Wladimir von Giesl: Das Ultimatum

Der österreichische Botschafter Wladimir von Giesl überreicht den Serben die Forderungen der Doppelmonarchie

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Schlag 18 Uhr – genau vor 100 Jahren – betritt Wladimir von Giesl das serbische Außenministerium. In seiner Aktentasche trägt der österreichische Gesandte die verhängnisvolle diplomatische Note mit den ultimativen Forderungen Wiens an Belgrad. Darin verlangt Wien, dass die serbische Regierung „die gegen Österreich-Ungarn gerichtete Propaganda verurteilt und dass sie sich verpflichtet, diese terroristische und verbrecherische Propaganda mit allen Mitteln zu unterdrücken.“ Das allein wäre noch nicht unannehmbar. Aber Wien besteht darauf, dass österreichische Ermittler bei den innerserbischen Aufräumarbeiten beteiligt werden. Seit Giesl die Übergabe am Morgen telefonisch angekündigt hat – noch ohne Details zu verraten –, ist Lazar Paču in heller Aufregung: Der serbische Finanzminister fühlt sich von seinem Regierungschef allein gelassen. Obwohl die diplomatischen Drähte heiß glühen und das drohende Unheil ankündigen, hat sich Ministerpräsident Nikola Pašić kurzerhand in den Wahlkampf verabschiedet. Er will die Note nicht annehmen und weist seinen Stellvertreter lapidar an: „Empfange Du Giesl an meiner Stelle…“

Wladimir Giesl Freiherr von Gieslingen, geboren 1860, ist der Soldat im diplomatischen Corps Österreich-Ungarns. Seine Familie bringt mehrere hochrangige Militärs hervor, darunter Vater und Bruder. Auch Wladimir wird auf der Militärakademie ausgebildet in Theresienstadt (wo Gavrilo Princip gestorben ist). Giesls Lebensweg führt ihn durch die Grenzregion von Diplomatie und Militär: Er wird bis zum Generalmajor befördert und dient in fast ganz Europa. Charakteristisch ist seine Anstellung als Militärattaché in Athen und Sofia. In fast allen Hauptstädten des Balkans macht er Station. Obwohl er in Belgrad als Chefdiplomat die Donaumonarchie repräsentiert, wissen die Serben ganz genau, dass Ihnen schon vor der Kriegserklärung ein General gegenübersteht.


Im serbischen Außenministerium hat dieser General - Wladimir Giesl – einen skurrilen Kleinkrieg zu bestehen. Finanzminister Paču weigert sich, das Schreiben der österreichischen Regierung anzunehmen. Giesl bleibt militärisch kühl. Wenn in 48 Stunden keine befriedigende Antwort vorliege, lässt er die zögerlichen Serben wissen, werde er die diplomatischen Beziehungen abbrechen und Belgrad verlassen. Paču gibt sich erschrocken: In so kurzer Zeit sei jede Antwort unmöglich, da die meisten Minister im Wahlkampf seien – Ministerpräsident Pašić eingeschlossen. Giesl bleibt abermals ungerührt: „Im Zeitalter der Eisenbahn, der Telegrafen und des Telefons ist das ja wohl bei der Größe Serbiens nur eine Sache von Stunden…“ Dann legt er die Note auf den Tisch. „Was Sie damit machen, ist Ihre Sache…“

Die zweifelhafte Sternstunde in Giesls Karriere ist zugleich der Anfang des Laufbahnendes: Zwar darf er zu Kriegsbeginn als Verbindungsoffizier noch einmal er die Schnittstelle zwi-schen Armee und Außenministerium bedienen. Dann aber verliert er das Vertrauen von Generalstabschef Conrad von Hötzendorf. Tief resigniert bittet Giesl 1915 um einen Fronteinsatz, um für sein Land zu sterben. Versetzung und Heldentod bleiben ihm versagt. Stattdessen endet seine Laufbahn alles andere als ehrenhaft bei den Nationalsozialisten. Wladimir von Giesl stirbt 1936 stirbt.

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