Elisabeth Förster-Nietzsche: Die Nachlass-Managerin

Elisabeth Förster-Nietzsche gilt als Gralshüterin des Lebenswerks ihres Bruders. Eine neue Biografie wagt sich daran, sie aus dem Schatten des Philosophen zu holen – aber hätte sie das gewollt?

Wenn es um ihren glühend verehrten Bruder geht, wird Elisabeth Förster-Nietzsche resolut. Als er langsam dem Wahnsinn verfällt, schützt sie ihn vor unliebsamer Vereinnahmung. Nach seinem Tod setzt sie eine Stiftung durch, die den Nachlass von Friedrich Nietzsche verwaltet. Und als ihr andere die Deutungshoheit über das geistige Erbe des berühmten Philosophen ("Gott ist tot!") streitig machen, da setzt sie sich durch: Elisabeth Förster-Nietzsche hält bis zu ihrem eigenen Tod die Hand über das Lebenswerk ihres Bruders. Eine neue Biografie offenbart ein Selbstverständnis von selbstgefälliger Selbstlosigkeit.

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Elisabeth Förster-Nietzsche ist so etwas wie eine frühere Maike Kohl-Richter: Sie schirmt das geistige Erbe eines bis zur Vergötterung geliebten Manns gegen jeden äußeren Einfluss ab. Sie war zwar mit dem Mann, den sie zutiefst bewundert hat, nicht wie Maike Kohl-Richter mit Helmut Kohl in zweiter Ehe verheiratet, sondern die Schwester des philosophischen Schwergewichts Friedrich Nietzsche. So heißt auch die neue Biografie über Elisabeth Förster-Nietzsche: "Die Schwester". Der Titel wird dem Buch nicht ganz gerecht – wenn man mal davon absieht, dass er ihm eine gewisse Aufmerksamkeit garantiert. In Wahrheit berichtet die erfahrene Biografin Kerstin Decker das Leben einer selbstbewussten und selbstbestimmten Frau. Elisabeth Förster-Nietzsche steht nicht gegen ihren Willen im Schatten des Überbruders. Sie geht ganz bewusst hinein und wählt ihre Lebensaufgabe als Nachlass-Managerin wohlüberlegt. Insofern sie damit aber einen kaum zu unterschätzenden Anteil an Nietzsches Nachhaltigkeit trägt, ist eine Biografie über sie ebenfalls von größtem Wert.  Diesen Wert hat Kerstin Decker erkannt und zwischen Buchdeckeln zugänglich gemacht.

Dabei kommt Elisabeth Förster-Nietzsche in ihres Bruders Werk nicht immer gut weg: "Hier arbeitet eine vollkommene Höllenmaschine mit unfehlbarer Sicherheit über den Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann", schreibt Nietzsche über seine Schwester – und deren Biografin Kerstin Decker zitiert solche Äußerungen. Sie tut dies aber nicht um eines billigen Effektes willen, sondern um das ambivalente Verhältnis dieser beiden Geschwister so zu zeigen, wie sie es rekonstruiert hat. Die Voraussetzungen für eine solche Biografie sind alles andere als bequem. Nietzsche selbst ist kein einfacher Mensch und auch kein leicht bekömmlicher Philosoph. Seine mitunter martialische Sprache, sein heroischer Denkstil sind nicht nur gewöhnungsbedürftig. Sie sind auch vielfach aus dem Zusammenhang gerissen und instrumentalisiert worden – zum Beispiel von den Nationalsozialisten. Nietzsches Schwester wird für gewöhnlich als verbiesterte Hüterin des Heiligen Grals gezeigt – das ist ja auch eine feine Dramaturgie. Genialer Bruder verfällt dem Wahnsinn, umsichtige Schwester schreibt den Menschen ab und bewahrt das Werk, um es schließlich an den Teufel (Hitler) zu verschachern. Das hat vielleicht literarischen Wert, aber es wird der Lebensgeschichte von Elisabeth Förster-Nietzsche nicht gerecht. Ihr geht es nicht um dramaturgische Paukenschläge, sondern um die herausfordernde Aufgabe, ein großes Gedankengebäude und intellektuellen Denkmalschutz zu stellen. Ihre Biografin Kerstin Decker hat nicht nur ein ohnehin schon kompliziertes zwischenmenschlichen Geschwisterverhältnis zu tun gehabt, sondern auch mit einer ganzen Reihe von Vorurteilen. Diese Aufgabe hat sie souverän und für ihre Leserinnen und Leser gewinnbringend gelöst: "Die Schwester" ist kein biografischer Thriller, eher eine angenehm tiefgehende Analyse, die eigene Urteile anbietet, aber nicht aufzwingt.