Reinhold Messner: Ein 'Üb Erlebenskünstler' auf der Buchmesse

Reinhold Messner buchstabiert seine Lebenserfahrungen. Dabei zeigt sich der Grenzgänger einmal mehr auch als Wortkünstler

Am Stand der Süddeutschen Zeitung herrscht dichtes Gedränge. Geraune, Geklatsche, das Klacken von Handykameras begleitet den Gesprächsgast auf das Podium. Er erklimmt den Barhocker, von dem er gleich über Leben sprechen wird, und wirkt dabei, als wäre er geradewegs dem Cover seines neuesten Buches entsprungen: Schwarzes Hemd, die glücksbringende Kette mit der tibetischen Steinperle, grau melierte Lockenpracht und der Bart, etwas weniger rauschend als in seinen wildesten Tagen, dazu ein freundlich-professionelles Lächeln. Reinhold Messner ist nicht nur ein Liebhaber der wilden Natur, er ist auch ein Naturtalent in Sachen Selbstinszenierung: Mitreißend zieht der gerade 70 gewordene Abenteuer eine fast philosophische Bilanz seines Lebens voller Grenzerfahrungen - und trifft damit den Nerv des Publikums.

Reinhold Messner

Über Leben

  

Erschienen bei Piper im Herbst 2014. 336 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 22,99 €. (e-Book 16,99 €)


"Das ist keine Biografie", erklärt Messner fast entschuldigend, nachdem der erwartungsvolle Applaus abgeebbt ist, "ich habe bereits Biografien geschrieben und ich will mich nicht wiederholen". Das gelingt ihm nur zum Teil, obwohl keine der kleineren Wiederholungen langweilt. "Über Leben" ist doch irgendwie eine Biografie - wenn auch keine klassische Lebensgeschichte. Reinhold Messner hat vielmehr seine Lebenserfahrungen vorgelegt - und das ist ein spannendes Format. 70 Kapitel zählt das Buch, das wenige Wochen nach dem 70. Geburtstag des Grenzgängers bei Piper erschienen ist. 70 Kapitel in drei Abschnitten, deren wortspielerische Titel in die Grenzregionen der deutschen Sprache vordringen: "Üb erleben", "Überleben" und "Über Leben". Die ersten beiden Teile greifen weitgehend bereits bekannte Anekdoten aus Messner Kindheit, Jugend und Abenteuern auf, verweben sie allerdings neu  und regen dazu an, über die Lehren des eigenen Lernens und Erlebens nachzudenken. Messner lässt sein ersten Kraxeleien und Klettertouren im Villnößtal Revue passieren, schreibt (einmal mehr) über den tragischen Tod seines Bruders Günther, den er am Nanga Parbat im Himalaja verloren hat und wirbt dafür, Grenzen zu erforschen und sich selbst aus schwierigen Situationen zu befreien, so wie Messner in der Wildnis:

 

Oft unter Einsatz all meiner Kraft, Konzentration und Geschicklichkeit. In solchen Momenten habe ich zweierlei gelernt: mich meinen Überlebensinstinkten anzupassen und meine Ziele zurückzustecken, wenn Kraft und Geschicklichkeit nachlassen.

 

Der dritte Abschnitt ist gewissermaßen eine  Mischung aus Bilanz und Botschaft von Messners Leben: Emotion, Religion, Politik - Messner zeichnet das große Bild: Hier erschließt sich ein lebenslanger Berufsrastloser völlig in sich ruhend neue Perspektiven. Denn mit 70 steigt man nicht mehr auf die höchsten Gipfel der Welt.

 

Ich habe nie unter Depressionen gelitten. Vielleicht weil ich nie der Illusion verfiel, alles sei möglich, alles messbar. In meinem Alter wäre es zudem absolut falsch, der Erinnerung an mein früheres Können zu folgen. Nur was ich jetzt noch kann, ist erlaubt.

 

Das ist ja auch nicht wenig. Vor allem die Planung und der Aufbau des Messner Mountain Museums, das sich dem Verhältnis des Menschen zum Berg widmet, hat ihn ebenso gefordert (und befriedigt), wie früher Expeditionen in entlegendste Weltregionen.

 

Fazit: 'Über Leben' ist ein Buch wie ein biografischer 8000er, den man zum zweiten Mal besteigt - aber über eine neue Route: Manche Anekdoten sind schon bekannt, aber in solchen Höhen muss man bei jedem Gipfelangeriff auf alles gefasst sein. Vor allem erfahrene Messner-Leser dürften mit diesem Buch ihre wahre Freude haben. Erstbesteigern dieses Lebens sei allerdings zuvor eine der "echten" Autobiografien ans Herz gelegt.

 

 

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