Sebastian Haffner: Mut zu steilen Thesen

Sebastian Haffner war ein unberechenbarer Kommentator. Sein Biograf Jürgen Peter Schmied erklärt ihn im Biografien-Blog.

Youtube;  Bundesarchiv / P. Loescher & Petsch / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de; Sasquatchistheman, CC-BY-SA 4.0
Youtube; Bundesarchiv / P. Loescher & Petsch / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de; Sasquatchistheman, CC-BY-SA 4.0

Von Jürgen Peter Schmied

Sebastian Haffner (1907–1999) war einer der bedeutendsten deutschen Publizisten des 20. Jahrhunderts. Sein Leben war voller Wendungen – biografischen wie politischen –  und reich an Erfolgen. Er verdankte sie einer Reihe ausgeprägter Eigenschaften. Davon scheinen mir drei besonders bemerkenswert:

Schon als Schüler in Berlin zeigte sich Haffners außergewöhnliche sprachliche Begabung. Nach einem erfolgreichen Jurastudium und ersten schriftstellerischen Versuchen wurde er Journalist und Buchautor, zunächst im Deutschen Reich, dann in Großbritannien und schließlich in der Bundesrepublik Deutschland. Haffner schrieb sehr einfach, klar und plastisch, und damit es nicht zu langweilig wird, blitzt immer wieder eine Veranschaulichungspointe auf. In dem Geschichtsbuch Anmerkungen zu Hitler, seinem Meisterwerk aus dem Jahr 1978, erklärt Haffner das rhetorische Talent des Diktators zum Beispiel mit dessen Fähigkeit, „Versammlungen der verschiedensten Menschen“ in eine „knetbare Masse zu verwandeln, diese Masse erst in eine Art Trancezustand zu versetzen und ihr dann so etwas wie einen kollektiven Orgasmus zu bereiten“.

Ein weiteres Markenzeichen Haffners ist seine Vorliebe für kühne Gedankengänge und steile Thesen. Aus Hitler machte er einen unbeabsichtigten Förderer des Staates Israel, weil erst der millionenfache Judenmord „den Überlebenden die Verzweiflungsenergie eingeflößt“ hat, die „zur Staatsgründung notwendig war“. Walter Ulbricht war für Haffner einmal, 1966, der „bedeutendste deutsche Politiker seit Bismarck“, weil der Staatsratsvorsitzende der DDR gewissermaßen aus dem Nichts einen funktionierenden Staat geschaffen habe. Auch wenn die Überzeugungskraft solcher Argumente oft nur für ein paar Augenblicke wirkt. Dessen unbenommen: Haffners Texte sind anregend und meistens auch bereichernd.

Haffner besaß Mut oder besser: Courage. Ein wiederkehrendes Muster in seinem Leben war, dass er bei grundlegenden Meinungsverschiedenheiten mit seinen Verlegern oder Chefredakteuren kündigte – manchmal auch ohne einen adäquaten Ersatz zu haben. 1961 verließ er so die britische Wochenzeitung The Observer, 1962 die deutsche Wochenzeitung Christ und Welt, 1963 den Springer-Konzern und 1975 die Illustrierte Stern. Den wagemutigsten Schritt aber unternahm er 1938. Damals entschied sich Haffner, mit seiner jüdischen Freundin, die ein Kind von ihm erwartete, nach England zu emigrieren. Ohne vertieften Sprachkenntnisse und ohne konkrete Aussichten auf eine Verdienstmöglichkeit.

Dr. Jürgen Peter Schmied (Jahrgang 1974) ist Historiker und lebt in Bonn. Er hat in Heidelberg, Bonn und Oxford Geschichte, Germanistik und Philosophie studiert. Er hat sich viele Jahre mit Sebastian Haffner beschäftigt, seinen Nachlass ausgewertet und die bislang wichtigste Biografie über den Publizisten vorgelegt (siehe links).

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