Wolff Christian Fuss: Diagnose Fußball-Fieber

Wolff-Christoph Fuss (geb. 1976) erzählt aus seinem Reporteralltag

Foto: Nadine Rupp, Quelle: C. Bertelsmann

Das Warten hat ein Ende: Heute spielt Deutschland. Seit Wochen diskutieren wir Jogi Löws Truppe: Wer ist fit? Wer darf mit? Das Verletzungspech von Marco Reuss trifft das DFB-Team sicher hart. Aber auch über dem grünen Rasen müssen wir Deutschen einen echten Ausfall verkraften: Fußballreporter Wolff-Christoph Fuß arbeitet beim falschen Sender und wird daher keine Weltmeisterschaftsspiele kommentieren. Wer ihn vermisst (angesichts der Alternativen in den Kommentatorenkabinen dürften das nicht weniger Fußballverständige sein), kann die spielfreien Stunden nutzen und "Diese verückten 90 Minuten" lesen: So hat Wolff-Christoph Fuss sein erstes Buch genannt: Herausgekommen ist eine süffige Sammlung von Fußballerinnerungen mit einem Schüsschen Autobiografie. 

Wolff-Christoph Fuss

Diese verrückten 90 Minuten

Das Fuss-Ball-Buch

Erschienen bei C. Bertelsmann im März 2014. 288 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe 19,99 €.


Das Reden ist der Job eines Fußball-Reporters. Wolff-Christoph Fuss redet viel und gut - nur nicht über sich selbst.  Jedenfalls verliert er in seinem Fuss-Ball-Buch nur wenige Worte über seinen eigenen Werdegang in Hunderttausende von deutschen Wohnzimmern. Im Grunde beschränkt er sich darauf, die Frage zu beantworten, die er wohl am häufigsten hört: Wie wird man erfolgreicher Reporter? Wer mit einer schnellen Antwort zufrieden ist, der kann sie bei Fuss nachlesen: Es gibt keinen Königweg in die Reporterkabinen der Königsklasse. So nichtssagend diese Phrase ist, so eindrucksvoll ist die Art und Weise, in der sie Fuss erläutert - und genau darin liegt die eigentliche Antwort: Witzig, selbstironisch und mit einem sicheren Instikt für Dramatik und Pointen erzählt Wolff-Christoph Fuss seine Geschichte. Diese mitreißende Erzählgabe ist der Stoff, aus dem Reporter gemacht werden: Da ist es beinahe unwichtig, dass der 1976 geborene Fuss sein Studium abbricht, aus einem Praktikum eine freie Mitarbeit beim Deutschen Sportfernsehen (DSF) macht und zu unchristlichen Urzeiten lateinamerikanische Ligen kommentiert (nur mithilfe des Fernsehbilds). Locker und lässig, so scheint es, eignet sich Fuss in langen Fußballnächten die gleichermaßen abgeklärte und leidenschaftliche Routine an, mit der er später Champions League-Finals wie das Münchner Drama doaham kommentieren wird. Dabei ist seine praktische Ausbildung echte Kärrnerarbeit unter widrigen Bedingungen. Vom Casting weg erlebt und erzählt Fuss diese Zeit als reine Realsatire:

Es wurde ein Ritt auf der Kanonenkugel. In der Hauptrolle ein hyterisch jauchzender Jüngling, verzaubert vom Spiel und noch mehr von sich selbst, gefangen von der Atmosphäre des Fernsehbilds in einem kargen Ismaniger Tonstudio. [...] Ich wusste alles: Familienstand der Spieler, Berufe der Eltern, Stationen der Trainer, Wetter, Zuschauer, Stadionhistorie, alles, alles, alles. Ein zehnminütiges Feuerwerk der guten Laune, und alles musste sofort unter die Leute. Dann war Anpfiff...

Für den mittlerweile gefeierten Reporter sind diese Erinnerungen schmerzlich. Den Redakteuren allerdings gefällt sein Talent und der junge Heißsporn darf bleiben. In gewisserweise steigt er nun Liga für Liga auf, bis er schließlich als Livekommentator eingesetzt wird. Ab dann geht's im Fuss-Ball-Buch  konsequent um einzelne Spiele (etwa ab Seite 50). Der besondere Reiz für Fußball-Fans: Fast durchweg sind es Spiele, an die man sich wegen ihrer Bedeutung oder Dramatik ohnehin erinnert. Dadurch mischen sich eigene Erinnerungen an diese und jene verrückten 90 Minuten mit dem Anekdoten- und Hintergrundwissen des Reporters, der seine Leser mitnimmt in die Katakomben der großen europäischen Stadien und neben den eigentlichen Geschichten vom grünen Rasen die Herausforderungen rund um Liveübertragungen einfließen lässt. Das alles lässt vergangene Fußballspiele neu erstehen, man bangt mit den Bayern, man diskutiert mit Trainerlegenden, man hadert mit der Übertragungstechnik - kurzum: man lebt Fußball beim Lesen dieses Buches.

Fazit: Der Ball ist rund und das Buch dauert (gefühlte) 90 Minuten. Denn Wolff-Christoph schreibt, wie er kommentiert: Peppig (nicht nur über Guardiola), rasant und leidenschaftlich. Das sind schöne Leseminuten für Fußballfans.

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