Albert Schweitzer: Mythos der Menschlichkeit?

Vor 50 Jahren ist Albert Schweitzer gestorben. Sebastian Moll sorgt mit einer neuen Biografie für Aufregung. Ein Blick hinein...

Eigene Collage aus: Foto: Ji-Elle, Lizenz: CC BY-SA 3.0 und Quelle: Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANEFO), 1945-1989 bekijk toegang 2.24.01.04 Bestanddeelnummer 918-1292, Lizenz: CC BY-SA 3.0 nl
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Albert Schweitzer ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Als junger Mann war er nach Afrika gegangen, um in Jesu' Nachfolge ein Tropenhospital aus Holz- und Wellblechhütten aufzubauen. Vierzig Jahre später wird der Urwald-Doktor dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Man feiert ihn als „13. Jünger Jesu“ und „Mister Wellblech“ wie einen Popstar. „Genie der Menschlichkeit“ und „Universalgenie Westeuropas“ nennen sie ihn. Auch seine Biografen zeichnen fast immer ein wohlwollendes Bild. Der Mainzer Theologe Sebastian Moll zeigt Schweitzer dagegen als "Meister der Selbstinszenierung". Das ist nicht der einzige Aufreger, den dieses Buch provoziert hat...

Wirbel in der Wissenschaft

Eigentlich wollte Moll mit seiner Arbeit über Schweitzer die letzte formale Voraussetzung dafür schaffen, Professor werden zu können. Das hat nicht geklappt. Die Gutachter haben die Habilitationsschrift abgelehnt. So was kommt nicht alle Tage vor. Aber dass Molls Schweitzer-Buch den Ansprüchen der theologischen Fakultät nicht genügt und offenbar keine gute Forschungsarbeit ist, muss ja noch nicht heißen, dass es auch eine schlechte Biografie ist. Auf diesem Feld aber ist die Konkurrenz groß und außerdem hat Schweitzer selbst sehr viel über sein Leben berichtet. Das nimmt Moll zum Anlass, den "historischen Schweitzer" und den "Meister der Selbstinszenierung" zu vergleichen. Obwohl solche kritischen Einordnungen eigentlich implizit die Aufgabe jeder guten Biografie sein sollten, ist die Idee in Bezug auf Schweitzer vielversprechend, gerade weil so viele Biografen mehr oder minder ungeprüft seinen Aussagen folgen.

Zeitzeugen vergessen

Die Umsetzung verblasst dagegen, auch wenn Moll ausgesprochen schwungvoll schreibt und auf auf abschreckende Fachsprache überwiegend verzichtet. Sollten sich die wissenschaftlichen Gutachten daran (und am überaschend knappen Umfang der Arbeit) gestört haben, für eine Biografie auf dem Buchmarkt sind das keine schlechten Kriterien. Leider verzichtet Moll aber nicht nur auf unnötige Seiten und sperrigen Schreibstil. Er bezieht auch ganz elementare Zeugnisse über den „historischen Schweitzer“ nicht in seine Arbeit ein, was sich auf die Aussagekraft seines Vergleich auswirkt. Weder der Reisebericht des Schriftstellers Rolf Italiaander, noch die ausführliche Lambarene-Reportage des amerikanischen Journalisten Norman Cousins werden berücksicht und auch die knappe, aber analytisch klare Charakterstudie von Claus Jacobi nimmt Moll nicht zur Kenntnis. Alle drei hatten Schweitzer in Afrika besucht und ihn im alltäglichen Wahnsinn des Tropenhositals beobachtet. Dabei haben sie nur nur Schmeichelhaftes zu berichten vorgefunden. Inhaltlich hält das Buch von Sebastian Moll auch aus biografischer Sicht also leider nur in der flotten Sprache, was der reißerische Titel verspricht. Was Moll über den Selbstdarsteller Schweitzer zu Tage fördert - denn es ist ja kein Geheimnis, dass Schweitzer kräftig an seiner eigenen Legende gestrickt hat - geht im Großen und Ganzen nicht über das hinaus, was Nils Ole Oermann am  Schluss seiner vor einigen Jahren erschienen Biografie zusammenträgt. Insgesamt bleibt Moll weit hinter diesem Meilenstein der Schweitzer-Biografik zurück. Ein weiteres muss bedacht werden: Schweitzer hat sich zwar geschickt in Szene gesetzt, aber er hat es auch getan, um Aufmerksamkeit für sein Afrika-Projekt zu schaffen - und das war die Voraussetzung für die vielen Spenden und Zuwendungen, die das Tropenhospital finanziert haben. Insofern muss letztlich unklar bleiben, ob Schweitzers Selbstgefälligkeit auch eine strategische Dimension im Dienst seiner gelebten Nächstenliebe gehabt hat.

In der Tradition von Albert Schweitzer

Es entsteht der Eindruck, dass Sebastian Moll von Schweitzer wesentlich mehr beeindruckt ist, als die These seines Buches erwarten lässt. Es sieht so aus, als habe er mit Schweitzers Mitteln hat punkten wollen. Auch der dreifach promovierte Friedensnobelpreisträger hat eine sehr kurz gefasste philosophische Doktorarbeit abgegeben, in der er (natürlich viel kompromissloser) auf Sekundärliteratur verzichtet hat. Auch Schweitzer hat immer wieder gegen den wissenschaftlichen Mainstream angeschrieben und ist damit angeeckt. Aber Schweitzer hat die Provokation selten um ihrer selbst willen gesucht. Und in diesem Punkt kann man sich bei Moll nicht sicher sein. Denn als langjähriger Universitätsangehöriger hätte er wissen müssen, was geht und was nicht.

Sebastian Moll 2014: Albert Schweitzer. Meister der Selbstinszenierung.

Berlin University Press, 250 Seiten, € 29,99, EAN: 978-3-86280-072-8 

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Konrad Lorenz: Der Vater der Graugänse

Konrad Lorenz (1908-1989) war ein österreichischer Zoologe

Gerbil. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Gerbil. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Er war der Vater der Graugänse: Konrad Lorenz.  Als "Einstein der Tierseele" (DER SPIEGEL) revolutioniert er die Verhaltensforschung im Grau(gans)bereich zwischen Natur und Wissenschaft mit seiner Zoologie zum Anfassen: Wenn Konrad Lorenz fröhlich schnatternd den Gänsemarsch zum See anführt und mit seinen Küken planscht, ist die Begeisterung groß. Aber Lorenz kann auch anders: Als strammer Darwinist redet er guten Gewissens den Nationalsozialisten das Wort. Diesen Makel wird selbst der spätere Nobelpreisträger nicht mehr los.

Die Wissenschaft ist Konrad Lorenz in die Wiege gelegt. Sein Vater Adolf ist ein weltberühmter Orthopäde. Für seine neuartige (weil unblutige) Behandlung von angeborenen Hüftgelenksverrenkungen bekommt er beinahe selbst den Nobelpreis. Adolf Lorenz ist es auch, der seinem jüngsten Sohn von Anfang an klarmacht, dass nur der Stärkere überlebt. Als Konrads Mutter kurz vor der Geburt eine Embolie erleidet, befürchtet man das Schlimmste. Nur der Vater bleibt kühl: "Das Neugeborene muss imstande sein, das extrauterine Leben zu ertragen, oder es stirbt besser." Das dumpfe Gefühl, kein vollwertiges Kind zu sein, bleibt Konrad lange erhalten - obwohl er kerngesund ist. Auf dem Landsitz seines Vaters entdeckt er früh sein Interesse daran, Vögel, Fische und Insekten zu beobachten. Nach dem Abitur studiert er zuerst Medizin (für den Vater), dann wendet er sich der Vogelkunde zu (für sich). Seine akademischen Lehrer erkennen und fördern die immense Begabung von Konrad Lorenz - unter anderem mit einem Stipendium.

Mittlerweile hat Hitler die Herrschaft an sich gerissen. Den neuen Machthabern bleibt nicht verborgen, dass Lorenz bereits vor dem Anschluss Österreichs die Werbetrommel gerührt hat: "Schon lange vor dem Umbruch war es mir gelungen, sozialistischen Studenten die biologische Unmöglichkeit des Marxismus zu beweisen und sie zum Nationalsozialismus zu bekehren." Lorenz wird zu einem Paradeprofessor des Regimes  (in Königsberg). Wie sein Vater glaubt er an die natürliche Überlegenheit des Stärkeren. Zwar studiert er nach wie vor das Tierreich, aber auch mit der menschenverachtenden Rassenideologie hat er kein Problem:


"Das immer von neuem mögliche Auftreten von Menschen mit Ausfällen im arteigenen sozialen Verhalten bildet eine Schädigung für Volk und Rasse, die schwerer ist als die einer Durchmischung mit Fremdrassigen," schreibt Lorenz 1940, "denn diese ist wenigstens als solche erkennbar und nach einmaliger züchterischer Ausschaltung nicht weiter zu fürchten." Nach Kriegsende geraten sowohl Lorenz als auch seine Äußerungen zunächst in Vergessenheit. Aus ihr befreit sich der wort- und tatgewaltige Lorenz zuerst. 1949 gründet er im heimatlichen Altenberg sein "Institut für vergleichende Verhaltensforschung" und bringt sich mit einer Reihe von populärwissenschaftlichen Büchern wieder ins Gespräch.


Konrad Lorenz sucht die Öffentlichkeit und die öffentliche Anerkennung. Er erklärt nicht nur die Prägung, das Verhalten und das Empfinden von Graugänsen, sondern schreibt über die Beziehungen zwischen Menschen und Hunden, über das sogenannte Böse und über die Todsünden der zivilisierten Menschheit. In Radio- und Fernsehbeiträgen avanciert er zu Österreichs oberstem Naturlehrer, der auch gerne mal Anekdoten aus seinem  Leben erzählt: 

Foto: Max-Planck-Gesellschaft, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated
Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen

Der Medizin-Nobelpreis 1973 (gemeinsam mit Nikolaas Tinbergen) kommt nicht unerwartet, ist aber höchst willkommen. Aber genau in diesem Moment, der den Höhepunkt seiner Karriere markieren soll, erinnert man sich auch wieder der im NS-Jargon verfassten Schriften. Konrad Lorenz ist genervt, schiebt seine Formulierungen auf den Geist der Zeit und will ansonsten mit diesem Teil der eigenen Vergangenheit nichts mehr zu tun haben. Das sehen die Medien natürlich anders. Der niederländische Journalist Jules Huf provoziert Lorenz gezielt. "Es gibt doch kein minderwertiges Menschenmaterial." Darauf Lorenz: "Doch!" Huf setzt nach: "Ein Mensch ist doch niemals minderwertig." Der frischgekürte Nobelpreisträger: "Das würde ich leugnen." Zwar bezieht er sich mittlerweile auf ethische und soziale Minderwertigkeit, aber es bleibt dabei, dass Lorenz an bestimmte Überzeugungen nicht rührt. Allenfalls überdenkt er gewisse Formulierungen. Das muss die wissenschaftliche Gesamtleistung nicht schmälern, aber es bleibt ein Teil der Erinnerung an den Naturforscher, der heute vor 25 Jahren gestorben ist.

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Nachruf auf Nelson Mandela

Quelle: Library of the London School of Economics and Political Science, Lizenz: public domain
Quelle: Library of the London School of Economics and Political Science, Lizenz: public domain

Er triumphierte über den Rassenhass: Nelson Mandela. Seine Lebensgeschichte ist die Geschichte vom Freiheitskampf der schwarzen Südafrikaner. Mandelas ursprünglicher Name ist Programm: Rolihlahla bedeutet so viel wie Querulant - und tatsächlich: schon der junge Mandela will sich nicht mit der unsäglichen Trennung von Weißen und Schwarzen (Apartheit) abfinden.  Seine einflussreiche südafrikanische Familie aus dem Volk der Xhosa ermöglicht ihrem Sprössling nicht nur eine unbeschwerte Kindheit und Jugend, sondern auch ein Studium. Diese Chance lässt Mandela nicht ungenutzt. Englisch studiert er, um die Kultur der westlichen Demokratien zu verstehen und die Sprache Europas und Amerikas zu sprechen. In Politikvorlesungen setzt er sich, um zu lernen, wie Staaten- und Völkerlenker ticken: Die Eingeborenenverwaltung schließlich begreift er als praktische Vorbereitung auf eine Karriere in der südafrikanischen Ministerialbürokratie. Aber dann kommt alles anders.

Obwohl sich Mandela wie Martin Luther King auf Mahatma Gandhis Prinzip des gewaltlosen Protests gegen die Rassentrennung festgelegt hat, schließt er sich dann doch dem bewaffneten Widerstand an. Das macht ihn zum Staatsfeind. Zwar endet ein erster Prozess in den 1950er Jahren mit Freispruch, aber das währt nicht lange. 1964 wird er wegen der Vorbereitung des bewaffneten Kampfes zu lebenslanger Haft verurteilt.


Mandelas Zelle auf Robben Island (Paul Mannix)
Mandelas Zelle auf Robben Island (Paul Mannix)

Mandela wird hoch erhobenen Hauptes abgeführt. Ähnlich wie Fidel Castro hat er in seinem Prozess die Vorwürfe gegen sich gar nicht erst bestritten, im Gegenteil. Er hat den bewaffneten Widerstand als notwendig verteidigt, da die Regierung den gewaltlosen Protest nicht ernst genommen hat. Noch nach einem Vierteljahrhundert als namenloser Häftling mit der Nummer 46664 ist sein Wille ungebrochen. Ein Begnadigungsangebot, das daran geknüpft ist, dem bewaffneten Widerstand zu entsagen, lehnt er entschieden ab. Diese persönliche Prinzipientreue mag streitbar sein - Gewalt ist schließlich auch keine Lösung - aber sie wächst sich nur wenige Jahre später zu wahrhaft historischer Größe aus: Als nämlich Südafrikas Staatspräsdident Frederik de Klerk Mandela 1990 ohne Bedingungen freilässt, da verzichtet Mandela nicht nur auf Waffengewalt, sondern er ruft zu Vergebung und  Versöhnung auf.

World Economic Forum Annual Meeting Davos 1992. Licensed under CC BY-SA 2.0
World Economic Forum Annual Meeting Davos 1992. Licensed under CC BY-SA 2.0

Alle - auch die ehemaligen Anhänger der Apartheit - mögen doch bitte gemeinsam an einem demokratischen Südafrika arbeiten. Das imponiert nicht nur einem gewissen Komittee in Oslo, das Mandela und de Klerk 1993 mit dem Friedensnobelpreis auszeichnet. Auch die Südafrikaner sind begeistert. Ein Jahr darauf wählen sie Mandela zu ihrem Präsidenten. Der frischgewählte Staatenlenker erneuert sein Versprechen:  "Wir werden eine Gesellschaft errichten, in der alle Südafrikaner, Schwarze und Weiße, aufrecht gehen können, ohne Angst in ihren Herzen, in der Gewissheit ihres unveräußerlichen Rechtes der Menschenwürde – eine Regenbogennation im Frieden mit sich selbst und mit der ganzen Welt." Nelson Mandela hat mehr als den Grundstein zu dieser Gesellschaft gelegt. Nach langer Krankheit ist er gestern im Alter von 95 Jahren gestorben.

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Nachruf auf Doris Lessing

Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated
Doris Lessing (2006), Foto: Elke Wetzig (elya)

Sie führte das goldene Notizbuch: Doris Lessing. Gestern ist die britische Schriftstellerin im Alter von 94 Jahren in London gestorben. Lessing avancierte mit und in Ihren Romanen  zu einer Pionierin der Frauenbewegung, ohne sich vom Feminismus vereinnahmen zu lassen. Ihr Selbstbewusstsein und ihre Unabhängigkeit hat die Stellung der Frau mehr gestärkt als manche aggressive Kampagne. Geboren ist Doris Lessing 1919 in Persien, dem heutigen Iran. Dort machen sie ihre Eltern, ein beinamputierter Kolonialoffizier und eine Krankenschwester, mit den Schrecken des Krieges vertraut, den sie gerade überstanden haben. 


Recht bald siedelt sich die Familie in Afrika (im Gebiet des heutigen Simbabwe) an und bewirtschaftet eine Maisfarm. Als Teenager bricht Doris die Schule ab und verdingt sich als Kindermädchen, dann als Sekretärin. Es bricht ein stürmisches Jahrzehnt an, ein Jahrzehnt der Selbstbestimmung, des Scheiterns und der Selbsterfindung als Schriftstellerin: Das achtzehnjährige Mädchen vom Land sagt seinen Eltern Lebewohl und zieht in die Stadt (Salisbury). Dort heiratet sie zweimal (und bringt drei KInder zur Welt), keine der beide Ehen hält länger als vier Jahre. Aus dem Scherbenhaufen ihrer Existenz schält Doris Lessing Figuren und Motive ihrer Romane von Weltrang. Insbesondere in 'Das goldene Notizbuch' verabeitet sie in Gestalt der Schrifftstellerin Anna ihr eigenes Schicksal. Anna erlebt ebenfalls eine Scheidung und wie ihre schreibende Schöpferin ist auch Anna Mitglied der Kommunistischen Partei (Doris Lessing ist übrigens die Tante von Gregor Gysi). 'Das goldene Notizbuch' jedenfalls macht Furore. Als das Original in den 1970er Jahren ins Deutsche übersetzt wird (knapp zwei Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung), fühlt sich eine ganze Generation junger und selbstbewusster Frauen in ihrem Kampf um Emazipation und Gleichberechtigung bestärkt. Doris Lessing interpretiert ihr Schaffen indes etwas anders: Sie schreibt aus eigener Erfahrung über das Zusammenklappen und die Selbstheilung. "Aber niemand hat dieses Zentralthema auch nur wahrgenommen", klagt Lessing, "weil das Buch sogleich, von freundlichen wie von feindlichen Rezensenten, als eines, das vom Geschlechterkampf handele, verharmlost, oder von Frauen als nützliche Waffe im Geschlechterkampf beansprucht wird." Diese Abgrenzung vom stereotypen Feminismus ist ein selbstbestimmter und starker Beitrag zur Emanzipation. Das hat auch das Nobelpreis-Komittee so gesehen, als es Doris Lessing 2007 mit dem Literaturnobelpreis auszeichnete: als "Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat." Diese Würdigung erreichte Doris Lessing sieben Jahrzehnte nachdem sie begonnen hat, ihr eigenes goldenes Notizbuch zu führen... Gestern hat sie die Feder für immer niedergelegt.

Übrigens: Eine lesenswerte, weil tiefgründige Analyse des goldenen Notizbuchs hat Jeannette Lander  bereits 1978  unter dem Titel ''Doris Lessing: Kinder der Gewalt' in der EMMA veröffentlicht....

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Willy Brandt: Bundeskanzler 1969-1974

Willy Brandt (1913-1992) war für die SPD Bundeskanzler von 1969-1974.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F039408-0008 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, B 145 Bild-F039408-0008 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0

Er wollte mehr Demokratie wagen: Willy Brandt. Damit beginnt der erste sozialdemokratische Kanzler schon vor seiner Wahl, denn er findet ungewohnte Mehrheiten. Zwar hat die CDU bei der Bundestagswahl im September 1969 die meisten Stimmen erhalten und Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger sieht in dieser denkwürdigen Wahlnacht lange wie der strahlende Sieger aus. Aber er hat die Rechnung ohne seinen bisherigen Stellvertreter und Juniorpartner in der Großen Koalition gemacht. Willy Brandt schmiedet ein gewagtes Bündnis mit der FDP. Die stärkste Fraktion stellt also nicht den Kanzler – das hatte es in der Bundesrepublik noch nie gegeben. Aber im Vergleich zu dem, was sich die neue sozialliberale Koalition programmatisch auf die Fahnen schreibt, nimmt sich die merkwürdige Mehrheit gerade unbedeutend aus. Innenpolitisch stehen unter anderem groß angelegte Reformen im Bildungswesen und im Strafrecht auf der Agenda, ebenso wie die Gleichstellung der Frau im Familien- und Eherecht und die Ausweitung der betrieblichen Mitbestimmung. Vor allem sorgt Brandt mit seiner Ostpolitik für Furore. Unter der Devise „Wandel durch Annäherung“ will der neue Kanzler die Beziehungen der Bundesrepublik zur DDR und zu den sowjetischen Staaten normalisieren. 

 


Foto: Bundesregierung/Reineke
Foto: Bundesregierung/Reineke

Unter Konrad Adenauer hatte es (zumindest offiziell) überhaupt keine Beziehungen gegeben, weil man die DDR gat nicht erst als Staat betrachtete. Mehr noch: Auch mit Staaten, die die DDR anerkannten, wollte die Bundesregierung keine diplomatischen Beziehungen unterhalten. Adenauers Nachfolger Ludwig Ehrhard und Kurt Georg Kiesinger waren zwar nicht mehr ganz so streng verfahren, Brandt jedoch betritt Neuland. Zwar will auch er die DDR nicht völkerrechtlich anerkennen, die Begründung dafür hat es jedoch in sich. In seiner ersten Regierungserklärung erklärt der Kanzler : „Auch wenn zwei Staaten in Deutschland existieren, sind sie doch füreinander nicht Ausland.“ Zwei Staaten – die DDR jetzt also doch ein Staat. In Moskau und Ost-Berlin registriert man Brandts Kurswechsel hochinteressiert. Der lässt seinen Worten bald Gesten und Taten folgen, mit denen er weitere Schritte auf dem Weg der Entspannungspolitik geht. In den sogenannten Ostverträgen sichert er der Sowjetunion und Polen zu, dass Deutschland die Oder-Neiße-Linie als Ostgrenze akzeptieren. Historischer noch als diese Verträge ist der Kniefall vor dem Warschauer Ghetto-Mahnmal: Stumm bittet Willy Brandt um Vergebung für die Verbrechen von Hitlers Gewaltherrschaft, die er nicht zu verantworten hat, unter denen er selbst gelitten und viel verloren hat  sogar seinen Namen.

Foto: Bundesregierung/Wegmann
Foto: Bundesregierung/Wegmann

Denn geboren ist Willy Brandt 1913 als Herbert Frahm. Dass er als junger sozialdemokratischer und sozialistischer Journalist aus Angst vor dem nationalsozialistischen Regime ins norwegische Exil geht und aus Selbstschutz seinen Namen ändert, trägt man ihm ebenso nach wie den vermeintlichen Makel seiner unehelichen Geburt. Aber Brandt beißt sich durch. Nach dem Krieg tritt er erneut in die SPD ein und macht Karriere: Als Regierender Bürgermeister von Berlin beweist er Mut und politischen Instinkt, indem er sich mit aller Macht (und mit dem starken Verbündeten Axel Springer) gegen den Mauerbau stemmt und zum Sprachrohr für die Menschen in der geteilten Stadt wird. Der deutsche Kennedy, wie Brandt wegen seines jugendlichen Auftreten bald genannt wird (auch wegen seiner vielen Affären?) wird zum Hoffnungsträger in West und Ost. An der Mauer, die Walter Ulbricht errichten lässt, erlebt Brandt vom ersten Tag an, wie Familien auseinandergerissen und soziale Bindungen aller Arten gekappt werden. Nicht zuletzt deshalb zielt seine Annäherung an die DDR-Führung auch darauf ab, den Deutschen im Osten alltägliche Erleichterungen zu verschaffen. Mit einigem Erfolg: Denn im Grundlagenvertrag bekennt sich das DDR-Unrechtsregime (nun unter Erich Honecker) zumindest zu den Grundsätzen der Vereinten Nationen. Honecker und die Oberen aus Ostberlin spielen noch wei Mal bedeutende Rollen in Brandts Kanzlerschaft: 1972 verhindern sie seinen Sturz. Ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Brandt scheitert, weil die DDR-Regierung zwei CDU-Abgeordnete besticht. Die folgende Wahl gewinnt Brandt deutlich. Honeckers Spitzel-Dienst (die Stasi) ist dann maßgeblich am tatsächlichen Kanzlersturz beteiligt. Als Günther Guillaume, ein Stasi-Spion im engsten Kanzlerkreis enttarnt wird, tritt Brandt 1974 zurück. Innerparteiliche und innenpolitische Querelen hatten ihn ohnehin amtsmüde werden lassen und so räumt er seinen Platz für Helmut Schmidt. Seinen Platz in der Geschichte der Bundesrepublik räumt er dagegen nicht. Nicht nur, dass sein Wort zeitlebens Gewicht hatte in Partei und Staat. Mit dem „Wandel durch Annäherung“ hat er sich überdies als mutiger Reformer um die Deutschen in West und Ost verdient gemacht.

In der Journalistenausbildung genießt übrigens ein kurzes, aber knackiges Brandt-Interview Kultstatus. Von den Antworten des Kanzlers kann man lernen, warum man besser keine geschlossenen Fragen stellt (siehe Clip):

Alle Kanzler im Eulengezwitscher Extra zur Bundestagswahl:

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Martin Luther King: "I Have a Dream..."

Martin Luther King war amerikanischer Bürgerrechtler

Center for Jewish History, NYC. Lizenziert unter No restrictions
Center for Jewish History, NYC. Lizenziert unter No restrictions

Er lebte und starb für seinen großen Traum: Martin Luther King. "Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages diese Nation erheben wird und die wahre Bedeutung ihrer Überzeugung ausleben wird: Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: Alle Menschen sind gleich erschaffen." Alle Menschen, das heißt: auch Menschen mit schwarzer Hauptfarbe - so wie Martin Luther King selbst. Noch in den späten 1950er und in den 1960er Jahren ist das in den Vereinigten Staaten keineswegs selbstverständlich. Rosa Parks hatte das erfahren, als sie im Stadtbus von Montgomery einem Weißen ihren Sitzplatz nicht räumen wollte. Das war man in den USA nicht gewohnt. Schulbusse und öffentliche Einrichtungen, Bars und Geschäfte, Wäschereien und Toiletten waren streng getrennt. Weiße hier, Schwarze dort. Dagegen redet der 1929 geborene King an. Seine rhetorische Begabung war schon früh aufgefallen. Erst als in Schülerwettbewerben, dann als Baptistenprediger übt er sich in der Kunst der Rede. Seine wichtigsten Worte spricht er als bereits berühmter Bürgerrechtler am 28. August 1963 - heute vor 50 Jahren. Rund 250.000 Amerikaner sind mit ihm nach Washington gekommen, um am Lincoln-Memorial gegen die Rassendiskrimierung zu demonstrieren (unter ihnen Marlon Brando).  "We shall overcome", singen die Demonstranten, "wir werden das überwinden" (siehe Clip). 

Foto: Uhl
Foto: Uhl

Während militante Rassisten immer wieder Bombenattentate auf King und andere schwarze Amerikaner verüben (oft ungestraft), verzichtet die Bürgerrechtsbewegung auf Gewalt - so wie es Mahatma Gandhi gelehrt hat. King will keinen blutigen Bürgerkrieg führen müssen wie Abraham Lincoln. Der hatte einst als US-Präsident gegen die abtrünnigen Südstaaten und die Sklaverei gekämpft. Heute lauscht er überlebensgroß und in weißem Marmor Martin Luther Kings Rede. "Ich habe einen Traum", ruft der beschwörend und gemahnt zur Versöhnung und zum Miteinander, "ich habe heute einen Traum." Dieser amerikanische Traum rüttelt wach. Der Friedensnobelpreis  (1964) bedeutet King weniger als der neue Kurs der US-Regierung:

Der Civil Rights Act (ebenfalls 1964) hat die gesetzliche Diskriminierung beendet - zumindest vorläufig. Denn der Supreme Court - das oberste amerikanische Gericht - hat unlängst eine Rassismus-Schutzklausel im US-Wahlrecht gekippt. Die Begründung: Die Diskriminierung ist überwunden, also müssen die schwarzen Wähler auch nicht mehr geschützt werden. Das sieht US-Präsident Obama anders: "Ich bin zutiefst enttäuscht von der Entscheidung des Supreme Courts. Wählerdiskriminierung existiert weiterhin."


Während man in Washigton streitet, trägt man in übrigens in Hollywood nicht unerheblich zur Aufarbeitung der Sklaverei bei, und zwar mit  mit spektakulären Streifen ganz unterschiedlicher Genres ('Django Unchained' und 'Lincoln'; siehe Trailer rechts). Mit Lincoln verbindet auch Martin Luther King ein gewaltsamer Tod. Beide wurden für die Träume, die sie in politische Taten umgesetzt hatten, erschossen - Martin Luther King im Jahr 1968.

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Schimon Peres: Der ewige Staatsmann

Schimon Peres Biografie im Biografien-Blog Eulengezwitscher
Foto: World Economic Forum. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Er ist ein Urgestein der israelischen Politik: Schimon Peres. Seit über einem halben Jahrhundert trägt er in Jerusalem Verantwortung. Dabei hat ihm einerseits eine flexible Parteikarriere mit strategischen Seitenwechseln und Neugründungen verholfen. Andererseits versteht es Peres, den Frieden zu suchen, ohne den Krieg zu scheuen. Denn der Konflikt zwischen Juden und Arabern ist schon entbrannt, als Peres Mitte der 1930er Jahre mit seinen Eltern aus Polen in Gelobte Land einwandert. Dort formiert sich gerade die paramilitärische jüdische Organisation Hagana, die nach der Staatsgründung Israels zu den regulären Streitkräften ausgebaut werden wird. Peres schließt sich den jüdischen Kämpfern an und beschafft  Waffen und Personal für den späteren ersten israelischen Ministerpräsidenten, David Ben Gurion. Dessen Regierung schickt ihn nach dem siegreichen Gründungskrieg in den Westen. In Amerika studiert Peres Verwaltungswissenschaften, in Frankreich organisiert er Kampfjets und einen Kernreaktor für den jungen Staat, der vom ersten Tag an im Clinch mit seinen arabischen Nachbarn liegt. Obwohl Peres erstmals als stellvertrender Verteidigungsminister Regierungsverantwortung trägt (ab 1959) macht er sich in unterschiedlichen Spitzenpositionen (in den 1980er Jahren ist er selbst Regierungschef) zusehends für eine friedliche Lösung des Nahostkonfliktes stark. 1995 erhält er dafür gemeinsam mit dem damaligen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin und dem Palästinenserführer Jassir Arafat den Friedensnobelpreis.

Aber dieser Ehrung folgen zwei fatale Schicksalsschläge. Erst wird Rabin von einem fanatischen jüdischen Friedensgegner erschossen. Dann reagiert Peres als sein Nachfolger in der Regierungsverantwortung gewaltsam auf Raketenangriffe der palästinensischen Terrororganisation Hisbollah. Die israelische Luftwaffe fliegt zahlreiche Angriffe auf den Libanon (Operation Früchte des Zorns), bei denen über 100 Zivilisten ihr Leben lassen. Peres verliert erst die anstehende Wahl, dann sein Ministerpräsidentenamt. Nie aber hat er den Glauben an den Friedensprozess verloren, für den er in Nichtregierungsorganisationen ebenso arbeitet (The Peres Center for Peace) wie in der Politik. Das operative Geschäft (vor allem die aktuellen Friedensverhandlungen in Washington) überlässt er aber mittlerweile anderen. Er wirkt als Staatspräsident auf die Geschicke seines Landes ein (seit 2007). Damit ist er zugleich das älteste Staatsoberhaupt der Welt, denn heute, am 2. August 2013,  feiert Schimon Peres seinen 90. Geburtstag.

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Albert Schweitzer: Der Urwaldarzt

Foto: Nobel Foundation. Lizenziert unter Gemeinfrei
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Er lebte die Nächstenliebe: Albert Schweitzer (1875-1965). Geboren und aufgewachsen ist Schweitzer als Spross einer evangelischen Pfarrersfamilie im Elsass. Der kleine Albert liebt die Natur, die Gottesdienste seines Vaters und die Kirchenorgel; er leidet mit den Außernseitern unter den Hänseleien und mit den Nutztieren unter allzu grobschlächtiger Behandlung. Und er weint bittere Tränen als er in die Schule gesteckt wird. Zurecht, denn die Leistungen sind lausig. Dass in Albert ein Universalgenie steckt, glaubt anfangs niemand so recht. Erst nach einem mittelmäßigen Abi legt Schweitzer los: Er studiert in Straßburg Philosophie und schreibt in den langen Winternächten eine Doktorarbeit über Kant. Tagsüber perfektioniert er bei den besten Lehrern sein Orgelspiel. Er studiert Theologie und schreibt eine weitere Doktorarbeit über die Bedeutung des Abendmahls. Kurz darauf folgt die Habilitation.

Jetzt könnte er Professor werden, wenn er sich nicht in seinen theologischen Studien mit dem wissenschaftlichen Zeitgeist und nahezu der gesamten Fachwelt angelegt hätte. Außerdem hat Schweitzer gar keine Lust auf eine akademische Laufbahn. Der gerade 25-jährige Doppeldoktor predigt lieber in einer Straßburger Gemeinde und widmet sich der Musik. Wieder schreibt er ein Buch - dieses Mal ist es eine vielgelobte Biografie über Johann Sebastian Bach - und tritt als begnadeter Interpret von dessen Orgelwerken in ganz Europa auf. Aber all das befriedigt Schweitzer nicht. Er will den Dienst der christlichen Nächstenliebe tun. Als er erfährt, dass die Pariser Mission Ärzte in Afrika sucht, nimmt Schweitzer ein Medizinstudium auf. Wieder eine Doktorarbeit (über die psychatrische Beurteilung Jesu), wieder nebenbei ein theologisches Buch (über Paulus), dann heiratet er seine Helene, kauft von den Honoraren der Konzertreisen Medikamente und Ausrüstung und schifft sich nach Lambarene (im Gabon) ein.  

Mitte April 1913 erreichen die Schweitzers ihr Ziel. Nach knapper Schonzeit findet sich der streitbare Theologe und berühmte Musiker in einem windschiefen Hühnerstall mitten in Afrika wieder, wo er Eingeweidebrüche operiert, Elephantiasis behandelt und faulende Zähne zieht. Daneben ist er beim Aufbau seines Tropenhospitals als Zimmermann und Maurer gefragt, als Architekt und Mechaniker. Schweitzer bewältigt all' das mit Hingabe. Er hat er in der Praxis gefunden, was er schon in seinen theologischen und philosophischen Schriften gesucht hat:

Lizenziert unter CC-BY 4.0
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die Erfüllung in der dienenden Nachfolge Jesu. Auf einer langen Bootsfahrt auf dem Ogowefluss gießt der wissenschaftlich versierte Ethiker der Tat seinen Lebensentwurf in die einprägsamen Worte 'Ehrfurcht vor dem Leben'. Dabei macht dabei keinen Unterschied mehr zwischen Menschen und Tieren. Deshalb unternimmt er auch nichts gegen die Ameisenstraße, die quer über seinen Urwald-Schreibtisch läuft. Im Gegenteil: er stellt noch eine Schale mit Zuckerbrei daneben - auch die emsigen Tierchen sollen es gut haben. „Ethik besteht also darin, daß ich die Nötigung erlebe, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen", sinniert Schweitzer. "Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern, böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen.“ Es ist kaum verwunderlich, dass Schweitzer vielen als moderner Heiliger erscheint. „Er sieht aus wie ein naher Verwandter des lieben Gottes", schreibt der SPIEGEL süffisant, "und er benimmt sich so.“ Aber die vielen Lobeshymen und Ehrerbietungen überwiegen die ironische Kritik an Schweitzers vermeintlicher Selbstgerechtigkeit. Anfang der 1950er Jahre erhält er den Friedensnobelpreis und nutzt seinen Einfluss in den letzen Lebensjahren, um gegen das atomare Wettrüsten ins Feld zu ziehen. Albert Schweitzer stirbt 1965 in Lambarene, das er in diesen Wochen vor 100 Jahren aufzubauen begonnen hat.

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Albert Schweitzer ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Als junger Mann war er nach Afrika gegangen, um in Jesu' Nachfolge ein Tropenhospital aus Holz- und Wellblechhütten aufzubauen. Vierzig Jahre später wird der Urwald-Doktor dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Man feiert ihn als „13. Jünger Jesu“ und „Mister Wellblech“ wie einen Popstar. „Genie der Menschlichkeit“ und „Universalgenie Westeuropas“ nennen sie ihn. Auch seine Biografen zeichnen fast immer ein wohlwollendes Bild. Der Mainzer Theologe Sebastian Moll zeigt Schweitzer dagegen als "Meister der Selbstinszenierung". Das ist nicht der einzige Aufreger, den dieses Buch provoziert hat. Zur Rezension...

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Theodor Mommsen: Der Chronist des Römischen Reiches

Foto; Carlo Brogi . Lizenziert unter Gemeinfrei
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Er war einer der großen Gelehrten des 19. Jahrhunderts: Theodor Mommsen. Seine Passion war die Zukunft, seine Profession die Vergangenheit. Politisch kämpfte Mommsen um 1848 für die Ideen von Fortschritt und Liberalismus. Als Professor lehrte er zuerst Rechtswissenschaft, dann Römisches Recht. Schließlich fand er seine Lebensaufgabe darin, die Geschichte Roms - vor allem der römischen Republik - zu erforschen und zu erzählen: Sein Monumentalwerk "Römische Geschichte" setzt nicht nur den Althistorikern bis heute Maßstäbe; Mommsen wurde dafür 1902 sogar mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Kostprobe gefällig: Hier der erste Satz: "Rings um das mannigfaltig gegliederte Binnenmeer, das tief einschneidend in die Erdfeste den größten Busen des Ozeans bildet und, bald durch Inseln oder vorspringende Landfesten verengt, bald wieder sich in beträchtlicher Breite ausdehnend, die drei Teile der Alten Welt scheidet und verbindet, siedelten in alten Zeiten Völkerstämme sich an, welche, ethnographisch und sprachgeschichtlich betrachtet, verschiedenen Rassen angehörig, historisch ein Ganzes ausmachen." Heute vor 194 Jahren ist Theodor Mommsen geboren worden - am 30. November 1817.

Theodor Mommsens Biografie weiterzwitschern:

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