Nikola Pasic: Ja? Nein? Vielleicht!

Der serbische Ministerpräsident Nikola Pašić antwortet ausweichend auf Österreichs Ultimatum

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Dreimal lässt sich Nikola Pašić bitten. Erst ein dringendes Telegramm seines Kronprinzen Alexander kann den serbischen Ministerpräsidenten zur Rückkehr nach Belgrad bewegen. Zu gerne hätte er sich davor gedrückt, die österreichische Note selbst beantworten zu müssen, aber als Regierungschef steht er in der Verantwortung. Als er mit dem Nachtzug von der Wahlkampfreise wieder in Belgrad eintrifft, hat Pašić die Ärmel allerdings bereits wieder hochgekrempelt. Er weiß die Russen an seiner Seite – der serbische Gesandte in Sankt Petersburg hat lebhaft vom Wutausbruch des russischen Außenministers Sergei Sasonow berichtet – und ist nicht willens, der größeren, aber taumelnden Nachbarmonarchie nachzugeben: Die serbische Antwortnote soll nicht so unverblümt und durchsichtig sein wie das österreichische Ultimatum, aber annehmen will er Wiens Forderungen auch nicht. Mit dieser Entschlossenheit tritt er vor seine Minister und Mitarbeiter. Eine kurze Ansprache reicht – mehr Zeit lassen die Österreicher auch nicht – dann ist die serbische Regierung auf Konfrontationskurs - das aber ausgesprochen zuvorkommend....

Nikola Pašić wird 1845 geboren. Dass er einmal Politiker werden würde, ahnt man zu Schul- und Studienzeiten noch nicht. Nach einem ausgezeichneten Abitur lernt Pašić an der Uni (und später in der Praxis), wie man Eisenbahnen baut. Recht früh wird aber klar, dass er nicht dazu berufen ist, Schienennetze zu konstruieren, sondern einen großserbischen Staat. Mit kurzen Unterbrechungen lenkt Pašić von 1891 an als Ministerpräsident die Geschicke Serbiens. Sein Hauptgegner ist Österreich-Ungarn. Als Staatsgast in Wien lässt er sich das natürlich nicht anmerken: Dort gibt er sich fröhlich und freundschaftlich. Selbst Außenminister Berchtold findet keine Gelegenheit, dem charmanten Serbenführer die Leviten zu lesen. Grund dafür hätte er allerdings. Denn zuhause lässt Pašić kaum eine Gelegenheit aus, seine Landsleute gegen die Österreicher aufzuhetzen. Langfristig will er sogar die slawischen Gebiete aus der Donaumonarchie in ein großserbisches Reich integrieren. Das gefällt Wien ganz und gar nicht.

Deshalb ahnt Pašić auch, dass für die Österreicher nach der Ermordung ihres Thronfolger Franz Ferdinand das Maß voll ist. Er ist lange genug im Geschäft, um auch in der kurzen Frist von 48 Stunden eine kluge, weil ausweichende, Antwort auf Österreichs Ultimatum zu formulieren: Die Serben lehnen Wiens Forderungen zwar nicht ab, aber sie beugen sich ihnen genausowenig. Immerhin ist die serbische Antwort in überwiegend versöhnlichen Tönen gehalten. Den Österreichern ist das nicht genug: In der Rekordzeit von 30 Minuten reist der Gesandte Wladimir von Giesl ab. Vorsorglich haben die Serben schon drei Stunden früher mobilisiert. Nun steht ein Balkankrieg unmittelbar bevor - wenn nicht mehr... 

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