Sebastian Krumbiegel: Vorsänger und Vorbild

Sebastian Krumbiegel ist Frontmann der Deutschrock-Band Die Prinzen. Seine Stimme erhebt er nicht nur um zu singen. In seiner Autobiografie wirbt er für Zivilcourage, Demokratie und Freiheit...

Sebastian Krummbiegel im Biografien-Blog
© Sebastian Krummbiegel

Sebastian Krumbiegel rennt weg. Er wird von zwei Nazis durch den dunklen Park gejagt. Die Glatzköpfe machen keinen Spaß. Sie bringen den späteren Frontmann der Leipziger Kultband Die Prinzen zu Fall und dreschen erbarmungslos auf den Wehrlosen ein. Erst als zufällig ein Autofahrer anhält und entschlossen dazwischengeht, lassen die beiden von ihm ab. Sebastian Krumbiegel erfährt am eigenen Leib, dass Zivilcourage Leben retten kann. Er hat sich diese Einstellung zueigen gemacht. Seine Autobiografie Courage zeigen ist ein Plädoyer für ein Leben mit Haltung.

In den Neunzigern habe ich Die Prinzen verehrt.  "Ich wär so gerne Millionär", "Küssen verboten" und "Alles nur geklaut" kann ich heute noch auswendig. Natürlich war das uncool, mit The Prodegy und Marusha oder Guns'n'Roses und Metallica weniger anfangen zu können als mit den a capella-Künstlern aus Leipzig. Das hat mir die Die Prinzen  nicht madig gemacht. Ich mochte die Mischung aus sinnlosen, tiefsinnigen, witzigen und motivierenden Texten: "Mein bester Freund" ruft zum Beispiel dazu auf, gegen das Unrecht in der Welt zu kämpfen. Für Die Prinzen und ihren Vorsänger Sebastian Krumbiegel sind das keine hohlen Phrasen, sondern eine Frage der Haltung. Und für ein Leben mit diese Haltung macht Krumbiegel in seiner soeben erschienen Autobiografie Werbung. Solche Typen und solche Botschaften braucht es in unruhigen Zeiten wie unseren.

Sebastian Krumbiegel erzählt seinen bisherigen Werdegang. Das hat beim Lesen viele vergrabene Erinnerungen an die erste Blütezeit der Prinzen wach werden lassen. Er beschreibt auch an vielen Beispielen, was es bedeuten kann, Haltung zu zeigen. Aber Sebastian Krumbiegel hat vor allem seine eigene Haltung im Blick. Die ist ziemlich konkret und hat viel mit einem leidenschaftlichen Engagement gegen Rechts zu tun. Das ist mutig und aller Ehren wert. Der Widerstand gegen die immer unverhohlener ausgelebte Ausländerfeindlichkeit der Neonazis und gegen die perfiden Methoden der Populisten, braune Parolen salonfähig zu machen, muss aus der Mitte einer demokratischen Gesellschaft heraus geleistet werden. Sebastian Krumbiegel ist in dieser Hinsicht nicht nur Vorsänger, sondern auch Vorbild. Er schafft es auch, aus seiner eigenen Lebensgeschichte heraus etwas zu vermitteln, was heute zusehends in Vergessenheit zu geraten scheint: Demokratie und Freiheit sind nicht selbstverständlich. Sie sind so unwahrscheinlich wie der Fall der Berliner Mauer und der Zusammenbruch des sozialistischen Unrechtsstaates DDR, den Sebastian Krumbiegel miterlebt hat.

Trotzdem hatte ich mir irgendwie mehr erhofft von diesem Buch. Oder vielleicht auch nur etwas anderes, da bin ich mir nicht ganz sicher. Erwartet hatte ich mir ein Plädoyer für Courage im Alltag, vielleicht die Ermutigung, dass nicht nur Promis etwas bewegen können und wahrscheinlich die Erklärung, dass die Demokratie ganz unterschiedliche Haltungen kennt und aushält, wenn sie sich im Grundsatz zu ihr bekennen. Es ist die eine Sache, einen engagierten Mitbürger wie Sebastian Krumbiegel zu bewundern – das tue ich! Eine andere Sache ist es, vom Vorbild auf das eigene Tun zu kommen. Vielleicht hätte Sebastian Krumbiegel bei diesem schwierigen Unterfangen noch etwas mehr Hilfestellung geben können. Das aber ist wahrscheinlich in den Krümeln gelesen. Der große Brocken ist ein großer Wurf: Eine autobiografische Streitschrift für aktive Zivilcourage.