Dieter Kühn: Die Lebenswerkstatt

Der Schriftsteller Dieter Kühn wird 80. In zwei Autobiografien blickt er auf sein Leben und sein Lebenswerk zurück.

Dieter Kühn (© Jürgen Bauer)
Dieter Kühn (© Jürgen Bauer)

Kühn: der Name ist Programm - und zwar nicht nur für den Autor Dieter Kühn, der dieser Tage seinen 80. Geburtstag feiert. Auch die Leser der beiden Autobiografien über sein Leben und sein (unvollendetes) Werk müssen kühn sein: Zusammen umfassen diese Erinnerungsbände nämlich 1800 Seiten. Das ist keine Lektüre für nebenbei, das ist selbst fast ein Lebenswerk. Dieter Kühn hat viel zu erzählen in seinem Lebens- und seinem Logbuch. Wer aber eine akribische "Und dann, und dann, und dann"-Chronik erwartet, der wird (zum Glück) enttäuscht. Denn wer es wagt, die Buchdeckel der beiden Wälzer aufzuschlagen, der öffnet die Türen zu Dieter Kühns Lebenswerkstatt. Ein biografischer Besuch: 

Dieter Kühn

Das magische Auge

Mein Lebensbuch

Erschienen bei S.Fischer im September 2013. 1280 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 30,00 €.


Dieter Kühn

Die siebte Woge

Mein Logbuch

Erschienen bei S.Fischer im Januar 2015. 520 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,99 €.


Dieter Kühn Biografie

Wer also einen Blick in diese Lebenswerkstatt riskiert, der muss sich (wie in jeder anständigen Werkstatt) erstmal gründlich orientieren: Kreuz und quer finden sich Ideen und Skizzen, durchmischen sich biografische und literarische Sequenzen, vereinen sich Erlebtes, Gedachtes und Gewusstes: Die Erinnerungen an die amerikanischen Besatzungs- und Befreiuungstruppen sind bei Kühn Nachbarn von Reflektionen über Atome und Quanten. Den Niederungen der Lokalpolitik stehen die Weiten der Galaxie gegenüber, Biografien über Napoleon und Clara Schumann teilen sich ein Plätzchen mit Übersetzungen mittelalterlicher Epen.  Aber - und auch das ist wie in jeder anständigen Werkstatt - wenn man sich auf die vermeintliche Unordnung einlässt, dann erschließt auch irgendwann die tiefere Ordnung und dann ist es umso anregender, sich mit Dieter Kühn an die Werkbank - Pardon: an den Schreibtisch - zu setzen: Kühn ist eine Art von Wissensjunkie. Keine Information scheint vor seiner unerschöpflichen Neugier sicher zu sein. Studiert hat er Deutsch und Englisch (in Freiburg), seine Dokorarbeit dreht sich um den "Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil. Dann dreht sich das Themenkarussell beinahe ein Leben lang. Als Rundfunkredakteur macht er Hörspiele, als Hobbyhistoriker stellt er gerne mal die Frage, was gewesen wäre, wenn... "Aufräumen und sichten" will Dieter Kühn seine Lebenswerkstatt in seinen Memoiren: Aber warum sollen alle anderen, die Leser, dabei zuschauen, hunderte von Seiten lang?

Buchbesprechung

Es gibt dafür keinen vernünftigen Grund, aber viele gute Gründe: Erstens: Kühns 360-Grad-Interesse färbt ab. In andauernd neuen thematischen Entdeckungen und Wendungen erstickt die tückische Dicke-Bücher-Langeweile. Zweitens: Die vielen kleinen und oftmals im minimalistischen Stakkato angerissenen Fragmente und Fragen regen zum Nach- und Weiterdenken an. Drittens: Die Kombination der beiden Bücher gewährt einen ungewohnten Einblick in die Arbeit des Schriftstellers. Dass sich ein Autor so wie Dieter Kühn in seinem soeben erschienen Logbuch über die Schulter schauen lässt und nicht nur Vergangenes, sondern auch Gegenwärtiges und (möglicherweise) noch Kommendes reflektiert, ist selten. Das Ringen um die literarische Bewältigung aktueller Themen, die Zusammenführung von so vermeintlich widersprüchlichen Interessen - all' das macht Kühns Doppel-Autobiografie einzigartig. Zugegeben: Weder das Lebens- noch das Logbuch laden dazu ein, in einem Rutsch von vorne nach hinten durchgelesen zu werden - dafür sind sie in gleich mehreren Facetten zu umfangreich. Und auch der mitunter gehetzte Schreibstil fordert seine Lesepausen ein. Aber als Fundgrube für eigene Impulse und Anregungen ist diese nunmehr öffentlich zugängliche Lebenswerkstatt allemal nicht nur einen Besuch wert.

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