Cornelia Goethe: Die Schwester des Genies

Über Cornelia Goethe weiß man wenig. Eine neue Biografie zeigt die Leiden des Lebens im Schatten des Dichterfürsten

Sie ist die unbekannte Schwester des Genies: Cornelia Goethe ist im selben Haushalt aufgewachsen wie der berühmteste Deutsche aller Zeiten. Doch obwohl man über den Dichter und Denker Johann Wolfgang von Goethe so ziemlich alles weiß, liegt das Leben seiner Schwester im Dunkeln. Dabei war sie ihm eine enge Vertraute und eine wichtige Gesprächspartnerin. Eine einfühlsame Biografie spürt ihr nun nach - und zeigt eine einsame und verkannte Frau, die in ihrer Zeit kein Zuhause findet.

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Cornelia (geboren 1750) ist 15 Monate jünger als ihr Bruder. Sie hat beim gleichen Hauslehrer gelernt wie Johann Wolfgang. Der Vater, ein wohlhabender Regierungsrat, legt Wert darauf, dass seine beiden Kinder umfassend ausgebildet werden. Cornelia ist also weit mehr als eine Schattenschwester. Sie ist eine unverzichtbare intellektuelle Sparringspartnerin des künftigen Dichterfürsten und diskutiert sogar die Stoffe mit ihm, die er später zu den großen Dramen ausarbeitet. Doch trotz der toleranten Erziehung in Sprachen und Künsten bleibt ihr der Zugang zur Welt der oberen Zehntausend versperrt. Ihr kritischer Geist leidet darunter, dass sie nicht den Sprung in die einflussreichen Salons und Gesprächskreise schafft. Da sie keine strahlende Schönheit ist, zieht sie auch keine Greencard als Muse wie beispielsweise Alma Mahler. Sie heiratet einen Macher, der in der öffentlichen Verwaltung Karriere macht. Für ihn sind Kunst und Kultur weniger greifbar, als Organisationsabläufe und Sacharbeit. Ihr sensibles Wesen ist nicht dazu gemacht, als Hausfrau und Mutter zu funktionieren. Innerlich vereinsamt sie, auch weil ihr Bruder den Kontakt nach ihrer Heirat abkühlen lässt.

Cornelia Goethe im Biografien-Blog
„Die Gartenlaube (1867). Lizenz: Gemeinfrei

 Hat er sie etwa nicht nur als Schwester geliebt? Zwischen den Zeilen der Biografie lässt sich das erahnen, aber Sigrid Damm, eine Goethe-Kennerin, bleibt im Vagen. Überhaupt setzt sie häufig Fragezeichen in die Lebensgeschichte ihrer Titelheldin. Das betrifft eine unglückliche Liebe in Cornelias Jugend, das betrifft ihr Empfinden in der Ehe. Den Gemütszustand schlüsselt sie überwiegend anhand Cornelias Tagebuch auf, das ganz im Trend der Zeit als Briefroman verfasst ist. Trotzdem ist es gut, dass die Biografin nicht der Versuchung erliegt, allzuviel Spekulation zu betreiben. Sie zeichnet die Lebensumstände Cornelia Goethes nach und überlässt es den Leserinnen und Lesern, sich ihr eigenes Urteil zu bilden. Dieser Ansatz, ein verborgenes Leben nachzuzeichnen, ist überzeugend und gut gelungen.

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