Raymond Unger: Lange Schatten des Krieges

Raymond Unger leidet unter den Kriegstraumata seiner Familie und arbeitet sie in Gemälden und zwischen Buchdeckeln auf.

Raymond Unger
Lizenz: Raymond Unger

Am Volkstrauertag gedenken wir den Opfern der Kriege. Nicht alle sind im Feld gefallen oder in den Bombennächten umgekommen. Manche Kriegsgeschädigte haben selbst gar keinen Waffengang erlebt - so wie Raymond Unger. Der Maler nennt sich Kriegsenkel arbeitet und die Traumata seiner Vorfahren auf.

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An Krisen und Katastrophen mangelt es nicht in Raymond Ungers Familienchronik: Ein Großvater erleidet im ersten Weltkrieg erst im Schützengraben, dann im U-Boot schwerste Verwundungen, eine Großmutter wird erst als ihrer Heimat (der Wölfe) in Bessarabien umgesiedelt, und dann vertrieben. Ein Onkel erlebt, wie Hamburg ausgebombt wird, der Vater ertränkt die Erinnerungen an Krieg und Elend im Alkohol, während die Mutter eine Affäre mit dem Nachbarn beginnt. Die Cousine, die all das Elend eigentlich schon überwunden und sich einen Millionär mit Villa in Italien geangelt hat, geht fremd, verliert ihr Leben im Luxus und stirbt früh. So eine Familiengeschichte härtet ab. Tatsächlich sieht Raymond Unger nicht gerade sensibel aus. Sein grimmiger Blick hat etwas bedrohliches, seine Glatze und sein angegrauter Vollbart verleihen ihm ein markantes, selbstsicheres Erscheinungsbild. Auch viele seiner Bilder kommen düster, aggressiv oder blutrünstig rüber (hier geht’s zur Galerie auf der Künstlerhomepage). Zwischen den Buchdeckeln seiner Autobiografie zeigt sich Raymond Unger ganz anders: Verunsichert und verstört, verletzlich und auch ein bisschen verbittert. Er nimmt sich seiner tragischen Familiengeschichte an, um sie endlich zu überwinden.

Bessarabische Bäuerinnen bei der Ernte (Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F016200-34 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0)
Bessarabische Bäuerinnen bei der Ernte (Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F016200-34 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0)

Für Raymond Unger sind die verdrängten Erlebnisse seiner Familie von klein auf präsent. Seine Eltern findet er wenig empathisch, der Vater habe sogar seine Tauben mehr geliebt als seine Kinder. Unger bricht für alle seine Vorfahren das Schweigen und erzählt in fesselnder Sprache von den kleinen und großen Fehlern und dem Versagen seiner Angehörigen. Der Vorwurf wiegt schwer: Traumata seien nicht aufgearbeitet, sondern verschleppt und vererbt worden: Von der Kriegsgeneration an deren Kriegskinder bis hin zum ihm, dem Kriegsenkel, der in Bildern und Büchern die Scherben aufkehren muss (auch viele von Ungers Bildern wirken wie Scherben-Mosaike). In kurzen, nicht chronologisch angeordneten Kapiteln, die kollektiven Erinnerungsfetzen gleichen, wühlt sich Unger durch die einzelnen Episoden und Anekdoten seiner Familienvergangenheit. Dabei überlässt er es seinen Leserinnen und Lesern, sich ein Gesamtbild zu verschaffen – das macht die Lektüre nochmals lebendiger und spannender. Recht nüchtern berichtet Unger auch davon, dass er selbst kurz davor gewesen ist, auf die schiefe Bahn zu geraten.

Nicht immer kann man sich des Eindrucks einer emotionalen Abrechnung erwehren. Das ist einerseits verständlich, andererseits scheinen manche angedeutete Zusammenhänge zwischen den Lebensgeschichten von drei Generationen etwas zu sehr aus der Gegenwart gedacht. Bis zum zweiten Weltkrieg hat jede Generation mindestens einen Krieg erlebt. Kriegserlebnisse wurden hingenommen. Eine professionelle psychologische Aufarbeitung ist nicht nur unüblich, sondern auch weitgehend unbekannt gewesen. Auch die beiden vorangegangenen Generationen, vor allem die Kriegskinder, sind in gewisser Weise Opfer. Ihre eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht in Sachen Aufarbeitung – unter der sie wahrscheinlich selbst schwer gelitten haben - macht sie nicht zwingend zu verantwortlichen Mittätern. Das heißt nicht, dass die Kriegsenkel nicht auch ein schweres Päckchen zu tragen haben. Aber dieses Päckchen ist ihnen genauso ungerechterweise auferlegt worden, wie ihren Eltern (über die Verantwortung der Kriegsgeneration muss natürlich anders nachgedacht werden). Vielleicht hätte Raymond Unger etwas weniger in Kategorien von Schuld und Verantwortung denken können. Denn darauf aufmerksam zu machen, das längst nicht alle Wunden verheilt sind und dass es einer vernünftigen Aufarbeitung bedarf, ist ein großes Verdienst von Raymond Unger. Er hat ein heißes Eisen angepackt und auf berührende Art bearbeitet.

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Kommentare: 1
  • #1

    Leo (Montag, 14 November 2016 11:44)

    Danke Dir für interessanten Beitrag. Ich warte mit Ungeduld auf Fortsetzung!