Konrad Lorenz: Der Vater der Graugänse

Konrad Lorenz (1908-1989) war ein österreichischer Zoologe

Gerbil. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0
Gerbil. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0

Er war der Vater der Graugänse: Konrad Lorenz.  Als "Einstein der Tierseele" (DER SPIEGEL) revolutioniert er die Verhaltensforschung im Grau(gans)bereich zwischen Natur und Wissenschaft mit seiner Zoologie zum Anfassen: Wenn Konrad Lorenz fröhlich schnatternd den Gänsemarsch zum See anführt und mit seinen Küken planscht, ist die Begeisterung groß. Aber Lorenz kann auch anders: Als strammer Darwinist redet er guten Gewissens den Nationalsozialisten das Wort. Diesen Makel wird selbst der spätere Nobelpreisträger nicht mehr los.

Die Wissenschaft ist Konrad Lorenz in die Wiege gelegt. Sein Vater Adolf ist ein weltberühmter Orthopäde. Für seine neuartige (weil unblutige) Behandlung von angeborenen Hüftgelenksverrenkungen bekommt er beinahe selbst den Nobelpreis. Adolf Lorenz ist es auch, der seinem jüngsten Sohn von Anfang an klarmacht, dass nur der Stärkere überlebt. Als Konrads Mutter kurz vor der Geburt eine Embolie erleidet, befürchtet man das Schlimmste. Nur der Vater bleibt kühl: "Das Neugeborene muss imstande sein, das extrauterine Leben zu ertragen, oder es stirbt besser." Das dumpfe Gefühl, kein vollwertiges Kind zu sein, bleibt Konrad lange erhalten - obwohl er kerngesund ist. Auf dem Landsitz seines Vaters entdeckt er früh sein Interesse daran, Vögel, Fische und Insekten zu beobachten. Nach dem Abitur studiert er zuerst Medizin (für den Vater), dann wendet er sich der Vogelkunde zu (für sich). Seine akademischen Lehrer erkennen und fördern die immense Begabung von Konrad Lorenz - unter anderem mit einem Stipendium.

Mittlerweile hat Hitler die Herrschaft an sich gerissen. Den neuen Machthabern bleibt nicht verborgen, dass Lorenz bereits vor dem Anschluss Österreichs die Werbetrommel gerührt hat: "Schon lange vor dem Umbruch war es mir gelungen, sozialistischen Studenten die biologische Unmöglichkeit des Marxismus zu beweisen und sie zum Nationalsozialismus zu bekehren." Lorenz wird zu einem Paradeprofessor des Regimes  (in Königsberg). Wie sein Vater glaubt er an die natürliche Überlegenheit des Stärkeren. Zwar studiert er nach wie vor das Tierreich, aber auch mit der menschenverachtenden Rassenideologie hat er kein Problem:


"Das immer von neuem mögliche Auftreten von Menschen mit Ausfällen im arteigenen sozialen Verhalten bildet eine Schädigung für Volk und Rasse, die schwerer ist als die einer Durchmischung mit Fremdrassigen," schreibt Lorenz 1940, "denn diese ist wenigstens als solche erkennbar und nach einmaliger züchterischer Ausschaltung nicht weiter zu fürchten." Nach Kriegsende geraten sowohl Lorenz als auch seine Äußerungen zunächst in Vergessenheit. Aus ihr befreit sich der wort- und tatgewaltige Lorenz zuerst. 1949 gründet er im heimatlichen Altenberg sein "Institut für vergleichende Verhaltensforschung" und bringt sich mit einer Reihe von populärwissenschaftlichen Büchern wieder ins Gespräch.


Konrad Lorenz sucht die Öffentlichkeit und die öffentliche Anerkennung. Er erklärt nicht nur die Prägung, das Verhalten und das Empfinden von Graugänsen, sondern schreibt über die Beziehungen zwischen Menschen und Hunden, über das sogenannte Böse und über die Todsünden der zivilisierten Menschheit. In Radio- und Fernsehbeiträgen avanciert er zu Österreichs oberstem Naturlehrer, der auch gerne mal Anekdoten aus seinem  Leben erzählt: 

Foto: Max-Planck-Gesellschaft, Lizenz: CC-BY-SA-3.0-migrated
Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen

Der Medizin-Nobelpreis 1973 (gemeinsam mit Nikolaas Tinbergen) kommt nicht unerwartet, ist aber höchst willkommen. Aber genau in diesem Moment, der den Höhepunkt seiner Karriere markieren soll, erinnert man sich auch wieder der im NS-Jargon verfassten Schriften. Konrad Lorenz ist genervt, schiebt seine Formulierungen auf den Geist der Zeit und will ansonsten mit diesem Teil der eigenen Vergangenheit nichts mehr zu tun haben. Das sehen die Medien natürlich anders. Der niederländische Journalist Jules Huf provoziert Lorenz gezielt. "Es gibt doch kein minderwertiges Menschenmaterial." Darauf Lorenz: "Doch!" Huf setzt nach: "Ein Mensch ist doch niemals minderwertig." Der frischgekürte Nobelpreisträger: "Das würde ich leugnen." Zwar bezieht er sich mittlerweile auf ethische und soziale Minderwertigkeit, aber es bleibt dabei, dass Lorenz an bestimmte Überzeugungen nicht rührt. Allenfalls überdenkt er gewisse Formulierungen. Das muss die wissenschaftliche Gesamtleistung nicht schmälern, aber es bleibt ein Teil der Erinnerung an den Naturforscher, der heute vor 25 Jahren gestorben ist.

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