Gabriele Reuter: Emanzipation durch Schreiben

Gabriele Reuter war ein literarischer Shootingstar ihrer Zeit. Heute ist sie fast vergessen. Ihre Biografin Annette Seemann ist in ihre Lebensgeschichte eingetaucht. Ein Interview.

Gabriele Reuter
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Hand auf's Herz: Wem sagt der Name Gabriele Reuter noch etwas? Vor gut 100 Jahren ist sie eine beliebte un beachtete Schriftstellerin gewesen - und ein echtes Vorbild in Sachen Emanzipation. Eine neue Biografie zeichnet ein facettenreiches Lebensbild der Wahl-Weimarerin. Im Biografin-Blog erzählt die Autorin Anette Seemann, was sie an Gabriele Reuter fasziniert hat und warum es sich lohnt, in ihre Lebensgeschichte einzutauchen...

Biografien-Blog: Gabriele Reuter war als Schriftstellerin ein Shootingstar ihrer Zeit – heute ist sie beinahe in Vergessenheit geraten. Wie konnte das geschehen?

Annette Seemann: Sie war eine Frau, und sie hat Frauenthemen behandelt: Frauenbildung, Frauenselbstbestimmung, ledige Mütter – als all diese Themen rechtlich zumindest geklärt waren, war ihre Literatur nicht mehr aktuell... 

Biografien-Blog: Wie sind Sie auf Gabriele Reuter gestoßen und was hat Sie bewogen, so tief in ihre Lebensgeschichte einzusteigen?

Annette Seemann: Unweigerlich stößt man auf sie, wenn man sich für Weimar im 19 und im 20. Jahrhundert interessiert. Ihre wechselnde Lebensgeschichte, ihr Mut, auch aus einer sehr schwierigen Position, ohne gründliche Schulbildung heraus, Schriftstellerin werden zu wollen, hat mich beeindruckt.

Biografien-Blog: Gabriele Reuter hat ihre Zeitgenossen ziemlich beeindruckt. Der Philosoph Rudolf Steiner bezeichnet sie beispielsweise als „Persönlichkeit, die in sich Menschheitsprobleme trug und diese mit einem gewissen Radikalismus des Herzens und der Empfindung anfasste.“ Was meint er damit?

Annette Seemann: Damit meinte er, dass Reuter die Dichotomie Mann-Frau und die sich aus diesem Geschlechterkampf ergebenden Probleme nicht politisch betrachtete, sondern, wie sie sagte „allgemein-menschlich“, d.h. ohne Vorurteil, aber sehr klar.

 

Biografien-Blog: Sie selbst bezeichnen Gabriele Reuter als „geborene Schriftstellerin“, aber auch – zumindest in ihrer frühen Schaffensphase – als „Schriftstellerin aus Not“. Warum ist das für Sie kein Widerspruch?

Annette Seemann: Es ist kein Widerspruch, da sie einerseits glaubte, familiär durch schriftstellernde Frauen in der Ahnenreihe vorgeprägt zu sein, andererseits in ihrer persönlichen Situation von ihrer Mutter geradezu gezwungen wurde, ihr Talent, Schreiben, zur klingenden Münze zu machen.

Biografien-Blog: Mit ihrem Hauptwerk Aus guter Familie startet Gabriele Reuter durch. In Ihrer Biografie widmen sie diesem Werk mit dem Untertitel Das leidende Mädchen zwei Kapitel. Inwiefern war Gabriele Reuter selbst dieses leidende Mädchen?

Annette Seemann: Der Roman und die Biographie sind, parallel gelesen, in vielen Passagen anfangs sehr kongruent. Die junge Gabriele bis zum 20. Lebensjahr ist vielfach identisch mit ihrer Romanheldin Agathe. Dann jedoch beschließt Gabriele Reuter, sich von diesem Schicksal zu lösen: Der Emanzipationsprozess gelingt als Schreibprozess, die Therapie erfolgt am Schreibtisch.


Biografien-Blog: Die Frauenbiografik feiert häufig die Aktivistinnen der frühen Frauenbewegung. Gabriele Reuter hat sich für die Gleichberechtigung stark gemacht – aber nicht in Vereinen oder Parteien. Was hat sie anders gemacht?

 Annette Seemann: Sie war die wahrhaftige Nietzsche-Adeptin, das heißt schon alles: Kann man sich Nietzsche in einer Partei oder einem Verein vorstellen?

Biografien-Blog: Warum sollte man heute eine Biografie über Gabriele Reuter lesen?

Annette Seemann: Wer sich für Biographien von Frauen interessiert, wer sich für Weimar interessiert, wer sich für den Wilhelminismus interessiert, wer sich für das Krankheitsbild der Neurasthenie interessiert, auch für die Geschichte der Frauenbewegung, nicht zuletzt für die ironische Schreibweise in der Literatur wird sicherlich Neues entdecken.

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