Werte wählen

Politik braucht Überzeugungen. Deshalb wähle ich am Sonntag schwarz-grün. Ein Bekenntnis.

Was habe ich mich über Angela Merkel schon geärgert: Sie hat die Wehrpflicht ausgesetzt, sich von der Atomenergie abgewendet und den Mindestlohn eingeführt. Ich habe mich gefragt, warum sie alle Werte und Positionen der CDU über den Haufen wirft. Ich habe damit gehadert, dass sie Überzeugungen auswechselt. Seit Sommer 2015 denke ich anders.  Angela Merkels Flüchtlingspolitik hat mir imponiert. Der Vorwurf, sie habe ihre europäischen Partner nicht mitgenommen, mag zutreffen. Aber die Vorwürfe der Beliebigkeit und der Zauderei sind damit für mich vom Tisch. Heute ahne ich, dass Angela Merkel ihre Überzeugungen nie umgestoßen hat. Sie hat die CDU auf ihre Weise fit für die Zukunft gemacht – auch für eine Koalition mit den Grünen, die ich mir wünsche und die ich am Sonntag wählen werde.

Drei Semester für einen einzigen Schein? Das kann man leichter haben. Aber nicht besser. Im empirischen Projekt "Wertewandel" habe ich vom Wintersemester 2002/03 an viel gelernt über Politik, Wissenschaft und Werte. In meiner Projektarbeit habe ich gefragt nach dem "Zusammenhang zwischen einer bestimmten Werteausprägung und der Koalitionspräferenz zugunsten eines Regierungsbündnisses aus Unionsparteien und Bündnis90/Die Grünen". Auch über die Grünen habe ich mich oft genug geärgert: Fünf Mark für einen Liter Benzin? Zwangsquoten? Veggie-Day? Ohne mich. Aber die Grünen ticken nicht nur belehrend-ideologisch. Ihr Spitzenpersonal war nie besonnener, nie weltgewandter als heute. Cem Özdemir würde einen passablen Außenminister abgeben – seine klaren Äußerungen zu Erdogan lassen das zumindest vermuten. Und Kathrin Göring-Eckardt? Die ewige junge Großmutter ist in diesem Wahlkampf endlich befreit vom Ballast einer Dramaqueen wie Claudia Roth und eines aus der Zeit gefallenen Pseudo-Dogmatikers wie Jürgen Trittin. In der Außenpolitik trennt Union und Grüne weniger als es scheint. Die einen müssen etwas realpolitischer denken, den anderen schadet es nicht, wenn fragwürdige Rüstungsexporte auch in der eigenen Regierung umstritten sind. In der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik werden sich Kompromisse finden lassen. Und in den Werten gibt es ohnehin seit langem Übereinstimmungen, die man in einem Bündnis endlich nicht mehr leugnen muss. Für mich ist Schwarz-Grün an der Zeit. Ich vertraue Angela Merkel, dass sie unser Land besonnen und souverän führt. Und ich traue dem aktuellen grünen Spitzenpersonal zu, Deutschland in der Regierung würdig zu vertreten.

Ach ja: Was ist aus der Schwarz-Grün-Studie von vor 13 Jahren geworden? Inhaltlich nicht viel: meine Ergebnisse waren nicht signifikant. Aber ich habe in den drei Semestern Freundschaften fürs Leben gewonnen, für die ich sehr dankbar bin!

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