Franz Ferdinand: Das letzte Manöver

Österreich-Ungarns Thronfolger Franz Ferdinand inspiziert die kaiserlich-königlichen Truppen im annektierten Bosnien

Josef Vinzens Jahudka. Lizenziert unter Gemeinfrei
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Dem Thronfolger der Habsburgermonarchie gefällt, was er sieht. Sein Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf (rechts) hat ganze Arbeit geleistet. Durch den Fernstecher beobachtet Erzherzog Franz Ferdinand zufrieden, wie sich die Soldaten des 15. und 16. Korps der österreichisch-ungarischen Truppen unweit von Sarajewo für den Ernstfall wappnen. Erst im vergangenen Jahr hat der greise Kaiser Franz Joseph I. seinen Neffen zum Generalinspektor der gesamten bewaffneten Macht ernannt. Seither obliegt es Franz Ferdinand, die größeren Manöver im Vielvölkerreich abzunehmen. Zu diesem Zweck ist er auch nach Bosnien gereist, das seit über dreißig Jahren von Österreich verwaltet und 1908 endgültig annektiert worden ist. Für Franz Ferdinand und für Österreich wird es das letzte Manöver sein. Der Thronfolger hat nur noch einen Tag zu leben und mit seinem gewaltsamen Tod in Sarajewo wird ein diplomatisches Drama seinen Lauf nehmen, an dessen Ende die militärischen Übungen dem Ernstfall des Weltkriegs weichen müssen.

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Franz Ferdinand ist kein geborener Kronprinz. Er kommt 1863 als Nummer Drei der Thronfolge zur Welt. Sein Vater, Karl Ludwig, ist der Bruder von Kaiser Franz Joseph I. Dessen Nachfolge soll einmal der eigene Sohn Rudolf antreten. Aber wie es sich für einen Habsburger-Spross gehört, durchläuft auch der Kaiserneffe Franz Ferdinand eine standesgemäße Ausbildung in Sprachen, Religion und Militär. Noch mehr prägt ihn eine ausgedehnte Weltreise, bei der er fremde Völker und politische Systeme studiert. Das alles ändert wenig daran, dass er eine Stand-By-Karriere zu erwarten hat. Franz Ferdinand vertreibt sich die Zeit mit der Jagd. Da er viel Zeit hat, erlegt er viel Wild. In seinen Tagebüchern dokumentiert er über eine Viertelmillion Abschüsse. Das sorgt für einiges Kopfschütteln in der Bevölkerung und am Hof – selbst in einer Zeit, in der die Jagd ein klassisches Adelshobby ist. Dann aber schrecken fatalere Schüsse das Haus Habsburg auf: Kronprinz Rudolf erschießt seine Angebetete und nimmt sich anschließend das Leben. Franz Ferdinands Vater hegt keine Ambitionen auf den Thron und plötzlich ist er selbst der Neffe des Kaisers der Anwärter auf den Job des Herrschers.

In Wien ist man nicht begeistert. Weder der Hof noch die Bevölkerung hegen große Sympathien für den kommenden Kaiser. Franz Ferdinand steht im Ruf, ein humorfreier Grantler zu sein, der das gemütliche Habsburgerreich der Kaffeehäuser mit harter Hand führen und umkrempeln wird. In der Tat sammelt Franz Ferdinand nicht nur militärische Strategen um sich, die die verrostete Armee auf Vordermann bringen sollen. Auch Politikberater, die über den Tag hinaus denken, gehören zu seinem Team. Insbesondere die Ungarn sind argwöhnisch, weil der erzherzogliche Think Tank deren Sonderstellung im Vielvölkerreich hinterfragt. Im Schloss Belvedere schmiedet man Pläne (manche denken sogar an die Vereinigten Staaten von Großöstereich), in denen auch die Slawen besser integriert werden. Ein glühender Demokrat ist Franz Ferdinand jedoch keineswegs, ganz im Gegenteil: Er will mit modernen Mitteln (technisch wie administrativ) die schwächelnde Monarchie und das monarchische Prinzip stabilisieren.

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Das dynastische Reinheitsgebot in Sachen Ehe empfindet Franz Ferdinand dagegen als überkommenes Relikt des 19. Jahrhunderts. Die Frau an seiner Seite wählt er weder aus politischen Motiven, noch mit Rücksicht auf den Standesdünkel. Er liebt Sophie Chotek und nur deshalb heiratet er die tschechischen Landadelige (und ehemalige Hofdame) am 28. Juni 1900 (genau 14 Jahre vor dem Attentat von Sarajewo). Der Kaiser ist außer sich. Franz Joseph I. hat sein Amt von Gottes Gnaden immer mehr geachtet als seine persönlichen Bedürfnisse und Gefühle. Das erwartet er auch von seinem Nachfolger. Aber Franz Ferdinand, mag er dienstlich auch noch so ein harter Hund sein, ist privat ein ausnehmend liebevollerer und fürsorglicher Familienvater, dem sein Sopherl und seine drei Kinder Sophie, Maximilian und Ernst mehr bedeuten als der Staat. Wenn er die Türen seiner Privatgemächer hinter sich schließt, bleiben amtliche Sorgen draußen. Das  bestraft der Kaiser: Sophie wird oft vom Hofprotokoll gedemütigt, bei öffentlichen Auftritten ist sie nicht an der Seite ihres Mannes. Die gemeinsamen Kinder werden von der Thronfolge ausgeschlossen.

Lediglich auf Auslandsreisen kann sich das Paar auch als Paar geben. Deshalb freuen sich die beiden auch auf ihren Besuch in Sarajewo, der sich unmittelbar an die erfolgreichen Manöver anschließt. Am frühen Nachmittag des 27. Juni 1914 (heute vor 100 Jahren) schlendern Franz Ferdinand und Sophie gemütlich über den Markt des bosnischen Landeshauptstadt und freuen sich über den angenehmen Empfang vor Ort: "Wo immer wir waren", schreibt Sophie nach Hause, "haben uns alle, bis auf den letzten Serben, mit solcher Freundlichkeit, Höflichkeit und echter Wärme begrüßt." Nicht alle Serben meinen es gut mit dem Thronfolgerpaar. Der junge serbische Nationalist Gavrilo Princip ist den beiden unauffällig gefolgt. Während Franz Ferdinand zwischen Obst- und Gemüseständen Hände schüttelt, warten Princip und seine Mitstreiter schon darauf, ihn am nächsten Tag beim offiziellen Bad in der Menge erschießen zu können... Alles zum Attentäter gibt's morgen im zweiten Teil des Eulengezwitscher-Extras zur Juli-Krise...

Eulengezwitscher-Lesetipp: Alma Hannigs Franz Ferdinand-Biografie

Die Bonner Historikerin Alma Hannig hat eine angenehm ausgewogene Biografie über den Thronfolger vorgelegt. Ihr Augenmerk liegt weniger auf den privaten Eskapaden und den Franz-Ferdinand-Mythen, sondern mehr auf dessen politischer Laufbahn. Auch wer nur eine Kurzbiografie über Franz Ferdinand lesen möchte, wird in Hannigs Buch fündig, denn schickt einem anlytischen Teil zu konkreten Eigenschaften und Eigenarten, Politikfeldern und Positionen des Thronfolgers eine knappe Lebensgangbeschreibung voraus. Dass Alma Hannig aus der Wissenschaft kommt, merkt man ihrer Franz Ferdinand-Biografie nur in der Liebe zum Detail und in der gründlichen Recherche an - nicht aber im Schreibstil. Damit öffnet sie das Leben und Wirken des Thronfolgers einem breiteren Publikum.

Alma Hannig

Franz Ferdinand

Die Biografie

Erschienen bei Almathea Signum Verlag im Oktober 2013. 352 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 24,95 €.


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