Nachruf auf Hans-Peter Schwarz: Biografie als Politikwissenschaft

Hans-Peter Schwarz ist tot. Der Biograf und Politikwissenschaftler war eines meiner Vorbilder. Ein Nachruf.

Hans-Peter Schwarz. © Dominik Rößler / Randomhouse-Pressefoto
Hans-Peter Schwarz. © Dominik Rößler / Randomhouse-Pressefoto

Er ist der Chronist der konservativen Kanzler: Hans-Peter Schwarz hat einflussreiche Biografien über Konrad Adenauer und Helmut Kohl geschrieben. Sein Ansatz: Biographik als Politikwissenschaft. Als Biografien-Fan und Politikwissenschaftler verliere ich mit Hans-Peter Schwarz ein Vorbild: Meine Leidenschaft für Lebensgeschichten hat er mit seinen akribisch recherchierten Büchern um ein professionelles Interesse an Lebenswerk-Analysen erweitert. Seine Stimme wird fehlen.

Meine erste Begegnung mit einem Buch von Hans-Peter Schwarz war ein Schock: In der Uni-Bibliothek habe ich nach einer Adenauer-Biografie gesucht, weil mich auf meine Bewerbung um ein Stipendium bei der Konrad-Adenauer-Stiftung vorbereiten wollte. Im Regal habe ich dann ein irrsinnig dickes Buch gefunden – und das war nur ein Teil der Adenauer-Trilogie. Zur Vorbereitung schien mir der Wälzer völlig ungeeignet – mitgenommen habe ich ihn trotzdem. Biografien dieser wissenschaftlichen Tiefe waren mir bis dahin noch nicht wirklich vertraut: Adenauers politisches Lebenswerk wird aus seiner Lebensgeschichte und aus seiner Persönlichkeit heraus aufgeschlüsselt, man möchte fast sagen: seziert. Der langjährige Professor für Politikwissenschaft ist ein Tiefenbiograf. Ihm geht es nicht um Anekdoten, sondern um Analysen.

Schwarz-Biografien sind deshalb weniger Unterhaltungslektüre als Fachliteratur. Sie sind keine fesselnd oder emotional erzählten Lebensgeschichten (die ich auch sehr schätze), sondern nüchtern kommentierte Lebenswerk-Darstellungen. Manchmal habe ich bedauert, dass ich sein enormes Wissen ums Weltgeschehen damit kein ganz breites Publikum erreicht hat. Aber ich bin froh, dass vieles von dem, was ich bei Hans-Peter Schwarz gelesen und gelernt, meine eigenen Texte prägt – auch wenn ich darin eine andere Balance zwischen Unterhaltung und Wissenschaft anstrebe. Was

man bei Hans-Peter Schwarz erfahren kann, ist aber durchweg spannend. Schwarz-Biografien sind Dokumentation seiner eigenen Auseinandersetzungen mit vielschichtigen Machtmenschen.

Dabei macht Hans-Peter Schwarz keinen Hehl daraus, dass er die konservative Grundhaltung der Menschen, über die er schreibt, selbst teilt. Seine Sympathie für seine Protagonisten macht ihn allerdings nicht zum Jubel-Biografen. Hans-Peter Schwarz wahrt auf eine Weise Distanz, die ich von ihm übernommen habe: Kritische Bewunderung statt blinde Verehrung.

Die Biografien über Adenauer und Kohl sind sicher die bekanntesten seiner Bücher, aber aus meiner Sicht nicht die besten. Weit weniger bekannt ist sein episches Werk "Das Gesicht des 20. Jahrhunderts", in dem aus er ausgehend vom "Faktor Persönlichkeit" das Zeitalter der Weltkriege biografisch analysiert. Und auch die groß an gelegte Biografie über Axel Springer war vielleicht kein Bestseller, aber eines der Bücher, die ich mehrfach und sehr gerne gelesen habe. 

Jetzt ist Hans-Peter Schwarz im Alter von 83 Jahren gestorben – zwei Tage vor Helmut Kohl, dessen wichtigster Biograf er gewesen ist. Solche Zufälle sind wissenschaftlich nicht belastbar. Eine gewisse Symbolik kann man ihnen aber nicht absprechen: Hans-Peter Schwarz hat zum letzten Mal einen biografischen Aha-Effekt erzeugt.

Sehr geehrter Herr Professor, lieber Herr Schwarz: Ihre Biografien werden mir fehlen!

Konservative Köpfe, über die Hans-Peter Schwarz Biografien geschrieben hat...

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