Bertold Brecht: Der Denker in der Zeitkapsel

Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-W0409-300 / Kolbe, Jörg / CC-BY-SA 3.0

Dieses Buch ist wie eine Zeitkapsel. Vor über einem halben Jahrhundert (und kurz vor seinem Tod) hat der marxististische Theoretiker Fritz Sternberg seine Erinnerungen an Bertolt Brecht aufgeschrieben. Doch das zuerst 1963 erschienene schmale Bändchen mit dem gewichtigen Inhalt ist in den vergangenen Jahrzehnten in Vergessenheit geraten. Jetzt hat Sternbergs Nachlassverwalterin Helga Grebing die Zeitkapsel geöffnet und den den Text in der Bibliothek Suhrkamp erneut herausgegeben, kommentiert und mit einem umfangreichen Anhang versehen. Ein Blick ins Buch:

Fritz Sternberg

Der Dichter und die Ratio

Erinnerungen an Bertolt Brecht

Erschienen bei Suhrkamp im August 2014. 195 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,95 €.


Sternbergs Erinnerungen tragen nicht den Charakter einer umfassenden Brecht-Biografie. Sie vermitteln daher nur sehr eingeschränkt einen Überblick über Brechts Lebensgang (dafür gibt es aber eine ausführliche und sehr gelungene Chronologie im Anhang). Sternbergs Erinnerungen sind in weiten Teilen Erinnerungen an seine Diskussionen mit Brecht. Als solche vermitteln sie allerdings ungleich Wertvolleres, weil Selteneres: ungetrübte Einblicke in das Denken und in die Gedanken des frühen Brechts, der in Sternberg einen "ersten Lehrer" findet. In diesen Diskussionen ringen Brechts intuitiver bis ungestümer Sozialismus und Sternbergs analytisch-theoretische Sicht auf Marx und Co. miteinander.

Herausgeberin Helga Grebing auf der Frankfurter Buchmesse
Herausgeberin Helga Grebing auf der Frankfurter Buchmesse

Das systematische Denken lag ihm nicht, schreibt Sternberg über Brecht, lässt aber im gleichen Federstrich auch keinen Zweifel am Genie des Denkers "im Rösselsprung": Bald beim Fragen, bald beim Nachdenken explodierte es in ihm ,und  er sagte dann neue, sehr originelle Dinge.  Man spricht darüber, wie Dichter zur Umwälzung der Gesellschaft beitragen kann, reflektiert das Ende des Ersten Weltkriegs und die Zersplitterung der Arbeiterbewegung. Buchstäblich aus dem Fenster (von Sternbergs Wohnung) beobachten die beiden die Polizeigewalt im Mai 1929 (sog. Blutmai), gemeinsam überlegt man, wie man Hitler verhindern könnte. Während des Exils kühlt die Beziehung immer mehr ab, je unkritischer sich der zunehmend berühmte Autor kritischer Dramen der Sowjetunion (und später der DDR) annähert. Dass dieses Abkühlen keinen Schatten auf die Schilderung von Brecht wirft, ehrt Sternberg und zeugt von der Qualität seines Büchleins.

Fazit: Sternbergs Brecht-Buch ist keine Einsteiger-Lektüre. Weil seine Würze in der Kürze liegt, setzt Sternberg viel voraus (auch wenn das zumeist durch die umsichtige Edition Helga Grebings gut aufgefangen wird). Der unverstellte Blick auf Brechts Gedankenwelt ist allerdings eine Delikatesse unter den Biografien des Denkens. Dieser  Text zeigt einen Brecht, der noch nicht verwaschen oder verklärt ist von den literarischen und biografischen Analysten der vergangenen 50 Jahre.

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