Sarajewo, 28. Juni 1914: Der serbische Nationalist erschießt den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand. In Wien macht man machen die Belgrader Regierung für den Mord verantwortlich und verlangt Vergeltung. Die Deutschen lassen Wien freie Hand, aber die Russen stellen sich schützend vor Serbien - und hinter Russland steht Frankreich. 33 Tage ringen Europas Spitzendiplomaten um Krieg und Frieden. Dann versagen die Argumente und es sprechen die Waffen. Das Eulengezwitscher-Extra berichtet von den Männern, die in der Julikrise Weltkriegsgeschichte gemacht haben... 

Franz Ferdinand: Das letzte Manöver

Österreich-Ungarns Thronfolger Franz Ferdinand inspiziert die kaiserlich-königlichen Truppen im annektierten Bosnien

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Dem Thronfolger der Habsburgermonarchie gefällt, was er sieht. Sein Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf (rechts) hat ganze Arbeit geleistet. Durch den Fernstecher beobachtet Erzherzog Franz Ferdinand zufrieden, wie sich die Soldaten des 15. und 16. Korps der österreichisch-ungarischen Truppen unweit von Sarajewo für den Ernstfall wappnen. Erst im vergangenen Jahr hat der greise Kaiser Franz Joseph I. seinen Neffen zum Generalinspektor der gesamten bewaffneten Macht ernannt. Seither obliegt es Franz Ferdinand, die größeren Manöver im Vielvölkerreich abzunehmen. Zu diesem Zweck ist er auch nach Bosnien gereist, das seit über dreißig Jahren von Österreich verwaltet und 1908 endgültig annektiert worden ist. Für Franz Ferdinand und für Österreich wird es das letzte Manöver sein. Der Thronfolger hat nur noch einen Tag zu leben und mit seinem gewaltsamen Tod in Sarajewo wird ein diplomatisches Drama seinen Lauf nehmen, an dessen Ende die militärischen Übungen dem Ernstfall des Weltkriegs weichen müssen.

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Franz Ferdinand ist kein geborener Kronprinz. Er kommt 1863 als Nummer Drei der Thronfolge zur Welt. Sein Vater, Karl Ludwig, ist der Bruder von Kaiser Franz Joseph I. Dessen Nachfolge soll einmal der eigene Sohn Rudolf antreten. Aber wie es sich für einen Habsburger-Spross gehört, durchläuft auch der Kaiserneffe Franz Ferdinand eine standesgemäße Ausbildung in Sprachen, Religion und Militär. Noch mehr prägt ihn eine ausgedehnte Weltreise, bei der er fremde Völker und politische Systeme studiert. Das alles ändert wenig daran, dass er eine Stand-By-Karriere zu erwarten hat. Franz Ferdinand vertreibt sich die Zeit mit der Jagd. Da er viel Zeit hat, erlegt er viel Wild. In seinen Tagebüchern dokumentiert er über eine Viertelmillion Abschüsse. Das sorgt für einiges Kopfschütteln in der Bevölkerung und am Hof – selbst in einer Zeit, in der die Jagd ein klassisches Adelshobby ist. Dann aber schrecken fatalere Schüsse das Haus Habsburg auf: Kronprinz Rudolf erschießt seine Angebetete und nimmt sich anschließend das Leben. Franz Ferdinands Vater hegt keine Ambitionen auf den Thron und plötzlich ist er selbst der Neffe des Kaisers der Anwärter auf den Job des Herrschers.

In Wien ist man nicht begeistert. Weder der Hof noch die Bevölkerung hegen große Sympathien für den kommenden Kaiser. Franz Ferdinand steht im Ruf, ein humorfreier Grantler zu sein, der das gemütliche Habsburgerreich der Kaffeehäuser mit harter Hand führen und umkrempeln wird. In der Tat sammelt Franz Ferdinand nicht nur militärische Strategen um sich, die die verrostete Armee auf Vordermann bringen sollen. Auch Politikberater, die über den Tag hinaus denken, gehören zu seinem Team. Insbesondere die Ungarn sind argwöhnisch, weil der erzherzogliche Think Tank deren Sonderstellung im Vielvölkerreich hinterfragt. Im Schloss Belvedere schmiedet man Pläne (manche denken sogar an die Vereinigten Staaten von Großöstereich), in denen auch die Slawen besser integriert werden. Ein glühender Demokrat ist Franz Ferdinand jedoch keineswegs, ganz im Gegenteil: Er will mit modernen Mitteln (technisch wie administrativ) die schwächelnde Monarchie und das monarchische Prinzip stabilisieren.

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Das dynastische Reinheitsgebot in Sachen Ehe empfindet Franz Ferdinand dagegen als überkommenes Relikt des 19. Jahrhunderts. Die Frau an seiner Seite wählt er weder aus politischen Motiven, noch mit Rücksicht auf den Standesdünkel. Er liebt Sophie Chotek und nur deshalb heiratet er die tschechischen Landadelige (und ehemalige Hofdame) am 28. Juni 1900 (genau 14 Jahre vor dem Attentat von Sarajewo). Der Kaiser ist außer sich. Franz Joseph I. hat sein Amt von Gottes Gnaden immer mehr geachtet als seine persönlichen Bedürfnisse und Gefühle. Das erwartet er auch von seinem Nachfolger. Aber Franz Ferdinand, mag er dienstlich auch noch so ein harter Hund sein, ist privat ein ausnehmend liebevollerer und fürsorglicher Familienvater, dem sein Sopherl und seine drei Kinder Sophie, Maximilian und Ernst mehr bedeuten als der Staat. Wenn er die Türen seiner Privatgemächer hinter sich schließt, bleiben amtliche Sorgen draußen. Das  bestraft der Kaiser: Sophie wird oft vom Hofprotokoll gedemütigt, bei öffentlichen Auftritten ist sie nicht an der Seite ihres Mannes. Die gemeinsamen Kinder werden von der Thronfolge ausgeschlossen.

Lediglich auf Auslandsreisen kann sich das Paar auch als Paar geben. Deshalb freuen sich die beiden auch auf ihren Besuch in Sarajewo, der sich unmittelbar an die erfolgreichen Manöver anschließt. Am frühen Nachmittag des 27. Juni 1914 (heute vor 100 Jahren) schlendern Franz Ferdinand und Sophie gemütlich über den Markt des bosnischen Landeshauptstadt und freuen sich über den angenehmen Empfang vor Ort: "Wo immer wir waren", schreibt Sophie nach Hause, "haben uns alle, bis auf den letzten Serben, mit solcher Freundlichkeit, Höflichkeit und echter Wärme begrüßt." Nicht alle Serben meinen es gut mit dem Thronfolgerpaar. Der junge serbische Nationalist Gavrilo Princip ist den beiden unauffällig gefolgt. Während Franz Ferdinand zwischen Obst- und Gemüseständen Hände schüttelt, warten Princip und seine Mitstreiter schon darauf, ihn am nächsten Tag beim offiziellen Bad in der Menge erschießen zu können... Alles zum Attentäter gibt's morgen im zweiten Teil des Eulengezwitscher-Extras zur Juli-Krise...

Eulengezwitscher-Lesetipp: Alma Hannigs Franz Ferdinand-Biografie

Die Bonner Historikerin Alma Hannig hat eine angenehm ausgewogene Biografie über den Thronfolger vorgelegt. Ihr Augenmerk liegt weniger auf den privaten Eskapaden und den Franz-Ferdinand-Mythen, sondern mehr auf dessen politischer Laufbahn. Auch wer nur eine Kurzbiografie über Franz Ferdinand lesen möchte, wird in Hannigs Buch fündig, denn schickt einem anlytischen Teil zu konkreten Eigenschaften und Eigenarten, Politikfeldern und Positionen des Thronfolgers eine knappe Lebensgangbeschreibung voraus. Dass Alma Hannig aus der Wissenschaft kommt, merkt man ihrer Franz Ferdinand-Biografie nur in der Liebe zum Detail und in der gründlichen Recherche an - nicht aber im Schreibstil. Damit öffnet sie das Leben und Wirken des Thronfolgers einem breiteren Publikum.

Alma Hannig

Franz Ferdinand

Die Biografie

Erschienen bei Almathea Signum Verlag im Oktober 2013. 352 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,95 €.


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Gavrilo Princip: Die Schwarze Hand schlägt zu

Gavrilo Princip ermordet den österreichischen Thronfolger

http://humus.livejournal.com/2181956.html. Licensed under CC0
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Durch den Jubel der Menge peitschen zwei Schüsse. Es sind die ersten Schüsse des Ersten Weltkriegs. Abgefeuert hat sie Gavrilo Princip, ein 19 Jahre alter Gymnasiast – und glühender serbischer Nationalist. Princip ist kein geübter Schütze, aber das Schicksal kommt ihm zuhilfe: Der Fahrer des Auto, in dem der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie sitzen, biegt falsch ab und hält direkt vor Princip an, um zu wenden. Die erste Kugel trifft versehentlich Sophie in den Unterleib, die zweite findet ihr Ziel und zerfetzt Franz Ferdinands Halsvene. Erst als Princip sein blutiges Werk beendet hat, nimmt der Wagen wieder Fahrt auf und rast dem Arzt entgegen. „Sopherl, Sopherl, sterbe nicht“, flüstert der tödlich getroffene Kronprinz, „bleibe am Leben für unsere Kinder...“ Aber es ist zu spät, Sophie ist bereits ohnmächtig. Auch Franz Ferdinand verliert langsam das Bewusstsein. „Es ist nichts...“ sind seine letzten Worte. Derweil ist die wütende Menschenmenge bereits drauf und dran, Gavrilo Princip zu lynchen. Nur mit Mühe gelingt es den ebenfalls aufgebrachten Polizisten, den bereits schwer misshandelten Attentäter in Gewahrsam zu nehmen.

Gavrilo Princip wird am 25. Juli 1894 im bosnischen Gebirgsdorf Gornji Obljaj auf der Hochebene von Gravoho geboren. Seine Eltern sind Bauern, die hart arbeiten müssen, um halbwegs über die Runden zu kommen. Seine Mutter Nana hat sogar am Tag der Geburt noch auf dem Feld geschuftet. Trotzdem reicht es hinten und vorne nicht. Vater Pepo muss zusätzlich noch Post austragen - kein einfaches Unterfangen in der zerklüfteten Grenzregion. Neben der bitteren Armut gesellt sich der Tod allzu oft zu den Princips: Sechs von neun Kindern müssen Nana und Pepo früh begraben. Auch Gavrilo ist schmächtig, aber er beißt sich durch und schafft es als Jugendlicher nach Sarajewo. Dort will ihn sein älterer Bruder ausgerechnet zum Offizier der österreichisch-ungarischen Armee ausbilden lassen. Erst als ein Freund der Familie energisch dazwischengeht – „Willst Du ihn zum Feind unseres Volkes machen?“ – schickt ihn der Bruder dann doch lieber auf die Handelsschule. Dort verbringt Gavrilo Princip die Jahre, in denen er die österreichische Besatzungsmacht hassen lernt. 1908 annektiert die Donaumonarchie Bosnien und die Herzigowina, die sie zuvor bereits verwaltet hatte – verwaltet, aber eben nicht annektiert. Zu Princips Vorbild avanciert Bogdan Žerajić, der vor einiger Zeit ein erfolgloses Attentat auf den österreichischen Staathalter von Bosnien verübt hatte. Nachdem man Žerajić zum Tode verurteilt, hingerichtet und verscharrt hat, verbringt Princip ganze Nächte am Grab seines Idols. Zusehends gerät er in den Dunstkreis von den nationalistischen Zirkeln, deren Mitglieder von einem gesamtslawischen Großserbien träumen. Dafür, so poltern die einflussreichen Verschwörer in konspirativen Hinterstübchen, müsse man über Leichen gehen.

Alle Fotos lizensiert unter gemeinfrei
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Princip ist weniger ein Mann der großen Worte. Wovon die einen reden, das will er in die Tat umsetzen. Besonders vertraut plant er mit dem Sohn seiner Vermieterin in Sarajewo, Danileo Ilíc, und den Freunden Nedeljko Čabrinović und Trifko Grabež. Gegen die Besatzer hilft nur Terror - darin sind sich die drei schnell einig. Was wäre da besser geeignet als ein Mordanschlag gegen einen führenden Kopf der Donaumonarchie? Die meisten Serben würden das wohl gutheißen. Längst machen ursprünglich im Untergrund enstandenen nationalistische Bewegungen wie die „Narodna Odbrana“ (Volksvereinigung) keinen Hehl mehr aus ihrem Hass auf die Habsburger. Als man sich in Wien dieser Gefahr bewusst wird, sagt man der „Narodna Odbrana“ den Kampf an. Dabei übersehen die Österreicher die Schwesterorganisation „Ujedinjenje ili smrt“ (Vereinigung oder Tod), genannt Schwarze Hand, die sie dann auch nicht zu fassen bekommen. Dabei ist die Schwarze Hand wesentlich gefährlicher: Dass sie nach wie vor im Dunkel des Untergrunds operiert, verbirgt, dass zu ihren Angehörigen und Sympathisanten auch die politische Elite des Landes gehören. Ironischerweise ist der maßgebliche Strippenzieher, Dragutin Dimitrijević (genannt Apis), zugleich der Chef des serbischen Geheimdienstes. Sein engmaschiges Netzwerk an V-Leuten reicht von den einfachen Bahnbeamten und der Landbevölkerung über die höheren Dienstgrade von Militär und Verwaltung bis hinauf in die Regierung um Ministerpräsident Nikola Pasíc. Sie alle werden helfen oder zumindest nichts dagegen unternehmen, dass aus den dilettantischen Attentatsplänen von Gavrilo Princip und seinen Freunden ein logistisch professionelles Mordkomplott geformt wird. Zwar hatte man Princip einige Jahre nicht als Kämpfer für die großserbische Sache haben wollen, weil er zu schwach und zu schmächtig war. Aber wer den Österreichern auf eigene Initiative schaden will, den möchte man dann doch unterstützen.  

Foto: Baumi, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated
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Man versorgt die Attentäter mit Waffen aus den gerade zurückliegenden Balkankriegen, organisiert sie in Zellen, trainiert sie und schleust sie aus Serbien ins besetzte Bosnien. Sieben Attentäter erwarten den österreichischen Thronfolger, als der durch die Straßen von Sarajewo fährt. Trotzdem droht das Attentat zu scheitern. Zwei der jugendlichen Verschwörer verlässt in buchstäblich letzter Sekunde der Mut. Der dritte, Nedeljko Čabrinović, wirft zwar seine Bombe, aber Franz Ferdinand wehrt sie reaktionsschnell mit der Hand ab. Sie explodiert unter einem anderen Wagen. „Der Kerl ist verrückt“, erklärt der Thronfolger seinen aufgeregten Begleitern und lässt die Fahrt fortsetzen. Nach dem obligatorischen Empfang im Rathaus will Franz Ferdinand die Verletzten des ersten Anschlags im Krankenhaus besuchen und lässt das ursprünglich geplante Besuchsprogramm ändern. Das wird sein Verhängnis, denn die neue Route kommt nicht beim Fahrer an - und der biegt falsch ab. Alles andere ist tödliche Schicksalsgeschichte...

Auch die weitere Lebensgeschichte von Gavrilo Princip ist rasch erzählt, denn sie dauert nicht mehr lange. Die Österreicher machen ihm den Prozess, in dem er sich wacker schlägt. Er bereut, dass er versehentlich auch Sophie erschossen hat, bleibt aber ansonsten dabei, dass sein Attentat kein Mord, sondern ein persönliches Statement war. So gut er kann, verwischt er die Spuren seiner Hintermänner, die nach Belgrad führen – aber er kann es nicht gut. Nach dem Prozess verschwindet er in den dunkeln Kerkern der Kleinen Festung von Theresienstadt, wo er im April 1918 an Knochentuberkulose stirbt. Zu diesem Zeitpunkt wütet noch der Weltkrieg, dessen erste beide Schüsse er abgegeben hat und der nach einem dramatischen diplomatischen Intermezzo – der Julikrise – seinen Lauf genommen hat.

Eulengezwitscher-Lesetipp: Gregor Mayers Princip-Biografie

Eine Biografie über einen Teenager vom Lande über den man fast nichts weiß, der lange im Untergrund operiert und der in wenigen Sekunden  ins grelle Scheinwerferlicht der Weltgeschichte tritt, ist keine einfach Aufgabe. Gregor Mayer hat sie glänzend bewältigt. Sein historischer Essay "Verschwörung in Sarajewo" nimmt den Leser mit in die ärmlichen Bergregionen Bosniens an der Jahrhrundertwende. Ohne sich allzusehr in wissenschaftlichem und quellenkritischem Kleinklein zu verzetteln, taucht Mayer ein in die widrigen Lebensbedingungen, mit denen die Princips auf dem Balkan klar kommen müssen. Er hat mit Verwandten von Gavrilo Princip gesprochen und seinen Lebensweg in einer geschickten Balance von "so war es" und "so hätte es sein können" nachgezeichnet.  Es liegt auf der Hand, dass es keine Aufzeichungen über konspirative Treffen und Gespräche gibt, aber die semifiktionalen,  szenischen Schilderungen, in denen Mayer Princip bei der Attentasplanung über die Schulter schaut, sind ein klug gewähltes Stilmittel: Man lernt einen Gavrilo Princip in seiner Lebenswelt kennen, der in seinen Nöten, Überzeugungen und Taten plausibel gezeichnet und gewissermaßen zwischen Buchdeckeln auflebt. Dass sich Mayer auf 160 Seiten beschränkt, tut seiner Biografie keinen Abbruch - im Gegenteil. Hier hat ein sachkundiger Journalist eine längere Reportage geschrieben, die fesselt, fasziniert - und ein wenig verstört. Denn bei aller Abscheu gegenüber Attentaten gelingt es Mayer, gewisse Sympathien für Gavrilo Princip zu wecken...

Gregor Mayer

Verschwörung in Sarajewo

Triumph und Tod des Attentäters Gavrilo Princip

Erschienen im Residenz-Verlag im Februar 2014. 160 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,90 €.


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Franz Conrad von Hötzendorf: "Krieg, Krieg, Krieg!"

Österreich-Ungarns Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf drängt zum Militärschlag gegen Serbien

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Für die üblichen diplomatischen Floskeln fehlt die Zeit. Als der österreichische Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf am  29. Juni 1914 (heute vor 100 Jahren) nach seiner eiligen Rückreise vom Balkan das Wiener Außenministerium am Ballhausplatz betritt, hat er nur ein Ziel: Conrad will Krieg, um die nach einer ganzen Serie von politischen und militärischen Niederlagen angezählte Donaumonarchie vor dem Untergang zu bewahren. Deshalb spricht er von Anfang an Klartext mit dem für gewöhnlich zaudernden und zögernden Außenminister Graf Leopold von Berchtold: „Der von Serbien gebilligte Mord ist ein Kriegsgrund“, bellt er den Minister an, „wir müssen sofort mobilisieren!“

Franz Conrad von Hötzendorf wird am 11. November 1852 bei Wien geboren. Seine Familie hat sich durch jahrzehntelangen und gehorsamen Dienst in der Verwaltung und im Militär die Gunst der Habsburger (und den Adelstand) erworben. Franz wächst in einer Soldatenfamilie auf. Sein Vater hat im Kampf gegen die Revolution von 1848 eine schwere Verletzung davon getragen – und verbringt als Invalide viel Zeit mit seinen Kindern. Gefördert und gedrillt durch die wesentlich jüngere, aber energische und prinzipientreue Mutter zeichnet sich Conrads eigene Berufung zum Offizier früh ab: Mit der Kadettenschule beginnt eine vom Ehrgeiz domonierte Karriere, die ihn über die üblichen Beförderungen und Frontbewährungen an die Spitze des Generalstabs führt. Die militärische Laufbahn von Conrad von Hötzendorf ist  gewissermaßen eine biografische Vorgeschichte der Julikrise:

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Sein erster Kriegseinsatz ist die österreichische Bosnien-Besetzung von 1878 (noch mit Europas Zustimmung). Während der eigenmächtigen Annexion 1908 ist er bereits an der Spitze des Generalstabs. Dazwischen liegen drei Jahrzehnte, in denen Conrad über kulturpessimistischen und sozialdarwinistischen Bücher brütet, bis er selbst zum geachteten Autor militärstrategischer Schriften avanciert. Darüber verfestigt sich bei Conrad die Überzeugung, dass nur ein Offensivkrieg beweisen kann, dass die Donaumonarchie noch stark genug ist, um als europäische Großmacht ernstgenommen zu werden. „Serbien und Rumänien werden die Nägel zu ihrem Sarg werden – Russland wird beide dabei kräftig unterstützen; es wird ein aussichtsloser Kampf werden, dennoch muss er geführt werden, da eine so alte Monarchie und eine so glorreiche Armee nicht ruhmlos untergehen können.“

Diese Analyse schreibt Conrad von Hötzendorf allerdings privat, und zwar an seine zweite Frau Gina. Um sie hat er einen Eroberungs- und jahrelangen Belagerungskrieg geführt, der seinesgleichen sucht. Gina hat einen Ehrmann und sieben Kinder, als ihr Conrad seine Liebe gesteht. Gina fühlt sich geschmeichelt, bleibt aber vorerst bei ihrer Familie. Solange sich die Angebetete seinem Werben widersetzt, spricht Conrad sie in einem geheimen „Tagebuch der Leiden“ an, das Zeugnis geben soll „von meiner unbegrenzten, glühenden, verzweifelnden Liebe zu Dir, Du mein abgöttisch verehrter und geliebter, herzensguter Engel!“ Nur wenig zurückhaltender sind die Briefe, die er Gina schreibt - Mann hin oder her. Mit solchen Charmeoffensiven gewinnt Conrad den Liebeskrieg und führt Gina nach einer kaum verheimlichten Liaison vor den Traualtar. Seine Unnachgiebigkeit hat sich durchgesetzt.

All‘ das ist in Wien stadtbekannt und man weiß auch, dass der Generalsstabschef beruflich genau so kompromisslos vorgeht. Deshalb kann seine aggressive Kriegsforderung den Außenminister nicht überraschen. Zwar kann sich Conrad in sieben Sprachen verständigen (im Vielvölkerreich nicht unwichtig), aber politisch-militärisch spricht er nur eine Sprache: die der Konfrontation Seit Jahren drängt Conrad auf einen Präventivschlag gegen Serbien (wahlweise auch Montenegro, Rumänien und Russland). Allein im vergangenen Jahr hat er sage und schreibe 25 Mal für ein militärisches Losschlagen geworben. Zwischenzeitlich musste er sogar seinen Posten räumen, weil der Kaiser genug hatte von seinem Falken. Dieses Mal aber hat Conrad mit der Ermordung Franz Ferdinands einen Anlass, den auch Außenminister Berchtold kaum leugnen kann. Allerdings setzt der Minister auf diplomatische Lösungen: „Ich habe mir ein anderes Vorgehen zurechtgelegt“, sagt er demonstrativ gelassen und bremst damit den Feuereifer des Generalstabschefs aus. „Wir stellen an Serbien die Forderung, gewisse Vereine aufzulösen, den Polizeiminister zu entlassen und dergleichen.“ Conrad weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll. „Den Polizeiminister werden die Serben ruhig wegschicken, das wirkt gar nichts“, erwidert er barsch, „zu wirken vermag nur die Gewalt!“ Als ob Berchtold noch nicht verstanden hätte, ruft ihm Conrad noch im Gehen zu: „Krieg, Krieg, Krieg!“ Zurück bleibt ein frustrierter Berchtold. Denn was Conrad noch nicht weiß: Schon vor ihrer Besprechung hat der ungarische Ministerpräsident Istvan Tisza auf Berchtold eingeredet – und Tisza will eine militärische Auseinandersetzung um jeden Preis verhindern… Wie er das anstellt, davon erzählt das Eulengezwitscher morgen.

Eulengezwitscher-Leseempfehlung zu Franz Conrad von Hötzendorf

Wolfram Dornik

Des Kaisers Falke

Wirken und Nach-Wirken von Franz Conrad von Hötzendorf

Erschienen im Studien Verlag im Dezember 2013. 280 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,90 €.


Für die meisten Biografen ist Franz Conrad von Hötzendorf der Buhmann der Julikrise. "Architekt der Apokalypse" hat ihn beispielsweise Lawrence Sondhaus genannt. Auch die der jüngst erschienenen Conrad-Biografie von Wolfram Dornik legt sich bereits im Untertitel fest: "Des Kaisers Falke" sei Conrad von Hötzendorf gewesen. Dennoch bestehen zwischen beiden (Vor-)Urteilen erhebliche Unterschiede, denn Dornik hält sich in Sachen Schuldzuweisung zurecht zurück. Er stellt Conrad von Hötzendorf nicht an den Pranger, sondern in seine Zeit: Die familiäre Prägung kommt ebenso zur Geltung wie der um die Jahrhundertwende gesamteeuropäisch akzeptierte Maßstab, in dem Krieg ein Mittel der Politik ist. Überhaupt konzentriert sich Dornik auf die großen politischen und militärischen Zusammenhänge, in denen Conrad  zu sehen ist. Das ist zweifellos eine berechtigte Perspektive, die viel beträgt zum Verständnis der nationalen und internationalen Verwicklungen, die sich in der Julikrise unlösbar ineinander verknoten. Für eine Biografie kommen allerdings manche Persönlichkeitsmerkmale etwas zu kurz: Die  merkwürdige Mischung aus Agresssivität, pathetischer Verkrampftheit und blinder Hingabe, die sich im Werben um Gina zeigen - und die sich im Generalstab in gewisser Weise fortsetzen. Lediglich formal sind dagegen vereinzelte Mängel im Lekorat zu beanstanden (z. B. angefangene Sätze, die abrupt abbrechen und anders formuliert neu beginnen). Dessen ungeachtet leistet Dorniks Conrad-Biografe einen nicht unerheblichen Beitrag zur Julikrisen-Diskussion: Die wichtigsten Studien (beispielsweise die Bücher von Christopher Clark und Sean Mceekin) sind penibel darauf bedacht, die jeweiligen Handlungsoptionen aller Großmächte gleichermaßen zu berücksichtigen und dem Leser das ganze Bild zu zeigen. Am Beispiel des beruflichen Wirkens des österreichischen Generalsstabschefs lässt  sich Dornik durchgängig auf einen Akteur ein: Er zeichnet ein gelungenes Bild der Bedürfnisse und Zwänge der Donaumonarchie gewissermaßen aus der Innenperspektive - das zeigt den dramatischen Druck, der auf einzelen Person gelastet hat, möglicherweise noch deutlicher. Angesichts dessen hätte aber auch eine stärker akzenturierte Persönlichkeitsanalyse weiteren Aufschluss gegeben...

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Istvan Tisza: Viele Völker, viele Interessen...

Ungarns Ministerpräsident István Tisza verweigert seine Zustimmung zum Militärschlag gegen Serbien

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So nicht! Der ungarische Ministerpräsident István Tisza ist sauer. Fast zufällig hat er kurz nach einer Audienz beim greisen Kaiser mitbekommen, wie man in Wien schon die Messer wetzt, um die Serben gerade zu ziehen. Aber Tisza will keinen Krieg auf dem Balkan – und das Wort des ungarischen Regierungschefs hat in der Doppelmonarchie Gewicht: Ohne Tiszas Zustimmung können die k. u. k.-Truppen nicht gegen die Serben mobil machen. Und genau das will er erreichen. Deshalb schickt Tisza an seinen kaiserlichen Vertrauten Franz Joseph I. eine unmissverständliche Denkschrift. Darin verwehrt er sich „die Greueltat von Sarajewo zum Anlasse der Abrechnung zu machen.“

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István Tisza kommt am 22. April 1861 in Budapest zur Welt. Schon im Elternhaus lernt er, wie man für Ungarn Politik macht. Vater Kálmán hat eine Partei gegründet und sogar selbst als Ministerpräsident die Regierung geführt. Dabei hat er nie die Interessen der ungarischen Aristokratie vergessen und Lobbyarbeit von oben betrieben. Sein Sohn István ist aus dem gleichen Holz geschnitzt. Für Demokratie, Gleichberechtigung und Opposition hat er nichts übrig. Das bringt im die Sympathie und das Vertrauen des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. ein, der dem sogenannten "Ausgleich" von 1867 auch König von Ungarn ist. Seither sind die ungarischen Interessen im Vielvölkerreich deutlich aufgewertet (neben Österreich und Ungarn gehören zur Donaumonarchie unter anderem Tschechien, die Slowakei, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina). Im Gegensatz zum erzkatholischen Haus Habsburg ist Tisza ein calvinistisch-kühler Realpolitiker. Er hat in Berlin studiert - und das nicht nur an der Uni. Vom deutschen Kanzler Otto von Bismarck hat er gelernt, wie man nationale Interessen auch auf internationalem Parkett durchsetzt. In der europäischen Julikrise will er vor allem die ungarischen Interessen wahren und ein Krieg auf dem Balkan würde sie gefährden: Denn wenn serbische Gebiete annektiert werden, so fürchtet Tisza, dann würde der slawische Einfluss zwangsläufig aufgewertet – und das ginge ebenso zwangsläufig zulasten der Ungarn. Deshalb hat Tisza auch kein gutes Verhältnis zu Franz Ferdinand gehabt, der den Slawen auch ohne Krieg wohl mehr Einfluss eingeräumt hätte. Manche vermuten sogar, dass der umtriebige Ungar beim Attentat von Sarajewo seine Hände im Spiel hatte. Das aber ist zu weit hergeholt; weiter jedenfalls als die Argumente gegen einen Krieg, die Tisza dem Kaiser unterbreitet. Denn seine eigentlichen Motive behält er für sich. Den Kaiser warnt er vor den verhängnisvollen Mechanismen der Bündnissysteme: Hinter Serbien stehe Russland und hinter Russland Frankreich. Das könne böse enden! Das wissen auch Franz Joseph und sein Außenminister Graf Leopold von Berchtold. Selbst Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf weiß, dass man in Wien auf deutsche Schützenhilfe angewiesen sein wird – und noch mahnt der deutsche Botschafter Heinrich von Tschirschky zur Zurückhaltung. Seine Geschichte gibt's morgen im Eulengezwitscher-Extra zur Julikrise.

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet István Tisza ist dem Krieg, den er (anfangs) hatte verhindern wollen, zum Opfer gefallen. 1918 wird er von Revolutionären erschossen, die ihn für das Weltengemetzel zur Verantwortung ziehen.

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Heinrich von Tschirschky: Der gemaßregelte Mahner

Der deutsche Botschafter Heinrich von Tschirschky zieht den allerhöchsten Zorn auf sich

Heinrich von Tschirschky hat genug gehört. Der deutsche Botschafter in Wien ist gut vernetzt. Seit Jahren kann er sich auf sein zuverlässiges Gespür für die Stimmung in der österreichischen Regierung verlassen. Nach dem Attentat von Sarajewo registriert Tschirschky die Wut und den Wunsch nach Vergeltung. Der ungarische Regierungschef István Tisza scheint jedenfalls der Einzige zu sein, der einen Balkankrieg verhindern will. Selbst Außenminister Graf Leopold von Berchtold hat sich ungewöhnlich kampfeslustig gezeigt. Genau das berichtet der besorgte Botschafter nach Berlin: "Hier höre ich, auch bei ernsten Leuten, vielfach den Wunsch, es müsse einmal gründlich mit den Serben abgerechnet werden", telegrafiert Tschirschky, "Man müsse den Serben zunächst eine Reihe von Forderungen stellen und, falls sie diese nicht akzeptierten, energisch vorgehen." Tschirschky will warnen, aber beim Deutschen Kaiser Wilhelm II. kommen die österreichischen Kriegspläne gut an: "jetzt oder nie" schreibt er an den Rand des Telegramms, während er es liest.

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Heinrich von Tschirschky und Bögendorff wird am 15. August 1858 in Dresden in eine Eisenbahnerfamilie geboren. Genauer gesagt ist sein Vater Generaldirektor der Königlich Sächischen Staatseisenbahnen. Dieses Elternhaus und die adelige Herkunft verhelfen Tschirschky zu einer steilen Diplomatenkarriere, die in in verschiedenen Funktionen nach Athen, Bern, Konstantinopel und Sankt Petersburg führt. Wilhelm II. kennt er von zahlreichen Auslandsreisen, auf denen er den Kaiser begleitet hat. Kurzzeitig bringt es Tschirschky sogar zum Staatssekretär des Äußeren (1906/1907). Kurzum: Heinreich von Tschirscky ist ein international erfahrener Spitzendiplomat, als er seinen Botschafterposten in Wien antritt. Auch in Sachen Deeskalation kennt er sich aus: In politischen Verhandlungen mit ehemaligen Kriegsgegnern (Dänemark 1864 und Frankreich 1870/71) war er auf Ausgleich bedacht und hat umsichtig agiert. 

Umso mehr muss sich Tschirschky wundern, dass der Kaiser nicht erfreut ist, als er den weiteren Bericht seines Botschafters liest. Tschirschky meldet, dass er sich auch den Österreichern gegenüber beschwichtigend einlässt, wannimmer die Wiener Verantwortlichung nach einer gewaltsamen Abrechnung mit den Serben verlangen: "Ich benutze jeden solchen Anlass, um ruhig, aber sehr nachdrücklich und ernst vor übereilten Schritten zu warnen." Wilhelm II. ist außer sich: "Wer hat ihn dazu ermächtigt?" schmiert er an den Rand, "das ist sehr dumm! Geht ihn gar nichts an, das es lediglich Österreichs Sache ist, was es hierauf zu thun gedenkt." Je länger er von Tschirschkys Mahnungen liest, wütender wird Wilhelm II.: "Nachher heißt es dann, wenn es schief geht, Deutschland hat nicht gewollt! Tschirschky soll den Unsinn gefälligst lassen!" Es ist nicht das einzige Mal, dass eine impulsive Gemütsregung des Kaisers das wohldurchdachte Geschick seines diplomatischen Chors unterläuft. Aber was Wilhelm zuletzt auf das Telegramm schmiert, ist wohl eine der verhängnisvollsten Randnotizen der Weltgeschichte, weil sie als Befehl verstanden wird - und nicht als eine der üblichen und eigentlich auch bekannten Launen. "Mit den Serben muß aufgeräumt werden", kritzelt der erregte Kaiser, der mit dem österreichischen Thronfolger in Sarajewo auch einen persönlichen Freund verloren hat.  "Mit den Serben muß aufgeräumt werden und zwar bald. Versteht sich alles von selbst und sind Binsenweisheiten."

Für die Österreicher sind das noch keine Binsenweisheiten, aber Außenminister Berchtold tüfelt bereits an einem Plan, die deutsche Haltung zur Julikrise ganz offiziell in Erfahrung zu bringen. Heinrich von Tschirschky wird übrigens nach dem kaiserlichen Rüffel bis zu seinem frühen Tod 1916 vehement auf eine militärische Lösung drängen. Echte Überzeugung sieht anders aus...

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Alexander von Hoyos: Der Blankoscheck

Die österreichischen Diplomaten Alexander von Hoyos und Ladislaus von Szögyény sondieren in Potsdam und Berlin die deutsche Haltung

Foto: Michael Heyde, Lizenz: CC BY-SA 3.0
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Weltgeschichte wird in Wiener Kaffeehäusern gemacht. Der deutsche Publizist Victor Neumann hat Alexander von Hoyos, einen engen Mitarbeiter des österreichischen Außenministers Leopold von Berchtold, auf eine Tasse Melange eingeladen. Im Schutz des Konjunktivs (aber in der Sache unmissverständlich) hat er ihm zu verstehen gegeben, dass der deutsche Kaiser Wilhelm II. im Kriegsfall zu seinen Bündnispflichten stehen werde. Hoyos, der lieber heute als morgen in Serbien einmarschieren will, berichtet seinem Chef im Außenministerium die guten Neuigkeiten. Außenminister Graf Leopold von Berchtold ist skeptisch. Schließlich gibt es da ja noch den offiziellen deutschen Botschafter Heinrich von Tschirschky, der bei jeder Gelegenheit zur Mäßigung rät. Berchtold braucht Gewissheit. Deshalb schickt er Hoyos in geheimer Mission nach Berlin: Gemeinsam mit dem österreichisch-ungarischen Botschafter Ladislaus von Szögyény-Marich, der Wilhem II. gut kennt, soll er herausfinden, wie es nun tatsächlich um die deutsche Bündnistreue bestellt ist.

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Alexander von Hoyos  ist ein junger Wilder. 1876 geboren, reist er schon mit 24 Jahren für die Donaumonarchie um die Welt: Auf dem diplomatischen Parkett von Peking und Paris kennt er sich ebenso gut aus wie  in Belgrad und Berlin.  Noch besser ist er den höfischen Gepflogenheiten in Wien vertraut. Seit hunderten von Jahren sind die spanischstämmigen Hoyos' den Habsburgern treu verbunden. Für den aufstrebenden und brennend ehrgeizigen Kabinettschef Alexander von Hoyos ist es eine Genugtuung, dass er nach Berlin fahren und den über dreißig Jahre älteren Botschafter Szögyény (geboren) persönlich einnorden soll. Schließlch war es Hoyos, der vor sechs Jahren (in der Annexionskrise von 1908) schon einmal die deutsche Unterstützung gesichert: Szögyény, ein alter Hase, steht schon fast genauso lange kurz vor der Abberufung in den Ruhestand. Im Außenministerium will man den gemütlichen Veteranen längst loswerden. Aber noch hält  Kaiser Franz Joseph I. seinem langjährigen Weggefährten fest - schließlich war Szögyény ein enger Freund von Franz Josephs Sohn Rudolf, der sich das Leben genommen hatte. Und da es das Protokoll nun mal so vorsieht, muss der Botschafter bei Wilhelm II. vorsprechen.

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Damit nichts schief geht, hat Hoyos genaue Instruktionen für Szögyény und zwei Dokumente im Gepäck, die der Botschafter Wilhelm II. überreichen soll: Eine Denkschrift zum Pulverfass Balkan, die Serbien zum Brandstifter erklärt und ein Handschreiben von Kaiser Franz Joseph I. (den in Wahrheit Hoyos selbst für seinen Monarchen vorformuliert hat: Darin nimmt der Habsburger den Hohenzollern in die Pflicht: "Auch Du wirst nach den jüngsten furchtbaren Geschehnissen in Bosnien die Überzeugung haben, dass an eine Versöhnung des Gegensatzes, welcher Serbien von uns trennt, nicht mehr zu denken ist", schreibt Franz Joseph an Wilhelm, "und dass die erhaltende Friedenspolitik aller europäischen Monarchen bedroht sein wird, solange dieser Herd von verbrecherischer Agitation in Belgrad ungestraft fortlebt." Derart gewappnet spricht Szögyény im neuen Potsdamer Palais beim deutscher Kaiser vor. Aber Wilhelm II. gibt sich mit Blick auf, "ernste europäische Komplikationen" erst mal zögerlich.

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In dieser Situation hätte ein dienstjüngerer Diplomat wie Hoyos womöglich die Nerven verloren. Einen Routinier wie Szögyény bringt das nicht aus der Ruhe. Er bleibt zum Essen, plaudert über Belangloses und wagt erst beim Nachtisch - die Stimmung ist nach Aperif und zwei, drei Gläsern Wein weniger steif - einen weiteren Vorstoß. Diesesmal reagiert der Kaiser wie erwünscht: Zwar müsse sein Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg noch zustimmen, lässt Wilhelm II. seinen Gast wissen, aber er sei sich sicher, dass man die Österreicher nicht hängen lassen werde. "Sollte es sogar zu einem Krieg zwischen Oestereich-Ungarn und Russland kommen", telegrafiert der Szögyény nach Wien, "so könnten wir davon überzeugt sein, dass Deutschland in gewohnter Bündnistreue an unserer Seite stehen werde." Mehr noch: Wilhelm habe selbst angeregt, so bald wie möglich loszuschlagen. Schon am nächsten Tag segnet Bethmann Hollweg die offensive Einlassung seines Kaisers ab. Da ist der: der berühmte Blankoscheck. Deutschland hält den Österreichern den Rücken frei. Beglückt vom Erfolg seiner Mission reist Alexander von Hoyos zurück nach Wien. Zu spät erkennt er das "unermessliche Unheil", dass der Blankoscheck über Europa gebracht hat. Während Szögyény 1916 stirbt, muss Hoyos bis 1937 damit leben, dass sein berufliches Geschick  den Ausbruch des Ersten Weltkrieg maßgeblich begünstigt hat. 

Übrigens: Alexander von Hoyos ist ein Urgroßvater von Stefanie zu Guttenberg: Seine Tochter Melanie und Gottfried von Bismarck sind ihre Großeltern väterlicherseits.

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Leopold von Berchtold: Worte als Taten

Im Kriegsrat setzt der österreichische Außenminister Leopold von Berchtold auf ein unannehmbares Ultimatum an Serbien

© Bwag/Commons
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Graf Leopold von Berchtold weiß nicht, ob er sich freuen oder fürchten soll. Die Stimmung des österreichischen Außenministers ist auf seltsame Weise gelöst und angespannt zugleich. Seine Idee, Alexander von Hoyos nach Berlin zu schicken, hat sich als diplomatischer Geniestreich herausgestellt. Jedenfalls nimmt er seinen seinen Kritikern den Wind aus den Segeln: Denn Hoyos hat den Blankoscheck im Gepäck, als er mit dem Nachtzug wieder in Wien eintrifft. Mehr noch: Hoyos kann ausrichten, dass die Deutschen die Donaumonarchie zur militärischen Abrechnung mit Serbien ermuntern und Beistand anbieten. Aber genau das bereitet Berchtold ganz andere Sorgen: Die Deutschen wollen nun Taten sehen und erwartet, dass Österreich den Serben zeigt, wo der Hammer hängt. Und der zart besaitete Außenminister ahnt, wohin das führen wird...

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Leopold von Berchtold wird am 18. April 1863 in Wien geboren. Seine Herkunft verheißt ihm eigentlich ein sorgenfreies Leben: Die Berchtolds gehören zum österreichischen Hochadel, sind steinreich und besitzen unermessliche Ländereien. Leopold Berchtold wird zeitlebens in Traumschlössern wohnen. Geld spielt keine Rolle: Für seine Hobbies: die Kunst und die Muse, den guten Stil und den edlen Reitsport wird der zurückhaltende, ja sogar ängstliche Gentleman Leopold Berchtold ein Vermögen hinlegen. Die diplomatische Karriere schlägt er nicht aus Berufung ein, sondern aus Verpflichtung. Das zählt in traditionsreichen Monarchien wie dem altehrwürdigen Habsburgerreich zur Verantwortung der Oberschicht. Außerdem hat Berchtold lebenslange Bindungen an den Hof: Der ermordete Kronprinz Franz Ferdinand und er kennen sich bereits seit ihrer Kindheit. Dessen ungeachtet passt Zerstreuung besser zu Berchtolds empfindsamen Gemüt als Verantwortung. Welche Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Berchtold die Zündhölzer des Weltenbrands in die Hände gedrückt werden. Immerhin: Er kennt die zentralen Handlungsorte der Julikrise genau: In Paris und London hat für die österreichische Vertretung gearbeitet. In Sankt Petersburg ist er sogar selbst Botschafter gewesen, ehe er 1912 zum Außenminister ernannt worden ist. Seither sind die Serben sind seine größte Sorge: Ihr in den Balkankriegen von 1912 und 1913 gewachsenes Selbstvertrauen und ihre hartnäckigen Forderungen nach einem großserbischen Reich lassen in Wien alle Alarmglocken klingeln.

Deshalb ist die Stimmung im Ministerrat am 7. Juli 1914 (heute vor 100 Jahren) ausgesprochen kriegerisch: Der Doppelmord am österreichischen Thronfolgerpaar spielt den Hardlinern in der militärischen und politischen Führung in die Hände. Lediglich der ungarische Ministerpräsident István Tisza ist noch nicht ganz davon überzeugt, dass ein Militärschlag gegen Serbien unaufschiebbar ist. In der hitzigen Sitzung besteht er darauf, Belgrad zunächst mit harten Forderungen zu konfontieren, deren Annahme den drohenden Krieg noch abwenden könne. Dennoch hält das Protokoll fest, "daß ein rein diplomatischer Erfolg, auch wenn er in einer eklatanten Demütigung Serbiens enden würde, wertlos wäre und daß daher solche weitgehenden Forderungen an Serbien gestellt werden müßten, die eine Ablehnung voraussehen ließen, damit eine radikale Lösung im Wege militärischen Eingreifens angebahnt würde." Um die richtigen Formulierungen für das Ultimatum zu finden - Worte als Taten - werden sich die Österreicher nun zwei Wochen Zeit lassen, in denen auch das Eulengezwitscher-Extra zur Julikrise aussetzt...

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Raymond Poincaré: Blankoscheck 2.0

Der französische Präsident Raymond Poincaré reist zum Staatsbesuch nach Sankt Petersburg

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Die Kanonen donnern schon einmal. Begleitet von Salutschüssen und dem Jubel der russischen Bevölkerung verlässt Frankreichs Präsident Raymond Poincaré das repräsentative Kriegsschiff France. Vor ihm liegt ein dreitätiger Staatsbesuch in Sankt Petersburg. Eigentlich war eine Antrittsvisite beim russischen Zaren Nikolaus II. geplant. Angesichts der dunklen Wolken, die vom Balkan her über Europa aufziehen, sieht sich Poincaré allerdings eher auf einer Versicherungs- und Ermutigungsmission: „Wir müssen die Russen vor den finsteren Plänen Österreichs warnen, „instruiert er seinen Ministerpräsidenten René Viviani, „wir müssen sie ermuntern standhaft zu bleiben, und ihnen unsere Unterstützung zusagen.“

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Raymond Poincaré ist 1860 in Lothringen geboren. Elf Jahre später brennt sich die schmerzliche Niederlage im deutsch-französischen Krieg auf immer in sein Gedächtnis ein. Die Schmach von Sedan und die deutsche Besetzung seiner Heimat hat er nie verwunden. Damals hat der letzte französische Kaiser Napoleon III. abgedankt – vierzig Jahre lenkt Poincaré das wiedererstarkte Frankreich und sinnt auf Revanche. Sein Weg nach an die Staatsspitze ist nicht unbedingt gerade gewesen, aber große Ziele erreicht man auch mit kleinen Schritten: Poincaré macht sich im Haushaltsausschuss einen Namen, tritt später als Finanz- und Bildungsminister in die Regierung ein. Schließlich führt er Frankreich erst als Ministerpräsident und Außenminister (gleichzeitig), dann als Staatspräsident. Poincaré ist ein emsiger und ehrgeiziger Arbeiter. Er kennt die Akten, hat starke Nerven, kann sich innenpolitische Widersacher vom Leib halten und findet einen intuitiven Zugang auch zu komplexen außenpolitischen Zusammenhängen. Poincaré zögert nicht, seine persönliche Entschlossenheit und Stärke auf Frankreich zu übertragen. Innenpolitisch setzt er die dreijährige Wehrpflicht durch und außenpolitisch versorgt er die in der Entente verbündeten Russen mit gigantischen Krediten und Ratschlägen: Man möge doch das Eisenbahnnetz an der deutschen Grenzen ausbauen, dann ließe sich auch die riesige Armee des Zarenreiches schnell mobilisieren, falls es zum Krieg komme.

Diesen Krieg, indem Paris und Sankt Petersburg Berlin in die Zange des Zweifrontenkriegs nehmen könnten, forciert Poincaré auch am 21. Juli 1914 – heute vor 100 Jahren. Bei einem Empfang des diplomatischen Korps droht er dem österreichischen Botschafter Friedrich von Szapáry öffentlich und unverhohlen: „Serbien hat sehr warme Anhänger im russischen Volk. Und Russland hat einen Bundesgenossen, Frankreich. Was können sich da für Entwicklungen ergeben!“ Dem serbischen Gesandten, der die Lage kritisch sieht, macht er Mut: Die Lage ist schlecht. „Wir werden Ihnen helfen, sie zu verbessern.“ Auf den prunkvollen Festbanketten und Empfängen sind kriegerische Trinksprüche zu vernehmen und nachdem Poincaré den russischen Zaren drei Tage bearbeitet und ihm seiner uneingeschränkte Solidarität versichert hat – das ist der französische Blankoscheck –, bringt er es bei der Abreise nochmals auf den Punkt: „Diesmal müssen wir hart bleiben!“ Noch ehe die Österreicher ihr Ultimatum an Serbien übergeben haben, hat der französische Präsident die Weichen dafür gestellt, dass Sankt Petersburg Belgrad ruhigen Gewissens zuraten kann, die Forderungen aus Wien abzulehnen…

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Wladimir von Giesl: Das Ultimatum

Der österreichische Botschafter Wladimir von Giesl überreicht den Serben die Forderungen der Doppelmonarchie

http://www.bildarchivaustria.at/Pages/ImageDetail.aspx?p_iBildID=12203510. Lizenziert unter PD-alt-100
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Schlag 18 Uhr – genau vor 100 Jahren – betritt Wladimir von Giesl das serbische Außenministerium. In seiner Aktentasche trägt der österreichische Gesandte die verhängnisvolle diplomatische Note mit den ultimativen Forderungen Wiens an Belgrad. Darin verlangt Wien, dass die serbische Regierung „die gegen Österreich-Ungarn gerichtete Propaganda verurteilt und dass sie sich verpflichtet, diese terroristische und verbrecherische Propaganda mit allen Mitteln zu unterdrücken.“ Das allein wäre noch nicht unannehmbar. Aber Wien besteht darauf, dass österreichische Ermittler bei den innerserbischen Aufräumarbeiten beteiligt werden. Seit Giesl die Übergabe am Morgen telefonisch angekündigt hat – noch ohne Details zu verraten –, ist Lazar Paču in heller Aufregung: Der serbische Finanzminister fühlt sich von seinem Regierungschef allein gelassen. Obwohl die diplomatischen Drähte heiß glühen und das drohende Unheil ankündigen, hat sich Ministerpräsident Nikola Pašić kurzerhand in den Wahlkampf verabschiedet. Er will die Note nicht annehmen und weist seinen Stellvertreter lapidar an: „Empfange Du Giesl an meiner Stelle…“

Wladimir Giesl Freiherr von Gieslingen, geboren 1860, ist der Soldat im diplomatischen Corps Österreich-Ungarns. Seine Familie bringt mehrere hochrangige Militärs hervor, darunter Vater und Bruder. Auch Wladimir wird auf der Militärakademie ausgebildet in Theresienstadt (wo Gavrilo Princip gestorben ist). Giesls Lebensweg führt ihn durch die Grenzregion von Diplomatie und Militär: Er wird bis zum Generalmajor befördert und dient in fast ganz Europa. Charakteristisch ist seine Anstellung als Militärattaché in Athen und Sofia. In fast allen Hauptstädten des Balkans macht er Station. Obwohl er in Belgrad als Chefdiplomat die Donaumonarchie repräsentiert, wissen die Serben ganz genau, dass Ihnen schon vor der Kriegserklärung ein General gegenübersteht.


Im serbischen Außenministerium hat dieser General - Wladimir Giesl – einen skurrilen Kleinkrieg zu bestehen. Finanzminister Paču weigert sich, das Schreiben der österreichischen Regierung anzunehmen. Giesl bleibt militärisch kühl. Wenn in 48 Stunden keine befriedigende Antwort vorliege, lässt er die zögerlichen Serben wissen, werde er die diplomatischen Beziehungen abbrechen und Belgrad verlassen. Paču gibt sich erschrocken: In so kurzer Zeit sei jede Antwort unmöglich, da die meisten Minister im Wahlkampf seien – Ministerpräsident Pašić eingeschlossen. Giesl bleibt abermals ungerührt: „Im Zeitalter der Eisenbahn, der Telegrafen und des Telefons ist das ja wohl bei der Größe Serbiens nur eine Sache von Stunden…“ Dann legt er die Note auf den Tisch. „Was Sie damit machen, ist Ihre Sache…“

Die zweifelhafte Sternstunde in Giesls Karriere ist zugleich der Anfang des Laufbahnendes: Zwar darf er zu Kriegsbeginn als Verbindungsoffizier noch einmal er die Schnittstelle zwi-schen Armee und Außenministerium bedienen. Dann aber verliert er das Vertrauen von Generalstabschef Conrad von Hötzendorf. Tief resigniert bittet Giesl 1915 um einen Fronteinsatz, um für sein Land zu sterben. Versetzung und Heldentod bleiben ihm versagt. Stattdessen endet seine Laufbahn alles andere als ehrenhaft bei den Nationalsozialisten. Wladimir von Giesl stirbt 1936 stirbt.

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Sergej Sasonow: "Sie stecken Europa in Brand!"

Der russische Außenminister Sergej Sasonow faltet den österreichischen Botschafter zusammen

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Der österreichische Botschafter in Sankt Petersburg, Friedrich von Szápáry, hat keine leichte Arbeitswoche. Vor drei Tagen hat ihm der französische Staatspräsident Raymond Poincaré öffentlich und unverhohlen gedroht. Am 24. Juli 1914 – heute vor 100 Jahren – steht Szápáry im Büro des russischen Außenministers Sergej Sasonow und wird erneut regelrecht zusammengefaltet.

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Schon die Begrüßung ist frostig: „Ich weiß, was Sie zu mir führt“, herrscht Sasonow seinen Gast an, „ich werde mich aber zu dieser Note an Belgrad Ihnen gegenüber nicht äußern.“ Anhören muss er sie aber. Innerlich aufgewühlt, aber äußerlich geschäftsmäßig trägt Szápáry ihm vor, wie Österreich seine Forderungen an Serbien formuliert und begründet hat. Auch Sasonows angekündigtes Schweigen hält nicht lange. Kaum, dass der österreichische Botschafter die Ursachen des Attentats in Belgrad verortet hat, geht der russische Außenmister dazwischen. Wie die Österreicher das belegen wollen, will er wissen. Von da an unterbricht er Szápárys Vortrag immer wieder. Rasch ist klar: Die Russen werden die serbische Regierung decken – komme, was da wolle...

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Sergej Dimitrijewitsch Sasonow, geboren 1860, schlägt schon im zarten Alter von 23 Jahren die diplomatische Laufbahn ein und macht eine steile Karriere: In England versieht er seinen Dienst als Botschaftssekretär, beim Heiligen Stuhl vertritt er das russische Reich als Botschafter, ehe er schließlich über familiäre Beziehungen zum Außenminister des Zaren berufen wird. Dort genießt er den zweifelhaften Ruf eines Zauderers, der gerne auf Sicht fährt. Vor allem die Militärs und die französischen Verbündeten fürchten, dass Sasonow alle eventuellen Kriegspläne durchkreuzen wird, seine Politik gilt als zuwartend und auf Ausgleich bedacht. Was für eine Fehleinschätzung! Vor allem mit Blick auf Berlin scheut Sasonow die Auseinandersetzung nicht. Zwar ist er mit dem deutschen Botschafter Friedrich von Poutalés gut befreundet, aber im Laufe seiner Außenamtszeit ist die Bewunderung Deutschlands der Angst vor dessen militärischer Stärke und seinen kriegerischen Absichten. So tief sitzt das Misstrauen, dass Sasonow im österreichischen Ultimatum nur einen Vorwand sieht, den die Deutschen nutzen wollen, um das Russland zu vernichten. Die Wut des Außenministers entlädt sich über dem österreichischen Botschafter, der sein Ultimatum vortragen will.

„Sie wollen den Krieg und brechen die Brücken hinter sich ab!“ Friedrich von Szápáry verweist tapfer auf die Friedensliebe seines Kaisers Franz Joseph. „Man sieht ja, wie friedlich Sie sind“, Sasonows winkt verächtlich ab, „Sie stecken Europa in Brand!“ Nach diesem unerquicklichen Gespräch bereitet sich der russische Außenminister darauf vor, seinem Zaren zu berichten. In seinem Vortrag bei Nikolaus II. wird er vor allem auf die Bedrohung Serbiens hinweisen, um die Genehmigung zur Kriegsvorbereitung zu erbitten, auch wenn er bereits in größeren Zusammenhängen denkt. Denn einen Teilmobilmachungsplan sieht der russische Generalstab gar nicht vor. Wenn die russische Armee aufmarschiert, dann direkt auch an der deutschen Grenze. Das weiß Sasonow und auch die Konsequenzen, eine deutsche Mobilmachung, nimmt er nach nur kurzem Zögern in Kauf. Die Russen werden die ersten sein, die sich (ab dem 26. Juli 1914) konkret auf den Großen Krieg vorbereiten – im Geheimen zwar, aber deshalb nicht minder ernsthaft…

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Nikola Pasic: Ja? Nein? Vielleicht!

Der serbische Ministerpräsident Nikola Pašić antwortet ausweichend auf Österreichs Ultimatum

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Dreimal lässt sich Nikola Pašić bitten. Erst ein dringendes Telegramm seines Kronprinzen Alexander kann den serbischen Ministerpräsidenten zur Rückkehr nach Belgrad bewegen. Zu gerne hätte er sich davor gedrückt, die österreichische Note selbst beantworten zu müssen, aber als Regierungschef steht er in der Verantwortung. Als er mit dem Nachtzug von der Wahlkampfreise wieder in Belgrad eintrifft, hat Pašić die Ärmel allerdings bereits wieder hochgekrempelt. Er weiß die Russen an seiner Seite – der serbische Gesandte in Sankt Petersburg hat lebhaft vom Wutausbruch des russischen Außenministers Sergei Sasonow berichtet – und ist nicht willens, der größeren, aber taumelnden Nachbarmonarchie nachzugeben: Die serbische Antwortnote soll nicht so unverblümt und durchsichtig sein wie das österreichische Ultimatum, aber annehmen will er Wiens Forderungen auch nicht. Mit dieser Entschlossenheit tritt er vor seine Minister und Mitarbeiter. Eine kurze Ansprache reicht – mehr Zeit lassen die Österreicher auch nicht – dann ist die serbische Regierung auf Konfrontationskurs - das aber ausgesprochen zuvorkommend....

Nikola Pašić wird 1845 geboren. Dass er einmal Politiker werden würde, ahnt man zu Schul- und Studienzeiten noch nicht. Nach einem ausgezeichneten Abitur lernt Pašić an der Uni (und später in der Praxis), wie man Eisenbahnen baut. Recht früh wird aber klar, dass er nicht dazu berufen ist, Schienennetze zu konstruieren, sondern einen großserbischen Staat. Mit kurzen Unterbrechungen lenkt Pašić von 1891 an als Ministerpräsident die Geschicke Serbiens. Sein Hauptgegner ist Österreich-Ungarn. Als Staatsgast in Wien lässt er sich das natürlich nicht anmerken: Dort gibt er sich fröhlich und freundschaftlich. Selbst Außenminister Berchtold findet keine Gelegenheit, dem charmanten Serbenführer die Leviten zu lesen. Grund dafür hätte er allerdings. Denn zuhause lässt Pašić kaum eine Gelegenheit aus, seine Landsleute gegen die Österreicher aufzuhetzen. Langfristig will er sogar die slawischen Gebiete aus der Donaumonarchie in ein großserbisches Reich integrieren. Das gefällt Wien ganz und gar nicht.

Deshalb ahnt Pašić auch, dass für die Österreicher nach der Ermordung ihres Thronfolger Franz Ferdinand das Maß voll ist. Er ist lange genug im Geschäft, um auch in der kurzen Frist von 48 Stunden eine kluge, weil ausweichende, Antwort auf Österreichs Ultimatum zu formulieren: Die Serben lehnen Wiens Forderungen zwar nicht ab, aber sie beugen sich ihnen genausowenig. Immerhin ist die serbische Antwort in überwiegend versöhnlichen Tönen gehalten. Den Österreichern ist das nicht genug: In der Rekordzeit von 30 Minuten reist der Gesandte Wladimir von Giesl ab. Vorsorglich haben die Serben schon drei Stunden früher mobilisiert. Nun steht ein Balkankrieg unmittelbar bevor - wenn nicht mehr... 

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Theobald von Bethmann Hollweg: Der glücklose Zocker

Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg lässt sich im Poker um die englische Neutralität nicht von in die Karten schauen

 

Foto: DHM, Berlin F 75/834 (verlinkt)
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Kaiser Wilhelm II. ist aufgebracht. Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg hat ihm wichtige Nachrichten einfach vorenthalten. Seit zwei Tagen bereiten sich die Russen klammheimlich auf einen europäischen Krieg vor. Einen englischen Vermittlungsvorschlag hat Bethmann Hollweg eigenmächtig abgelehnt. Noch schlimmer: Selbst die versöhnliche serbische Antwort auf Österreichs drastische Forderungen bekommt der Kaiser erst mit tagelanger Verzögerung zu Gesicht. Als er sie endlich liest, schockiert er seinen "Zivilisten von Kanzler": „Damit fällt jeder Kriegsgrund weg.“ Mehr noch: Wilhelm II. verfügt, Wien zu gratulieren und zu empfehlen Belgrad als Faustpfand zu nehmen, ansonsten aber keine militärischen Schritte zu unternehmen. Wilhelms Vorschlag „Halt in Belgrad!“ bringt den ohnehin angeschlagenen Bethmann Hollweg, der gerade erst seine Frau beerdigt hat, beinahe aus der Fassung: Wochenlang hat er auf Wilhelms Geheiß die Österreicher dazu genötigt, rasch loszuschlagen – und jetzt soll er von ihnen das Gegenteil verlangen? Nein, das geht nicht – auch nicht, wenn es der Kaiser selbst anordnet. Wenn er erst die englische Neutralität erhandelt hat, wird man ihm den diplomatischen Alleingang schon verzeihen...

Theobald von Bethmann Hollweg wird 1856 in eine brandenburgische Adelsfamilie geboren. Obwohl er auf dem Gymnasium, an der Universität und in der praktischen juristischen Ausbildung ein Musterschüler ist, hält er sich zeitlebens für überfordert: „Ich bin ein Mensch, der der Fülle der ihm gestellten Aufgaben nie gewachsen war“, bekennt er einem Freund, „ich bin ein Mensch, der darin zu einem oberflächlichen und darum unbefriedigten Dilettanten geworden ist, und dem trotzdem Stellung über Stellung restlos zugeflogen ist.“ Stellung über Stellung, das bedeutet auf der Karriereleiter eines preußischen Verwaltungsbeamten: Landrat, Oberpräsidialrat, Regierungspräsident, Innenminister. Schließlich wechselt er in die Reichspolitik, erst als Sekretär des Inneren, dann als Kanzler. Glücklich macht ihn sein beruflicher Erfolg nicht, „täglich peinigend“ empfindet er seine verantwortungsvollen Pflichten. Trotzdem nimmt der Spitzenbeamte wider Willen seine Aufgaben an – allerdings eher als Bürden, denn als Herausforderungen: Er findet sich als Vermittler zwischen politischen Lagern und setzt sich für moderate Reformen im Wahlrecht ein.

In der Julikrise offenbart sich das tatsächliche Ausmaß von Bethmann Hollwegs Überforderung. Zwar ist er keineswegs der böse Bube, zu dem ihn die Geschichtsschreibung gestempelt hat, aber er verliert im Poker um die englische Neutralität die Nerven - und verzockt sich. Dass er seinen Kaiser zu spät informiert hat, ist eine Sache. Dass er Wilhelm aber nach dessen Wutausbruch noch einmal hintergeht (heute vor 100 Jahren), ist ein verhängnisvoller Bluff: Den kaiserlichen Rat "Halt in Belgrad!" reicht er nicht rechtzeitig und deutlich abgeschwächt nach Wien weiter. So kommt es, dass der österreichische Kaiser Franz Joseph I. Serbien den Krieg erklärt, obwohl sein einziger Verbündeter auf Entspannungskurs gegangenen ist. Vollends unverständnlich ist es auch, dass Bethmann Hollweg einen Vermittlungsversuch aus London wiederum nur widerwillig weiterleitet. Stattdessen schüttet er dem englischen Botschafter in schwacher nächtlicher Stunde sein Herz aus und verrät nebenbei die deutschen Angriffspläne, die die Verletzung der belgischen Neutralität vorsehen. In London schüttelt man ungläubig, fast mitleidig die Köpfe und bemerkt, dass "etwas an der deutschen Diplomatie sehr unausgereift und fast kindlich ist..." Aber hinter ist man immer schlauer. Und ist es wirklich kindlich, mit der düsteren Vorahnung von Millionen toten die (ohnehin einsichtigen) Fakten im Stress auf den Tisch zu legen?

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Nikolaus II.: "Dear Willy!"

Der russiche Zar Nikolaus II. schreibt seinem deutschen Cousin Wilhelm II. besorgte Telegramme mit frommen Friedenswünschen

Lizenz: Bundesarchiv, Bild 183-R43302 / CC-BY-SA

Da sind sie noch Freunde: Für den Fotografen tauschen der deutsche Kaiser Wilhelm II. und der russische Zar Nikolaus sogar die Uniformen, aber ein wenig steif ist die Beziehung der beiden Herrscher schon immer. Nikolaus ist von Wilhelms impulsiver Geschwätzigkeit genervt und Wilhelm hält Nikolaus in dessen Prunksucht für zu einfach gestrickt. Dabei sind die beiden Cousins. Die englische Königin Victoria ist ihre gemeinsame Großmutter. Diese beiden also, die sich seit ihrer Kindheit kennen, stehen im Juli 1914 an der Spitze der beiden stärksten Militärmächte der Welt. Sie könnten die Krise entschärfen, die sich mittlerweile bedrohlich zugespitzt hat. Zwar wird sowohl in Berlin als auch in Sankt Petersburg heiter an den Herrschern vorbeiregiert - aber ohne deren Unterschriften marschieren weder Russland noch in Deutschland Soldaten. In der Tat: Heute vor 100 Jahren greifen die kaiserlichen Cousins ein letztes Mal ins politische Alltagsgeschäft ein: Sie schreiben sich mit freundlicher Unterstützung von diplomatischen Ghostwritern Telegramme und versuchen die missliche Angelegenheit unter Monarchen aus der Welt zu schaffen.

Nikolaus II. wird 1868 geboren in die russische Zarenfamilie Romanow geboren. Die kaiserlichen Ausbilder tun sich schwer mit dem bedeutenden Zögling. Nikolaus ist ein lausiger Schüler und tut sich generell schwer mit dem Lernen. Für die Staatskunst hat er kaum Interesse. Lieber tobt er sich beim Tennis aus und schwelt im sagenumwobenen Luxus der Romanows - Peter Carl Fabergé (der mit den goldenen Eiern) ist der Hofgoldschmied der russischen Zaren. Zum Herrscher über das russische Imperium steigt Nikolaus 1894 auf, als sein Vater Alexander III. stirbt. Obwohl Nikolaus mit dem politischen Kleinklein des Alltags wenig zu schaffen haben will, hat er ein gutes Gespür für die Gefahr, die ein europäischer Krieg für sein Haus mit sich bringen könnte. Seinem Außenminister Sasonow gesteht er die Angst vor einer Revolution ein. Auch deshalb wendet sich der Zar an Wilhelm.

"Dear Willy", beginnt Nikolaus sein Schreiben und verwendet den vertrauten Kosenamen aus Kindertagen. Dann erklärt er ihm, wie schändlich der österreichische Vergeltungsschlag aus russischer Sicht ist ist. Um einen europäischen Krieg zu vermeiden, "bitte ich Dich im Namen unserer langjährigen Freundschaft, alles, was Dir möglich ist, zu unternehmen, um Deine Verbündeten davon abzuhalten, zu weit zu gehen." Fast zeitgleich erklären Willy und seine Berater "dear Nicky", ihre Wiener Bundesgenossen zu direkten Verhandlungen mit Sankt Petersburg zu bewegen. Soweit, so einig. Aber die Fakten sprechen eine andere Sprache. Russland mobilisiert heimlich und der deutsche Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg hintertreibt eine diplomatische Lösung. Etwas strenger im Ton verlangt Nikolaus von Wilhelm Aufklärung, schließt aber geradezu pathetisch mit "In Liebe, Dein Nicky". Willy kontert geschickt. Nein, Wiens Anliegen sei nicht schändlich; aber ja, er werde sich für direkte Verhandlungen stark machen. Allerdings seien die russischen Kriegsvorbereitungen nicht gerade hilfreich. Das trifft Nicky ins Mark. Eilends widerruft er den gerade erteilen Befehl zur Generalmobilmachung. Dann beichtet er Willy, dass die Kriegsvorbereitungen schon seit fünf Tagen laufen. Das ist nicht unbedingt die beste Morgenlektüre für den Deutschen Kaiser, der sich von seinem Cousin betrogen fühlt. Wiederum eine einer berüchtigten Randnotizen auf dem Telegramm beendet die hoffnungsfrohe Korrespondenz der beiden Kaiser: "Ich betrachte meine Vermittlung als gescheitert, da der Zar, ohne abzuwarten, ob sie Wirkung zeigt, und ohne einen Hinweis für mich, mobilgemacht hat..." Das wiederum lässt Nikolaus II. aufseufzen - und nun doch mobilmachen. Russland ist die erste europäische Großmacht, die die Generalmobilmachung anordnet.

Für beide Cousins ist der Kriegsausbruch das Anfang vom Ende. Wilhelm verliert 1918 seine Herrschaft (übermorgen im Eulengezwitscher), Nikolaus sogar sein Leben. Die bolschewistische Revolution stürzt die Romanows 1917 - ein Jahr später werden der Zar und seine ganze Familie ermordert.

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Wilhelm II.: "Es muss denn das Schwert nun entscheiden...."

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. ist eine Schlüsselfigur der Julikrise

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"Mitten im Frieden überfällt uns der Feind!" Kaiser Wilhelm II. wählt die Worte genau, mit denen er die Deutschen Anfang August 1914 auf den Krieg einschwört. Seine Botschaft: Schuld sind die Anderen! Mit dieser Botschaft ist er allerdings nicht allein: In den Wochen vor dem Weltkrieg haben alle europäischen Diplomaten und Politiker die Verantwortung von ssich gewiesen. Alle miteinander haben sie es darüber versäumt, friedliche Lösungen zu finden. In der Julikrise gibt es nur Schuldige - und nur Verlierer. Wilhelm II. ist ihre tragische Schlüsselfigur: Mit seinen martialischen Zwischenrufen hat er Anfang Juli soviel Öl ins Feuer gegossen, dass seine Friedensbemühungen Ende Juli nicht mehr ernst genommen werden.

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Auch die Lebensgeschichte Wilhelms II. verläuft von Anfang an tragisch: Bei der schwierigen Geburt wird der linke Arm des späteren Kaisers dauerhaft geschädigt. Seine Mutter findet ihn deshalb unmännlich, seine Erzieher suchen die Bürde mit kompromissloser Härte zu kompensieren. Auch Wilhelm selbst lernt, seine Behinderung zu kaschieren - indem er mit markigen Worten den starken Mann mimt. Das kommt weder in Deutschland, noch in Europa gut an. Auch der uneinsichtige Größenwahn, in dem Wilhelm sein Kaiseramt völlig unzeitgemäß ausübt, schürt die Angst vor Deutschland. Dazu kommt, dass der Kaiser nicht das preußische-dienstbeflissene Format seines Großvaters hat, von dem er den Thron geerbt hat. Wilhelm I. hatte seinen Kanzler Bismarck machen lassen - und der hatte es (zumindest außenpolitisch) auch gut gemacht. Und der Herschaft des zweiten Wilhelms gerät Deutschland zusehends in die internationale Isolation. Der letzte verbliebene Bündnispartner, das einstmals mächtige Habsburgerreich, der innerlich bereits zerfällt. Ein militärischer Stärkebeweis käme da gerade recht. Nicht zuletzt deshalb befürwortet Wilhelm zu Beginn der Julikrise zum Krieg gegen Serbien. Nach dem Motto "Jetzt oder nie!" erteilt er den Österreichern einen Blankoscheck. Je klarer sich abzeichnet, dass dieser Krieg kein regionaler bleiben wird, desto energischer rudert Wilhelm zurück. Das aber nehmen die zivile und die militärische Führung nicht mehr ernst. Sie übergehen den Kaiser. Sein Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg leitet die kaiserlichen Friedenswünsche und Vermittlungsvorschläge nicht nach Wien weiter. Mit dem Generalstabschef Helmuth von Moltke gerät Wilhelm am 1. August aneinander - heute vor 100 Jahren. Mittlerweile ist klar: Die Russen machen seit Tagen heimlich mobil. Dabei kommt es auf jede Stunde an, da nur schnelle Erfolge im Westen einen erfolgreichen Zweifrontenkrieg mit Frankreich und Russland ermöglichen. Deshalb drängt, fleht, bittet und bettelt Moltke darum, endlich in Luxemburg und Belgien einmarschieren zu dürfen (das sieht der so genannte Schlieffenplan vor). Wilhelm II. hofft aber noch auf Englands Neutralität und hält Moltke zurück, der daraufhin zusammenbricht. Erst als auch aus London keine Verständigungssignale mehr gesendet werden, kapituliert der Kaiser vor seinen Militärs: "Nun können Sie machen, was sie wollen..." Die Folgen sind fatal: Deutschland macht mobil, erklärt Russland den Krieg (weil man schnell losschlagen muss, um überhaupt eine Chance zu haben) und marschiert durch das neutrale Belgien gen Frankreich. England schließt sich Deutschlands Gegnern an und es kommt so, wie es kommen muss: Europa marschíert in ein Zeitalter der Weltkriege... 

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