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Oliver N.: Die Banalität der Radikalisierung

Oliver N. hat für den Islamischen Staat gekämpft und ist geläutert. Sein Erinnerungsbuch ist ein politisches und gesellschaftliches Lehrstück von der Banalität der Radikalisierung.

Ein ausrangiertes altes Schulhaus irgendwo in Syrien. Hier rekrutiert die Terrororganisation, die sich Islamischer Staat nennt, ihre Truppen. Oliver N. hat sich in Wien werben lassen. Seit Tagen wartet er bei kargen Mahlzeiten mit den anderen angehenden Glaubenskriegern auf so etwas wie die Musterung seiner Motive. In dem heruntergekommenen Büro ist eine überforderte Behörde am Werk: Ausschließlich auf Arabisch liegen die Fragen vor, deren Beantwortung aus einem österreichischen Teenie einen Terroristen machen: Der sogenannte Islamische Staat erfasst den bürgerlichen Namen und Beruf, fragt militärische Vorerfahrungen und Kontakte ab. Auch, wer im Todesfall zu benachrichtigen ist, wird notiert. Oliver N. gibt mit der Unterstützung eines Übersetzers Auskunft – auch als er gefragt wird, ob er Kämpfer, Logistiker oder Märtyrer werden will. Oliver N. will leben. Oliver N. überlebt – wenn auch schwer verletzt – und Oliver N. erzählt seine Geschichte: „Meine falschen Brüder“ heißt das Buch, in denen er seine Erfahrungen und Erlebnisse verarbeitet.

„Mein falschen Brüder“ handelt von der Sehnsucht nach (falsch verstandener) Liebe, von der Verführung und von der Banalität der Radikalisierung. Oliver N. kommt aus schwierigen Verhältnissen und hat zeitweise im Heim gelebt. Trotzdem hat sich aus eigener Kraft eigentlich schon aus dieser unschönen Kindheit befreit und eine Ausbildung begonnen. Dann lernt er Mohammed näher kennen. Mit ihm begegnet ihm erstmals ein Mensch, der ihn ernst und wichtig zu nehmen scheint. In Mohammeds Moschee erfährt Oliver Geborgenheit und Gemeinschaft. Er konvertiert zum Islam. Seine im Buch mehrfach auffällige Naivität hat der schleichenden Radikalisierung, die sich nun vollzieht, nichts entgegensetzen. Oliver N. wird schließlich über die Türkei nach Syrien gehen und den bewaffneten Kampf gegen die westliche Wertegemeinschaft aufnehmen. Und eben jene westlichen Werte sind es, die es ihm heute ermöglichen, in den Schoß der demokratischen Gesellschaft zurückzukehren – und seine eigenen Erlebnisse dafür einzusetzen, anderen Jugendlichen diese Erfahrungen zu ersparen.

„Ich glaube daran, dass jeder eine zweite Chance verdient hat“, sagt Sebastian Christ, der Koautor des Buches „und ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft Menschen wie Oliver eine Perspektive bietet.“ In gewisser Weise bietet auch Oliver N. unserer Gesellschaft eine neue Perspektive, indem er einen unverstellten Blick auf den Radikalisierungsprozess gewährt. Natürlich muss man einem sozusagen zweimal bekehrten Glaubenskrieger die entsprechende Glaubwürdigkeit zubilligen – so wie Koautor Sebastian Christ: „Seine Abkehr vom radikalen Islamismus ist durchweg glaubwürdig, was nicht zuletzt auch durch seine Arbeit in der Deradikalisierung von jungen Menschen belegt ist.“

Sebastian Christ hat selbst einen nicht unerheblichen Anteil daran, dass wir aus den Erfahrungen von Oliver N. lernen können. Es ist dem Koautor glänzend gelungen, die Erlebnisse von Oliver N. so in Buchform zu bringen, dass sie sowohl fundiert als auch fesselnd vermittelt werden. Denn einerseits hat sich Christ als ehemaliger Kriegsreporter und politischer Journalist viele Jahre mit dem islamistischen Terror befasst. Dabei hat er auch die Länder bereist, die Oliver N. als Glaubenskrieger kennenlernt. Diese langjährigen Erfahrungen bilden das Fundament der Recherchen, auf denen das Sachbuch „Meine falschen Brüder“ aufbaut. Für Sebastian Christ geht es im besten Sinn um Aufklärung: „Olivers Geschichte gibt uns die Chance, verstehen zu lernen, wie radikale Islamisten ihren Nachwuchs rekrutieren.“ 

Es gibt aber auch noch den Thriller über ein Terror-Abenteuer (man kann es nicht anders sagen), der in seiner lebendigen, weil erzählenden Sprache, beinahe nichts mit einem klassischen Sachbuch gemein hat. Sebastian Christ trifft einen Ton, der die Erinnerungen von Oliver N. authentisch wirken lässt: Sowohl in Olivers ungeschönter Naivität und seiner allzu bereitwilligen Verblendung als auch in der Läuterung, die er nach seiner Rückkehr durchgemacht hat (innerhalb und außerhalb des Gefängnisses). 

„Meine falschen Brüder“ ist ein politisches und gesellschaftliches Lehrstück von der Banalität der Radikalisierung. Es sind nicht die (pseudo)religiösen Heilsversprechen alleine, aus denen Terroristennachwuchs entsteht. Es sind auch nicht die perfide geschürte Lust auf Hass und das Enthemmen niederer Instinkte. Oliver N. ist bei seinen Sehnsüchten gepackt worden.

 

„Ich vermisste nichts so sehr wie Liebe und Anerkennung“ schreibt er ganz zu Beginn des Buches. Fast klingt es wie eine billige Rechtfertigung. Wenn man sich aber auf die Wucht dieser Worte einlässt, erkennt man den Handlungsbedarf in unserer Gesellschaft. Wir müssen wieder mehr echte Gemeinschaft und weniger ein loser Egoisten-Verbund sein. Wir müssen eine Gemeinschaft sein, die Leute wie Oliver N. auffängt, ehe er von den Gefährdern unserer Gemeinschaft aufgefangen wird. Das wir ihm eine zweite Chance geben, ist das Mindeste. Es hätte gar nicht erst dazu kommen dürfen.