Sonia Sotomayor: Ein biografischer Hürdenlauf ins Oberste Gericht

Die US-Richterin Sonia Sotomayor legt ihre Memoiren vor

Foto: Collection of the Supreme Court of the United States, Steve Petteway source
Foto: Collection of the Supreme Court of the United States, Steve Petteway source

Die Personalie Sonia Sotomayor ist in den USA ein Politikum. Als Präsident Barack Obama sie vor fünf Jahren für den Obersten Gerichtshof nominiert hat, hat das politische Washington die Stirn gerunzelt: Ist Sotomayor nur eine Quotenfrau, die mit ihren puertoricanischen Wurzeln auch noch die Latinos mitabdecken soll? Auf den politischen Trubel um sich geht Sotomayor kaum ein. Stattdessen erzählt sie von dem biografischen Hürdenlauf, der sie in den Supreme Court gebracht hat. Ein reíner Karrierebericht oder politische Abrechnungen würden ihrem Leben auch nicht gerecht werden. Sie hat alle biografischen Hürden als Herausforderungen angenommen und sich auf einen Lebensweg gemacht, der über schwierige Familienverhältnisse, gesundheitliche Schicksalsschläge und Einwanderer-Vorbehalte aus einem Hinterhof in der Bronx ins politische Washington führt. Heute feiert sie ihren 60. Geburtstag - Grund genug, einen Blick in ihre jüngst bei C.H. Beck erschienene Autobiografie "Meine geliebte Welt" werfen.

Sonia Sotomayor

Meine geliebte Welt

Erschienen bei C.H. Beck im Februar 2014. 349 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,95 €.


Sonia Sotomayor ist am 25. Juni 1954 in New York geboren. Ihre Eltern sind auf der unterschiedlichen Wegen, aber auf der gemeinsamen Suche nach einem besseren Leben aus Puerto Rico in die Bronx gekommen. Mit Sonia scheint es das Leben zuerst einmal nicht gut zu meinen: Weil der  Vater kaum Englisch spricht, redet man zuhause nur Spanisch.  Auch beruflich läuft es nicht rund für den Vater: Als seine Firma (eine Spielzeugfabrik) pleite macht, ist er auf Jobs angewiesen, die ihm alle Kraft rauben und er verfällt dem Alkohol. Die Mutter ist von der Heilsarmee zur Hilfsschwester ausgebildet worden. Sie flüchtet sich vor dem zugrundegehenden Vater in die Arbeit oder zu Freunden; aber sie bleibt bei ihrem Mann, bis der sich zu Tode gesoffen hat. Fast zeitgleich - Sonia ist acht Jahre alt - diagnostiziert man bei ihr Diabetes. Das ist den 1960er Jahren keine harmlose Angelegenheit, denn noch sind Insulinspritzen in der Heimapotheke nicht selbstverständlich:

Aber die Krankheit erzeugte in mir auch jene Art frühreifer Selbstständigkeit, wie sie nicht untypisch ist bei KIndern, die die Erwachsenen um sie herum als unverlässlich erleben.

Mit dem Tod des Vaters wird diese Selbstständigkeit überlebenswichtig, denn die Mutter zieht sich monatelang in ihre Trauer zurück und ist kaum ansprechbar. Erst als Sonia und ihr Bruder die Mutter vehement in die Pflicht nehmen, kommt sie wieder in die Pushen und krempelt ihr Leben um: Nun wird endlich Englisch gesprochen, was sich als Segen für die Integration der Kinder entpuppt. Denn jetzt versteht Sonia, was man in der Schule von ihr will. Mit fürsorglicher Unterstützung ihrer Lehrer lernt sie die akademische Bildung als Voraussetzung für sozialen Aufstieg schätzen. Neben dem Debattierklub setzt sie vor allem ihrer Geschichtslehrerin Miss Katz in ihrer Autobiografie ein Denkmal:

Ihre Forderung nach einer kritisch-analytischen Herangehensweise blieb abstrakt, wenngleich verlockend. Zwar schnitt ich nicht schlecht ab bei ihr, aber ich musste bis zum Studium warten, ehe mir so recht klar wurde, was sie gemeint hatte.

Auf dem Weg an die Uni wird ihr das Glück der Tüchtigen zuteil: Weil Amerika gerade mit seiner sozialen Diskriminierung aufräumt, schafft sie es im Zuge der genannten "Affirmative Action" nach Princeton und Yale. Das Mädchen aus der Bronx durchläuft eine Eliteausbildung zur Juristin, die ihr (nach einer längeren Station bei der New Yorker Staatsanwaltschaft) die Türen zu erfolgreichen Anwaltskanzleien öffnet (trotz einiger gescheiterter Bewerbungen). Das große Geld aber reizt Sonia Sotomayor nicht so sehr wie die großen Aufgaben: Deshalb nimmt sie als Partnerin bei Pavia & Harcourd ihren Abschied, um Richterin zu werden. Das ist ihr Lebensziel und sie verfolgt es um des verantwortungsvollen Amtes willen. Ihre Memoiren schreibt sie nicht als selbstverliebte Karrierejuristin. Ihr Anliegen ist es, den Prozess ihrer Selbstwerdung zu schildern, der sich bei ihr weniger im Job als in der Persönlickeit vollzieht. Ganz nebenbei entpuppt sich Sonia Sotomayor als passionierte Mutmacherin: Denn wer ihre Memoiren als Integrationsgeschichte lesen will, der darf sich auf trotz aller Widrigkeiten auf eine fröhliche Erfolgsstory freuen.

Fazit: Sonia Sotomayors Autobiografie "Meine liebte Welt" liest sich wie ein modernes amerikanisches Märchen mit tristem Beginn und offenem Happy End: Denn Sonia Sotomayor berichtet aus mehr aus ihrem Leben als aus ihrem Job: Für noch mehr spannende Gerichtsfälle aber kann man getrost auf die zahllosen Krimis in den Buchregalen verweisen - eine soziale Aufsteigerstory aus selbstreflektierter Perspektive ist dagegen selten. Sonia Sotomayor hat sie geschrieben und gezeigt, weil erfolgreich Integration sein kann, wenn alle Beteiligten an ihr interessiert sind.

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