Thomas Middelhoff: Manager hinter Gittern

Thomas Middelhoff hat drei Jahre wegen Untreue gesessen. Zwei Biografien schildern den tiefen Fall des Ex-Managers – eine davon hat er selbst geschrieben...

Die Handschellen klicken noch im Gerichtssaal. Fluchtgefahr! Thomas Middelhoffs Manager-Märchen endet in Zelle A115. Dort schreibt er seine Autobiografie. Für den einstigen Konzernlenker ist das eine leichte Übung: Für Middelhoff steht Middelhoff im Mittelpunkt. Und dieser Middelhoff inszeniert sich fast verzweifelt als missverstandenes Genie und als Opfer. Wie gut, dass eine zeitgleich erschienene Biografie seinen Fall differenzierter und glaubwürdiger einordnet.

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Thomas Middelhoff – Big T. – war ein Showstar der deutschen Wirtschaft: Immer ein strahlendes Siegerlächeln, immer im Mittelpunkt, immer gefragt. Vor allem bei sich selbst. Seine Geltungssucht, seine Überheblichkeit und  seine Arroganz sind legendär. Zugegeben: Man wird nicht zufällig Vorstandschef eines Weltkonzerns wie Bertelsmann und man schafft es auch nicht zufällig an die Spitze von Karstadt/Quelle (später Arcandor). Da sind Führungs- und Macherqualitäten ebenso gefragt wie strategische Weitsicht auf das große Ganze. Da muss man schon selbst ein ganz Großer sein. Andreas Middelhoff hat mit seinem Image als abgehobener Manager nicht nur gespielt: Er hat es buchstäblich gelebt: Mit dem Heli zur Arbeit, mit dem Firmenjet durch die Weltgeschichte: Thomas Middelhoff hat seine unbestritten immense Arbeitskraft ganz in den Dienst von Arcandor gestellt. Das ist seine Sache. Er hat aber auch wie selbstverständlich als Privatperson über Arcandors Ressourcen verfügt – und das war Unrecht.

Im Moment des Urteils – drei Jahre Haft wegen Untreue – stürzt Middelhoff aus den Wolken in den Staub. Er kann es bis zum Aufprall nicht glauben. Für ihn scheint der Maßstab nicht das Gesetz zu sein, sondern die Gewohnheit: Die vollständige Verschmelzung von Berufs- und Privatleben ist nichts Ungewöhnliches unter Top-Managern. Wie sollte etwas sozusagen standesgemäßes illegal sein? Das will Middelhoff nicht in den Kopf. Und darin zeigt sich die erschreckende Naivität der Selbstüberschätzung, die der Konzernlenker allzu oft an den Tag legt: Er hat sich als Retter von Karstadt/Quelle gesehen und verkündet in seinen Erinnerungen: "Wir haben das Unternehmen gerettet und ihm wieder eine Perspektive gegeben." Kurz darauf gab es den Konzern (und viele, viele Arbeitsplätze) nicht mehr. Er gibt auch zu, bis zuletzt an einen Freispruch geglaubt zu haben. Unter all den Einschätzungen, die Middelhoff zu Middelhoff gibt, überzeugt vor allem eine: "Blauäugig ging ich davon aus, dass ich nichts zu verbergen hatte..."

Was dann kommt hat aber niemand verdient, auch nicht Thomas Middelhoff. Im Gefängnis zieht er sich eine unheilbare Autoimmunerkrankung zu, die erst viel zu spät von den zuständigen Medizinern ernstgenommen wird. Er leidet unter schweren gesundheitlichen Problemen. Mit Middelhoff darf man vermuten, dass diese Krankheit außerhalb des Gefängnisses weit weniger schlimm verlaufen wäre.

Es wundert nicht, dass Thomas Middelhoff – ein Meister der Selbstinszenierung – die Krankheitsgeschichte in den Mittelpunkt seiner Memoiren rückt. Hier ist er tatsächlich Opfer. Dennoch hätte es ihm wohl besser zu Gesicht gestanden, auch mit der eigenen Schuld souveräner umzugehen. Reue sucht man vergebens. Statt dessen sucht Middelhoff in seinen Erinnerungen den Rollenwechsel. Angeklagt ist nun der Richter, der ihn missverstanden und sich auf seine Kosten profiliert haben soll. Teils ironisch, teils zornig rechnet Middelhoff mit dem Juristen und der Justiz insgesamt ab. Das nimmt teilweise groteske Züge an: Middelhoff träumt von einem um Gnade bettelnden Richter. Und er schreibt, dass er glaubt, dem Richter verzeihen zu können, dass er unheilbar krank sei. Man mag die Wut nachempfinden können. Hätte sich aber Middelhoff stets legal verhalten, hätte er nie vor einem Richter stehen müssen...  

Middelhoff lenkt von der eigenen Schuld (in der Strafsache) ab, indem er sich auf die Fehler stürzt, die Andere zu seinem Schaden begangen haben. Diese Herangehensweise würde weniger wie ein Ausweichmanöver wirken, wenn sich Middelhoff auch mit den eigenen Vergehen auseinandergesetzt hätte.

Das bleibt allerdings weitgehend der Biografie von Massimo Bognanni vorbehalten. Der erfahrene Wirtschaftsjournalist (Handelsblatt) versteht es, fesselnd zu schreiben und zugleich fundiert zu recherchieren. Obwohl Middelhoff nicht nur eine Steilvorlage bietet, verzichtet Bognanni weitgehend auf effekthascherische Formulierungen – zugunsten einer intensiven Analyse der Vorgänge, die zur Verurteilung des einstigen Spitzenmanagers geführt haben. Dabei verschweigt nicht, dass er selbst mal als Ghostwriter des Middelhoff-Buches gehandelt worden ist. Er verschweigt in seiner kritischen Würdigung auch nicht die Stärken des Workaholics, der von Mitarbeitern geschätzt worden ist. Bei aller professionellen Distanz schwingt allerdings so etwas wie bewundernde Ablehnung mit. Er vergleicht Middelhoff mit einem formvollendeten Schauspieler, der auf großer Bühne brilliert. Bognanni selbst hat das das shakespearehafte Drama Middelhoff nicht inszeniert. Aber er hat – um im Bild zu bleiben – am großen großen Scheinwerfer gedreht und Bereiche ausgeleuchtet, die Middelhoff in ein anderes, unvorteilhaftes Licht setzen.