Pionier_in: Von Hermann zu Helga

Helga war 40 Jahre lang Hermann. Nur wenige Menschen vor ihr haben ihr Geschlecht anpassen lassen. Ein Lebensbericht.

Helga F.
Helga F., Lizenz: S. Fischer Verlage

Hermann will sterben. Das Leben fühlt sich falsch an, ganz falsch. Hermann ist ein verheirateter und selbstständiger Familienvater. Aber er fühlt, denkt und handelt als Frau. Das ist heute noch problematisch, 1971 ist es fast undenkbar. Trotzdem lässt Hermann als einer der ersten Menschen sein Geschlecht anpassen. Heimlich. In Casablanca. Jetzt blickt  Helga auf zwei Leben zurück.

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Das erste Leben beginnt verkorkst: Die Mutter schaut lieber nach anderen Männern als nach ihrem Kind. So merkt sie auch nicht, dass sich Hermann in seinem Körper nicht wohlfühlt. Als Jugendlicher rebelliert er gegen sein Geschlecht. Er versucht, sich den Penis abzuschneiden, schreckt aber vor Blut und Schmerzen zurück. Vorerst fügt er sich in sein Schicksal und macht dcas gar nicht übel: Hermann heiratet, zeugt zwei Söhne, eröffnet einen kleinen Laden und führt ein typisches, bürgerliches  Wirtschaftswunderleben. Tagüber. Nachts zieht er Frauenkleider an und um die Blöcke. Als die Nachbarn misstrauisch werden, zieht er mit seiner Familie aufs Land. Das löst seine Probleme ebensowenig wie ein Selbstmordversuch. Anstatt sich das Leben zu nehmen, wagt er den Sprung in ein neues Leben. Er wendet an Profimediziner und hat Glück: Die Uniprofessoren nehmen ihn ernst und bestätigen ihm nach besten wissenschaftlichen Testmethoden, dass er wie eine Frau tickt. Hier hätte man gerne erfahren, woran die Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Wesensart festgemacht werden, aber dafür bleibt in der sehr offenen und berührenden Autobiografie keine Zeit. Denn nun geht es mit dem Flieger nach Casablanca, wo aus Hermann operativ Helga wird.

Beim Lesen ist ein Punkt erreicht, wo man sich hilflose Fragen stellt: Kann das gut gehen? Was wird aus der Familie? Wie reagiert die Gesellschaft auf diesen gewagten Schritt. Kaum eines der vermuteten Probleme tritt ein. Die Liebe seiner Nächsten ist stärker als die Festlegung auf ein Geschlecht. Zwar wird die Ehe geschieden, aber das ist mehr eine Form des Freigebens. Problematischer sind die Reaktionen der Männer. Für Helga, die Taxi fährt, haben die Kollegen kein Verständnis. Wenn sie wüssten, welche Herausforderungen Helga zu bewältigen hat. Die Zuneigung zum anderen Geschlecht ist auch in ihr als Frau nicht erloschen und die Schwierigkeiten der körperlichen Lieben bewegen sie sosehr, dass sie ihrer Autobiografie selbst intimste Details anvertraut. Trotz allem blickt sie zufrieden auf ihr zurück, das seit einiger eine weitere fast undenkbare glückliche Wendung genommen hat. 

Fazit: "Helga" ist keine Travestieshow für Voyeure und Berufsaufreger. Es ist ein faszinierender Bericht über das normale Leben in einer dauerhaften Ausnahmesituation. Helga gibt ein angenehm leicht lesbares Zeugnis davon, wie schwerwiegend es ist, im falschen Körper zu leben. Es lohnt sich, sich auf dieses Problem einzulassen. Helgas bemerkenswert intime Memoiren sensibilisieren für die Tragweite dieses inneren Konflikts, der leichter mit einer fröhlichen Grundhaltung gemeistert werden kann. 

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