Gudrun Ensslin: Dichterin und Henkerin

Gudrun Ensslin hat Literatur geliebt und das System gehasst. Eine neue Biografie verspricht unvoreingenommene Blicke auf die RAF-Terroristin. Das gelingt - teilweise...

Victoria Ocampo
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Gudrun Ensslins Lebensgeschichte ist Literatur: Die schöne Pfarrerstochter verflucht die Nächstenliebe, gibt sich als Braut des Bösen dem teuflischen Terror hin, ehe sie freiwillig aus dem Leben scheidet. Das ist eine Steilvorlage für Biografen. Und genau das bringt Ensslins Biografin Ingeborg Gleichauf dazu, ihre besondere Lebensgeschichte nochmal vorurteilsfrei aufzurollen - über die Literatur, die sie selbst gelesen und durchdrungen hat. Dabei zeigt sie Ensslin eher als Dichterin denn als Henkerin.

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Rätselhafte Menschen faszinieren. Gudrun Ensslin ist so ein Mensch. Ihr Lebensweg hätte sie als ehrgeizige und akribische Forscherin auf einen Germanistik-Lehrstuhl bringen können, als vielseitig belesene Lektorin in große Verlage oder sogar als Autorin in die Bestsellerlisten. Stattdessen hat sie die Wurzeln ihrer humanistischen Bildung und ihrer christlichen Erziehung gekappt und sich (selbst)mörderischer Gewalt und blindem Hass hingeben. Als RAF-Terroristin hat an der Vernichtung all dessen gearbeitet, was sie einst ausgemacht hat: Nächstenliebe (als  Tochter, Schwester, Mutter, Freundin), Weltoffenheit (als allseits interessierte Schülerin mit Auslandsjahr) und kritisches Urteilsvermögen (als Vielleserin und politische Redakteurin mit sozialdemokratischem Missionseifer).

Gudrun Ensslin ist 1940 geboren und in einer Pfarrersfamilie aufgewachsen. In der Schule ist sie beliebt und wissensdurstig. Gudrun Ensslin studiert Germanistik und schreibt ihre Doktorarbeit (teilweise mit Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes) über den Schriftsteller Hans Henny Jahn, der Gewalt ablehnt und menschliche Brutalität geißelt. Ensslin verfügt über eine scharfsinnige Beobachtungsgabe, stilsichere Formulierungskünste und eine eigene musische Begabung. Diese Wesenszüge arbeitet ihre Biografin Ingeborg Gleichauf treffsicher heraus. Die Dichterin und Dichter-Forscherin Gudrun Ensslin näher kennen zu lernen, ist das größte Verdienst dieser Biografie, die durch diese Herangehensweise eine Sonderstellung unter den direkten und indirekten Lebensbeschreibungen von Gudrun Ensslin einnimmt: Gleichauf bewirkt durch ihre profunden Analysen, dass man sich die Texte, die Ensslin geprägt haben, selbst zur Hand nimmt. Ebenso überzeugend ist es, dass sie sich nicht auf tiefenpsychologische Spekulationen zu Ensslins Männerwahl einlässt - auch wenn hier Potential wäre. Berward Vesper, ihr erster Partner, teilt Gudrun Ensslins Liebe zu Büchern, kann sich aber nicht von seinem nationalsozialistisch geprägten Vater lösen. Und ihr zweiter Partner ist Andreas Baader, der Kopf der RAF. Es fällt Ingeborg Gleichauf an manchen Stellen lesbar schwer, ihm die Verantwortung für Ensslins Radikalisierung zuzuschreiben - aber sie hält es durch, auch wenn es schwer sein mag.

Unnötig kompliziert macht es sich Ingeborg Gleichauf damit, ihren Anpruch des unvoreingenommenen Herangehens gegen andere Autoren abzugrenzen. Denn anstatt ihre Leistung für sich stehen und das Werten anderen zu überlassen, fällt sich  abschätzige Urteile über Stefan Austs RAF-Standardwerk, die unentspannt und wenig souverän rüberkommen. Und auch die Lobeshymnen auf Gerd Koenen sind insofern unangebracht, als sie die Eigenständigkeit in Frage stellen, die ihr eigenes Ensslin-Buch im breiten Angebot der Literatur zur RAF durchaus verdient. Dabei ist diese Biografie streng genommen gar kein echtes RAF-Buch. Sein qualitativer und quantitativer Fokus liegt auf den Jahren, in denen Ensslin noch nicht als Terroristin menschenverachtende Verbrechen begangen und verantwortet hat. Das ist insofern erfrischend, als die Literatur zum RAF-Terror tatsächlich kaum noch zu überschauen ist. Wer sich allerdings über diese Ensslin-Biografie zum ersten Mal mit dem RAF-Terror beschäftigt, dem hätte man die dunkle Seite der Gudrun Ensslin vielleicht noch etwas deutlicher vor Augen führen können. Dessen ungeachtet ist die diese Biografie gelungen: Ingeborg Gleichauf zeigt eindrucksvoll, dass man Menschen nicht pauschal bewerten kann und soll - auch wenn sie viel Unheil angerichtet haben.

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Maud Parrish: Die Weltreise-Süchtige

Maud Parrish hat gehungert, um die Welt zu sehen. Ihr Reisetagebuch ist keine große Literatur, aber das authentische Zeugnis einer mutigen Frau.

Maud Parrish: Die Weltreisende

Man braucht nicht viel Geld, um die Welt zu sehen. Jedenfalls dann nicht, wenn man so verwegen drauf ist wie Maud Parrish. 1895 packt die junge Amerikanerin erst das Fernweh, dann packt sie ihren Koffer und sagt dem bürgerlichen Leben samt Elternhaus und Ehemann Lebwohl. Alleine und mittellos, aber glücklich zieht sie los. Am Ende ihres langen Lebens wird sie 17 Mal die Welt umrundet haben. Eine neue Übersetzung ihres 1939 verfassten Reisetagebuchs offenbart bemerkenswerte Einblicke.

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Maud Parrish ist keine passionierte Literatin. Eigentlich hatte sie auch nie ein Buch schreiben wollen. Vielleicht hätte sie das auch besser nicht getan – die ersten 50 Seiten sind jedenfalls harter Stoff. Parrish schreibt schnoddrig, sprunghaft und verworren: Ihr Reisetagebuch breitet sich aus wie ein Flickenteppich aus Eindrücken und Erinnerungsfetzen. So eigenwillig wie Maud Parrishs Persönlichkeit ist, so eigenwillig ist auch ihr Schreibstil. Wenn man aber die ersten Seiten durchhält, hebt der Teppich ab und man kann mit Maud Parrish um die Welt fliegen.

Im echten Leben reist sie höchstens in der Holzklasse. Regelmäßige Arbeit zum Brotwerb ist nicht ihr Ding. Lieber hungert sie den einen oder anderen Tag, als dass sie auf das Reisen verzichten würde. „Manchmal ist es sogar besser, nicht so viel zu essen. Vielleicht bin ich deshalb so gesund.“ In der Tat ist ihre körperliche Konstitution herausragend. Die üblichen Reisekrankheiten gehen fast spurlos an ihr vorüber – obwohl sie keineswegs immer medizinisch versorgt ist. Denn Maud Parrish will nicht nur Hauptstädte und Hafenstädte sehen, sie ist auch im Dschungel, im Gebirge und in der Wüste unterwegs. Sie ist in gewisser Weise reisesüchtig. „Fremde Orte bedeuten mir mehr als Menschen.“ Meistens möchte sie genau dorthin, wo man ihr ein Visum verweigert oder wo sonst irgendwelche Unwägbarkeiten ihre Pläne durchkreuzen. Aber mit den paar Brocken, die sie in vielen Sprachen aufgeschnappt hat und mit einer bis zur Verhandlungssicherheit ausgebauten Hand-und-Fuß-Verständigung kriegt sie doch meistens, was sie will. Man staunt immer wieder über die Entbehrungsbereitschaft und den Starrsinn, aber auch über die Leidenschaft und die beinahe kindliche Freude und Neugier, immer wieder entlegene Ecken der Welt zu entdecken. Es ist sicher spannend, so zu reisen, wie Maud Parrish – gut, dass man das mittlerweile auch zwischen zwei Buchdeckeln tun kann.

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Pionier_in: Von Hermann zu Helga

Helga war 40 Jahre lang Hermann. Nur wenige Menschen vor ihr haben ihr Geschlecht anpassen lassen. Ein Lebensbericht.

Helga F.
Helga F., Lizenz: S. Fischer Verlage

Hermann will sterben. Das Leben fühlt sich falsch an, ganz falsch. Hermann ist ein verheirateter und selbstständiger Familienvater. Aber er fühlt, denkt und handelt als Frau. Das ist heute noch problematisch, 1971 ist es fast undenkbar. Trotzdem lässt Hermann als einer der ersten Menschen sein Geschlecht anpassen. Heimlich. In Casablanca. Jetzt blickt  Helga auf zwei Leben zurück.

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Das erste Leben beginnt verkorkst: Die Mutter schaut lieber nach anderen Männern als nach ihrem Kind. So merkt sie auch nicht, dass sich Hermann in seinem Körper nicht wohlfühlt. Als Jugendlicher rebelliert er gegen sein Geschlecht. Er versucht, sich den Penis abzuschneiden, schreckt aber vor Blut und Schmerzen zurück. Vorerst fügt er sich in sein Schicksal und macht dcas gar nicht übel: Hermann heiratet, zeugt zwei Söhne, eröffnet einen kleinen Laden und führt ein typisches, bürgerliches  Wirtschaftswunderleben. Tagüber. Nachts zieht er Frauenkleider an und um die Blöcke. Als die Nachbarn misstrauisch werden, zieht er mit seiner Familie aufs Land. Das löst seine Probleme ebensowenig wie ein Selbstmordversuch.

Anstatt sich das Leben zu nehmen, wagt er den Sprung in ein neues Leben. Er wendet an Profimediziner und hat Glück: Die Uniprofessoren nehmen ihn ernst und bestätigen ihm nach besten wissenschaftlichen Testmethoden, dass er wie eine Frau tickt. Hier hätte man gerne erfahren, woran die Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Wesensart festgemacht werden, aber dafür bleibt in der sehr offenen und berührenden Autobiografie keine Zeit. Denn nun geht es mit dem Flieger nach Casablanca, wo aus Hermann operativ Helga wird.

Beim Lesen ist ein Punkt erreicht, wo man sich hilflose Fragen stellt: Kann das gut gehen? Was wird aus der Familie? Wie reagiert die Gesellschaft auf diesen gewagten Schritt. Kaum eines der vermuteten Probleme tritt ein. Die Liebe seiner Nächsten ist stärker als die Festlegung auf ein Geschlecht. Zwar wird die Ehe geschieden, aber das ist mehr eine Form des Freigebens. Problematischer sind die Reaktionen der Männer. Für Helga, die Taxi fährt, haben die Kollegen kein Verständnis. Wenn sie wüssten, welche Herausforderungen Helga zu bewältigen hat. Die Zuneigung zum anderen Geschlecht ist auch in ihr als Frau nicht erloschen und die Schwierigkeiten der körperlichen Lieben bewegen sie sosehr, dass sie ihrer Autobiografie selbst intimste Details anvertraut. Trotz allem blickt sie zufrieden auf ihr zurück, das seit einiger eine weitere fast undenkbare glückliche Wendung genommen hat. 

Fazit: "Helga" ist keine Travestieshow für Voyeure und Berufsaufreger. Es ist ein faszinierender Bericht über das normale Leben in einer dauerhaften Ausnahmesituation. Helga gibt ein angenehm leicht lesbares Zeugnis davon, wie schwerwiegend es ist, im falschen Körper zu leben. Es lohnt sich, sich auf dieses Problem einzulassen. Helgas bemerkenswert intime Memoiren sensibilisieren für die Tragweite dieses inneren Konflikts, der leichter mit einer fröhlichen Grundhaltung gemeistert werden kann. 

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Hillary Clinton: Die Berufspolitikerin

Hillary Clinton betreibt Politik als Beruf. Eine neue Biografie zeigt ihren Weg ins Zentrum der Macht. Der Blog zur US-Wahl.

Victoria Ocampo
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Diese Wahl wird keinen Sieger hervorbringen, höchstens eine neue US-Präsidentin. Sollte Hillary das Rennen machen, muss sie erst einmal Scherben beseitigen. Der schmutzige Wahlkampf hat sie beschädigt: Donald Trump hat Zweifel an ihrer persönlichen und die politischen Eignung für das höchste Staatsamt gesät: Krank sei sie - und korrupt. Ist sie stark genug, Präsidentin aller Amerikaner zu werden? Eine neue Biografie lässt Antworten erahnen.

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Hillary Clinton wird es schwer haben im Weißen Haus. Viele Amerikaner wollen sie lieber im Gefängnis sehen als im Oval Office - das haben sie im Wahlkampf immer wieder skandiert. Clinton weiß um den Hass, der ihr entgegen schlägt. Sie kennt auch die Vorwürfe: Zu unecht sei sie in ihrem einstudierten Auftreten, zu schwach (vor allem gesundheitlich), zu unprofessionell (mit Blick auf die E-Mail-Affären), zu verbissen und eine Kandidatin von gestern. Möglicherweise stimmt das alles, aber vielleicht auch nichts: Hillary Clinton ist vor allem eine berechnende und ehrgeizige Politmanagerin. Was ihr Glaubwürdigkeit und Authentizität zu fehlen scheint, macht sie durch politische Verlässlichkeit und Berechenbarkeit wett. Und so schwach kann sie auch nicht sein, wenn man bedenkt, wie souverän sie erst in Schatten ihres Übermannes Bill Clinton getreten ist - und wieder heraus. Bill hat es ihr nicht eben leicht gemacht: Er war ein erfolgreicher Präsident, ein lausiger Ehemann und ein charismatischer Entertainer (mit Saxophon). Hillary dagegen setzt auf staatstragende Seriosität, auf Konsequenz und Beharrlichkeit. Seit vielen Jahrzehnten arbeitet sie sich unermüdlich die Karriereleiter hinauf. Sie ist eine umtriebige Unternehmertochter, die Jura studiert und als Anwältin gearbeitet hat, an der Seite ihres Mannes ins Weiße Haus gezogen ist und seine erniedrigenden Seitensprünge ausgehalten hat, die danach als Senatorin und Außenministerin selbst in die Politik gegangen ist und die parteiinterne Niederlage gegen Barack Obama erhobenen Hauptes verkraftet hat. So manche Zwangspause im beruflichen Aufstieg hat sie genutzt, um frischen Atem zu schöpfen. Dabei hat sie sich immer wieder selbst neu erfunden. Ja, sie ist eine Kandidatin von gestern gewesen - aber eine, die sich ins Heute weiterentwickelt hat. Übrigens hat sie auch in der Vergangenheit schon kräftig daran mitgearbeitet, Männer wie Trump vom Weißen Haus fernzuhalten: Sie war als Anwältin an der Amtsenthebungsklage gegen den Skandal-Präsidenten Richard Nixon beteiligt...

Die Rezension

Die druckfrische Biografie von Dorothea Hahn zeichnet Hillary Clintons Lebensweg aus der gebotenen Distanz und angenehm nüchtern nach. Die Biografin spielt mit offenen Karten und berichtet, dass ihre Interview-Anfragen vom Clinton-Team nicht beantwortet worden sind. Das macht nichts. Clinton ist seit Jahren immer wieder von Kritikern und Bewunderern befragt worden, so dass ohnehin nur Sprechblasen hätten erwartet werden dürfen. Dorothea Hahn gibt ihrem zeitgemäß schlanken Buch eine ganz andere und spannende Wendung. Diese Biografie ist aus deutscher Perspektive geschrieben. Wer dieses Buch liest, muss nicht befürchten, abgehängt zu werden: Denn Dorothea Hahn liefert alle zum Verständnis von Hillary Clinton nötigen Hintergründe und Fakten mit. Das schafft sie gewissermaßen nebenbei und ohne Schwung aus der Lebensgeschichte zu nehmen. Wer schon eines der zahllosen Bücher von und über Hillary gelesen hat, wird wenig Neues entdecken. Wer sich aber einen fundierten Eindruck von ihr machen will, der über Zeitungswissen und Vorurteile hinausreicht, der wird viel Freude an diesem Buch finden, das zudem locker geschrieben ist.

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Carolin Emcke: Die Friedenspreisträgerin

Carolin Emckes mutiges Plädoyer "Gegen den Hass" nimmt die Leserinnen und Leser in die Pflicht. Richtig so!

Carolin Ehmke im Biografien-Blog
Foto: Andreas Labes. Lizenz: Carolin Ehmke

Die Signalfarbe steht ihm gut. Das schmale Büchlein leuchtet in grellem Orange und bringt die drei Worte, die sein schlichtes Cover zieren, in all ihrer Wucht zur Geltung: GEGEN DEN HASS schreibt Carolin Emcke an. Ihre Botschaft: Widerstand gegen den Hass richtet sich gegen Handlungen, nicht gegen Menschen - und funktioniert nur, wenn man ihn nicht fanatisch angeht.

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Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist eine der renommiertesten Auszeichnungen der literarischen Welt. Die Liste der Preisträger ist voll von großen Namen: Albert Schweitzer gehört dazu, Astrid Lindgren und Orhan Pamuk. Jetzt gesellt sich auch Carolin Emcke  (Jahrgang 1967) in diese illustren Runde - völlig zu Recht. Emcke ist eine praktisch veranlagte Philosophin. Sie verfügt über die Gabe, gesellschaftliche Konflikte nicht nur sehen, sondern auch deuten zu können. Dabei mag die Doktorarbeit über "Kollektive Identitäten" und sozialphilosophische Grundlagen geholfen haben. Carolin Emcke belässt es aber nicht bei akademischer Analytik: Sie hat das Studierzimmer verlassen und als Journalistin die Kriegs- und Krisengebiete der Welt bereist. Das Elend und die Fluchtmotive vieler verzweifelter Menschen hat sie selbst erlebt. Als bekennender Homosexueller sind ihr die Mechanismen der Diskriminierung geläufig und als Patentochter von Alfred Herrhausen, den die RAF ermordet hat, hat sich intensiv mit den Funktionsweisen des Terrors befasst. Alle diese Einsichten und und die Ergebnisse jahrelangen Nachdenkens fließen nun ein in die kleine, aber pfiffige und bewundernswert undiplomatische Streitschrift "Gegen den Hass". 

Foto: Sebastian Bolesch. Quelle: Carolin Ehmke
Foto: Sebastian Bolesch. Quelle: Carolin Ehmke

Anhand zweier Beispiele schlüsselt Emcke die zunehmend auftretenden Phänomene von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (Clausnitz) und institutionellem Hass (Tod eines farbigen Mannes im Polizeigewahrsam) auf. Dabei verwebt sie philosophische Leitgedanken mit eigenen Situationsanalysen und offenen Fragen an die Leserinnen und Leser. Ihre Argumentation ist stringent, ihre Formulierungen spielen damit, ein kleines bisschen suggestiv zu sein. Ihre Ergebnisse fasst sie unmissverständlich zusammen: "Der akute, heiße Hass ist die Folge kühler, länger vorbereiteter oder über Generationen weitergereichter Praktiken und Überzeugungen."

Emcke kritisiert die Profiteure von gezielter Skandalisierung in Medien und Politik (darunter die AfD-Politiker mit ihren populistischen Parolen), aber sie nimmt auch die Leserinnen und Leser in die Pflicht, sich im Widerstand gegen den Hass nicht selbst zu radikalisieren: "Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seine Einladung, sich ihm anzuverwandeln, ausschlägt." Auch wenn Carolin Emcke demütig von sich weist, selbst Lösungen für den zunehmend ungenierten und salonfähigen Hass zu kennen, gibt sie pragmatische Ratschläge, die wir alle tagtäglich umsetzen können und sollen. Widerstand gegen den Hass fängt bei jeder und jedem einzelnen an! Die große Gefahr und die große Chance besteht dabei darin, sich nicht von Fanatismus und Radikalismus korrumpieren zu lassen: "Es geht nicht darum, Personen als Menschen zu dämonisieren, sondern ihre sprachlichen und nicht-sprachlichen Handlungen zu kritisieren oder zu verhindern."

Carolin Emcke bei Twitter


Fazit: Gegen den Hass ist ein lesenswerter Mutmacher für alle, die in Freiheit und Vielfalt leben wollen!

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Rudolf Augstein: Der Mann hinter dem Spiegel

Rudolf Augsteins Büroleiterin Irma Nelles erinnert sich an den Spiegel-Herausgeber und zeigt männliches, allzu männliches...

Willy Brandt und Rudolf Augstein. Foto: B 145 Bild-F032086-0037 / Gathmann, Jens / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de
Willy Brandt und Rudolf Augstein. Foto: B 145 Bild-F032086-0037 / Gathmann, Jens / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

Er hat Deutschland den Spiegel vorgehalten: Rudolf Augstein. Augstein hat den Mächtigen (im Bild: Bundeskanzler Willy Brandt) auf die Finger geschautSeit seinem Tod (2002) hat sich Der Spiegel  merklich eingetrübt. Dafür sorgt nun Augsteins ehemalige Büroleiterin Irma Nelles für einen unerwartet klaren Blick auf den Mann hinter dem Spiegel und zeigt viel männliches, allzu männliches...

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Rudolf Augstein ist ein journalistisches Denkmal. Er hat die kritische Berichterstattung kultiviert, existenzielle Kämpfe um Freiheit der Presse ausgefochten und dabei zeitweise seine eigene Freiheit verloren (mehr dazu siehe hier). Rudolf Augstein war fortschrittlich, wortgewandt und willensstark. Er war einer der ganz großen Meinungsmacher und ein Vorbild für viele idealistische Journalisten. Und jetzt kommt seine ehemalige Büroleiterin Irma Nelles mit einem Buch um die Ecke, das einen ganz anderen Rudolf Augstein zeigt: Einen einsamen, verzweifelten, ewig unzufriedenen Menschen, der Trost bei edlen Tropfen und schönen Frauen sucht. Irma Nelles drückt das nicht so verklemmt aus. In ihren Erinnerungen trinkt der Herausgeber "sehr gründlich" seine Bierflasche aus und ist enttäuscht, dass kein Nachschub mehr da ist. Augstein selbst thematisiert die Diagnose Alkohol-Sucht mit seiner Büroleiterin. Bei so viel Nähe wird auch Irma Nelles selbst zum Objekt der Augstein-Begierde: "Wir sollten jetzt endlich mal fieken" soll - so oder so ähnlich - der im Dienst um keine geschliffene Formulierung  verlegene Spitzenschreiber gefleht haben - mehr als einmal.

 

Rudolf Augstein (Foto: Spiegelgruppe/Pressefoto)
Rudolf Augstein (Foto: Spiegelgruppe/Pressefoto)

Mehr als einmal habe ich auch darüber nachgedacht, ob ich solche Enthüllungen nun gut oder schlecht finden soll. Eigentlich bin ich kein Freund von voyeuristischer Enthüllungsbiografik, wie sie beispielsweise Peter Siebenmorgen bei Augsteins Intimfeind Franz Josef Strauß versucht hat (erfolglos). Trotzdem fällt meine Antwort im Falle dieses Erinnerungsbuches etwas anders aus: Irma Nelles' unaufgeregten Umgang mit diesen Einblicken in Augsteins Gefühlswelt finde ich gut. Sie berichtet nicht um des Skandals willen und sie schreibt nicht erkennbar effekthascherisch. Sie hat Augstein eben so und nicht anders erlebt. Und so gibt sie nun Zeugnis von ihm. Nelles hat sich oft über Augstein gewundert - und sie hat ihn bewundert. Das steht zwischen den Zeilen und außer Zweifel. Irma Nelles vergisst auch nicht, das das Bild eines mitfühlenden Menschen zu zeichnen, der selbst mit Feinden trauern kann. Sehr persönlich nimmt Augstein Anteil am Tod der Frau von Franz Josef Strauß, den er ein ganzes Medienmacherleben bis aufs Messer bekämpft hat. Gerade deshalb können auch die teils sehr intimen Details, die Irma Nelles locker-lässig ausplaudert, nicht den Eindruck erwecken, dieses Buch sei eine Abrechnung oder ein Enthüllungsthriller. Viel eher ist es das wertvolle Dokument einer autobiografischen Verarbeitung: Seite für Seite atmet das Buch den Stolz einer selbstbewussten Frau, die sich im Schatten eines gleichermaßen genialen wie schwierigen Menschen nicht verloren hat. Wenn man es ganz streng nimmt, handelt es sich bei diesem außerordentlich lesenwerten Buch um eine Paarbiografie zweier Menschen die fast - aber eben nur fast - alles miteinander geteilt haben.

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Astrid Lindgren: Die Kinderbuch-Revoluzzerin

Astrid Lindgren hat Kinder zu Helden gemacht. Kein Wunder: Ihr Erwachsenenleben war nicht immer leicht. Ein Blick hinein...

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Sie hat die klassische Kinderliteratur revolutioniert: Astrid Lindgren. Sie macht Schluss mit brutaler Abschreckung und Angstmacherei á la Struwwelpeter oder Max und Moritz. Ihre kindlichen Helden müssen ihre Lausbubenstreiche nicht mit dem Leben bezahlen. Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter sind zwar genauso frech, aber immer liebenswert, guten Herzens - und den Erwachsenen meistens einen Schritt voraus. Dass Astrid Lindgren in ihren selbstständigen und auf sich gestellten Kinderfiguren ihre eigene innere Einsamkeit verarbeitet, merkt man ihnen kaum an. Ihrem Biografen bleibt es jedoch nicht verborgen - und auch ihre Kriegstagbücher sind vielsagend...

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Astrid Lindgren (Jahrgang 1907) ist keine geborene Schriftstellerin. Als Bauerstochter kann sie von Ruhm und Reichtum träumen. Dafür verlebt sie eine wunderbare Kindheit und Jugend auf dem Land. Vor allem ihre Kinder von Bullerbü sind literarische Kindheitserinnerungen. Ihr Arbeitsleben dreht sich dann allerdings von Anfang an ums Schreiben: Sie lektoriert bei einer Lokalzeitung und drauf und dran, selbst Journalistin zu werden. Dann hat eine Affäre mit dem noch verheirateten Chefredakteur Folgen: Lindgren ist schwanger und das geht gar nicht: Sie muss Hals über Kopf ihre ländliche Heimat verlassen, damit niemand sieht, was ja doch jeder weiß: Dass sie ein uneheliches Kind austrägt. Finanzieren muss sie weitgehend selbst. Sie jobbt als Stenographin und findet mehr als einen Brotberuf. Sie heiratet ihren Büroleiter Sture, der den unehelichen Sohn annimmt und mit Astrid eine Tochter hat. Das Familienglück hält nicht ewig: Sture ist untreu und richtet sich mit der Flache zugrunde. Astrid Lindgren ist allein auf sich gestellt. Sie kennt das schon: Im Krieg hat sie auch alles alleine machen müssen. Dabei hat sie sich nie aufgegeben, sondern immer nach vorne geschaut. Der Krieg offenbart auch erstmals die Genialität der Schriftstellerin Astrid Lindgren. Ihre Kriegstagebücher, die sie nur für sich schreibt, sind bewegende autobiografische Dokumente, die von den täglichen Sorgen, der Verzweiflung und der Hoffnung einer jungen Mutter erzählen. Ihr waches Interesse am Weltgeschehen, ihre immer umsichtigeren Einschätzungen und ihre wachsende innere Distanz zu allen Kriegsparteien zeigen sie ebenso wie der pragmatische Umgang mit Alltagsproblemen als starke und eigenständige Persönlichkeit. Als Hörbuch, gelesen von Eva Matthes, sind die Kriegstagebücher nochmals eindrücklicher.

Nach dem Krieg geht alles ganz schnell: Astrid Lindgrens Tochter ist krank und will die Geschichte einer gewissen Pippi Langstrumpf hören. Was als Gute-Laune-Geschichte für das kranke Mädchen beginnt, wächst sich zum dicken Manuskript aus. Aber noch ist der Durchbruch nicht geschafft. Erst nachdem sie mit einer anderen Geschichte einen Schreibwettbewerb gewinnt, bringt sie ihre Pippi bei einem kleinem Verlag unter, der sich damit saniert und gleich groß rauskommt. Lindgren schafft sich bei diesem Verlag ihre eigene Stelle im Lektorat für Kinderbücher. Vormittags schreibt sie zuhause ihre eigenen Geschichten, nachmittags erledigt sie für den Verlag die Korrespondenz rund um die geplanten Neuerscheinungen und abend liest die die eingereichten Manuskripte. So wird sie zur prägenden Figur einer zeitlosen Kinderliteratur, die bis heute Kassenschlager sind. Das liegt daran, dass Astrid Lindgren nicht nicht nur mit einer wunderbaren Fantasie gesegnet ist, sondern auch das richtige Näschen für Trends, Marketing und Vertriebswege hat. All das ist in der gut gemachten Biografie von Jens Andersen aufgeschlüsselt. Andersen erzählt gut - und er erzählt nicht nur Lindgrens Lebensgeschichte. Er bindet ihren persönlichen Werdegang und ihr literarisches Schaffen zusammen. Etwas schade ist, dass schriftstellerische Erfolg auf Kosten des Privatlebens geschildert wird. Denn bis ihrem Durchbruch mit Pippi Langstrumpf liegt der Schwerpunkt der Biografie auf dem dem Menschen Astrid Lindgren, danach fast nur noch auf der öffentlichen Person. Das kann den guten Gesamteindruck aber nicht schmälern. 

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Victoria Ocampo: Literatur als Lebensentwurf

Victoria Ocampo liebt die Literatur und das Leben. Eine moderierte Autobiografie zeigt, wie gut das vereinbar ist.

Victoria Ocampo
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Das Buch ist ein Versuch: Ein Mischung aus Biografie und Autobiografie von und über Victoria Ocampo. Dieses ungewöhnliche Genre der moderierten Autobiografie wird der Literatur-Latina (Ocampo stammt aus Argentinien) voll gerecht. Erstes ist nichts an dieser Kulturmoderatorin gewöhnlich und zweitens schreibt die Dame von Welt zwar gut, aber zu viel: Bei gleich sechs Bänden Autobiografie könnte man Vicoria Ocampo überdrüssig werden - und das wäre schade.

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Victoria Ocampo (1890-1979) hat viel zu erzählen über ihr Leben für die Literatur: Sie ist in Argentinien aufgewachsen, wo ihre Eltern als Großgrundbesitzer das nötige Kleingeld haben, um sie bestens ausbilden zu lassen. Hauslehrerinnen wecken in ihr die Liebe zum Lesen. Veredelt wird ihr Literaturstudium in Paris und London. Aber gegen alle Erwartungen ist dieses kulturelle Rüstzeug nicht nur eine Mitgift für eine Hochzeit in einflussreiche Kreise. Ocampo heiratet zwar, aber die Ehe ist nichts für die Ewigkeit - anders als die geliebten Bücher:  Victoria Ocampo liest sich sozusagen heraus aus gesellschaftlichen Zwängen und dreht ihr eigenes Ding. Sie schreibt, gibt eine Zeitschrift heraus, netzwerkt mit den Größen der südamerikanischen und internationalen Literaturbranche, darunter José Ortega y Gasset und Virginia Woolf. Ocampo ist geschätze Gastgeberin und Beraterin. Sie vermittelt talentierte Schriftsteller nach Europa und ist eine der ersten Literaturagentinnen und Kulturvermittlerinnen. 

Victoria Ocampo im Biografien-Blog
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Zugegeben: Ich kannte Victoria Ocampo nicht, ehe sie mir aus dem Biografien-Regal entgegengepurzelt kam. Über ihren Einfluss kann man nur staunen. Sie ist wirkungsvoll und geheimnisvoll zugleich. In den sozialen Netzwerke wäre sie wohl ein Superstar gewesen: Eine Frau, die überall präsent ist und weiß, wie man sich in Szene, ohne allzuviel Persönliches von sich preiszugeben. Etwas Licht ins Dunkel des Privatlebens dieser beeindruckenden Persönlichkeit bringt Renate Kroll, die Victoria Ocampos gesammelte autobiografische Schriften ausgewertet, gekürzt und einfühlsam neu zusammengestellt hat.

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Cornelia Goethe: Die Schwester des Genies

Über Cornelia Goethe weiß man wenig. Eine neue Biografie zeigt die Leiden des Lebens im Schatten des Dichterfürsten

Sie ist die unbekannte Schwester des Genies: Cornelia Goethe ist im selben Haushalt aufgewachsen wie der berühmteste Deutsche aller Zeiten. Doch obwohl man über den Dichter und Denker Johann Wolfgang von Goethe so ziemlich alles weiß, liegt das Leben seiner Schwester im Dunkeln. Dabei war sie ihm eine enge Vertraute und eine wichtige Gesprächspartnerin. Eine einfühlsame Biografie spürt ihr nun nach - und zeigt eine einsame und verkannte Frau, die in ihrer Zeit kein Zuhause findet.

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Cornelia (geboren 1750) ist 15 Monate jünger als ihr Bruder. Sie hat beim gleichen Hauslehrer gelernt wie Johann Wolfgang. Der Vater, ein wohlhabender Regierungsrat, legt Wert darauf, dass seine beiden Kinder umfassend ausgebildet werden. Cornelia ist also weit mehr als eine Schattenschwester. Sie ist eine unverzichtbare intellektuelle Sparringspartnerin des künftigen Dichterfürsten und diskutiert sogar die Stoffe mit ihm, die er später zu den großen Dramen ausarbeitet. Doch trotz der toleranten Erziehung in Sprachen und Künsten bleibt ihr der Zugang zur Welt der oberen Zehntausend versperrt. Ihr kritischer Geist leidet darunter, dass sie nicht den Sprung in die einflussreichen Salons und Gesprächskreise schafft. Da sie keine strahlende Schönheit ist, zieht sie auch keine Greencard als Muse wie beispielsweise Alma Mahler. Sie heiratet einen Macher, der in der öffentlichen Verwaltung Karriere macht. Für ihn sind Kunst und Kultur weniger greifbar, als Organisationsabläufe und Sacharbeit. Ihr sensibles Wesen ist nicht dazu gemacht, als Hausfrau und Mutter zu funktionieren. Innerlich vereinsamt sie, auch weil ihr Bruder den Kontakt nach ihrer Heirat abkühlen lässt.

Cornelia Goethe im Biografien-Blog
„Die Gartenlaube (1867). Lizenz: Gemeinfrei

 Hat er sie etwa nicht nur als Schwester geliebt? Zwischen den Zeilen der Biografie lässt sich das erahnen, aber Sigrid Damm, eine Goethe-Kennerin, bleibt im Vagen. Überhaupt setzt sie häufig Fragezeichen in die Lebensgeschichte ihrer Titelheldin. Das betrifft eine unglückliche Liebe in Cornelias Jugend, das betrifft ihr Empfinden in der Ehe. Den Gemütszustand schlüsselt sie überwiegend anhand Cornelias Tagebuch auf, das ganz im Trend der Zeit als Briefroman verfasst ist. Trotzdem ist es gut, dass die Biografin nicht der Versuchung erliegt, allzuviel Spekulation zu betreiben. Sie zeichnet die Lebensumstände Cornelia Goethes nach und überlässt es den Leserinnen und Lesern, sich ihr eigenes Urteil zu bilden. Dieser Ansatz, ein verborgenes Leben nachzuzeichnen, ist überzeugend und gut gelungen.

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Jessye Norman: Die Stimmgewaltige

Die Sopranistin Jessye Norman erhebt ihre Stimme für Gott, gegen Rassismus und für ihr begeistertes Publikum.

Stilfehler - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
Stilfehler - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Aida, Cassandra, Isolde: Jessye Norman hat den berühmtesten Frauenfiguren der Operngeschichte ihre Stimme geliehen. Auch die Lebensgeschichte der Sopranistin hat was von Oper: ein alptraumartiges Setting im Amerika der Rassendiskriminierung, ein Traum vom Singen, eine traumhafte Karriere auf den großen Bühnen der Welt - und einen mächtigen Verbündeten: Gott. Das ist der Stoff, aus dem spannende Lebensgeschichten gemacht werden. Jessye Normans Autobiografie wird dieser Hoffnung leider nicht ganz gerecht, dafür aber auf eine ungewöhnliche Weise.

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Klassische Autobiografien von klassischen Musikern funktionieren in etwa so: Das Wunderkind wird entdeckt, es folgen dankbare Erinnerungen an rennommierte Ausbildungsstätten und Lehrer, ehe schließlich die Konzertreisen und Begegnungen nacherzählt werden. Musiker schreiben über die Musik, der sie ihr Leben geweiht haben. Bei Jessye Norman ist das ein bißchen anders - und das ist der größte Vorzug an ihrem Buch: Sie schreibt über sich und ihr Leben mit Musik. Wer die Sopranistin für ihre Stimme und ihre Virtuosität verehrt, der hört sich allerdings besser ihre Aufnahmen an. Denn einzigartige Einsichten in das Innenleben der Figuren erhofft, die sie verkörpert hat, haben ihre Memoiren nicht zu bieten. Selten geht das Niveau in dieser Hinsicht über die üblichen oberflächlichen Floskeln hinaus, die in Opernpausen bei Sekt und Brezeln ausgetauscht werden. 

Wer aber etwas über die besondere Persönlichkeit hinter den Rollen erfahren will, in die Jessye Norman schlüpft, der wird sowohl in den einzelnen Abschnitten als auch zwischen den Zeilen belohnt. Jessye Norman verzichtet darauf, langatmig durch ihre Laufbahn zu moderieren: Natürlich gehört der Durchbruch bei einem ARD-Wettbewerb dazu und natürlich ist es Chronistinnen-Pflicht, die Meilensteine einer außergewöhnlichen Karriere zu nennen. Aber das Buch ist keine dröge Nacherzählung von Auftritten und Erfolgen. Im Grund geht es ihr um andere Dinge: Sie ehrt das Andenken ihrer Mutter, die sie als Lebensheldin feiert; sie geißelt den latenten Alltagsrassismus, den sie bis heute nicht überwunden glaubt; sie hält ein flammendes Plädoyer für Spiritualität und Gottvertrauen. Das alles ist anregende Lektüre, die allerdings eher von Normans Leidenschaft als von nachdenkenswerten Denkanstößen getragen wird. Das jedoch hätte man sich von einer Frau dieses Formats aber schon irgendwie erwartet. Die Stimmgewalt auf der Bühne - mein absolutes Highlight ist ihre Darbietung der Sieglinde - überträgt sich leider nicht auf das, was sie im Buch zu sagen hat. Andeutungsweise schimmert dagegen die selbstgefällige Diva durch, die lieber die Lieder der Königinnen singt, als die der Dienstmädchen. Das mag sicherlich auch mit ihrem mutigem und stolzem Antirassismus zu tun haben. Aber dass Jessye Norman mit sich ganz zufrieden ist, bleibt nicht verborgen - gerade weil sich zwischen den Buchdeckeln ihrer Autobiografie nahezu keine Schattenseiten ihrer Persönlichkeit verstecken. So drängt sich der Eindruck einer vermächtnisartigen Selbstinszenierung auf - und das hat noch keiner Autobiografie gut zu Gesicht gestanden. 

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Sebastian Haffner: Mut zu steilen Thesen

Sebastian Haffner war ein unberechenbarer Kommentator. Sein Biograf Jürgen Peter Schmied erklärt ihn im Biografien-Blog.

Youtube;  Bundesarchiv / P. Loescher & Petsch / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de; Sasquatchistheman, CC-BY-SA 4.0
Youtube; Bundesarchiv / P. Loescher & Petsch / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de; Sasquatchistheman, CC-BY-SA 4.0

Von Jürgen Peter Schmied

Sebastian Haffner (1907–1999) war einer der bedeutendsten deutschen Publizisten des 20. Jahrhunderts. Sein Leben war voller Wendungen – biografischen wie politischen –  und reich an Erfolgen. Er verdankte sie einer Reihe ausgeprägter Eigenschaften. Davon scheinen mir drei besonders bemerkenswert:

Schon als Schüler in Berlin zeigte sich Haffners außergewöhnliche sprachliche Begabung. Nach einem erfolgreichen Jurastudium und ersten schriftstellerischen Versuchen wurde er Journalist und Buchautor, zunächst im Deutschen Reich, dann in Großbritannien und schließlich in der Bundesrepublik Deutschland. Haffner schrieb sehr einfach, klar und plastisch, und damit es nicht zu langweilig wird, blitzt immer wieder eine Veranschaulichungspointe auf. In dem Geschichtsbuch Anmerkungen zu Hitler, seinem Meisterwerk aus dem Jahr 1978, erklärt Haffner das rhetorische Talent des Diktators zum Beispiel mit dessen Fähigkeit, „Versammlungen der verschiedensten Menschen“ in eine „knetbare Masse zu verwandeln, diese Masse erst in eine Art Trancezustand zu versetzen und ihr dann so etwas wie einen kollektiven Orgasmus zu bereiten“.

Ein weiteres Markenzeichen Haffners ist seine Vorliebe für kühne Gedankengänge und steile Thesen. Aus Hitler machte er einen unbeabsichtigten Förderer des Staates Israel, weil erst der millionenfache Judenmord „den Überlebenden die Verzweiflungsenergie eingeflößt“ hat, die „zur Staatsgründung notwendig war“. Walter Ulbricht war für Haffner einmal, 1966, der „bedeutendste deutsche Politiker seit Bismarck“, weil der Staatsratsvorsitzende der DDR gewissermaßen aus dem Nichts einen funktionierenden Staat geschaffen habe. Auch wenn die Überzeugungskraft solcher Argumente oft nur für ein paar Augenblicke wirkt. Dessen unbenommen: Haffners Texte sind anregend und meistens auch bereichernd.

Haffner besaß Mut oder besser: Courage. Ein wiederkehrendes Muster in seinem Leben war, dass er bei grundlegenden Meinungsverschiedenheiten mit seinen Verlegern oder Chefredakteuren kündigte – manchmal auch ohne einen adäquaten Ersatz zu haben. 1961 verließ er so die britische Wochenzeitung The Observer, 1962 die deutsche Wochenzeitung Christ und Welt, 1963 den Springer-Konzern und 1975 die Illustrierte Stern. Den wagemutigsten Schritt aber unternahm er 1938. Damals entschied sich Haffner, mit seiner jüdischen Freundin, die ein Kind von ihm erwartete, nach England zu emigrieren. Ohne vertieften Sprachkenntnisse und ohne konkrete Aussichten auf eine Verdienstmöglichkeit.

Dr. Jürgen Peter Schmied (Jahrgang 1974) ist Historiker und lebt in Bonn. Er hat in Heidelberg, Bonn und Oxford Geschichte, Germanistik und Philosophie studiert. Er hat sich viele Jahre mit Sebastian Haffner beschäftigt, seinen Nachlass ausgewertet und die bislang wichtigste Biografie über den Publizisten vorgelegt (siehe links).

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Vivienne Westwood: Piratenbraut und Punkerin

Die Modedesigerin Vivienne Westwood wird 75. Wir feiern sie mit einer  Retrospektive auf ihre schrille Lebensgeschichte...

Vivienne Westwood im Biografien-Blog (Manfred Werner/Tsui, CC BY-SA 3.0)
Vivienne Westwood im Biografien-Blog (Manfred Werner/Tsui, CC BY-SA 3.0)

Sie ist die Rebellin auf dem Laufsteg: Vivienne Westwood. Provokante Schnitte aus prüden Stoffen, Gummi-Anzüge und Porno-T-Shirts: Westwood hat immer wieder für Furore gesorgt. Sie hat für die ersten Punks geschneidert und Klamotten für Großstadtpiraten entworfen. Heute liegt ihr die  Mode-Welt zu Füßen, wenn sie ihre neue Kollektionen vorstellt. Vor einigen Tagen hat die gefeierte Designerin  ihren 75. Geburtstag gefeiert. Der Biografien-Blog gratuliert mit einer biografische Retrospektive auf ihre Lebensgeschichte.

Foto: Kathleen Conklin, CC BY 2.0
Foto: Kathleen Conklin, CC BY 2.0

Vivienne Westwood (geboren 1941) wäre fast eine brave englische Hausfrau geworden. Eigentlich ist sie es sogar gewesen, ganz kurz zumindest: Sie hat als Lehrerin gearbeitet, geheiratet und einen kleinen Jungen auf die Welt gebracht. Dann schmeißt sie ihr bürgerliches Leben hin, um ihrer inneren Berufung zu folgen: Vivienne Westwood will Mode machen. Seit klein auf stickt und strickt, häkelt und näht sie leidenschaftlich gerne. Stoffe und Schnitte bedeuten ihr mehr als das Gerede der Leute. Gerne reden hört sie Malcom McLaren. Malcolm hat ein blass-weißes Milchbubengesicht, wilde feuerfarbene Locken und noch wildere Gedanken. Er spricht immerzu von Anarchie und begeistert Vivienne für seine Autoritätsverachtung. Mit ihm macht Vivienne eine Boutique auf, die dauernd mit neuen Klamotten und Namen aufmacht: LET IT ROCK bedient die Teddy Boys der Generation Rock'n'Roll, Too fast to live too young to die  lockt die Fans der schmuddeligen Leinwandhelden um James Dean an. Mit der Wiedereröffnung  als Punk-Boutique SEX erreicht Vivienne Westwood den ersten Höhepunkt ihrer Karriere. Sie ist die Schneiderin der Anarchisten, kleidet die von Malcolm McLaren gemanagte Punkrockband Sex Pistols ein und treibt es ziemlich bunt:  Micky und Minnie Maus lieben sich auf ihren T-Shirts ungeniert und heftig. Und was erst Schneewittchen mit den sieben Zwergen anstellt: Unerhört! Dazu Gummi-Klamotten und Fetisch-Masken. Vivienne Westwood weiß, wie sie die feine englische Gesellschaft schockiert. 

Worlds End (Foto: Mark Ahsmann, CC BY-SA 3.0)
Worlds End (Foto: Mark Ahsmann, CC BY-SA 3.0)

Noch ist sie nicht mehr als eine schräge Kultschneiderin. Das ändert sich Mitte der 1980er Jahre mit ihrer ersten echten Mode-Kollektion. Piraten der Großstädte will sie auf den Laufsteg schicken. Mit gestreiften Plunderhosen und goldglänzenden Mänteln, locker sitzenden Faltenröcke in kräftigem Orange, keck verknoteten Schärpen, Musselin-Strümpfen und kunstvoll zerknitterten, leuchtend rote Wildlederstiefeln mit Schnallen entert Vivienne Westwood die professionelle Mode-Branche. Ihre Boutique - nun einem Freibeuter-Schiff nachempfunden - findet ihr bislang letztes Outfit als Worlds End.

Vivienne Westwood dagegen hat sich seither immer wieder neu erfunden, ohne ihrer rebellischen Art untreu zu werden. Ihre Kollektionen gehören nach wie vor zum besten, was die Haute Coiture zu bieten hat. Ihr Ansehen (und Teile ihres Vermögens) stellt sie in den Dienst einer selbstauferlegten gesellschaftlichen Mission als Retterin des Regenwaldes und Arktis-Aktivistin. Vivienne Westwood hat nie aufgehört, Missstände anzuprangen und dagegen anzugehen - nur die Mittel haben sich mit der Zeit gewandelt.

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Elisabeth II.: Die ewige Königin

Elisabeth II. wird 90. Die Rekord-Monarchin verkörpert Glanz und Gloria des Vereinigten Königshaus als royaler Popstar.

Elisabeth II. im Biografien-Blog (Foto: Joel Rouse/ Ministry of Defence, OGL 3)
Elisabeth II. im Biografien-Blog (Foto: Joel Rouse/ Ministry of Defence, OGL 3)

Sie ist die ewige Königin: Elisabeth II. von England. Bunte Hüte sind ihr Markenzeichen, kleine Hunde und schnelle Pferde ihre vierbeinigen Lieblinge, heimische Cornflakes aus der Tupperdose ihr Frühstücksgeheimnis auf Weltreisen. Elisabeth II. beherrscht Prunk und Pomp. Sie ist ein royaler Popstar. Aber sie wird auch der Würde eines einisten Weltreichs gerecht. Und sie mischt mit. So mancher ihrer Regierungschefs hat ihren Rat geschätzt - bis heute. Zwölf Premierminister hat Elsabeth II. im Amt überdauert - und acht Päpste. Heute feiert sie ihren 90. Geburtstag - herzlichen Glückwunsch. 

Lizenz: gemeinfrei
Elisabeth II. im Biografien-Blog.

Als sie am 2. Juni 1953 in der Westminster Abbey gekrönt wird, residiert noch ein gewisser Winston Churchill in der Downing Street No. 10. Fast scheint es an diesem trüben Regentag, dass die Mittzwanzigerin bereits die Regierungslast von sechs Jahrzehnten tragen muss. So schwer ist die Schleppe, dass sie der Bischof von Canterbury sanft schubsen muss, damit sie loslaufen kann. Dabei hatte alles ganz unspektakulär begonnen: Geboren wurde Her Royal Highness 1926 als Nichte von König Edward VIII. Der aber liebt eine zweimal geschiedene Amerikanerin und muss deshalb den Thron für Elisabeths Vater räumen, wodurch sie selbst Thronfolgerin wird - und was für eine:

Elisabeth studiert Verfassungsgeschichte und Recht, lernt beim Militär, wie man Autos fährt und repariert, heiratet standesgemäß und bringt zwei Kinder auf die Welt (Charles und Anne, Andrew und Edward folgen nach der Krönung). Nicht immer verläuft ihre Regentschaft reibungslos: In der großen Welt führt Großbritannien einen Krieg um die Falklandinseln. Zuhause scheitern reihenweise die Ehen ihrer Kinder (ausgerechnet) und als die Queen gefühlskalt auf den Unfalltod der einstigen Schwiegertochter Diana reagiert,  da ist es um ihr Ansehen im Land so schlecht bestellt wie selten. Aber die Queen wäre nicht über sechs Jahrzehnte die Queen gewesen, wenn sie nicht auch solche Krisen gemeistert hätte. Und wenn sie das Alter ihrer Mutter erreicht (101), dann wird sie England und der Welt als ewige Königin noch einige Jahre erhalten bleiben.

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Hugo und Emmy Ball: Leben als Literatur...

Zwei Künstlerrebellen auf der Bühne des Lebens: Hugo Ball und Emmy Hennings geben ein biografisches Drama... Vorhang auf!

Alle Bilder lizensiert unter gemeinfrei
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Gläubige Nutte trifft verhinderten Doktor: Sie liebt seine Handschrift, er liebt ihren starken Auftritt. Emmy Hennings und Hugo Ball sind ein seltsames Paar. Beide sind verhinderte Literaten von Weltrang. Ihre Bücher und Theaterstücke lassen nicht wirklich die Kasse klingeln, aber ihre Gedanken revolutionieren die konventionelle Kunst mit dem Dadaismus. Während alle Welt in den Großen Krieg zieht, kämpfen sie mit verückter Nonsenskultur für den Frieden...

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Die Zentrale des Wahnsinns heißt Cabaret Voltaire. Diese Züricher Künstlerkneipe ist die Wiege des Dadaismus. Eine Gruppe junger Literaten um Emmy Hennings und Hugo Ball findet das Verrecken in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs ziemlich aberwitzig. Man will das mit nationalistischem Pathos aufgeladene Völkerschlachten als das entlarven, was es ist: der reine Irrsinn. Und das Mittel der Wahl ist die ebenso sinnfreie Kunstform des Dadaismus: Sinnlose Texte, sinnlose Bilder, sinnloses Theater. Ganz nebenbei hinterfragt man damit auch den Heiligen Ernst der herkömmlichen Kunstbranche. Dabei geht es im Leben von Emmy und Hugo nicht minder drunter und drüber wie auf der kleinen Bühne des Cabaret Voltaire.

Emmy Hennings (1885-1948) war schonmal verheiratet, hat zwei Kinder zu Welt gebracht und dann bei ihrer Mutter abgegeben. Sie will Künstlerin sein und schläft mit Künstlern. Sie ist eine Muse, die sich Seelenverwandten leidenschaftlich gerne hingibt. Und weil sie merkt, dass sie den Männern gefällt, verkauft sie ihren Körper. Einmal beklaut sie einen Freier, wird erwischt, wandert ein, und schreibt darüber: "Gefängnis" heißt das Buch, das endlich den ersehnten Erfolg bringt - eine Autobiografie. Hugo Ball (1886-1927) ist irgendwie das Gegenteil von ihr. Ein bisschen verklemmt, ein bisschen verkopft (fast fertiggestellte literaturwissenschaftliche Doktorarbeit), ein bisschen zurückhaltender. Er ist nicht ganz so schnell mit Beziehungen, aber wenn er sich bindet, dann richtig. Er ist fixiert auf Emmy, nachdem sie endlich zusammenkommen. Gemeinsam geht man ins literarische Exil. Man könnte es schlimmer treffen als im Tessin - jedenfalls, solange das Geld reicht. In Italien genügen sich die beiden und suchen nun nach dem inneren Frieden.  

Ob sie ihn finden, bleibt in der neuen Paarbiografie offen. Das tut ihr aber keinen Abbruch. Gekonnt schlüsselt Bärbel Reetz das schillernde Leben dieser beiden außergewöhnlichen Menschen auf, soweit das Dritte können. Herausgekommen ist ein packendes Buch, das das Unverständliche zum Erlebnis macht. Zugegeben: Es ist für Normalmenschen nicht immer ganz leicht, die flippigen Anwandlungen von Emmy und die Wandlungen von Hugo Ball zu verstehen, der sich vom advangardistischen Kunstrevoluzzer zum dogmischten Katholiken entwickelt. Aber hier punktet die Biografin Bärbel Reetz mit einer ausgewogenen und nur behutsam kommentierenden Darstellung, die auch das teils prominente Umfeld des Künstlerpaares schildert und einbringt. Überzeugend ist zudem, dass die beiden Künstler nicht auf ihre Dada-Phase reduziert, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit ernst genommen werden.

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Käthe Kollwitz: Kunst und Krieg

Ihre tragische Lebensgeschichte prägt ihr Lebenswerk. Die bildende Künstlerin Käthe Kollwitz gibt dem Grauen Gestalt. 

Foto: AkkonTG - Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0
Foto: AkkonTG - Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0

Käthe Kollwitz ist ein tragisches Genie. Ihre künstlerische Größe als eine der bedeutendsten Grafikerinnen und Bildhauerin des 20. Jahrhunderts erwächst aus dramatischen persönlichen Schicksalsschlägen: In ihren eindrucksvollen Plastiken und Skulpturen verarbeitet sie den Soldatentod ihres Sohnes Peter und die Schrecken des Zeitalters der beiden Weltkriege, die sie prägen. Eine neue Biografie zeigt, wie eng Lebensgeschichte und Lebenswerk von Käthe Kollwitz miteinander verwoben sind.

Käthe Kollwitz Biografie

Eigentlich fängt alles ganz frohgemut an: Käthe Kollwitz ist eine der neuen Frauen, die an der Jahrhundertwende ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Schon sehr früh weiß sie, was sie will und  sie weiß auch, wie sie es bekommen kann: "Ich konnte brüllen, dass es unerträglich war", vertraut die spätere Künstlerin von Weltrang ihrem Tagebuch an, "einmal erschien sogar der Nachtwächter, um nachzusehen." Das sagt viel aus über die Zeit, in der Kollwitz aufgewachsen ist. Noch achtet man auf Ruhe und Ordnung. Es ist die Ruhe vor einem Jahrhundersturm.


Geboren ist sie 1867 in Königsberg, dort wo sei Jahrhunderten die preußischen Könige gekrönt werden. Unter preußischer Führung kämpft sich Deutschland in diesen Jahren seiner nationalstaatlichen Einigung entgegen. Die darauffolgenden vier Jahrzehnte des Friedens, der boomenden Wirtschaft und des wachsenden Wohlstandes sind auch für Kollwitz gute Jahre: Sie will unbedingt Künstlerin werden, schafft es an die Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen, studiert dort erfolgreich, sie pflegt Umgang mit berühmten Denkern und schwärmt für vor allem für den Schriftsteller Gerhard Hauptmann. Sein Drama Die Weber inspiriert sie zu einer eigenen Lithographie. Schon diese ersten künstlerischen Ausrufezeichen sind von düsterer Melancholie durchzogen. In ihrem anderen Leben heiratet Käthe Kollwitz einen Arzt. Die große Liebe ist es wohl nicht, was sie mit Karl verbindet; eher sind es die beiden Söhne. Trotzdem: Man achtet und respektiert sich.

Foto: Robert Sennecke (1885-1940) - Österreichische Nationalbibliothek, Objekt #80802. Lizenz: Bild-PD-alt
Foto: Robert Sennecke (1885-1940) - Österreichische Nationalbibliothek, Objekt #80802. Lizenz: Bild-PD-alt

Dann zieht Europa mit fröhlichem Hurra in den Ersten Weltkrieg. Wie sie so viele Künstler lässt sie sich von Begeisterung anstecken. Ihr Sohn Peter ist noch nicht volljährig und bittet darum, sich freiwillig melden zu dürfen. Käthe Kollwitz überredet den Vater um die nötige schriftliche Erlaubnis. Der Wisch ist ein vorgezogenes Todesurteil. Peter fällt schon in den ersten Kriegstagen. Das Werk der Kollwitz hatte sich schon bis dahin mit menschlichem Leiden befasst. Jetzt wird sie zur Kriegskünstlerin, die ihren eigenen Schmerz in ihrem Schaffen verewigt. Vorbei ist es mit der Hoffnung, die ausnahmsweise nicht zuletzt stirbt. Käthe Kollwitz überlebt sie um einen weiteren Weltkrieg. Ende 1945 stirbt sie gebrochen, vereinsamt und verarmt im völlig ausgebombten Dresden.  

Biografie-Besprechung

Künstlerbiografien sind schwierige Angelegenheiten. Entweder werden sie Kunsthistorikern oder entsprechenden Fachleuten vorgelegt. Dann kommt nicht selten eine hochspezialisierte Werkgeschichte heraus. Das ist hier nicht der Fall. Die Biografien Sonya und Yury Winterberg sind profunde Zeitgeschichtler. Sie wissen um historische Zusammenhänge kennen die wichtigsten Zeitgenossen. Eine solche Biografie könnte dann beispielsweise heißen: Käthe Kollwitz in ihrer Zeit. Das wäre ein guter, weil passender Untertitel gewesen. Pointiert wird hier eine Parallelgeschichte erzählt: Käthe Kollwitz' Werdegang sowie Aufstieg und Fall des Deutschen Reiches. Der Untertitel "Die Biografie" ist  dagegen zu hoch gehängt: Dafür wird das künsterische Schaffen zu wenig erklärt und kommentiert. Man hätte sich beispielsweise gewünscht, mehr Hintgergründe über Techniken und Arbeitsstil von Käthe Kollwitz zu erfahren. Gleichwohl ist das Buch seine Lektüre wert, weil es einen wertvollen Beitrag zur Erinnerungskultur an das Zeitalter der Weltkriege leistet.

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Denkerinnen und Lenkerinnen

Ein Frauenbuch wie seine Titelheldinnen: stark und gefährlich...

Angela Merkel: César, CC BY-SA 2.0. S. de Beauvoir: Milner Moshe/Government Press Office, CC BY-SA 3.0. Alice Schwarzer: Tohma (talk), GFDL. „Aung San Suu Kyi: Comune Parma, CC BY-SA 2.0. Arundhati Roy: Augustus Binu, CC BY-SA 3.0
Angela Merkel: César, CC BY-SA 2.0. S. de Beauvoir: Milner Moshe/Government Press Office, CC BY-SA 3.0. Alice Schwarzer: Tohma (talk), GFDL. „Aung San Suu Kyi: Comune Parma, CC BY-SA 2.0. Arundhati Roy: Augustus Binu, CC BY-SA 3.0

Nicht nur schöne und reiche Frauen faszinieren - auch kluge und mächtige. Von ihnen handelt ein neuer Sammelband biografischer Porträts. Frauen, die denken, sind stark, sagt der Titel - und gefährlich. Das trifft auch auf das ganze Buch zu: Stark sind die ansprechend bebilderten Texte über die zwanzig Vordenkerinnen, Wissenschaftlerinnen, Frauenrechtlerinnen, Journalistinnen und Politikerinnen. Gefährlich ist eine Botschaft des Buches, die zwischen den Zeilen steht: Auch heute haben es Frauen, die denken, schwerer als ihre männlichen Kollegen, erfolgreiche Lebenswege zu beschreiten... 

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Frauen bewegen die Welt: Angela Merkel regiert seit über 10 Jahren als deutsche Bundeskanzlerin, Hillary Clinton ist eine aussichtsreiche Kandidatin für das Amt der US-Präsidentin, Sharyl Sandberg führt mit Facebook einen Weltkonzern - die Reihe ließe sich fortsetzen. Warum also erscheinen so viele Bücher, die uns nahelegen, dass die Leistungen von Frauen etwas besonderes sind? Es dürfte wohl niemand bestreiten, dass auch Männer, die denken, stark und gefährlich sind. Solche Bücher sucht man aber vergebens. Das ist aus zwei Gründen bedenklich. Erstens können die ausschließlich auf Frauenkarrieren beschränkten Bände den Eindruck erwecken, dass die Leistungen der Frauen besonders bemerkenswert seien. Das würde aber bedeuten, dass man Frauen insgeheim doch weniger zutraut - und das wiederum wäre nicht nur falsch, sondern auch kontraproduktiv. Zweitens gibt zu denken, dass trotz großer Vorbilder und unerschrockener Pionierinnen viele Frauen augenscheinlich nach wie vor Probleme haben, ihre - mindestens - gleichwertigen Qualifikationen und Fähigkeiten einzubringen; auch wenn erfolgreiche Frauen in Führungspositionen  unverdrossen dafür werben, es ihnen gleichzutun.

Stefan Bollmanns Sammelband versteht sich in diesem Sinn als "kämpferisches Buch". Geschickt schlägt er den Bogen von den ersten berühmten Frauen, die sich hinaus gewagt haben ins Rampenlicht der Gesellschaft (z. B. Bertha von Suthner) und der Wissenschaft (z. B. Simone de Beauvoir) bis hin zu aktuellen Beispielen weiblicher Durchsetzungskraft in der Politik (z. B. Angela Merkel) und im Journalismus (z. B. Alice Schwarzer). Er schlägt aber auch die Brücke zu weniger bekannten Frauen, die viel erreicht haben: die Soziologin Anna Myrdal etwa - oder die Verhaltensforscherin Jane Goodall. Bei allem Mutmachen lässt Bollmann aber auch nicht nicht außer Acht, wie viel manche seiner Protagonistinnen haben aufgeben müssen: Die birmanesische Freiheitskämpferin Aung San Suu Kyi hat lange unter der Trennung von ihrer Familie gelitten, die russische Journalistin Anna Politkowskaja ist für ihre kritische Berichterstattung sogar einem Attentat zum Opfer gefallen.

Es müssen ja nicht immer solche Extrembeispiele sein - aber auch dieser Punkt ist durchaus nachdenkenswert: Solange Frauen verhältnismäßig mehr aufgeben müssen als Männer, um gleichermaßen erfolgreich zu sein, solange werden sie es schwerer haben, den Vorbildern dieses Bandes nachzueifern. Und deshalb müsste sich ein solches Buch auch an diejenigen richten, die politische und gesellschaftliche und betriebliche Weichen für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf schaffen können.

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Axel Springer: Für Berlin, gegen die Mauer

Der Verleger und Freiheitskämpfer Axel Springer hat gegen die deutsche Teilung gekämpft und alles auf Berlin gesetzt.

 

Im Dunkel der Nacht verlieren Millionen von Ostdeutschen ihre Freiheit: Um Westberlin, das letzte Schlupfloch zur Bundesrepublik, wird in wenigen Stunden ein 160 Kilometer langer Grenzzaun hochgezogen. Als die Berliner am nächsten Morgen arglos aufwachen, ist die Tat des Ostens vollbracht und das DDR-Regime feiert seinen Überraschungscoup. Und der Westen? Was tut die freie Welt dagegen?„Der Westen tut NICHTS“, befindet der Verleger Axel Springer und in Riesenlettern verkündet es seine wichtigste Zeitung, die BILD.

Axel Springer Biografie

Axel Springer, geboren 1912 in Altona, ist ein geborener Verleger: Seinem Vater gehört eine Lokalzeitung, die Stammhalter Axel irgendwann einmal übernehmen soll. Hitler macht den Springers einen Strich durch die Rechnung. Der liberal gesinnte Verlag passt den Nazis nicht und wird erst geschlossen, dann ausgebombt. Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt Axel Springer von vorne. Er ist ein begnadeter Überredner und gewinnt fähige Leute, mit denen er in kurzer Zeit einen erfolgreichen Verlag aufbaut - noch in seiner ersten Heimat an der Alster: Das Hamburger Abendblatt, die Programmzeitschrift Hörzu, Die Welt und schließlich BILD sind die wichtigsten Presseprodukte des Hauses Springer.  Der Hausherr träumt allerdings von mehr als von Medienmacht. Er träumt von Einigkeit und Recht und Freiheit für sein geteiltes deutsches Vaterland. Deshalb setzt er alles auf Berlin, den heißesten Ort des Kalten Krieges. Auf den Trümmern des alten Zeitungsviertels, direkt an der Berliner Mauer, errichtet er seine millionenschwere Konzernzentrale: ein goldenes Hochhaus als Leuchtturm der Freiheit für die eingesperrten Ostdeutschen. Seine Zeitungen lassen  keine Gelegenheit aus, die Lügen und DDR-Regierung aufzudecken, ihre Propaganda zu enttarnen und das Unrecht in der sozialistischen Diktatur anzuprangern. Während Springer gegen die Berliner Mauer anredet und anschreiben lässt, wird er selbst zum Feindbild einer ganzen Generation. Die 68er kommen mit den Schlagzeilen und der Berichterstattung des  Kalten Kriegers nicht klar: Sie sehen in Springer einen selbstverliebten Machtmenschen und einen unverbesserlichen Nationalisten. Berlin wird zum Kriegsplatz, als gewaltbereite Studenten zum Springerhaus ziehen. Steine und Brandsätze fliegen, Auslieferungsfahrzeuge werden umgestoßen und gehen in Flammen auf. Die Mauer bleibt stehen. Am Ende ist es aber das goldene Hochhaus, dass die Berliner Mauer überdauert. Springer erlebt es nicht mehr. Er stirbt 1985, vier Jahre zu früh. Nur sein Traum, der ist nicht gestorben. Mehr noch: er hat sich erfüllt.

Buchbesprechungen

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Über Springer ist viel geschrieben worden. Die einen hassen ihn für seine Geltungssucht, seinen Größenwahn und sein vermeintlich persönliches Regiment als Verleger. Die anderen kommen meistens aus seinem eigenen Haus. Und sie kommen leider kaum hinterher, das leidige Feindbild Springer endlich in Scherben zu schlagen und den von Überzeugungen geleiteten Unternehmer, den patriotischen Freiheitskämpfer und gesellschaftlich engagierten Mäzen zu würdigen. Ein zu Springers 30. Todestag soeben erschienener Sammelband aus der Edition Braus geht neue Wege. Keine Gesamtschau, keine überbordende Beweihräucherung, keine durchsichtige Deutung. Das von Autorinnen und Autoren der WELT-Gruppe verfasste Buch erzählt in Anekdoten und Ausschnitten von Springers Liebe zu Berlin. Jeder Beitrag nimmt sich ein Detail dieser innigen Beziehung vor. Allesamt sind sie kurzweilig geschrieben und sie lassen sich voneinander unabhängig lesen (ein großer Vorteil). Manche fallen etwas aus dem Format ("10 Gründe, warum Axel Springer kein Kaninchen ist"). Andere zeigen den Kulturförderer, den Sportbegeisterten, den Volksnahen, den Gönner und den Snob - denn all das ist Springer gewesen. Wer sich mal abseits aller gängigen Vorurteile (positiv wie negativ) auf Springer einlassen will, ist mit diesem Buch gut beraten.

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Und wer noch einmal jenseits aller schrillen, lauten und bunten Fernsehbilder die bewegten Tage erleben will, an denen sich Axel Springers Traum vom Fall der Berliner Mauer und von der Freiheit aller Deutschen erfüllt hat, der kann getrost den wunderbaren Bildband mit Fotografien von Jürgen Hohmut in die Hand nehmen (ebenfalls in der Edition Braus erschienen). Ganz in schwarzweiß gehalten laden diese eindrucksvollen Momentaufnahmen zum Innehalten ein - und zur Freude darüber, dass die schrecklichen vier Jahrzehnte der deutschen Teilung Geschichte sind.

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Jyoti Singh Pandey: Ein zerstörter Lebenstraum

Jyoti Singh Pandey wurde 2012 in Indien zu Tode vergewaltigt. Kerstin Scheuer erzählt ihre Geschichte im Biografien-Blog.

Jyoti Singh Pandey im Biografien-Blog Eulengezwitscher
Demonstration nach der tödlichen Gruppenvergewaltigung in Indien. Foto: Nilroy (Nilanjana Roy). Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die indische Studentin Jyoti Singh Pandey hatte ihr Leben vor sich - und sie hatte einen Lebenstraum: Ärztin werden. Vor drei Jahren, am 16. Dezember 2012, wurde sie in Neu Dehli von einer Gruppe von Männern angegriffen und zu Tode vergewaltigt. Sexuelle Gewalt ist allgegenwärtig - nicht erst seit den furchtbaren Vorfällen in der Silvesternacht. Dagegen helfen nur Aufklärung, Zivilcourage - und konsequente Strafverfolgung. Im Biografien-Blog Eulengezwitscher würdigt die Buchbloggerin Kerstin Scheuer (kerstin-scheuer.de) Jyoti Singh Pandey als starke Frau und erinnert an ihre tragische Lebensgeschichte zwischen Hoffnung und Horror.

Hallo Kerstin, wer fasziniert Dich?

Mich faszinieren vor allem starke Frauen, die sich unter schwierigen Bedingungen für ihre persönliche Freiheit und Gleichberechtigung einsetzen. Besonders beeindruckt hat mich zuletzt die Geschichte von Jyoti Singh Pandey, die am 16. Dezember 2012 in Neu-Dehli Opfer einer Massenvergewaltigung wurde und 13 Tage später an ihren schweren Verletzungen starb. Ihr Fall sorgte weltweit für Schlagzeilen. Heftige Proteste sorgten schließlich für eine deutliche Verschärfung des indischen Sexualstrafrechts.

 

Warum ist  die Lebensgeschichte von Jyoti Singh Pandeys auch abgesehen von ihrem tragischen Ende besonders?

Jyoti Singh Pandey gehörte zu einer neuen indischen Frauengeneration, die nicht länger akzeptieren möchte, dass der eigene Lebensweg bereits durch die Geburt vorgezeichnet sein soll. Stattdessen arbeitete sie ehrgeizig und sehr erfolgreich an der Verwirklichung ihres Traums von einem besseren Leben. Jyoti wuchs in einem Slum in Neu-Dehli auf. Ihr Vater hielt die Familie mit dem Beladen von Flugzeugen einigermaßen über Wasser.

Für Jyoti, die davon träumte, Ärztin zu werden, waren das keine guten Startvoraussetzungen. Aber ihre Eltern meldeten Jyoti als erstes Mädchen in der örtlichen Privatschule an. Um Jyotis Schulausbildung zu finanzieren, verkauften sie ein kleines Stück Land, das ursprünglich Teil von Jyotis späterer Aussteuer als Braut sein sollte. Jyoti selbst hatte ihre Eltern dazu überredet, lieber in ihre Bildung zu investieren anstatt auf eine wirtschaftlich günstige Ehe zu hoffen. Jyoti war eine gute Schülerin, die später selbst jüngere Klassen unterrichtete. Nach ihrem Schulabschluss begann sie eine Ausbildung zur Krankengymnastin, die sie sich mit Nachtschichten in einem Call Center finanzierte.

Sie führte ein modernes Großstadtleben mit regelmäßigen Shoppingnachmittagen mit Freundinnen und einem festen Freund. Jyoti hatte Spaß am Ausgehen und ging gerne ins Kino. Nachbarn und Bekannte der Familie kritisierten diesen Lebenswandel als nicht angemessen für eine anständige junge Frau.. 

 

Wie bist Du auf Jyoti Singh Pandey gekommen?

Kurz nach Weihnachten sah ich einen Dokumentarfilm zur Massenvergewaltigung in Neu-Dehli vor knapp 3 Jahren. Darin wurde auch Jyoti Singh Pandeys Lebensweg nachgezeichnet.

 

 

Wie inspiriert sie Dich?

Mich inspiriert vor allem die große Zielstrebigkeit, mit der sie gegen alle finanziellen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten recht erfolgreich an der Verwirklichung ihres Lebenstraums arbeitete.

 

Hast Du eine Biografie über sie gelesen?

Eine geschriebene Biografie über Jyotis Leben kenne ich nicht; dazu ist die Tat wohl auch noch zu aktuell. Aber ich kann den bereits erwähnten Dokumentarfilm empfehlen. Hierin kommen neben Jyotis Eltern auch die Täter zu Wort. So entsteht ein rundes Gesamtbild, das gleich mehrere gesellschaftliche Probleme Indiens anspricht. Nur, dass die brutale Tat in all ihren grausigen Einzelheiten so ausführlich nacherzählt wird, störte mich etwas.

 

Vielen Dank für's Mitmachen, Kerstin.

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Frauen mit Fernweh

Gertrude Bell und Alexandra David-Néel sind weit gereist. Neue Übersetzungen lassen ihre Abenteuer-Erinnerungen aufleben.

Foto: Royonx. Lizenziert unter CC0 (Hintergrund) und lizenziert unter Gemeinfrei (Alexandra Davis-Néel)
Foto: Royonx. Lizenziert unter CC0 (Hintergrund) und lizenziert unter Gemeinfrei (Alexandra Davis-Néel)

Sie sind viel herum- und hoch hinaus gekommen: Alexandra David-Néel hat den Himalaya erkundet, Gertrude Bell hat das Matterhorn erklettert und die arabischen Wüsten erobert. Was schon zu Lebzeiten der zwei Frauen mit Fernweh für Aufsehen und Ärger gesorgt hat (beide sind vor etwa 150 Jahren geboren), fasziniert noch heute. Jetzt sind die außergewöhnlichen Autobiografien in neuen Übersetzungen nochmals erschienen. Dass die Reiseziele der Pionierinnen heute im Bürgerkriegsgebiet liegen (Syrien) oder von Terroristen unsicher gemacht werden (in den pakistanisch-indischen Grenzregionen und in Nepal), macht die  Erinnerungen von Alexandra David-Néel und Gertrude Bell noch wertvoller. Der Biografien-Blog stellt sie vor: 

Alexandra David-Néel im Himalaya

Klick auf's Cover: Direkt zum Verlag
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Das Mädchen verehrt Jules Vernes. Der schreibt so schöne Geschichten von Reisen um die Welt (sogar in 80 Tagen), zum Mittelpunkt der Erde und zum Mond. Ganz so weit muss es für Alexandra David-Néel nicht gehen - aber bis zum mächtigsten Gebirge auf dem Globus will sie schon kommen. Sie hasst die biedere Mutter und liebt den weltgewandten Vater, der ihr in seinem Realismus auch das Grauen nicht vorenthält. Alexandra ist der Esoterik und den Okkulten nicht abgeneigt, sie schwärmt für die Kultur des Fernen Ostens. Ihre geistliche Heimat findet sie im Buddhismus. Um sich ihre Reiseträume verwirklichen zu können, verdient sie ihr Geld mit den unterschiedlichsten Berufen: als gefeierte Sopranistin, Journalistin und als Vortragsreisende in Sachen Feminismus. Sie heiratet zwar, aber besonders intensiv ist die Ehe nicht. Alexandra David-Néel zieht es weg von ihrem Mann und hinaus in die weite Welt. Sie ist eine eigenständige Frau, selbstbewusst, entschlossen und hartnäckig. Deshalb schafft sie es auch in den Himalaya und davon erzählt sie selbst in einer gelungenen Mischung aus Faktenwissen, Anekdoten und Einschätzungen. Gelungen ist dabei auch die neue Übersetzung: Der Reisebericht kommt nicht in altbackener Sprache daher, aber er verliert auch die besonderen Herausforderungen einer Himalaya-Reise vor einem Jahrhundert nicht aus den Augen. Der Text beschönigt ebenfalls nicht manche zweifelhafte Sichtweise von Alexandra David-Néel: Denn dass sie sich oft hat durchsetzen müssen, können ihre Erinnerungen nicht verheimlichen: So viel man in ihren Ausführungen über die nepalesische Geschichte und Mysthik lernen kann, so spannend ihre Berichte sind, so sehr sie die Fantasie jedes Natur- und Kulturliebhabers anregen, so sehr lernen wir auch eine bis an die Schwelle zur Ignoranz von sich selbst überzeugte Frau kennen, die schnell im Urteil ist - und durchaus hart. Der vermeintliche asiatische Fremdenhass wird gegeißelt, der Bildungsstolz und die orientalische Planlosigkeit belächelt. Ein bißchen gibt sich Alexandra David-Néel schon als besserer Mensch - wenngleich sie ihre eigene Kultur nicht als die einzig wahre preist. Zwar verurteilt die aufgeklärte Frau von Welt manche  "finsteren" Riten wie die traditionelle Witwenverbrennung, aber sie zweifelt nicht an der "Überlegenheit der spirituellen Werte" ihrer fernöstlichen Wahlheimat. 

Gertrude Bell in der Wüste

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 Ähnlich geht es Gertrude Bell. Auch sie steht in dem Ruf, überheblich gewesen zu sein. Tatsächlich hat sie wie Alexandra David Néel mit ihren vielen Talenten zu kämpfen, die ebenso viele Männer alt aussehen lassen. Getrude Bell beherrscht die Sprachen und gesellschaftlichen Gepflogenheit des Morgen- und des Abendlands gleichermaßen perfekt. Sie weiß sich in den feinen Londoner Salons ebenso zu bewegen wie in den Wüstenzelten der Beduinen - dabei sind beide Begegnungsorte eindeutig von Männern dominiert. Die Araber können ndamit beinahe besser umgehen als die englischen Herrschaften daheim - in der Wüste ernennt man sie kurzerhand zum "Mann ehrenhalber". Solche Informationen sind nötig, um Gettrude Bells Erinnerungen an ihre Zeit als Wüstenreisende und Archäologin verstehen und lesen zu können.

Lizenziert unter Gemeinfrei
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Deshalb haben die Editoren wie bei Alexandra David-Néel auch hier den Memoiren eine einordnende biografische Einleitung  vorangestellt. Dieses Konzept überzeugt. Der Leser hat die Chance, die Protagonistin erst mal kennenzulernen (nicht zu lang, nicht zu kurz), ehe er mit ihr auf eine Reise durch syrische Städte und Regionen geht, die wir heute fast nur noch aus Kriegsnachrichten kennen: Damaskus, Homs, Aleppo. Dass Gertrude Bell als Weltenwanderin für die Engländer im Ersten Weltkrieg auf geheimer diplomatischer Mission unterwegs war und unter anderem mit dem legendären Lawrence von Arabien verhandelt, mag vor der Lektüre überraschend sein, nachher verwundert es nicht mehr: Die "Wüstenkönigin" macht auf eindrucksvolle Weise klar, warum ihr dieser Ehrentitel zusteht. 

Nicht immer sind Arroganz und Überheblichkeit Ausdruck von schwierigem Charakter. Manchmal  lernt man aus ihnen auch etwas über biografische Hürden und Herausforderungen. Die Erinnerungen dieser beiden starken Frauen sind jedenfalls lehrreiche Lesezeitreisen an Orte, die heute wiederum in aller Munde sind. Und weil beide Bücher nicht nur gut, sondern auch schön sind, sind sie mein Weihnachtsgeschenk-Geheimtipp!

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Julia Klöckner: Die Herausfordererin

Julia Klöckner will Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz werden. In einem neuen Buch stellt sie sich und ihre Politik vor

Julia Klöckner (beide Fotos sind Pressebilder von http://www.julia-kloeckner.de/presse/portraits.php
Julia Klöckner (beide Fotos sind Pressebilder von http://www.julia-kloeckner.de/presse/portraits.php

Julia Klöckner strahlt. Das herzliche Gute-Laune-Lachen ist eines ihrer Markenzeichen. "Wenn Politiker nicht lachen können, dann haben auch die nichts zu lachen, die von ihnen regiert werden", sagt sie. Julia Klöckner ist eine fröhliche Politikerin. Und eine, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube macht. Klöckner kann auch Klartext. Damit kommt sie in Rheinland-Pfalz gut an. Im kommenden März will sie in Mainz Ministerpräsidentin werden. "Die Julia" ist an  Rhein und Mosel, Nahe und Ahr bekannt und beliebt - auch weil sie als ehemalige Weinkönigin schon viel für ihre Heimat getan hat. Dass sie Politik gestalten kann, hat sie in Berlin bewiesen: als Bundestagsabgeordnete, Parlamentarische Staatssekretärin und als stellvertretende  CDU-Bundesvorsitzende. Jetzt hat Julia Klöckner ihre persönlichen und politischen Überzeugungen in einem Interview-Buch dargelegt - und wir blicken hinein...

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Dieses Buch ist ein Wahlkampfbuch. Aber es ist kein Buch der einfachen Parolen und der polemischen Zuspitzung. Es ist ein Buch, in dem Julia Klöckner die Positionen, mit denen sie sich zur Wahl stellt, erläutert und aus ihrer eigenen Lebensgeschichte heraus erklärt. Julia Klöckner (Jahrgang 1972) ist im idyllischen Weindorf Guldental aufgewachsen. Die weiten Felder, die hügeligen Wälder und die grünen Weinberge zwischen Nahe und Hunsrück sind die malerischen Kulissen ihrer (und auch meiner) Kindheit.  Im Sportverein (Tischtennis) und im Musikverein (Querflöte) kann sie ihre Geselligkeit ausleben,  in der Kirchengemeinde ihren christlichen Glauben. Dieser Glaube,  den sie auf die Kurzformel  "Heimat, Halt, Zutrauen" bringt, prägt auch ihre politischen Positionen - zum Beispiel in den Diskussionen um Stammzellenforschung und Sterbehilfe. "Mein persönlicher Glaube bedeutet mir etwas, und ich halte nicht künstlich damit hinter dem Berg, aber ich dränge ihn auch nicht jedem auf." So ähnlich ist das auch mit ihrer weltlichen Heimat. Julia Klöckner ist im besten Sinn heimatverbunden. Auf dem Land sei man nicht minder weltoffen als in den Metropolen: "Es gibt so viele verbohrte Menschen in den Hauptstädten der Welt. Bei uns in Guldental  werden ohne große Probleme gerade Flüchtlinge aufgenommen - tolerant und weltoffen."

Ihre eigene Weltoffenheit hat Julia Klöckner erst als Naheweinkönigin, dann als Deutsche Weinkönigin unter Beweis gestellt. Regierungserfahrung hat sie also gewissermaßen schon gesammelt, ehe sie in die Politik gegangen ist.  Das war allerdings vergleichsweise spät der Fall, denn nach dem Studium (Theologie, Politikwissenschaft, Pädagogik - Magister und Lehramt) beginnt sie erst einmal eine Journalistenkarriere. Dann aber startet Julia Klöckner als Politikerin durch. Bundestag, Bundesregierung, Parteivorstand. In Berlin bereitet sich Julia Klöckner darauf vor, den langjährigen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck abzulösen. 2011 scheitert sie knapp. Im kommenden Jahr nimmt sie den zweiten Anlauf, diesesmal fordert sie die sozialdemokratische Amtsinhaberin Malu Dreyer heraus.

Politische Akzente setzt Julia Klöckner unter anderem auf Familie und auf Digitalisierung: Nach ihrer Meinung  "muss die Arbeitswelt familiengerechter werden und nicht die Familie arbeitsweltgerechter". Familien mit mehreren Kindern will sie besonders in den Blick nehmen. Auch in Sachen Digitalisierung hat Julia Klöckner viel vor. Schon seit Jahren twittert sie leidenschaftlich und in den Sozialen Medien hat sie sozusagen eine dritte Heimat gefunden (neben dem Glauben und Guldental). Als Regierungschefin will sie das ländliche Rheinland-Pfalz zur Vorreiterregion des digitalen Wandels machen - das ist attraktiv und schafft Arbeitsplätze. 


Der zu bewahrende hohe Wert der Familie und die zukunftsgerichtete Analyse von kommenden Wirtschafts- und Politikfeldern stehen beispielhaft für Julia Klöckners politische Selbstbestimmung "zwischen Gummistiefeln und Pumps, zwischen humorvollem Weinfest und akribischer Schreibtischarbeit, zwischen Tradition und Moderne." Fazit: Politische Standpunkte mit biografischer Grundlegung - lohnenswerte Lektüre nicht nur für Rheinland-Pfälzer. 

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Triumph und Tragik der neuen Frauen

Das Frauenbild wird neu gemalt. Paula Modersohn-Becker und andere zeigen der Männerwelt, dass es die Frauen auch können.

Collage. Links und Mitte lizensiert unter Gemeinfrei, rechts Selb stbildnis Paula Modersohn-Becker, lizenziert unter Bild-PD-alt
Collage. Links und Mitte lizensiert unter Gemeinfrei, rechts Selb stbildnis Paula Modersohn-Becker, lizenziert unter Bild-PD-alt

Paula Modersohn-Becker hält es nicht mehr aus in Worpswede. Dort lebt sie mit ihrem Mann Otto, der es gerne ruhig hat. Die Vollblutkünstlerin Paula aber sehnt sich nach dem prallen Leben. Ein tristes Dasein irgendwo zwischen Heide und Moor ist ihr nicht genug. Unerhörtes geschieht: Sie trennt sich und geht nach Paris. Den Namen nimmt sie mit, der Gatte bleibt erst mal zurück. "Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker. Ich bin ich, und ich hoffe, es immer mehr zu werden." Allein ist sie nur in Paris. Aber Frauen wie sie drängen um die Jahrhundertwende nach vorne. Die routinierte Biografin Barbara Beuys hat das neu entstehende Frauenbild nachgezeichnet - anhand von knapp drei Dutzend Frauenportraits.   

Neben oft genannten Vertreterinnen der neuen Frauen wie der Linkspolitikerin Clara Zetkin, der Dichterin Else Lasker-Schüler und dem Stummfilm-Star Asta Nielsen, die ihre weiblichen Reize selbstbewusst vermarktet (siehe Clip) stellt das Buch auch unbekanntere Revolutionärinnen vor. Ärztinnen und Lehrerinnen, die selbstbewusst und zielstrebig die Rolle der Frau im Beruf neu definieren. Die Frauenmbewegung nimmt Fahrt auf. Die Heldinnen des Alltags von denen Barbara Beuys berichtet legen den Grundstein für ein selbstverständliches Neben- und Miteinander von Frauen und Männern im Job. Neben- und miteinander stehen diese Frauen auch zwischen den beiden Buchdeckeln. 

Barbara Beuys findet ein spannendes Format, das nicht zwei Dutzend Porträts aneinanderreiht, sondern die Lebensgeschichten miteinander verwebt. Dadurch bringt sie neben den einzelnen Karrieren auch Leben und Situation der Frauen insgesamt zur Geltung. Dabei bleibt es nicht aus, dass neben den Triumphen der neuen Frauen auch die Tragik einzelner Schicksale zur Sprache kommt. Schmerzlich dringt ins Bewusstein, dass die Pinonierleistungen und Erfolge dieser Generation von Frauen teils hohe Preise forden: familiäre und gesellschaftliche Konflikte wollen durchgestanden werden, was leider nicht immer gelingt: Ein Beispiel dafür ist Clara Immerwahr. Die erste studierte und promovierte Chemikerin ringt ihrem Mann Fritz Haber, ebenfalls Chemiker, ab, dass sie selbst arbeiten darf und ein eigenes Labor bekommt. Dann aber startet ihr Mann durch - und zwar ohne sie. Dabei hatte er ihr zuvor versprochen, sie als gleichberechtigete Parterin zu achten, sogar ein gemeinsames Lehrbuch war geplant. Aber es kommt noch schlimmer: Fritz Haber geht einen Pakt mit dem Teufel ein und stellt seine Schaffenskraft um der Karriere willen in den Dienst des Todes: Er übernimmt im Ersten Weltkrieg die Entwicklung der Kampfgase, die Tausende von Soldaten elendig zugrunde gehen lassen. Clara hält das nicht aus und nimmt sich das Leben. Auch das Buch über die neuen Frauen kennt Triumph und Tragik. Denn leider ergeht es ihm der Frauenbewegung: Nach hoffnungsfrohem Start und lebendigen Skizzen schillernder Persönlichkeiten verläuft sich das ganze in einer Art von Kongress-Hopping. Statt Lebensgeschichten gibt's dann Tagungsgeschichten. Dennoch ist das Experiment mit dem Format ineinander verwobener Lebensgeschichten insgesamt geglückt und bereichert das Biografien-Regal. 

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Albert Schweitzer: Mythos der Menschlichkeit?

Vor 50 Jahren ist Albert Schweitzer gestorben. Sebastian Moll sorgt mit einer neuen Biografie für Aufregung. Ein Blick hinein...

Eigene Collage aus: Foto: Ji-Elle, Lizenz: CC BY-SA 3.0 und Quelle: Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANEFO), 1945-1989 bekijk toegang 2.24.01.04 Bestanddeelnummer 918-1292, Lizenz: CC BY-SA 3.0 nl
Eigene Collage aus: Foto: Ji-Elle, Lizenz: CC BY-SA 3.0 und Quelle: Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANEFO), 1945-1989 bekijk toegang 2.24.01.04 Bestanddeelnummer 918-1292, Lizenz: CC BY-SA 3.0 nl

Albert Schweitzer ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Als junger Mann war er nach Afrika gegangen, um in Jesu' Nachfolge ein Tropenhospital aus Holz- und Wellblechhütten aufzubauen. Vierzig Jahre später wird der Urwald-Doktor dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Man feiert ihn als „13. Jünger Jesu“ und „Mister Wellblech“ wie einen Popstar. „Genie der Menschlichkeit“ und „Universalgenie Westeuropas“ nennen sie ihn. Auch seine Biografen zeichnen fast immer ein wohlwollendes Bild. Der Mainzer Theologe Sebastian Moll zeigt Schweitzer dagegen als "Meister der Selbstinszenierung". Das ist nicht der einzige Aufreger, den dieses Buch provoziert hat...

Wirbel in der Wissenschaft

Eigentlich wollte Moll mit seiner Arbeit über Schweitzer die letzte formale Voraussetzung dafür schaffen, Professor werden zu können. Das hat nicht geklappt. Die Gutachter haben die Habilitationsschrift abgelehnt. So was kommt nicht alle Tage vor. Aber dass Molls Schweitzer-Buch den Ansprüchen der theologischen Fakultät nicht genügt und offenbar keine gute Forschungsarbeit ist, muss ja noch nicht heißen, dass es auch eine schlechte Biografie ist. Auf diesem Feld aber ist die Konkurrenz groß und außerdem hat Schweitzer selbst sehr viel über sein Leben berichtet. Das nimmt Moll zum Anlass, den "historischen Schweitzer" und den "Meister der Selbstinszenierung" zu vergleichen. Obwohl solche kritischen Einordnungen eigentlich implizit die Aufgabe jeder guten Biografie sein sollten, ist die Idee in Bezug auf Schweitzer vielversprechend, gerade weil so viele Biografen mehr oder minder ungeprüft seinen Aussagen folgen.

Zeitzeugen vergessen

Die Umsetzung verblasst dagegen, auch wenn Moll ausgesprochen schwungvoll schreibt und auf auf abschreckende Fachsprache überwiegend verzichtet. Sollten sich die wissenschaftlichen Gutachten daran (und am überaschend knappen Umfang der Arbeit) gestört haben, für eine Biografie auf dem Buchmarkt sind das keine schlechten Kriterien. Leider verzichtet Moll aber nicht nur auf unnötige Seiten und sperrigen Schreibstil. Er bezieht auch ganz elementare Zeugnisse über den „historischen Schweitzer“ nicht in seine Arbeit ein, was sich auf die Aussagekraft seines Vergleich auswirkt. Weder der Reisebericht des Schriftstellers Rolf Italiaander, noch die ausführliche Lambarene-Reportage des amerikanischen Journalisten Norman Cousins werden berücksicht und auch die knappe, aber analytisch klare Charakterstudie von Claus Jacobi nimmt Moll nicht zur Kenntnis. Alle drei hatten Schweitzer in Afrika besucht und ihn im alltäglichen Wahnsinn des Tropenhositals beobachtet. Dabei haben sie nur nur Schmeichelhaftes zu berichten vorgefunden. Inhaltlich hält das Buch von Sebastian Moll auch aus biografischer Sicht also leider nur in der flotten Sprache, was der reißerische Titel verspricht. Was Moll über den Selbstdarsteller Schweitzer zu Tage fördert - denn es ist ja kein Geheimnis, dass Schweitzer kräftig an seiner eigenen Legende gestrickt hat - geht im Großen und Ganzen nicht über das hinaus, was Nils Ole Oermann am  Schluss seiner vor einigen Jahren erschienen Biografie zusammenträgt. Insgesamt bleibt Moll weit hinter diesem Meilenstein der Schweitzer-Biografik zurück. Ein weiteres muss bedacht werden: Schweitzer hat sich zwar geschickt in Szene gesetzt, aber er hat es auch getan, um Aufmerksamkeit für sein Afrika-Projekt zu schaffen - und das war die Voraussetzung für die vielen Spenden und Zuwendungen, die das Tropenhospital finanziert haben. Insofern muss letztlich unklar bleiben, ob Schweitzers Selbstgefälligkeit auch eine strategische Dimension im Dienst seiner gelebten Nächstenliebe gehabt hat.

In der Tradition von Albert Schweitzer

Es entsteht der Eindruck, dass Sebastian Moll von Schweitzer wesentlich mehr beeindruckt ist, als die These seines Buches erwarten lässt. Es sieht so aus, als habe er mit Schweitzers Mitteln hat punkten wollen. Auch der dreifach promovierte Friedensnobelpreisträger hat eine sehr kurz gefasste philosophische Doktorarbeit abgegeben, in der er (natürlich viel kompromissloser) auf Sekundärliteratur verzichtet hat. Auch Schweitzer hat immer wieder gegen den wissenschaftlichen Mainstream angeschrieben und ist damit angeeckt. Aber Schweitzer hat die Provokation selten um ihrer selbst willen gesucht. Und in diesem Punkt kann man sich bei Moll nicht sicher sein. Denn als langjähriger Universitätsangehöriger hätte er wissen müssen, was geht und was nicht.

Sebastian Moll 2014: Albert Schweitzer. Meister der Selbstinszenierung.

Berlin University Press, 250 Seiten, € 29,99, EAN: 978-3-86280-072-8 

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Wer hat hier die Hosen an?

Frauen, die vorangehen, sind im Kommen. Kurzbiografien über sie auch. Trotzdem greifen viele Porträtsammlungen zu kurz...

Foto: Kremlin.ru, Lizenz: CC BY 3.0
Foto: Kremlin.ru, Lizenz: CC BY 3.0

Skandal im Bundestag. Da hat doch tatsächlich eine Frau die Hosen an - und ihren Rock im Schrank gelassen. Die traut sich was! "Sie sind eine ganz disziplinlose Person", schimpfen die einen an diesem 15. April 1970. Für die anderen ist Lenelotte von Bothmer eine Heldin, die etwas gewagt hat, wofür niemand vor ihr den Mut gefunden hat. Sie ist eine Erste, wie alle anderen Frauen auch, von denen der an sich gut gelungene Sammelband von Barbara Sichtermann und Ingo Rose berichtet. Trotzdem läuft die boomende Frauenbiografik Gefahr, sich in unzeitgemäßer Emanzipationsrhetorik zu verlieren. Denn um die Leistungen starker Frauen zu erkennen, braucht es eigentlich längst keinen Vergleich mit Männern mehr...

Barbara Sichtermann / Ingo Rose

Die Erste

Mutige Frauen verändern die Welt

Erschienen bei insel taschenbuch im September 2014. 144 Seiten kosten in der Taschenbuchausgabe 12,95 €.


Der Markt für Biografienbände wächst und wächst. Das ist kein Wunder. Das Format ist angenehm: Kurzportaits sind wie Kurzgeschichten appetitliche Lesehäppchen, die man guten Gewissens mal zwischendurch genießen kann. In der Biografik haben sie meistens eine sogenannte Klammer: Irgendwas, das die Portraitierten gemeinsam haben: Berühmte Ärzte, Musiker, Maler, Entdecker und so weiter. Und: Frauen. Immer mehr Portraitbände nehmen das Geschlecht zur Klammer. Zwischen ihren Buchdeckeln sind Frauen versammelt, die dann aber noch irgendetwas anderes gemeinsam haben müssen: Schöne Frauen, kluge Frauen, mutige Frauen und so weiter und so fort.

Das wirkt leider sehr oft aufgesetzt, denn die Botschaft solcher Bücher ist fast immer: Seht her, die Frauen können es auch. Und genau da liegt das Problem: Emanzipationsrhetorik dieser Art bewirkt schnell mal das Gegenteil. Die Sensationsaufmachung, in der die Leistungen starker Frauen in den Biografieregalen abgefeiert werden, vermitteln eher den Eindruck, als sei das etwas ganz besonderes und deshalb - anders als bei Männern, die das gleich leisten - besonders bewundernswert. Je mehr aber eine vermeintliche Geschlechterunterscheidung angeprangert wird, desto fester wird sie in der Wahrnehmung zementiert - auch wenn sie noch so unzeitgemäß ist.

Der Sammelband Die Erste ist da zum Glück etwas anders aufgezogen, auch wenn auch hier Portraits von Frauen dominieren, die zum ersten Mal etwas getan haben, was  Männer schon vorher gemacht haben (Kampfpilotin, Regierungschefin, Moderatorin). Wahrscheinlich wäre für diese Frauen der Titel des Vorworts der passendere Buchtitel gewesen: Türöffnerinnen. Das geht. Unter diesem Blickwinkel ist der Sammelband über mutige Frauen selbst ein gut gelungener Mutmacher. Aber es geht entweder nicht weit genug oder zu weit - je nach Perspektive. Die Autoren stellen selbst fest, dass wir in einer "Zeit der Ersten" leben. In vielen Bereichen - nicht in allen! - haben wir diese Zeit der Ersten jedoch allmählich hinter uns. Es gibt bereits eine ganze Reihe von Frauen, die durch die geöffneten Türen treten. Manche Türen werden regelrecht eingerannt: Beispielsweise sterben die Lehrer aus und das ist eine mittlere Katastrophe für die heranwachsenden Jungs (und Mädchen), die auch männliche Bezugspersonen brauchen.

Zum Glück warten auch andere Sichtweisen auf die Leserinnen und Leser des Sammelbands. Eine gute Story ist eine gute Story, da gibt es keinen geschlechtlichen Index", wird die erste Chefredakteurin der New York Times, Jill Abramson zitiert. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Auch, dass sich nicht Otto Hahns Begriff der 'Atomzerplatzung' durchgesetzt hat, sondern dass nach Lise Meitner von 'Spaltung' geredet wird, ist ein Beispiel für echte Erstleistungen, wie sie Männer und Frauen  gleichermaßen erbringen. Wie schade also, dass zum Beispiel das lesenswerte Portrait über die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, als Aufmacher die sexuellen Eskapaden ihres Vorgängers nötig hat. So ganz kann sich also auch dieser Sammelband nicht lösen von den eingeschliffenen Argumentationsfiguren... 

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Anna Sacher: Ein Bilderbuch vom alten Wien

Das Hotel Sacher ist weltbekannt, die erste Chefin nicht. Die Anna Sacher-Biografie ist eine literarische Reise ins alte Wien.

Die Blaue Bar im Hotel Sacher (mit freundl. Genehmigung des Hotels Sacher / Anna Sacher Madame d’Ora Lizenz: Gemeinfrei
Die Blaue Bar im Hotel Sacher (mit freundl. Genehmigung des Hotels Sacher / Anna Sacher Madame d’Ora Lizenz: Gemeinfrei

Sacher ist eine Marke von Welt: die weltberühmte Torte, das weltberühmte Hotel, beide sind Wahrzeichen und Marketingmagneten Wiens. Die Biografie der ersten Chefin Anna Sacher könnte man als Topmanagerinnen-Story schreiben. Monika Czernin hat sich für einen anderen Weg entschieden, die Lebensgeschichte dieser erfolgreichen Frau zu erzählen - und kommt der Macherin und dem Mythos Sacher damit viel näher als mit einer Pionierinnen-Jubelarie.

Monika Czernin

Das letzte Fest des alten Europa

Anna Sacher und ihr Hotel

Erschienen bei Knaus im November 2014. 352 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,99-. Euro. Leseprobe und weitere Features im Menu auf auf dem Cover (links oben).


Anna Sacher Biografie

Anna Sachers Geschichte beginnt wie eine der typischen Frauenbiografien, in den die Heldin des Buches erst einmal aus dem Schatten des Gatten treten muss. Das besorgt unfreiwillig Gevatter Tod: Früh, allzu früh, wird die junge Gastronomengattin zur Witwe. Als ihr Mann Eduard stirbt, da ist die 1859 geborene Anna Sacher noch nicht einmal 35 Jahre alt. Wie wird es jetzt wohl mit dem Hotel weitergehen, das Eduard gerade aufbaut? Wie mit dem Restaurant, in dem man seinen kulinarischen Geniestreich kosten kann: die  Sacher-Torte?

Lesevergnügen - am besten mit einem Stück Sachertorte

Anna Sachers Biografin Monika Czernin redet dieses Drama nicht klein, aber sie macht daraus auch keinen biografischen Urknall einer Superfrau, die alles genauso und noch besser macht. Sie lädt ihre Leserinnen und Leser ein zu einer literarischen Zeitreise ins Wien der Jahrhundertwende. Der neue Stolz der Stadt, die Ringstraße, zeigt den letzten Glanz der Donaumonarchie. In Wien treffen sich die Größen der Zeit - und sie treffen sich im Hotel Sacher. Das hat Monika Czernin zum Leitmotiv ihrer Sacher-Biografie gemacht: Die einzelnen Kapitel sind den VIPs der Zeit gewidmet, die in ihren jewiligen Allüren das Sacher besuchen und mit der Chefin in Kontakt kommen. Gustav Mahler, Kaiserin Sisi, Gustav Klimmt, die Thronfolger Rudolf und Franz Ferdinand: alle geben sich im Sacher die Ehre. Und in jeder dieser kurzweilig geschilderten Begegnungen lernen die Leserinnen und Leser auch die einzelnen Charakterzüge und Eigenschaften, Vorlieben und Laster der Anna Sacher kennen. Das ist eine ungewöhnliche Form der Biografie - aber sie überzeugt. Die anekdotische Erzählform wirkt nicht abgehackt oder konstruiert, sondern in sich stimmig. Und so duftet es schon nach wenigen Seiten (wenn man sich sich vom allzu reißerischen Titel "Das letzte Fest Europas" erholt hat) nach köstlicher Melange und man fühlt sich fast so, als würde man selbst in Anna Sachers Salon sitzen und dem Klatsch und Tratsch, den hochgeistigen und den politischen Gespräche an den Nachbartischen lauschen. Stilecht gehört übrigens zu diesem Lesevergnügen natürlich  ein Stückchen Sachersache...

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Sophie Charlotte: Die vergessene Prinzessin

Sophie Charlotte wäre fast Königin von Bayern geworden - doch die geplatze Verlobung mit dem Märchenkönig Ludwig II. ist nicht das größte Drama ihrer Lebensgeschichte...

Alle Fotos aus dem Buch. Verwendung mit freundlicher Genehmigung des August Dreesbach Verlags
Alle Fotos aus dem Buch. Verwendung mit freundlicher Genehmigung des August Dreesbach Verlags

Das Eulengezwitscher startet mit einer Prinzessinenbiografie ins neue Jahr: Rosatöne, wohin man schaut: Der Buchtitel, die kunstvolle Verzierung, das eigentlich schwarzweiße Coverbild, das eingebunde Lesezeichen, selbst der Anschnitt strahlt in mädchenhaft-majestätischem Rosa - nur die Lebensgeschichte der bayerischen Fast-Königin Sophie Charlotte ist alles andere als rosarot verlaufen. Christian Sepp es dennoch vermocht, sie als Lesevergnügen aufzubereiten - eine Buchvorstellung:

Christian Sepp

Sophie Charlotte

Sisis leidenschaftliche Schwester

Erschienen bei August Dreesbach im Oktober 2014. 288 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24 €.


Biografie Sophie Charlotte

Das Leben hätte so schön sein können: Von Haus aus mangelt es der 1847 geborenen Sophie Charlotte an nichts. Als jüngste Tochter des bayerischen Herzogs  Maximilian  und seiner Frau Ludovika wird sie in eine Märchenwelt hineingeboren. Man steht mit den Mächtigen des Alten Europas auf Du und Du, die ältere Schwester Elisabeth heiratet sogar den österreichischen Kaiser. In Sisis Schatten lebt es sich eine Weile ganz gut (weil weitgehend unbehelligt von Standespflichten). Doch dann kommt es richtig dicke: Auch Sophie Charlotte soll heiraten - und zwar den bayerischen Märchenkönig. Die Verlobung mit dem homosexuellen König (das ist ein nur schlecht gehütetes Geheimnis) markiert den Anfang einer Leidensgeschichte, die von einem dramaturgischen Knalleffekt zum nächsten purzelt. Denn die Hochzeitspläne werden erst aufgeschoben, dann aufgehoben. Sophie Charlotte, eine bildhübsche junge Frau, verliert sich in unglücklichen Affären (z. B. mit einem bürgerlichen Fotografensohn - ein Unding für eine Dame aus bestem bayerischen Haus! Selbst als sich das Eheglück doch noch einstellt (mit einem Herzog Ferdinand), wendet sich Sophie Charlottes Schicksalsblatt nur vorübergehend zum Guten - sie geht auch als verheiratete Frau eine Liebschaft mit ihrem Frauenarzt ein. Wer sich sexuell so wenig im Griff hat, landet (vorübergehend) in der Irrenanstalt. Selbst ist nicht das bittere Ende, denn Sophie Charlotte bleibt nichtmals ein qualvoller Tod erspart: Sie verbrennt bei lebendigem Leib, als während einer Wohltätigkeitsveranstaltung erst ein Feuer und dann eine Massenpanik ausbrechen. 

Die Buchbesprechung

Christian Sepp hat eine zeitgemäße Biografie einer (fast) vergessenen Prinzessin vorgelegt. Seine moderne Sprache, die auffallen kurzen Kapitel und die Fähigkeit, akrisch und leidenschaftlich Quellen aufzustöbern (zum Beispiel auch bei eBay) machen Lust auf weitere Biografien aus seiner Feder. Denn es ist schwierig, mit einer so unbekannten Protagonistin zu überzeugen. Christian Sepp gelingt das, weil er seine Leser ernst- und mitnimmt: Er moderiert und erklärt, warum er was wie  berichtet. Nicht unerheblich ist auch die edle Ausstattung des Buches, die den Lesegenuss spürbar beeinflusst. Aber: Die Biografie ist eher ein Lebensbericht, als eine Lebenserzählung. Will heißen: ein bißchen mehr szenische Schilderung hätte dieser dramatischen Geschichte nicht geschadet...

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Mainhard von Nayhaus: Der Kanzlerkenner

Der Journalist Mainhardt Graf von Nayhauß erzählt Machtgeschichten

Foto: Gernot Uhl
Das journalistische Urgestein Mainhardt Graf von Nayhauß auf der Frankfurter Buchmesse.

Ohne Kohl geht's kaum. Der Altkanzler ist auf der Frankfurter Buchmesse allgegenwärtig, selbst da, wo's nicht um Bücher von ihm oder über ihn geht. Wenn aber mit Mainhardt Graf zu Nayhauß ein journalistisches Urgestein der Bonner Republik und selbsterklärter "Chronist der Macht" seine Erinnerungen vorstellt, dann muss aber auch über den Machtmenschen Helmut Kohl gesprochen werden.

Mainhaus Graf von Nayhauß

Chronist der Macht

Autobiografie

Erschienen bei Siedler im September 2014. 544 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,99 €.


Ganz konkret erzählt und schreibt Nayhauß von einer pikanten Homestory. Anfang der 1970er sitzt er mit Kohls beim Kaffee. Helmut muss noch mal ins Büro und so unterhält sich Nayhauß mit Hannelore. Und die offenbart Erstaunliches:

Sie schießt regelmäßig mit ihrer Pistole. Wir bitten sie, für ein Foto mit der Waffe zu posieren. Ohne zu zögern holt sie die Pistole, legt an mit ausgestrecktem Arm und visiert ein imaginäres Ziel mit dem rechten Auge über Kimme und Korn an. 

Der journalistisch gehörnte Politikergatte ist außer sich und Nayhauß fällt bei Kohl in Ungnade. Als Journalist war man bei Kohl aber immer Liftboy, erinnert sich Nayhauß im Buchmessen-Talk mit Rainer Blasius von der FAZ, mal ganz oben, mal ganz unten. Der schreibende Graf (geb. 1926) hat in seinen vielen Berufsjahrzehnten nicht nur mit Kohl gesprochen, sondern mit allen bisherigen Kanzlern - und dabei für fast alle großen Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet. Sein persönlicher Stil verbindet ein treffsicheres politisches Gespür für die richtigen Fragen und Themen mit der locker-verständlichen Schreibe des Boulevards. Und das hat Nayhauß nicht verlernt. Seine gut 500 Seiten  umfassende Autobiografie liest sich flüssig und kurzweilig wie eine Lebens- und Laufbahnreportage. Wer den ein oder anderen Blick hinter die Kulissen der Bonner Republik werfen will, wird beim Chronist der Macht fündig: Unterhaltsam und amüsant erzählt er Anekdotisches und Merkenswertes aus 60 Jahren Bundesrepublik- und Kanzlergeschichte.

Nayhauß selbst legt noch mehr viel Wert darauf, Zeugnis über die Kindheit- und Jugendlüge abzulegen, mit der er leben musste: dass sein Vater von der Gestapo verhaftet gefoltert und ermordet worden war, verheimlicht ihm die Mutter. Ahnungslos stellt sich der Sohn der Ermordeten als Heranwachsender gut mit dem nationalsozialistische Regime. Er ist in der Hitlerjugend, später sogar bei der Waffen-SS. Dass er noch später als bekennender Bundesrepublikaner lebt, nimmt DER SPIEGEL zum Ausgangspunkt einer fragwürdigen Argumentation: "Nayhauß hat sich angepasst - immer und jedem." Ein gewisses Maß an Anpassung ist kein journalistisches Makel, Chronisten und Kommentatoren müssen auf der Höhe der Zeit sein - und das praktiziert auch DER SPIEGEL unter anderem mit seiner erfolgreichen Online-Ausgabe. Wer wie Nayhauß unangenehme Fragen stellt und damit Dauerkanzler wie Adenauer und Kohl verärgert, der kann so angepasst nicht sein. Und dass Nayhauß als knapp 90-Jähriger einen zeitgemäßen Schreibstil findet, kann man ihm auch nicht zum Vorwurf machen. Ein ganz und gar Angepasster würde eine solch' diskussionswürdige Jugend wohl gar nicht mehr erst zum Thema machen. Graf von Nayhauß hat es getan.

Fazit: Es gibt nur zwei Schwachstellen in diesem Buch: Der Titel ist der schwächste Teil. Mainhardt Graf von Nayhaus ist nämlich kein dröger "Chronist der Macht". Er ist ein lebhafter Erzähler, der analytische Tiefe und kecken Stil verbindet. Auch der Umfang wirkt abschreckend. Über 500 Seiten Politikgeschichte? Gefühlt sind es allerdings weit weniger als 500 Seiten, denn Nayhauß erzählt Politik in vielen kleinen Geschichten. Sein offener Umgang mit der konformen Jugend im Nationalsozialismus macht das Buch glaub- und lesenswürdiger. Eine spannende Zeitreise mit einem Elder Journalist, der das Schreiben nicht verlernt hat.

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Marilyn Monroe: Der Wind, der Wind, das himmlische Weib...

Marilyn Monroe lässt wieder blitzen: In ihren Skizzenbüchern gewährt sie tiefe Einblicke in ihr Leben als traurige Traumfrau

By Published by Corpus Christi Caller-Times-photo from Associated Press [Public domain], via Wikimedia Commons
Der berühmteste Lupfer der Hollywood-Geschichte: Marilyn Monroe auf dem Luftschacht

Sie verdreht Männern bis heute den Kopf: Marilyn Monroe (1926-1962). Bei den Dreharbeiten zu „Das verflixte 7. Jahr“ lässt es die Hollywood-Blondine im September 1954 blitzen: Der Lüftungsschacht einer U-Bahn hebt ihr den Rock. Weil die Kamera läuft, ist der berühmteste Lupfer der Filmgeschichte im Kasten. Auch in Ihren Skizzenbüchern lässt die Monroe tief blicken:  in die Seele einer traurigen Traumfrau...

Marilyn Monroe

Tapfer lieben

Ihre persönlichen Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe            

Erscheint bei S.Fischer im Juli 2012. 272 Seiten kosten in der Taschenbuchausgabe 12,99 €.


Die zwei unscheinbaren Kartons haben es in sich: Sie bergen die persönlichen Aufzeichnungen von Marilyn Monroe. In ihren erst 2007 entdeckten Briefen, Notizen und Gedichten wird die Monroe wieder lebendig. Wir begegnen aber nicht der zuckersüßen und naiven Blondine, die wir von der Leinwand, Postern und Pinups kennen. Wir treffen darin auf eine nachdenkliche und Frau, die ihrem Image als Sexsymbol in inniger Hassliebe verbunden ist.

Es ist kein Vergnügen, sich selbst gut zu kennen oder es jedenfalls zu denken - jeder braucht ein bisschen Einbildung, um  um an und um den Abgrund zu kommen

Marilyns Aufzeichnungen sind als Hochglanz-Taschenbuch erschienen. Kunstvoll und stilsicher gestaltet haben die Herausgeber Fotografien der Originalskizzen (auf Briefbögen, in Notizbüchlein und auf Hotelpapier) mit einer buchstabengetreuen englischen Abschrift und einer deutschen Übersetzung versehen. Lediglich kurze Einführungen und Kommentare ordnen die sehr unterschiedlichen Aufzeichnungen ein und lassen der Monroe das Wort: Ihre Gedichte und autobiografischen Fragmente erzählen viel von Selbstzweifeln und Selbstmotivation: Ich weiß, dass ich nie glücklich sein werde, aber fröhlich kann ich sein! Vor allem atmet diese Skizzensammlung den Wunsch geliebt zu werden. Kein Wunder: Die Lebensgeschichte der 1926 geborenen Traumfrau birgt so manchen Alptraum: Kindheit im Waisenhaus, wechselnde Pflegemütter und Ehemänner, dazu der frühe und niemals geklärte Tod 1962 (wahrscheinlich durch überdosierte Medikamente). Obwohl sich Marilyn Monroe viel von der Seele geschrieben hat, nehmen die jüngsten Veröffentlichungen dem Geheimnis Marilyn nichts, eher könnte man sagen, sie verleihen ihm Substanz, wie es die Herausgeber formulieren. Ein schönes Geheimnis wird aber doch gelüftet: Marilyn Monroe war eine leidenschaftliche Leserin: Seltene Fotos zeigen sie mit James Joyce‘ „Ulysses“ und mit Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“. Selbst in Drehpausen hat sie sich gerne mal mit einem guten Buch zurückgezogen. Besonders gerne hat Marilyn Monroe übrigens Biografien gelesen…

Zum weiterlesen im Biografien-Blog...

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Sonia Sotomayor: Ein biografischer Hürdenlauf ins Oberste Gericht

Die US-Richterin Sonia Sotomayor legt ihre Memoiren vor

Foto: Collection of the Supreme Court of the United States, Steve Petteway source
Foto: Collection of the Supreme Court of the United States, Steve Petteway source

Die Personalie Sonia Sotomayor ist in den USA ein Politikum. Als Präsident Barack Obama sie vor fünf Jahren für den Obersten Gerichtshof nominiert hat, hat das politische Washington die Stirn gerunzelt: Ist Sotomayor nur eine Quotenfrau, die mit ihren puertoricanischen Wurzeln auch noch die Latinos mitabdecken soll? Auf den politischen Trubel um sich geht Sotomayor kaum ein. Stattdessen erzählt sie von dem biografischen Hürdenlauf, der sie in den Supreme Court gebracht hat. Ein reíner Karrierebericht oder politische Abrechnungen würden ihrem Leben auch nicht gerecht werden. Sie hat alle biografischen Hürden als Herausforderungen angenommen und sich auf einen Lebensweg gemacht, der über schwierige Familienverhältnisse, gesundheitliche Schicksalsschläge und Einwanderer-Vorbehalte aus einem Hinterhof in der Bronx ins politische Washington führt. Heute feiert sie ihren 60. Geburtstag - Grund genug, einen Blick in ihre jüngst bei C.H. Beck erschienene Autobiografie "Meine geliebte Welt" werfen.

Sonia Sotomayor

Meine geliebte Welt

Erschienen bei C.H. Beck im Februar 2014. 349 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,95 €.


Sonia Sotomayor ist am 25. Juni 1954 in New York geboren. Ihre Eltern sind auf der unterschiedlichen Wegen, aber auf der gemeinsamen Suche nach einem besseren Leben aus Puerto Rico in die Bronx gekommen. Mit Sonia scheint es das Leben zuerst einmal nicht gut zu meinen: Weil der  Vater kaum Englisch spricht, redet man zuhause nur Spanisch.  Auch beruflich läuft es nicht rund für den Vater: Als seine Firma (eine Spielzeugfabrik) pleite macht, ist er auf Jobs angewiesen, die ihm alle Kraft rauben und er verfällt dem Alkohol. Die Mutter ist von der Heilsarmee zur Hilfsschwester ausgebildet worden. Sie flüchtet sich vor dem zugrundegehenden Vater in die Arbeit oder zu Freunden; aber sie bleibt bei ihrem Mann, bis der sich zu Tode gesoffen hat. Fast zeitgleich - Sonia ist acht Jahre alt - diagnostiziert man bei ihr Diabetes. Das ist den 1960er Jahren keine harmlose Angelegenheit, denn noch sind Insulinspritzen in der Heimapotheke nicht selbstverständlich:

Aber die Krankheit erzeugte in mir auch jene Art frühreifer Selbstständigkeit, wie sie nicht untypisch ist bei KIndern, die die Erwachsenen um sie herum als unverlässlich erleben.

Mit dem Tod des Vaters wird diese Selbstständigkeit überlebenswichtig, denn die Mutter zieht sich monatelang in ihre Trauer zurück und ist kaum ansprechbar. Erst als Sonia und ihr Bruder die Mutter vehement in die Pflicht nehmen, kommt sie wieder in die Pushen und krempelt ihr Leben um: Nun wird endlich Englisch gesprochen, was sich als Segen für die Integration der Kinder entpuppt. Denn jetzt versteht Sonia, was man in der Schule von ihr will. Mit fürsorglicher Unterstützung ihrer Lehrer lernt sie die akademische Bildung als Voraussetzung für sozialen Aufstieg schätzen. Neben dem Debattierklub setzt sie vor allem ihrer Geschichtslehrerin Miss Katz in ihrer Autobiografie ein Denkmal:

Ihre Forderung nach einer kritisch-analytischen Herangehensweise blieb abstrakt, wenngleich verlockend. Zwar schnitt ich nicht schlecht ab bei ihr, aber ich musste bis zum Studium warten, ehe mir so recht klar wurde, was sie gemeint hatte.

Auf dem Weg an die Uni wird ihr das Glück der Tüchtigen zuteil: Weil Amerika gerade mit seiner sozialen Diskriminierung aufräumt, schafft sie es im Zuge der genannten "Affirmative Action" nach Princeton und Yale. Das Mädchen aus der Bronx durchläuft eine Eliteausbildung zur Juristin, die ihr (nach einer längeren Station bei der New Yorker Staatsanwaltschaft) die Türen zu erfolgreichen Anwaltskanzleien öffnet (trotz einiger gescheiterter Bewerbungen). Das große Geld aber reizt Sonia Sotomayor nicht so sehr wie die großen Aufgaben: Deshalb nimmt sie als Partnerin bei Pavia & Harcourd ihren Abschied, um Richterin zu werden. Das ist ihr Lebensziel und sie verfolgt es um des verantwortungsvollen Amtes willen. Ihre Memoiren schreibt sie nicht als selbstverliebte Karrierejuristin. Ihr Anliegen ist es, den Prozess ihrer Selbstwerdung zu schildern, der sich bei ihr weniger im Job als in der Persönlickeit vollzieht. Ganz nebenbei entpuppt sich Sonia Sotomayor als passionierte Mutmacherin: Denn wer ihre Memoiren als Integrationsgeschichte lesen will, der darf sich auf trotz aller Widrigkeiten auf eine fröhliche Erfolgsstory freuen.

Fazit: Sonia Sotomayors Autobiografie "Meine liebte Welt" liest sich wie ein modernes amerikanisches Märchen mit tristem Beginn und offenem Happy End: Denn Sonia Sotomayor berichtet aus mehr aus ihrem Leben als aus ihrem Job: Für noch mehr spannende Gerichtsfälle aber kann man getrost auf die zahllosen Krimis in den Buchregalen verweisen - eine soziale Aufsteigerstory aus selbstreflektierter Perspektive ist dagegen selten. Sonia Sotomayor hat sie geschrieben und gezeigt, weil erfolgreich Integration sein kann, wenn alle Beteiligten an ihr interessiert sind.

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Bertha Benz: Die Cruiserin

Bertha Benz (1849-1944) machte die erste Automobil-Spazierfahrt

Bühler, Mannheim - Automuseum Dr. Carl Benz, Ladenburg. Lizenziert unter Gemeinfrei
Bühler, Mannheim - Automuseum Dr. Carl Benz, Ladenburg. Lizenziert unter Gemeinfrei

Frau am Steuer - das wird teuer. Wie wahr: Im ersten Quartal 2014 verbucht Mercedes-Benz Cars einen Rekordumsatz von 17 Milliarden Euro (plus 21 Prozent). Knapp 400.000 Fahrzeuge wurden von Januar bis März verkauft. Die nunmehr über 125jährige Erfolgsgeschichte der Automarke Benz beginnt mit  einer mutigen Frau am Steuer: im August 1888 fasst sich Bertha Benz ein Herz und bricht zu einer Tagesfahrt mit dem dritten Motorwagen auf, den ihr Mann Carl gebaut hat. Damit verhilft der bislang skeptisch beäugten Kutsche ohne Pferde zum Durchbruch. Ohne Bertha, die heute vor 100 Jahren gestorben ist, wäre Carl Benz wohl als durchgeknallter Tüftler in die Geschichte eingegangen.

Lizenz: Gemeinfrei
Lizenz: Gemeinfrei

Bertha Benz wird am 3. März 1849 in Pforzheim als dritte Tochter ihrer wohlhabenden Eltern geboren. Ihr Vater, der Zimmermeister Karl Friedrich Ringer, ist enttäuscht: "Leider wieder nur ein Mädchen. Während von Karl Friedrich Ringer heute niemand mehr spricht, macht Bertha Geschichte - und zwar in einer vermeintlichen Männerdomäne: Der Automobilbranche. Genauer gesagt hebt sie diese Männerbranche sogar aus der Taufe. Und das kommt so: Bertha lernt Carl Benz kennen, ein von Selbstzweifeln geplagtes Genie. Noch bevor die beiden heiraten, lässt sich Bertha von ihrem Vater die Mitgift auszahlen, um ihren künftigen Gatten und seine geheimnisvollen Ideen zu finanzieren. Carl Benz bastelt an einem Motor. Zehn Jahre braucht er, zehn weitere, bis der Motor einen Wagen antreibt. 1886 meldet der Auto-Erfinder seinen ganzen Stolz zum Patent an und führt ihn auf kurzen Fahrten vor.

Benz, Carl Friedrich: Lebensfahrt eines deutschen Erfinders. Die Erfindung des Automobils, Erinnerungen eines Achtzigjährigen. Leipzig 1936, S. 155-156. zeno.org. Lizenziert unter Gemeinfrei
Benz, Carl Friedrich: Lebensfahrt eines deutschen Erfinders. Die Erfindung des Automobils, Erinnerungen eines Achtzigjährigen. Leipzig 1936, S. 155-156. zeno.org. Lizenziert unter Gemeinfrei

Doch der Patentwagen floppt. "Die Straße gehört den Pferden", schreiben die Meinungsführer in den Zeitungen. Was für heutige (und verspottete) Pioniere ein Trost sein mag, wirft den armen Carl aus der Bahn. So lange hat er gearbeitet - und jetzt ist sein Auto ein Ladenhüter? Während er den Mut verliert, fasst Bertha einen verwegenen Plan. Sie wird beweisen, dass Carls Wagen (das dritte Modell) Langstrecken schafft und damit eine zukunftsträchtige Erfindung ist. Carl darf davon nichts wissen. Nie würde er seine Frau fahren lassen. Auch die Polizei sollte besser nichts mitbekommen - weil die Pferde beim Anblick ihrer benzingetriebenen Konkurrenz scheuen (wohlweislich?), darf der Wagen nur mit spezieller Genehmigung rollen. Das ist Bertha Benz egal. Mit ihren beiden Söhnen Eugen und Richard bricht sie klammheimlich im Morgengrauen auf, um ihre Schwester in Pforzheim zu besuchen. "Sie liebten meinen Wagen, wie ich ihn liebte", erinnert sich der achtzigjährige Carl Benz. "Aber sie verlangten mehr von ihm als ich. Sie wollten wissen, ob mit dem neuen Wagen eine neue Ära für Landfahrer angebrochen sei und in welchem Umfang er zum Landfahren und Landstreichen benützt werden könne. Bergauf und bergab sollte der entführte Wagen zeigen, was er konnte und nicht konnte – auf einer Strecke von 180 Kilometern." Sicher: Problemlos geht das nicht. Mal müssen die Benzens schieben, weil der 1,5 PS-Motor eine Steigung nicht schafft und schon nach wenigen Kilometern ist der Sprit alle. Wie gut, dass eine Apotheke in der Nähe ist. Dort tankt man voll - mit dem Reinigungsmittel Ligroin. Selbst zwei Defekte können Bertha Benz nicht stoppen:  "Das eine Mal war die Benzinleitung verstopft - da hat meine Hutnadel geholfen. Das andere Mal war die Zündung entzwei. Das habe ich mit meinem Strumpfband repariert." Schließlich rollen Bertha und Söhne wohlbehalten in Pforzheim ein. Obwohl Carl erstmal ziemlich erbost ist, kann er die Leistung nicht verhehlen: "Sie war wagemutiger als ich und hat eine für die Weiterentwicklung des Motorwagens entscheidende Fahrt unternommen." Bertha Benz hat den Siegeszug des Automobils lange verfolgen können. Sie ist am 5. Mai 1944 im Alter von 95 Jahren gestorben - heute vor 70 Jahren.

Übrigens: Wer mehr über Bertha Benz erfahren will, kann mal auf ihrer Gedenkseite nachsehen. Dort sind auch die meisten ihrer Zitate her...

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Silvia Neid: Die (fast) Unbesiegbare

Silvia Neid (geb. 1964) ist deutsche Fußballnationaltrainerin.

Silvia Neid, Foto:  xtranews.de, Lizenz: CC-BY-2.0
Silvia Neid, Foto: xtranews.de, Lizenz: CC-BY-2.0

Sie ist das Gesicht des deutschen Frauenfußballs: Silvia Neid. Wann immer die DFB-Kickerinnen einen großen Titel geholt haben, war Silvia Neid dabei: zuerst als Spielerin, dann als Trainerin. Europameisterin ist sie fast im Abonnement, auch zur Weltmeisterschaft hat sie die deutschen Fußballfrauen schon geführt. Heute feiert sie ihren 50. Geburtstag.

Silvia Neid wird am 2. Mai 1964 in Walldürn (bei Karlsruhe) geboren. Von Kindesbeinen an spielt sie leidenschaftlich und ausgezeichnet Fußball. Noch ist nicht zu erahnen, dass sie aus dieser Passion einmal eine Profession machen kann. Der Frauenfußball steckt Anfang der 1970er Jahre wie Silvia Neid selbst noch in den Kinderschuhen. Nach der Schule lernt Neid, wie man Wurst und Fleisch verkauft - eine zeitlang jobbt sie auch im Blumenladen. Das sind aber nur Übergangslösungen. Silvia Neid bleibt am Ball und schafft beim SSG 09 Bergisch Gladbach den Durchbruch: Nach der Deutschen Meisterschaft und dem Pokalsieg wechselt sie Mitte der 1980er Jahre zum TSV Siegen. Dort reift sie zur Seriensiegerin und setzt sich auch in der Nationalmannschaft durch: Mit 48 Tore in 111 Spielen stellt sie sich selbst das Zeugnis einer Führungskraft aus. Nach ihrer aktiven Karriere verlässt Silvia Neid den grünen Rasen nicht - sie wechselt nur auf die andere Seite der weißen Kreidelinie. Im Trainerstab macht sie die ganz große Karriere. Sie formt aus einer sehr guten Mannschaft eine konstante Elf auf Weltklasseniveau. Wieder folgt Titel auf Titel. Aber oben wird die Luft dünn und selbst die große Silvia Neid ist nicht ganz unbesiegbar: Als die DFB-Frauen bei der WM im eigenen Land 2011 überraschend früh ausscheiden, gerät die Trainerin sofort in die Kritik. Aber die Frauen scheinen nicht so schnell die Nerven zu verlieren wie die Männer. Neid bleibt Trainerin und wird zwei Jahre später zum zweiten Mal zur FIFA-Trainerin des Jahres gewählt. Silvia Neid weiß also, wie man aus einer Krise gestärkt hervorgehen kann. Vielleicht sollte sie Pep Guardiola mal zum Abendessen einladen? Silvia Neid würde wohl nicht ablehnen, denn sie schätzt den smarten Bayern-Coach (siehe Clip).

Silvia Neids Biografie weiterzwitschern:

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Carl Fabergé: Frohe Ostern mit Fabergé-Eiern

Lizenz: tpabma / 123RF Stock Foto
Lizenz: tpabma / 123RF Stock Foto
Peter Carl Fabergé. Lizenz: gemeinfrei
Peter Carl Fabergé. Lizenz: gemeinfrei

Er war der Mann mit den goldenen Eiern: Peter Carl Fabergé. Der russische Juwelierssohn verlebt eine Reisejugend: In Dresden geht er zur Handelsschule, dann lässt er sich in Frankfurt zum Juwelier und in Hanau zum Goldschmied ausbilden. Danach sammelt er in ganz Europa kulturelle und künstlerische Eindrücke, die er - zurück in der Heimat - geschickt umsetzt. Sein Mitarbeiter Eric Kollin kommt auf die glänzende Idee, den Osterbrauch zu veredeln. In Sankt Petersburg ist man sehr interessiert an Glitzer und Glamour und in Fabergés Werkstatt weiß man, wie man dieses Interesse erfolgreich bedient: mit den ersten und teuersten Überraschungseiern der Welt: Die Fabergé-Eier haben es in sich: Schmelzglas, Silber, Gold und gar Rubine kommen in immer neuen Kleinodien zum Vorschein, wenn die Dame von Welt eines der goldenen Eier öffnet. Denn nicht für Kinder, sondern für Kaiserinnen sind die Fabergé-Eier gedacht. Der russische Zar Alexander III. schenkt seiner Angetrauten Maria Fjodorowna 1885 ein Ei, in dem eine brütende Henne mit rubinroten Augen sitzt. Wie der Vater, so der Sohn: Nur will es Nikolaus II. besser, edler und teurer haben: Zur Erinnerung an seine Krönungsmesse gibt er bei Fabargé 1896/97 ein Ei in Auftrag, das alle bisherigen in den Schatten stellt: Das Krönungsei, das Nikolaus seiner Gattin Alexandra zum Geschenk macht, ähnelt von außen dem Mantel, den sie bei der Krönung getragen hat. Doch die eigentliche Krönung versteckt sich im Ei: Dort findet Alexandra ein Miniaturmodell der Kutsche, mit der sie zur Inthronisierung gefahren ist (siehe Clip).

Bis heute ist das Krönungsei das wertvollste Fabergé-Fabrikat (etwa 24 Millionen Euro). Auch wenn ihm der Glanz seines Schaffens hat ihn unsterblich macht: Fabergés Kleinodien machen dem Kunstschmiednicht nur Freude: Mit der Oktoberrevolution und dem Sturz der Romanows wird auch der Meister der imperialen Eier zur unerwünschten Person und stirbt 1920 im Schweizer Exil. Da ist es doch irgendwie besser, von geschichtlichen Zäsuren unbedroht ganz gemütlich mit ganz normalen Ostereiern zu feiern. Das Eulengezwitscher wünscht jedenfalls frohe Festtage und viele bunte Osternester...

Peter Carl Fabergés Biografie weiterzwitschern:

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Barbara Salesch: Anfängerin aus Leidenschaft

Barbara Salesch spricht über ihr Leben voller Wendungen

Barbara Salesch im Gespräch mit Jana Brechlin
Barbara Salesch im Gespräch mit Jana Brechlin

Diese Frau ist ein echtes Energiebündel: Der Auftritt von Barbara Salesch in der Autorenarena  der Leipziger Volkszeitung entspricht ganz ihrer Erscheinung: Wuchtig ist er wie ihre Statur, feurig wie ihre roten Haare, keck wie ihre funkelnden Augen,  lässig wie das weite Gewand, das sie trägt und bunt wie der Schal den sie trägt. Das Eulengezwitscher hat die Vorstellung ihrer Autobiografie "Ich liebe die Anfänge" besucht: Mit ihrem lebensbejahenden Optimismus macht Barabara Salesch auf der Buchmesse vor allem eines: Lust auf Veränderung.

Barbara Salesch

Ich liebe die Anfänge!

Von der Lust auf Veränderung

Erschienen bei Fischer Krüger im März 2014. 256 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 18,99 €.


Zugegeben: Dieser Termin war nicht geplant. Nach einem langen Messetag mit vielen guten Gesprächen und Eindrücken habe ich eigentlich nur ein Plätzchen gesucht, um etwas auszuruhen. Gefunden habe ich die Autorenarena der Leipziger Volkszeitung. Dort also überrascht mich Barbara Salesch. Zwar weiß ich nicht viel von ihr, aber ich hege auch keine großen Erwartungen. Was kann man auch von einer Vorsitzenden Richterin erwarten, die am Landgericht ihre Zelte abbricht, um im privaten Nachmittagsprogramm in einer Gerichtsshow mit mittelmäßigen Laiendarstellern künstlich dramatisierte Strafrechtsfälle zu verhandeln? Nicht viel, möchte man meinen - und das ist ein Irrtum. Man darf zuallererst eine professionelle Repräsentantin unseres Rechtsstaats erwarten, die ihre Rolle als Richterin nach wie vor sehr ernst nimmt und sich in kollegialer Zurückhaltung nicht zum Fall Hoeneß äußert (obwohl der Urteilsspruch nur wenige Stunden alt ist). Dann darf man eine quietschfröhliche  Powerfrau erwarten, deren realistischer Riecher für die Quote trotzdem Raum für eine gesunde Selbstironie lässt: "Die Leute wollen eben Blut sehen", sagt Barbara Salesch zu ihrer TV-Gerichtsshow , "es muss tropfen." 

Man darf drittens eine engagierte Mutmacherin erwarten, die Frauen ermuntert, sich im Job selbstbewusster zu geben und nicht jedes spannende Angebot den Männern zu überlassen (dazu der Audioclip). Vor allem aber darf man eine Anfängerin aus Leidenschaft erwarten: Barbara Salesch empfindet ihr Leben voller Wendungen (beruflich wie persönlich) keineswegs als gebrochene Biografie. Im Gegenteil: Ihr Lebenskonzept besteht geradezu darin, immer wieder neue Anfänge zu wagen. Nach zwölf Jahren als TV-Richterin hat sie die Säge mit zum Set genommen und ihr Pult zu Kleinholz gemacht.


Seither widmet sie sich der Kunst. Im eigenen Atelier und in der Galerie Barbara Salesch arbeitet sie jetzt als Malerin und Bildhauerin und erfüllt sich damit einen lang gehegten Wunsch.

Ihre Autobiografie "Ich liebe die Anfänge!" hat sie quasi nebenher geschrieben. Es scheint, als ziehe Barbara Salesch ihre Energie und Kreativität gerade aus den vielen Veränderungen, in die sie sich stürzt. Ihre Lust auf Veränderung jedenfalls ist ansteckend...

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Erika Pluhar: (K)ein ganz normales Frauenleben

Die Wiener Künstlerin Erika Pluhar schaut zurück

Foto: Andreas Müller, Lizenz: Erika Pluhar
Foto: Andreas Müller, Lizenz: Erika Pluhar

Die 75 Jahre sieht mal ihr nicht an. Erika Plujahr sieht blendend aus. Die ein- oder andere Altersfalte und das perfekt sitzende silberblonde Haar entstellen sie nicht, im Gegenteil. Ganz in elegantem Schwarz gekleidet betritt sie gut gelaunt das Wiener Kaffeehaus auf der Leipzig Buchmesse. Dort plaudert sie aus ihrem Leben, dem Leben einer öffentlichen Frau. Das Eulengezwitscher war dabei.

Erika Pluhar

Die öffentliche Frau

Eine Rückschau

Erschienen im Residenz Verlag im September 2013. 288 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 21,90 €.


"Woart amol..." Erika Pluhar hat das Buch schon aufgeschlagen, um daraus zu lesen. "Meine Brille brauch' i..." Freundliche Lacher. Das Wiener Kaffeehaus in der Halle 4 der Leipziger Messe ist überfüllt, bis auf die breiten Gänge stehen die Zuhörer. Kein Wunder: Erika Pluhar hat etwas zu erzählen. Beruflich blickt sie auf eine grandiose Künstlerkarriere zurück. Vier Jahrzehnte war sie Schauspielerin am Burgtheater, dazu erfolgreiche Chansonsängerin und Filmemacherin, Autorin. Privat hat sie gravierende Schicksalsschläge erdulden müssen: Ihr erster Mann wird (lange nach der Scheidung) wegen sechsfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Auch die zweite Ehe (mit André Heller) scheitert (allerdings sind beide nach wie vor eng befreundet). Der dritte Lebenspartner bringt sich um und Pluhars Tochter Anna erstickt an einem Asthmaanfall. Trotz allem ist von Verbitterung nicht zu spüren im Wiener Kaffeehaus. Da liest und spricht eine selbstbewusste und lebensbejahende Vollblutkünstlerin über ihre Wandlung von der Femme Fatal zur  Emanze in nur einem Frauenleben. Früher hingen die Männer an ihren Lippen, wenn sie mit betörend dunkler Stimme ihre (frivolen) Chansons gesungen hat.

Heute sind es vor allem die Frauen mittleren Alters, die ihr begeistert und andächtig zuhören. Die Pluhar ist ein Vorbild. Sie lebt ein selbstbestimmtes Leben und ist erfolgreich damit. Ihre Lebensgeschichte - und das macht den besonderen Reiz ihrer Autobiografie aus - erzählt sie einem fiktiven und namenlosen Reporter in einem fiktiven Interview. Ihm erklärt sie auch, warum auch ein öffentliches Leben am Ende ein normales Leben ist: 

Wissen Sie, lieber Herr Redakteur, fährt sie dann fort, es ist ein eigen Ding um öffentliches Interesse. Im Grunde genommen hat es mit dem Leben des Menschen, für den man sich interessiert, wenig zu tun. Wir leben, leiden und sterben mutterseelenallein, auch wenn wir medial präsent sind. Es gibt prominente Leute, die meinen, sie seien nur am Leben, wenn ihr Leben öffentlich gemacht werde, egal wie. Was für ein grausamer Irrtum. Tja, sagt der Redakteur.

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Konrad Lorenz: Der Vater der Graugänse

Konrad Lorenz (1908-1989) war ein österreichischer Zoologe

Gerbil. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Gerbil. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Er war der Vater der Graugänse: Konrad Lorenz.  Als "Einstein der Tierseele" (DER SPIEGEL) revolutioniert er die Verhaltensforschung im Grau(gans)bereich zwischen Natur und Wissenschaft mit seiner Zoologie zum Anfassen: Wenn Konrad Lorenz fröhlich schnatternd den Gänsemarsch zum See anführt und mit seinen Küken planscht, ist die Begeisterung groß. Aber Lorenz kann auch anders: Als strammer Darwinist redet er guten Gewissens den Nationalsozialisten das Wort. Diesen Makel wird selbst der spätere Nobelpreisträger nicht mehr los.

Die Wissenschaft ist Konrad Lorenz in die Wiege gelegt. Sein Vater Adolf ist ein weltberühmter Orthopäde. Für seine neuartige (weil unblutige) Behandlung von angeborenen Hüftgelenksverrenkungen bekommt er beinahe selbst den Nobelpreis. Adolf Lorenz ist es auch, der seinem jüngsten Sohn von Anfang an klarmacht, dass nur der Stärkere überlebt. Als Konrads Mutter kurz vor der Geburt eine Embolie erleidet, befürchtet man das Schlimmste. Nur der Vater bleibt kühl: "Das Neugeborene muss imstande sein, das extrauterine Leben zu ertragen, oder es stirbt besser." Das dumpfe Gefühl, kein vollwertiges Kind zu sein, bleibt Konrad lange erhalten - obwohl er kerngesund ist. Auf dem Landsitz seines Vaters entdeckt er früh sein Interesse daran, Vögel, Fische und Insekten zu beobachten. Nach dem Abitur studiert er zuerst Medizin (für den Vater), dann wendet er sich der Vogelkunde zu (für sich). Seine akademischen Lehrer erkennen und fördern die immense Begabung von Konrad Lorenz - unter anderem mit einem Stipendium.

Mittlerweile hat Hitler die Herrschaft an sich gerissen. Den neuen Machthabern bleibt nicht verborgen, dass Lorenz bereits vor dem Anschluss Österreichs die Werbetrommel gerührt hat: "Schon lange vor dem Umbruch war es mir gelungen, sozialistischen Studenten die biologische Unmöglichkeit des Marxismus zu beweisen und sie zum Nationalsozialismus zu bekehren." Lorenz wird zu einem Paradeprofessor des Regimes  (in Königsberg). Wie sein Vater glaubt er an die natürliche Überlegenheit des Stärkeren. Zwar studiert er nach wie vor das Tierreich, aber auch mit der menschenverachtenden Rassenideologie hat er kein Problem:


"Das immer von neuem mögliche Auftreten von Menschen mit Ausfällen im arteigenen sozialen Verhalten bildet eine Schädigung für Volk und Rasse, die schwerer ist als die einer Durchmischung mit Fremdrassigen," schreibt Lorenz 1940, "denn diese ist wenigstens als solche erkennbar und nach einmaliger züchterischer Ausschaltung nicht weiter zu fürchten." Nach Kriegsende geraten sowohl Lorenz als auch seine Äußerungen zunächst in Vergessenheit. Aus ihr befreit sich der wort- und tatgewaltige Lorenz zuerst. 1949 gründet er im heimatlichen Altenberg sein "Institut für vergleichende Verhaltensforschung" und bringt sich mit einer Reihe von populärwissenschaftlichen Büchern wieder ins Gespräch.


Konrad Lorenz sucht die Öffentlichkeit und die öffentliche Anerkennung. Er erklärt nicht nur die Prägung, das Verhalten und das Empfinden von Graugänsen, sondern schreibt über die Beziehungen zwischen Menschen und Hunden, über das sogenannte Böse und über die Todsünden der zivilisierten Menschheit. In Radio- und Fernsehbeiträgen avanciert er zu Österreichs oberstem Naturlehrer, der auch gerne mal Anekdoten aus seinem  Leben erzählt: 

Foto: Max-Planck-Gesellschaft, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated
Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen

Der Medizin-Nobelpreis 1973 (gemeinsam mit Nikolaas Tinbergen) kommt nicht unerwartet, ist aber höchst willkommen. Aber genau in diesem Moment, der den Höhepunkt seiner Karriere markieren soll, erinnert man sich auch wieder der im NS-Jargon verfassten Schriften. Konrad Lorenz ist genervt, schiebt seine Formulierungen auf den Geist der Zeit und will ansonsten mit diesem Teil der eigenen Vergangenheit nichts mehr zu tun haben. Das sehen die Medien natürlich anders. Der niederländische Journalist Jules Huf provoziert Lorenz gezielt. "Es gibt doch kein minderwertiges Menschenmaterial." Darauf Lorenz: "Doch!" Huf setzt nach: "Ein Mensch ist doch niemals minderwertig." Der frischgekürte Nobelpreisträger: "Das würde ich leugnen." Zwar bezieht er sich mittlerweile auf ethische und soziale Minderwertigkeit, aber es bleibt dabei, dass Lorenz an bestimmte Überzeugungen nicht rührt. Allenfalls überdenkt er gewisse Formulierungen. Das muss die wissenschaftliche Gesamtleistung nicht schmälern, aber es bleibt ein Teil der Erinnerung an den Naturforscher, der heute vor 25 Jahren gestorben ist.

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Seid mutig! - 32 Vorbilder für gute Vorsätze

Marlene Dietrich spricht einem verwundeten US-Soldaten Mut zu. Lizenz: gemeinfrei
Marlene Dietrich spricht einem verwundeten US-Soldaten Mut zu. Lizenz: gemeinfrei

Es gibt gute Vorsätze für neue Jahre, die gehen immer:  Weniger Stress und mehr Ruhe, Rauchen aufgeben und abnehmen undsoweiterundsofort... Das Eulengezwitscher macht einen anderen Vorschlag für 2014: Mutig sein! Dieser Vorsatz findet sich zwar nicht auf den ersten Plätzen einschlägiger Ranglisten. Dabei ist dieser Vorsatz so universell wie individuell: Mut hat viele Gesichter. 32 davon stellt der Porträtband "Mutige Menschen" vor, der soeben bei insel taschenbuch neu aufgelegt worden ist. Das ist eine Steilvorlage für einen Biografien-Blog, der selbst regelmäßig von mutigen Menschen erzählt...

 


Die Runde der 32 mutigen Menschen ist außergewöhnlich. Kommunistinnen wie Clara Zetkin neben Großindustriellen wie Robert Bosch, Ärztinnen wie Ruth Pfau neben Schlagersängerinnen wie Marlene Dietrich, Theologen wie Dietrich Bonhoeffer neben Astronauten wie Reinhard Furrer. Sie alle haben auf unterschiedlichste Weise Zivilcourage bewiesen - und das macht die Versammlung der Mutigen aus, von der Bundespräsident Joachim Gauck im Vorwort spricht. Diese Versammlung ist eine Jahrhundertversammlung. Herausgeber Ulrich Kühne hat seine Auswahl auf das 20. Jahrhundert (plus/minus wenige Jahre) und auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Bemerkenswert - und Mut machend - ist der Wandel der Zivilcourage im Laufe der Jahrzehnte. Auf den inhaltlichen Schwerpunkt des Buches, den Widerstand gegen die beiden Unrechtsregime auf deutschem Boden, folgt die humanitäre Zivilcourage: Mutige Medizinierinnen, die in die Dritte Welt gehen, werden ebenso porträtiert wie engagierte Antirassisten und protestierende Schüler. Ein weiterer Vorzug des Buches ist, dass Herausgeber Kühne nicht nur prominente Widerstandskämpfer wie Julius Leber, Hans von Dohanyi und die Geschwister Scholl in den Blick nimmt, sondern auch den Mut und die Mutigen, die nicht ins Licht der Öffentlichkeit gerückt sind. So findet sich auch Ludwig Metz in der Versammlung der Mutigen. Er hat sich getraut, von der Fahne zu gehen und nicht mehr für Hitler zu kämpfen. Die Autoren der sehr kurzen (aber mitunter intimen) Portraits sind Textpaten (meist aus Politik, Wissenschaft oder privatem Umfeld der Protagonisten), die aus eigener Bekanntschaft oder Bewunderung  von den mutigen Menschen berichten. Allerdings ist der Raum, der den Laudatoren zur Verfügung steht, deutlich zu knapp bemessen. Nicht immer können die wagemutigen (Lebens)-Leistungen klar herausgearbeitet oder gewürdigt werden. Dennoch führt diese Verkürzung auf biografische Fragmente dazu, über Mut nach- und weiterzudenken. Damit erreicht der Porträtband sein Ziel, denn die Zivilcourage will nicht nach  angenehmer Lektüre wieder zwischen Buchdeckeln verschwinden.

Fazit: Wer "Mutig sein" als guten Vorsatz fassen will, der findet in diesem Band (sehr kurzer Porträts) biografische Appetitanreger. Denn Zivilcourage eignet sich prima als Vorsatz: "Mut ist ein schönes, sich selbst genügendes Lebensgefühl", schreibt Herausgeber Ulrich Kühne. "Eine Tat vollbringen, eine Initiative starten, die ihren Wert in sich trägt, ist ein reines Glück." Wie recht er hat...

Übrigens:  Mutige Menschen, von denen sowohl der Suhrkamp-Sammelband, als auch das Eulengezwitscher  erzählt, sind Clara Zetkin, Rudolf Augstein und Hans Scholl...

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Henri Nannen: Der Mann hinter dem Stern

Stephanie Nannen erinnert sich an Henri Nannen

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Henri Nannen ist eine Marke im Qualitätsjournalismus: Mit dem Henri-Nannen-Preis werden alljährlich journalistische Bestleistungen ausgezeichnet. In der Henri-Nannen-Schule bilden Die Zeit und Der Spiegel ihren Nachwuchs aus. Die Marke boomt, aber die Erinnerung an den Menschen Henri Nannen verblasst - zu Unrecht: Der Erfinder und Chef der Zeitschrift stern  ist ein Urgestein der deutschen Presse-landschaft. Jetzt hat seine Enkelin Stephanie Nannen ein neues Buch vorgelegt, in dem sie die Geschichte(n) ihres Großvaters erzählt, der heute 100 Jahre alt geworden wäre.

Henri Nannen hat sich immer als Geschichtenerzähler verstanden, der seine Leser – personifiziert im legendären Lieschen Müller  unterhaltsam informieren wollte. Auch privat waren Geschichten sein Allheilmittel: Zum Beispiel wenn er seine achtzehnjährige Enkelin über den ersten Liebeskummer hinwegtröst, indem er von den eigenen Liebeserfahrungen erzählt:

Ich saß ihm gegenüber und hörte still zu. Es gab nichts zu fragen. Noch nicht. Und er hätte meine Fragen wohl auch nicht gehört. [...] Er wollte mir helfen. Und er versuchte es mit dem besten Mittel, das er kannte und das er immer dann einsetzte, wenn er etwas bewirken oder bewegen oder jemanden überzeugen wollte: Er  erzählte Geschichten.

Mit Klick auf das Bild geht's zur Verlagsseite (mit Leseprobe)...

Stephanie Nannen

Henri Nannen

Ein Stern und sein Kosmos

Erschienen bei C. Bertelsmann im September 2013. 400 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,99 € und als E-Book 15,99 €.


Stephanie Nannen belässt es nicht dabei, ihre eigenen Kindheits- und Jugenderinnerungen zu berichten. Das Aufregende an ihrem Buch (erschienen bei C. Bertelsmann) ist das Mit- und Ineinander verschiedener Gattungen und Stile. Eigene Erlebnisse mischen sich mit journalistischer Praxiserfahrung; die emotionale Nähe der Enkelin – mein Großvater – mit der professionellen Distanz der Biografin, die von Henri Nannen spricht. Der sich fortwährend wandelnde Charakter des Textes ist eine große Herausforderung, die Stephanie Nannen überzeugend bewältigt. Einzig die immer wieder eingestreuten szenischen Schilderungen ihrer Recherchen und Interviews zu dem Buch (wie etwa der Besuch bei Genschers) wirken ein wenig gekünstelt – die Kindheitserinnerungen machen sich als szenische Elemente hervorragend und werden durch reportageartigen Buchenstehungsgeschichten eher entwertet. Das tut allerdings der Gesamtleistung ihres andauernden schriftstellerischen Rollenwechsels kaum einen Abbruch. Schwierig gestaltet sich dieser Spagat vor allem bei der Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus. Stephanie Nannen meistert diese schwere Probe bravourös, auch wenn der selbsternannte Geschichtenerzähler Henri Nannen sich über seine Jahre als Kriegsberichterstatter der Luftwaffe weitgehend ausschweigt. Seine Enkelin weiß um die alten Vorwürfe, wonach Nannen mit den Nazis gemeinsame Sache gemacht und später Altnazis eingestellt habe. Sie hätte es sich einfach machen können. Im TV-Zweikampf mit Gerhard Löwenthal hatte der scharf angegriffene Nannen alle Vorwürfe mit deutlichen Worten und nachhaltig entkräftet. Stephanie Nannen aber macht es sich nicht leicht. Sie durchforstet nochmals die Frontberichte ihres Großvaters, studiert seine Fliegerkartei, liest seine schockierten Briefe aus Russland, ehe sie zu einem abwägenden, aber klaren Urteil kommt:

Nannen und der Nationalsozialismus, das war nicht kompatibel. Aber er war auch nicht zum Widerstandskämpfer geboren und passte sich zeitweise dem Regime an, blieb pragmatisch, um durchzukommen.

© Fotografie Michael Rauhe
Stephanie Nannen

Dessen ungeachtet schwingt in anekdotischen Entnazifizierungen (die sich auch immer wieder finden lassen) auch das Inschutznehmen der Enkelin mit. Das Ineinander der verschiedenen Erzähl- und Analyseperspektiven wirkt sich auch auf die Gliederung des Buches aus. Stephanie Nannen versteckt es sehr geschickt, die klassisch-biografische Chronologie zu durchbrechen. Zwar ist es durchaus üblich, szenisch einzusteigen, um dann auf die Kindheit und Jugend zu kommen. Bei Stephanie Nannen ist die durchbrochene Chronologie grundsätzlicher. Henris Beziehung zu seinem Vater, das ungewöhnliche Verhältnis zu Frauen und die lebenslange Leidenschaft für Kunstgeschichte und Bilder nimmt Stephanie Nannen erst dann genauer unter die Lupe, als sie ihren Großvater menschlich und charakterlich vorgestellt hat. Damit lässt sie dem Leser die Gelegenheit, die klassische Biografen-Frage selbst zu beantworten: "What made him tick?" Ihre eigenen Einschätzungen lassen die unangenehme Note der Belehrung angenehm vermissen. Dies umsomehr, als auch die liebende Enkelin (daran bleibt kein Zweifel) nicht vor schwierigen Urteilen zurückschreckt:

Im Leben meines Großvaters scheint es immer wieder so gewesen zu sein, dass er - wann immer er gedacht oder gefühlt - nah daran war, etwas zu bereuen, verbal und emotional um sich schlug. Er vermengte dann die Dinge. Nicht weil er sie nicht hätte auseinanderhalten können, sondern weil er dazu neigte, sich Argumente zu suchen oder zu basteln, die für ihn sprachen.

Für ihn spricht ganz ohne Basteleien der stern. Diese Lebensleistung, die ein bedeutender Betrag zur bundesdeutschen Pressegeschichte ist, kommt bei Stephanie Nannen nicht zu kurz. Allerdings nimmt sie im Buch weniger Bedeutung ein als das Leben ihres Großvaters. Selbst wenn der stern sprichwörtlich sein Leben war, steht der Mensch im Mittelpunkt und nicht die die Zeitschrift. Dessen ungeachtet erzählt Stephanie Nannen freilich auch dessen Geschichte(n), die nicht nur einmal für Aufsehen gesorgt hat (positiv wie negativ). Nahe am Menschen waren fast alle berühmten Stern-Geschichten: zur Abtreibung; zu den ehemaligen Ostgebieten, zu den Leiden der persischen Prinzessin Soraya. Als der stern 1983 auf die gefälschten Hitler-Tagebücher hereinfällt, ist Nannen nicht mehr Chefredakteur, sondern Herausgeber. Dennoch wendet sich seine Enkelin dieser schmerzhaften Wendung im letzten Kapitel zu, das mit Sterben überschrieben ist.

Wie stirbt einer, dessen Leben der Stern war? Wie stirbt jemand, der nicht nur ein Leben gelebt hat? Die Antwort klingt einfach. Mein Großvater musste zweimal sterben. Zuerst starb der Stern-Nannen. Und dieser Tod trug still, aber am Ende unbesiegbar, auch das Sterben des zweiten in sich.

Fazit: Stephanie Nannen hat ein gleichermaßen intimes wie belesenes Buch über ihren Großvater Henri Nannen vorgelegt, in dem sich Kindheits- und Jugenderinnerungen mit gründlicher Recherche und journalistischer Schreibe zu einer einzigartigen Textmixtur vermengen. Diese Mixtur aus autobiografischen, biografischen und journalistischen Zutaten ist außerordentlich gut gelungen - einzig die szenischen Einstreuungen der Rechercheinterviews ist ein wenig zu viel der Würze. 

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Nachruf auf Nelson Mandela

Quelle: Library of the London School of Economics and Political Science, Lizenz: public domain
Quelle: Library of the London School of Economics and Political Science, Lizenz: public domain

Er triumphierte über den Rassenhass: Nelson Mandela. Seine Lebensgeschichte ist die Geschichte vom Freiheitskampf der schwarzen Südafrikaner. Mandelas ursprünglicher Name ist Programm: Rolihlahla bedeutet so viel wie Querulant - und tatsächlich: schon der junge Mandela will sich nicht mit der unsäglichen Trennung von Weißen und Schwarzen (Apartheit) abfinden.  Seine einflussreiche südafrikanische Familie aus dem Volk der Xhosa ermöglicht ihrem Sprössling nicht nur eine unbeschwerte Kindheit und Jugend, sondern auch ein Studium. Diese Chance lässt Mandela nicht ungenutzt. Englisch studiert er, um die Kultur der westlichen Demokratien zu verstehen und die Sprache Europas und Amerikas zu sprechen. In Politikvorlesungen setzt er sich, um zu lernen, wie Staaten- und Völkerlenker ticken: Die Eingeborenenverwaltung schließlich begreift er als praktische Vorbereitung auf eine Karriere in der südafrikanischen Ministerialbürokratie. Aber dann kommt alles anders.

Obwohl sich Mandela wie Martin Luther King auf Mahatma Gandhis Prinzip des gewaltlosen Protests gegen die Rassentrennung festgelegt hat, schließt er sich dann doch dem bewaffneten Widerstand an. Das macht ihn zum Staatsfeind. Zwar endet ein erster Prozess in den 1950er Jahren mit Freispruch, aber das währt nicht lange. 1964 wird er wegen der Vorbereitung des bewaffneten Kampfes zu lebenslanger Haft verurteilt.


Mandelas Zelle auf Robben Island (Paul Mannix)
Mandelas Zelle auf Robben Island (Paul Mannix)

Mandela wird hoch erhobenen Hauptes abgeführt. Ähnlich wie Fidel Castro hat er in seinem Prozess die Vorwürfe gegen sich gar nicht erst bestritten, im Gegenteil. Er hat den bewaffneten Widerstand als notwendig verteidigt, da die Regierung den gewaltlosen Protest nicht ernst genommen hat. Noch nach einem Vierteljahrhundert als namenloser Häftling mit der Nummer 46664 ist sein Wille ungebrochen. Ein Begnadigungsangebot, das daran geknüpft ist, dem bewaffneten Widerstand zu entsagen, lehnt er entschieden ab. Diese persönliche Prinzipientreue mag streitbar sein - Gewalt ist schließlich auch keine Lösung - aber sie wächst sich nur wenige Jahre später zu wahrhaft historischer Größe aus: Als nämlich Südafrikas Staatspräsdident Frederik de Klerk Mandela 1990 ohne Bedingungen freilässt, da verzichtet Mandela nicht nur auf Waffengewalt, sondern er ruft zu Vergebung und  Versöhnung auf.

World Economic Forum Annual Meeting Davos 1992. Licensed under CC BY-SA 2.0
World Economic Forum Annual Meeting Davos 1992. Licensed under CC BY-SA 2.0

Alle - auch die ehemaligen Anhänger der Apartheit - mögen doch bitte gemeinsam an einem demokratischen Südafrika arbeiten. Das imponiert nicht nur einem gewissen Komittee in Oslo, das Mandela und de Klerk 1993 mit dem Friedensnobelpreis auszeichnet. Auch die Südafrikaner sind begeistert. Ein Jahr darauf wählen sie Mandela zu ihrem Präsidenten. Der frischgewählte Staatenlenker erneuert sein Versprechen:  "Wir werden eine Gesellschaft errichten, in der alle Südafrikaner, Schwarze und Weiße, aufrecht gehen können, ohne Angst in ihren Herzen, in der Gewissheit ihres unveräußerlichen Rechtes der Menschenwürde – eine Regenbogennation im Frieden mit sich selbst und mit der ganzen Welt." Nelson Mandela hat mehr als den Grundstein zu dieser Gesellschaft gelegt. Nach langer Krankheit ist er gestern im Alter von 95 Jahren gestorben.

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Nachruf auf Doris Lessing

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Doris Lessing (2006), Foto: Elke Wetzig (elya)

Sie führte das goldene Notizbuch: Doris Lessing. Gestern ist die britische Schriftstellerin im Alter von 94 Jahren in London gestorben. Lessing avancierte mit und in Ihren Romanen  zu einer Pionierin der Frauenbewegung, ohne sich vom Feminismus vereinnahmen zu lassen. Ihr Selbstbewusstsein und ihre Unabhängigkeit hat die Stellung der Frau mehr gestärkt als manche aggressive Kampagne. Geboren ist Doris Lessing 1919 in Persien, dem heutigen Iran. Dort machen sie ihre Eltern, ein beinamputierter Kolonialoffizier und eine Krankenschwester, mit den Schrecken des Krieges vertraut, den sie gerade überstanden haben. 


Recht bald siedelt sich die Familie in Afrika (im Gebiet des heutigen Simbabwe) an und bewirtschaftet eine Maisfarm. Als Teenager bricht Doris die Schule ab und verdingt sich als Kindermädchen, dann als Sekretärin. Es bricht ein stürmisches Jahrzehnt an, ein Jahrzehnt der Selbstbestimmung, des Scheiterns und der Selbsterfindung als Schriftstellerin: Das achtzehnjährige Mädchen vom Land sagt seinen Eltern Lebewohl und zieht in die Stadt (Salisbury). Dort heiratet sie zweimal (und bringt drei KInder zur Welt), keine der beide Ehen hält länger als vier Jahre. Aus dem Scherbenhaufen ihrer Existenz schält Doris Lessing Figuren und Motive ihrer Romane von Weltrang. Insbesondere in 'Das goldene Notizbuch' verabeitet sie in Gestalt der Schrifftstellerin Anna ihr eigenes Schicksal. Anna erlebt ebenfalls eine Scheidung und wie ihre schreibende Schöpferin ist auch Anna Mitglied der Kommunistischen Partei (Doris Lessing ist übrigens die Tante von Gregor Gysi). 'Das goldene Notizbuch' jedenfalls macht Furore. Als das Original in den 1970er Jahren ins Deutsche übersetzt wird (knapp zwei Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung), fühlt sich eine ganze Generation junger und selbstbewusster Frauen in ihrem Kampf um Emazipation und Gleichberechtigung bestärkt. Doris Lessing interpretiert ihr Schaffen indes etwas anders: Sie schreibt aus eigener Erfahrung über das Zusammenklappen und die Selbstheilung. "Aber niemand hat dieses Zentralthema auch nur wahrgenommen", klagt Lessing, "weil das Buch sogleich, von freundlichen wie von feindlichen Rezensenten, als eines, das vom Geschlechterkampf handele, verharmlost, oder von Frauen als nützliche Waffe im Geschlechterkampf beansprucht wird." Diese Abgrenzung vom stereotypen Feminismus ist ein selbstbestimmter und starker Beitrag zur Emanzipation. Das hat auch das Nobelpreis-Komittee so gesehen, als es Doris Lessing 2007 mit dem Literaturnobelpreis auszeichnete: als "Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat." Diese Würdigung erreichte Doris Lessing sieben Jahrzehnte nachdem sie begonnen hat, ihr eigenes goldenes Notizbuch zu führen... Gestern hat sie die Feder für immer niedergelegt.

Übrigens: Eine lesenswerte, weil tiefgründige Analyse des goldenen Notizbuchs hat Jeannette Lander  bereits 1978  unter dem Titel ''Doris Lessing: Kinder der Gewalt' in der EMMA veröffentlicht....

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Rudolf Augstein: Der Spiegel-Macher

Logo des Wochenmagazins DER SPIEGEL, gegründet und herausgegeben von Rudolf Augstein
Logo des Wochenmagazins DER SPIEGEL, gegründet und herausgegeben von Rudolf Augstein
Rudolf Augstein (Foto: Spiegelgruppe/Pressefoto)
Rudolf Augstein (Foto: Spiegelgruppe/Pressefoto)

Er hat Deutschland den Spiegel vorgehalten: Rudolf Augstein. Sein Nachrichtenmagazin rammt die Pflöcke der Pressefreiheit tief ins Fundament der jungen Bundesrepublik. DER SPIEGEL schaut den Mächtigen auf die Finger und kultiviert eine kritsche Berichterstattung, die weder vor den Besatzungsmächten noch vor der Bundesregierung halt macht. Dafür scheint Augstein wie gemacht, zumindest ist das seine Meinung: "Ich hatte nie Schwierigkeiten, gegen etwas zu sein. Ich hatte mehr Schwierigkeiten, für etwas zu sein." Da verwundert es fast, dass Augstein den Nationalsozialisten keinen nennenswerten Widerstand geleistet hat - und das, obwohl ihm Hitlers Kriegspläne die früh gehegten Berufsträume zerschießen (Germanistik-Professor, Schriftsteller): Nach dem Notabitur und einer kurzen journalistischen Ausbildung beim Hannoverschen Anzeiger bezieht Augstein nicht wie erhofft die Uni, sondern die Kaserne. Dort spielt der sprachbegabte Soldat kurzzeitig mit dem Gedanken, in der Propaganda-Kompanie zu dienen - nur um doch zum Schreiben zu kommen. Damit hätte er sich als späterer Pionier der freien Presse unmöglich gemacht. Er macht es nicht. Augstein kehrt als nationalpatriotischer Offizier und talentierter Journalist aus dem Krieg zurück, aber nicht als Nazionalsozialist. Das sehen auch die Allierten so und holen Augstein zum Magazin "Diese Woche", dem Vorläufer des Spiegels, den Augstein bald darauf herausgeben wird.

Je mehr sich die Alliierten aus Politik und Verwaltung im Nachkriegsdeutschland zurückziehen, desto öfter spiegelt Augstein die Bonner Regierung. In Bundeskanzler Konrad Adenauer und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß findet er zwei Widersacher, denen er den publizistischen Kampf ansagt - mit einigem Erfolg. Denn beide stolpern 1962 über die Spiegel-Affäre: Redakteur  Conrad Ahlers hatte einen Whistleblower im Militär aufgetan und mit dessen geheimen Dokumenten enthüllt, dass die Bundeswehr nur "bedingt abwehrbereit" sei.  Für Adenauer ist das ein "Abgrund von Landesverrat". 


Strauß, den Augstein seit einem gemeinsamen Trinkgelage für gefährlich hält, verhindert nicht, dass in einer Razzia die Hamburger Redaktionsräume auf den Kopf gestellt werden. Augstein und Ahlers wandern ein und die Zukunft des Spiegels ist ungewiss. Die Öffentlichkeit ist empört. Studenten, Professoren und sogar die journalistischen Konkurrenten wie Henri Nannen und Axel Springer wehren sich gegen den Regierungsangriff auf die Pressefreiheit. Erst treten fünf FDP-Minister zurück (später wird Augstein bei den Liberalen ein kurzes Gastspiel als Bundestagsabgeordneter geben), dann Strauß. Die einen gehen aus Protest, der andere unter Protest. Selbst Adenauer ist angezählt. Vielen gilt die Spiegel-Affäre als Anfang vom Ende seiner Kanzlerschaft. Das ist sicher nicht Augsteins Ziel gewesen, denn Adenauer bewundert er persönlich ebenso wie Bismarck. Aber Rücksicht auf (wenn auch verehrte) Autoritäten ist seine Sache nicht. Selbst der Kirche kehrt er den Rücken – aber nicht, solange seine streng katholische Mutter noch lebt. Denn mütterliche Autorität achtet auch Rudolf Augstein, der heute 90 Jahre alt geworden wäre.

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Alfred Nobel: Sprengstoff und Stiftung

Verwendung mit freundlicher Genehmigung von http://www.nobelprize.org/
Alfred Nobel (Foto: © ® The Nobel Foundation)

Er ließ es krachen: Alfred Nobel. Der schwedische Chemiker hat das Dynamit erfunden und ein Vermögen mit Sprengstoffen gemacht. Hochexplosiv ist auch Nobels letzter Wille. Er, der sich zeitlebens aus seinem vielen Geld wenig macht, stiftet sein Erbe dem Fortschritt der Menschheit: "Das Kapital, von den Testamentvollstreckern in sicheren Wertpapieren realisiert, soll einen Fond bilden, dessen jährliche Zinsen als Preise denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben." Die renommierten Nobelpreise werden seit 1901 in fünf Kategorien vergeben: Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Völkerverständigung (Frieden). Alfred Nobel hat die Kategorien selbst ausgewählt. In ihnen spiegelt sich nicht nur der sein Forscherdrang, sondern auch seine Sehnsucht nach fantasievollen Bücherwelten und nach einem friedlichen Miteinander aller Menschen.

The Nobel Prize medal design mark is a registered trademark of the Nobel Foundation.
Foto: © ® The Nobel Foundation

Diese philosophische Seite ist Alfred (geb. 1833) nicht in die Wiege gelegt - ganz anders als die Tüftler-Qualitäten. Schon der Vater experimentiert mit Sprengstoffen und legt mit seinen Firmen (erst in Schweden, dann in St. Petersburg) den erfinderischen und unternehmerischen Grundstein für ein Familienimperium. Solange die Russen Krieg führen, stehen Nobels Land- und Seeminen hoch im Kurs und das Geschäft brummt. Alfred kommt in den Genuss einer mehrjährigen Bildungsreise durch Europa und Amerika. Aber mit dem Frieden kommt - Ironie des Schicksals - auch der Bankrott und die Nobels müssen in Stockholm von vorne anfangen.

Alfred zieht sich ins Labor zurück. Er will das bislang unberechenbare Nitroglycerin zähmen und kontrolliert zur Explosion bringen. Aus zwei zündenden Ideen entstehen "Nobels Patent-Sprengöl" und "Nobels Patent-Anzünder", die bald industriell hergestellt werden.  Aber die Kinderkrankheiten der Sprengstoffproduktion haben verheerende Folgen. Immer wieder fliegen ganze Fabriken  in die Luft (unter anderem in Heleneborg und in Krümmel bei Hamburg). Selbst Alfreds jüngster Bruder Emil verliert bei einem solchen Unfall sein Leben. Nobel lässt sich nicht beirren. Er kennt das Risiko, dass er eingeht, um einen sicheren Sprengstoff zu entwickeln. Unermüdlich mischt er das gefährliche Nitroglycerin mit Sägespänen, gemahlenem Papier, Kohle, Gips und Zement, um es zu binden. Endlich findet er im Kieselgur (Kieselsäuremasse aus abgestorbenen Algen) das passende Beimischmaterial. Nobel sieht den friedlichen Einsatz des neuartigen Dynamits. Kohle- und Erzabbau, Tunnel- und Kanalbau. Aber auch die Militärs sehen seinen Nutzen - sehr zum Verdruss des Erfinders. Mit Bertha von Suttner, der Autorin des Romans "Die Waffen nieder!") pflegt er eine lebenslange Brieffreundschaft: In dieser Korrespondenz offenbart sich allerdings auch eine gewisse (gutmenschliche) Naivität.


"Ich möchte einen Stoff oder eine Maschine schaffen können", schreibt Nobel, "von so fürchterlicher, massenhaft verheerender Wirkung, dass dadurch Kriege überhaupt unmöglich würden." Mit dem Friedensnobelpreis, der in diesem Jahr an die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) geht, hat Nobel sicherlich einen nachhaltigeren Beitrag zur Völkerverständigung geleistet. Heute, am 21. Oktober 2013 wäre Alfred Nobel 180 Jahre alt geworden.

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Steve Jobs: Leben spannend, Biografie nicht

Walter Isaacson über Apple-Gründer Steve Jobs

Walter Isaacson

Steve Jobs

Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers

Erschienen bei C. Bertelsmann im Oktober. 704Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,99 €, broschiert  12,99 € und als E-Book 9,99 €.


Walter Isaacson ist ein erfahrener Biograf (u. a. Einstein, Franklin, Kissinger). Steve Jobs wusste, warum er Isaacson gebeten hat, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Dementsprechend ist die Biografie auch autorisiert. Das scheint nichts Gutes zu verheißen, weil Jobs alles abgesegnet hat, was über ihn berichtet wird. Diese Hürde aber hat Isaacson bravourös gemeistert, denn er lässt trotz (offenbar ehrlicher) Bewunderung auch die Schattenseiten des Apple-Gründers nicht aus: Jobs war nicht nur ein begnadeter Visionär, sondern auch ein launischer, gehässiger und rücksichtsloser Mensch. Isaacson verschweigt das nicht. Er zieht zahlreiche Interviewpartner heran, um Jobs' Vergangenheit zu rekonstruieren und authentisch aufzubereiten. Das ist seine Stärke (die Biografie ist umfassend und umsichtig recherchiert), aber auch seine Schwäche. Denn über seine Chronistenpflicht kommt der Biograf kaum hinaus. Er dokumentiert den Lebensgang, aber er erzählt nicht. Zwischen Isaacssons Buchdeckeln wird Jobs nicht lebendig. Genau das aber sollten Biografien leisten. Kleine wie große.

Fazit: Walter Isaacson hat ein spannendes Leben gründlich recherchiert, aber langweilig berichtet.

Übrigens: Steve Jobs gibt es auch im Eulengezwitscher...

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Steve Jobs: Der Entdecker der iWelt

Steve Jobs präsentiert das iPhone 4 (Foto: Matthew Yohe, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)
Steve Jobs präsentiert das iPhone 4 (Foto: Matthew Yohe, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Er hat die iWelt erschaffen: Steve Jobs. Seine Geschichte ist ein gelebter amerikanischer Traum: Vom Hippie zum Hightech-Milliardär. Der Apple-Gründer wurde (und wird) wie ein Guru verehrt. Angefangen hat alles ganz anders: Niemand will Steve, als er 1955 geboren wird. Seine leiblichen Eltern geben ihn ab und auch die  auserkorenen Adoptiveltern wollen doch lieber ein Mädchen. So kommt Steve zu den Jobs. Paul Jobs ist ein Tüftler, der an Autos  genauso gerne schraubt wie an Elektrogeräten. Steve guckt ihm über die Schulter, wann immer er in seiner Garage werkelt. In dieser Garage in Paolo Alto im Silicon Valley erträumt Jobs die Zukunft der Computerindustrie. Seine Traumbeschleuniger sind Bob Dylan, der Zen-Buddhismus und LSD. Sein Traumverwirklicher ist sein bester Kumpel: Steve Wozniak, genannt Woz. Woz will nur spielen, am liebsten mit Schaltkreisen, Mikroprozessoren und Platinen. Er ist ein Genie, aber das weiß er (noch) nicht. Steve sieht es sofort. Wie ein moderner Alchimist bastelt Woz aus billigstem Material unschätzbare Werte wie die Blue Box. Damit trickst er die Telefongesellschaften aus und  kann kostenlos überall hin Ferngespräche führen (er ruft unter anderem beim Papst an und gibt sich als Henry Kissinger aus).


Der Apple I (Foto: Ed Uthman, Lizenz: CC-BY-SA 2.0)
Der Apple I (Foto: Ed Uthman, Lizenz: CC-BY-SA 2.0)

Eines schönen Tages zeigt der eine Steve dem anderen sein neuestes Baby: Einen Heim-Computer, den man mit ein wenig techischem Sachverstand an den Fernseher anschließen kann. Jobs wittert das große Geschäft. Er überredet Woz, seine Geniestreiche künftig nicht mehr mit den anderen Nerds aus dem Homebrew Computer Club zu teilen, sondern lieber mit ihm eine eigene Firma zu gründen (bislang hat Jobs bei Hewlett Packard und Atari gejobbt). Woz, der als Ingenieur eine sichere Stelle hat, ist skeptisch - wohl auch, weil er seinen teuren Taschenrechner verkaufen soll (jede Firma braucht schließlich Eigenkapital). Jobs vertickt seinen klapprigen VW-Bus. Dann zieht er los, um Aufträge und Kredite zu beschaffen. Der Bankanstellte im Kaufhausstangen-Anzug staunt nicht schlecht, wer da forsch und selbstbewusst ein 30.000-Dollar-Darlehen beantragt. Vor ihm steht ein zotteliger und leicht müffelnder Hippie (Jobs duscht nur einmal in der Woche). Außerdem ist er barfuß. Er erklärt, eine Serie von revolutionären Computern bauen zu wollen. Seine Ausstrahlungskraft besticht. Für einen Monat erhält er den Kredit. In diesen dreißig Tagen schrauben und löten Woz, Jobs und einige enge Freunde, was das Zeug hält. Steve hat auch den Computerhändler überzeugt und eine größere Bestellung organisiert. Der Grundstein des kleinen Start-Ups ist gelegt. 

Der Apple II (Foto: www.allaboutapple.com, Lizenz: CC-BY-SA-2.5-IT)
Der Apple II (Foto: www.allaboutapple.com, Lizenz: CC-BY-SA-2.5-IT)

Als Veganer mit einer Vorliebe für Äpfel fällt der neue Firmenname nicht weit vom Stamm: Apple. Beide Steves haben vorerst, was sie wollen: Der eine darf erfinden, der andere vermarkten. Schon das zweite Produkt bringt den Durchbruch. Der Apple II erobert mit seinen Diskettenlaufwerken und als Gesamtprodukt (Rechner, Tastatur, Bildschirm) den Computermarkt und macht seine beiden Väter zu vielfachen Millionären. Während sich Woz zufrieden zurückzieht, hat Jobs schon wieder neue Ideen und Visionen. Jetzt will er einen Computer mit Maus und grafischer Benutzeroberfläche auf den Markt bringen. Das ist zwar abgekupfert (bei Xerox), aber die Anderen erkennen das Potenzial ihrer Kreativität erst, als Apple damit seinen Siegeszug fortsetzt.

Der Macintosh (Foto:  Alexander Schaelss, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated)
Der Macintosh (Foto: Alexander Schaelss, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated)

Mcintosh heißt Jobs' Kampfansage an IBM, immerhin der Marktführer in Sachen Heim-Computer. Mit dem Macintosh erklimmt Jobs' Ruhmeshöhen, aus denen man unsanft fällt. Längst hat er mehr Feinde als Freunde bei Apple: Seinen selbstherrlichen und rücksichtslosen Führungsstil nimmt man ihm übel: Beleidigungen und Demütigungen, Verrat und  Ideenklau, Tobsuchtsanfälle und Entlassungen im Fahrstuhl - all' das fällt nun auf Jobs zurück. Zu allem Übel hat er beim Stellungskrieg gegen IBM eine neue Front sträflich vernachlässigt: Bill Gates und Microsoft gehen in die Offensive. Jobs fällt also, und er fällt tief:

Die obersten Apple-Manager tun sich zusammen und entmachten den Firmengründer. Aber ohne Jobs geht es auch nicht. Während Apple zusehends abbaut, gründet und kauft der Visionär 2.0 die nächsten Firmen (NeXT und Pixar) Nach kleineren Anlaufschwierigkeiten findet Jobs zurück in die Erfolgsspur - und zurück zu Apple. Denn Mitte der 1990er Jahre ruft der Konzern den verlorenen Vater zurück. Jobs kommt - und wie. Seine schöpferische Kraft ist ungebrochen. Das iZeitalter bricht an (i steht für Internet). Die neuen Apple-Produkte verschmelzen Technik und Kunst:


Der iPod wird zum Kultobjekt - iMac, iPhone und iPad sind es, noch ehe sie auf den Markt kommen. Vorgestellt werden sie von Steve Jobs persönlich. Die Präsentationen sind bis ins Detail geplante Rituale eines postreligiösen Glaubensbekenntnisses (siehe Clip):

Jobs mag sich als der göttliche Schöpfer fühlen, als der er sich inszeniert. Er ist es nicht. Im Oktober 2003 (vor zehn Jahren) ereilt ihn eine allzu menschliche Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Steve Jobs verliert den Kampf um sein Leben trotz mehrerer Operationen und einer Lebertransplantation. Am 5. Oktober 2011 ist der Apple-Gründer gestorben - heute vor zwei Jahren.

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Rudolf Diesel: Der mysteriöse Motorenbauer

Rudolf Diesel, Lizenz: gemeinfrei
Rudolf Diesel, Lizenz: gemeinfrei

Er motorisierte die Welt: Rudolf Diesel. Geboren ist er 1858 in Paris, wo sein Vater mit Lederwaren handelt. Als zwölf Jahre später der deutsch-französische Krieg ausbricht (1870/71) wandern die Diesels weiter: die Eltern versuchen in London ihr Glück, Rudolf schicken sie zu Verwandten nach Augsburg. Dort stellt sich schnell heraus, dass er in Sachen Technik ein geschicktes Händchen hat. Die Gewerbeschule und die Industrieschule schließt er jeweils als Klassenbester ab. Spätestens jetzt ist klar: Rudolf will Ingenieur werden. Davon hält ihn selbst der Typhus nicht ab. Zwar hindert ihn die Krankheit daran, das Examen an der Technischen Hochschule München abzulegen, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Beim nächsten Prüfungstermin macht Diesel den besten Abschluss der Hochschulgeschichte, ehe die Eiszeit anbricht: Diesel entwickelt Kältemaschinen und baut eine Eisfabrik mit auf. 

Nach einigen Jahren taut er gewissermaßen wieder auf und wendet sich den Wärmekraftmaschinen zu. Nach einigen gescheiterten Experimenten kann Rudolf Diesel Anfang der 1890er Jahre endlich die lang ersehnten Forschungsergebnisse veröffentlichen: „Theorie und Construktion eines rationellen Wärmemotors zum Ersatz der Dampfmaschine und der heute bekannten Verbrennungsmotoren“ steht auf dem Titelblatt. Wer sich durch die sperrige Überschrift nicht abschrecken lässt und die Studie aufblättert, kann die gedankliche Geburtsstunde des Dieselmotors nachlesen. Mit freundschaftlicher und finanzieller Unterstützung der Maschinenwerke Augsburg und Nürnberg (MAN) tuckert bald darauf das erste Aggregat. Diesels Erfindung macht Furore. Im Lauf der nächsten Jahre werden erst Schiffe und dann Lokomotiven mit seinen Motoren ausgestattet (bis sie größenmäßig in Autos passen, dauert es aber noch ein wenig). Selbst der Treibstoff – günstiger als Benzin – wird nach Diesel benannt.


Der erste Dieswelmotor (Foto: Chris Thomas, Lizenz: gemeinfrei)
Der erste Dieswelmotor (Foto: Chris Thomas, Lizenz: gemeinfrei)

Aber der nunmehr weltberühmte Motorenbauer ein Problem. Er kann nicht haushalten und ist ein lausiger Unternehmer. Obwohl er zwischenzeitlich Millionen verdient, steht er am Ende vor dem Ruin. Das Ende selbst ist nebulös. Diesel geht bei einer Dampfschifffahrt über Bord. Die einen munkeln von Selbstmord. Diesel sehe keinen Ausweg aus dem drohenden wirtschaftlichen Bankrott. Andere argwöhnen, Diesel sei einem seiner Feinde zum Urteil gefallen. In Amerika habe beispielsweise John D. Rockefeller eine Rechnung mit ihm offen, denn dessen Treibstoff ist billiger als Rockefellers Petroleum. Ob Rockefeller zu Ohren gekommen ist, dass Diesel sogar bereits über Biosprit gedacht hat? Auf der anderen Seite des Atlantiks habe der Deutsche Kaiser Wilhelm II. Rudolf Diesel nach dem Leben getrachtet, weil der seine kriegstauglichen Motoren überall in Europa verkauft habe, und nicht nur in Deutschland. Alle diese Verschwörungstheorien sind nie nachgewiesen worden. Klar ist nur, dass Rudolf Diesel 29. September 1913 im Ärmelkanal ertrunken ist– heute vor 100 Jahren.

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Willy Brandt: Bundeskanzler 1969-1974

Willy Brandt (1913-1992) war für die SPD Bundeskanzler von 1969-1974.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F039408-0008 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, B 145 Bild-F039408-0008 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0

Er wollte mehr Demokratie wagen: Willy Brandt. Damit beginnt der erste sozialdemokratische Kanzler schon vor seiner Wahl, denn er findet ungewohnte Mehrheiten. Zwar hat die CDU bei der Bundestagswahl im September 1969 die meisten Stimmen erhalten und Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger sieht in dieser denkwürdigen Wahlnacht lange wie der strahlende Sieger aus. Aber er hat die Rechnung ohne seinen bisherigen Stellvertreter und Juniorpartner in der Großen Koalition gemacht. Willy Brandt schmiedet ein gewagtes Bündnis mit der FDP. Die stärkste Fraktion stellt also nicht den Kanzler – das hatte es in der Bundesrepublik noch nie gegeben. Aber im Vergleich zu dem, was sich die neue sozialliberale Koalition programmatisch auf die Fahnen schreibt, nimmt sich die merkwürdige Mehrheit gerade unbedeutend aus. Innenpolitisch stehen unter anderem groß angelegte Reformen im Bildungswesen und im Strafrecht auf der Agenda, ebenso wie die Gleichstellung der Frau im Familien- und Eherecht und die Ausweitung der betrieblichen Mitbestimmung. Vor allem sorgt Brandt mit seiner Ostpolitik für Furore. Unter der Devise „Wandel durch Annäherung“ will der neue Kanzler die Beziehungen der Bundesrepublik zur DDR und zu den sowjetischen Staaten normalisieren. 

 


Foto: Bundesregierung/Reineke
Foto: Bundesregierung/Reineke

Unter Konrad Adenauer hatte es (zumindest offiziell) überhaupt keine Beziehungen gegeben, weil man die DDR gat nicht erst als Staat betrachtete. Mehr noch: Auch mit Staaten, die die DDR anerkannten, wollte die Bundesregierung keine diplomatischen Beziehungen unterhalten. Adenauers Nachfolger Ludwig Ehrhard und Kurt Georg Kiesinger waren zwar nicht mehr ganz so streng verfahren, Brandt jedoch betritt Neuland. Zwar will auch er die DDR nicht völkerrechtlich anerkennen, die Begründung dafür hat es jedoch in sich. In seiner ersten Regierungserklärung erklärt der Kanzler : „Auch wenn zwei Staaten in Deutschland existieren, sind sie doch füreinander nicht Ausland.“ Zwei Staaten – die DDR jetzt also doch ein Staat. In Moskau und Ost-Berlin registriert man Brandts Kurswechsel hochinteressiert. Der lässt seinen Worten bald Gesten und Taten folgen, mit denen er weitere Schritte auf dem Weg der Entspannungspolitik geht. In den sogenannten Ostverträgen sichert er der Sowjetunion und Polen zu, dass Deutschland die Oder-Neiße-Linie als Ostgrenze akzeptieren. Historischer noch als diese Verträge ist der Kniefall vor dem Warschauer Ghetto-Mahnmal: Stumm bittet Willy Brandt um Vergebung für die Verbrechen von Hitlers Gewaltherrschaft, die er nicht zu verantworten hat, unter denen er selbst gelitten und viel verloren hat  sogar seinen Namen.

Foto: Bundesregierung/Wegmann
Foto: Bundesregierung/Wegmann

Denn geboren ist Willy Brandt 1913 als Herbert Frahm. Dass er als junger sozialdemokratischer und sozialistischer Journalist aus Angst vor dem nationalsozialistischen Regime ins norwegische Exil geht und aus Selbstschutz seinen Namen ändert, trägt man ihm ebenso nach wie den vermeintlichen Makel seiner unehelichen Geburt. Aber Brandt beißt sich durch. Nach dem Krieg tritt er erneut in die SPD ein und macht Karriere: Als Regierender Bürgermeister von Berlin beweist er Mut und politischen Instinkt, indem er sich mit aller Macht (und mit dem starken Verbündeten Axel Springer) gegen den Mauerbau stemmt und zum Sprachrohr für die Menschen in der geteilten Stadt wird. Der deutsche Kennedy, wie Brandt wegen seines jugendlichen Auftreten bald genannt wird (auch wegen seiner vielen Affären?) wird zum Hoffnungsträger in West und Ost. An der Mauer, die Walter Ulbricht errichten lässt, erlebt Brandt vom ersten Tag an, wie Familien auseinandergerissen und soziale Bindungen aller Arten gekappt werden. Nicht zuletzt deshalb zielt seine Annäherung an die DDR-Führung auch darauf ab, den Deutschen im Osten alltägliche Erleichterungen zu verschaffen. Mit einigem Erfolg: Denn im Grundlagenvertrag bekennt sich das DDR-Unrechtsregime (nun unter Erich Honecker) zumindest zu den Grundsätzen der Vereinten Nationen. Honecker und die Oberen aus Ostberlin spielen noch wei Mal bedeutende Rollen in Brandts Kanzlerschaft: 1972 verhindern sie seinen Sturz. Ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Brandt scheitert, weil die DDR-Regierung zwei CDU-Abgeordnete besticht. Die folgende Wahl gewinnt Brandt deutlich. Honeckers Spitzel-Dienst (die Stasi) ist dann maßgeblich am tatsächlichen Kanzlersturz beteiligt. Als Günther Guillaume, ein Stasi-Spion im engsten Kanzlerkreis enttarnt wird, tritt Brandt 1974 zurück. Innerparteiliche und innenpolitische Querelen hatten ihn ohnehin amtsmüde werden lassen und so räumt er seinen Platz für Helmut Schmidt. Seinen Platz in der Geschichte der Bundesrepublik räumt er dagegen nicht. Nicht nur, dass sein Wort zeitlebens Gewicht hatte in Partei und Staat. Mit dem „Wandel durch Annäherung“ hat er sich überdies als mutiger Reformer um die Deutschen in West und Ost verdient gemacht.

In der Journalistenausbildung genießt übrigens ein kurzes, aber knackiges Brandt-Interview Kultstatus. Von den Antworten des Kanzlers kann man lernen, warum man besser keine geschlossenen Fragen stellt (siehe Clip):

Alle Kanzler im Eulengezwitscher Extra zur Bundestagswahl:

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Martin Luther King: "I Have a Dream..."

Martin Luther King war amerikanischer Bürgerrechtler

Center for Jewish History, NYC. Lizenziert unter No restrictions
Center for Jewish History, NYC. Lizenziert unter No restrictions

Er lebte und starb für seinen großen Traum: Martin Luther King. "Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages diese Nation erheben wird und die wahre Bedeutung ihrer Überzeugung ausleben wird: Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: Alle Menschen sind gleich erschaffen." Alle Menschen, das heißt: auch Menschen mit schwarzer Hauptfarbe - so wie Martin Luther King selbst. Noch in den späten 1950er und in den 1960er Jahren ist das in den Vereinigten Staaten keineswegs selbstverständlich. Rosa Parks hatte das erfahren, als sie im Stadtbus von Montgomery einem Weißen ihren Sitzplatz nicht räumen wollte. Das war man in den USA nicht gewohnt. Schulbusse und öffentliche Einrichtungen, Bars und Geschäfte, Wäschereien und Toiletten waren streng getrennt. Weiße hier, Schwarze dort. Dagegen redet der 1929 geborene King an. Seine rhetorische Begabung war schon früh aufgefallen. Erst als in Schülerwettbewerben, dann als Baptistenprediger übt er sich in der Kunst der Rede. Seine wichtigsten Worte spricht er als bereits berühmter Bürgerrechtler am 28. August 1963 - heute vor 50 Jahren. Rund 250.000 Amerikaner sind mit ihm nach Washington gekommen, um am Lincoln-Memorial gegen die Rassendiskrimierung zu demonstrieren (unter ihnen Marlon Brando).  "We shall overcome", singen die Demonstranten, "wir werden das überwinden" (siehe Clip). 

Foto: Uhl
Foto: Uhl

Während militante Rassisten immer wieder Bombenattentate auf King und andere schwarze Amerikaner verüben (oft ungestraft), verzichtet die Bürgerrechtsbewegung auf Gewalt - so wie es Mahatma Gandhi gelehrt hat. King will keinen blutigen Bürgerkrieg führen müssen wie Abraham Lincoln. Der hatte einst als US-Präsident gegen die abtrünnigen Südstaaten und die Sklaverei gekämpft. Heute lauscht er überlebensgroß und in weißem Marmor Martin Luther Kings Rede. "Ich habe einen Traum", ruft der beschwörend und gemahnt zur Versöhnung und zum Miteinander, "ich habe heute einen Traum." Dieser amerikanische Traum rüttelt wach. Der Friedensnobelpreis  (1964) bedeutet King weniger als der neue Kurs der US-Regierung:

Der Civil Rights Act (ebenfalls 1964) hat die gesetzliche Diskriminierung beendet - zumindest vorläufig. Denn der Supreme Court - das oberste amerikanische Gericht - hat unlängst eine Rassismus-Schutzklausel im US-Wahlrecht gekippt. Die Begründung: Die Diskriminierung ist überwunden, also müssen die schwarzen Wähler auch nicht mehr geschützt werden. Das sieht US-Präsident Obama anders: "Ich bin zutiefst enttäuscht von der Entscheidung des Supreme Courts. Wählerdiskriminierung existiert weiterhin."


Während man in Washigton streitet, trägt man in übrigens in Hollywood nicht unerheblich zur Aufarbeitung der Sklaverei bei, und zwar mit  mit spektakulären Streifen ganz unterschiedlicher Genres ('Django Unchained' und 'Lincoln'; siehe Trailer rechts). Mit Lincoln verbindet auch Martin Luther King ein gewaltsamer Tod. Beide wurden für die Träume, die sie in politische Taten umgesetzt hatten, erschossen - Martin Luther King im Jahr 1968.

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13. Aug. 1908: Kläre Bloch (*)

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Kläre Bloch

Sie bewegte Berlin: Kläre Bloch. Früh träumt die Tochter des Taxi-Unternehmers Friedrich Begall davon, ihre eigenen Fahrgäste durch zu Straßen Berlins zu kutschieren. Geträumt, getan: 1930 macht die kesse Kläre den Führerschein und klemmt sich als erste Taxifahrerin hinters Steuer. Im Romanischen Café am Kurfürstendamm ist sie schon bald eine gefragte Chauffeurin; dort wo Bertolt Brecht und Stefan Zweig, Erich Kästner und George Grosz, Jochaim Ringelnatz und Billy Wilder ein- und ausgehen. Die klugen Köpfe und Künstler der Hauptstadt verkehren gerne mit der Frohnatur Kläre Bloch, die das Leben bejaht. Selbst die nationalsozialistischen Todesengel können sie nicht beeindrucken. Im Gegenteil: Kläre Bloch versteckt verfolgte Juden in ihrer kleinen Paterre-Wohnung in der Wundtstraße im und verliebt sich dabei ihren künftigen Mann, den jüdischen Kommunisten und Pressezeichner Erich Bloch, der bei ihr unterschlüpft. Siebzig Jahre später erinnern zwei nach Kläre Bloch benannte Schulen und ein kleiner Platz im Klausenerplatz-Kietz an die mutige Berlinerin. Heute wäre sie 105 Jahre alt geworden – ihr Geburtstag war der 13. August 1908.

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Schimon Peres: Der ewige Staatsmann

Schimon Peres Biografie im Biografien-Blog Eulengezwitscher
Foto: World Economic Forum. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Er ist ein Urgestein der israelischen Politik: Schimon Peres. Seit über einem halben Jahrhundert trägt er in Jerusalem Verantwortung. Dabei hat ihm einerseits eine flexible Parteikarriere mit strategischen Seitenwechseln und Neugründungen verholfen. Andererseits versteht es Peres, den Frieden zu suchen, ohne den Krieg zu scheuen. Denn der Konflikt zwischen Juden und Arabern ist schon entbrannt, als Peres Mitte der 1930er Jahre mit seinen Eltern aus Polen in Gelobte Land einwandert. Dort formiert sich gerade die paramilitärische jüdische Organisation Hagana, die nach der Staatsgründung Israels zu den regulären Streitkräften ausgebaut werden wird. Peres schließt sich den jüdischen Kämpfern an und beschafft  Waffen und Personal für den späteren ersten israelischen Ministerpräsidenten, David Ben Gurion. Dessen Regierung schickt ihn nach dem siegreichen Gründungskrieg in den Westen. In Amerika studiert Peres Verwaltungswissenschaften, in Frankreich organisiert er Kampfjets und einen Kernreaktor für den jungen Staat, der vom ersten Tag an im Clinch mit seinen arabischen Nachbarn liegt. Obwohl Peres erstmals als stellvertrender Verteidigungsminister Regierungsverantwortung trägt (ab 1959) macht er sich in unterschiedlichen Spitzenpositionen (in den 1980er Jahren ist er selbst Regierungschef) zusehends für eine friedliche Lösung des Nahostkonfliktes stark. 1995 erhält er dafür gemeinsam mit dem damaligen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin und dem Palästinenserführer Jassir Arafat den Friedensnobelpreis.

Aber dieser Ehrung folgen zwei fatale Schicksalsschläge. Erst wird Rabin von einem fanatischen jüdischen Friedensgegner erschossen. Dann reagiert Peres als sein Nachfolger in der Regierungsverantwortung gewaltsam auf Raketenangriffe der palästinensischen Terrororganisation Hisbollah. Die israelische Luftwaffe fliegt zahlreiche Angriffe auf den Libanon (Operation Früchte des Zorns), bei denen über 100 Zivilisten ihr Leben lassen. Peres verliert erst die anstehende Wahl, dann sein Ministerpräsidentenamt. Nie aber hat er den Glauben an den Friedensprozess verloren, für den er in Nichtregierungsorganisationen ebenso arbeitet (The Peres Center for Peace) wie in der Politik. Das operative Geschäft (vor allem die aktuellen Friedensverhandlungen in Washington) überlässt er aber mittlerweile anderen. Er wirkt als Staatspräsident auf die Geschicke seines Landes ein (seit 2007). Damit ist er zugleich das älteste Staatsoberhaupt der Welt, denn heute, am 2. August 2013,  feiert Schimon Peres seinen 90. Geburtstag.

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Albert Schweitzer: Der Urwaldarzt

Foto: Nobel Foundation. Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto: Nobel Foundation. Lizenziert unter Gemeinfrei

Er lebte die Nächstenliebe: Albert Schweitzer (1875-1965). Geboren und aufgewachsen ist Schweitzer als Spross einer evangelischen Pfarrersfamilie im Elsass. Der kleine Albert liebt die Natur, die Gottesdienste seines Vaters und die Kirchenorgel; er leidet mit den Außernseitern unter den Hänseleien und mit den Nutztieren unter allzu grobschlächtiger Behandlung. Und er weint bittere Tränen als er in die Schule gesteckt wird. Zurecht, denn die Leistungen sind lausig. Dass in Albert ein Universalgenie steckt, glaubt anfangs niemand so recht. Erst nach einem mittelmäßigen Abi legt Schweitzer los: Er studiert in Straßburg Philosophie und schreibt in den langen Winternächten eine Doktorarbeit über Kant. Tagsüber perfektioniert er bei den besten Lehrern sein Orgelspiel. Er studiert Theologie und schreibt eine weitere Doktorarbeit über die Bedeutung des Abendmahls. Kurz darauf folgt die Habilitation.

Jetzt könnte er Professor werden, wenn er sich nicht in seinen theologischen Studien mit dem wissenschaftlichen Zeitgeist und nahezu der gesamten Fachwelt angelegt hätte. Außerdem hat Schweitzer gar keine Lust auf eine akademische Laufbahn. Der gerade 25-jährige Doppeldoktor predigt lieber in einer Straßburger Gemeinde und widmet sich der Musik. Wieder schreibt er ein Buch - dieses Mal ist es eine vielgelobte Biografie über Johann Sebastian Bach - und tritt als begnadeter Interpret von dessen Orgelwerken in ganz Europa auf. Aber all das befriedigt Schweitzer nicht. Er will den Dienst der christlichen Nächstenliebe tun. Als er erfährt, dass die Pariser Mission Ärzte in Afrika sucht, nimmt Schweitzer ein Medizinstudium auf. Wieder eine Doktorarbeit (über die psychatrische Beurteilung Jesu), wieder nebenbei ein theologisches Buch (über Paulus), dann heiratet er seine Helene, kauft von den Honoraren der Konzertreisen Medikamente und Ausrüstung und schifft sich nach Lambarene (im Gabon) ein.  

Mitte April 1913 erreichen die Schweitzers ihr Ziel. Nach knapper Schonzeit findet sich der streitbare Theologe und berühmte Musiker in einem windschiefen Hühnerstall mitten in Afrika wieder, wo er Eingeweidebrüche operiert, Elephantiasis behandelt und faulende Zähne zieht. Daneben ist er beim Aufbau seines Tropenhospitals als Zimmermann und Maurer gefragt, als Architekt und Mechaniker. Schweitzer bewältigt all' das mit Hingabe. Er hat er in der Praxis gefunden, was er schon in seinen theologischen und philosophischen Schriften gesucht hat:

Lizenziert unter CC-BY 4.0
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die Erfüllung in der dienenden Nachfolge Jesu. Auf einer langen Bootsfahrt auf dem Ogowefluss gießt der wissenschaftlich versierte Ethiker der Tat seinen Lebensentwurf in die einprägsamen Worte 'Ehrfurcht vor dem Leben'. Dabei macht dabei keinen Unterschied mehr zwischen Menschen und Tieren. Deshalb unternimmt er auch nichts gegen die Ameisenstraße, die quer über seinen Urwald-Schreibtisch läuft. Im Gegenteil: er stellt noch eine Schale mit Zuckerbrei daneben - auch die emsigen Tierchen sollen es gut haben. „Ethik besteht also darin, daß ich die Nötigung erlebe, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen", sinniert Schweitzer. "Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern, böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen.“ Es ist kaum verwunderlich, dass Schweitzer vielen als moderner Heiliger erscheint. „Er sieht aus wie ein naher Verwandter des lieben Gottes", schreibt der SPIEGEL süffisant, "und er benimmt sich so.“ Aber die vielen Lobeshymen und Ehrerbietungen überwiegen die ironische Kritik an Schweitzers vermeintlicher Selbstgerechtigkeit. Anfang der 1950er Jahre erhält er den Friedensnobelpreis und nutzt seinen Einfluss in den letzen Lebensjahren, um gegen das atomare Wettrüsten ins Feld zu ziehen. Albert Schweitzer stirbt 1965 in Lambarene, das er in diesen Wochen vor 100 Jahren aufzubauen begonnen hat.

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Albert Schweitzer ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Als junger Mann war er nach Afrika gegangen, um in Jesu' Nachfolge ein Tropenhospital aus Holz- und Wellblechhütten aufzubauen. Vierzig Jahre später wird der Urwald-Doktor dafür mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Man feiert ihn als „13. Jünger Jesu“ und „Mister Wellblech“ wie einen Popstar. „Genie der Menschlichkeit“ und „Universalgenie Westeuropas“ nennen sie ihn. Auch seine Biografen zeichnen fast immer ein wohlwollendes Bild. Der Mainzer Theologe Sebastian Moll zeigt Schweitzer dagegen als "Meister der Selbstinszenierung". Das ist nicht der einzige Aufreger, den dieses Buch provoziert hat. Zur Rezension...

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Clara Zetkin: Die Arbeitnehmer-Anwältin

Clara Zetkin Biographie im Biografien-Blog
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Sie lieh der Arbeiterschaft ihre Stimme: Clara Zetkin (1857-1933): "Ich will nicht leben um zu arbeiten", ruft die Sozialdemokratin am 1. Mai 1913 bei einer Kundgebung in Karlsruhe, "ich will arbeiten, um zu leben, um menschenwürdig zu leben, um kulturwürdig zu leben." Die gelernte Lehrerin Clara Zetkin setzt sich vor allem vor die Rechte der Frauen ein. Unermüdlich kämpft sie für den Mutter- und Arbeitsschutz der Fabrikarbeiterinnern, von denen es seit der Industrialisierung immer mehr gibt. In der selbst gegründeten und geleiteten Zeitschrift "Die Gleichheit" macht sie immer wieder auf die schwierige Situation der Frauen aufmerksam. Außerhalb Deutschlands macht sich Zetkin ebenso für ihre Überzeugungen stark und wird zur Vorsitzenden des Internationalen Frauensekretariats gewählt. Auch in ihrer Mairede heute vor 100 Jahren lässt sie ihr Herzensanliegen nicht unerwähnt:  "Solange der Sonnabend-Nachmittag nicht frei und der Arbeiterin für ihre häuslichen Verrichtungen, für ihre mütterlichen Aufgaben zurückgegeben ist, solange ist der Sonntag für unsere Hunderttausende von Arbeiterinnen, von verheirateten Arbeiterinnen, kein Sonnentag, kein Freudentag, kein Tag der Sammlung, kein Tag der Erquickung. Er ist der große Scheuer-, Wasch- und Flicktag in der ganzen Welt."

Clara Zetkin (li.) und Rosa Luxemburg (Lizenz: gemeinfrei)
Clara Zetkin (li.) und Rosa Luxemburg (Lizenz: gemeinfrei)

So richtig Clara Zetkins Analyse der Arbeitslage sein mag, so falsch sind die Konsequenzen, die sie daraus zieht: "Unsere Maigedanken sind eine Kriegserklärung der Todfeindschaft, die wir der bürgerlichen Gesellschaft als Ganzes in das Antlitz schleudern." Ihre markigen Worte und Gedanken sind radikaler als es die Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkrieges ist. Weder will sie den bisherigen Staat, noch dessen Krieg mittragen und so kehrt sie der SPD den Rücken: erst als Mitbegründerin des Spartakusbundes, dann als treibende Kraft der Abspaltung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei" (USPD). Schließlich erliegt sie den Verlockungen der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), für die sie in den Reichstag der Weimarer Republik einzieht. 1932 eröffnet die mittlerweile 75-Jährige als Alterspräsidentin das Parlament "in der Hoffnung trotz meiner jetzigen Invalidität das Glück zu erleben, als Alterspräsidentin den ersten Rätekongreß Sowjetdeutschlands zu eröffnen.“ Mit solchen Worten versetzt Zetkin der Weimarer Republik, die sie eigentlich vertreten soll, bittere Schläge. Dabei taumelt die deutsche Demokratie ohnehin schon der nationalsozialistischen Machtergreifung entgegen. Damit trägt die einstige sozialdemokratische Vorzeigefrau Clara Zetkin Mitverantwortung für den Untergang der Republik, für die die Sozialdemokraten bis zuletzt gekämpft haben. Kurz nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler muss Zetkin ins Moskauer Exil fliehen, wo sie wenig später stirbt. 

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Carl Hagenbeck: Der Zoodirektor

Carl Hagenbeck im Wildtiergehege - heute vor 100 Jahren ist der Hamburger Tierparkgründer gestorben. Lizenz: gemeinfrei
Carl Hagenbeck im Wildtiergehege - heute vor 100 Jahren ist der Hamburger Tierparkgründer gestorben. Lizenz: gemeinfrei
Lizenz: Gemeinfrei
Lizenz: Gemeinfrei

Er stellte Tiere und Menschen zur Schau: Carl Hagenbeck (1844-1913). Als der kleine Carl vier Jahre alt ist, beginnt sein Vater Tiere vorzuführen und mit ihnen zu handeln. Gut zwanzig Jahre später übernimmt Carl selbst das Geschäft. Bald beginnt der gebürtige Hamburger, den Hafen als Tor zur Welt zu nutzen: Noch ehe sich die deutsche Politik in Afrika nach Kolonien umschaut, schickt Hagebeck seine Schiffe zum schwarzen Kontinent, lässt dort exotische Wildtiere einfangen und in Hamburg zeigen - zusammen mit Tieren aus den anderen Erdteilen. Doch bei Tieren bleibt es nicht. Je neugieriger man in Europa auf andere Länder und andere Sitten wird, desto mehr macht sich auch der weltgewandte Schausteller seine Gedanken. Dann rät ihm ein befreundeter Maler,  nicht nur die skandinavischen Rentiere, sondern auch deren Hirten zu zeigen. Also lässt Hagenbeck erstmals auch Menschen einschiffen. Diese Weltpremiere wird ein voller Erfolg, wie Hagenbeck selbst berichtet:

Plakat zur Völkerschau bei Hagebeck in Hamburg, Lizenz: gemeinfrei
Plakat zur Völkerschau bei Hagebeck in Hamburg, Lizenz: gemeinfrei

"Schön konnte man sie gerade nicht nennen. Die Augen stehen ein wenig schief, die Nase ist klein und platt. Dagegen ist das Knochengerüst dieser im Durchschnitt nur 1,30 bis 1,60 m großen Menschen sehr fein und zart, und kleinere Hände und Füße als bei den Lappländern habe ich nur noch an den Eskimoschönen bewundern können. Wie daheim brachen sie ihre Zelte ab und bauten sie vor den staunenden Hamburgern aus Stangen und gegerbten Häuten wieder auf. Die Männer fertigten aus Rentierfell und Sehnen Schneeschuhe, schnitzten Bestandteile ihrer Schlitten, und es war ein Vergnügen zu sehen, wie die Männer in ihren langen Pelzröcken und spitzen Pelzmützen die flüchtigen Rentiere mit dem Lasso einfingen. Großes Interesse erweckte jedesmal das Melken der Rentiere, und Aufsehen erregte geradezu die kleine Lappländerfrau, wenn sie in aller Natürlichkeit ihrem Säugling die Brust reichte."

Es dauert nicht lange, bis auch Afrikaner und Eskimos im fremden Hamburg zeigen, wie sie in der Heimat leben und arbeiten. Der Publikumsansturm ist ungebrochen. Im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts - beileibe nicht nur in Deutschland - herrscht ein Überlegenheitsdenken, das ethische Bedenken an solchen Völkerschauen gar nicht erst aufkommen lässt. Carl Hagenbeck ist kein mittelalterlicher Menschenschinder, wie manch einseitige Darstellung vermuten lässt,  sondern lediglich ein Kind seiner Zeit, die in den europäischen Völkern die Herren der Welt sieht. Sinnbild dafür ist der Deutsche Kaiser Wilhelm II., der selbst Hagenbecks Völkerschauen aufsucht (siehe Bild unten): Das rechtfertigt nicht die Tat, aber es erklärt, wie sie zustande kommen konnte. Dass Hagenbeck seinen Unternehmer- und Erfindergeist auch nachhaltig eingesetzt hat, können wir übrigens in jedem Wildtierpark bewundern. Er nämlich war es, der mit angemeldetem Patent die Wildgehege ohne Gitter erfand und einführte. Am 14. April 1913, heute vor 100 Jahren, ist Carl Hagebeck in Hamburg gestorben. Ganz verlassen hat er seine Heimatstadt auch danach nicht, denn der Tierpark Hagebeck wird bis heute in sechster Generation als Familienunternehmen geführt. 

Kaiser Wilhelm II. auf einer Völkerschau bei Hagenbeck (Bundesarchiv, Bild 183-R52035 / CC-BY-SA)
Kaiser Wilhelm II. auf einer Völkerschau bei Hagenbeck (Bundesarchiv, Bild 183-R52035 / CC-BY-SA)

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Hjalmar Schacht: Hitlers Geldedintreiber

Foto: Broom R R (Fg Off)/Royal Air Force, 1942-1945 CL2383“. Lizenz: PD
Foto: Broom R R (Fg Off)/Royal Air Force, 1942-1945 CL2383“. Lizenz: PD
Hjalmar Schacht (Bundesarchiv, Bild 102-12733 / CC-BY-SA 3.0)
Hjalmar Schacht (Bundesarchiv, Bild 102-12733 / CC-BY-SA 3.0)

Er war des Teufels Geldeintreiber: Hjalmar Schacht. Erst sorgt der ehemalige Reichsbankpräsident im "Freundeskreis der Wirtschaft" dafür, dass eine Reihe deutscher Industrieller und Bankiers Reichspräsident Paul von Hindenburg darum bitten, Adolf Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Kaum einen Monat nach dessen Machtübernahme redet Schacht den Industriellen selbst ins Gewissen: Die knappen Wahlkampfkassen der Nationalsozialisten sollen sie auffüllen. Schacht ist der Strippenzieher hinter dem Geheimtreffen am 20. Februar 1933 - heute vor 80 Jahren. Reden lässt er erst Hitler und der eröffnet den Wirtschaftsbossen, was er zuvor den Wehrmachtsgeneralen angekündigt hatte: „Wir müssen erst die ganzen Machtmittel in die Hand bekommen, wenn wir die andere Seite ganz zu Boden werfen wollen." Die dafür benötigten Mittel soll der erfahrene Staatsbanker Schacht beschaffen und vermehren. Denn der hat nicht nur Erfahrungen bei Privatbanken gesammelt (u. a. Dresdner Bank), sondern er hat sich in der Weimarer Republik auch als erfolgreicher Finanzpolitiker bewährt: Als Delegationsleiter hat er verschiedentlich die Verhandlungen um die deutschen Reparationszahlungen nach dem  Ersten Weltkrieg geführt. Als Reichswährungskommissar hat er die Inflation von 1923 beendet wurde dafür an die Spitze der Reichsbank berufen. Aber alle kleinen und großen Erfolge des liberalen Demokratien befriedigen Schacht nicht. Er wendet sich mehr und mehr den rechten Parteien zu. In Hitler findet er den Macher, dem er seine finanzpolitische Expertise lieber zur Verfügung stellt als der gescheiterten Demokratie. Das gilt auch für seine Wirtschaftsfreunde. Krupp, Quandt und Konsorten stellen bereitwillig die Millionen, die Schacht von ihnen nach einem peniblen Schlüssel einfordert: Den Löwenanteil soll die Kohle- und Eisenindustrie beisteuern - aber die wird ja auch kräftig am kommenden Krieg verdienen. Auch Chemie, Automobil- und Maschinenbau dürfen  sich gerne beteiligen. Der erfolgreiche Geldeintreiber Schacht findet sich schon bald wieder an der Spitze des Reichswirtschaftsministeriums und der Reichsbank. Zwölf Jahre später wird aus der Reichsbank die Anklagebank der Nürnberger Prozesse. Auch wenn die Allierten ihn freisprechen, die Stuttgarter Entnazifizierungsspruchkammer verurteilt ihn als "Hauptschuldigen" zu acht Jahren  Arbeitslager. Obwohl er sich auch dort wieder herausklagen kann, nehmen ihm die Deutschen  die Selbstreinigungsschrift "Abrechnung mit Hitler" nicht ab.

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Rosa Parks: Die mutige Bürgerrechtlerin

US-Präsident Barack Obama auf dem Platz, den Rosa Parks 1955 nicht einem Weißen überließ (Foto: Pete Souza,  Lizenz: The White House)
US-Präsident Barack Obama auf dem Platz, den Rosa Parks 1955 nicht einem Weißen überließ (Foto: Pete Souza, Lizenz: The White House)
Rosa Parks (Foto:  United States Department of State, Lizenz: gemeinfrei)
Rosa Parks (Foto: United States Department of State, Lizenz: gemeinfrei)

Sie blieb sitzen und wurde dafür festgesetzt: Rosa Parks. Montgomery in Alabama, 1. Dezember 1955. Die Näherin Rosa Parks fährt nach einem harten Arbeitstag mit dem Bus nach Hause. Wie üblich steigt sie vorne ein, um ihr Ticket zu kaufen. Dann muss sie wieder aussteigen und zur hinteren Bustür hasten, wo sie wieder einsteigen darf, wenn der Bus nicht inzwischen einfach losgefahren ist. Denn Rosa ist schwarz und die vorderen Sitzreihen sind den weißen Fahrgäste vorbehalten. Auch wenn alles frei ist, müssen sich die Schwarzen in überfüllten hinteren Teil des Busses zwängen. Nur in der Mitte sind ein paar Pufferreihen, auf denen ausnahmsweise auch Schwarze sitzen dürfen. Dort lässt sich Rosa Parks nieder. Wenn aber nur ein einziger Weißer dort Platz nimmt, müssen alle Schwarzen aus der gesamten Reihe aufstehen. Und genau das macht Rosa Parks nicht. Sie ist die ewigen Gängeleien leid und weigert sich, ihren Sitzplatz zu räumen.

Der Busfahrer ruft die Polizei und Rosa wird verhaftet - darüber existiert sogar ein Polizeiprotokoll. Das aber bringt den jungen Menschenrechtler Martin Luther King auf den Plan, der bereits ein paar Mal gewaltlosen Widerstand gegen die Rassendiskriminierung geübt hat. Jetzt organisieren seine Mitstreiter und er eine aufsehenerregende Aktion: Die Stadt Montgomery ist finanziell darauf angewiesen, dass die Schwarzen ihre Bustickets kaufen. Deshalb treffen sie King und Co. völlig unvorbereitet, als sie einen unbefristeten Busboykott ausrufen:


381 Tage gehen die Schwarzen zu Fuß, fahren Taxi und bilden private Fahrgemeinschaften, als die Stadt die symbolischen Solidaritätspreise der Taxifahrer verbietet. Fuchsteufelswild müssen die Stadtoberen erleben, wie ihre Busse leerlaufen und dem friedlichen Protest Sympathien und Spenden aus ganzen Land entgegengebracht werden.  Schließlich erklärt ihnen selbst der Oberste Gerichtshof, dass die Rassentrennung in den städtischen Bussen gegen die Verfassung verstößt. Der gewaltlose Austand, den Rosa Parks Sitzenbleiben angestoßen ist ein Meilenstein auf dem Weg zur Gleichberechtigung in den Vereinigten Staaten. Bemerkenswert ist, dass das alles keine 60 Jahre her ist. Der Bus von einst ist jedenfalls zum Symbol der schwarzen Bürgerrechtsbewegung geworden. Wie wichtig dieses Symbol nach wie vor ist, beweist der Besuch des ersten schwarzen US-Präsidenten Barack Obama, der auf Rosa Parks Sitz Platz genommen hat (siehe oben). Rosa Parks selbst wäre heute, am 4. Februar 2013, 100 Jahre alt geworden.  

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Jane Avril: Die Tänzerin

Jane Avril. Lizenz: gemeinfrei
Jane Avril. Lizenz: gemeinfrei

Sie war die Muse des Montmatre: Jane Avril. Die Pariser Bohème- und Künstlerszene der Jahrhundertwende ist verzückt und pilgert in die Tanzlokale 'Moulin Rouge' und 'Le Chat Noire', um sie tanzen zu sehen. Dabei ist die Glücklichmacherin Jane Avril (geb. 1868) herzensunglücklich: Zu tief sitzt das Trauma ihrer Jugend: Vom Vater sitzen gelassen und von der Mutter geprügelt landet die kaum Sechszehnjährige in der Nervenklinik - und dort unter der Fuchtel experimentierfreudiger Ärzte. Allein den instinktiven, grazilen und an lautlose Musik geschmiegten Bewegungen verdankt Jane Avril ihre Entdeckung als Tänzerin, die sie dann über dritt- und zweitklassige Etablissements bis auf den Pariser Olymp - den Montmatre - führt. Dort also betört Jane Avril mit ihren anmutigen und verführerischen Tänzen Pablo Picasso,  Henri Rousseau und Henri Toulouse-Lautrec. Vor allem Toulouse-Lautrac zeichnet, malt und druckt immer wieder Jane Avrils Konterfei und ihre typischen Tanzposen. Seine Begeisterung für Jane Avril ist noch heute ansteckend. So hat die renommierte Londoner Courtauld Gallery die Freundschaft der beiden zum Gegenstand einer Austellung gemacht (siehe Clip). Der Zauber Jane Avrils ist unsterblich, auch wenn sie am 16. Januar 1943 gestorben ist - heute vor 70 Jahren. 


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Michelle Obama: Mehr als eine First Lady

Photo by Chuck Kennedy - P021213CK-0027 (direct link). Licensed under Public Domain
Photo by Chuck Kennedy - P021213CK-0027 (direct link). Licensed under Public Domain

Sie ist die wahre Siegerin des Tages: Michelle Obama (*1964). Als "Mom-in-chief" hat sie in den vergangenen vier Jahren die Herzen der Amerikaner erobert. Während ihr Mann Barack Obama im Oval Office durch nicht gehaltene Versprechen viel Vertrauen verspielt hat, hat Michelle in ihrer frisch-fröhlichen Art die Sympathiewerte  für das Präsidenten-Paar hochgehalten. Eng aneinandergekuschelt verfolgen ihr Mann und ihre beiden Töchter Malia (*1998) und Natasha (*2001) auf dem heimischen Sofa im Weißen Haus vor dem Fernseher, wie Michelle auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten im September 2012 für die Wiederwahl kämpft: "Wenn ich gefragt werde, ob das Leben im Weißen Haus meinen Mann verändert hat, dann kann ich ehrlich sagen, was seinen Charakter, seine Überzeugungen und sein Herz betrifft, ist er immer noch der Mann, in den ich mich vor vielen Jahren verliebt habe" (siehe Clip). Solche Treueschwüre will Amerika hören - und Michelle hat mit diesem Auftritt mal eben die meistbeachtete Wahlkampfrede des Parteitags hingelegt. Sie rangiert damit noch vor Bill Clinton; ihren Mann Barack hat sie laut Forbes-Umfragen sogar weit hinter sich gelassen.

Dabei hatte sie lange Zeit gar nicht vorgehabt, die politische Karriere ihres Mannes zu retten. Im Gegenteil hatten dessen hochtrabende Ambitionen die Ehe erheblich gefährdet. Michelle, die in den 1980er Jahren Princeton und Harvard Geistes- und Rechtswissenschaften studiert hat, war danach selbst erfolgreiche Anwältin und Politikberaterin. Das aber macht erleichtert ihr auch die Rolle als First Lady. Und dass ihr Mann einen guten Job im Oval Office erledigt weiß sie genau, weil sie sich selbst gut kennt: "Mit mir klarzukommen, ist einer der Gründe, warum er zum Präsidenten taugt."

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Helene Weber: Die Mutter des Grundgesetzes

Helene Weber mit dem Müttergenesungswerk bei Bundespräsident Heuss (Bundesarchiv, B 145 Bild-F006445-0018 / CC-BY-SA 3.0
Helene Weber mit dem Müttergenesungswerk bei Bundespräsident Heuss (Bundesarchiv, B 145 Bild-F006445-0018 / CC-BY-SA 3.0
KAS-Stuttgart-Bild-190-5“ von CDU
KAS-Stuttgart-Bild-190-5“ von CDU

Sie war eine von vier Müttern des Grundgesetzes: Helene Weber (Mitte sitzend). Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Helene Wessel, Friederike Nadig und Elisabeth Selbert (im Bild von links nach rechts) sorgt die einzige CDU-Abgeordnete im Parlamentarischen Rat 1948/49 dafür, dass das Grundgesetz Männer und Frauen gleichberechtigt (Art. 3) sowie Ehe und Familie schützt (Art. 6). Als erfahrenes Vorstandsmitglied  des Katholischen Deutschen Frauenbundes liegen ihr insbesondere die Mütter und deren Rechte am Herzen. Charmant, aber unnachgiebig setzt sie den vierten Absatz des Art. 6 Grundgesetz durch: "Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft" (siehe dazu die Broschüre "Mütter des Grundgesetzes, unten zum Download). Wie man demokratische Verfassungen gestaltet, das hat Helene Weber schon dreißig Jahre zuvor in Weimar gelernt: Als Abgeordnete der Nationalversammlung von 1919 hat die studierte Lehrerin bereits an der ersten demokratischen Verfassung mitgearbeitet, ehe sie als Ministerialrätin für "Soziale Ausbildung" ins Preußische Wohlfahrtsministerium gewechselt ist. Nach der Machtergreifung setzen sie die Nationalsozialisten aber wegen "politischer Unzuverlässigkeit" vor die Tür, denn  für Demokratinnen hat Hitler nichts übrig. Die junge CDU und die junge Bundesrepublik dagegen umso mehr: Helene Weber gründet die Frauen-Union (1956) und ist Mitglied des Deutschen Bundestages, bis zu ihrem Tod am 25. Juli 1962 - heute vor 50 Jahren.

Übrigens: Das Bundesfrauenministerium zeichnet  seit 2009 alljährlich erfolgreiche  Kommunalpolitikerinnen mit dem Helene-Weber-Preis aus.  Er richtet sich an Frauen jeden Alters, die ihr Mandat in der ersten oder maximal zweiten Wahlperiode ausüben und in ihrer Kommune bereits neuartige und zukunftsweisende Projekte umgesetzt haben.

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Raymonde de Laroche: Die Fliegerin

Alle Lizenzen: Gemeinfrei

Sie war eine Pionierin der Lüfte: Elise Raymonde Deroche. Dabei galt die erste Leidenschaft der 1882 geborenen Klempnerstochter der Kunst. Um ihre Chancen als Schauspielerin zu verbessern, hat sie sich den Künstlernamen Raymonde de Laroche zugelegt. Bald schon aber sind ihr die Bretter der Bühne zu bodenständig. Raymonde will hoch hinaus – und zwar wortwörtlich. Mehrere Bekanntschaften mit Piloten wecken ihr den Wunsch, fliegen zu lernen. Als sie zum ersten Mal alleine in einem Flugzeug sitzen darf, um sich mit den Instrumenten vertraut zu machen, da rollt sie kurzerhand zur Startbahn und hebt ab – zum ersten Mal fliegt eine Frau alleine, nur dreihundert Meter zwar, aber das ist erst der Anfang. Raymonde de Laroche macht – wiederum als erste Frau – den Pilotenschein. Unfälle und teilweise schwere Verletzungen halten sie nicht davon ab, sich immer wieder hinter Steuerknüppel zu setzen. Und immer wieder staunen auch die Zuschauer internationaler Flugstunden über die selbstbewusste junge Mutter, die ihren Traum lebt – bis sie ihn dann doch mit dem Tod bezahlen muss: Ein neu entwickelter Flugzeugtyp ist gerade erst fertig zusammengeschraubt, da sitzt Raymonde de Laroche schon als Copilotin im Cockpit . Wieder ist sie die erste, die diese Testmaschine in die Lüfte bringt. Aber dieser Start ist auch ihr letzter: Über der nordfranzösischen Picardie verliert der Pilot die Kontrolle über den Prototyp. Die Copilotin – sie hätte wohl besser selbst gesteuert – hat keine Chance: Raymonde de Laroche kommt bei dem Absturz am 18. Juli 1919 ums Leben – heute vor 93 Jahren.

 

Übrigens: Bis heute treffen sich die fliegenden Frauen der Welt auf der „Women of Aviation Wordwide Week“ immer am Jahrestag der bestandenen Pilotinnen-Prüfung von Raymonde de Laroche…

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Hugo Junkers: Der Vater von Tante Ju

Bundesarchiv, Bild 102-08683 / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 102-08683 / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 146-2005-0007 / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 146-2005-0007 / CC-BY-SA 3.0

Es ist ein ungleiches Kräftemessen: Hier der erschaffende Ingenieur, dort der zerstörende Generalfeldmarschall. Hugo Junkers (links), ein Pionier der zivilen Luftfahrt stellt sich gegen Hermann Göring (rechts), den Vater des totalen Luftkriegs. Junkers will seine zahlreichen Erfindungen und Ideen nutzen, um den Menschen mobil zu machen. Der "fliegende Mensch" ist mehr als nur das Wahrzeichen seiner Flugzeug- und Motorenwerke (Mitte), er ist Junkers' Vision. 1926 schließen sich die Junkers Luftverkehr AG und die Deutsche Aero Lloyd zur Luft Hansa zusammen. Bald darauf rollt die für ihre Wellblechverkleidung legendäre Ju 52 aus dem Dessauer Junkers-Hangar. 

Tante Ju (Foto: Eulengezwitscher)
Tante Ju (Foto: Eulengezwitscher)

Auf einer internationalen Verkehrsflugschau sticht die "Tante Ju" alle Konkurrenten aus. Doch das Glück währt nicht lange, denn Anfang 1933 gelangen die Nationalsozialisten ans Ruder. Wissen ist Macht, Junkers hat das Wissen und so greift Hitlers oberster Fliegerkrieger Hermann Göring nicht nur nach dem Marschallsstab, sondern auch nach Junkers Konstruktionsplänen: Die Ju 52 spielt in der Kriegsvorbereitung eine Schlüsselrolle: Sie kann ohne komplizierte Umbauten entweder Bomben, Material oder Truppen transportieren. So muss der verdiente Ingenieur seine Patente ohne Entschädigung Görings Ministerium überschreiben, Dessau und sein Werksgelände darf er nicht mehr betreten. Gebrochen stirbt Hugo Junkers knapp zwei Jahre später - und doch: Anders als Göring überleben er und die Tante Ju das Dritte Reich in höhren Sphären. Noch heute knattern die drei Motoren der Tante Ju den Traum vom fliegenden Menschen - zum Beispiel über dem oberen Mittelrheintal im Juni 2012.

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Adam Opel: Der Autobauer

Lizenziert unter Gemeinfrei
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Adam Opel im Eulengezwitscher
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Seine Karriere beginnt im Kuhstall: Nach Jahren der Wanderschaft mietet sich der gelernte Schlosser Adam Opel eine heruntergekommene Bretterbude in Rüsselsheim. Dort baut er Nähmaschinen und inseriert im Kreisblättchen: "Adam Opel, Mechaniker empfiehlt selbstgefertigte Nähmaschinen nach der neuesten Construction zu festen und billigen Preisen". Opel kommt an und steigt binnen weniger Jahre zu Deutschlands größtem Nähmaschinenhersteller auf. Als Mittdreißiger liefert er von Rüsselsheim bereits nach ganz Europa. Und doch: Mobilität ist für den Gründer des heute weltweit operierenden Automobilkonzerns eine lokale Angelegenheit: Opel lässt Fahrräder bauen. Vom Auto will er bis zu seinem Tod nichts wissen: „Aus diesem Stinkkasten wird nie mehr werden, als ein Spielzeug für Millionäre, die nicht wissen, wie sie ihr Geld wegwerfen sollen!“ Adam Opel hätte wohl kaum gedacht, dass ausgerechnet der neue Kleinstwagen mit dem Blitz nach ihm benannt wird: Im kommenden Jahr wird Opel das Modell "Adam" auf den Markt bringen, das noch nur 3,5 Meter lang sein wird - wahrlich kein Spielzeug für Millionäre (Erlkönig-Fotos bei "Auto, Motor und Sport"). Heute wäre Adam Opel 175 Jahre alt geworden - sein Geburtstag war der 9. Mai 1837.

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Peter Boenisch: Der BILD-Chefredakteur

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Bundesarchiv, B 145 Bild-F065701-0028 / Reineke, Engelbert / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, B 145 Bild-F065701-0028 / Reineke, Engelbert / CC-BY-SA 3.0

Es ist ein kleiner Satz, aber eine große Zeile: "Der Mond ist jetzt ein Ami". Um diesen amerikanischen Schlachtensieg im Kalten Krieg zu feiern, lässt BILD-Chefredakteur Peter Boenisch sein Blatt am 21. Juli 1969 sogar als "Mond-Zeitung" erscheinen. Für solche Einfälle liebt Axel Springer den Beau Boenisch. Gegen alle Einflüsterer hat er den gerade erst Dreißigjährigen 1961 von der Bravo zu BILD geholt. Und Boenisch lässt seinen Verleger nicht hängen: Er knackt als erster die Viermillionenmarke und führt BILD von Auflagenrekord zu Auflagenrekord. Aber Anfang der 1970er Jahre sinken die Verkaufszahlen - und mit ihr der Stern des BILD-Chefs. Boenisch muss gehen. Wie gut, dass Springer seine Spitzenkräfte gut versorgen kann: Boenisch leitet im Hause Springer noch die BILD am Sonntag und die Welt, ehe er von Bundeskanzler Helmut Kohl zum Regierungssprecher gemacht wird. Heute, am 4. Mai,  wäre Peter Boenisch 85 Jahre alt geworden.

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Carl Zeiss: Der Erfinder mit dem Durchblick

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Er war der Mann mit dem Durchblick: Carl Zeiss (rechts im Bild). Die Mikroskope seines Unternehmens zählten schon früh zu den besten dser Welt. Der Erfolg ist auch der Weitsicht seines Vaters geschuldet: Der schickte den jungen Carl auf das Gymnasium, wo er sich für Naturwissenschaft und Technik begeisterte. Zum Studium ging er aus seiner Heimatstadt Weimar nach Jena, wo er anschließend selbstständig machte. Der eifrige Arbeiter und talentierte Mechaniker kann bald schon expandieren. Ein besonderer Glücksgriff gelingt Zeiss, als er den Physiker Ernst Abbe (links im Bild) an sich bindet. Der Unternehmergeist und der Mathematiker setzen neue Standards im Mikroskopbau (im Bild ein Modell von 1879). Noch heute wirbt die Carl Zeiss AG mit dem Motto: "We make it visible". Ihr Gründer Carl Zeiss ist am 3. Dezember 1888 gestorben - heute vor  123 Jahren.

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Theodor Mommsen: Der Chronist des Römischen Reiches

Foto; Carlo Brogi . Lizenziert unter Gemeinfrei
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Er war einer der großen Gelehrten des 19. Jahrhunderts: Theodor Mommsen. Seine Passion war die Zukunft, seine Profession die Vergangenheit. Politisch kämpfte Mommsen um 1848 für die Ideen von Fortschritt und Liberalismus. Als Professor lehrte er zuerst Rechtswissenschaft, dann Römisches Recht. Schließlich fand er seine Lebensaufgabe darin, die Geschichte Roms - vor allem der römischen Republik - zu erforschen und zu erzählen: Sein Monumentalwerk "Römische Geschichte" setzt nicht nur den Althistorikern bis heute Maßstäbe; Mommsen wurde dafür 1902 sogar mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Kostprobe gefällig: Hier der erste Satz: "Rings um das mannigfaltig gegliederte Binnenmeer, das tief einschneidend in die Erdfeste den größten Busen des Ozeans bildet und, bald durch Inseln oder vorspringende Landfesten verengt, bald wieder sich in beträchtlicher Breite ausdehnend, die drei Teile der Alten Welt scheidet und verbindet, siedelten in alten Zeiten Völkerstämme sich an, welche, ethnographisch und sprachgeschichtlich betrachtet, verschiedenen Rassen angehörig, historisch ein Ganzes ausmachen." Heute vor 194 Jahren ist Theodor Mommsen geboren worden - am 30. November 1817.

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