Max Weber: Vater der Sozialwissenschaft

Zum 150. Geburtstag von Max Weber hat Jürgen Kaube eine Biografie über sein Leben zwischen den Epochen vorgelegt.

http://web.archive.org/web/20070312115641/http://www.staff.uni-marburg.de/~kaesler/max.html). Lizenziert unter Gemeinfrei
http://web.archive.org/web/20070312115641/http://www.staff.uni-marburg.de/~kaesler/max.html). Lizenziert unter Gemeinfrei

Max Weber ist eine epochenübergreifende Instanz der Sozialwissenschaften. Heute vor 150 Jahren ist er geboren worden. Nach wie vor zählen seine Analysen über die protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus, über Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zum soziologischen Standardrepertoire. Theoretische Figuren wie der Idealtypus und Überlegungen zur Objektivität sozialwissenschaftlicher Erkenntnis haben nach wie vor hohes Gewicht. Webers Werk ist monumental - und großteils posthum erschienen. Wer der Mensch hinter dem Vielschreiber war, das hat sich schon seine Frau Marianne gefragt: "Ist das ein wiedererstandener Recke aus den Wäldern Germaniens, dem eine unkriegerische Epoche statt des Speers die Feder in die Hand gedrückt hat?" Zum Geburtstag des Gesellschaftsforschers hat der FAZ-Feuilleton-Redakteur Jürgen Kaube eine Biografie vorgelegt, die spannende Einsichten in ein Leben zwischen den Epochen gewährt.

Jürgen Kaube

Max Weber

Ein Leben zwischen den Epochen

Erschienen  bei Rowohlt im Januar 2014. 496 Seiten kosten in der gebundenen Ausgabe ca. 26,95€.


Webers Leben ist kurz, er wird nur 56 Jahre alt. Dennoch ist die Zeit zwischen 1864 und 1920 von gesellschaftlich und politisch epochalen Veränderungen und Umstürzen geprägt. Erst erschüttern, dann zerschmettern sie das Fundament der bürgerlichen Gewissheiten, auf dem Webers Leben gründet:  Urbanisierung und industrielle Revolution, Gründung des Deutschen Kaiserreichs und Untergang der Monarchie, Kulturkrieg und Weltkrieg -  mit all' diesen Phänomenen wird sich Weber später wissenschaftlich auseinandersetzen. Auf seinem Weg zum Universialgelehrten hat er also keine Zeit zu verlieren. Sehr früh beginnt er, exzessiv zu lesen und es sind keine Kinder- oder Jugendbücher, die er verschlingt. Auf dem weihnachtlichen Gabentisch des Vierzehnjährigen stapeln sich wissenschaftliche Wälzer aller Disziplinen: darunter eine Griechische Geschichte, eine Abhandling über Cicercos Freunde und ein Klassiker über die Wanderung der Kulturpflanzen und Haustiere in Europa.  Jürgen Kaube versteht es glänzend, Webers vielseitigen Wissendrang zu veranschaulichen: Er nimmt sich die Zeit, die einzelnen Bücher vorzustellen, die der junge Weber gelesen und kommentiert hat. Kaube stellt Weber somit nicht nur als Spross aus gutem Hause vor, sondern öffnet gekonnt die Tore zu seinen geistigen Wurzeln und zeichnet ein lebendiges Bild der Zeiten, in der Weber aufwächst, wirkt und stirbt. Gekonnt verwebt Kaube den kulturhistorischen Hintergrund mit Webers biografischem und wissenschaftlichen Werdegang in einer fundierten und dichten, aber dennoch leicht lesbaren Erzählung. Dabei geizt er nicht mit (frühen) Urteilen: 

Max Weber ist der typische deutsche Gelehrte, was seinen Fleiß, seinen Stil und seine Fußnoten angeht - und ein "Wutbürger", stets geladen gegen seine Zeitgenossen, streitsüchtig, herrisch.

Vorurteile sind es indes nicht, die Kaube aufstellt oder auffrischt. Er wahrt die gebotene Distanz zu seinem Protagonisten. Das ist in Webers Fall beinahe eine eine Frage des Selbstschutzes, denn je länger sein Leben dauert  (und mit ihm das Buch), desto gefährlicher werden die Untiefen, die sich auftun. Kaube zeigt Weber in eigenen und fremden Zeugnissen als getriebenen, gereizten und (sexuell) gehemmten Mann, der zum Zeitpunkt seines Todes oder kurz danach völlig gescheitert scheint. Der Weg dahin ist voller Überraschungen, da Weber aus einer ideell wie materiell hervorragenden Position ins Leben startet und posthum als sakrosankter Gründervater der Sozialwissenschaften verehrt wird. Im Studium sind Mensuren ein fester Bestandteil in Webers täglichem Stundenplan. In der Studentenverbindung stellt er seine später berüchtigte Trinkfestigkeit unter Beweis. Der furiose Start ins Berufsleben - Weber wird mit nur 29 Jahren Professor wird für Nationalökonomie - entpuppt sich als glückliche Episode in einem zunehmend zerrütteten und von der Arbeit erdrücktem Leben: Webers eigene Ochserei gleicht der der ostelbischen Bauern, denen er in einer frühen Studie eine straffe, pflichtgemäße, das ganze Leben umspannende Anspannung der Arbeitskräfte attestiert. Daran zerbricht Weber. 

Zunächst mochte Weber seine eigene Nervosität, seine gehetzte und überarbeitete Existenz als bloße Teilhabe an einer  Zeiterscheinung vorgekommen sein. Denn  das Zeitalter selbst wurde damals als "nervös" charakterisiert, die Nervenschwäche und der Nervenzusammenbruch galten als "die Krankheit unserer Zeit". Gemeint waren Folgeerscheinungen der industrialisierten, urbanisierten und technischen Zivilisation, die zu Reizüberflutung, Termindruck, beschleunigter Kommunikation, Verzettelung im Alltag und "tierischer Arbeitsamkeit" (Robert Musil) geführt habe.

Ohne explizit darauf verweisen zu müssen gelingt es Jürgen Kaube immer wieder, aus Webers Lebensgeschichte und seinen Lebensumständen aktuelle Bezüge herzustellen. Passagen wie diese regen dazu an, in der Reflektion vergangener Epochen über die eigene Zeit nachzudenken. Die Globalisierung (und ihre Schattenseiten) sind für Kaube jedenfalls eine nur vermeintlich originäre Erfahrung der vergangenen beiden  Jahrzehnte. Für Max Weber beginnt nach dem Zusammenbruch eine neue Phase der Rastlosigkeit: Er zieht sich aus der Universität zurück und reist kreuz und quer durch Europa. Halt und Unterstützung bietet ihm seine Frau Marianne, die zu ihrem Mann hält, auch wenn rätselhafte Symptome (unter anderem unfreiwillige Samenergüsse) die Ärzte zusehends ratlos machen. Dabei führen die Webers eine Gefährtenehe, mit der sich komplizierte Beziehungen zu anderen Frauen verflechten (Marianne, Else und Minna kennen sich). Neben der einfühlsamen, aber nicht eindringlichen Auseinandersetzung mit Webers Privatleben kommt auch sein breites wissenschaftliches Werk in Kaubes Biografie nicht zu kurz. Er stellt es in einen wiederum überraschenden Zusammenhang zum Webers Leben:

Er stößt durch Forschung auf das, was ihn umtreibt, und erforscht nicht umgekehrt, was ihn innerlich beschäftigt.

So facettenreich ist die Zeit, in der Max Weber lebt und aus der er seine wissenschaftlichen Impulse empfängt, sosehr ist die Gesellschaft im Wandel, dass sein schriftstellerisches Schaffen in einer Fülle aus mehr oder weniger langen An- und Aufsätzen zu den verschiedensten Themenkomplexen  aufgeht. Außer der Disseration und der Habilitation legt Weber jedenfalls zu Lebzeiten kein Buch vor. Auch darin mag sich das Hin- und hergerissensein spiegeln, das Webers Leben kennzeichnet. Erst posthum wird das Opus Magnum "Wirtschaft und Gesellschaft" veröffentlicht, erst nach Webers Tod entfaltet sich die Wirkung seines Werkes. So hat beispielsweise der bedeutende Systemtheoretiker Talcott Parsons bei Weber in Heidelberg studiert, der wiederum zu den Lehrern von Niklas Luhmann und Richard Münch zählt. Insofern lässt sich zuspitzend festhalten, dass Weber in der Wissenschaft erfolgreich und im Leben gescheitert ist.

Jürgen Kaube hat mit seinem fundierten Buch über Max Webers Leben zwischen den Epochen selbst eine epochale Biografie vorgelegt: Der routinierte Feuilletonist lässt nicht nur den Menschen Max Weber neben sein Werk treten, sondern erinnert in moderner und geschliffener Sprache an eines der spannendsten Kapitel deutscher Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Das ist biografisches Edutainement auf höchstem Niveau.

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