Endlich Krieg! In ganz Europa ist die Stimmung blendend. Im Freudentaumel ziehen die Heere aus Deutschland und  Österreich-Ungarn, Frankreich, Russland und England ins Feld. Ein kurzer Waffengang soll die Verhältnisse in Europa neu regeln. Daraus wird nichts. In den Schützengräben beginnt das große Sterben. Maschinen gegen Menschen, Mann gegen Mann, Nationalismus gegen Nationalismus. Am Ende ist Europa zerschmettert und der Krieg hat siebzehn Millionen Opfer gefordert. In der Serie Weltkrieg sind alle Beiträge versammelt, die im Biografien-Blog zu dieser Urkatastrophe des 20. Jahrhundert erschienen sind - und noch erscheinen.  

Käthe Kollwitz: Kunst und Krieg

Ihre tragische Lebensgeschichte prägt ihr Lebenswerk. Die bildende Künstlerin Käthe Kollwitz gibt dem Grauen Gestalt. 

Foto: AkkonTG - Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0
Foto: AkkonTG - Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0

Käthe Kollwitz ist ein tragisches Genie. Ihre künstlerische Größe als eine der bedeutendsten Grafikerinnen und Bildhauerin des 20. Jahrhunderts erwächst aus dramatischen persönlichen Schicksalsschlägen: In ihren eindrucksvollen Plastiken und Skulpturen verarbeitet sie den Soldatentod ihres Sohnes Peter und die Schrecken des Zeitalters der beiden Weltkriege, die sie prägen. Eine neue Biografie zeigt, wie eng Lebensgeschichte und Lebenswerk von Käthe Kollwitz miteinander verwoben sind.

Käthe Kollwitz Biografie

Eigentlich fängt alles ganz frohgemut an: Käthe Kollwitz ist eine der neuen Frauen, die an der Jahrhundertwende ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Schon sehr früh weiß sie, was sie will und  sie weiß auch, wie sie es bekommen kann: "Ich konnte brüllen, dass es unerträglich war", vertraut die spätere Künstlerin von Weltrang ihrem Tagebuch an, "einmal erschien sogar der Nachtwächter, um nachzusehen." Das sagt viel aus über die Zeit, in der Kollwitz aufgewachsen ist. Noch achtet man auf Ruhe und Ordnung. Es ist die Ruhe vor einem Jahrhundersturm.


Geboren ist sie 1867 in Königsberg, dort wo sei Jahrhunderten die preußischen Könige gekrönt werden. Unter preußischer Führung kämpft sich Deutschland in diesen Jahren seiner nationalstaatlichen Einigung entgegen. Die darauffolgenden vier Jahrzehnte des Friedens, der boomenden Wirtschaft und des wachsenden Wohlstandes sind auch für Kollwitz gute Jahre: Sie will unbedingt Künstlerin werden, schafft es an die Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen, studiert dort erfolgreich, sie pflegt Umgang mit berühmten Denkern und schwärmt für vor allem für den Schriftsteller Gerhard Hauptmann. Sein Drama Die Weber inspiriert sie zu einer eigenen Lithographie. Schon diese ersten künstlerischen Ausrufezeichen sind von düsterer Melancholie durchzogen. In ihrem anderen Leben heiratet Käthe Kollwitz einen Arzt. Die große Liebe ist es wohl nicht, was sie mit Karl verbindet; eher sind es die beiden Söhne. Trotzdem: Man achtet und respektiert sich.

Foto: Robert Sennecke (1885-1940) - Österreichische Nationalbibliothek, Objekt #80802. Lizenz: Bild-PD-alt
Foto: Robert Sennecke (1885-1940) - Österreichische Nationalbibliothek, Objekt #80802. Lizenz: Bild-PD-alt

Dann zieht Europa mit fröhlichem Hurra in den Ersten Weltkrieg. Wie sie so viele Künstler lässt sie sich von Begeisterung anstecken. Ihr Sohn Peter ist noch nicht volljährig und bittet darum, sich freiwillig melden zu dürfen. Käthe Kollwitz überredet den Vater um die nötige schriftliche Erlaubnis. Der Wisch ist ein vorgezogenes Todesurteil. Peter fällt schon in den ersten Kriegstagen. Das Werk der Kollwitz hatte sich schon bis dahin mit menschlichem Leiden befasst. Jetzt wird sie zur Kriegskünstlerin, die ihren eigenen Schmerz in ihrem Schaffen verewigt. Vorbei ist es mit der Hoffnung, die ausnahmsweise nicht zuletzt stirbt. Käthe Kollwitz überlebt sie um einen weiteren Weltkrieg. Ende 1945 stirbt sie gebrochen, vereinsamt und verarmt im völlig ausgebombten Dresden.  

Biografie-Besprechung

Künstlerbiografien sind schwierige Angelegenheiten. Entweder werden sie Kunsthistorikern oder entsprechenden Fachleuten vorgelegt. Dann kommt nicht selten eine hochspezialisierte Werkgeschichte heraus. Das ist hier nicht der Fall. Die Biografien Sonya und Yury Winterberg sind profunde Zeitgeschichtler. Sie wissen um historische Zusammenhänge kennen die wichtigsten Zeitgenossen. Eine solche Biografie könnte dann beispielsweise heißen: Käthe Kollwitz in ihrer Zeit. Das wäre ein guter, weil passender Untertitel gewesen. Pointiert wird hier eine Parallelgeschichte erzählt: Käthe Kollwitz' Werdegang sowie Aufstieg und Fall des Deutschen Reiches. Der Untertitel "Die Biografie" ist  dagegen zu hoch gehängt: Dafür wird das künsterische Schaffen zu wenig erklärt und kommentiert. Man hätte sich beispielsweise gewünscht, mehr Hintgergründe über Techniken und Arbeitsstil von Käthe Kollwitz zu erfahren. Gleichwohl ist das Buch seine Lektüre wert, weil es einen wertvollen Beitrag zur Erinnerungskultur an das Zeitalter der Weltkriege leistet.

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Franz Marc: Auf blauen Pferden in den Großen Krieg

Der expressionistische Maler Franz Marc ist in den Ersten Weltkrieg gezogen und nicht zurückgekehrt

Lizenziert unter Gemeinfrei
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 Er ist einer der kämpfenden Künstler: Franz Marc kämpft erst mit sich, dann mit den Frauen, schließlich im Ersten Weltkrieg. Dabei ist er eigentlich ein sanftmütiger Mensch, der gerne Tiere in allen bunten Farben des Lebens malt - am liebsten liebsten blaue Pferde. "Der blaue Reiter", diese Leinwand-Seilschaft von Wassiliy Kandinsky und Franz Marc, bezwingt die ersten die noch unbekannten Gipfel des Expressionismus. Eine neue Biografie zeigt nicht nur den selbstbewussten Besserwisser Franz Marc, sondern auch den in sich gekehrten Zweifler, dessen Prinzipien und Überzeugungen spätestens im Großen Krieg zerschmettert werden. Dieses Schicksal bleibt auch Marc selbst nicht erspart.  Eine Granate beendet sein Leben nach nur 36 Jahren in der Knochenmühle vor Verdun.

Brigitte Roßbeck

Franz Marc

Die Träume und das Leben

Erschienen bei Siedler im Februar 2015. 352 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,99-. Euro. Leseprobe und weitere Features im Menu auf auf dem Cover (links oben).


Biografie Franz Marc

Lizensiert unter Gemeinfrei
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Franz Marc muss sich das Leben bunt malen, um es zu ertragen. Bis kurz vor seinem Lebensende kommt er nur schwer über die Runden. Das, was er malt, passt so gar nicht zu den weichen und verschwommenen Tupfer-Bilder der Impressionisten, die gerade en vogue sind. Marcs knallige Farben und seine Motive (Nutz- und Haustiere) und seine Techniken, die harte Strukturen naturalistischer Präzision vorzieht, werden vom Publikum nicht verstanden und abgelehnt. Umso dogmatischer besteht er auf seiner eigenen Art zu malen - zumindest nach außen. Tief im Inneren ist Marc in beinahe jeder Lebenslage unsicher und jedenfalls kaum entscheidungsfreudig. Er zerschneidet und übermalt seine Bilder, weil er sich leicht von äußeren Einflüssen manipulieren und sogar entmutigen lässt. Auch Marie, Maria und Annette leiden unter Marcs Wankelmütigkeit, denn auch zwischen diesen drei Frauen schwankt er lange, ohne sich festlegen zu wollen.

Lizensiert unter Gemeinfrei
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Trost und Zuflucht findet er in der Philosophie der Stärke bei Friedrich Nietzsche. Der Fortschritt wird zur Obsession. Der Muff muss weg - und das reinigende Gewitter des Krieges wird ihn schon wegspülen. Als die 1914 Welt ins Feld zieht und Schützengräben aushebt, stellt sich gerade der Erfolg ein. Marc hat es geschafft, auch weil sich zwischenzeitlich starke Verbündete wie August Macke, Wassily Kandinsky und Gabriele Münter gefunden haben. Für Marc kommt der Durchbruch zu spät. Er sattelt seine blauen Pferde und zieht in den Krieg. Es ist ein Ausritt ohne Wiederkehr. 

Die Buchbesprechung

Brigitte Roßbeck ist eine ausgewiesene Marc-Kennerin. Sie hat bereits vor einiger Zeit ein biografisches Buch über ihn und seine zweite Frau Maria geschrieben. Ein bisschen entsteht der Eindruck, dass sich Brigitte Roßbeck dafür rechtfertigen müsse, warum sie nun abermals ein umfangreiches Buch vorlegt. In einer editorischen Notiz legt sie die wichtigsten neuen Erkenntnisse offen, es sind aber eher biografische Randnotizen und Delikatessen für Fans. Dennoch liegt der Wert der neuen Biografie gar nicht so sehr in den Neuigkeiten, sondern vielmehr in der gut lesbaren Darstellung der Zerissenheit Franz Marcs zwischen künstlerischer Gewissheit und den Selbstzweifeln des Perfektionisten. Außerdem ist es in der Fülle der Literatur zum Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren eine spannende Perspektive, von den gesellschaftlichen, politischen und militärischen Herausforderungen auch die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Krieg in biografischer Sicht zu sehen.

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Triumph und Tragik der neuen Frauen

Das Frauenbild wird neu gemalt. Paula Modersohn-Becker und andere zeigen der Männerwelt, dass es die Frauen auch können.

Collage. Links und Mitte lizensiert unter Gemeinfrei, rechts Selb stbildnis Paula Modersohn-Becker, lizenziert unter Bild-PD-alt
Collage. Links und Mitte lizensiert unter Gemeinfrei, rechts Selb stbildnis Paula Modersohn-Becker, lizenziert unter Bild-PD-alt

Paula Modersohn-Becker hält es nicht mehr aus in Worpswede. Dort lebt sie mit ihrem Mann Otto, der es gerne ruhig hat. Die Vollblutkünstlerin Paula aber sehnt sich nach dem prallen Leben. Ein tristes Dasein irgendwo zwischen Heide und Moor ist ihr nicht genug. Unerhörtes geschieht: Sie trennt sich und geht nach Paris. Den Namen nimmt sie mit, der Gatte bleibt erst mal zurück. "Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker. Ich bin ich, und ich hoffe, es immer mehr zu werden." Allein ist sie nur in Paris. Aber Frauen wie sie drängen um die Jahrhundertwende nach vorne. Die routinierte Biografin Barbara Beuys hat das neu entstehende Frauenbild nachgezeichnet - anhand von knapp drei Dutzend Frauenportraits.   

Neben oft genannten Vertreterinnen der neuen Frauen wie der Linkspolitikerin Clara Zetkin, der Dichterin Else Lasker-Schüler und dem Stummfilm-Star Asta Nielsen, die ihre weiblichen Reize selbstbewusst vermarktet (siehe Clip) stellt das Buch auch unbekanntere Revolutionärinnen vor. Ärztinnen und Lehrerinnen, die selbstbewusst und zielstrebig die Rolle der Frau im Beruf neu definieren. Die Frauenmbewegung nimmt Fahrt auf. Die Heldinnen des Alltags von denen Barbara Beuys berichtet legen den Grundstein für ein selbstverständliches Neben- und Miteinander von Frauen und Männern im Job. Neben- und miteinander stehen diese Frauen auch zwischen den beiden Buchdeckeln. 

Barbara Beuys findet ein spannendes Format, das nicht zwei Dutzend Porträts aneinanderreiht, sondern die Lebensgeschichten miteinander verwebt. Dadurch bringt sie neben den einzelnen Karrieren auch Leben und Situation der Frauen insgesamt zur Geltung. Dabei bleibt es nicht aus, dass neben den Triumphen der neuen Frauen auch die Tragik einzelner Schicksale zur Sprache kommt. Schmerzlich dringt ins Bewusstein, dass die Pinonierleistungen und Erfolge dieser Generation von Frauen teils hohe Preise forden: familiäre und gesellschaftliche Konflikte wollen durchgestanden werden, was leider nicht immer gelingt: Ein Beispiel dafür ist Clara Immerwahr. Die erste studierte und promovierte Chemikerin ringt ihrem Mann Fritz Haber, ebenfalls Chemiker, ab, dass sie selbst arbeiten darf und ein eigenes Labor bekommt. Dann aber startet ihr Mann durch - und zwar ohne sie. Dabei hatte er ihr zuvor versprochen, sie als gleichberechtigete Parterin zu achten, sogar ein gemeinsames Lehrbuch war geplant. Aber es kommt noch schlimmer: Fritz Haber geht einen Pakt mit dem Teufel ein und stellt seine Schaffenskraft um der Karriere willen in den Dienst des Todes: Er übernimmt im Ersten Weltkrieg die Entwicklung der Kampfgase, die Tausende von Soldaten elendig zugrunde gehen lassen. Clara hält das nicht aus und nimmt sich das Leben. Auch das Buch über die neuen Frauen kennt Triumph und Tragik. Denn leider ergeht es ihm der Frauenbewegung: Nach hoffnungsfrohem Start und lebendigen Skizzen schillernder Persönlichkeiten verläuft sich das ganze in einer Art von Kongress-Hopping. Statt Lebensgeschichten gibt's dann Tagungsgeschichten. Dennoch ist das Experiment mit dem Format ineinander verwobener Lebensgeschichten insgesamt geglückt und bereichert das Biografien-Regal. 

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Max von Baden: Revolutionär wider Willen

Prinz Max von Baden hat als Reichskanzler das Ende des Kaiserreichs verkündet.

Foto: Hofatelier Gebr. Hirsch, Karlsruhe. Lizenziert unter Gemeinfrei
Foto: Hofatelier Gebr. Hirsch, Karlsruhe. Lizenziert unter Gemeinfrei

Seit Wochen ist die friedliche Revolution vor 25 Jahren allgegenwärtig - und zwar zu Recht: Der Mauerfall (und mit ihm der Zusammenbruch der DDR) ist das Happy End des deutschen Dramas im 20. Jahrhundert. Schon einmal, siebzig Jahre vor dem 9. November 1989, ist ein deutscher Staat zusammengebrochen: Das deutsche Kaiserreich (1871-1918). Mittendrin im Geschehen und doch irgendwie nur dabei war Prinz Max von Baden. Der letzte Kanzler des Kaiserreiches hat die Abdankung Wilhelms II. verkündet. 

Lothar Machtan

Prinz Max von Baden

Der letzte Kanzler des Kaisers

Erschienen bei Suhrkamp im Oktober 2013. 670 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 29,95 €.


Bundesarchiv, Bild 183-R12318 / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-R12318 / CC-BY-SA 3.0

Otto von Bismarck war knapp 20 Jahre deutscher Kanzler, Helmut Kohl und Konrad Adenauer regierten ebenfalls halbe Ewigkeiten (16 bzw. 14 Jahre). Über alle diese Kanzler gibt es Regalwände voller dicker Bücher. Prinz Max von Baden hat das Kanzleramt gerade mal einen guten Monat innegehabt. Dennoch kennt man ihn vor allem für diese turbulenten fünf Wochen im Herbst 1918, deren dramatischer Höhepunkt im Deutschen Reichsanzeiger gedruckt wird: „Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind.“ Max von Baden wickelt also gewissermaßen das Kaiserreich ab.

Biografie Max von Baden

Foto: Jürgen Bauer
Foto: Jürgen Bauer

Rechtfertigt das eine über 500seitige Biografie? Ja – wenn man es wie Lothar Machtan anpackt. Er erzählt die packende Lebensgeschichte einer tragischen Figur, die zwischen öffentlichen Erwartungen und intimen Emotionen gefangen ist, in beinahe literarischer Qualität. Die gewaltige wissenschaftliche Leistung und die akribische Quellenforschung des Berufshistorikers Machtan ist im ausführlichen Anhang (fast 150 Seiten) dokumentiert. Der Lesefluss ist aber nicht durch ständige Fußnoten oder Anmerkungen gebrochen. Dadurch genügt die Biografie den akademischen Ansprüchen ohne andere Leser zu verschrecken. Überhaupt gelingt es Machtan fabelhaft, den Leser in sein eigentlich fast unzeitgemäß umfangreiches Buch zu ziehen. In flotten Formulierungen, steilen Thesen und gleichermaßen pikanten wie prägenden Details aus dem Prinzenleben (z. B. seine Homosexualität) macht er auf den zwei, drei Seiten, die man auch im Buchladen überfliegt Lust auf diese Lebensgeschichte. Vor allem aber überzeugt die (umgesetzte und durchgehaltene) Überzeugung Machtans, das Leben von Prinz Max nicht nur als Objekt des Quellenforschers zu sezieren, sondern den Mensch zu sehen, der seine Neigungen unterdrücken muss, um den Normen einer untergehenden Gesellschaft (nicht nur eines Staates!) zu genügen. Dieses Einfühlungsvermögen ist nicht allzu vielen biografisch arbeiteten Historikern zu eigen. Sicher, man kann den Standpunkt vertreten, dass schon damit die wissenschaftliche Neutralität und Distanz gefährdet sei – aber dann muss man eigentlich auch gar keine Biografien als Lebensgeschichten schreiben. 

Ein Lehrstück politischer Biografik

Lothar Machtan hat mit seinem Buch über Prinz Max ein Lehrstück zeitgemäßer politischer Biografik geschaffen: Er fängt die historische Figur und den Menschen Prinz Max von Baden ein und ordnet beide in ein Zeitalter epochaler Umwälzungen ein. Gerade angesichts des Mauerfalls vor 25 Jahren bietet die Biografie eine spannende Geschichte aus der Zeit der weniger friedlichen Revolution von 1918.

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1914 - ein Sommermärchen?

Tillmann Bendikowski berichtet, wie fünf Deutsche die ersten Kriegsmonate erleben

Die Bilder sind Legende: Euphorische Menschenmassen feiern die Mobilmachung.  Das diplomatische Drama der Julikrise endet vermeintlich in einem skurrilen Happy End, denn in ganz Europa ist man begeistert: Endlich Krieg! Nach über vier Friedensjahrzehnten scheint man vergessen zu haben, dass Krieg kein Grund zur Freude ist. Der Historiker Tillmann Bendikowski (Medienagentur Geschichte) hat das angebliche Sommermärchen hinterfragt und mithilfe von Tagebüchern und Erinnerungen nachgezeichnet, wie fünf ganz unterschiedliche Deutsche den Krieg erlebt haben. Herausgekommen ist erzählte Geschichte - erzählt aus erfrischend ungewohnter Perspektive.

Tillmann Bendikowski

Sommer 1914

Zwischen Begeisterung und Angst - wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten

Erschienen bei C.Bertelsmann im Februar 2014. 464 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,99 €.


Unterschiedlicher könnten Tillmann Bendikowkis Protagonisten nicht sein - und das ist genau so gewollt: Der deutsche Kaiser Wilhelm II. spielt in der Julikrise (zumindest in ihrer späteren Interpretation) eine Schlüsselrolle. Der Historiker Alexander Cartellieri ist ein renommierter Professor der Uni Jena. Wilhelm Eildermann repräsentiert die Arbeiterklasse, Gertrud Schädla (eine Volksschullehrerin) die zunehmende Bedeutung der Frauen und der Dichter Ernst Stadler die kulturelle Elite. Sie alle haben Aufzeichnungen und Erinnerungen an den "Sommer 1914" hinterlassen (so der Titel). Das vereint sie zwischen Bendikowskis Buchdeckeln. Der Aufbau des Buches erlaubt verschiedene Lesemöglichkeiten: Von Juni bis Oktober 1914 ist jedem Monat ein Kapitel gewidmet und jeweils befasst sich ein Unterkapitel mit einer der fünf Hauptpersonen. 

Damit kann der Leser entweder monatsweise den Weg in den Weltkrieg aus verschiedenen Perspeketiven verfolgen oder die Eindrücke einer Person auf sich wirken lassen. Beide Varianten sind reizvoll - wie überhaupt das Buch ungewöhnliche Einblicke in den eigentlich gut ausgeleuchteten Sommer 2014 gewährt. Anfangs mag die  Kriegsbegeisterung allenthalben  groß sein. Aber Truppenauszüge bei fröhlicher Marschmusik sind eine Sache - die Nachricht, dass ein Bruder gefallen ist ist, eine andere. Gertrud Schädla notiert in ihrem Tagebuch:

Worte sind zu schwach, zu beschreiben, was durch unsere Seele ging. Unser herrlicher, jugendfrischer Ludwig, der uns nie den geringsten Kummer gemacht, der beste von uns allen, soll dahin sein, man kann es noch immer nicht fassen.

Gertrud Schädla muss noch mehr verkraften: Auch ihr zweiter Bruder stirbt gut einen Monat später. Gerade Tagebucheintragungen, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren (Gertrud Schädlas Aufschreibungen hat Bendikowski zufällig in einem Stadtarchiv gefunden) bestechen durch Authentizität. In ihnen muss man keine beschönigende Geschichtsklitterung befürchten, wie in den Memoiren großer Staatsmänner. In ihnen wird der anonyme Krieg konkret und persönlich dramatisch. Genau das ist die Erfahrung, die Bedikowski an den Leser weitergibt: Krieg ist nicht schön - und er wird auch nicht so wahrgenommen. Patriotische Gefühle, die zunächst in pathetischen Tagebucheintragungen Ausdruck finden, schlagen zusehends in tiefe Skepsis gegen den Krieg um, den man in seiner Unerbittlichkeit so nicht erwartet hat. Bendikowskis Buch lebt allerdings nicht nur von den Tagebucheinträgen und Erinnerungen seiner Protagonisten. Er selbst tritt gewissermaßen als Moderator auf, der die Eindrücke der Zeitgenossen gleichermaßen historisch fachkundig und in lebendiger Sprache kommentiert, um sie in eine zusammenhängende Erzählung zu gießen. So entsteht ein in sich stimmiges Bild ganz verschiedener Erlebnisse aus dem Sommer 1914, das lediglich von einem kleinen Wermutstropfen getrübt wird: Wilhelm II. kommt mitunter etwas zu naiv und einseitig rüber. Da zeichnen die jüngsten Forschungsergebnisse von Sean McMeekin und Christopher Clark ein etwas differenzierteres Bild des Kaisers, ohne seine in der Tat mitunter taktlosen und unbedachten Äußerungen zu verheimlichen. Aber diese Kleinigkeit kann dem Gesamteindruck nichts anhaben.

Fazit: Tillmann Bendikowski hat ein außergewöhnliches Format gefunden, dass unter den vielen Veröffentlichungen zum Kriegsausbruch vor 100 Jahren durch Originalität besticht und ein fünffach persönliches Bild vom Weg in den Weltkrieg zeichnet. Bei allen Verschiedenheit der Protagonisten ist die Botschaft des Buches aber eindeutig: Ein Sommermärchen war 1914 nicht...

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Der Jahrhundertstreit: Wer verantwortet 1914?

Eulengezwitscher-Extra: Die Julikrise und der Kriegsausbruch

Schuldfragen sind ewige Fragen. Das gilt auch für Frage nach der Schuld am Kriegsausbruch vor 100 Jahren. Die Historiker von heute (allen voran der viel beachtete Christopher Clark) beteuern zwar unermüdlich, dass sie lediglich die komplexen Zusammenhänge der Julikrise von 1914 erhellen wollen. Trotzdem dreht sich letzten Endes doch alles darum, wer die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu verantworten hat: Aus biografischer Perspektive stellt sich diese Frage etwas anders: Was waren das für Männer, die im Sommer 1914 als Hauptdarsteller eines diplomatischen Dramas die Welt in den Krieg führten? Einige dieser Männer wird ein Eulengezwitscher-Extra vorstellen: In historischer Echtzeit erzählt der Biografien-Blog zwischen dem 27. Juni und dem 3. August 2014 von Männern, die Weltkriegsgeschichte gemacht. Im Vorfeld stellt das Büchergezwitscher die Grundlagenwerke und Biografien, auf denen das bislang umfangreichste Eulengezwitscher-Extra aufbaut: Los geht's heute mit der Gesamtdarstellung von Sean McMeekin, die zu Unrecht im Schatten des monumentalen Werks "Die Schlafwandler" von Christopher Clark steht.

Sean McMeekin

Juli 1914

Der Countdown in den Krieg

Erschienen im Europa Verlag Berlin. 512 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 29,99 €.


Cristopher Clark

Die Schlafwandler

Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

Erschienen bei der Deutschen Verlags-Anstalt im September 2013. 896 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 39,99 €.


Dass man im Sommer 2014 wieder über die Julikrise und die Kriegsursachen diskutieren würde, war abzusehen. Wie leidenschaftlich aber 100 Jahre nach dem diplomatischen Drama und 50 Jahre nach der Fischer-Kontroverse um die deutsche Hauptschuld wiederum gestritten wird, ist eine angenehme Überraschung - und ein Verdienst des australischen Historkers Christopher Clark, der die Debatte im vergangenen Herbst mit seiner viel beachteten Studie zu den mittelbaren und unmittelbaren Kriegsursachen angestoßen hat. Ohne die die Mitverantwortung der deutschen Führung in Zweifel zu ziehen, nimmt er auch die französischen, russischen und englischen Diplomaten in die Pflicht. Ohne die große Leistung dieses Buches zu schmälern: Mitunter verstellt es den Blick auf andere jüngst erschienene Gesamtdarstellungen zur Julikrise, so zum Beispiel die von Sean McMeekin:

Titel und Untertitel sind exzellent gewählt: Sean McMeekin verzichtet  in "Juli 1914" auf weitschweifige Exkurse (anders als Christopher Clark) und konzentriert sich auf die Prozesse und Protagonisten des diplomatischen Spiels mit dem Feuer. Der Untertitel, der vom "Countdown in den Krieg" spricht, lässt einen einen fesselnd und flüssig geschriebenen Krimi erwarten - und dieser Erwartung erfüllt McMeekin vollauf. Die chronologische Darstellung ist in Sachen Julikrise die beste Wahl, da der dramaturgische Bogen durch die Abfolge der Ereignisse bereits gegeben ist. Während Christopher Clark, dessen Darststellung mehr als doppelt so viele Seiten umfasst, immer wieder weit zurückgreift und unzählige Vorgeschichten einbringt, gelingt es McMeekin besser, die Balance aus analytischer Tiefe und mitreißender Textgestaltung zu finden. Dabei verzichtet er keineswegs auf notwendige Erklärungen von historischen Zusammenhängen und auf biografische Skizzen der handelnden Persönlichkeiten. Wie sehr McMeekin um die Bedeutung der Männer weiß, über die er schreibt, zeigt sich an dem umfassenden Personenregister, mit der das Buch eröffnet. Das ist hilfreich, denn einem guten Krimi steht es schlecht zu Gesicht, wenn die Leser den Überblick verlieren - und das kann schon mal vorkommen in den komplexen Verwicklungen, durch die sich die Julikrise auszeichnet. McMeekins Personenregister beugt dem erfolgreich vor. Wünschenswert wäre allerdings auch eine entsprechende Chronik der Ereignisse gewesen, die er leider nicht mitliefert. Dafür sind die meisten 25 Kapitel an einzelnen Tagesgeschehnissen ausgerichtet, was zumindest eine gewisse zeitliche Orientierung erlaubt. Und die Schuldfrage? Auch McMeekin kommt nicht umhin, dass seine Darstellung der Julikrise Antworten auf diese Frage erahnen lässt. In diesem Punkt profitiert er von Christopher Clark. Der hatte Deutschland zumindest indirekt von der Hauptschuld freigesprochen und die Verantwortung gleichmäßiger auf die Diplomaten und Politiker aus Österreich-Ungarn, Deutschland,  Russland, Frankreich und England gelegt. McMeekin kommt zu ähnlichen Ergebnissen, nimmt dabei aber vor allem die Russen und Franzosen in den Blick. Er  interpretiert die frühe russische Mobilmachung (mit franzözischer Rückendeckung) als klare Entscheidung zum europäischen Krieg. Ganz abgesehen zeigt sich auch in McMeekins Deutung der Schuldfrage die besondere Verantwortung der Menschen:

Alle diese welterschütternden Ereignisse waren von Menschen verschuldet. Deshalb unterliegen sie völlig zu Recht der Beurteilung durch menschliche Maßstäbe.

Fazit: Sean McMeekins Darstellung der Julikrise von 1914 überzeugt. Im Vergleich mit den den bislang vorgelegten Werken (u. a. von Christopher Clark und Gerd Krumeich) besticht sie durch eine ausgewogene Balance von analytischer Tiefe und spannendem Erzählstil. Ohne langatmige Exkurse bleibt McMeekin bei der Sache und schreibt einen historisch fundierten Krimi über das diplomatische Drama, an dessen Ende der Weltkrieg steht.

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Erich Ludendorff: Der verantwortungslose General

Bundesarchiv, Bild 183-R41126 / CC-BY-SA
Bundesarchiv, Bild 183-R41126 / CC-BY-SA

Er putschte mit Hitler gegen die Demokratie: General Erich Ludendorff. Am 9. November 1923, fünf Jahre nachdem Philipp Scheidemann die (Weimarer) Republik ausgerufen hat und heute vor 90 Jahren, will Adolf Hitler die Regierung stürzen. Ludendorff, der gefeierte Feldherr des Ersten Weltkrieges, soll von München aus einen Marsch auf Berlin anführen, dessen Ziel die Machtergreifung ist. Dass sich der ehemalige Erste Generalquartiermeister mit dem einstigen Gefreiten Hitler einlassen würde, hat er selbst lange nicht geglaubt. Aber Ludendorffs Lebensgeschichte ist ein Sinnbild für Glanz und Niedergang des alten Preußens.


Stratege im Ersten Weltkrieg

Geboren ist er 1865 in der Provinz Posen. Ludendorff schlägt eine militärische Karriere ein und bringt es bis zum Generalstabsoffizier. Strategie ist seine Stärke und das erkennt auch die Heeresleitung. Ludendorff arbeitet am Schlieffen-Plan mit und auf eine Blitz-Offensive an der Westfront hin. Insbesondere die Eroberung von Lüttich trägt seine Handschrift. Als es allerdings im Osten nicht gut bestellt ist, schickt der Oberste Kriegsherr, Kaiser Wilhelm II., den alten Haudegen General Paul von Hindenburg an die Front. Hindenburg strahlt eine unerschütterliche Ruhe und Zuversicht aus.  Was ihm an strategischer Raffinesse fehlt, soll Ludendorff ersetzen. Der versteht es glänzend, Hindenburg ins Rampenlicht zu schieben, während er selbst die Strippen zieht. Die taktisch meisterhaft geführten Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen (1914) lassen Hindenburg zum Volkshelden werden. Der "eigentliche Könner" (Golo Mann) aber war Ludendorff. Das bleibt er auch, als der Kaiser Hindenburg die Oberste Heeresleitung anvertraut. Wieder repräsentiert der würdevolle Generalfeldmarschall von Hindenburg, wieder brilliert Ludendorff als kühler Berechner am Kartentisch und in der Kriegskunst: Er beendet das Gemetzel vor Verdun, weil er sieht, dass diese Materialschlacht nicht zu gewinnen ist. Er zieht sich die taktische Defensive zurück und stabilisiert damit nicht nur die Front, sondern auch die Kampfmoral, weil endlich wieder Auszeiten vom Schützengraben möglich werden. Er motiviert auch die heimische Kriegsindustrie und kann damit Artellerie und Luftwaffe deutlich ausbauen. Hier blitzen noch einmal preußische Tugenden auf: Diszipliniertes und selbstloses Arbeiten (Ludendorff brütet unermüdlich über Heeresberichten und Plänen), straffe Organisation (die Restrukturierung der Kriegsführung wird binnen kurzer Zeit ins Werk gesetzt) und Effizienz (die deutsche Armee ist sowohl was die Zahl ihrer Soldaten als auch was ihre Materialausstattung betrifft im Hintertreffen). Alles in allem gibt Ludendorff den Deutschen die bereits verlorene Hoffnung auf einen erfolgreiches Ende des Waffengangs zurück. Das könnte auch in Friedensverhandlungen mit den kriegsmüden Alliierten bestehen. Aber Ludendorff - das verbindet ihn mit Hitler - will Alles oder Nichts, Triumpf oder Untergang. Mit der ganz und gar unpreußischen Entscheidung für den unbeschränkten U-Boot überreizt er sein Blatt. Spätestens mit dem Eingreifen der Amerikaner ist ein deutscher Kriegstriumpf nicht mehr denkbar. Als Ludendorff das erkennt, überlässt er die Verantwortung feige den Sozialdemokraten. Als die damit beginnen, die Scherben des in Trümmern geschlagenen Kaiserreichs aufzukehren, zerbricht er mutwillig das übrig gebliebene Porzellan und schiebt der Politik die Schuld für die Niederlage in die Schuhe, um die junge Demokratie zu schwächen. Die Sozialdemokraten hätten die braven deutschen Soldaten von hinten erdolcht, ätzen Ludendorff und auch Hindenburg - und versuchen mit der "Dolchstoßlegende" von ihrer eigenen Verantwortung abzulenken.

Zur Dolchstoßlegende habe ich übrigens vor einiger Zeit eine unverhoffte Entdeckung gemacht - und zwar ausgerechnet im hintersten Winkel meines Schreibtischs. Der leistet zwar schon lange den Uhls treue Dienste, aber erst seit kurzem in der der Eulenbibliothek. In der linken Schublade lag also das Heftchen "Fort mit der Dolchstoßlegende" aus dem Jahr 1922, verfasst vom damaligen Innenminister Adolf Köster (SPD):  Der schreibt: "Nach der Ludendorff-Legende hat die politische Leitung Deutschlands [...] vollkommen versagt."  Dann wehrt er sich für die die junge Demokratie: "Ich bin fest überzeugt, dass die Fehler, die die militärisch-politische Leitung des deutschen Volkes während des Krieges gemacht hat, alles das in den Schatten stellen..."

Hitlers Helfer

Hitler Ludendorff Putsch
Bundesarchiv, Bild 102-16742 / CC-BY-SA

Ludendorffs feiges und hinterlistiges Kalkül hat dem dem Preußen von einst nichts mehr gemein. Es passt ins Bild, dass Ludendorff sich von Hitlers Plänen benutzen lässt. Wie er selbst lässt Hitler keine Gelegenheit aus, um die "Novemberverbrecher" vom Herbst 1918 anzugreifen (gemeint sind die beherzten Republikgründer). Ludendorff wittert die Chance, noch einmal die Geschicke Deutschlands zu lenken. Er willigt ein und führt Hitlers Putschisten an. Weit kommen sie nicht. An der Feldherrenhalle (immer noch in München) ist der Staatsstreich beendet (vom Sperrfeuer der bayrischen Polizei). Während Hitler zu Festungshaft verurteilt wird, sprechen die Richter Ludendorff frei - wegen seiner Verdienste im Ersten Weltkrieg. Die Deutschen sehen das ein bißchen anders: Als Ludendorff 1925 Reichspräsident werden will, da bekommt er nur ein Prozent der Stimmen, Wie wenig zu diesem Zeitpunkt auch vom umsichtigen Feldherrn noch übrig ist, beweisen seine kruden Verschwörungstheorien. Ludendorff verdächtigt die Jesuiten, Freimaurer und Juden, sich gegen Deutschland verbündet zu haben und stilisiert sich als Opfer dieser Ränkeschmiede. Einen einzigen klaren Moment soll er noch gehabt haben, ehe er 1937 starb: "Ich prophezeihe Ihnen feierlich" soll Ludendorff seinen alten Kameraden Hindenburg gewarnt haben, ehe der Hitler zum Reichskanzler ernannte, "ich prophezeie Ihnen feierlich, dass dieser unselige Mann unsere Nation in unfaßbares Elend bringen wird." 

Fundstück aus der Eulenbibliothek: "Fort mit der Dolchstoßlegende!"

Erich Ludendorff Biografie weiterzwitschern:

Ein Klick auf die Eule führt zu den Militärs im Biografien-Blog Eulengezwitscher...
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Paul von Hindenburg: Der Soldat

Hitler verneigt sich vor Hindenburg auf dem Tag von Potsdam
Bundesarchiv, Bild 183-S38324 / CC-BY-SA

Er war der erste Soldat des Kaiserreiches: Paul von von Hindenburg (1847-1934). Schon mit zwölf Jahren tritt Hindenburg als Kadett in die preußische Armee ein. Für seinen abgöttisch geliebten König Wilhelm I. zieht er gegen Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) in den Krieg und erlebt  Wilhelms Kaiserkrönung in Versailles aus nächster Nähe mit. In den darauf folgenden vier Friedensjahrzehnten durchläuft Hindenburg eine tadellose Miltärkarriere, ehe er 1911 hochdekoriert in den Ruhestand geht. Kaum dass der Erste Weltkrieg ausbricht, ruft man den alten Haudegen an die Front: Ob er bereit zur sofortigen Verwendung sei, telegrafiert man ihm aus Wilhelms II. Hauptquartier. Hindenburg ist kein Mann großer Worte: "Bin bereit!"

Paul von Hindenburg: Stationen eines Soldatenlebens (Lizenzen: alle gemeinfrei)
Paul von Hindenburg: Stationen eines Soldatenlebens (Lizenzen: alle gemeinfrei)
Hindenburg und Ludendorff (Foto: Bundesarchiv)
Bundesarchiv, Bild 146-1970-073-47 / CC-BY-SA

Im Eilzug fährt er gen Osten, wo die Russen gewaltige Armeen mobilisiert haben. In der Schlacht bei Tannenberg wird der Feind eingekesselt und vernichtend geschlagen. Dass die operative Planung Hindenburgs engster Mitstreiter Erich Ludendorff erledigt hat, interessiert zuhause niemanden. Der Oberbefehlshaber ist der Held von Tannenberg. Weitere Erfolge an der Ostfront festigen den Mythos Hindenburg. Bald wird das kongeniale Duo zur Obersten Heeresleitung berufen. Als der Krieg verloren ist, ziehen sich beide fein aus der Affaire. Das Friedensgesuch richtet schon die neue demokratische Regierung. Sie ist es auch, die den völlig überrumpelten Deutschen die  Niederlage erklären muss - die militärischen Lageberichte waren bis zuletzt voll von Siegesmeldungen. Der Mythos Hindenburg bleibt unberührt. Als man ihn 1925 bei der vaterländischen Ehre packt und das Reichspräsidentenamt anträgt, da sagt er nicht nein. Ein Mann großer Worte ist er immer noch nicht, dafür aber ein Mann von großer Symbolkraft. 

Das und nur das hat Adolf Hitler im Sinn, als er am Tag von Potsdam am 21. März 1933 - heute vor 80 Jahren - demütig sein Haupt vor Hindenburg beugt. Die unterwürfige Geste vor dem greisen Generalfeldmarschall des Kaiserreiches gilt weder der Person Hindenburgs noch dem Reichspräsidentenamt. Sie ist die kühle Berechnung von Joseph Goebbels, seines Propagandastrategen, der den  Tag von Potsdam inszeniert. Der offizielle Anlass, die Eröffnung des neuen Reichstags, ist eine Farce.


Die kommunistischen Abgeordenten sitzen längst in den Konzentrationslagern und die Sozialdemokraten um ihren Fraktionsvorsitzenden Otto Wels sind auch nicht gekommen. Goebbels hat ohnehin anderes im Sinn. Er will seinen "Führer" in eine Traditon mogeln, in der Hitler weder als gebürtiger Österreicher noch als einfacher Gefreiter des Weltkrieges etwas verloren hat: In die Tradition der preußischen Könige und Kaiser. Der Glanz glorreicher Tage und gewonnener Kriege soll auf Hitler übergehen. Dafür allein braucht man Hindenburg, der es mit Deutschland gut meint und es doch in schlechtere Hände nicht hätte legen können.  Dass er beim Tag Potsdam den unbequemen Frack des Politikers abgelegt und die Pickelhaube des preußschen Soldaten aufgezogen hat, tut ein übriges. Den Deutschen muss es so erscheinen, als ob das das alt-ehrwürdige Preußen das junge Nazideutschland ermächtigt, sein Erbe anzutreten - zwei Tage vor der unheilvollen Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz.

Paul von Hindenburgs Biografie weiterzwitschern:

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