata und Kinderliebe

Otfried Preußler erzählt Geschichten aus seinem Leben

Foto: Francis Koenig, Lizenz: Thienemann
Foto: Francis Koenig, Lizenz: Thienemann

Otfried Preußler stammt aus einer Familie von Geschichtenerzählern und Geschichtensammlern. Großmutter Doras Geschichten von Räubern und Riesen, Nachtgespenstern und Hutzelweibern sind die erzählten Blockbuster in Preußlers Kindheit. Vater Joseph sammelt Märchen und Volkssagen aus dem böhmischen Isergebirge. Otfried Preußler ist wieder ein Erzähler: Er erzählt von der kleinen Hexe und vom kleinen Wassermann, von Wanja und Krabat. Seine Töchter Susanne und Regine haben sich erneut dem Sammeln zugewandt: Sie haben autobiografische Geschichten und Gedanken zusammengestellt, die ihr Vater über Jahrzehnte in kleinen Artikeln geschrieben hat.Herausgekommen ist ein spannendes quasi-autobiografisches Erinnerungsbuch mit behutsam moderierenden Erläuterungen. Zum ersten Todestag des Geschichtenerzählers stellt das Eulengezwitscher diese Lebensgeschichten vor.

Otfried Preußler

Ich bin ein Geschichtenerzähler

Erschienen bei Thienemann im Januar 2010. 272 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,90 €.


Otfried Preußlers Kindheit ist glücklich und reich an Geschichten aller Arten. Er liest viel geht sogar gerne in die Schule. Im Berufsleben wird er später selbst leidenschaftlicher Lehrer sein und Geschichten für Kinder erzählen. Die wunderbaren Märchenwelten, die Otfried Preußler mit seinem Vater im Isergebirge erwandert und die in der Abenddämmerung mit seiner Großmutter bereist, werden ihm zur trauten Heimat. Erst die Schrecken des Krieges und der russischen Kriegsgefangenschaft zerstören das Kindheits- und Jugendidyll. Sie traumatisieren Preußler, der sich mit der Überlebenskraft von Gedichten und Geschichten gegen Hunger und Ruhr stemmt. Diese entbehrungsreichen Jahre beschäftigen Preußler in mehreren Erinnerungsartikeln – sie dominieren das erste Buchdrittel und nehmen auch in späten Beiträgen noch eine zentrale Rolle ein (in den Erinnerungen an die gefallenen Kameraden). Dadurch ergeben sich Dopplungen, die aber durch die geschickte Auswahl der Herausgeberinnen keinen Wiederholungscharakter annehmen, sondern die Bedeutung für Preußlers Werdegang hervorheben.

Verlorene Jahre? Es kommt auf den Standpunkt an. Für mich sind es jedenfalls entscheidende Jahre gewesen. Jahre, die für mich für das ganze Leben geprägt haben. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, zu dieser Zeit zu studieren, und zwar an der Deutschen Karls-Universität in Prag [...]. Daraus ist nichts geworden. Hitler und Stalin haben mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. […] Heute weiß ich, dass ich mein Studium in den tatarischen Lagern absolviert habe: zehn Semester eines Studiums generale, wie es mir keine Universität der Welt umfassender hätte anbieten können.

Zurück in Deutschland (nicht in der Heimat, die gehörte nach dem Krieg nicht mehr zu Deutschland) kehrt jedoch das kindliche Glück zurück in Preußlers Leben. Er heiratet Annelies und entdeckt seine Fähigkeit, mit seinen Geschichten nicht nur ausgehungerten Kriegsgefangen Mut machen zu können, sondern auch Kinder zu erreichen, die ihm gebannt zuhören. Wieder erwartet ihn eine Prüfung – diesmal aber eine angenehme:

Als Geschichtenerzähler bist du zugleich Intendant, Regisseur und Ensemble eines glorreichen Einmann-Theaters. […] Erst allmählich und unter Mühsal habe ich gelernt, lebendig erzählte Geschichten in Geschriebenes umzusetzen.

Preußler meistert die Herausforderungen glänzend: Seine Kinder- und Jugendbücher haben Generationen von Heranwachsenden geprägt:

Otfried Preußler bei Thienemann (Auswahl).
Otfried Preußler bei Thienemann (Auswahl).

Wie ihm das gelingt, und wie daraus all‘ die beliebten Kinder- und Jugendbücher entstehen, haben die Preußler-Töchter durch erneut kluge Zusammenstellung kurzweilig aufbereitet. Preußlers gesammelte Erinnerungen beschränken sich dabei nicht nur auf Lebensstationen und Entstehungsgeschichten seiner Bücher. Auch seine künstlerischen und pädagogischen Überzeugungen sind dokumentiert. Otfried Preußler nimmt Kinder ernst – das macht den Erfolg seiner Geschichten aus.

Kinder brauchen Geschichten. […] In Geschichten erleben Kinder eine erste Begegnung mit der Welt der Literatur. Sie machen die grundlegende, für ihr weiteres Leben möglicherweise entscheidende Erfahrung, was es bedeutet, sich von einer Geschichte einfangen zu lassen, an ihrem Beispiel, mit ihrer Hilfe einen Blick in die innersten Zusammenhänge, die verborgenen Triebkräfte ihrer und unserer Welt zu tun.

Fazit: Das ungewöhnliche Format einer Sammlung von in sich abgeschlossenen autobiografischen Aufsätzen überzeugt. Denken und Leben Otfried Preußlers werden darin vielleicht sogar noch unmittelbarer transportiert als in klassischen Memoiren. Die vielen Generationen von Hotzenplotz- und Krabat-Lesern dürfen sich auf schöne Deja Vus am Mühlenweiler freuen und auf ein – neudeutsch gesagt – literarisches Making Of der Preußler-Klassiker.

Kinder- und Jugendbuchautoren im Biografien-Blog:

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Christine Nöstlinger: Das Leben ist kein Kinderbuch

Christine Nöstlinger erzählt von ihren Wurzeln

(c) Lukas Beck, Quelle: Residenz Verlag
(c) Lukas Beck, Quelle: Residenz Verlag

Christine Nöstlinger ist eine Koriphäe der Kinder- und Jugendbuchregale. Weniger bekannt ist, dass sie auch für Erwachsene geschrieben hat: Glossen, Radio- und Fernsehdrehbücher. Im Residenz Verlag sind kürzlich ihre Erinnerungen erschienen. Glück ist was für Augenblicke heißt das Buch, das sich auch eher an Erwachsenene richtet. Denn die Nöstlinger gibt sich keiner Verklärung hin. Sie beschönigt nichts, sie hält mit ihrer zuweiligen eigenbrötlicherischen Grantelei nicht hinterm Berg - und sie wählt derbe Worte, um derbe Erfahrungen zu schildern. Christine Nöstlinger lässt keinen Zweifel: Das Leben ist kein Kinderbuch. Neben seinen schönen Seiten hält es auch dunkle Kapitel bereit. Selbst die ist Christine Nöstlinger bereit, in der Rückschau noch einmal durchzublättern.

Christine Nöstlinger

Glück ist was für Augenblicke

Erinnerungen

Erschienen im Residenz Verlag im Oktober 2013. 220 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 23,50 €.


Mit Überraschungen geizt Christine Nöstlinger nicht. Mit schönen und hässlichen, gewieften und kindlich-naiven Anekdoten verblüfft sie von Anfang  an. Die erste Überraschung wartet sogar noch vor der ersten Seite: Ausgerechnet die Vielschreiberin Christine Nöstlinger, immerhin Autorin von über einhundert Büchern, hat ihre Lebensgeschichte nicht wie gewohnt geschrieben. Nöstlingers Autobiografie ist das Resultat aufgezeichneter Gespräche. Das Buch leidet nicht darunter, im Gegenteil: Die erzählende Sprache ist lebendig und geradeaus. Die zweite Überraschung folgt auf dem Fuß: Dort, wo üblicherweise ein dröges Inhaltsverzeichnis leichthin überblättert wird, findet sich ein verspielter Ausblick von literarischer Qualität.  Jedes Kapitel ist in einer Minierzähling zusammengefasst, die einen Vorgeschmack auf die unverblümten Worte gibt, die diese Memoiren auszeichnen: 

Vom nicht sehr mutigen Großvater, von der bösen Großmutter und einer insgesamt eher merkwürdigen Sippe...

Geboren wird Christine Nöstlinger 1936 in einem Wiener Arbeiterviertel. Der Vater erzählt Geschichten, die die heranwachsende Kinderbuchautorin inspirieren. Später gesellen sich prominentere Geschichten- und Pointenerzähler dazu: Erich Kästner und Kurt Tucholsky.

Ich sah die Welt durch die Tucholsky-Brille. Und mehr als ein halbes Jahrhundert später glaube ich immer noch, dass das nicht die schlechteste Sehhilfe ist, egal ob es um Politik, Freundschaft oder Liebe geht.

Überhaupt vermitteln Christine Nöstlingers Erinnerungen die prägende Bedeutung ihrer Kindheit und Jugend – nicht nur in dem breiten Raum, den sie einnehmen. Bis zum Einstieg in die Schriftstellerei vergehen über 150 Seiten, die allerdings eindrucksvoll von einer vom Krieg geprägten Kindheit und einer entbehrungsreichen Jugend berichten. In vielen Anekdoten zeigt sich Nöstlinger als aufgeschlossenes, aber auch stures und eigensinniges Mädchen. Die kleine Christine trotzt - schon ganz die selbstbestimmte und grantelnde aber (gerade deshalb) charmante Nöstlinger - der Lehrerin und sogar dem geliebten Vater. In ihren Erinneringen beweist Christine Nöstlinger ein untrügliches Gespür für die kleinen Geschichten des Alltags, sei es im familiären Miteinander oder in absurden und skurrilen Erlebnissen. Sie berichtet künstlerisch wertvoll, aber recht unbeteiligt – fast so, als wenn sie aus einem Familiendrama erzählen würde, das sie als Buch gelesen oder als Film gesehen hat. Das wirkt umso stärker, als Nöstlinger nicht darauf verzichtet, auch die tragischsten Episoden ihrer eigenen Lebensgeschichte recht nüchtern zu erzählen. Der Tod ihres ersten Kindes ist so ein Beispiel, auch wenn dieses Ereignis nur weinge Zeilen einnimmt:

Das Kind starb kurz nach der Geburt, auf dem Weg von der Gersthofer Frauenklinik ins Kinderspital. Es hatte einen Herzfehler gehabt. Meine Mutter weinte. Wie es mir ging, kann ich nicht sagen, ich weiß nur noch, das ich das Gefühl hatte, versagt zu haben und bitter dachte: Okay, das kannst du also auch nicht!

In der Tat ist das Leben der jungen Nöstlinger reich an Brüchen: Sie geht studieren und bricht ab. Ihre erste Ehe wird alsbald wieder geschieden. Auch als Mutter - mittlerweile hat sie eine gesunde Tochter zur Welt gebracht - geht sie gerne weiter feiern. Erst nach der Geburt ihrer zweiten Tochter und der Hochzeit mit dem Nö (so nennt sie ihren Mann, weil sie dessen Namen Nöstlinger nicht mag) scheint sie häuslich zu werden. Aber der Standesbeamte, der die Namensänderung in den Pass einträgt, besorgt ihr ein Hallowach-Erlebnis:

Der Beamte strich nicht nur das 'Draxler' durch und ersetzte es durch das ungeliebte 'Nöstlinger'. Er zog auch einen dicken Linealstrich durch ‚Studentin‘ und schrieb in Schönschrift drunter ‚Hausfrau‘. Das war ein Schock! Am liebsten hätte ich den Pass in den nächsten Mistkübel geworfen. Eine Hausfrau hatte ich nie werden wollen und jetzt hatte ich es schriftlich dunkelblau auf rosa.

Ihre Ausflucht findet sie im Schreiben, das nach und nach mehr Zeit in ihrem Leben einnimmt. Der Durchbruch gelingt ihr mit der feuerroten Friederike, die noch zwischen Kochen und Putzen entstanden ist, als Christine Nöstlinger die kindliche Titelheldin  für ihre Tochter malt. Sie zeichnet gut und da es ihr nicht liegt, halbe Sachen zu machen, schreibt sie auch gleich den Text dazu. Das fertige Manuskript wird ohne Korrekturen veröffentlicht. Jetzt macht die Nöstlinger die Schriftstellerei zum Beruf. Sie schafft ein unglaubliches Arbeitspensum und schreibt sich als der Armut zu einigem Wohlstand.


Aus den selbstgemachten Möbeln werden gekaufte Wunschobjekte. Ihre Mutter hilft ihr im Haushalt und mit den Kindern. Später ist es Nöstlinger, die sich um ihre Mutter kümmert. Sie fährt täglich hin und erträgt die Eigenheiten der alternden Mutter mit Fassung. Wiederum bedient sich Christine Nöstlinger einer ehrlichen, aber nicht bitteren Sprache, um den Lebensabend ihrer Mutter zu schildern (später schildert sie eindringlich den Verfall ihres Mannes). Besonders diese Passage ist nicht nur für Pflegende lesenswert.

Fazit: Christine Nöstlingers Autobiografie ist weder eine verklärende Interpretationshilfe für ihre Lebensgeschichte, noch erklärt sie, warum es unausweichlich war, dass sie eine erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautorin geworden ist. Im Gegenteil: Christine Nöstlinger erzählt frank und frei aus ihrem (nicht immer leichten) Leben. Dabei gewährt sie tiefe Einblicke in eine zerfurchte Familiengeschichte. Es ist aber nicht die Lust am Drama, die die Leser bei Laune hält. Es ist die beeindruckende Authentizität und Souveränität, mit der Nöstlinger zurückblickt. Ihre Autobiografie hält Glück für manchen Lese-Augenblick bereit.

Kinder- und Jugendbuchautoren im Biografien-Blog:

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Nachruf auf Claudio Abbado

Claudio Abbado, Foto: Cordula Groth, Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Berliner Philharmoniker
Claudio Abbado, Foto: Cordula Groth, Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Berliner Philharmoniker

Er war einer der bedeutendsten Dirigenten der vergangenen Jahrzehnte: Claudio Abbado. Jetzt ist der Ausnahmemusiker im Alter von 80 Jahren gestorben. Sein letztes Konzert am Pult der Berliner Philharmoniker im Mai 2013 habe ich miterlebt: Ausgiebig und euphorisch haben Publikum und Orchester den ehemaligen Chefdirigenten und Karajan-Nachfolger gefeiert. Die Symphonie fantastique von Hector Berlioz war der Abschied eines fantastischen Dirigenten: 

Claudio Abbado hat mich Gustav Mahler gelehrt. Sein Taktstock öffnet das Tor zu Mahlers Welt, die er in all ihrer Widersprüchlichkeit erklingen lässt: traurig und doch fröhlich, sanft und doch brachial, harmonisch und doch verstimmt (im Clip das Adagio der unvollendeten X. Symphonie).

Scheinbare Gegensätze nur für das Genie Mahler, der sie in einem größeren Ganzen aufgelöst und zu Notenpapier gebracht hat. Vielleicht hat Abbado Mahler so gut verstanden, weil auch seine Lebensgeschichte von manchem Widerspruch erzählt: Obwohl er als junger Dirigent renommierte Wettbewerbe gewann, unterrichtete er zuerst einmal lieber Kammermusik in Parma. Obwohl er als Musikdirektor der Mailänder Scala beständig an seinem Ruf als Operndirigent hätte arbeiten können, gründete er gleich mehrere Symphonie-Orchester (auch Jugendorchester). Obwohl er nie die große Karriere anstrebte, wählten ihn die Berliner Philharmoniker zum Nachfolger des übergroßen Herbert von Karajan. Obwohl er schon zu Beginn des Jahrtausends mit dem Krebstod gerungen hat, hat er die internationale Musikwelt noch über ein Jahrzehnt geprägt. Selbst der Tod muss nicht das Ende sein. Als intimer Mahler-Kenner wird Claudio Abbado auch den tröstlichen Schlusschor aus der II. Symphonie im Ohr gehabt haben, die er schon Mitte der 1960er Jahre mit den Wiener Philharmonikern aufführte:

"Auferstehen, ja auferstehen wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh! Unsterblich Leben wird, der dich rief, dir geben."

Dirigenten Biografien

Den Nachruf auf Claudio Abbado weiterzwitschern:

0 Kommentare

Ernst Neger: Der singende Dachdeckermeister

Vor 25 Jahren ist die Mainzer Fassenachtsikone Ernst Neger gestorben

Der singende Dachdecker: Ernst Neger (Foto: Youtube)
Der singende Dachdecker: Ernst Neger (Foto: Youtube)

Er war der singende Dachdeckermeister: Ernst Neger. Mit "Rucki Zucki", "Winni winni wanna wann" und mit dem "Humbta Täterä" hat Ernst Neger Fassenachtsgeschichte geschrieben. Wenn er mit der braunen Lederschürze und dem hellblauen Kragen ans Mikrophon tritt, dann brechen die Närrinnen und Narrhalesen in Jubel, Trubel und Heiterkeit aus (siehe Clip):

Dabei hat Ernst Neger das Leben nicht nur von der fröhlichen Seite kennengelernt: Geboren wird er 1909 im Mainzer Vorort Bretzenheim. Dort baut sein Vater Karl-Josef gerade erfolgreich einen Dachdeckerbetrieb auf. Das Glück währt nur kurz. Im Ersten Weltkrieg zerfetzt ihm eine Granate beide Hände - und damit auch den Traum vom Handwerkerleben. Die frohsinnige Mainzer Lebensart erwischt sie nicht. Karl-Josef Neger hält unerschrocken optimistisch solange durch, bis sein Sohn die Firma übernehmen kann. Ernst Neger lernt, den Schrecken des Krieges mit Herz und rheinhessischem Humor zu trotzen. „Mit dem Herz musst du immer dabei sein, ganz egal, was du denkst, was du tust, was du fühlst“. Wenn er über die Dächer von Mainz kraxelt, ist Ernst Neger mit dem Herzen dabei - aber auch, wenn er in geselliger Runde Gossenhauer trällert oder in der fünften Jahreszeit in die Bütt' steigt. Kaum, dass sich alles ein wenig beruhigt, kehrt der Krieg zurück. Aber Ernst Neger bleibt das Schicksal seines Vaters erspart. Er kehrt gesund zurück in ein ausgebomtes Mainz. Dort baut er nicht nur die Dächer wieder auf, sondern auch die Mainzer selbst. Sein "Heile, heile Gänse" singt Ernst Neger (begleitet am Klavier von Toni Hämmerle) mit einer Nachkriegsstrophe, die bis heute unter die Haut geht, weil sie jecke Leichtigkeit zur Trösterin in schweren Zeit  macht (im Clip ab Minute 3:30 oder im Text).

"Wenn mich emol de Herrgott holt, dann wüsste ich nur eens:
Ich nähm' in meine Arme weit mein arm' zertrümmert´ Meenz.
Und streichel es ganz sanft und lind und sag' "Hab' nur Geduld!
Ich bau Dich widder auf geschwind! Ja, Du warst doch gar net schuld.
Ich mach dich widder wunnerschön,
Du kannst, Du derfst net unnergehn…

Heile, heile Gänsje
Es is bald widder gut,
Es Kätzje hat e Schwänzje
Es is bald widder gut,
Heile heile Mausespeck
In hunnerd Jahr is alles weg.

Nicht alles kann das Gänsje heilen und nicht alles is in hunnerd Jahr weg. Ernst Negers Klassiker werden bleiben - auch über seinen Tod am 15. Januar 1989 hinaus (heute vor 25 Jahren). Was in der Erinnerung verblasst, dass lassen Ernst Negers Sohn Karl und sein Enkel Thomas wieder aufleben. Sie führen nicht nur den Familienbetrieb weiter, sondern tragen auch mit Stolz die Meenzer Fassenachtsfarben Rot, Weiß, Blau und Gelb.

Übrigens: Das  Humba-Täterä ist mit dem 1. FSV Mainz 05 als Feierhymne in die Bundesliga eingezogen und wird gerne kopiert. Mit dem Original schunkelt sich' trotzdem am besten...

Biografie weiterzwitschern:

0 Kommentare

Jim Morrison: König der Eidechsen

Foto: Elektra Records-Joel Brodsk, Lizenz: public domain
Foto: Elektra Records-Joel Brodsk, Lizenz: public domain
Foto: Elektra Records, Lizenz: Public Domain
Foto: Elektra Records, Lizenz: Public Domain

Er war ein Poet des Rock 'n' Roll: Jim Morrision. „Wenn meine Dichtung auf irgendetwas abzielt," sagt der Frontmann der Kultband The Doors, "dann darauf, die Menschen aus den Zwängen zu befreien, innerhalb derer sie sich sehen und fühlen.“ Solche Zwänge kennt James Douglas Morrison, geboren heute vor 70 Jahren, zur Genüge. Sein Vater George steht für alles das, was Jim später bis auf's Blut bekämpfen wird: Das prüde, selbstgerechte, militaristische Amerika. George Morrison bringt es in der US-Marine bis zum Admiral. Als Kommandeur eines Flugzeugträgers ist er an dem Zwischenfall im Golf von Tonkin beteiligt, der den Vietnam-Krieg auslöst. Auch Sohn James soll zur Marine - aber der will nicht. Jim Morrison studiert lieber ein paar Semester, wie man Filme macht. 

Dann soll er in der Band eines Kumpels als Sänger einspringen. Morrison springt - und wie. Es folgt ein kometenhafter Aufstieg vom Spelunken-Rocker zum Sex-Symbol einer ganzen Generation. Aber die Ikone geht einen Pakt mit dem Teufel ein. In den 1960ern - den Jahren der Jugendrevolte -  offenbart sich Satan in Drogen und Alkohol. Die öffnen ihm die Pforten der Wahrnehmung, von denen schon William Blake und Aldous Huxley geschwärmt hatten. Von den Doors of Perception  ist Jim so begeistert, dass er seine Band danach benennt: The Doors.

 


Wer durch die Pforten der Wahrnehmung schreitet, bricht durch auf die andere Seite: Break On Through (On the Other Side). Morrison wandelt zwischen den Welten der Realität und des Empfindens: Gefühle sind ihm die eigentliche Wirklichkeit. "Wenn man sich seiner Gefühle schämt und sie unterdrückt, lässt man zu, dass die Gesellschaft die eigene Realität zerstört."  Aber wie immer, wenn der Teufel mitspielt, ist der Preis zu hoch: Morrison zerstört zwar nicht seine Emotionen, aber sein Leben: Immer wieder kommt er betrunken oder auf Drogen ins Tonstudio und auf die Bühne. Millionen von Mädchen liegen Morrison zu Füßen, wenn er den Klassiker Light My Fire singt siehe Clip). Halbstarke Jungs und gestandene  Männer feuern ihn an, damit er sich wieder und wieder zu  öffentlichen Skandalen hinreißen lässt. Die sind mittlerweile ebenso Morrisons  Markenzeichen wie die braunen Lederhosen mit indianischen Concho-Gürteln und die schweren weißen Leinenhemden.

Immer wieder rasselt er auf der Bühne mit der Polizei zusammen. Zum Höhepunkt kommt es in Miami, als Morrison der Prozess gemacht wird, weil er sein bestes Stück gezeigt haben soll. Längst ist er auf dem Weg vom starken Held zum aufgedunsenen Alkoholiker, der in Paris innere Einkehr sucht - und dort im Alter von 27 Jahren den Tod findet. Jim Morrison bleibt der Welt als Legende erhalten: als Rock 'n' Roll-Rebell, der Grenzen überschritten, Chaos gestiftet und unsterbliche Songs hinterlassen hat. Den sensiblen Dichter Jim Morrison, der noch hätte reifen müssen, ist einem selbstzerstörerischem Lebenswandel zum Opfer gefallen. Schade.

The end of laughter and soft lies

The end of nights we tried to die

 

This is the end.

 

Ähnliche Biografien im Blog...

Jim Morrisons Biografie weiterzwitschern:

0 Kommentare

Wolf Jobst Siedler: Der Bürgerboheme

Lizenz: Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Randomhouse-Verlagsgruppe
Wolf Jobst Siedler © P/F/H

Er verlegte Menschen-Geschichten: Wolf Jobst Siedler. Konrad Adenauer und Franz-Josef Strauß haben bei ihm ihre Autobiografien veröffentlicht, ebenso Willy Brandt In Siedlers eigener Lebensgeschichte als Soldat und Kriegsgefangener, Essayist und Feuilletonist, Verlagschef und Verleger, Berliner und Bürger geben sich die großen Denker und Macher des 20. Jahrhunderts ein Stelldichein. Schon im Elternhaus verkehrt man freundschaftlich mit dem Physiker Otto Hahn. Später wird sein eigenes Haus - ein Hort altberliner Bürgerlichkeit - zum Geheimtipp für bedeutende Besucher: "Gorbatschow, Genscher, Kissinger, Helmut Schmidt, die waren alle hier", erzählt Siedler im Interview, "sehr originell, dass hier in diesem bescheidenen Reihenhaus zum Teil die Weltgeschichte stattgefunden hat." Mit etwas Glück und einer zerschossenen Hand überlebt er das düsterte Kapitel der Weltgeschichte: Zusammen mit Ernst Jüngers Sohn liegt Siedler in den Stahlgewittern von Hitlers Krieg. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft kehrt der einundzwanzigjährige Veteran, der wegen regimekritischer Äußerungen zur Frontbewährung verdonnert worden war, nach Berlin zurück. Dort macht er sich rasch einen Namen als Journalist, der nicht nur feinsinnig beobachten, sondern auch gut schreiben kann. Während er sich selbst vor allem an "Theaterereignisse, Konzerte und Streifzüge" erinnert, entdecken ihn andere als geborenen Kulturredakteur mit Leitungsqualitäten. Die zeigt Siedler dann viele Jahre beim Tagesspiegel, ehe er die Seiten wechselt und in die Verlagsbranche einsteigt: 

Axel Springer, mit dem Siedler eine innige Liebe zu Berlin teilt, macht ihn zum Chef von Propyläen, später von Ullstein. Schließlich gründet Siedler seinen eigenen Verlag. Seine Spezialität sind und bleiben Autobiografien und Biografien. Vor allem zwei Bücher machen Karriere: Die Hitler-Biografie von  Joachim Fest und die Erinnerungen von Albert Speer. Als Siedler dem ehemaligen Vorzeigearchitekten des 'Dritten Reiches' anbietet, seine Memoiren zu verlegen, wagt er einen Wortwitz: "Wissen Sie eigentlich, Herr Speer, dass wir Kollegen sind?" fragt Siedler. "Wir haben beide im Gefängnis gesessen - Sie wegen Hitler und ich unter Hitler." Speer kann nicht einmal schmunzeln. Siedlers aufgelockerter Umgang mit der eigenen Vergangenheit aber deutet an, dass er nicht nur ein großer Biografien-Verleger gewesen Vielmehr war Siedler ein Mensch, der fasziniert war von Menschen-Geschichten. Nicht umsonst hat er immer wieder darauf verwiesen, dass er nur die Bücher verlegt hat, die er selbst hat lesen wollen. Sein exzellenter Geschmack für Autobiografien und Biografien wird ihn als Vermächtnis überdauern. Diese Woche ist Wolf Jobst Siedler im Alter von 87 Jahren gestorben. 


Wolf Jobst Siedlers Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den Schreibern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Aldous Huxley: Der Dystopist

Aldous Huxley (Lizenz: Public Domain)
Aldous Huxley (Lizenz: Public Domain)

Er hat eine (Alb)traum-Welt erschaffen: Aldous Huxley. Sein Roman Schöne Neue Welt (Brave New World) ist die Negativ-Utopie von totaler Gesellschaftsordnung. In sozialer Vorherbestimmung werden Embryonen auf ihre künftige gesellschaftliche Rolle programmiert und Kleinkinder im Feinschliff konditioniert.  Alle Menschen sind in streng in hierarchische Klassen geteilt: von den geistig überlegenen Führungseliten (Alphas) bis hin zu stumpfsinnig gezüchteten Arbeitssklaven (Epsilons). Aldous Huxley selbst steht nicht im Verdacht, aus gesellschaftlichem Neid heraus geschrieben zu haben. Er selbst wäre in nahezu allen Belangen ein Alpha gewesen. Huxley, 1894 geboren, kommt aus gutem Haus. Väterlicher- wie mütterlicherseits blickt er auf eine Ahnengalerie talentierter Künstler und Wissenschaftler zurück.

Auch er selbst ist ein vielseitig begabter Überflieger. Seine Schul- und Studienleistungen (Anglistik in Oxford) lassen nichts zu wünschen übrig - ganz anders als seine Gesundheit. Schon als Kind droht Aldous Huxley beinahe zu erblinden (zwischenzeitlich muss er sogar die Schule verlassen). Aber mit eisernem Willen und täglichem Training gewinnt er den Kampf um  sein Augenlicht. Dass auch sein  gesellschaftsanalytischer Blick ungetrübt ist, zeigt er in über vier Jahrzehnten als Schriftsteller. Aus seiner Feder stammt Weltliteratur der verschiedensten Gattungen. Neben Romanen hat Huxley auch Gedichte, Essays, Kurzgeschichten und Drehbücher geschrieben. Sein bekanntestes Werk, die Schöne Neue Welt, ist 1932 erschienen. 

Wie schnell Huxleys düstere Zukunftsahnungen aus seinen Buchdeckeln ausbrechen und Wirklichkeit werden, das hat ihn selbst überrascht. Ende der 1950er Jahre hat er sein fiktives Arsenal der totalen Sozialsteuerung einer Zwischenbilanz unterzogen (Brave New World Revistited) und dabei seine dunkeln Prognosen bekräftigt. Die Welt des 21. Jahrhunderts ist manchen seiner Schreckensvorstellungen noch viel näher gekommen. Die rasante technische und gesellschaftliche Entwicklung hat für das Leben und Zusammenleben ungeahnte neue Möglichkeiten eröffnet. Gerade technische Errungenschaften sind indes vor dem Missbrauch im Sinne Huxleys kaum gefeit:


Der Weltstaat ist durch Globalisierung und Digitalisierung zumindest virtuell ins Werk gesetzt - den Weltpolizisten USA gibt's gleich dazu. In Sozialen Netzen, die Menschen zusammenbringen, wird der Wunsch nach Privatsphäre zusehends stigmatisiert. Es gibt nahezu keinen Lebensbereich mehr, den die Medien nicht für sich erschlossen haben kann - selbst Geburten und Sterbeprozesse können von der Öffentlichkeit verfolgt werden. Datenspionage wird mehr oder minder hingenommen. Körperliche Befriedigung durch Sex und gesellschaftsfähige Drogen drängen Werte und Gefühle zurück. Die Präimplantationsdiagnistik und die Stammzellenforschung eröffnen zumindest die technischen Voraussetzungen, die Huxley befürchtet. Seine Schöne neue Welt  ist aktueller denn je. Allerdings haben wir es noch in der Hand, ob die neuen Möglichkeiten ge- oder missbraucht werden. Huxleys Hauptwerk ist in diesem Sinn eine wertvolle Warnung: Seine Zukunftsprognosen sind die Herausforderungen unserer Gegenwart, auch wenn Huxley selbst bereits heute vor 50 Jahren, am 22. November 1963, gestorben ist. 

Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den Schreibern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Nachruf auf Doris Lessing

Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated
Doris Lessing (2006), Foto: Elke Wetzig (elya)

Sie führte das goldene Notizbuch: Doris Lessing. Gestern ist die britische Schriftstellerin im Alter von 94 Jahren in London gestorben. Lessing avancierte mit und in Ihren Romanen  zu einer Pionierin der Frauenbewegung, ohne sich vom Feminismus vereinnahmen zu lassen. Ihr Selbstbewusstsein und ihre Unabhängigkeit hat die Stellung der Frau mehr gestärkt als manche aggressive Kampagne. Geboren ist Doris Lessing 1919 in Persien, dem heutigen Iran. Dort machen sie ihre Eltern, ein beinamputierter Kolonialoffizier und eine Krankenschwester, mit den Schrecken des Krieges vertraut, den sie gerade überstanden haben. 


Recht bald siedelt sich die Familie in Afrika (im Gebiet des heutigen Simbabwe) an und bewirtschaftet eine Maisfarm. Als Teenager bricht Doris die Schule ab und verdingt sich als Kindermädchen, dann als Sekretärin. Es bricht ein stürmisches Jahrzehnt an, ein Jahrzehnt der Selbstbestimmung, des Scheiterns und der Selbsterfindung als Schriftstellerin: Das achtzehnjährige Mädchen vom Land sagt seinen Eltern Lebewohl und zieht in die Stadt (Salisbury). Dort heiratet sie zweimal (und bringt drei KInder zur Welt), keine der beide Ehen hält länger als vier Jahre. Aus dem Scherbenhaufen ihrer Existenz schält Doris Lessing Figuren und Motive ihrer Romane von Weltrang. Insbesondere in 'Das goldene Notizbuch' verabeitet sie in Gestalt der Schrifftstellerin Anna ihr eigenes Schicksal. Anna erlebt ebenfalls eine Scheidung und wie ihre schreibende Schöpferin ist auch Anna Mitglied der Kommunistischen Partei (Doris Lessing ist übrigens die Tante von Gregor Gysi). 'Das goldene Notizbuch' jedenfalls macht Furore. Als das Original in den 1970er Jahren ins Deutsche übersetzt wird (knapp zwei Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung), fühlt sich eine ganze Generation junger und selbstbewusster Frauen in ihrem Kampf um Emazipation und Gleichberechtigung bestärkt. Doris Lessing interpretiert ihr Schaffen indes etwas anders: Sie schreibt aus eigener Erfahrung über das Zusammenklappen und die Selbstheilung. "Aber niemand hat dieses Zentralthema auch nur wahrgenommen", klagt Lessing, "weil das Buch sogleich, von freundlichen wie von feindlichen Rezensenten, als eines, das vom Geschlechterkampf handele, verharmlost, oder von Frauen als nützliche Waffe im Geschlechterkampf beansprucht wird." Diese Abgrenzung vom stereotypen Feminismus ist ein selbstbestimmter und starker Beitrag zur Emanzipation. Das hat auch das Nobelpreis-Komittee so gesehen, als es Doris Lessing 2007 mit dem Literaturnobelpreis auszeichnete: als "Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat." Diese Würdigung erreichte Doris Lessing sieben Jahrzehnte nachdem sie begonnen hat, ihr eigenes goldenes Notizbuch zu führen... Gestern hat sie die Feder für immer niedergelegt.

Übrigens: Eine lesenswerte, weil tiefgründige Analyse des goldenen Notizbuchs hat Jeannette Lander  bereits 1978  unter dem Titel ''Doris Lessing: Kinder der Gewalt' in der EMMA veröffentlicht....

Doris Lessings Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den Schreibern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Georg Kreisler: Verbitterung als Beruf

Georg Kreislers Autobiografie

Rabanus Flavus, Lizenz: Public Domain
Rabanus Flavus, Lizenz: Public Domain

Der Tod war ihm kein Unbekannter: Georg Kreisler. In seinen makaberen Chansons hat er zu heiterer Klavierbegleitung so manches Ableben besungen: Tauben vergiften, Frauen ertränken, Zirkuselefanten verbrennen - für den österreichischen Berufszyniker war das (musikalischer) Alltag. Über seine schonungslosen Polit-, Kultur- und Sozialsatiren konnten Programmdirektoren und Publikum immer erst nach einer Anstandszeit von gut zehn Jahren lachen. Kreislers humoristische Gesellschaftskritik war immer eine Spur zu schwarz. Im November vor zwei Jahren hat ihn der vertraute Tod selbst heimgesucht. Kurz zuvor hat Georg Kreisler seine Autobiografie vorgelegt, die tiefe Einblicke in ein traumatisiertes Leben gewährt:

Georg Kreisler

Letzte Lieder

Autobiografie

Erschienen bei Arche im August 2009. 160 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,99 €, als Taschenbuch und als E-Book 9,99 €.


Das nur äußerlich schmale Büchlein "Letzte Lieder“ offenbart, wie wenig die gehässige Verbitterung in den Chansons und Texten nur Markenzeichen oder professionelle Masche ist. Kreislers Zynismus kommt von innen und ist das Ergebnis seiner Lebensgeschichte, in der es von Enttäuschungen, Traumata und künstlerischen Verkennungen nur so wimmelt. So zerrüttet wie dieser Lebensgang ist auch der Aufbau des Buches. Ein Inhaltsverzeichnis gibt es nicht, die einzelnen Kapitel sind ohne Überschriften römisch durchgezählt - die Eins erinnert an ein Grabeskreuz. Kreislers Autobiografie trägt auch nicht den Charakter chronologischer Erinnerungen. Vielmehr spinnt er die großen Zusammenhänge aus einzelnen Gedankenfetzen, in denen Erlebtes und Gedachtes aus verschiedenen Lebensphasen ineinander verwoben sind. Kreislers Vater-Kind-Beziehungen geben ein gutes Beispiel ab: Sein eigener Vater verachtet Künstertypen (wie Onkel Otto) und fällt damit als verständiger Vertrauter des musisch begabten Georg aus.  Umso bitterer ist es, dass auch Kreisler später selbst als Vater nicht überzeugen kann:

Mein erster Sohn wurde mir im Alter von acht Jahren mit Gewalt von der Mutter weggenommen und dann mit richterlicher Erlaubnis von mir ferngehalten. Acht Jahre waren wir sehr fröhlich miteinander gewesen, aber das scheint er vergessen zu haben, was ich ihm nicht übel nehmen kann. Auch mein zweiter Sohn war ein fröhliches Kind; erst als Erwachsener entschloss er sich zur Flucht vor mir. Die Gründe dafür sind mir unbekannt, und wenn er meint, sie zu kennen, irrt er sich. Dasselbe gilt für meine Tochter.

Von Kindheit an bestimmen äußere und innere Fluchtzwänge Georg Kreislers unstetes Leben:

Seit ich im Jahr 1938 vor den Nationalsozialisten flüchten durfte, stehe ich unter Zugzwang. Ich ziehe von einem Ort zum nächsten. Basel, wo ich fünfzehn Jahre hauste, erinnerte mich an die Hölle, kommt mir also bekannt vor.

Ähnlich charmant spricht Kreisler fast von allen Wirkungsstätten. Im amerikanischen Exil will er dem Konzentrationslager New York entkommen, in Berlin findet er außer der Liebe seines Lebens nichts Gutes, in Wien hat das Böse gesiegt. Zu allem Überdruss fühlt sich Kreisler verkannt - und damit hadert er virtuos auf der Klaviatur der selbsterfahrenen bitteren Lebensweisheiten. Zu Wort kommen diejenigen, die nicht Kunst produzieren, sondern ihre persönlichen Karrieren, moniert Kreisler und formuliert damit gewissermaßen das Leitmotiv seiner Kulturbetriebsschelte.

Schöpferische Künstler wollen meistens nur, dass man sie als anders geartete Menschen akzeptiert, fast wie Behinderte [...]. Sie scheitern nicht am Publikum, denn das Publikum ist gutwillig und bereit, sie scheitern an denen, die ihnen das Pubklikum verschaffen müssen, den Veranstaltern.

Allerdings verfehlt Kreislers Abrechnung mitunter ihr Ziel. Immer wieder eingestreute Nazi- und Judenvergleiche sollen schockieren (Frauen waren die Juden, die man im Bett brauchte.), wirken aber mitunter lediglich unbeholfen darum bemüht, kreislertypisch Tabus zu brechen. Das hat seine Autobiografie nicht nötig. Ohne die ebenfalls kreislertypische Klavierbegleitung wirken grausige Kriegserinnerungen (als amerkanischer Soldat) oder die Berichte über den Kampf gegen die vielen Gesichter der Zensur aufschreckend genug. Auch das Stelldichein der unzähligen geistesgeschichtlichen Kronzeugen, die Kreisler mehr oder minder gewaltsam ins Buch zerrt, um seine eigenen klugen Gedanken zu stützen (darunter Kafka, Eichendorff, Heine) bringt keinen nennenswerten Mehrwert. Denn was Kreisler mit seinen letzten Liedern (kapitelweise eingestreute Lyrik) bezweckt, liegt auf der Hand: Seine Autobiografie ist eine Verabschiedung, versehen mit dem Flehen, den ernsten Zyniker und Zweifler posthum nicht auf seine Everblacks - die makabren Chansons - zu reduzieren.

Wer nicht kennt als meine Lieder, hat unrecht, wer mich nur mit Taubenvergiften, zwei alten Tanten, Opernboogie und dergleichen gehört hat, irrt sich...

Fazit: Die Autobiografie ist ein Muss für alle Kreisler-Liebhaber. Aber (und darin liegt die Schwäche des Buches) - wer vor der Lektüre keinen Zugang zu Leben und Werk Georg Kreislers hat, der dürfte ihn auch in den letzten Liedern nicht finden. Wer übrigens eine idealtypische Biografie über Kreisler lesen will, ist gut beraten mit dem Buch von Hans-Jürgen Fink und Michael Seufert (Fischer-Verlag, siehe links). 


Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Vicco von Bülow: Der bürgerliche Spaßmacher

Loriots grünes Sofa (Foto: Miss Sophie, Lizenz: CC-BY-2.0)
Loriots grünes Sofa (Foto: Miss Sophie, Lizenz: CC-BY-2.0)
Vicco von Bülow alias Loriot (Foto: Pacifik11, Lizenz: CC-BY-2.0)
Vicco von Bülow alias Loriot (Foto: Pacifik11, Lizenz: CC-BY-2.0)

Er brachte den Deutschen bei, über sich selbst zu lachen: Loriot. Dabei beginnt die Lebensgeschichte des begnadeten Humoristen alles andere als lustig. Geboren wird Loriot in Brandenburg an der Havel als Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow. Bald darauf lassen sich die Eltern scheiden, wiederum wenig später stirbt die Mutter. Der Vater, ein preußischer Offizier, heiratet erneut. Damit ist dann doch noch der Boden für eine einigermaßen behütete Kindheit und Jugend bereitet. Viktor offenbart früh ein zeichnerisches und mimisches Talent. In den pedantischen Drill der militärischen Familientradition, der auch Loriots Arbeitsweise prägen wird, mischt sich die musische  Veranlagung seiner Ahnen (Hans von Bülow war einer der gefragtesten Dirigenten des 19. Jahrhunderts). Aber bevor Vicco (so nennen ihn seine Freunde) sich dem Humor des Alltags hingeben kann, muss er den grausigen Alltags des Krieges bestehen: Über die kalten Wintertage in Russland wird er kaum je ein Wort verlieren. Ausgerechnet der Vater ermuntert, ja ermaht seinen Sprössling nach dem Krieg (und nach dem nachgeholten Abitur), Kunst zu studieren. Endlich kann Vicco seine Leidenschaft ausleben. Es dauert nicht lange, bis er seine Freude an Karrikaturen entdeckt. "Reinhard das Nashorn" und seine Hunde-Comics sind die ersten Gehversuche. "Auf den Hund gekommen" ist ein gezeichnter Rollentausch. Die zivilisierten Vierbeiner ärgern sich über die Marotten der Menschen ("Friss nicht wie ein Mensch!"). Fast von Anfang an zeichnet Vicco von Bülow seine Figuren mit den später berühmten Knollennasen - und allzu oft geht es um die kommunikativen Hürden zwischen Männlich und Weiblein, wie in der Frühstücksei-Kontroverse:

Lizenz: gemeinfrei.

In den frühen 1950er Jahren lebt  Vicco zwei  Leben: Das eine ist ein bürgerliches mit seiner Frau Romi und den Töchtern. Das andere ist das des schelmischen Künstlers, der in Zeichnungen, Texten, Sketchen und Cartoons eben jenes bürgerlichen Leben auf die Schippe nimmt. Seine Komikerexistenz führt er nun unter dem Namen Loriot, dem französischen Wort für Pirol, dem Wappenvogel der von Bülows (rechts). 

Nicht nur seine Knollennasenmännchen mit den typisch deutschen Namen (Müller-Lüdenscheid, Dr. Klöbner, Hoppenstedt) flimmern auf den Fernsehschirmen der Bundesrepublik. Loriot selbst gibt sich die Ehre. Als Statist hatte er in der Nachkriegszeit bei einigen Kinofilmen ausgeholfen. Jetzt ist er der männliche Hauptdarsteller. Seine kongeniale Partnerin Evelyn Hamann erträgt als Fräulein Hildegard vernudelte Heiratsanträge und als Fräulein Dinkel unbeholfene Annäherungsversuche. Auch als Solodarsteller brilliert Loriot:

Dafür, dass Loriot den Deutschen ihre verklemmten und stocksteifen Eigenheiten vor Augen führt, erntet er anfangs Unverständnis und Anfeindungen, später Lacher und Prominenz. Denn bis heute hat niemand pointierter die tiefernsten zwischenmenschlichen und alltäglichen Nickligkeiten der Deutschen so gleichermaßen fein- wie scharfsinnig durchdrungen und humorististisch aufbereitet. Wer in Loriot nur den Komiker des Alltags sieht, der blickt zu kurz. Als Verehrer von Richard Wagner hat er sich seine Schelmenstücke auch auf die Opernwelt übertragen (etwa in Form parodistischer Opernführer) und sogar selbst eine Oper inszeniert. Heute, am 12. November 2013, wäre Loriot, der vor zwei Jahren gestorben ist, 90 Jahre alt geworden. Weil seine Komik zeitlos ist, mag seine Bundestagsrede die gegenwärtigen Koalitionsverhandlungen kommentieren: 

Vicco von Bülows Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den Schauspielern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Leonard Bernstein: Interview mit Vermächtnis-Charakter

Jonathan Cott über einen Abend mit Leonard Bernstein

Foto: Allan Warren. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Foto: Allan Warren. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Jonathan Cott

Leonard Bernstein

Kein Tag ohne Musik

Erschienen in der Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, 160 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 17,99  und als E-Book 13,99 €.


„Kein Tag ohne Musik“ ist weder eine klassische Biografie noch eine klassische Autobiografie. Jonathan Cott hat eine Interview-Biografie über den amerikanischen Dirigenten und Komponisten Leonard Bernstein vorgelegt (u. a. West Side Story). In diesem Format ist der Autor ein Pionier und Spezialist: Er hat ähnliche Projekte bereits mit Bob Dylan und Glenn Gould realisiert. Sein Bernstein-Buch ist kein 160-Seiten-Interview. Geschickt verwebt der journalistisch versierte Cott Frage-Antwort-Passagen mit szenischen Schilderungen von der Begegnung mit Bernstein: Diese Begegnung beginnt an einem späten Oktober-Nachmittag 1989 – wenige Monate vor Bernsteins Tod – und endet tief in der Nacht. In einer solchen Zeitspanne lässt sich die Interview-Biografie auch gut lesen, denn einmal begonnen fühlt man sich regelrecht eingeladen zum „Dinner with Lenny“ (so der wesentlich aussagekräftigere Titel des englischen Originals). Cott versteht es, den Leser in Bernsteins Musikstudio mitzunehmen, wo man sich gemeinsam eine Aufnahme von Sibelius‘ Erster Symphonie anhört:

Immer wieder ließ er sein Wodkaglas von einer Hand zur anderen wandern und fing dann an zu singen – zu summen, zu raunen, hin und wieder gospelartig laut zu jubilieren – und die vier Sätze der Sinfonie (die Sibelius 1898 mit dreiunddreißig komponiert hatte) zu dirigieren und tanzend zu begleiten. Dabei versorgte er mich mit rezitativen Einschüben, Erklärungen sowie anerkennenden oder kritischen Kommentaren und Bemerkungen zu diesem leidenschaftlichen, lebhaften und höchst erfinderischen Werk.

Leonard Bernstein macht auch in seinen Antworten keinen Hehl daraus, dass er auf ein in jeder Hinsicht exzessives Leben zurückblickt.

Ich rauche. Ich trinke. Ich bleibe nächtelang auf. Ich treibe mich herum. Bei mir gibt es immer von allem ein bisschen zu viel.

Offenherzig plaudert Bernstein über seine sexuellen Erfahrungen, deutet seine Entjungferung als Elfjähriger an und berichtet mit einigem Stolz, wie ihn Alma Mahler, die gealterte Witwe des von Bernstein verehrten Komponisten Gustav Mahler verführt hat:

Sie hat versucht, mich abzuschleppen. Sie hatte ein paar meiner Proben mit den New Yorker Philharmonikern besucht – und lud mich zum »Tee« ein, was sich als Aquavit herausstellte. Dann schlug sie vor, dass wir uns ein paar Memorabilien ihres Ehemanns ansehen sollten – in ihrem Schlafzimmer.

Überhaupt Mahler: Bernstein ist nach einer der ersten Dirigenten gewesen, der Mahlers Musik gefördert und salonfähig gemacht hat. Dafür gibt er eine einfache Erklärung:

Andere Dirigenten haben einfach nicht den Mut, zu spielen, was Mahler geschrieben hat, das ist alles. Ich bin Komponist, und ich verstehe, was er meinte. Das ist der Unterschied.

Eine solche Einstellung muss andere dirigierende Komponisten empören. Vor allem Pierre Boulez hatte seinem Unmut Luft gemacht und Bernstein für seine theatralische Orchesterleitung scharf kritisiert. Jonathan Cott gelingt es glänzend, Boulez‘ Ärger über Bernstein zu thematisieren, ohne die zusehends vertrauliche Atmosphäre des mittlerweile nächtlichen Gesprächs zu gefährden. Das ist eine biografische Meisterleistung, denn je länger der Abend, desto intimer sind die Einblicke, die Bernstein gewährt: Wenn er davon spricht, Gustav Mahler zu verstehen, dann meint er damit eine emotional-spirituelle Vereinigung, die er mit allen Komponisten sucht, die er dirigiert:

Wenn ich nicht Brahms oder Tschaikowsky oder Strawinsky werde, wenn ich ihre Werke dirigiere, wird das zu keiner besonders guten musikalischen Darbietung führen. Es kann zu einem Konzert führen, das ganz okay oder auch miserabel ist, aber ich kann nur sicher wissen, dass ich wirklich etwas Gutes geleistet habe, wenn ich das Stück beim Dirigieren selbst erfunden habe … Es muss das Gefühl da sein, dass mir gerade jetzt die erste Idee dazu kommt [er schnippt mit den Fingern]: Ooooh, ja! Das wäre genau richtig … hier muss das Englischhorn kommen … hier ein Pizzicato in den Bässen … jetzt ein Posaunenakkord! Die andere Art, wie ich erkenne, ob es gut war oder nicht, kommt erst, wenn alles vorbei ist, denn manchmal brauche ich eine, zwei oder sogar bis zu drei Minuten, bis ich wieder weiß, wo ich bin und wer ich bin und was dieser ganze Lärm hinter mir bedeutet. Manchmal bin ich so weit weg … so weit weg.

Dicht dran an Leonard Bernstein ist dagegen der Leser – und das ist Jonathan Cotts Verdienst, für das es fünf von fünf Leseeulen gibt: Cott hat es geschafft, in zwölf Stunden eine lesenswerte Nahaufnahme von Bernstein zu zeichnen, die auch über 20 Jahre nach dessen Tod (1990) nichts an Lebendigkeit verloren hat. In Leonard Bernsteins eigenen Worten:

Man kann durch Erinnerung die Zeit aufheben, wenn das Gedächtnis das erinnerte Ereignis antizipiert und es dadurch zu etwas Zukünftigem werden lässt. Sodass es, wenn man sich erinnert, zum Jetzt wird. Das ist sehr bedenkenswert.

Übrigens: Leonard Bernstein gibt's auch im Biografien-Blog. Zwei andere große Mahler-Dirigenten im Eulengezwitscher sind Claudio Abbado und Sir Simon Rattle.

Rezension weiterzwitschern:

0 Kommentare

Hans Scharoun: 50 Jahre Berliner Philharmonie

Lizenz: © Schirmer / Berliner Philharmoniker
Die Berliner Philharmonie (Foto: © Schirmer / Berliner Philharmoniker)
Foto: © Reinhard Friedrich/Stiftung Berliner Philharmoniker
Hans Scharoun (links) mit Lothar Cremer (Foto: BerlPhil)

Er baute die Berliner Philharmonie, die heute vor 50 Jahren eingeweiht worden ist: Hans Scharoun. Schon als Kind malt und zeichnet der 1893 geborene Scharoun gerne Häuser und Schiffe (er ist in Bremerhaven aufgewachsen). So geschickt geht er mit Pinsel und Kohlestift um, dass sein Vater misstrauisch wird. Für ihn (einen Brauerei-Manager) sind künstlerische Berufe Hungerleiderjobs. Deshalb gefällt ihm nicht, dass sich Hans zusehends für Ästhetik und Architektur interessiert. Die Mutter deckt ihren Sohn, der heimlich weiterzeichnet und sein hoffnungsvolles Talent durch fleißiges Üben veredelt. Als der Vater stirbt, packt er die Skizzen aus seinem Versteck und schreibt sich an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg ein. Von 1912 an studiert Scharoun zwei Jahre lang Architektur und Bauwesen. Dann ruft Kaiser Wilhelm II. zu den Waffen und Scharoun meldet sich freiwillig an die Front. Er wird nie zuende studieren. Im akademischen Betrieb mischt er dennoch kräftig mit - allerdings auf der anderen Seite des Katheders. In Breslau, wo sich Scharoun nach dem Ersten Weltkrieg in expressionistischen Künstlerkreisen inspirieren lässt, wird die  Akademie für Kunst und Kunstgewerbe auf den jungen Architekten aufmerksam und macht ihn zum Professor.

Sein Lebenswerk aber vollbringt Hans Scharoun in Berlin. Bevor Hitler und die Nationalsozialisten aller Freigeistigkeit den Garaus machen (auch der architektonischen), entwirft er dort den Bebauungsplan für die Siemensstadt. Schon in der lockeren Anordnung der Wohnhäuser und in den großzügigen Grünflächen zeigt sich, dass Scharoun ein Freund der organischen Architektur ist:  Das Äußere hat der inneren Bestimmung zu folgen - eine Spielart von form follows function.  Diese Überzeugung überdauert den Zweiten Weltkrieg. Für Architekten gibt es jetzt reichlich zu tun:


Berlin liegt in Trümmern. Hans Scharoun, der bald eine Städtebau-Professur an der Technischen Universität bekleidet, plant mit, wie es wieder aufgebaut wird: erst im Osten (als Stadtbaurat in der sowjetischen Besatzungszone), dann im Westen. Sein Meisterstück ist die Berliner Philharmonie. 1956 gewinnt er den Architektenwettbewerb, obwohl er radikal mit dem guten, alten Konzertsaal-Ideal bricht. Als die Bagger rollen, staunen die Berliner nicht schlecht. 

Die Philharmonie im Bau (alle Fotos: © Reinhard Friedrich/Stiftung Berliner Philharmoniker)
Die Philharmonie im Bau (alle Fotos: © Reinhard Friedrich/Stiftung Berliner Philharmoniker)

Da entsteht kein klassischer "Schuhkarton", wie sie ihn beispielsweise vom Gendarmenmarkt her kennen. Scharoun geht es um die Sache: um die Musik: Er will "einem Ort des Musizierens und des gemeinsamen Erlebens der Musik eine entsprechende Form" geben. "Musik", erklärt Scharoun, "sollte auch räumlich und optisch im Mittelpunkt stehen." Deshalb sitzt das Orchester in der Berliner Philharmonie nicht erhöht, sondern mitten im Publikum. Von allen seiten kann man die Musiker sehen und perfekt hören (dafür sorgt der Akkustiker Lothar Cremer). Der Neubau des vieleckigen Klangraumwunders mit dem zirkuszeltähnlichen Dach kostet nicht einmal 20  Millionen D-Mark (das ist ein Drittel der Umbaukosten des Limburger  Bischofssitzes). Zur feierlichen Eröffnung bieten Herbert von Karajan und die Berliner Philharmoniker Beethoven dar. Nicht nur architektonisch ist dieser Konzertsaal das Vermächtnis von Hans Scharoun, der 1972 gestorben ist. Denn bis heute sind Besuche in der Berliner Philharmonie rauschende Feste für alle Sinne. Im Zeitalter von Hochgeschwindigkeits-Internet fasst die Philharmonie auch mehr als 2400 Zuschauer - zumindest die Philharmonie 2.0. Denn auch in der Digital Concert Hall (siehe Clip) lässt sich die schlichte Eleganz der Berliner Philharmonie erleben - eine Eleganz, die auch nach einem halben Jahrhundert nicht langweilig wird.

Die Zitate von Hans Scharoun stammen aus Presseinformationen der Berliner Philharmoniker.

Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den klassischen Musikern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Édith Piaf: Die französische Rose

Nationaal Archief, Den Haag, Rijksfotoarchief: Fotocollectie Algemeen Nederlands Fotopersbureau (ANEFO), 1945-1989 - negatiefstroken zwart/wit, nummer toegang 2.24.01.05, bestanddeelnummer 914-6436 - Nationaal Archief. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 nl
Nationaal Archief, Den Haag, Rijksfotoarchief: Fotocollectie Algemeen Nederlands Fotopersbureau (ANEFO), 1945-1989 - negatiefstroken zwart/wit, nummer toegang 2.24.01.05, bestanddeelnummer 914-6436 - Nationaal Archief. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 nl

Sie bereute nichts: Édith Piaf. "Non, Je Ne Regrette Rien", bekennt die französische Chanson-Sängerin mit der betörenden Stimme. Dabei hätte sie nicht nur einen Grund zur Reue gehabt. Der Lebensweg der Piaf ist gepflastert von lotterhaften Männergeschichten, von Alkohol und Drogen und von tragischen Schicksalsschlägen. Geboren ist Édith Piaf 1915 in Paris. Das war alles, was ihre morphiumabhängige Mutter für sie getan hat. Da ihr "Gauklervater" als Schlangenmensch mit einem kleinen Wanderzirkus umherzieht, wächst Édith bei ihrer Großmutter auf. Bald entdeckt sie die Erotik ihrer Stimme - und die Lust der Männer.


Mit 17 Jahren wird Édith Piaf schwanger, aber die kleine Marcelle stirbt, kaum zwei Jahre alt, an Hirnhautentzündung. Danach wird aus Édith die Piaf: eine Diva, die sich auf der ewigen Suche nach der großen Liebe auch den düstersten Gesellen an den Hals wirft und dabei tief in die Unterwelt abrutscht. Sie verfällt einem Zuhälter, gerät selbst ins Zwielicht und wird sogar des Mordes beschuldigt. Männer, die ihr gut tun, betrügt sie. Männer, die sie liebt, verliert sie an den Tod. Gleich zwei Partner sterben bei Flugzeugunglücken. Tagsüber versucht sie mit Hilfe eines Mediums beim Tischerücken, Kontakt zu den Verblichenen herzustellen.


Nachts hält sie sich am Mikrofonständer fest und flüchtet sich ins Rampenlicht der großen Varietés. Längst ist sie Weltstar. Ihre Stimme ist eine Verwandlungskünstlerin. "La Vie En Rose" zärtlich gehaucht,  "Milord" spritzig geröhrt. Aber mit ihren Chansons macht Édith Piaf nur die Anderen glücklich. Für ihr eigenes Glück spritzt sie sich Morphium. So schlimm ist die Sucht, dass sie die Nadeln nicht einmal mehr desinfiziert und sie sich stattdessen einfach durch Rock und Strumpfhose in den Oberschenkel sticht. Drei Entziehungskuren bringt sie hinter sich. Dann kommt der Krebs, den sie nicht überleben wird. Drei Skandale lässt sie der Welt zurück: Ihre scham- und schonungslosen Memoiren (diktiert auf dem Sterbebett), die Last-Minute-Heirat mit dem zwanzig Jahre jüngeren Théo und eine gefälschte Todesurkunde - eine Piaf muss in Paris das Zeitliche segnen, auch wenn sie in Plascassier gestorben ist - heute vor 50 Jahren.

Édith Piafs Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den Pionierinnen im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Giuseppe Verdi: Der Opernfürst

Gefangenenchor aus Nabucco (Lizenz: gemeinfrei)
Gefangenenchor aus Nabucco (Lizenz: gemeinfrei)
Giuseppe Verdi (Gemälde:  Giovanni Boldini, Lizenz: gemeinfrei)
Giuseppe Verdi (Gemälde: Giovanni Boldini, Lizenz: gemeinfrei)

Er war der Großmeister der italienischen Oper: Giuseppe Verdi. Seiner Feder verdanken wir mehrere Sternstunden des Bühnenmusik-Repertoires, darunter 'Aida', 'La Traviata' und 'Rigoletto'. Verdis Melodien verzücken nicht nur Opernkenner - sie sind gewissermaßen Evergreens aus dem High End-Segment. Bis zum Weltruhm ist Verdi einen langen und steinigen Weg gegangen. Lange bevor er seine weltberühmten Kompositionen zu Notenpapier bringt, ereilen in in kurzer Zeit gleich drei schwere Schläge: Verdi verliert erst seine Tochter Virginia, dann seinen Sohn Icilio und schließlich seine Frau Margherita. Sein Freund, Förderer  und Schwiegervater Antonio Barezzi hält zu dem gebrochenen, aber talentierten Musiker, der noch auf seinen Durchbruch wartet. Verdi stellt sich seinem Schicksal und konzentriert sich auf seine Karriere. Schon als Kind war er aufgefallen, weil er so wundervoll wie selbstverständlich die Orgel und das Cembalo beherrscht hatte. Kein Zweifel: Musik ist sein Leben - auch sein Lebensunterhalt?

Das berühmte Mailänder Konservatorium ist skeptisch und lehnt den Bewerber Verdi ab. Verdi selbst sieht das anders und antwortet mit  der Oper 'Nabucco'. Vor allem der Gefangenenchor macht ihn über Nacht zum Star. Die von Österreich besetzen Italiener erkennen sich in den geknechteten Juden wieder, die in 'Nabucco' gegen ihre babylonische Unterdrückung aufbegehren. Ein filmisches Denkmal findet der musikalische Protest gegen die habsburgische Fremdherrschaft in 'Sissi'. In der Mailänder Scala erwartet das junge Kaiserpaar eine lautstarke Überraschung: 


Als Italien 1861 unabhängig wird, zieht der Nationalheld Verdi für vier Jahre ins Parlament ein. Dann widmet er sich wieder der Musik. Während sein deutscher Antipode Richard Wagner auf dem Grünen Hügel in Bayreuth ein eigenes Festspielhaus errichtet, bereist Verdi Europa. Nicht nur in Mailand jubeln sie ihm mittlerweile zu, auch in Paris und sogar  in Kairo. Dort schenkt er mit Aida auch den  Ägyptern eine eigene Oper (wenn man bei seinem horrenden Honorar noch von schenken sprechen darf). Aber Verdi, der 1901 gestorben ist, konnte nicht nur Oper. Eines seiner eindrucksvollsten Werke ist das Requiem - die Totenmesse mit ihrem bombastischen Dies irae (im Clip die Berliner Philharmoniker unter Mariss Jansons).


Heute, am 9. Oktober 2013 wäre Giuseppe Verdi 200 Jahre alt geworden. Sein Gefangenenchor ist aktueller denn je. Wiederum ist das italienische Volk gefangen. Diesmal aber ist es kein österreischer Kaiser, der es in politischen Fesseln hält, sondern einer der ihren. Es wird Zeit, dass sich die italienischen Abgeordneten erheben und Silvio Berlusconi ihr Va pensiero! entgegenschmettern:

 

Schweb' hin, Gedanke Du, auf gold'nem Flügel

Enteile zu dem fernen, teuren Strand,

Wo leis' und lind, umduftend Tal und Hügel

Die freie Luft begrüßt mein Vaterland.

Giuseppe Verdis Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den klassischen Musikern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Edward Said: Der arabische Humanist

Edward Said (links) und Daniel Barenboim (rechts). Lizenziert unter CC0
Edward Said (links) und Daniel Barenboim (rechts). Lizenziert unter CC0

Er war ein streitbarer Versöhner zwischen Orient und Okzident: Edward Said. Geboren 1935 in Jerusalem wächst Said als Sohn palästinenischer Christen in Kairo auf - jenseits aller kulturellen Grenzen: Er genießt die hervorragende Ausbildung einer der letzten kolonialen Eliteschulen, ehe er in Princeton studiert und in Havard promoviert. Dann zieht es Said in die Vereinigten Staaten. Seit Mitte der 1960er Jahre lehrt er an der Columbia University in New York Vergleichende Literaturwissenschaft. Seine Studie zum 'Orientalismus' (1978) ist ein Frontalangriff auf die britischen und französischen Nahostforscher. Der Vorwurf: Der Westen und seine Literaturwissenschaft würden arrogant und von oben herab auf den arabischen Raum und seine Kultur schauen. Said sieht darin eine literatische Spielart des Kolonialismus.

In aller Herren Länder streiten sich die Gelehrten um Saids Thesen - bis heute. Eine andere seiner Botschaften findet bald ihren Weg heraus aus dem akademischen Elfenbeinturm: Said will die Welt dafür sensibilieren, wie sehr die vertriebenen Palästinenser leiden. Deshalb bringt er sich als Berater und Mahner in den Nahostkonflikt ein. Dabei macht er sich mehr Feinde als Freunde, denn Said wählt keine Seite, sondern hält allen Parteien ihre Ignoranz und Fehler vor - auch der palästinenischen Führung um Jassir Arafat. Man müsse sich gegenseitig anerkennen und respektieren: nur dann könne man friedlich miteinander leben. Ob in zwei Staaten oder in einem gemeinsamen, da ändert Said im Lauf seines Lebens die Meinung. Denn in Staaten denkt er nicht: "Ich habe bis heute nicht verstanden, was es bedeutet, ein Land zu lieben", schreibt er noch kurz vor seinem Tod. Said denkt in Freundschaften.


Das West-Eastern-Divan-Orchestra (Foto: Fernando Delgado Béjar, Lizenz:  CC-BY-SA-3.0-migrated)
Das West-Eastern-Divan-Orchestra (Foto: Fernando Delgado Béjar, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated)

Eine friedensstiftende Freundschaft pflegt er in seinem letzen Lebensjahrzehnt mit dem israelischen Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim. Wie Said stellt auch Barenboim gerne unbequeme Fragen im Nahostkonflikt. Was die Politik nicht vermag, setzen Barenboim und Said ins Werk: praktizierte Völkerverständigung. Gemeinsam gründen sie das West-Eastern-Divan-Orchestra, in dem junge Israelis und Araber gemeinsam musizieren und miteinander ins Gespräch kommen. Das eindrucksvollste Konzert gibt das gemischte Jugendorchester in Ramallah. Said hat es nicht mehr erlebt. Kurz zuvor, am 25. September 2003  ist er an Leukemie gestorben - heute vor 10 Jahren. Sein Vermächtnis lebt nicht zuletzt im westöstlichen Diwan weiter, das nach wie vor von Daniel Barenboim dirigiert wird.

Übrigens: Ein schönes Said-Portait hat Tony Judd in seine Essay-Sammlung "Das vergessene 20. Jahrhundert" aufgenommen (siehe linke Spalte).

Edward Saids Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den Schreibern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Nachruf auf Marcel Reich-Ranicki

Marcel Reich-Ranicki (Foto: donotworry, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated)
Marcel Reich-Ranicki (Foto: donotworry, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated)

Er war der bedeutendste Literaturkritiker unserer Zeit: Marcel Reich-Ranicki. Geboren ist er 1920 im polnischen Wloclawek an der Weichsel. Neun Jahre später macht der Betrieb seines Vaters Bankbrott und die deutsch-jüdische Familie wagt einen Neustart in Berlin. Dort macht der lesehungrige Marcel seine ersten Erfahrungen mit dem Geist der deutschen Klassik - und allzu bald auch mit der Gewalt der Hitler-Diktatur. Ausgerechnet ihm, dem späteren Botschafter der deutschen Literatur, verweigern die Nationalsozialsten ein Germanistik-Studium. Enttäuscht, aber nicht entmutigt erforscht Marcel Reich-Ranicki die vielen bunten Welten zwischen den Buchdeckeln von Goethe bis Thomas Mann ohne akademischen Reiseleiter. In der äußeren Realität wird es zusehends düster. Reich-Ranicki wird ins Warschauer Ghetto deportiert. Dort verliert er seine Eltern und Geschwister. Aber dort - höchstes Glück im tiefsten Unglück - lernt er auch seine spätere Frau Teofila kennen. Die beiden können fliehen. Im Dienst der polnischen Armee, deren Geheimdienst und im Schoß der kommunistischen Partei fühlt sich Marcel Reich-Ranicki nicht richtig wohl. Mehr Freude bereiten ihm Literaturübersetzungen (Kafka, Dürrenmatt) und -kritiken.


Bücher bewerten: das ist sein Leben. Dieses Leben will er in Deutschland verbringen - trotz allem, was Deutsche ihm angetan haben. Mit wortgewaltigen und sachkundigen Verrissen (und auch Lobreden) schafft es Reich-Ranicki vom Freien Mitarbeiter über den Zeit-Redakteur bis zum Ressortleiter Literatur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die deutschen Schriftsteller fürchtet den kompromisslosen Klartexter, der er bis ins hohe Alter bleibt. Als Günther Grass sein israelkritsches Gedicht 'Was gesagt werden muss' vorlegt, reagiert der Literaturpapst: "Es ist schon ein ekelhaftes Gedicht. Es stellt die Welt auf den Kopf." Martin Walser schreibt sogar einen ganzen Roman und nennt ihn 'Tod eines Kritikers'. Dabei fühlt sich Reich-Ranicki nicht als Feind der Autoren - mit vielen ist er sogar befreundet. "Man soll die Kritiker nicht für Mörder halten", pflegt er zu sagen, "sie stellen nur den Totenschein aus.

Nicht nur die schreibende Zunft bekommt von Reich-Ranicki unverblümt zu hören, was ihm missfällt. Auch seine Kritikerkollegen sind nicht sicher vor seiner scharfen Zunge. Im 'Literarischen Quartett', das Reich-Ranicki auch einem breiten Fernsehpublikum bekannt macht, geht er hart mit Sigrid Löffler ins Gericht (erster Clip). Aber er ist bei aller Härte nicht persönlich. Ihm geht es um die Sache. Das beweist er vor großer Kulisse bei der Verleihung des Fernsehpreises. Als ihm selbst der Preis angetragen wird, schlägt er ihn aus - mit dem Klamauk der Verleihung will er nichts zu schaffen haben (zweiter Clip).

Bei aller Polemik, bei aller Härte in der Sache: Marcel Reich-Ranicki hat sich wie kaum ein Anderer um die deutsche Literatur verdient gemacht. Er hat Lust aufs Lesen gemacht. Über seine pfiffigen Pointen konnte man herzhaft lachen, seine schlagfertigen Spitzen zählten zum Hochgenuss der kulturellen Auseinandersetzung. Gestern ist Marcel Reich-Ranicki im Alter von 93 Jahren gestorben. 

Marcel Reich-Ranickis Biografie weiterzwitschern:

Klick auf die Eule führt zu allen Kategorien im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Amy Winehouse: Soul und Sucht

Festival Eurockéennes. Lizenziert unter CC BY 2.0
Festival Eurockéennes. Lizenziert unter CC BY 2.0

Sie hatte eine Jahrhundertstimme: Amy Winehouse. Schon als Teenager hat Amy eine Röhre wie eine fünfzigjährige Schwarze. Das stellt zumindest einer ihrer frühen Förderer im Londoner Jazz-Jugendorchester staunend und bewundernd fest. In der Tat: Amy ist die geborene Jazzsängerin. Das hat sie von ihrem Vater Mitch, einem Londoner Taxifahrer aus jüdischer Familie. Mitch hört  die Soul- und Jazzlegenden der 1960er Jahre rauf und runter. Amy singt die Songs nach und hat den Rythmus schnell im Blut. Singen wird zu ihrem Lebensinhalt.

Selbst im Unterricht trällert sie fröhlich vor sich hin. Mit Selbstdisziplin hat schon die Fünfzehnjährige wenig am Hut. An einer normalen Schule ist sie damit fehl am Platz. Aber auf einer Schule für Bühnenkünstler ist sie besser aufgehoben. Auch wenn sich Amy um fast nichts kümmert, tut sie alles, um an diese Schule zu kommen.


Sie besorgt das Anmeldeformular alleine, füllt es alleine aus und verfasst ein Motivationsschreiben: "Ich will berühmt werden. Ich will, dass die Menschen meine Stimme hören und für fünf Minuten ihre Sorgen vergessen." Sorgen kennt Amy zur Genüge: Seit der Scheidung ihrer Eltern  verfolgt sie der Alptraum verlorener familiärer Nähe und Geborgenheit. Darunter leidet sie Zeit ihres allzu kurzen Lebens. Die Trennungen von ihrem ersten Freund und von ihrem späteren Mann Blake Fielder-Civil stürzen Amy in tiefe Krisen. Aus diesen Depressionen findet Amy zwei Auswege: Der eine, die Musik, führt sie zum Weltruhm. Der andere Ausweg führt über Drogen in den Tod. In ihren eigenen Songtexten verarbeitet sie all' das Leid, das ihr widerfährt. Im Alkohol ertränkt sie die Ängste und Sorgen, die sich nicht wegsingen lassen. Dort, wo sich die beiden Auswege kreuzen, schafft Amy den Durchbruch: "Sie wollten, dass ich in eine Reha-Klinik gehe", textet die längst dem Alkohol verfallene Amy, "aber ich habe nein gesagt." 'Rehab' heißt die erste Auskopplung aus ihrem preisgekrönten Album 'Back to black'. Die geplante Europatournee wird zum Desaster. Amy steht betrunken auf der Bühne, so wie sie sie schon jahrelang durch die Londoner Bars und Clubs torkelt. Obwohl sie ein halbes Jahr Auszeit in der Karibik nimmt, ist es zu spät. Amy erliegt ihren Eskapaden. Im Alter von nur 27 Jahren - wie so viele andere Rocklegenden auch - stirbt Amy Winehouse 2011 an einer Alkoholvergiftung. Heute, am 14. September 2013, wäre sie 30 Jahre alt geworden.

Ähnliche Biografien im Blog...

Amys Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen Musikern aus Rock und Pop im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

25. Aug. 1918: Leonard Bernstein (*)

Foto: Al Ravenna, Lizenz PD
Foto: Al Ravenna, Lizenz PD

Er komponierte die West Side Story: Leonard Bernstein (1918-1990). Geboren als Sohn ukrainischer Einwander lebt er amerikanischen Musiktraum. Wenn die Nachbarn Klavier spielen, hängt Lenny mit dem Ohr gebannt an der Wohnzimmerwand. Das entgeht den Eltern nicht. Bald steht in der Diele das alte und verstimmte Klavier von Tante Clara. Lenny ist hin und weg. Er übt und übt, oft bis tief in die Nacht hinein. Dem um Ruhe schreienden Vater schmettert Lenny umso lauter Ravels ‚Bolero’ entgegen; den schlaflosen Nachbarn, die wütend an die Wände klopfen, lässt er über seine Mutter ausrichten, sie müssten schon bald viel Geld bezahlen, ihn musizieren zu hören. Daran arbeitet er hart, auch wenn er selbst der erste ist, der sich für einen Weltstar hält. Schon der Teenager zeigt die Symptome jenes schicksalhaften Sendungsbewusstseins, das so manches Künstler-Genie in die geltungssüchtige innere Vereinsamung getrieben hat: Bernstein spielt in einem Ferienlager für jüdische Schulkinder und deren Eltern beim Mittagessen Klavier. Kurz zuvor hat er erfahren, dass George Gershwin gestorben war. Mit einem lauten, dissonanten Akkord unterbricht er die fröhliche Gesellschaft, um mit Grabesstimme den Tod des „größten jüdischen Komponisten Amerikas“ zu verkünden. Er werde nun dessen ‚Präludium Nr. 2’ spielen und bitte darum, nicht zu applaudieren. Bernstein hinterlässt ein beeindruckt und betreten schweigendes Publikum. „Ich hatte das Gefühl, dass ich Gershwin war, ich war Gershwin und hatte das Stück komponiert.“

Bernsteins Ehrgeiz und sein kaum weniger ausgeprägtes Talent bringen ihn an die amerikaweit rennommierte Dirigentenklasse in Tanglewood. Von dort wird er als Assistent zu den New Yorker Philharmonikern gerufen. Kaum dort angekommen, schlägt seine große Stunde. Der Stardirigent des Abendsfällt mit Fieber aus und Bernstein betritt erstmals das Pult der berühmten Carnegie Hall. 


Er nimmt es im Sturm: ausgelassener Applaus, stehende Ovationen, Glückwunschtelegramme, überschwängliche Pressekritiken begleiten ihn auf den ersten Stufen einer Weltkarriere. Über Nacht wird Bernstein von allen großen amerikanischen Orchestern eingeladen und reist von Erfolg zu Erfolg; er erobert die Konzertsäle der Vereinigten Staaten mit den Werken junger amerikanischer Komponisten, zu denen er sich selbst zählt. Seine ernsten Sinfonien ‚Jeremiah’ und ‚Das Zeitalter der Angst’ werden wohlwollend aufgenommen, aber Furore macht vor allem seine Jazzoperette ‚West Side Story’, mit der er die gekränkte Seele der Neuen Welt streichelt, die als weithin kulturlos gilt. Schließlich avanciert Bernstein zum obersten Weltmusikanten – eine Rolle, der er sich bewusst ist, die ihm behagt und die er benutzt: Während sich Herbert von Karajan durch immer reinere Audioaufnahmen und epische Opernverfilmungen hervortut, gibt sich Berstein in Fernseh- und Radiosendungen als Lehrmeister, der seinem Publikum Bach und Beethoven beibringt. Vor allem liegt Lenny die Musikerziehung am Herzen: mit den New Yorkern Philharmonikern gibt er über fünfzig Konzerte für junge Leute, in denen er dirigiert, erklärt, am Klavier Boogie-Woogie spielt, lauthals Beatles-, und Elvis-Songs singt und sich wie die Popikonen seiner Zeit feiern lässt. Popikonen dürfen schrill und schräg sein. Auch das kostet Bernstein genüsslich aus: Schweißgebadet drückt er die First Lady Jackie Kennedy an sich und küsst sie auf den Mund. Als Mittzwanziger lässt er sich von siebzigjährigen Alma Mahler bezirzen  - sosehr liebt er deren ersten Mann Gustav Mahler, dass er auch seine Frau lieben muss. Mit so manchem seiner männlichen Musikerkollegen treibt er es sogar noch bunter - dabei ist er märchenhaft verheiratet und hat drei Kinder. Aber Leonard Bernstein ist ein Exzentriker, der auf sich auf dem Dirigentenpult ähnlich gehen lässt wie im Bett. Er berauscht sich an seinen Skandale genauso wie an Zigaretten, Whisky und Ruhm. Obwohl er gerne ein bedeutender Opernkomponist gewesen wäre, geht er als begnadeter Musical-Schreiber und als genialer Mahler-Dirigent in die Musikgeschichte ein. Seine eigene Geschichte endet zu früh: Kaum über siebzig bricht er zusammen und stirbt. Heute wäre Leonard Bernstein  95 Jahre alt geworden. In seinen Einspielungen der Mahler-Werke ist er allerdings unsterblich. Dass wussten auch seine Kinder, die ihm eine Partitur der V. Symphonie als Grabbeigabe in den Sarg legten. Wie innig Bernsteins Verhältnis zu Mahler ist, zeigt sich in den legendären Proben mit den Wiener Philharmonikern (siehe Clip).

Dirigenten im Biografien-Blog:

Leonard Bernstein Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen klassischen Musikern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

22. August 1902: Leni Riefenstahl (*)

Bundesarchiv, Bild 152-42-31 / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 152-42-31 / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Sie verhalf Hitler zum großen Kino: Leni Riefenstahl. Unter ihrer Regie entstanden die Propagandafilme von den nationalsozialistischen Reichsparteitagen in Nürnberg: Mit "Triumph des Willens" (1934) setzte sie nicht nur dem Kult von Führer und Volk ein filmisches Denkmal - das in den vergangenen 70 Jahren zum Mahnmal gereift ist - sie schrieb sich damit auch das Drehbuch Ihres Lebens: Willensstärke war ihr Vermögen. Und ihr Verderben.

Foto: Alexander Binder. Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto: Alexander Binder. Lizenziert unter Gemeinfrei

Früh trotzt sie dem strengen Vater, lernt heimlich tanzen und schauspielern. Damit bringt sie es auf mancher Berliner Bühne zu einigem Erfolg. Bald weichen Ausdruckstanz und Ballett dem Bergfilm; wieder setzt sich ihr Wille durch, nunmehr gegen die eigene Gesundheit. Trotz eines Knieleidens und mehrerer Knöchelbrüche lernt sie Skilaufen. an der Seite des Schauspiel-Idols Luis Trenker wird sie vor der Kamera gefeiert; hinter der Kamera entpuppt sie sich gar als Genie: "Das blaue Licht" (1932) lässt sie im gleißenden Scheinwerferkegel der männerdominierten Filmbranche hell erstrahlen. Aus dem Sternchen wird schließlich ein Star, als sich Leni Riefenstahl mit Hitler und Goebbels einlässt. Ihre Inszenierungen der Olympischen Spiele (1936), ihre Regiearbeit und ihr Schnitt ernten internationale Anerkennung. Dass sie als Zelluloid-Ästhetin der Fratze des Bösen ein künstlerisches Feigenblatt verschafft, will sie nicht sehen – und wieder erweist sich darin als willensstark. Fast 60 Jahre, bis zu ihrem Tod 2003, stellt sie sich ihrer Vergangenheit als Tänzerin mit dem Teufel nicht. Sie schaut weg, durch die Linse der Fotokamera, die sie nach Kriegs- und vorläufigem Karriereende für sich entdeckt. Sie läuft weg, weit weg sogar: nach Afrika, wo sie die Nuba fotografiert. Sie taucht ab, in die Tiefen des Indischen Ozeans, wo sie mit über 70 Jahren Korallenriffe aufnimmt. Vor dem Urteil ihrer Nachwelt kann Leni Riefenstahl aber weder weglaufen noch abtauchen: mag sie auch eine begnadete Künstlerin gewesen sein, so war sie doch Hitlers Künstlerin; und das bleibt von Leni Riefenstahl auch am heutigen Tag, an dem sie 111 Jahre alt geworden wäre: Ihr Geburtstag war der 22. August 1902. 

Leni Riefenstahl Biografie weiterzwitschern:

Klick auf die Eule führt zu allen Pionierinnen im Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Sir Mick Jagger: Der Ritter des Rock'n'Roll

Mick Jagger in den 1970er-Jahren (Foto: Dina Regine,  Lizenz: CC-BY-SA 2.0)
Mick Jagger in den 1970er-Jahren (Foto: Dina Regine, Lizenz: CC-BY-SA 2.0)

Er ist der Erste Ritter des Rock’n’Roll: Sir Mick Jagger. Vor ziemlich genau vor zehn Jahren hat das englische Königshaus den Frontmann der ‚Rolling Stones‘ geadelt. Eigentlich wollte Queen Elisabeth II. Jagger noch viel früher zum Ritter schlagen. Der aber hatte vor lauter Konzerttourneen einfach keine Zeit. Erst über ein Jahr später kniet er im Buckingham Palast nieder – und im schwarzen Ledermantel, einen roten Schal leger um die Schultern geworfen.

Ein bisschen Rebell, ein bisschen Establishment: Mick Jagger lebt solche Widersprüche genüsslich aus, und das nicht nur in der Öffentlichkeit: Zwei bürgerlichen Ehen, aus denen fünf Kinder hervorgegangen sind, stehen zahllose Affären und Seitensprünge gegenüber (und weitere zwei Kinder). „Ich wäre lieber tot, als mit 45 noch ‚Satisfaction‘ zu singen“, hatte der Twen getönt. „Wir sind ein Symbol der Ewigkeit“, philosophiert der Rock-Opa, der auch heute noch leidenschaftlich „I Can’t Get No…“ ins Mikro röhrt (siehe Clip). Seit über einem halben Jahrhundert hält Rockritter Jagger nun in den großen Stadien der Welt Hof und verzückt sein Millionengefolge. Seine Rockritterrüstungen sind knallbunte und hauteng auf den spindeldürren Körper geschnittene Kostüme. Das hätte man dem jungen Michael Phillip Jagger kaum zugetraut. 


Schüchtern und in sich gekehrt war er als Kind gewesen. Später als Student einer renommierten Londoner Wirtschafts- und Politikhochschule hatte er bereits die ersten Sprossen einer ganz anderen Karriereleiter erklommen. Dann aber kommt es zu einer schicksalsträchtigen Bahnsteig-Begegnung. Mick Jagger trifft Keith Richards. Beide sind unterwegs nach London, beide mögen die amerikanischen Bluesplatten, die Jagger dabei hat. Musik verbindet und die beiden merken schnell, dass der eine gerne Gitarre spielt und der andere gerne singt. An diesem Morgen wird der Keim der vielen Kult-Hits gesät, mit denen die ‚Rolling Stones‘ bis heute Furore machen werden. Fünf Jahrzehnte Sex, Drugs und vor allem sein Rock’n’Roll haben Mick Jagger zu einer lebenden Legende gemacht, die heute, am 26. Juli 2013, ihren 70 Geburtstag feiert.

Mick Jaggers Biografie weiterzwitschern:

Richard Wagner: Der Monumentalkomponist

Richard Wagner (Foto: Franz Hanfstaengl, Lizenz: gemeinfrei)
Richard Wagner (Foto: Franz Hanfstaengl, Lizenz: gemeinfrei)

Er polarisiert bis heute: Richard Wagner (1813-1883). Als Musiker unerreicht ist er als Schöpfer monumentaler Opern - darunter ‚Die Meistersinger von Nürnberg’, ‚Lohengrin’ und ‚Der Fliegende Holländer’ (im Clip die Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado). Als Mensch aber war Wagner ein Ekel, das in selbstgefälligem germanischem Größenwahn schwelgte und dauernd über seine Verhältnisse lebte: Das hat ihm zwar immer wieder Schulden eingebracht, aber auch die zweifelhafte Gunst mancher Mächtiger: Der bayrische Märchenkönig Ludwig II. finanzierte dem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Wagner, der nicht nur einmal Hals über Kopf vor seinen Gläubigern fliehen musste, ein Leben im Luxus. In Bayreuth errichtete er ihm mit dem Festspielhaus auf dem grünen Hügel einen Tempel, in dem in den 1870er Jahren die Operntetralogie ‚Der Ring des Nibelungen’ uraufgeführt wurde (16 Stunden Musik über menschliche und göttliche Intrigen, vorgetragen überwiegend von schwerem Blech).

Nach Ludwig II. erkor auch Adolf Hitler Wagner zu seinem Lieblingskomponisten. Dazu hat beigetragen, dass der Komponist aus seinem menschenverachtenden Judenhass keinen Hehl machte. Hitler erkannte in Wagners bombastischen Bühnenwerken die wahre arische Kunst – und diese Assoziation wirkt bis heute nach: Intendanten und Regisseure haben immer wieder den Holocaust in Wagners Opern auf die Bühne gebracht. Zuletzt ist in Düsseldorf eine ‚Tannhäuser’-Inszenierung sogar abgesetzt worden, weil sich mehrere Zuschauer nach allzu realistisch dargebotenen Vergasungs- und Erschießungsszenen in ärztliche Behandlung begeben hatte. In Israel ist es nach wie vor Tabu, Wagner-Opern überhaupt aufzuführen. Als Daniel Barenboim es dennoch wagte, in Jerusalem eine Zugabe aus ‚Tristan und Isolde’ zu geben, provozierte er damit einen handfesten kulturpolitischen Skandal. Wie schwer es ist, den genialen Musiker von dem unerträglichen Menschen zu trennen, der heute vor 200 Jahren geboren wurde, hat  der ebenfalls jüdische Dirigent Leonard Bernstein auf den Punkt gebracht: „Ich hasse Wagner, aber ich hasse ihn auf Knien!“

Richard Wagners Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen klassischen Musikern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Albert Schweitzer: Der Urwaldarzt

Foto: Nobel Foundation. Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto: Nobel Foundation. Lizenziert unter Gemeinfrei

Er lebte die Nächstenliebe: Albert Schweitzer (1875-1965). Geboren und aufgewachsen ist Schweitzer als Spross einer evangelischen Pfarrersfamilie im Elsass. Der kleine Albert liebt die Natur, die Gottesdienste seines Vaters und die Kirchenorgel; er leidet mit den Außernseitern unter den Hänseleien und mit den Nutztieren unter allzu grobschlächtiger Behandlung. Und er weint bittere Tränen als er in die Schule gesteckt wird. Zurecht, denn die Leistungen sind lausig. Dass in Albert ein Universalgenie steckt, glaubt anfangs niemand so recht. Erst nach einem mittelmäßigen Abi legt Schweitzer los: Er studiert in Straßburg Philosophie und schreibt in den langen Winternächten eine Doktorarbeit über Kant. Tagsüber perfektioniert er bei den besten Lehrern sein Orgelspiel. Er studiert Theologie und schreibt eine weitere Doktorarbeit über die Bedeutung des Abendmahls. Kurz darauf folgt die Habilitation.

Jetzt könnte er Professor werden, wenn er sich nicht in seinen theologischen Studien mit dem wissenschaftlichen Zeitgeist und nahezu der gesamten Fachwelt angelegt hätte. Außerdem hat Schweitzer gar keine Lust auf eine akademische Laufbahn. Der gerade 25-jährige Doppeldoktor predigt lieber in einer Straßburger Gemeinde und widmet sich der Musik. Wieder schreibt er ein Buch - dieses Mal ist es eine vielgelobte Biografie über Johann Sebastian Bach - und tritt als begnadeter Interpret von dessen Orgelwerken in ganz Europa auf. Aber all das befriedigt Schweitzer nicht. Er will den Dienst der christlichen Nächstenliebe tun. Als er erfährt, dass die Pariser Mission Ärzte in Afrika sucht, nimmt Schweitzer ein Medizinstudium auf. Wieder eine Doktorarbeit (über die psychatrische Beurteilung Jesu), wieder nebenbei ein theologisches Buch (über Paulus), dann heiratet er seine Helene, kauft von den Honoraren der Konzertreisen Medikamente und Ausrüstung und schifft sich nach Lambarene (im Gabon) ein.  

Mitte April 1913 erreichen die Schweitzers ihr Ziel. Nach knapper Schonzeit findet sich der streitbare Theologe und berühmte Musiker in einem windschiefen Hühnerstall mitten in Afrika wieder, wo er Eingeweidebrüche operiert, Elephantiasis behandelt und faulende Zähne zieht. Daneben ist er beim Aufbau seines Tropenhospitals als Zimmermann und Maurer gefragt, als Architekt und Mechaniker. Schweitzer bewältigt all' das mit Hingabe. Er hat er in der Praxis gefunden, was er schon in seinen theologischen und philosophischen Schriften gesucht hat:

Lizenziert unter CC-BY 4.0
Lizenziert unter CC-BY 4.0

die Erfüllung in der dienenden Nachfolge Jesu. Auf einer langen Bootsfahrt auf dem Ogowefluss gießt der wissenschaftlich versierte Ethiker der Tat seinen Lebensentwurf in die einprägsamen Worte 'Ehrfurcht vor dem Leben'. Dabei macht dabei keinen Unterschied mehr zwischen Menschen und Tieren. Deshalb unternimmt er auch nichts gegen die Ameisenstraße, die quer über seinen Urwald-Schreibtisch läuft. Im Gegenteil: er stellt noch eine Schale mit Zuckerbrei daneben - auch die emsigen Tierchen sollen es gut haben. „Ethik besteht also darin, daß ich die Nötigung erlebe, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen", sinniert Schweitzer. "Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern, böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen.“ Es ist kaum verwunderlich, dass Schweitzer vielen als moderner Heiliger erscheint. „Er sieht aus wie ein naher Verwandter des lieben Gottes", schreibt der SPIEGEL süffisant, "und er benimmt sich so.“ Aber die vielen Lobeshymen und Ehrerbietungen überwiegen die ironische Kritik an Schweitzers vermeintlicher Selbstgerechtigkeit. Anfang der 1950er Jahre erhält er den Friedensnobelpreis und nutzt seinen Einfluss in den letzen Lebensjahren, um gegen das atomare Wettrüsten ins Feld zu ziehen. Albert Schweitzer stirbt 1965 in Lambarene, das er in diesen Wochen vor 100 Jahren aufzubauen begonnen hat.

Mehr von Albert Schweitzer im Biografien-Blog...

Albert Schweitzer ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Als junger Mann war er nach Afrika gegangen, um in Jesu' Nachfolge ein Tropenhospital aus Holz- und Wellblechhütten aufzubauen. Vierzig Jahre später wird der Urwald-Doktor dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Man feiert ihn als „13. Jünger Jesu“ und „Mister Wellblech“ wie einen Popstar. „Genie der Menschlichkeit“ und „Universalgenie Westeuropas“ nennen sie ihn. Auch seine Biografen zeichnen fast immer ein wohlwollendes Bild. Der Mainzer Theologe Sebastian Moll zeigt Schweitzer dagegen als "Meister der Selbstinszenierung". Das ist nicht der einzige Aufreger, den dieses Buch provoziert hat. Zur Rezension...

Albert Schweitzers Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den Nobelpreisträgern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Johannes Brahms: Der verspätete Klassiker

Johannes Brahms, Lizenz: gemeinfrei
Johannes Brahms, Lizenz: gemeinfrei

Er war ein tragisches Genie: Johannes Brahms wäre heute 180 Jahre alt geworden. Sein Werk und sein Wirken sind eingequetscht zwischen Beethoven und Brucker:  Beethovens neun Symphonien sind kaum überhörbar die Vorbilder von Brahms' eigenen Kompostionen. Hans von Bülow, ein zeitgenössicher Dirigent, behauptet sogar, Brahms erste Symphonie sei Beethovens zehnte. Doch obwohl Brahms immer wieder als würdiger Erbe des Genies gerühmt wird, leidet er unter dem Vergleich. Denn für einige seiner Komponistenkollegen, darunter auch Anton Bruckner, ist Beethoven zwar Vorbild, aber auch Vergangenheit: Vor allem Franz Liszt und Richard Wagner machen sich für "neudeutsche Musik" stark: in der Mitte des 19. Jahrhunderts ist schweres Blech angesagt, das in symphonischen Dichtungen und Musikdramen dröhnt und schmettert. Brahms dagegen bleibt bis ins hohe Alter den zarten Streichern und Holzbläsern treu. Und doch verzweifelt er fast an der schlichten Eleganz, die sein Schaffen so besonders macht: „Es ist nicht schwer, zu komponieren", sagt Brahms. „Aber es ist fabelhaftschwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen.“ Welche Höchstleistung also, dass er in den ersten Takten seiner letzten Symphonie - der vierten - mit nur vier kleinen Akkorden auskommt (siehe oben)... Und wie gut, dass einer der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts, Carlos Kleiber, dieses filigrane Motiv unnachahmlich zum Klang gebracht  hat (Video-Clip).

Johannes Brahms' Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen klassischen Musikern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Elisabeth Hauptmann: Die kreative Assistentin

Keine Bildrechte. Bild ist extern verlinkt
Keine Bildrechte. Bild ist extern verlinkt

Sie war Bertolt Brechts kongeniale Partnerin: Elisabeth Hauptmann (1897-1973). In den goldenen Zwanzigern kommt die junge Lehrerin aus Westfalen nach Berlin. Dort trifft sie mit Brecht den gerade aufgehenden Stern am Theaterhimmel der Zwischenkriegszeit. Elisabeth Hauptmann schwärmt für den genialen Dichter und auch Brecht findet rasch Interesse an der klugen und kreativen Frau, die so fleißig mitschreibt, was er erzählt. Natürlich will sich der gerne bewunderte Dramatiker nicht auf eine Partnerin festlegen - auch nicht auf Elisabeth Hauptmann. Ein gebrochenes Eheversprechen Brechts und ein anschließender Selbstmordversuch Hauptmanns sind die traurigen Höhepunkte ihrer intimen Beziehung. Trotz der enttäuschten Liebe bleibt Hauptmann mit Unterbrechungen zeitlebens Brechts Mitarbeiterin. Denn der schätzt nicht nur die amorösen Abenteuer mit Elisabeth Hauptmann, sondern auch ihre politische Überzeugung (beide sind Kommunisten), ihre umsichtige Assistenz in allen Alltagsdingen, ihre Übersetzerdienste und vor allem ihren untrüglichen Riecher für geeignete Bühnenstoffe. Es ist die bescheidene Hauptmann, die in London John Gays 'The Beggar's Opera' entdeckt, den Text übersetzt, Brecht dafür begeistert und zur Bearbeitung anregt. Die Dreigroschenoper wird sein großer Durchbruch auf der Bühne. Hinter der Bühne entstehen seine theoretischen Schriften zum epischen Theater. Elisabeth Hauptmanns Anteil an Brechts Arbeiten lässt sich an den Tantiemen kaum ermessen, die sie für die gemeinsam geschaffenen Bühnenwerke erhält. Sie stellt ihre eigenen schriftstellerischen Ambitionen hinten an, um am Lebenswerk Brechts mitzuarbeiten - zuletzt in der DDR. Bis über dessen Tod hinaus bleibt Elisabeth Hauptmann Brecht treu, spielt ihren Einfluss herunter und verlegt seine Schriften. Am 20. April 1973, heute vor 40 Jahren, ist die heimliche Mutter der Dreigroschenoper in Ost-Berlin gestorben.

Elisabeth Hauptmanns Biografie weiterzwitschern:

Klick auf die Eule führt zu allen Pionierinnen im Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Audrey Hepburn: Die Leinwand-Königin

Breakfast at Tiffany's trailer. Lizenziert unter Gemeinfrei
Breakfast at Tiffany's trailer. Lizenziert unter Gemeinfrei
Roman Holiday trailer. Lizenziert unter Gemeinfrei
Roman Holiday trailer. Lizenziert unter Gemeinfrei

Sie frühstückte bei Tiffany: Audrey Hepburn. In der Verfilmung von Truman Capotes Roman Breakfast at Tiffany's zeigt sich die Hepburn von ihrer bekanntesten Seite: Ein Mädchen aus kleinen Verhältnissen und mit großen Rehaugen träumt von der weiten Welt und vom großen Geld. Beruflich hat sich die 1929 geborenene Audrey Hepburn Anfang der 1960er Jahre beide Träume bereits erfüllt: Als gefeierter Hollywood-Star hat sie schon 1953 den Oscar gewonnen (für ihre erste Hauptrolle in "Ein Herz und eine Krone"). Insgesamt wird ihre Karriere mit vier weiteren Oscar-Nominierungen veredelt, ganz zu schweigen von den Golden Globes, Emmys und Grammys. Da kann sie es verschmerzen, dass in ihrer Paraderolle als New Yorker Möchtegern-Girlie Holly Golightly in Breakfast at Tiffany's am

Ende doch nicht das große Geld wartet, sondern die große Liebe. Ihr zärtlich dahingehauchter "Moon River" wird zum Liebeslied einer ganzen Generation (siehe Clip).  Im Leben hat Audrey Hepburn weniger Liebesglück als auf der Leinwand: Erst läuft ihr in der KIndheit ihr Vater weg, dann erleidet sie mehrere Fehlgeburten ehe sich ihr sehnlicher Kinderwunsch erfüllt und schließlich scheitern ihre Ehen mit den beiden Vätern ihrer Kinder (mit dem Schauspielkollegen Mel Ferrer und dem Psychiater Andrea Dotti). Audrey Hepburn aber hat der Liebe trotz allem nicht abgeschworen: In späteren Jahren setzt sie sich als UNICEF-Sonderbotschafterin leidenschaftlich für notleidende Kinder in der Dritten Welt ein. Diesem Anliegen kommt bis heute die Audrey Hepburn Children's Fund nach. Leider ohne die Namesgeberin, denn Audrey Hepburn ist am 20. Januar 1993 an Krebs gestorben.


Audrey Hepburns Biografie weiterzwitschern:

Klick auf die Eule führt zu allen Pionierinnen im Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Sir Simon Rattle: Der progressive Kapellmeister

Lizenz: Berlin Phil Media
Sir Simon Rattle (Foto: Monika Rittershaus)

Er leitet das berühmteste Orchester der Welt: Sir Simon Rattle. Seit gut zehn Jahren steht der gebürtige Liverpooler als Chefdirigent am Pult der Berliner Philharmoniker. Und weil man aufhören soll, wenn's am schönsten ist, hat Rattle vor kurzem angekündigt, dass in fünf Jahren Schluss ist. Damit ist dem 1994 von der englischen Queen geadelten Sir Simon ein wahrhaft ritterlicher Abschied geglückt: Er gibt dem Orchester die Zeit, die Nachfolge zu regeln. Sich selbst nimmt Rattle die Zeit, mit den Berlinern neue Klangwelten zu entdecken. Dass er dazu in der Lage ist, hat ihm nicht nur Lob eingebracht.


Lizenz: EMI Classics
Sir Simon Rattle (Foto: Mat Hennek)

Immer wieder monierten die Traditionalisten, dass ein Chefdirigent der ehrwürdigen Berliner Philharmoniker vor allem Beethoven und Brahms, Bruckner und Wagner beherrschen müsse, anstatt Benjamin Britten zu dirigieren (siehe mp3-Download) oder noch neumodischeres Zeugs zu Gehör zu bringen, wie es beispielsweise György Ligeti zu Notenpapier gebracht habe. Solche Stimmen verkennen, dass Rattle mit den Berliner Philharmonikern viel mehr erreicht hat als ein verkürzendes Entweder/Oder zwischen klassischer und zeitgenössischer Musik. Dass er die Klassik und Romantik bewältigt, hat er in den Klavierkonzerten mit Mitsuko Uchida und den Bruckner-Einspielungen eindrucksvoll bewiesen. Mit Mahler schlägt Rattle musikalisch die Brücke zur Gegenwart. Aber er kann mehr, als Partituren in Musik umzusetzen, um den erfahrenen Konzertbesuchern gerecht zu werden. Seine vielleicht größte Leistung liegt darin, auch jüngere Menschen für die Musik zu gewinnen.

In den kostenlosen Lunchkonzerten erreichen Rattle und seine Philharmoniker die Neugierigen, die nicht gleich beim ersten Besuch der Philharmonie für ihre Konzertkarten bezahlen wollen. Mit dem Education-Programm der Berliner Philharmoniker trägt Rattle den Zauber von Klang und Bewegung in Berliner Schulen. Im groß angelegten Projekt Rhythm is it haben 250 Jugendliche gelernt, zu Igor Strawinskys Ballett


'Le Sacre de Printemps' (Die Frühlingsweihe') zu tanzen.  Aber auch die Probenarbeit mit Nachwuchsmusikern liegt Rattle am Herzen (siehe Clip). Selbst für Nachtschwärmer, für die Musik nicht nur gut klingen, sondern auch ansprechend inszeniert sein muss  hat Sir Simon mit den unverkrampften 'Late Night'-Konzerten ein spannendes Format erfolgreich eingeführt. Von einer zunehmenden Ideenlosigkeit - auch das ein manchmal geäußerter Vorwurf - kann also keine Rede sein. Im Gegenteil. Rattle ist nach wie vor voller Schaffenskraft und man darf gespannt sein, was er in den kommenden fünf Jahren ins Werk setzt. Heute, am 19. Januar, feiert Sir Simon seinen 58 Geburtstag - herzlichen Glückwunsch! 

Dirigenten Biografien

Sir Simon Rattles Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen klassischen Musikern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
1 Kommentare

Jane Avril: Die Tänzerin

Jane Avril. Lizenz: gemeinfrei
Jane Avril. Lizenz: gemeinfrei

Sie war die Muse des Montmatre: Jane Avril. Die Pariser Bohème- und Künstlerszene der Jahrhundertwende ist verzückt und pilgert in die Tanzlokale 'Moulin Rouge' und 'Le Chat Noire', um sie tanzen zu sehen. Dabei ist die Glücklichmacherin Jane Avril (geb. 1868) herzensunglücklich: Zu tief sitzt das Trauma ihrer Jugend: Vom Vater sitzen gelassen und von der Mutter geprügelt landet die kaum Sechszehnjährige in der Nervenklinik - und dort unter der Fuchtel experimentierfreudiger Ärzte. Allein den instinktiven, grazilen und an lautlose Musik geschmiegten Bewegungen verdankt Jane Avril ihre Entdeckung als Tänzerin, die sie dann über dritt- und zweitklassige Etablissements bis auf den Pariser Olymp - den Montmatre - führt. Dort also betört Jane Avril mit ihren anmutigen und verführerischen Tänzen Pablo Picasso,  Henri Rousseau und Henri Toulouse-Lautrec. Vor allem Toulouse-Lautrac zeichnet, malt und druckt immer wieder Jane Avrils Konterfei und ihre typischen Tanzposen. Seine Begeisterung für Jane Avril ist noch heute ansteckend. So hat die renommierte Londoner Courtauld Gallery die Freundschaft der beiden zum Gegenstand einer Austellung gemacht (siehe Clip). Der Zauber Jane Avrils ist unsterblich, auch wenn sie am 16. Januar 1943 gestorben ist - heute vor 70 Jahren. 


Jane Avrils Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen Schauspielern im Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Adriano Celentano: Der politische Entertainer

Adriano Celentano (Foto: Dekt, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)
Adriano Celentano (Foto: Dekt, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Er ist einer der großen italienischen Entertainer: Adriano Celentano. Als gelernter Uhrmacher erkennt er früh die Zeichen der Zeit, sucht sein Glück im Rock 'n' Roll - und findet eine Karriere im Rampenlicht: Als 19jähriger gewinnt Adriano 1957 seinen ersten Wettbewerb, macht damit das Kino auf sich aufmerksam und legt daraufhin eine beeindruckende Doppelkarriere hin. Auf der Bühne rockt er die Festivals mit eigenen und gecoverten Nummern (zum Beispiel 'Azzurro' von Paulo Conte). Über 150 Millionen Platten hat Celentano verkauft. Auf der Leinwand zeigt er vor allem seine Qualitäten im Slapstick (siehe unten: Querschnitt-Clip).

Der Titel eines seiner beliebsten Streifen, 'Gib dem Affen Zucker', könnte auch das Motto seiner Fernsehshow 'Rockpolitik' (2005) sein - nur umgekehrt:

Der Titel eines seiner beliebsten Streifen, 'Gib dem Affen Zucker', könnte auch das Motto seiner Fernsehshow 'Rockpolitik' (2005) sein - nur umgekehrt: Gib dem Affen Saures! Der Affe ist niemand geringeres als der damalige italienische Regierungschef Silvio Berlusconi. Und obwohl der auch den staatlichen Sender RAI lenkt kann er nicht verhindern, dass Celenatano auchgerechnet auf dieser Bühne lautstark gegen Berlusconi wettert. Genüsslich kommentiert Celentano vor einem begeisterten Millionenpublikum  die Einschätzung der unabhängigen Organisationen Freedom House, wonach die Presse in Italien nur "teilweise frei" frei sei und sich mit Bolivien und der Mongolei den 77. Platz der Länderrangliste teilt.  "Alle haben Angst vor den Worten", erklärt er.


"Heutzutage kann man nur die Dinge sagen, die niemanden stören." Die Italiener aber lechzen nach dem freien Wort und danken es Celentano mit nie gekannten Einschaltquoten. Vielleicht sollte sich Berlusconi die 'Rockpolitik' nochmal genau anschauen, ehe er wiederum nach der Macht über die greift, die ihn mit Schimpf und Schande davon gejagt haben. Für die Italiener jedenfalls ist es ein großes Glück, dass nicht alle Rock 'n' Roller früh sterben. Adriano Celentano jedenfalls feiert heute seinen 75. Geburtstag - das Eulengezwitscher gratuliert: Tanti auguri di buon compleanno!

Adriano Celentanos Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen Rock/Pop-Musikern im Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Jim Rakete: Der VIP-Fotograf

Smalltown Boy. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Smalltown Boy. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Das Eulengezwitscher reiht sich ein in das fröhliche Böllern der traditionellen Silvesterfeuerwerke und begrüßt das neue Jahr mit einem Rakete. Einem Rakete? Ganz richtig! Dieser Rakete hört auf den Namen Jim und fotografiert. Dabei setzt der Berliner Fotokünstler Jim Rakete ebenfalls ganz auf Tradition - und fotografiert analog: "Natürlich ist es heutzutage unerlässlich, die Bilder zu digitalisieren. Sie können ja nicht mehr mit einem Abzug in die Redaktion rennen. Was ich aber ablehne, ist dieses Leugnen von Falten", erklärt Rakete. Denn die Zeit steht nicht still, selbst wenn schon den vierjährigen genau das fasziniert: Technik, die die Zeit anzuhalten und den Augenblick festzuhalten scheint. Von Kindesbeinen ist Rakete, der eigentlich Günther heißt, ein echter

Knipser und so verwundert es kaum, dass er sich mit dem Fotografieren bald einen Namen machen wird. Rasch spezialisiert er sich auf Portraits - und das ist nicht nur für den Jahresauftakt eines Biografien-Blogs spannend. Nahezu die gesamte Prominenz der Musik- und Filmszene hat vor seiner Linse posiert, darunter Jimi Hendrix, Mick Jagger und  David Bowie. In Deutschland haben sich unter anderem Nina Hagen, Nena und Die Ärzte von ihm auch managen lassen. Seine wahre Liebe aber ist nach wie vor das klassische Fotometier: In zwei bedeutenden Serien hat Jim Rakete in den


vergangenen Jahren sein ganzes Können gezeigt: Für das Projekt Stand der Dinge hat er das who is who der deutschen Kinolandschaft portraitiert. „Rakete profitiert von den Beziehungen, die er zu vielen Filmleuten hat", lobt der Bonner Generalanzeiger: "Locker, ungeschminkt, offen präsentieren sich die Promis in völlig ungestellt wirkenden Aufnahmen.“ Noch intimer ist das Projekt 1/8 SEC. AUGEN/BLICK/PORTRAITS. Mit einer über 100 Jahre alten Plattenkamera, die den Portraitierten abverlangt, 12 Sekunden unbeweglich zu stehen, und die eine halbe Ewigkeit belichtet - 1/8 Sekunde - kommt Rakete seiner Faszination besonders nahe: Technik, die die Zeit still stehen lässt. Aber auch für ihn beginnt heute ein neues Lebensjahr, denn Jim Rakete wurde am 1. Januar 1951 geboren - vor 62 Jahren. In diesem Sinn: Alles Gute zum Geburtstag und Prost Neujahr!

Jim Raketes Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen Malern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Mitsuko Uchida: Die Virtuosin

Mitsuko Uchida Biografie
Zur Wiederverwendung gekennzeichnet unter https://c2.staticflickr.com/8/7329/11056579484_3850343c03_b.jpg

Beethoven und Mozart gehören zu ihren frühesten Freunden: Mitsuko Uchida. Geboren ist die Diplomatentochter in Tokio. Schon im Kindergarten haben sie die weißen und schwarzen Tasten der Klaviatur mehr gereitzt als bunte Bauklötzchen.  Als ihr Vater nach Wien versetzt wird, tut ihr Herz einen wahren Freudensprung: In der Wahlheimat der großen Klassiker fühlt sich Uchida rasch wohl: Mit 14 konzertiert sie im Wiener Musikverein, bald darauf ist ihr Klavierspiel preisgekrönt (Wiener Beethoven-Wettbewerb, internationaler Chopin-Wettbewerb). Uchida ist nun entschlossen, Pianistin zu werden.


Obwohl ihr Vater bald nach Köln versetzt wird, bleibt Mitsuko Uchida in Wien bei Beethoven und Mozart. Noch heute, nach einem halben Jahrhundert in den Konzertsälen der Welt, gilt ihre Liebe den beiden Wiener Meistern. Mit den Berliner Philharmonikern und Sir Simon Rattle hat sie vor nicht allzulanger Zeit sämtliche Beethoven-Konzerte eingespielt (siehe Clip aus der Digital Concert Hall) und aktuell hat sie zwei Mozart-Konzerte mit dem Cleveland Orchestra eingespielt (siehe mp3-Box). Heute feiert Mitsuko Uchida ihren 64. Geburtstag - herzlichen Glückwunsch!

Mitsuko Uchida Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen klassischen Musikern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

John Lennon: Der Friedensträumer

Lennons (Foto: Jack Mitchell, Lizenz: VIAF: 19994658 | LCCN: nb91388418 | BNF: 15554250 | WorldCat)
Lennons (Foto: Jack Mitchell, Lizenz: VIAF: 19994658 | LCCN: nb91388418 | BNF: 15554250 | WorldCat)

Per aspera ad astra - durch Nacht zum Licht! Seit Beethoven hat kaum ein Komponist diese Wandlung eindrucksvoller umgesetzt als der ehemalige Beatle John Lennon. Lennon nutzt aber nicht den Klang eines Symphonieorchesters, sondern er bedient sich der Effekte des modernen Musikvideos, um seine Botschaft zu verbreiten (siehe Clip): Dunkel ist es, als er sich an den Flügel setzt. Doch jedes Fenster, das seine Frau Yoko Ono öffnet, lässt helle Sonnenstrahlen herein. Warmes, weißes Licht flutet den Raum, während John seine Utopie singt: "Imagine all the people living life in peace..." Dass er diesen Traum unter tragischer Mithilfe von Alkohol, Marihuana und LSD geträumt hat, kümmerte kaum einen, der sich an der Bettkante von John und Yoko davon erzählen ließ (sogenannte Bed-ins). Dass Lennons Leben 1980 tragisch endete - er wurde in New York erschossen - bestürzt seine seine Huldiger dagegen noch heute. Da aber das Werk größer ist als sein Urheber und dessen Hilfsmittel, darf der Traum vom Weltfrieden auch heute noch geträumt werden, auf den Tag genau 41 Jahre, nachdem "Imagine" als Single erschienen ist  - am 11. Oktober 1971.

John Lennons Biografie weiterzwitschern:

0 Kommentare

Michael Ende: Der Phantásien-Reisende

Christine Meile 1962" by Source (WP:NFCC#4). Licensed under Fair use
Christine Meile 1962" by Source (WP:NFCC#4). Licensed under Fair use

Er erzählte Geschichten aus der Welt der Träume: Michael Ende. Die Helden seiner phantastischen Abenteuer sind meist Kinder wie Jim Knopf, Momo und Bastian Balthasar Bux - oder Schildkröten wie Traquilla Trampeltreu und Kassiopeia. Seine lebendige Phantasie bringt dem gemütlichen Geschichtenerzähler die Geringschätzung der ernsthaften Erwachsenen und der Literaturkritik ein. Die studierten Kenner die Kunst erwarten nämlich weltbewegende, kluge Gedanken und beißende Gesellschaftskritik; jedenfalls keine komischen Kindergeschichten, die auch noch in ganz unrealisitischen Ländern spielen, in denen Gut und Böse, Jugend und Alter gleich viel gelten. Außerdem können weder Schildkröten sprechen, noch Kinder ganze Reiche retten. So ein unnützes Zeug!

Dabei übersehen die "Büchernörgele" - allen voran der von Ende karikierte Marcel Reich-Ranicki - (Bild aus "Der Wunschpunsch", S. 194) allerdings gerne, dass gerade der Zwang zur Nützlichkeit ihre eigenen Innenwelten verwüstet. Und gegen diese Innenweltverwüstung zieht Michael Ende mit seinen kleinen Helden ins Feld - und mit ihm alle, die sich ihre kindliche Lust am absichtslosen Spiel und die Freude an der Schönheit bewahrt haben. Denn was ist schöner als der Zauber des Geheimnisvollen, gerade in Zeiten der rationalen Erklärung von fast allem. Michael Ende hat seinen Lesern den Weg nach Phantásien gezeigt. Dort findet man ihn noch heute, obwohl er vor 17 Jahren ist er gestorben ist - am 28. August 1995.

Kinder- und Jugendbuchautoren im Biografien-Blog:

Michael Ende Biografie weiterzwitschern:

Klick auf die Eule führt zu allen Schreibern im Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Hans Moser: Der singende Dienstmann

Foto: Willy Pragher. Lizenziert unter CC BY 3.0
Foto: Willy Pragher. Lizenziert unter CC BY 3.0

Sein Herz war ein Bilderbuch vom alten Wien: Hans Moser. Als volksnaher Schauspieler bewahrte er den Wienern mit seiner fröhlichen Granteligkeit in der Zwischen- und Nachkriegszeit den Zauber der ruhmreichen Habsburgerära. Solange sich aber die hochnäsigen Wiener im Glanz ihrer Weltmacht sonnen können, wollen sie den kleingewachsenen Moser (1,57 Meter) nicht: Auf den edlen Brettern des Theaters in der Josefsstadt erwartet man starke und gestandene Männer. Moser zieht vorerst durch die Provinz des habsburgischen Vielvölkerreiches. Nach dem Ersten Weltkrieg gelingt ihm aber mit dem Sketch "Hallo Dienstmann" (1923) der Durchbruch. Ohne Groll kehrt der Grantler treu zu seinen Wienern zurück, die ihm jetzt zu Füßen liegen. Als sie wenige Jahre später Hitler auf dem Balkon der Hofburg zujubeln, zeigt Moser abermals, was echte Treue ist: Obwohl der Druck groß ist, lässt er sich nicht von seiner  jüdischen Frau scheiden. Zwar muss sie für einige Zeit ins ungarische Exil fliehen, doch nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Mosers wieder vereint. Auch seine Paraderolle zieht wieder nach Wien: Der Dienstmann erobert die Bühnen der gefallenen Weltstadt (siehe Clip mit Paul Hörbinger) und wird sogfar als Verwechselkomödie verfilmt (1952). Damit hat Moser nicht nur das alte Wien, sondern auch sich selbst  unsterblich gemacht. Heute wäre er 132 Jahre alt geworden - Hans Mosers Geburtstag ist der 6. August 1880.

Hans Moser Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen Schauspielern im Eulengezwitscher...
1 Kommentare

Marlon Brando: Der Pate

On the Waterfront trailer Public domain
On the Waterfront trailer Public domain

Die Leinwand war sein Leben, charismatische Charaktere seine Königsdisziplin: Marlon Brando. Den Anfang seiner Karriere markiert eine Endstation - die "Endstation Sehnsucht". Ende der 1940er Jahre entdeckt Brando auf den Brettern des Broadways die große Bühne als Berufung und bald schon hat Hollywood einen neuen Hoffnungsträger. Filme, in denen Brando als Held ('On the Waterfront', 'Viva Zapata!'), als Liebhaber ('Sayonara') oder als Bösewicht ('Der Wilde') besticht, werden zu Kasseschlagern. Unsterblich aber wird er als Mafia-Oberhaupt Don Vito Corleone in Mario Puzos 'Der Pate'. Hollywood ist begeistert und Brando wird 1973 mit dem Oscar belohnt. Auf Roger Moore, der den höchsten Filmpreis überreichen soll, wartet aber eine faustdicke Überaschung: Diese Bühne wird Brando nicht betreten. Stattdessen tritt eine schöne Indianerin vor das konsternierte Publium.

Foto: U.S. Information Agency. Press and Publications Service. (ca. 1953 - ca. 1978), Lizenz: gemeinfrei
Brando beim Marsch auf Washington

Sacheen Littlefather lässt ausrichten, Brando werde die Auszeichnung ablehnen und damit gegen die Behandlung der amerikanischen Ureinwohner durch die Filminduistrie protestieren (siehe Videoclip). Dass die zarte Squaw, die sichtlich gerührt Brandos Botschaft überbringt, eigentlich Maria Cruz heißt und ebenfalls Schauspielerin ist, gerät zur Nebensache. Denn Brando ist kein unbeschriebenes Blatt im Kampf gegen die Benachteiligung von Minderheiten: Schon zehn Jahre zuvor ist er an der Seite von Martin Luther King gegen die Rassentrennung nach Washington marschiert. Denn auch Brando hat zeitlebens von Gleichberechtigung und Brüderlichkeit geträumt. Am 1. Juli 2004 ist Brando gestorben - heute vor acht Jahren.

Marlon Brandos Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen Schauspielern im Eulengezwitscher...
0 Kommentare

György Ligeti: Der Komponist des Makabren

Lizenz: Schott Music
Györgi Ligeti (Foto: H. J. Kropp)

Er war der Meister der makaberen Musik: György Ligeti. 1923 in eine rumänisch-jüdische Familie geboren, hat Ligeti früh erfahren, wozu Menschen fähig sind: Seine Mutter überlebt Auschwitz nur knapp, Vater und Bruder verlieren in den Vernichtslagern der Nazis ihr Leben. Ligeti selbst entkommt gleich mehrfach aus russischer Kriegsgefangenschaft und flüchtet sich in die Musik. In Budapest lehrt er Harmonielehre, Kontrapunkt und Musikanalyse. Doch schon zehn Jahre später ist Ligeti wieder auf der Flucht: Der gewaltsam niedergeschlagene ungarische Volksaufstand vertreibt ihn aus der einen in die nächste Donaumetropole, nach Wien. Dort verarbeitet er seine düsteren Erlebnisse in die makabere Musik, die ihn in den Rang eines der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts hebt. Nicht, indem er das Geschwätz der vermeintlichen Glücklichmacher vertont: "Silence is golden", zischt die schöne Sopranistin im Geheimpolizei-Mantel in den 'Mysteries of the Macbre' (siehe Clip). "What are you talking about?", schreit der Dirigent der Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle. Mit zunehmendem Alter verzichtet Ligeti dann aber darauf, seine Interpreten für sich sprechen zu lassen und selbst vornehm zu schweigen. Jetzt ergreift er selbst das Wort: „Verstehen Sie, was Sloterdijk sagt? Schaum! Nichts! Ich halte nichts von diesen Schwätzern und Pseudowissenschaftlern." Nein, Ligeti glaubt nicht an die hohlen Worte weiser Welterklärer. Und nein, Ligeti gibt nicht vor, selbst eine frohe Botschaft zu verkünden - er hat auch keine. Stattdessen hat er die Fratze der menschlichen Abgründe zu zeigen, in die er geblickt hat - Botschaft genug. Heute, am 28. Mai, wäre Györgyi Ligeti 89 Jahre alt geworden.

György Ligetis Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen klassischen Musikern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
1 Kommentare

Henri Rousseau: Der Zöllner als Maler

Der Traum (1910) (Gemälde: Henri Rousseau, Lizenz: gemeinfrei)
Der Traum (1910) (Gemälde: Henri Rousseau, Lizenz: gemeinfrei)

Jedem Anderen wäre diese Party peinlich: Im Atelier des Gastgebers Picasso stinkt es nach Farbe, Terpentin und dem kalten Rauch der unzähligen Zigaretten, deren Stummel den Fußboden verzieren. Die Tafel besteht nur aus einem zerfressenen Brett auf knarrenden Holzblöcken. Das Essen ist für den falschen Tag bestellt und die Gäste, die mit Reis und selbst mitgebrachten Kuchen vorlieb nehmen müssen, grölen. Eine von vielen Aperitifs schon ganz beschwipste Dame setzt sich mitten in den schönsten Apfelkuchen und umarmt danach die ganze Gesellschaft - das würdevolle Festbankett gerät zum Gelage, kaum dass es angefangen hat. Aber Henri Rousseau freut sich über die Ehre, die ihm seine Freunde aus der Pariser Bohéme-Szene erweisen. Sie feiern ihn, den Freizeitmaler, als einen der ihren. Eigentlich ist Rousseau beim Zoll angestellt. Bei den Kunstsammlern, die ihre Nase gerne hoch tragen, kommt das nicht gut an, ein Künstler soll gefälligst von seinem Schaffen leben können. Und dann diese kindliche Malweise - die geht gar nicht. Doch hier, auf dem Montmarte, wo die Advantgarde ihre wenigen Francs lieber in Leinwände als in Brot investiert und immer nach neuen Inspirationen sucht, ist der Zöllner ein Idol.  "Hoch lebe Rousseau!"  steht auf dem alten Leintuch, dass über den uralten Sessel gespannt ist, auf dem Rousseau thront. Sein Kopf ist weinrot und dann und wann fallen ihm die Augen zu. Er weint im Halbschlaf vor Rührung und merkt nicht einmal, wie ihm das heiße Wachs aus dem Lampignon auf die Stirn tropft.  Vielleicht träumt er gerade den Traum, dem er kurz vor seinem Tod auf die Leinwand bringt (siehe oben). Und während die meisten der ach so verständigen Kunstliebhaber längst vergessen sind, ist Rousseaus Traum im New Yorker Museum of Modern Art unsterblich geworden. Heute, am 21. Mai 2012, wäre Henri Rousseau 168 Jahre alt geworden.

Henri Rousseau Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen Malern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Arthur Rubinstein: Der Pianist

Beide Fotos: Lizenz Gemeinfrei
Beide Fotos: Lizenz Gemeinfrei
A. Rubinstein, Foto:  photo©ErlingMandelmann.ch, Lizenz: CC-BY-SA-3.0
A. Rubinstein, Foto: photo©ErlingMandelmann.ch, Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Er liebte Campagner und lebte Chopin: Arthur Rubinstein. Damit eroberte der geborene Charmeur nicht nur die Frauenherzen sondern auch den musikalischen Olymp. In Paris und in der Carnegie Hall jubelten die Musikliebhaber dem polnischen Klaviervirtuosen zu. Selbst das sonst eher zurückhaltende polnische Publikum feierte seinen Helden mit stehenden Ovationen. Dabei war der Lebemann Rubinstein beileibe kein Fleißmusiker. Für's Üben hatte er ganz im Gegenteil eher wenig übrig. Einmal scherzte er, er habe nur deshalb Klavier gelernt, weil man dieses Instrument so schlecht mit sich herumtragen und deshalb notgedrungen auch weniger üben könne. Eigentlich wollte Rubinstein zeitlebens nur spielen, am liebsten Chopin (siehe Clip). Am 20. Dezember 1982 ist er gestorben - heute vor 29 Jahren.

Arthur Rubinsteins Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu allen klassischen Musikern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare

Johann Strauß Vater: Der Walzerkönig

Johann Strauß (Vater), Lizenz: Gemeinfrei
Johann Strauß (Vater), Lizenz: Gemeinfrei

Der Radetzkymarsch ist sein Vermächtnis. Traditionell beschließen die Wiener Philharmoniker mit diesem Werk von Johann Strauß ihr Neujahrskonzert (im Video unter Leitung von Claudio Abbado). Kaum einer weiß, dass es sich dabei gar nicht um den weltberühmten Walzerkönigs handelt, sondern um seinen Vater. Dieser Vater hat es früh geahnt: Der kleine Johann darf nicht auch Geige lernen, sonst passiert ein Unglück. Und tatsächlich: Kaum dass der Sohn im Wiener Café Dommayer erstmals aufspielt, beginnt des Vaters Stern zu sinken. Zum Glück hat der Ältere nicht mehr erleben müssen, wie die Nachwelt den zweiten zum einzigen Johann Strauß verklärt hat, denn am 25. September ist der Vater gestorben - heute vor 186 Jahren.

Ein Klick auf die Eule führt zu allen klassischen Musikern im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
0 Kommentare