Alexander von Hoyos: Der Blankoscheck

Die österreichischen Diplomaten Alexander von Hoyos und Ladislaus von Szögyény sondieren in Potsdam und Berlin die deutsche Haltung

Foto: Michael Heyde, Lizenz: CC BY-SA 3.0
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Weltgeschichte wird in Wiener Kaffeehäusern gemacht. Der deutsche Publizist Victor Neumann hat Alexander von Hoyos, einen engen Mitarbeiter des österreichischen Außenministers Leopold von Berchtold, auf eine Tasse Melange eingeladen. Im Schutz des Konjunktivs (aber in der Sache unmissverständlich) hat er ihm zu verstehen gegeben, dass der deutsche Kaiser Wilhelm II. im Kriegsfall zu seinen Bündnispflichten stehen werde. Hoyos, der lieber heute als morgen in Serbien einmarschieren will, berichtet seinem Chef im Außenministerium die guten Neuigkeiten. Außenminister Graf Leopold von Berchtold ist skeptisch. Schließlich gibt es da ja noch den offiziellen deutschen Botschafter Heinrich von Tschirschky, der bei jeder Gelegenheit zur Mäßigung rät. Berchtold braucht Gewissheit. Deshalb schickt er Hoyos in geheimer Mission nach Berlin: Gemeinsam mit dem österreichisch-ungarischen Botschafter Ladislaus von Szögyény-Marich, der Wilhem II. gut kennt, soll er herausfinden, wie es nun tatsächlich um die deutsche Bündnistreue bestellt ist.

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Alexander von Hoyos  ist ein junger Wilder. 1876 geboren, reist er schon mit 24 Jahren für die Donaumonarchie um die Welt: Auf dem diplomatischen Parkett von Peking und Paris kennt er sich ebenso gut aus wie  in Belgrad und Berlin.  Noch besser ist er den höfischen Gepflogenheiten in Wien vertraut. Seit hunderten von Jahren sind die spanischstämmigen Hoyos' den Habsburgern treu verbunden. Für den aufstrebenden und brennend ehrgeizigen Kabinettschef Alexander von Hoyos ist es eine Genugtuung, dass er nach Berlin fahren und den über dreißig Jahre älteren Botschafter Szögyény (geboren) persönlich einnorden soll. Schließlch war es Hoyos, der vor sechs Jahren (in der Annexionskrise von 1908) schon einmal die deutsche Unterstützung gesichert: Szögyény, ein alter Hase, steht schon fast genauso lange kurz vor der Abberufung in den Ruhestand. Im Außenministerium will man den gemütlichen Veteranen längst loswerden. Aber noch hält  Kaiser Franz Joseph I. seinem langjährigen Weggefährten fest - schließlich war Szögyény ein enger Freund von Franz Josephs Sohn Rudolf, der sich das Leben genommen hatte. Und da es das Protokoll nun mal so vorsieht, muss der Botschafter bei Wilhelm II. vorsprechen.

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Damit nichts schief geht, hat Hoyos genaue Instruktionen für Szögyény und zwei Dokumente im Gepäck, die der Botschafter Wilhelm II. überreichen soll: Eine Denkschrift zum Pulverfass Balkan, die Serbien zum Brandstifter erklärt und ein Handschreiben von Kaiser Franz Joseph I. (den in Wahrheit Hoyos selbst für seinen Monarchen vorformuliert hat: Darin nimmt der Habsburger den Hohenzollern in die Pflicht: "Auch Du wirst nach den jüngsten furchtbaren Geschehnissen in Bosnien die Überzeugung haben, dass an eine Versöhnung des Gegensatzes, welcher Serbien von uns trennt, nicht mehr zu denken ist", schreibt Franz Joseph an Wilhelm, "und dass die erhaltende Friedenspolitik aller europäischen Monarchen bedroht sein wird, solange dieser Herd von verbrecherischer Agitation in Belgrad ungestraft fortlebt." Derart gewappnet spricht Szögyény im neuen Potsdamer Palais beim deutscher Kaiser vor. Aber Wilhelm II. gibt sich mit Blick auf, "ernste europäische Komplikationen" erst mal zögerlich.

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In dieser Situation hätte ein dienstjüngerer Diplomat wie Hoyos womöglich die Nerven verloren. Einen Routinier wie Szögyény bringt das nicht aus der Ruhe. Er bleibt zum Essen, plaudert über Belangloses und wagt erst beim Nachtisch - die Stimmung ist nach Aperif und zwei, drei Gläsern Wein weniger steif - einen weiteren Vorstoß. Diesesmal reagiert der Kaiser wie erwünscht: Zwar müsse sein Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg noch zustimmen, lässt Wilhelm II. seinen Gast wissen, aber er sei sich sicher, dass man die Österreicher nicht hängen lassen werde. "Sollte es sogar zu einem Krieg zwischen Oestereich-Ungarn und Russland kommen", telegrafiert der Szögyény nach Wien, "so könnten wir davon überzeugt sein, dass Deutschland in gewohnter Bündnistreue an unserer Seite stehen werde." Mehr noch: Wilhelm habe selbst angeregt, so bald wie möglich loszuschlagen. Schon am nächsten Tag segnet Bethmann Hollweg die offensive Einlassung seines Kaisers ab. Da ist der: der berühmte Blankoscheck. Deutschland hält den Österreichern den Rücken frei. Beglückt vom Erfolg seiner Mission reist Alexander von Hoyos zurück nach Wien. Zu spät erkennt er das "unermessliche Unheil", dass der Blankoscheck über Europa gebracht hat. Während Szögyény 1916 stirbt, muss Hoyos bis 1937 damit leben, dass sein berufliches Geschick  den Ausbruch des Ersten Weltkrieg maßgeblich begünstigt hat. 

Übrigens: Alexander von Hoyos ist ein Urgroßvater von Stefanie zu Guttenberg: Seine Tochter Melanie und Gottfried von Bismarck sind ihre Großeltern väterlicherseits.

Eulengezwitscher-Extra zur Julikrise weiterzwitschern: