Heinrich von Tschirschky: Der gemaßregelte Mahner

Der deutsche Botschafter Heinrich von Tschirschky zieht den allerhöchsten Zorn auf sich

Heinrich von Tschirschky hat genug gehört. Der deutsche Botschafter in Wien ist gut vernetzt. Seit Jahren kann er sich auf sein zuverlässiges Gespür für die Stimmung in der österreichischen Regierung verlassen. Nach dem Attentat von Sarajewo registriert Tschirschky die Wut und den Wunsch nach Vergeltung. Der ungarische Regierungschef István Tisza scheint jedenfalls der Einzige zu sein, der einen Balkankrieg verhindern will. Selbst Außenminister Graf Leopold von Berchtold hat sich ungewöhnlich kampfeslustig gezeigt. Genau das berichtet der besorgte Botschafter nach Berlin: "Hier höre ich, auch bei ernsten Leuten, vielfach den Wunsch, es müsse einmal gründlich mit den Serben abgerechnet werden", telegrafiert Tschirschky, "Man müsse den Serben zunächst eine Reihe von Forderungen stellen und, falls sie diese nicht akzeptierten, energisch vorgehen." Tschirschky will warnen, aber beim Deutschen Kaiser Wilhelm II. kommen die österreichischen Kriegspläne gut an: "jetzt oder nie" schreibt er an den Rand des Telegramms, während er es liest.

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Heinrich von Tschirschky und Bögendorff wird am 15. August 1858 in Dresden in eine Eisenbahnerfamilie geboren. Genauer gesagt ist sein Vater Generaldirektor der Königlich Sächischen Staatseisenbahnen. Dieses Elternhaus und die adelige Herkunft verhelfen Tschirschky zu einer steilen Diplomatenkarriere, die in in verschiedenen Funktionen nach Athen, Bern, Konstantinopel und Sankt Petersburg führt. Wilhelm II. kennt er von zahlreichen Auslandsreisen, auf denen er den Kaiser begleitet hat. Kurzzeitig bringt es Tschirschky sogar zum Staatssekretär des Äußeren (1906/1907). Kurzum: Heinreich von Tschirscky ist ein international erfahrener Spitzendiplomat, als er seinen Botschafterposten in Wien antritt. Auch in Sachen Deeskalation kennt er sich aus: In politischen Verhandlungen mit ehemaligen Kriegsgegnern (Dänemark 1864 und Frankreich 1870/71) war er auf Ausgleich bedacht und hat umsichtig agiert. 

Umso mehr muss sich Tschirschky wundern, dass der Kaiser nicht erfreut ist, als er den weiteren Bericht seines Botschafters liest. Tschirschky meldet, dass er sich auch den Österreichern gegenüber beschwichtigend einlässt, wannimmer die Wiener Verantwortlichung nach einer gewaltsamen Abrechnung mit den Serben verlangen: "Ich benutze jeden solchen Anlass, um ruhig, aber sehr nachdrücklich und ernst vor übereilten Schritten zu warnen." Wilhelm II. ist außer sich: "Wer hat ihn dazu ermächtigt?" schmiert er an den Rand, "das ist sehr dumm! Geht ihn gar nichts an, das es lediglich Österreichs Sache ist, was es hierauf zu thun gedenkt." Je länger er von Tschirschkys Mahnungen liest, wütender wird Wilhelm II.: "Nachher heißt es dann, wenn es schief geht, Deutschland hat nicht gewollt! Tschirschky soll den Unsinn gefälligst lassen!" Es ist nicht das einzige Mal, dass eine impulsive Gemütsregung des Kaisers das wohldurchdachte Geschick seines diplomatischen Chors unterläuft. Aber was Wilhelm zuletzt auf das Telegramm schmiert, ist wohl eine der verhängnisvollsten Randnotizen der Weltgeschichte, weil sie als Befehl verstanden wird - und nicht als eine der üblichen und eigentlich auch bekannten Launen. "Mit den Serben muß aufgeräumt werden", kritzelt der erregte Kaiser, der mit dem österreichischen Thronfolger in Sarajewo auch einen persönlichen Freund verloren hat.  "Mit den Serben muß aufgeräumt werden und zwar bald. Versteht sich alles von selbst und sind Binsenweisheiten."

Für die Österreicher sind das noch keine Binsenweisheiten, aber Außenminister Berchtold tüfelt bereits an einem Plan, die deutsche Haltung zur Julikrise ganz offiziell in Erfahrung zu bringen. Heinrich von Tschirschky wird übrigens nach dem kaiserlichen Rüffel bis zu seinem frühen Tod 1916 vehement auf eine militärische Lösung drängen. Echte Überzeugung sieht anders aus...

Eulengezwitscher-Extra zur Julikrise weiterzwitschern: