Hans-Dietrich Genscher: Die Botschaft der Freiheit

Außenminister Hans-Dietrich Genscher erlöst die 4000 ausreisewilligen DDR-Bürger in der Prager Botschaft

Bundesarchiv, Bild 183-1990-0228-030 / Hirndorf, Heinz / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-1990-0228-030 / Hirndorf, Heinz / CC-BY-SA 3.0

Die miese Stimmung ist einer ungeheuren Anspannung gewichen. 4000 DDR-Flüchtlinge haben sich in die bundesdeutsche Botschaft in Prag geflüchtet. Sie alle wollen in den Westen. Nach quälenden Wochen auf engstem Raum ist nun Außenminister Hans Dietrich Genscher nach Prag gekommen. Jetzt steht er auf dem riesigen Balkon des Botschaftsgebäudes: „Wir sind zu ihnen gekommen“, hebt er an, „um Ihnen zu sagen, dass heute Ihre Ausreise…“ Weiter kommt Genscher nicht. Ohrenbetäubender Jubel brandet auf und bereitet ihm den schönsten Moment seiner politischen Laufbahn – und die dauert immerhin schon eine halbe Ewigkeit.

White House Photograph Office, Lizenz: Gemeinfrei
White House Photograph Office, Lizenz: Gemeinfrei

Hans-Dietrich Genscher wird 1927 in Reideburg geboren (das liegt auf dem Gebiet der späteren DDR). Zum ersten Mal muss er seinem Land unfreiwillig helfen – als Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg. Trotz einer langwierigen Tuberkuloseerkrankung schafft Genscher danach zuerst das Ergänzungsabitur, dann eine Juristenausbildung. Seine eigentliche Bestimmung ist aber die Politik. Doch in der DDR haben Genschers freiheitliche Grundwerte keine Zukunft – in der jungen Bundesrepublik werden sie dagegen gebraucht. In der Freien Demokratischen Partei (FDP) durchläuft Genscher eine klassische Parteikarriere bis zum Bundesvorsitzenden (1974-1985). Seit 1969 sitzt er auch auf Bonner Regierungssesseln. Dort arbeitet er erst mit den sozialdemokratischen Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt zusammen, dann schlägt er sich auf die Seite von Helmut Kohl und der CDU. Zwei Tragödien muss der Dauerminister Genscher verkraften: Die Anschläge auf die olympischen Sommerspiele in München (1972) und den Terror der Rote Armee Fraktion (RAF). Genscher gilt als begnadeter Netzwerker, der seine einflussreichen Kontakte auf zahllosen Reisen pflegt.

Im Herbst 1989 gewinnt er hinter den Kulissen einer UNO-Vollversammlung in New York den sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse für die Sache der ausreisewilligen Botschaftsflüchtlinge. Kurz darauf stimmt auch die DDR-Regierung zu und Genscher kann seine Botschaft der Freiheit überbringen… Nicht nur die 4000 DDR-Bürger, die sich nun freudetrunken in den Armen liegen, hören sie. Die Sonderzüge, die nun gen Bundesrepublik rollen, hinterlassen weitere Risse in der ohnehin schon bröckelnden Mauer.

Übrigens: Genscher kann nicht nur starke Auftritte (wie auf dem Prager Botschaftsbalkon). Auch sein Abgang von der Regierungsbühne hat Stil: Kurz nach seinem 65. Geburtstag tritt er freiwillig zurück. Bis heute genießt er international einen ausgezeichneten Ruf als Vermittler.

Hans-Dietrich Genschers Lebensgeschichte weiterzwitschern...

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