Gregor Schöllgen: Nahaufnahme eines Altkanzlers

Gregor Schöllgen hat eine Biografie über Gerhard Schröder geschrieben - und mit dem Biografien-Blog darüber gesprochen

Gerhard Schröder by Stepro / Steffen Prößdorf. Licensed under CC BY-SA 3.0
Gerhard Schröder by Stepro / Steffen Prößdorf. Licensed under CC BY-SA 3.0

Noch nie hat ein Altkanzler früher seinen Aktenschrank geöffnet: Zehn Jahre nach dem Abgang von Gerhard Schröder ist jetzt die erste große Biografie über ihn erschienen. Vorgelegt hat sie Gregor Schöllgen, ein routinierter Biograf, der sich mit Machtmenschen und besonders mit sozialdemokratischen Kanzlern auskennt: Auch über Willy Brandt hat er bereits geschrieben. Im Biografien-Blog spricht der Erlanger Historiker darüber, was eine gute Biografie ausmacht, wie er die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz findet - und über Überraschungen in Schröders Aktenschrank. Denn für Überraschungen war Gerhard Schröder schon immer gut: Ein biografisches Warm-Up:

 Der Jungsozialist rüttelt am Zaun des Kanzleramtes und erheitert seine Begleiter mit dem lockeren Spruch: „Ich will hier rein!“ Der niedersächsische Ministerpräsident jagt dem SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine die Kanzlerkandidatur ab und gewinnt die Wahl gegen den ewigen Kanzler Helmut Kohl. Bundeskanzler Schröder stößt seine Genossen mit der Agenda 2010 vor den Kopf und überrumpelt die Republik mit der Ankündigung vorgezogener Neuwahlen. Der Wahlverlierer irritiert mit einem Polterauftritt in der Elefantenrunde und der Altkanzler überrascht mit engen Beziehungen zu Putin und Russland.


Überraschungen in der Biografie von Gerhard Schröder

Biografien-Blog: Herr Professor Schöllgen, Gerhard Schröder hat Ihnen uneingeschränkten Zugang zu allen amtlichen und privaten Akten gewährt. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Gregor Schöllgen. Foto: Privat, Lizenz: Randomhouse-Pressebild
Gregor Schöllgen. Foto: Privat, Lizenz: Randomhouse-Pressebild

Gregor Schöllgen: Das Spannendste war, dass ich Gerhard Schröder Dinge über seine Familie berichten konnte, die er  bis dahin nicht kannte: Schröder wusste bis zu meinen Recherchen so gut wie nichts über seinen Vater; außer, dass er im Krieg gefallen war.


Biografien-Blog: Gerade über seinen Vater haben Sie nicht nur Rühmliches herausgefunden. Er war wegen Diebstahls verhaftet worden und sie haben das Polizeibild entdeckt - das erste Foto, das ihn als Zivilisten zeigt... 

Gregor Schöllgen:  Damit ist Gerhard Schröder sehr souverän umgegangen. Nach dem geschriebenen Gesetz war sein Vater ein Schwerverbrecher, weil er wiederholt eingebrochen ist. Er hat aus der Not heraus Kleidung gestohlen. Schröder hat gesagt: "Das war mein Vater. Das war seine Geschichte. Das war ein Kapitel seines Lebens, damit auch meines Lebens." Schröder hatte kein Problem damit, dass ich das öffentlich mache. Es erhöht ja auch eher noch den Respekt vor diesem Mann und seiner Lebensleistung, wenn man weiß, dass er aus solchen Verhältnissen stammt. Wirklich erstaunlich!

Biografien-Blog: Gibt es etwas, dass Sie aus seiner Zeit als Bundeskanzler überrascht hat?

Gregor Schöllgen:  Mich hat die Konsequenz überrascht, mit der Gerhard Schröder seine wichtigsten Anliegen wie zum Beispiel die Arbeitsmarkt- und Sozialstaatsreformen verfolgt hat, obwohl man manchmal schon den Eindruck hatte, dass es in der rot-grünen Bundesregierung ziemlich chaotisch zuging - vor allem in der ersten Legislaturperiode. Überrascht hat mich auch, wie intensiv Schröder schon als niedersächsischer Ministerpräsident seiner späteren Reformpolitik vorgearbeitet hat.

Biografien-Blog: Gerhard Schröder ist nach Willy Brandt der zweite Kanzler aus der SPD, über den Sie geschrieben haben. Was reizt Sie an den großen Sozialdemokraten?

Gregor Schöllgen: Einerseits hatte ich in beiden Fällen uneingeschränkten Aktenzugang. Zum anderen haben alle drei sozialdemokratischen Kanzler, also auch Helmut Schmidt, gegen enorme Widerstände - nicht zuletzt aus den Reihen der eigenen Partei - Herausragendes durchgesetzt, weil sie konsequent gesagt haben: Das müssen wir jetzt  durchziehen. Die Ostpolitik bei Willy Brandt, der NATO-Doppelbeschluss bei Helmut Schmidt, die Agenda 2010 bei Gerhard Schröder: Das sind für das Land und für die drei Kanzler politisch existentielle Fragen gewesen. Alle drei haben dafür das Kanzleramt riskiert. Zwei haben es darüber verloren, einer fast...

Gleichzeitig Nähe und Distanz? Die biografische Gretchenfrage 

Biografien-Blog: Welchen Ansprüchen muss ein guter Biograf gerecht werden?

Greogor Schöllgen:  Er sollte so nah wie möglich  an den Protagonisten herankommen, dabei aber die Distanz wahren, die ein kritisches und abgewogenes Urteil ermöglicht. Natürlich sollte er  Zugang zu Materialien und  Informationen haben,  die bis dahin noch niemandem zugänglich gewesen sind,  auch mit möglichst vielen Zeitzeugen sprechen und - falls der Protagonist noch lebt - ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufbauen.

Biografien-Blog: Im Fall von Gerhard Schröder sind sie in jahrelangen Recherchen nicht nur nahe an den Macher herangekommen, sondern auch an den Menschen. Das zeichnet Ihre Biografien aus, deren Texte ebenso heranfahren und Ihre Leser mitnehmen in die Lebensgeschichte Ihrer Protagonisten. Wie schützen Sie sich davor, die nötige Distanz nicht zu verlieren?

Gregor Schöllgen: Gerhard Schröder und ich haben uns zum Beispiel nie privat getroffen. Wenn wir miteinander gesprochen haben - in der Regel in seinem Berliner oder Hannoveraner Büro -, haben wir uns über ihn wie über einen Dritten unterhalten. Man muss das lernen und durchhalten, ohne dabei die Möglichkeit des persönlichen, emotionalen Zugangs zu ignorieren.

Biografien-Blog: Auch dem Anspruch, viele Fakten zusammenzutragen, entsprechen Sie. Ihre Schröder-Biografie umfasst mehr als 1000 Seiten. Warum sollten sich Leser außerhalb des Fachpublikums ein so dickes Buch vornehmen?

Gregor Schöllgen: Weil Sie mehrere Bücher in einem bekommen: Sie können nämlich jedes Kapitel als eigene, in sich geschlossene Geschichte lesen. Dazu war mir ein schneller Überblick für den Leser wichtig: Auf jeder Doppelseite finden Sie rechts oben eine lebende Kolumne, das heißt eine Zwischenüberschrift im Stichwortformat. Damit kann man sich rasch orientieren und muss nicht gleich 1000 Seiten in einem Zug lesen.

Biografien-Blog: Herr Professor Schöllgen, danke für das Gespräch.

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