Rosa S.: Erinnerungen an das "Kind der Sünde"

Rosa S. ist als Kind misshandelt worden. Die Wunde der Rutenschläge sind verheilt, die Narben auf der Seele bleiben. Ein Blick in schmerzhafte Erinnerungen.

Südtirol ist mein Traumland. Seine wuchtigen und doch filigranen Berge, seine tiefgrünen Märchenwälder, die rauschenden Gebirgsbäche und das bronzeklingende Geläut der Kirchen- und Kuhglocken verzaubern mich. Die Schläge mit der Birkenrute, die Rosa S. als Kind erdulden musste, passen dagegen nicht in dieses Idyll. Ihre anonymen Erinnerungen machen sprachlos. Umso lauter dröhnt ihre Stimme.

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Vor kurzem waren meine Familie und ich in Südtirol: Urlaub auf dem Bauernhof, Bilderbuchwetter, einfach mal die Seele baumeln lassen. Zu lesen hatte ich mir ein autobiografisches Büchlein über eine Kindheit in Südtirol mitgenommen, die ein Menschenleben zurückliegt. Knapp achtzig Jahre ist Rosa S. alt, als sie ihre Erinnerungen niedergeschrieben hat. Trotzdem lesen sich die gleichermaßen schlichten wie wuchtigen Memoiren von Rosa S. wie ein Tagebuch voller allzu frischer Erinnerungen. Erinnerungen an grausame Gewalt, an Erbarmungslosigkeit, Versagen und Verzweiflung. Dass Rosa S., wie sie sagt, ohne Verbitterung zurückschaut, ist so unvorstellbar wie die Qualen, die sie erlitten hat.

Rosa S. ist aus einem Seitensprung entstanden. Ihr Vater hat schon eine Familie. Ihre Mutter, von der Schwangerschaft völlig überrumpelt, ist stigmatisiert. Ein „Kind der Sünde“ bringt sie zur Welt, das nicht, wie erhofft, früh stirbt. Der Pfarrer weigert sich, Rosa zu taufen, die Dorfgemeinschaft wendet sich ab. Christliche Vergebung? Gelebte Nächstenliebe? Es ist kollektives Versagen. Wenn ein Lamm von seiner Mutter verstoßen wird, springt die Herde ein – oder der Schäfer. Wenn ein Menschenkind von seiner Mutter gepeinigt wird, schaut die Gemeinde weg, wenn auch manch mitleidiger Blick das arme Kind streift. Die Mutter prügelt aus nichtigen Auslässen, aus Prinzip, vielleicht auch, weil sie ihrer Tochter die Schuld gibt. dass ihr ihr eigenes Leben entglitten ist. Die Rute muss Rosa S. selbst holen und küssen. Die Mutter legt das Holz sogar in Wasser ein. Dann schmerzt es noch schlimmer. Fluchtversuche werden vereitelt, selbst das Urvertrauen missbraucht. Rosa S. schildert all das fast emotionslos. Genau darin liegt die Wucht ihrer Worte. So wie sie ihren Namen verbirgt – Rosa S. ist ein Pseudonym –, so verbirgt sie auch ihre Gefühle. Und so kann sie auch ohne Verbitterung zurückblicken.

Dass sie es selbst einmal als Mutter in einem nicht minder leichter eigenen Familienleben besser machen wird, ist die große Lebensleistung von Rosa S. Dabei verklärt sie sich nicht, sie kokettiert nicht mit der Opferrolle, sie berichtet schlicht und ergreifend – im doppelten Wortsinn – ihre Lebensgeschichte als Vermächtnis für ihre Kinder und Enkel.

Dieses Buch ist ein schmerzvolles, aber wertvolles Zeugnis, Prädikat: Unbedingt lesenswert.