Edgar Feuchtwanger: Kindermund tut Grauen kund

Edgar Feuchtwangers Kindheitserinnerungen an seinen Nachbarn Hitler

Deutsche Soldaten reißen die polnischen Grenzbäume ein (Lizenz: gemeinfrei)
Deutsche Soldaten reißen die polnischen Grenzbäume ein (Lizenz: gemeinfrei)

Auf diesen Krieg hat Adolf Hitler lange hingearbeitet: Am 1. September 1939, heute vor 75 Jahren, überfällt die deutsche Wehrmacht Polen. Nicht einmal sieben Jahre liegt die nationalsozialistische Machtergreifung zu diesem Zeitpunkt zurück. Edgar Feuchtwanger (geb. 1924) hat die frühen Hitlerjahre in dessen unmittelbarer Nachbarschaft verbracht. Seine Kindheitserinnerungen hat der Neffe des Schriftstellers Lion Feuchtwanger jüngst im Siedler-Verlag veröffentlicht.

Edgar Feuchtwanger

Als Hitler unser Nachbar war

Erinnerungen an meine Kindheit im Nationalsozialismus

Erschienen bei Siedler im April 2014. Ca. 250 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe ca. 19,99 €.


Foto: Bertil Scali, Quelle: Siedler
Foto: Bertil Scali, Quelle: Siedler

Dieses Buch ist eine Biografie der besonderen Art. Aufgeschrieben hat sie ein neunzigjähriger Historiker - aber erzählt hat sie ein Kind. Edgar Feuchtwanger hat seine Kindheit in der Münchner Nachbarschaft von Adolf Hitler verbracht. Der junge Edgar erlebt den Anfang der nationalsozialistischen Herrschaft unbedarft und neugierig. Und diesem Anfang wohnt ein böser Zauber inne, der in kindlichen Beobachtungen und Worten immer wieder schockierende Lesemomente provoziert.

Die tagtägliche Konfrontation mit der nationalsozialistischen Vergangenheit bewirkt allzu häufig eine gefährliche Abstumpfung und Überdrüssigkeit. Edgar Feuchtwangers Perspektivwechsel wirkt dagegen Wunder: Der kleine Junge aus gutem Haus kennt noch nicht die fatalen Folgen der aufziehenden Hitler-Tyrannei. Selbst die Eltern, deren besorgte Tischgespräche der kleine Edgar belauscht, können nur erahnen, was da auf sie zukommt. Zusehends greift der nationalsozialistische Terror aber auch in Edgars Leben ein: Sein geliebtes Kindermädchen Rosie darf nicht mehr für die Feuchtwangers arbeiten, weil sie Juden sind. Freunde wenden sich ab, Onkel Lion und der befreundete Schriftsteller Thomas Mann fliehen nach Frankreich, Edgars Halbschwester in die Schweiz. Schließlich holen Hitlers Schergen Edgars Vater ab:

Er ist nicht mehr da. Wir sind allein. Seine Stimme ist nicht mehr zu hören, kein Geräusch mehr. Ich will ihn wiedersehen. Ich will, dass er da ist. Ich will nicht, dass er stirbt. Ich will nicht streben. Warum wir? Ich möchte die Augen öffnen und aufwachen. Aber leider ist es kein Traum. Es ist die Wirklichkeit. Sie haben Papa verhaftet. Sie haben meinen Vater eingesperrt. Sie haben ihn mitgenommen.

In entlarvender Hilflosigkeit tut Kindmund das Grauen kund, das mit Hitler über Deutschland hereinbricht. Der kleine Junge, in dessen Perspektive Feuchtwangers Leser schlüpfen, kann nichts gegen die zusehends unverhohlene Brutalität des Naziregimes unternehmen. Aber dieses beinahe geniale Stilmittel beschämt jeden Erwachsenen, der von den Greueltaten der frühen Hitlerjahre nicht gesehen haben will - und jeden, der diese ersten Jahre bis heute zu guten Jahren für Deutschland verklärt.

Fazit: Edgar Feuchtwanger hat erschütternde Erinnerungen an seine Kindheit als Hitlers Nachbar vorgelegt. Der Blick durch die unverstellten Kinderaugen zeigt die nationalistische Machtergreifung aus einer ungewohnt unmittelbaren Perspektive, die unausgesprochen eine klare Botschaft sendet: Währet den Anfängen!

Rezension weiterzwitschern:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0