Leopold von Berchtold: Worte als Taten

Im Kriegsrat setzt der österreichische Außenminister Leopold von Berchtold auf ein unannehmbares Ultimatum an Serbien

© Bwag/Commons
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Graf Leopold von Berchtold weiß nicht, ob er sich freuen oder fürchten soll. Die Stimmung des österreichischen Außenministers ist auf seltsame Weise gelöst und angespannt zugleich. Seine Idee, Alexander von Hoyos nach Berlin zu schicken, hat sich als diplomatischer Geniestreich herausgestellt. Jedenfalls nimmt er seinen seinen Kritikern den Wind aus den Segeln: Denn Hoyos hat den Blankoscheck im Gepäck, als er mit dem Nachtzug wieder in Wien eintrifft. Mehr noch: Hoyos kann ausrichten, dass die Deutschen die Donaumonarchie zur militärischen Abrechnung mit Serbien ermuntern und Beistand anbieten. Aber genau das bereitet Berchtold ganz andere Sorgen: Die Deutschen wollen nun Taten sehen und erwartet, dass Österreich den Serben zeigt, wo der Hammer hängt. Und der zart besaitete Außenminister ahnt, wohin das führen wird...

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Leopold von Berchtold wird am 18. April 1863 in Wien geboren. Seine Herkunft verheißt ihm eigentlich ein sorgenfreies Leben: Die Berchtolds gehören zum österreichischen Hochadel, sind steinreich und besitzen unermessliche Ländereien. Leopold Berchtold wird zeitlebens in Traumschlössern wohnen. Geld spielt keine Rolle: Für seine Hobbies: die Kunst und die Muse, den guten Stil und den edlen Reitsport wird der zurückhaltende, ja sogar ängstliche Gentleman Leopold Berchtold ein Vermögen hinlegen. Die diplomatische Karriere schlägt er nicht aus Berufung ein, sondern aus Verpflichtung. Das zählt in traditionsreichen Monarchien wie dem altehrwürdigen Habsburgerreich zur Verantwortung der Oberschicht. Außerdem hat Berchtold lebenslange Bindungen an den Hof: Der ermordete Kronprinz Franz Ferdinand und er kennen sich bereits seit ihrer Kindheit. Dessen ungeachtet passt Zerstreuung besser zu Berchtolds empfindsamen Gemüt als Verantwortung. Welche Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Berchtold die Zündhölzer des Weltenbrands in die Hände gedrückt werden. Immerhin: Er kennt die zentralen Handlungsorte der Julikrise genau: In Paris und London hat für die österreichische Vertretung gearbeitet. In Sankt Petersburg ist er sogar selbst Botschafter gewesen, ehe er 1912 zum Außenminister ernannt worden ist. Seither sind die Serben sind seine größte Sorge: Ihr in den Balkankriegen von 1912 und 1913 gewachsenes Selbstvertrauen und ihre hartnäckigen Forderungen nach einem großserbischen Reich lassen in Wien alle Alarmglocken klingeln.

Deshalb ist die Stimmung im Ministerrat am 7. Juli 1914 (heute vor 100 Jahren) ausgesprochen kriegerisch: Der Doppelmord am österreichischen Thronfolgerpaar spielt den Hardlinern in der militärischen und politischen Führung in die Hände. Lediglich der ungarische Ministerpräsident István Tisza ist noch nicht ganz davon überzeugt, dass ein Militärschlag gegen Serbien unaufschiebbar ist. In der hitzigen Sitzung besteht er darauf, Belgrad zunächst mit harten Forderungen zu konfontieren, deren Annahme den drohenden Krieg noch abwenden könne. Dennoch hält das Protokoll fest, "daß ein rein diplomatischer Erfolg, auch wenn er in einer eklatanten Demütigung Serbiens enden würde, wertlos wäre und daß daher solche weitgehenden Forderungen an Serbien gestellt werden müßten, die eine Ablehnung voraussehen ließen, damit eine radikale Lösung im Wege militärischen Eingreifens angebahnt würde." Um die richtigen Formulierungen für das Ultimatum zu finden - Worte als Taten - werden sich die Österreicher nun zwei Wochen Zeit lassen, in denen auch das Eulengezwitscher-Extra zur Julikrise aussetzt...

Eulengezwitscher-Extra zur Julikrise weiterzwitschern:

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