Theobald von Bethmann Hollweg: Der glücklose Zocker

Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg lässt sich im Poker um die englische Neutralität nicht von in die Karten schauen

 

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Kaiser Wilhelm II. ist aufgebracht. Der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg hat ihm wichtige Nachrichten einfach vorenthalten. Seit zwei Tagen bereiten sich die Russen klammheimlich auf einen europäischen Krieg vor. Einen englischen Vermittlungsvorschlag hat Bethmann Hollweg eigenmächtig abgelehnt. Noch schlimmer: Selbst die versöhnliche serbische Antwort auf Österreichs drastische Forderungen bekommt der Kaiser erst mit tagelanger Verzögerung zu Gesicht. Als er sie endlich liest, schockiert er seinen "Zivilisten von Kanzler": „Damit fällt jeder Kriegsgrund weg.“ Mehr noch: Wilhelm II. verfügt, Wien zu gratulieren und zu empfehlen Belgrad als Faustpfand zu nehmen, ansonsten aber keine militärischen Schritte zu unternehmen. Wilhelms Vorschlag „Halt in Belgrad!“ bringt den ohnehin angeschlagenen Bethmann Hollweg, der gerade erst seine Frau beerdigt hat, beinahe aus der Fassung: Wochenlang hat er auf Wilhelms Geheiß die Österreicher dazu genötigt, rasch loszuschlagen – und jetzt soll er von ihnen das Gegenteil verlangen? Nein, das geht nicht – auch nicht, wenn es der Kaiser selbst anordnet. Wenn er erst die englische Neutralität erhandelt hat, wird man ihm den diplomatischen Alleingang schon verzeihen...

Theobald von Bethmann Hollweg wird 1856 in eine brandenburgische Adelsfamilie geboren. Obwohl er auf dem Gymnasium, an der Universität und in der praktischen juristischen Ausbildung ein Musterschüler ist, hält er sich zeitlebens für überfordert: „Ich bin ein Mensch, der der Fülle der ihm gestellten Aufgaben nie gewachsen war“, bekennt er einem Freund, „ich bin ein Mensch, der darin zu einem oberflächlichen und darum unbefriedigten Dilettanten geworden ist, und dem trotzdem Stellung über Stellung restlos zugeflogen ist.“ Stellung über Stellung, das bedeutet auf der Karriereleiter eines preußischen Verwaltungsbeamten: Landrat, Oberpräsidialrat, Regierungspräsident, Innenminister. Schließlich wechselt er in die Reichspolitik, erst als Sekretär des Inneren, dann als Kanzler. Glücklich macht ihn sein beruflicher Erfolg nicht, „täglich peinigend“ empfindet er seine verantwortungsvollen Pflichten. Trotzdem nimmt der Spitzenbeamte wider Willen seine Aufgaben an – allerdings eher als Bürden, denn als Herausforderungen: Er findet sich als Vermittler zwischen politischen Lagern und setzt sich für moderate Reformen im Wahlrecht ein.

In der Julikrise offenbart sich das tatsächliche Ausmaß von Bethmann Hollwegs Überforderung. Zwar ist er keineswegs der böse Bube, zu dem ihn die Geschichtsschreibung gestempelt hat, aber er verliert im Poker um die englische Neutralität die Nerven - und verzockt sich. Dass er seinen Kaiser zu spät informiert hat, ist eine Sache. Dass er Wilhelm aber nach dessen Wutausbruch noch einmal hintergeht (heute vor 100 Jahren), ist ein verhängnisvoller Bluff: Den kaiserlichen Rat "Halt in Belgrad!" reicht er nicht rechtzeitig und deutlich abgeschwächt nach Wien weiter. So kommt es, dass der österreichische Kaiser Franz Joseph I. Serbien den Krieg erklärt, obwohl sein einziger Verbündeter auf Entspannungskurs gegangenen ist. Vollends unverständnlich ist es auch, dass Bethmann Hollweg einen Vermittlungsversuch aus London wiederum nur widerwillig weiterleitet. Stattdessen schüttet er dem englischen Botschafter in schwacher nächtlicher Stunde sein Herz aus und verrät nebenbei die deutschen Angriffspläne, die die Verletzung der belgischen Neutralität vorsehen. In London schüttelt man ungläubig, fast mitleidig die Köpfe und bemerkt, dass "etwas an der deutschen Diplomatie sehr unausgereift und fast kindlich ist..." Aber hinter ist man immer schlauer. Und ist es wirklich kindlich, mit der düsteren Vorahnung von Millionen toten die (ohnehin einsichtigen) Fakten im Stress auf den Tisch zu legen?

Eulengezwitscher-Extra zur Julikrise weiterzwitschern: