Foto: Martin Künzel. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
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Sie regieren Deutschland: Die Kanzler. "Der Bundeskanzler bestimmt die Richtlinien der Politik und trägt dafür die Verantwortung", heißt es im Grundgesetz. Seine Mütter und Väter haben sich 1949 wohl kaum träumen lassen, dass heute eine Bundeskanzlerin die Geschicke unseres Landes lenkt. Das Eulengezwitscher-Extra zur Bundestagswahl erinnert an die bisherigen Amtsinhaber und ihre Regierungszeiten.

Konrad Adenauer: Bundeskanzler 1949-1963

Konrad Adenauer (1876-1967) war für die CDU Bundeskanzler von 1949 bis 1963.

Konrad Adenauer (Foto: Paul Bouserath /KAS-ACDP)
Konrad Adenauer (Foto: Paul Bouserath /KAS-ACDP)
Foto: Ara Güler/KAS-ACDP
Foto: Ara Güler/KAS-ACDP

Am Anfang war Adenauer - aber die  Entscheidung war knapp. Denkbar knapp. Mit einer einzigen Stimme Mehrheit wählt der Deutsche Bundestag Konrad Adenauer zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. "Et hett noch immer jut jejange", raunt er seinem Sitznachbarn zu, als Bundestagspräsident Erich Köhler das Ergebnis verkündet. Der selbstbewusste Rheinländer lächelt, er hat sich selbst gewählt. Für ihn ist das nur folgerichtig: "Etwas anderes wäre mir doch als Heuchelei vorgekommen", hält er den verdutzten Journalisten fröhlich entgegen. Heuchelei hat der 1876 geborene und zum Zeitpunkt seiner Wahl über siebzigjährige Rheinländer nicht nötig. Er ist fest verwurzelt in bürgerlich-katholischen Grundwerten, die auch seine politischen Überzeugungen prägen. Im Lauf eines langen Berufslebens (erst als Jurist, dann als Politiker) ist er diesen Überzeugungen treu geblieben.

Er hat sie selbst in den dunklen Tagen nicht verraten, in denen ihn private und politische Schicksalsschläge ereilt haben. Weder ein schwerer Autounfall (1917), noch Adolf Hitler brechen ihm das Rückgrat. Als Kölner Oberbürgermeister (1917-1933) verweigert er dem Nazi-Reichskanzler auf Wahlkampfreise nicht nur die erwartete Gefolgschaft. Auch die obligatorische Begrüßung am Flughafen und die Hakenkreuzbeflaggung fallen aus. Was einst abschätziges Kopfschütteln provozierte, wird in der jungen Demokratie brav beklascht. Denn Adenauer, der den NS-Terror im inneren Exil in Maria Laach übersteht, braucht keine uniformierten Straßenschläger und keinen Unterdrückungsapparat, um zum starken Mann in seiner Partei, der CDU, und an der Staatsspitze zu werden. Er erzieht die Deutschen zur Demokratie, gerade indem er vorlebt, wie man auch im Pluralismus für die eigenen Überzeugungen einstehen und für sie kämpfen kann. Damit macht er sich zwar nicht nur Freunde, aber er prägt und festigt die anfangs brüchige Demokratie, indem er sie  als Bundeskanzler durch die Kinder- und Jugendjahre führt. Dass es 14 Jahre Kanzlerschaft werden würden, das hat wohl am Tag seiner ersten Vereidung niemand gedacht.


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"Keine Experimente" ließ der bereits erfahrene Kanzler plakatieren. Adenauer selbst hat dagegen immer wieder mutige Experimente gewagt - und dabei meistens gewonnen: Seit seinen kommunalpolitischen Anfängen in Köln gilt er als "einer einer dieser eigenwilligen, unbequemen, wagemutigen Modernisierer, aus denen die moderne deutsche Gesellschaft ihre Dynamik bezog", urteilt einer, der wissen muss: Hans-Peter Schwarz, der maßgebliche Biograf Adenauers (siehe oben: linke Spalte). Regelrechten Erfindergeist demonstrierte Adenauer auch als Hobbytüftler, der gerne nützliche Geräte erfand (etwa eine Gartenhacke mit Hammerkopf). In der großen Politik wagt er große Experimente: Gegen den Widerstand der Opposition setzt Adenauer auf die Westbindung der Bundesrepublik - mit Erfolg: Der Gründungskanzler integriert (als sein eigener Außenminister) Deutschland in den Kreis der westlichen Demokratien. Zusammen mit General Charles de Gaulle söhnt er Deutsche und Franzosen aus und begründet damit eine bis heute fruchtbare Freundschaft zwischen ehemaligen Erbfeinden. Auch in Italien bastelt Adenauer unermüdlich daran, die europäische Idee umzusetzen. 

Villa La Collina in Cadenabbia (Foto: Odehnal/KAS-ACDP)
Villa La Collina in Cadenabbia (Foto: Odehnal/KAS-ACDP)

In Alcide de Gasperi findet er einen gleichgesinnten Regierungschef in Rom, in der Villa La Collina in Cadenabbia am Comer See ein ideales Feriendomizil, von dem aus dem sich entspannt Weltpolitik machen lässt. Natürlich gibt es auch fehlgeschlagene Adenauer-Experimente: Im Jahr 1959 liebäugelt er kurz mit dem Amt des Staatsoberhauptes, von dem er sich entscheidenden Einfluss über seine Kanzlerschaft hinaus verspricht. Als ihn Theodor Heuss daran erinnert, wie sehr Adenauer als Kanzler den Bundespräsidenten aus dem politischen Tagesgeschäft herausgehalten hat, da will der "Alte" doch lieber Kanzler bleiben. Die SPIEGEL-Affäre 1962 wirft ebenfalls kein gutes Licht auf Adenauer: Wegen kritischer Berichterstattung werden die Redaktionsräume durchsucht. Herausgeber Rudolf Augstein und sein stellvertretender Chefredakteur Conrad Ahlers werden wegen vermeintlichen Landesverrats verhaftet. Die anschließende Regierungskrise läutet das Ende der adenauerschen Kanzlerschaft ein. Ein Jahr später übergibt er sein Amt grantelig an Ludwig Erhard (Eulengezwitscher-Extra am 5. September). Der erste Alt-Kanzler zieht sich nach Rhöndorf zurück, züchtet Rosen, spielt Boccia und schreibt seine Memoiren. Selbst wenn er nicht an sein politisches Leben erinnert hätte: Die (westliche) Welt weiß, was sie dem Rheinländer verdankt: Nichts weniger als einen entscheidenden Beitrag zur Stabilisierung eines friedlichen und freien Europas, das trotz mancher Meinungsverschiedenheiten zusammenarbeitet, anstatt sich zu bekämpfen.

Übrigens: Was Konrad Adenauer außerdem gesagt, geschrieben und bewirkt

hat, ist auf der Onlineplattform www.konrad-adenauer.de zusammengetragen.  

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Ludwig Erhard: Bundeskanzler 1963-1966

Ludwig Erhard (1897-1977) war für die CDU Bundeskanzler von 1963 bis 1966.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F020158-0003 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, B 145 Bild-F020158-0003 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0

Er war der Kanzler mit der Zigarre: Ludwig Erhard. Sein Leben genießt er buchstäblich in vollen Zügen und auch seinen Landsleuten verspricht der Vater des Wirtschaftswunders werbewirksam "Wohlstand für alle" (siehe links). Das ist kein Wunder, denn der junge Erhard hat als Nachwuchswissenschaftler an einem Marketing-Seminar gearbeitet – und doch hat es tiefere Gründe, dass Erhard das Leben schätzt: Dreimal hängt es am seidenen Faden. Geboren 1897 in Fürth erkrankt der kleine Ludwig an spinaler Kinderlähmung. Glück im Unglück: Erhard kommt mit einem Klumpfuß davon. Auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs springt er dem Tod erneut von der Schippe. Zuerst übersteht er ein gefährliches Fleckenfieber und wird dann bei Ypern von einer Granate schwer verletzt. Als sich Erhard vom Krankenlager erhebt und das Lazarett verlassen darf, ist der Krieg zu Ende. Erhard bezieht jetzt in den Schützengräben der Wirtschaftswissenschaften Stellung, erwirbt ein Kaufmannsdiplom und studiert Betriebswirtschaftslehre. Seine Doktorarbeit verrät bereits den künftigen Manager der Währungsreform: Erhard promoviert über „Wesen und Inhalt der Werteinheit“. Seine große Stunde schlägt nach dem Zweiten Weltkrieg. Schon in den frühen 1940er Jahren hat Erhard über die künftige Wirtschaftsordnung nachgedacht. Da er dabei mit dem Untergang des NS-Regimes und mit künftigen Kriegsschulden gerechnet hat, musste er vorsichtig sein, solange Hitler an der Macht war. Nach Kriegsende aber ist er als politisch unbelasteter Wirtschaftsfachmann ein Juwel für die amerikanischen und englischen Befreier. Erhard bereitet für die Besatzungsmächte die Währungsreform vor - und landet einen Überraschungscoup: Noch ehe der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay die endgültigen Pläne absegnet, verkündet Erhard die ersten Details.


Ludwig Erhard (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)
Ludwig Erhard (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)

Die Deutschen nehmen ihn als den wahr, der er ist: ein Wirtschaftsexperte, der auch die Kunst des Politischen beherrscht. Auch der gerade gewählte Kanzler Adenauer sieht das (noch) so und beruft Erhard als Wirtschaftsminister. In der Regierung beweist Erhard, dass er nicht nur Währungsreform kann. Er kann auch Wirtschaftswunder. Der Schlüssel dazu ist die Soziale Marktwirtschaft: eine Wirtschaftsordnung, die maßgeblich von den Ökonomen Werner Eucken und Alfred Müller-Armack ersonnen worden ist und die Erhard nun Schritt für Schritt politisch ins Werk setzt. „Die Grundlage aller Marktwirtschaft bleibt die Freiheit des Wettbewerbs“, erklärt Erhard den Deutschen. Dann bedient sich der begeisterte Fußballer (Klumpfuß hin oder her) einer Sprache, die spätestens nach dem Wunder von Bern (im Eulengezwitscher: Fritz Walter und Helmut Rahn) alle verstehen: „Ebenso wie beim Fußballspiel der Schiedsrichter nicht mitspielen darf, hat auch der Staat nicht mitzuspielen. Die Zuschauer würden es den Spielpartnern auch außerordentlich übel nehmen, wenn diese vorher ein Abkommen geschlossen und dabei ausgehandelt haben würden, wieviel Tore sie dem einen oder anderen zubilligten.“ Geheime Absprachen (Kartelle) sind verboten; gewisse Regeln brauchen Fußball wie Wettbewerb.“

Foto: Arnoldius. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Foto: Arnoldius. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Die Wirtschaft brummt und Deutschland klettert gewissermaßen über die Konjunkturkurve aus der Nachkriegszeit. Wer aber glaubt, die Soziale Marktwirtschaft bringe jedem Deutschen ein Rund-um-sorglos-Paket, der hat Erhard nicht verstanden: „Solche 'Wohltat' muß das Volk immer teuer bezahlen“, warnt Erhard, „weil kein Staat seinen Bürgern mehr geben kann, als er ihnen vorher abgenommen hat“. Solche mahnenden Worte gehen im ungeahnten Aufschwung allzu leicht unter. Die Deutschen haben allen Grund zu jubeln und dem jovial-optimistischen Erhard jubeln sie gerne zu. Als Konrad Adenauer abtritt, wird der im Volk beliebte Ehrhard zu seinem Nachfolger gewählt. Auch als Kanzler bleibt er ein Mahner. In seiner Regierungserklärung erinnert er daran, warum die deutsche Konjunktur brummt: „Lassen Sie mich ein offenes Wort sprechen: Wir müssen uns entweder bescheiden oder mehr arbeiten. Die Arbeit ist und bleibt die Grundlage des Wohlstandes:“ Obwohl bald vom „Volkskanzler“ die Rede ist, steht die Kanzlerschaft unter keinem guten Stern. Adenauer, der nur das Kanzleramt abgetreten hat, nicht aber den Parteivorsitz, macht es Erhard schwer. Parteispitze und Fraktion haben nach kurzer Zeit kein volles Vertrauen mehr in den neuen Kanzler. Der kämpft derweil mit dem übergroßen Erbe Adenauers. In der Außenpolitik gelingt es ihm kaum, das deutsch-amerikanische und das deutsch-französische Verhältnis unter einen Hut zu bringen. In der Innenpolitik setzt ihn die erste Wirtschaftskrise unter Druck. Als der kleine Koalitionspartner FDP Erhards Finanz- und Wirtschaftspolitik nicht mehr mitträgt, zerbricht das Regierungsbündnis – und mit ihm Erhards Kanzlerschaft. Nur drei Jahre hat er regiert. Dennoch wirken viele seiner wirtschaftspolitischen Einsichten bis heute nach. Besonders einschlägig ist ein Ratschlag zur Steuer- und Schuldenpolitik: „Der sozialen Fürsorge ist auch nicht damit gedient, durch immer höhere Steuerbelastungen die Produktivität zu schmälern oder auch durch fragwürdiges Finanzgebaren die Volkswirtschaft immer stärker zu verschulden. Auch diese Schulden müssen einmal zurückgezahlt werden."

Alle wörtlichen Zitate sind dem Internetauftritt der Initiative Neue Soziale Marktschaft entnommen. Auch die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Ludwig-Erhard-Stiftung bieten weitere Details zur Kanzlerschaft Ludwig Erhards. 

 

 

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Kurt Georg Kiesinger: Bundeskanzler 1966-1969

Kurt Georg Kiesinger (1904-1988) war für die CDU Bundeskanzler von 1949 bis 1963.

Kurt Georg Kiesinger (Foto: KAS/ACDP)
Kurt Georg Kiesinger (Foto: KAS/ACDP)

Er führte die erste Große Koalition: Kurt Georg Kiesinger. Im November 1966 besiegelt ein Handschlag zwischen Kiesinger und Willy Brandt die politische Sensation. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik wird es sozialdemokratische Bundesminister geben - wenn auch unter einem christdemokratischen Kanzler. Der scheint dafür allerdings wie gemacht, denn Kurt Georg Kiesinger versteht sich als Mann des Ausgleichs, als Vermittler. Das mag an seiner familiären Herkunft liegen. Der Vater ist evangelisch, die Mutter katholisch. Das ist ungewöhnlich an der Jahrhundertwende, schult aber auch den Blick für's große Ganze.

 


Kurt Georg Kiesinger lernt früh, vermeintliche Gegensätze zu verstehen und in Einklang zu bringen. Politisch setzt sich schon der junge Bundestagsabgeordnete Kiesinger (ab 1949) für die Zusammenarbeit der beiden Volksparteien ein. In Südwürttemberg klappt das vorzüglich, das weiß der gebürtige Schwabe genau. Nassforsch fordert er vom designierten Kanzler Konrad Adenauer, nicht dem Liberalen Theodor Heuss ins höchste Staatsamt zu verhelfen, sondern einem Sozialdemokraten. Solange verschafft er sich im Kreis der staunenden Fraktionskollegen Gehör, bis Adenauer ein Machtwort spricht: „Verzeihen Sie, Herr Abgeordneter, die Sache ist längst erledigt.“ Auch als die Bundesverfassungsrichter gewählt werden ist es Kiesinger, der für einen breiten Konsens wirbt. Das prädestiniert für den Vorsitz im Vermittlungsausschuss, jenem Gremium, das verfahrene Gesetzgebungsprozesse durch Kompromisslösungen wiederbeleben soll. Nicht alle sehen im stets eleoquent und elegant auftretenden Kiesingerr einen Vermittler und Versöhner. Das liegt an seiner Vergangenheit als NSDAP-Mitglied (1933-1945). Um nicht an die Front zu müssen, hat er eine Stelle im Außenministerium angenommen. Der Protest gegen seine Kanzlerkandidatur ist laut. Dichter und Denker wie Günther Grass und Karl Jaspers fordern Kiesinger auf, auf das Kanzleramt zu verzichten. Am lautesten knallt die Ohrfeige, die Beate Klarsfeld Kiesinger auf offener Bühne des CDU-Parteitags verpasst. „Nazi! Nazi! Nazi!“ schreit sie (und kassiert dafür offenbar auch 2000 Mark von der DDR-Regierung). Dabei hatte der Journalist Conrad Ahlers (Der Spiegel) schon ein Denunziaten-Dokument aus dem Jahr 1944 aufgetan, aus dem klar hervorgeht, dass Kiesingers NSDAP-Angehörigkeit doch nicht so klar zu deuten ist. Dort ist von einem Kurt Georg Kiesinger die Rede, „der nachweislich die antijüdische Aktion hemmt.“

Kurt Georg Kiesingers Kabinett tagt gerne mal im Garten des Kanzleramtes (Foto: Bundesregierung/Reineke)
Kurt Georg Kiesingers Kabinett tagt gerne mal im Garten des Kanzleramtes (Foto: Bundesregierung/Reineke)

Den Sozialdemokraten reichen Kiesinger die Hand – die Studenten der Generation 1968 sehen in ihm dagegen die Verkörperung einer verweigerten Vergangenheitsbewältigung. Dass ausgerechnet eine Regierung unter dem Kanzler Kiesinger im Bundestag über eine Zweidrittelmehrheit verfügt und dass die verbliebene Opposition (nur noch die FDP) nicht einmal mehr genug Stimmen aufbringen kann, um einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss einzusetzen, dass bringt die Studenten auf die Straße. Als die Große Koalition dann auch noch die Notstandsgesetze verabschiedet, sehen viele die Demokratie in Deutschland bedroht. In diesen unruhigen Zeiten am Ende der 1960er Jahre zeigt sich, wie intakt die deutsche Demokratie tatsächlich ist. Bei der Bundestagswahl 1969 scheint Kiesingers CDU eine knappe absolute Mehrheit zu erringen. In diesem Fall hätte er es mit einer starken Opposition zu tun bekommen – ein zentrales Indiz für eine gesunde Demokratie. Es kommt aber anders. Hauchdünn reichen die Mehrheitsverhältnisse für eine sozialliberale Koalition. Das zieht einen Machtwechsel nach sich, wie er nur in einer Demokratie funktioniert. Ein Kandidat der langjährigen Oppositionspartei SPD löst Kanzler Kiesinger nach nur drei Jahren ab: Willy Brandt.

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Willy Brandt: Bundeskanzler 1969-1974

Willy Brandt (1913-1992) war für die SPD Bundeskanzler von 1969-1974.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F039408-0008 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, B 145 Bild-F039408-0008 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0

Er wollte mehr Demokratie wagen: Willy Brandt. Damit beginnt der erste sozialdemokratische Kanzler schon vor seiner Wahl, denn er findet ungewohnte Mehrheiten. Zwar hat die CDU bei der Bundestagswahl im September 1969 die meisten Stimmen erhalten und Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger sieht in dieser denkwürdigen Wahlnacht lange wie der strahlende Sieger aus. Aber er hat die Rechnung ohne seinen bisherigen Stellvertreter und Juniorpartner in der Großen Koalition gemacht. Willy Brandt schmiedet ein gewagtes Bündnis mit der FDP. Die stärkste Fraktion stellt also nicht den Kanzler – das hatte es in der Bundesrepublik noch nie gegeben. Aber im Vergleich zu dem, was sich die neue sozialliberale Koalition programmatisch auf die Fahnen schreibt, nimmt sich die merkwürdige Mehrheit gerade unbedeutend aus. Innenpolitisch stehen unter anderem groß angelegte Reformen im Bildungswesen und im Strafrecht auf der Agenda, ebenso wie die Gleichstellung der Frau im Familien- und Eherecht und die Ausweitung der betrieblichen Mitbestimmung. Vor allem sorgt Brandt mit seiner Ostpolitik für Furore. Unter der Devise „Wandel durch Annäherung“ will der neue Kanzler die Beziehungen der Bundesrepublik zur DDR und zu den sowjetischen Staaten normalisieren. 

 


Foto: Bundesregierung/Reineke
Foto: Bundesregierung/Reineke

Unter Konrad Adenauer hatte es (zumindest offiziell) überhaupt keine Beziehungen gegeben, weil man die DDR gat nicht erst als Staat betrachtete. Mehr noch: Auch mit Staaten, die die DDR anerkannten, wollte die Bundesregierung keine diplomatischen Beziehungen unterhalten. Adenauers Nachfolger Ludwig Ehrhard und Kurt Georg Kiesinger waren zwar nicht mehr ganz so streng verfahren, Brandt jedoch betritt Neuland. Zwar will auch er die DDR nicht völkerrechtlich anerkennen, die Begründung dafür hat es jedoch in sich. In seiner ersten Regierungserklärung erklärt der Kanzler : „Auch wenn zwei Staaten in Deutschland existieren, sind sie doch füreinander nicht Ausland.“ Zwei Staaten – die DDR jetzt also doch ein Staat. In Moskau und Ost-Berlin registriert man Brandts Kurswechsel hochinteressiert. Der lässt seinen Worten bald Gesten und Taten folgen, mit denen er weitere Schritte auf dem Weg der Entspannungspolitik geht. In den sogenannten Ostverträgen sichert er der Sowjetunion und Polen zu, dass Deutschland die Oder-Neiße-Linie als Ostgrenze akzeptieren. Historischer noch als diese Verträge ist der Kniefall vor dem Warschauer Ghetto-Mahnmal: Stumm bittet Willy Brandt um Vergebung für die Verbrechen von Hitlers Gewaltherrschaft, die er nicht zu verantworten hat, unter denen er selbst gelitten und viel verloren hat  sogar seinen Namen.

Foto: Bundesregierung/Wegmann
Foto: Bundesregierung/Wegmann

Denn geboren ist Willy Brandt 1913 als Herbert Frahm. Dass er als junger sozialdemokratischer und sozialistischer Journalist aus Angst vor dem nationalsozialistischen Regime ins norwegische Exil geht und aus Selbstschutz seinen Namen ändert, trägt man ihm ebenso nach wie den vermeintlichen Makel seiner unehelichen Geburt. Aber Brandt beißt sich durch. Nach dem Krieg tritt er erneut in die SPD ein und macht Karriere: Als Regierender Bürgermeister von Berlin beweist er Mut und politischen Instinkt, indem er sich mit aller Macht (und mit dem starken Verbündeten Axel Springer) gegen den Mauerbau stemmt und zum Sprachrohr für die Menschen in der geteilten Stadt wird. Der deutsche Kennedy, wie Brandt wegen seines jugendlichen Auftreten bald genannt wird (auch wegen seiner vielen Affären?) wird zum Hoffnungsträger in West und Ost. An der Mauer, die Walter Ulbricht errichten lässt, erlebt Brandt vom ersten Tag an, wie Familien auseinandergerissen und soziale Bindungen aller Arten gekappt werden. Nicht zuletzt deshalb zielt seine Annäherung an die DDR-Führung auch darauf ab, den Deutschen im Osten alltägliche Erleichterungen zu verschaffen. Mit einigem Erfolg: Denn im Grundlagenvertrag bekennt sich das DDR-Unrechtsregime (nun unter Erich Honecker) zumindest zu den Grundsätzen der Vereinten Nationen. Honecker und die Oberen aus Ostberlin spielen noch wei Mal bedeutende Rollen in Brandts Kanzlerschaft: 1972 verhindern sie seinen Sturz. Ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Brandt scheitert, weil die DDR-Regierung zwei CDU-Abgeordnete besticht. Die folgende Wahl gewinnt Brandt deutlich. Honeckers Spitzel-Dienst (die Stasi) ist dann maßgeblich am tatsächlichen Kanzlersturz beteiligt. Als Günther Guillaume, ein Stasi-Spion im engsten Kanzlerkreis enttarnt wird, tritt Brandt 1974 zurück. Innerparteiliche und innenpolitische Querelen hatten ihn ohnehin amtsmüde werden lassen und so räumt er seinen Platz für Helmut Schmidt. Seinen Platz in der Geschichte der Bundesrepublik räumt er dagegen nicht. Nicht nur, dass sein Wort zeitlebens Gewicht hatte in Partei und Staat. Mit dem „Wandel durch Annäherung“ hat er sich überdies als mutiger Reformer um die Deutschen in West und Ost verdient gemacht.

In der Journalistenausbildung genießt übrigens ein kurzes, aber knackiges Brandt-Interview Kultstatus. Von den Antworten des Kanzlers kann man lernen, warum man besser keine geschlossenen Fragen stellt (siehe Clip):

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Helmut Schmidt: Bundeskanzler 1974-1982

Helmut Schmidt (geb. 1919) war für die SPD Bundeskanzler von 1974 bis 1982.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F048808-0033 / Wienke, Ulrich / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, B 145 Bild-F048808-0033 / Wienke, Ulrich / CC-BY-SA 3.0
© Bundeswehr/Archiv - Verteidigungsminister Helmut Schmidt. Lizenziert unter CC BY 2.0
© Bundeswehr/Archiv - Verteidigungsminister Helmut Schmidt. Lizenziert unter CC BY 2.0

Er war der Krisen-Kanzler mit dem kühlen Kopf: Helmut Schmidt. Eine Krise ist es, die den dreifach erfahrenen Bundesminister (Verteidigung,  Finanzen, Wirtschaft) 1974 ins Kanzleramt katapultiert. Willy Brandt ist zurückgetreten. Die sozialliberale Koalition ist führungslos und Schmidt springt ein. Vom ersten Tag an ist er auch im Amt ein Krisenmanager. Die Bundesrepublik laboriert an den Folgen der Ölkrise. Die deutsche Wirtschaft ist geschwächt und die vom Ehrhardschen Wirtschaftswunder verwöhnten Deutschen sind verunsichert. Da kommt der selbstsichere Schmidt gerade recht. Geboren 1918 in Hamburg saugt Helmut schon mit der Muttermilch  Stolz und Selbstbewusstsein der  Freien und Hansestadt in sich auf. Auf der reformpädagogischen Lichtwarkschule darf der Bürgerssohn seine künstlerischen  Talente erforschen: Er malt und musiziert gerne. Obwohl er zeitlebens leidenschaftlich Klavier spielt (es gibt sogar eine CD), verdrängt vorerst der Krieg die schönen Künste. Schmidt zieht als disziplinierter aber unpolitischer Soldat an die Front. Dort entwickelt er seine Führungsqualitäten. In der Wehrmacht dient er zuletzt als Oberleutnant, die Bundeswehr befördert ihn später zum Hauptmann der Rerserve.

Privat liegen Freud und Leid nah beieinander. Helmut Schmidt heiratet seine Loki - aber die beiden verlieren viel. Erst ihr Hab und Gut in den Hamburger Bombennächten. Dann - wesentlich schlimmer - ihren Sohn, der noch vor seinem ersten Geburtstag stirbt. Loki und Helmut Schmidt halten zusammen und bauen ihr Leben von Neuem auf. Nach dem Krieg tritt Schmidt in die SPD ein und macht dort mit markigen Worten und kernigen Gesten rasch Parteikarriere. "Schmidt-Schnauze" wird Hamburger Polizeisenator. In diesem Amt bewährt sich Schmidt als Macher und Krisenstratege. In der Hamburger Flutkatastrophe von 1962 sind schnelle und klare Ansagen gefragt - und das kann Schmidt leisten. Gerade in heiklen Entscheidungssituationen (nichts anderes sind Krisen) behält er einen kühlen Kopf und dirigiert seine Mitstreiter. Dem überforderten Bürgermeister Paul Nevermann entzieht er kurzerhand das Kommando: "Paule, lass man, davon verstehst Du nichts..."

Bundesarchiv, B 145 Bild-F044137-0029 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA
Bundesarchiv, B 145 Bild-F044137-0029 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA

Die schwierigste Krise, die Schmidt in seiner langen Politikerlaufbahn zu bewältigen hat, steht ihm erst noch bevor. In seine Kanzlerschaft fällt der linke Terror der RAF. Spitzenbanker wie Jürgen Ponto (Dresdner Bank), Repräsentanten des Rechtsstaats wie Generalbundesanwalt Siegfried Buback und Wirtschaftsfunktionäre wie Hanns Martin Schleyer werden ermordet. Schmidt ist ohnmächtig und stark zugleich. Auch wenn er persönlich darunter leidet, verhandelt er nicht mit den Terroristen. Der Staat, den er regiert, lässt sich nicht erpressen und genau das erklärt Schmidt den Deutschen (siehe Clip).

Selbst als als die Lufthansa-Maschine 'Landshut' gekapert wird und sich auf dem Flughafen von Mogadischu ein Entführungsdrama abspielt, behält Schmidt die Nerven (literweise Cola und Unmengen von Zigaretten helfen ihm dabei). Er schickt die neu gegründete Eliteeinheit GSG9, die die Geiselnahme (fast) unblutig beendet. Eine Krise ist es dann auch, die Schmidts Kanzlerschaft beendet: Eine Regierungskrise. Die eigenen  Genossen teilen die bündnisstrategische Überzeugung des Kanzlers nicht: Anders als Helmut Schmidt sind seine Sozialdemokraten mit dem NATO-Doppelbeschluss nicht einverstanden. Dass auch die FDP längst wieder mit der CDU/CSU anbändelt, führt zum Kanzlersturz per konstruktivem Misstrauensvotum. Mit den Stimmen von Schwarz-Gelb wählt der Bundestag 1982 Helmut Kohl zum Kanzler.  Schmidt geht hoch erhobenen Hauptes. Wie kein anderer Kanzler prägt er auch nach seiner Amtszeit die öffentliche Meinung - ob als ZEIT-Herausgeber oder als 'Elder Statesman'.

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Helmut Kohl: Bundeskanzler 1982-1998

Helmut Kohl (geb. 1930) war für die CDU Bundeskanzler von 1982 bis 1998.

Helmut Kohl (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)
Helmut Kohl (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)
Bundesarchiv, B 145 Bild-F074398-0021 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, B 145 Bild-F074398-0021 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0

Er ist der Kanzler der Einheit: Helmut Kohl. Kohl hat die historische Gelegenheit erkannt und beim Schopf gepackt, die sich mit der Berliner Mauer am 9. November 1989 (er)öffnete. Mit einem Zehn-Punkte-Programm, das schrittweise auf die Deutsche Einheit hinführt, überrumpelt der Kanzler alle: seine CDU/CSU-Parteifreunde, seine Koalitionspartner von der FDP und sogar die vier Siegermächte der Zweiten Weltkriegs, die einer Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands zustimmen müssen. Damit wagt Kohl viel, denn seine Partei, seine Regierungspartner und vor allem die westlichen Verbündeten sind wichtige Stützen seiner Macht - und Macht ist ein Lebensexelier für Helmut Kohl.

Er ist der Kanzler der Einheit: Helmut Kohl. Kohl hat die historische Gelegenheit erkannt und beim Schopf gepackt, die sich mit der Berliner Mauer am 9. November 1989 (er)öffnete. Mit einem Zehn-Punkte-Programm, das schrittweise auf die Deutsche Einheit hinführt, überrumpelt der Kanzler alle: seine CDU/CSU-Parteifreunde, seine Koalitionspartner von der FDP und sogar die vier Siegermächte der Zweiten Weltkriegs, die einer Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands zustimmen müssen. Damit wagt Kohl viel, denn seine Partei, seine Regierungspartner und vor allem die westlichen Verbündeten sind wichtige Stützen seiner Macht - und Macht ist ein Lebensexelier für Helmut Kohl.


Der Parteiführer (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)
Der Parteiführer (Foto: Slomifoto/KAS-ACDP)

Geboren 1930 kommt Kohl nicht mehr in die Verlegenheit, sich politisch für oder wider die Nationalsozialisten entscheiden zu müssen. Die "Gnade der späten Geburt" nennt er das selbst. Mit der Gründung der Bundesrepublik wird Kohl politisch aktiv. Er ist einer der ersten, die eine klassische Parteikarriere durchlaufen: Früh tritt der der CDU und ihrer Jugendorganisation, der Jungen Union (JU) bei. In der Partei fühlt er sich zuhause und zu höhreren Aufgaben berufen. Bald gehört er in CDU und JU zum rheinland-pfälzischen Landesvorstand. Auch in Wissenschaft und Beruf bleibt der gebürtige Ludwigshafener Kohl seiner Heimat treu: Er promoviert über "Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945" - und kennt sich danach bestens in der politischen Landschaft. Zehn Jahre arbeitet er für den Ludwigshafener Industrieverband Chemie und vernetzt sich in der Wirtschaft. Dann wechselt er ganz in die Politik. Schon als Landstagsabgeordneter schnuppert er im Bundesvorstand der CDU Bonner Luft. Als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident sammelt er Regierungserfahrung. Zwar scheitert seine erste Kanzlerkandidatur 1976, aber er bleibt als Oppositionsführer in Bonn. 1982 ist es dann soweit. Die FDP wechselt die Seiten und wählt Kohl zum Kanzler. Dass er von allen Amtsinhabern am längsten regieren würde (16 Jahre), glaubt damals kaum einer. Öffentlichkeit und Presse spotten über Kohl und seine Pfälzer Provinzialität. Seine Kopfform vergleicht man gerne mit einer Birne, der Körperbau bringt ihm den Spitznamen "Der Dicke" ein. Kohl hat es faustdick hinter den Ohren. Seine Regierungszeit festigt sich. Grundlage seiner Macht ist die Partei, die er fest im Griff hat. Kohl regiert mit dem Telefon. Nicht selten klingelt es bei Lokalpolitikern, wenn ein Geburtstag oder ein Verbandsausflug ansteht. Der Kanzler ist am Apparat, um zu gratulieren oder gutes Gelingen zu wünschen. Das kommt bei der Basis an und baut Kohl dadurch seine Hausmacht aus. Selbst als es 1989 beim Bremer Parteitag kritisch wird für Kohl, hält die Partei zu ihm und schasst Genheralsekretär Heiner Geißler, der an Kohls Sturz gearbeitet hatte.

Emissär der Einheit (Foto: Bundesregierung/Pfeil)
Emissär der Einheit (Foto: Bundesregierung/Pfeil)

Dann fällt die Mauer und Kohl handelt mit dem Sowjetführer Michael Gorbatschow im Kaukasus die Modalitäten der Einheit aus. Die Amerikaner hat er ohnehin auf seiner Seite und gemeinsam mit George Bush (Vater) überzeugt er auch die skeptischen Briten und Franzosen. Den Deutschen verspricht er "blühende Landschaften" in den neuen Bundesländern. Dass Kohl - wie er heute selbst sagt - das Ausmaß der vierzigjährigen Teilung unterschätzt hat, wird ihm von Anfang an vorgehalten, beispielsweise in der Wendezeitsatire "Hurra Deutschland" (siehe Clip): 

Sicher: Kohl hat in seinem langen politischen Leben manches falsch beurteilt - beispielsweise die Wirkung eines Bitburger Friedhofsbesuchs, auf dem auch SS-Soldaten begraben liegen. Kohl hat auch schwere Fehler gemacht - allen voran die Annahme illegaler Spenden. Die Wiederveinigung allerdings zählt nicht zu seinen Fehlern, obwohl sich Arbeitsmarkt und Gehälter bislang nicht so entwickelt haben wie erhofft. Allerdings wird von den Skeptikern der Einheit gerne übersehen, dass mit dem DDR-Unrechtsregime auch dessen Terrorinstrumente beseitigt worden - allen voran die Stasigefängnisse und Selbstschussanlagen an der Mauer. Heute kann man wieder in ganz Deutschland sagen, was man denkt und wählen, wen man will. Das ist ein hohes Gut, für das andernorts viel Blut vergossen wurde und wird. Das ist und bleibt das historische Verdienst von Helmut Kohl.

Übrigens: Was Helmut Kohl außerdem gesagt, geschrieben und bewirkt

hat, ist auf der Onlineplattform http://helmut-kohl.kas.de/ zusammengetragen.  

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Gerhard Schröder: Bundeskanzler 1998-2005

Gerhard Schröder war für die SPD Bundeskanzler von 1998 bis 2005.

Foto: André Zahn, Lizenz:  CC-BY-SA-2.0-DE
Foto: André Zahn, Lizenz: CC-BY-SA-2.0-DE
Zum Interview mit dem Schröder-Biografen Gregor Schöllgen einfach auf's Cover klicken (ab Ende Oktober 2015)
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Er war der Basta-Kanzler: Gerhard Schröder. Das spüren vor allem seine Parteigenossen und der grüne Koalitionspartner. Denn Schröder verdrängt nicht nur Helmut Kohl nach sechszehn Jahren von der Macht. Von Anfang an lässt er keinen Zweifel daran, dass er seine Richtlinienkompetenz mit niemanden teilt. Als erstes trifft es Oskar Lafontaine, der sich selbst als starken Mann im künftigen Kabinett wähnt. Schon in den Koalitionsverhandlungen verweist Schröder Lafontaine so barsch in seine Schranken, dass der vermeintliche Schattenkanzler in Tränen ausbricht (sehr lebhaft geschildert in 'Operation Rot-Grün', siehe links). Auch als Finanzminister hat Lafontaine wenig Freude mit Schröder. Wenn er ein wirtschaftspolitisches Positionspapier ins Kanzleramt schickt, kommt es mit Vermerk "Quatsch" zurück. Wiederholt derart vorgeführt wirft Lafontaine hin und zieht sich schmollend ins Saarland zurück. Diese Personalie nimmt auch den Politikwechsel vorweg, den Schröder der Sozialdemokratie und den Grünen zumutet. Statt idealisierter Sozialromantik betreibt der Kanzler der ersten rot-grünen Koalition Realpolitik mit starker Hand. Ohne Rücksicht auf die grüne Basis zieht die Bundeswehr unter Schröder erstmals wieder in den Krieg: 

Die deutsche Luftwaffe beteiligt sich an Angriffen im Kosovo. Auch innenpolitisch spricht der Kanzler Tacheles. Ausgerechnet beim Gewerkschaftskongress, wo sie ihm die geplante Riesterrente ausreden wollen, spricht Schröder sein berühmtes Machtwort: "Es ist notwendig und wir werden es machen. Basta!" Am Kabinettstisch stutzt er den Koaltionspartner zurecht, wenn getroffene Abmachungen dem ihm Wege stehen, was er unter Pragmatismus versteht: "Der Koalitionsvertrag ist ja keine Bibel", erklärt er seinen verdutzten Ministern. Auf internationaler Bühne deutet Schröder schriftlich an, wie er in Deutschland den Arbeitsmarkt und die Sozialgesetzgebung zu reformieren gedenkt: Das Schröder-Blair-Papier ist das Wetterleuchten der Agenda 2010. Dieses Reformpaket polarisiert auf merkwürdige Weise. Der linke Flügel der eigenen Partei kann nicht glauben, dass Schröder über die Lockerungen des Kündigungsschutzes und  Hartz IV auch nur nachdenkt. Ausgerechnet der Ur-Sozi Gerd, der in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen ist und sich aus eigener Kraft in Beruf und Partei nach oben gearbeitet hat (als Hobbykicker beim TuS Talle haben sie ihn "Acker" gerufen). Ausgerechnet Gerhard Schröder also verpatzt die vermeintlich historische Chance, die ein rot-grünes Regierungsbündnis mit sich bringt. Dabei wird Schröders Leistung selbst vom politischen Gegner gewürdigt. "Gerhard Schröder hat sich um Deutschland verdient gemacht", lobt Angela Merkel ihren Vorgänger im Kanzleramt im TV-Duell gegen Peer Steinbrück. Das schmerzt eingefleischte Sozialdemokraten. Schröders Basta-Politik mag dem Land genutzt haben, die Partei leidet bis heute darunter.

Foto: Paul Morse/Weißes Haus, Lizenz: gemeinfrei
Foto: Paul Morse/Weißes Haus, Lizenz: gemeinfrei

Nicht nur die eigene Basis bekommt Schröders Dickkopf zu spüren. Auch dem mächtigsten Mann der Welt bietet er die Stirn. Zwar darf sich US George W. Bush unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 an der "uneingeschränkten Solidarität" des deutschen Kanzlers freuen. Soldaten schickt Schröder allerdings nicht, als die Weltmacht gegen den Irak marschiert. Das trübt das transatlantische Verhältnis, aber es beschert Rot-Grün eine zweite Legislaturperiode.  Der wiedergewählte Kanzler bleibt seiner Basta-Linie treu. Nach einer Reihe verlorener Landtagswahlen lässt er Franz Müntefering Neuwahlen ankündigen - dabei gibt es dazu eigentlich keine verfassungsrechtliche Grundlage. Nur der Bundespräsident kann den Bundestag auflösen, beispielsweise, wenn ein Kanzler eine Vertrauensabstimmung absichtlich verliert. Das ist für Schröder eine leichte Übung, aber die Wähler lassen sich nicht täuschen. Sie wählen Rot-Grün ab und bereiten einer Neuauflage der Großen Koalition den Boden. Das ist bereits am Wahlabend allen klar. Allen, außer dem Basta-Kanzler. Noch einmal poltert Schröder auf der großen Bühne der Elefantenrunde (siehe Clip).

Von Gerhard Schröders Amtszeit bleibt die überfällige und notwendige Agenda 2010, die dem Land genutzt, aber seiner Partei geschadet hat - wie so manche Geste des Basta-Kanzlers. Dass er sich kurz nach seiner Wahl in Briono-Anzüge und mit Cohiba-Zigarren ablichten ließ, war nicht hilfreich. Auch als Bundeskanzler außer Dienst hat er seine Parteigenossen in Erklärungsnöte gebracht - Vor allem durch seine engen Beziehungen zum russischen Machthaber Wladimir Putin, den er als "lupenreinen Demokraten" bezeichnet hat und durch dessen Freundschaft er einen lukrativen Aufsichtsratsposten in der russischen Gaswirtschaft übernommen hat. Dessen ungeachtet bleibt Schröder auch der Kanzler, der Rot-Grün möglich gemacht hat. Erst auf Landesebene (als Ministerpräsident in Niedersachsen), dann im Bund.

Gerhard Schröders Biografie weiterzwitschern:

Alle Kanzler im Eulengezwitscher Extra zur Bundestagswahl:

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Angela Merkel: Bundeskanzlerin seit 2005

Angela Merkel ist seit 2005 für die CDU Bundeskanzlerin

Foto: א (Aleph). Licensed under CC BY-SA 2.5
Foto: א (Aleph). Licensed under CC BY-SA 2.5

Sie ist die amtierende Kanzlerin: Angela Merkel. Im Kanzleramt ist Angela Merkel gleich in dreifacher Hinsicht eine Pionierin: Sie ist die erste Frau, die erste Ostdeutsche und die erste Naturwissenschaftlerin an der Regierungsspitze. Geboren ist Merkel 1954 in Hamburg, aufgewachsen im uckermärkischen Templin. Ihr Vater, Horst Kasner, ist evangelischer Pfarrer. Merkels Jugendzeit in der DDR verläuft unspektakulär. Sie absolviert ihr Abitur an der Erweiterten Oberschule (EOS) "Hermann Matern" bezieht dann die Marl-Marx-Universität in Leipzig, um Physik zu studieren. Lehrerin will sie werden, aber das ist nicht möglich, weil sie kirchlich gebunden und politisch nicht aktiv ist.


Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0803-017 / Settnik, Bernd / CC-BY-SA
Lothar de Maiziére und Angela Merkel (Foto: Bernd Settnik)

In die Politik zieht es Angela Merkel schon - aber nicht im DDR-Unrechtsregime. Dann aber bringt die friedliche Revolution für Freiheit und Demokratie den alten sozialistischen  Staats- und Parteiapparat zum Einsturz. Merkel, die über Zerfallsreaktionen promoviert hat, ist zur Stelle. Erst im Demokratischen Aufbruch, dann in der CDU gestaltet sie als Sprecherin der Regierung von Lothar de Maiziére Wende und Wiedervereinigung mit. Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl erringt Merkel ein Direktmandat. Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, holt sie an den Kabinettstisch. Als "Kohls Mädchen" wird Merkel Bundesjugendministerin. Die allgemeine Verwunderung über diesen Karrieresprung bleibt eine treue Begleiterin auf Merkels Weg ins Kanzleramt. Bis heute wird sie immer wieder unterschätzt. Dabei hat sie mehr als einmal bewiesen, welche politischen Berge sie versetzen kann: Helmut Kohl zum Beispiel. Ihr einstiger Förderer hat es am eigenen Leib erfahren. Als er wegen der CDU-Spendenaffäre gewaltig in der Kritik stand, musste er in der FAZ lesen, wie die mittlerweile zur Generalsekretärin avancierte  Angela Merkel die Basis von ihm löst: Die Partei muss also laufen lernen, muss sich zutrauen, in Zukunft auch ohne ihr altes Schlachtross, wie Helmut Kohl sich oft selbst gerne genannt hat, den Kampf mit dem politischen Gegner aufzunehmen", schreibt Merkel, "sie muss sich wie jemand in der Pubertät von zu Hause lösen, eigene Wege gehen.“ Kurz darauf wählt sie die CDU zur Bundesvorsitzenden. Noch immer traut man ihr weniger zu, als sie zu leisten im Stande ist. Dieses Image hat ihr seltener geschadet als genutzt und Merkel hat es schon als Jugendministerien geschickt bedient. In einem Interview mit Campino, dem Frontmann der Toten Hosen, zeigt sich Merkel als Mauerblümchen: "Auf Feten war ich unheimlich traurig, dass ich mich nicht in die Musik reinsteigern konnte. Ich war immer das Mädchen, das Erdnüsse isst und nicht tanzt." Im Kreis der europäischen Staats- und Regierungschefs ist Merkel längst nicht mehr graues Mäuschen, sondern farbiger Mittelpunkt.

Foto: Bundesregierung/Bolesch
Foto: Bundesregierung/Bolesch

Nicht nur modisch kommt der deutschen Bundeskanzlerin in Europa eine besondere Rolle zu. Ihr Wort hat Gewicht in Brüssel. Angela Merkel ist als Kanzlerin erst in einer Großen Koalition mit den Sozialdemokraten, dann in einem christlich-liberalen Regierungsbündnis mit der FDP zur mächtigsten Frau der Welt gereift - und zu heimlichen EU-Kanzlerin in der europäischen Schuldenkrise. Manchen ist der Sparkurs der neuen "Eiserne Lady" eher unheimlich. Nicht nur bei Demonstrationen in Griechenland wird Angela Merkel schon mal in Nazi-Kluft und mit Hakenkreuzbinde gezeigt.


Foto: Armin Linnartz, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-DE
Foto: Armin Linnartz, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-DE

Die Kanzlerin lassen solche geschmacklosen Anfeindungen kalt. Die Hände zur "Merkel-Raute" geformt erklärt sie, dass sie sich immer freut, wenn Menschen ihre Meinung äußern dürfen. Dort wo sie aufgewachsen sei, im DDR-Unrechtsregime, habe man das nicht gedurft - und das sei schlimmer gewesen. Ganz abgesehen davon kann die Kanzlerin sogar dem Sozialismus und der Schuldenkrise mit Humor nehmen. Ihr Lieblingswitz jedenfalls verbindet beide: Was ist der Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus? Im Sozialismus wird erst verstaatlicht und dann ruiniert...

 

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